“Ich glaub, du bist bereit für den Winterschlaf”, las die Gräfin aus meinem Kaffeesatz, in dem ein dicker Braunbär kauerte. Betrachtete man ihn aus einem anderen Winkel, sah das richtig gemütlich aus, wie der Bär in der Ecke des Trinkbechers hockte, als hätte er die Ruhe weg, den Bauch voller Honig. Dabei war erst Anfang Oktober. Donnerstag. Zu früh für Winterschlaf.
Es war nicht mal richtig Herbst. Man sah Schulkinder an der Ampel, die braungebrannten Cabriofahrern frech ins Auto husteten, man sah Penner mit vom Sommer zerschossenen Gesichtern, die im Unterhemd weiterfeierten, unverdrossen, und man sah den Hund, mich und die Gräfin warme Luft schnappen. Seit unserem Besäufnis trug sie Seitenscheitel. Das war neu. Das war nicht gewollt.
“Das nervt”, sagte sie.
Das war aber nicht alles. Eine lange lockige Haarsträhne fiel ihr ins Gesicht und bedeckte das linke Auge.
“Das nervt! Mach das weg.”
“Sieht doch gut aus”, parierte ich. “Pariser Chic. Existentialistisch.”
“Pah, Pariser Chic.. Das nervt.”
Indem sie den Kopf ein Mal kräftig schüttelte und in den Nacken warf, beförderte sie die lange Strähne zurück zum Ausgangspunkt auf ihrem Haupt. Dort blieb sie liegen, harrte aus wie eine Fliegerstaffel, die auf ihren nächsten Einsatz wartete, und schon beim nächsten Windstoß sollte es soweit sein: Die Strähne flog eine scharfe S-Kurve, zurück aufs Auge.
“Dieses.. Gelockse!” schimpfte sie.
Als Pico hatte ich ja selbst den Kopf voller blonder Löckchen gehabt, und meine Schwester und meine Kusine machten sich einen Spaß daraus, mich stundenlang zu verkleiden und zu schmücken. Sie konnten nicht genug davon kriegen. Sie nannten mich Afrika Goldhans und beschmierten meinen Mund mit Lippenstift, sie flochten von Weihnachten übriggebliebenes Lametta pfundweise in mein Haar und machten sich vor Vergnügen in die Hose. Sie kreischten, und ich hatte keine Chance. Ich war zwei Jahre alt.
Als ich siebzehn war, konnte man mich auf hundert Meter Entfernung von hinten erkennen, an meiner wilden Naturkrause. Ich sah aus wie ein weißer Little Richard. Ein wilder Prediger, voll der Afro.
Und heute?
“Herr Geheimrat, wo sind die Locken geblieben?” entrüsten sich alte Bekannte, die mich länger nicht gesehen haben, oder: “Och! Dein Haar ist aber kurz geworden!” Als wär ich es selbst gewesen, der meine Mähne geplättet hat, aus lauter Lust am Plätten. Aber es stimmt ja. Aus der wallenden Flut ist gemäßigter Wellengang geworden, das Haar plätschert dunkelblond über den Schädel, und das schlimme: Geheimratsecken fressen sich voran wie Parkplätze in den brasilianischen Urwald. Ein unhaltbarer Zustand. (Ich spiele mit dem Gedanken, amerikanische Umweltaktivisten zu engagieren, die sich an die letzten verbliebenen Riesen ketten und keinem noch so global operierenden Alterungsprozess weichen. Echte Rebellen.)
“Also, ich finde das sexy”, meinte die Gräfin. “Das ist so verletzlich.”
“Was ist sexy?”
“Geheimratsecken.”
“Sexy?! Du findest Geheimratsecken sexy?”
“Na, sexy nicht wirklich. Aber verletzlich. Und Verletzlichkeit finde ich sexy, so herum ist es richtig. Ausserdem, ich weiß gar nicht, was du hast. Geheimratsecken sind doch männlich.”
Erst sexy, dann nicht wirklich sexy, oder doch nur mit Einschränkung, also ich weiss nicht. Früher lagen die Dinge einfacher. Ich hatte eine dicke Matte, ich war jung, die Mädels liefen mir nach. Das war besser. Da war ich mein eigenes Naturvolk. Das hätte so bleiben können. Da hatte doch keiner was gegen. Wer hat das eigentlich geändert. Wer ist dafür zuständig. Wem kann ich dafür das Büro abfackeln, wo kann ich Dienstaufsichtsbeschwerde einlegen. Schon klar, schon klar, nirgendwo. Wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen, ist Stille im Stall. Da hebt keiner die Hand und brüllt Hier! Ich! Ich! Ich!
