ToyotaTiming

Wenn sich jemand erkundigt, ob ich den Führerschein habe, und ich antworte, nee, Führerschein hab ich nie gemacht, werde ich erstaunt gemustert: ob dem Kerl die Füße fehlen zum Einsteigen und Gasgeben? Der Rücken für den Schalensitz?

“Na, der Lagerfeld hat auch keinen Führerschein”, folgt meist zur Aufmunterung, als gäbe es zwar ein Recht auf Leben ohne Führerschein, aber doch nur on top of the list. Ab Rang 2 abwärts ist die Fahrerlaubnis für den Mann unerläßlich, und ich schätze, genau das war auch der Grund, warum es mir eine Weile so zusetzte, wenn das Gespräch auf den fehlenden Lappen kam.

So im Unterbewusstsein zusetzte, versteht sich. Obenrum gab ich mich, was das Thema anging, eher karg und cool, doch in meinen Träumen ging es hoch her. Verfolgungsjagden auf überfüllten Highways, (“Was macht der Irre denn da..??! DER DREHT!!”), und stets mussten Polizeisperren durchbrochen werden, aufgestellt, um Raser ohne Fahrerlaubnis aufzuspüren. Es endete mit brennenden Wracks, Starsky & Hutch, Drogenhunden und der bestürzenden Erkenntnis beim Aufwachen:

DU HAST KEINEN FÜHRERSCHEIN! DU NICHT!

Aber natürlich hatten mir meine Eltern zum 18. Geburtstag Geld für die Fahrschule geschenkt, und fünf oder sechs Mal saß ich tatsächlich neben dem Fahrlehrer mit der drolligen Minipli-Frisur und lenkte einen Lehrwagen um ausgewählte Ecken.

Autofahren an sich war ja nicht übel. Aus der Kurve fliegen, durchdrehende Räder, paar Schlenker, paar Schleichwege einbauen, cruisen und busseln, alles in Ordnung. Was störte waren die vielen anderen Penner, die zur gleichen Zeit unterwegs waren. Der öffentliche Verkehr war mir von Anfang an suspekt. Mir fehlte das Gespür für die Menge. Die Masse. Ich wollte nach Hause.

Ein riesiges Privatgelände vielleicht, groß wie Weissrussland, darin eine einzige ellenlange Fernstraße und ich im Fifty-Seven Chevy, Screaming Guitar, das wäre mein Ding gewesen, aber dafür brauchte es keinen Führerschein, bloß Weissrussland als Privatsache.

Stattdessen fand ich mich inmitten Zehntausender Automobile wieder, denen man auf zugeparkten lärmenden Wegen auf den Millimeter genau ausweichen musste, dabei immer auf der Hut und das Fahrzeug locker in der Spur haltend – nee, ohne mich, das stand mal fest.

Seit dieser Zeit sind Autofahrer für mich unterschätzte Könige der Gegenwart, Oberhäuptlinge, die mir mit ihrer Motorik weit voraus sind, Teufelskerle. Jeden Einzelnen von Euch bewundere ich für seine Teilnahme am Gegenverkehr, und, mehr noch, für Fahrten auf der Autobahn. Jede Autobahnauffahrt ist nichts anderes als das Fließband zum Schlachthaus, und wir begeben uns als überreife dicke Hähnchen freiwillig darauf, in dünnen Mäntelchen aus Blech.

Meiner Meinung nach sollte jede in vollzähligen (oder nahezu vollzähligen) Körperteilen erreichte Zielankunft am Ende einer Autobahnfahrt mit dem Hissen der Überlebensflagge gefeiert und in großen goldenen Büchern festgehalten werden. Jawohl und Yes:  Selbst die kleinste Fahrt um die Ecke zum Getränkehandel verdient Beifall auf offener Szene.

Wahnsinn, so was.

Seltsamerweise wird Autofahren gerade von Autofahrern ganz selbstverständlich hingenommen, aber eines Tages, wenn die letzten schrumpfenden Benzinpopulationen dafür sorgen, dass ihr den Wagen stehen lassen müsst, werdet ihr verstehen.

Dieses Timing.

                                 Fotografie: Sportwagen 2, Glumm, 2002

*

500beine zeigen 9 Monate

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7 Gedanken zu “ToyotaTiming

  1. an morbidität nicht zu toppen
    den schlauch rein zum tanken
    gewisse überlandfahrten mit sehnsucht und einem ziel ergeben schon Staus
    das unterwegssein erfordert aber auch Schläue
    mein damaliger fahrlehrer brachte mich aud de tipp..-
    :der hat doch en knötchen im Sträusschen” er meinte Fahrer mit hut ,hingerm steuer.
    ich selbst war ja ein strassenraudi und hatte die wahl
    später konnte ich gut darauf verzichten
    mein fahrrad reichte völlig
    aangenommen ich würde genug geld besitzen würde ich mir ein wohnmobil leisten ,nicht zum gas geben,versteht sich.

  2. Hahaha. Weißrussland. Ich kann nicht mehr. Mir geht’s mit dem Autofahren genauso. Deshalb hab’ ich meinen Lappen zwar, tu’ mich der Welt mit meinem ADHS aber nicht an. Ich finde, das macht mich zur Wohltäterin.

  3. Ich benutze meinen Lappen seit 20 Jahren nicht mehr, brauch man in Berlin auch nicht, da kommt ich mit dem Fahrrad schneller voran. Und als Beifahrerin – einfach grauenhaft, ich fühle mich da total ausgeliefert.

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