Doktorspiele mit Spucke

Manchmal ist das Leben so enorm, dass es auf der Stelle jegliche Erinnerung daran mitnimmt und verbrennt.

- Die Gräfin -

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Doktorspiele haben am meisten Spaß gemacht mit Spucke, erzählt sie. Micha lag immer unten und musste das T-Shirt hochziehen und den nackten Bauch präsentieren, während Frau Doktor, also sie, die kleine Gräfin, mit der Assistentin plauderte und dabei die Spucke in seinem Bauchnabel umrührte. “Sehen Sie mal hier..”

“Wahrscheinlich guck ich deswegen so gern Dr. House und so Arztserien.”

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Erinnerung ist ein Prozess der Tausendstel Sekunde. Für diesen winzigen Zeitraum gelingt es dem Gehirn, dich in die Jugendtage zurückzuversetzen, in die Kindheit, wohin auch immer. Alles, was auf diese Tausendstel Sekunde folgt, ist bloßer Anhang, ist bewusstes Erinnern. Dein Gehirn hat den Braten gerochen und enttarnt, du weisst wieder, wo du dich befindest, doch dieser kleine magische Moment zuvor hat es dir erlaubt, ganz und gar loszulassen, hinabzusteigen. Es ist die reine, unverwüstliche Zeitmaschine: Ein Fingerschnippen. Eine Erinnerung, die man tätscheln möchte wie einen treuen Hund. “Du musst immer bei mir bleiben.”

“Remember.. walking in the sands.. Remember.. the night was so exciting..” (The Shangri-Las, “Remember”)

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Ach was. Man muss nicht unendlich neugierig bleiben. Eine gesunde Portion Zumachen ist in Ordnung.

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Fortziehen aus der Heimat war nie ein Thema. Nicht in den Zeiten der den Globus befeuernden totalen Geschäftigkeit, nicht für einen, dem die Heimaterde mit dem Pürierstab zerkleinert eingetrichtert wurde, deklariert als Kraftnahrung für ewig. Aber nachdem ich die Bücher von Richard Brautigan, John Fante und Charles Bukowski entdeckt hatte, wünschte ich mir manchmal, ich wäre woanders geboren wurden. In Los Angeles vielleicht, oder in den weiten Wäldern von Montana, dann hätte ich dort bleiben können.

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Erstmaln Pöttchen Kaffee.

Kaffeefrau 2020, Susanne Eggert, 2010

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Die einfachsten Worte fallen mir manchmal nicht ein.

“Wie heisst das noch mal, wenn man zunehmend Probleme hat bei der Wortfindung?” frag ich die Gräfin, doch sie liest ungerührt weiter in ihrem neuen Buch.

“Verflucht! Wie heisst diese Krankheit noch mal?!!”

Sie blickt nicht mal auf.

“Psst.”

Das Buch, das sie liest, spielt in Lissabon, und später, beim gemeinsamen Mittagessen, erzählt sie von einer Urlaubsfahrt nach Portugal, zu Beginn der 80er Jahre. Sie war mit ihrer besten Freundin unterwegs und einem acht Jahre älteren Typ namens Hagemann, der auch so aussah: hager, lang, ein Kiffer vor dem Herrn. Sie mochte ihn nicht besonders. Er studierte Ethnologie.

“Du studierst Völkerkunde und kommst nicht mal mit klar!”

Er konnte es allerdings auch nicht mit ihr. Besonders ihre Vorliebe für Gianni Nannini ging ihm auf die Nerven.

“Solange diese italienische Krähe läuft, steige ich nicht mehr in diesen Wagen ein!” ereiferte er sich auf der Autobahnraststätte.

“Ich glaub, der meinte mich damals.”

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Eine Antwort to “Doktorspiele mit Spucke”

  1. MC Winkel Says:

    Gianni Nannini hatte immer eine ganz schöne Röhre, da konnten nicht einmal meine Jeans mithalten. Aber die war ja auch aus Italien.

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