Schon das Wort Geheimratsecken. Wie erniedrigend. Würdelos, und wie altbacken.
“Ach, das sind doch gar keine richtigen Geheimratsecken bei dir. Die kommen erst noch..”
“Na, toll. Sehr beruhigend, dass alles noch schlimmer wird.. Weisst du noch früher. Da war ich mein..”
“.. eigenes Naturvolk, ja, ja, ja, ich weiß..”
Sie dachte nach. Ich konnte zusehen, wie sie nachdachte.
“Am Arsch hast du doch noch ein paar Locken”, sagte sie schliesslich, “lass sie dir einfach auf den Schädel transplantieren, wenn das so wichtig ist, und gut ist.”
“Nee, das wäre ja ne Art Minipli. Und mit Minipli erkennt man keinen von hinten, nicht auf hundert Metern. Das macht keinen Sinn. Little Richard hatte auch kein gekräuseltes Arschhaar auf der Glatze, als er älter wurde.”
“Hm.. auch wieder wahr. Na, dann lass es halt, wie es ist, mein Gott.”
Ihre Hände waren kalt und steckten tief in den Manteltaschen, eine Folge des Besäufnisses. Was heißt Besäufnis. Wenn hier steht, die Gräfin trug Seitenscheitel seit dem letzten Besäufnis, so bedeutet das nur, dass wir am Abend zuvor beim Italiener etwas Bier und Wein und zwei Grappa gekillt hatten. Besoffen also nicht mal im Ansatz waren. Und dennoch war da ein kleiner Kater am folgenden Tag, der herumschlich und uns auf die Nerven ging mit seinem Geschnurre; fatal, die Rache der zehntausend Tage Pulver, Pillen, Portwein.
“Das nervt! Mach das weg!” rief ich.
Der Hund führte uns tiefer hinein ins Schutzgebiet. In die Ruhezone. Wo die blaue Flagge draussen war, wo der Herbst erste Geräusche vorausschickte, das Knispeln von zu Boden fallendem Laub, das Klackern der Kastanien. Da, wo der Wald noch grün und dicht und intakt war, empfing er uns mit einer Brise Vogelfutter, als betrete man eine gebläsewarme Tierhandlung.
“Piuh – piuh!” machte der Bussard, aus Köln gekommen vermutlich, kleiner Ausflug, Städtereise, ein Kundschafter. Er nutzte den aufkommenden Wind, um wie ein Funkenmariechen durch den Wald zu turnen, von Ast zu Ast, ein lecker Mädche. Und dieser Schlamm, überall. Schlamm. Besonders, wenn man auf rücksichtslos rutschigen Schuhen unterwegs war, wie auf total weichen Büttenreden, hatte man nichts zu lachen. Da musste man durch.
Am Apfelbaum legten wir Pause ein. Schüttelten uns einen Apfel runter und erzählten uns gegenseitig Dinge aus der Kindheit, und sie fing an.
“Es gab immer was zu essen hinterm Haus, als wir klein waren. Wenn wir Hunger hatten, zogen wir uns einfach ne Möhre aus der Erde. Oder wir pflückten uns Kirschen und Pflaumen vom Baum, oder Mirabellen.. Mirabellen! Was hab ich mir den Bauch vollgeschlagen mit Mirabellen!”
“Unser Eiermann war ein verlogenes Schwein”, erzählte ich. “Ist ja eigentlich eine schöne Sache, wenn man die Hühnereier vorbeigebracht kriegt. Aber der Eiermann war verlogen. Die meisten Eiermänner sind verlogen.”
“Wieso das denn?”
“Na, Moment. Unser Eiermann trug immr so alte Bauernsachen, so Trachten, als käme er direkt vom Feld, und als wären die Eier von freilaufenden Hühnern. Das stimmte aber hinten und vorne nicht. Irgendwann kam heraus, dass er bloß die zwei oder drei Hühner draussen vor der Scheune hatte, die eine Art Showgackern vorführten. Er kaufte die Eier billig beim Großhändler und gab sie als frisch vom Bauernhof aus. Unser Eiermann hatte immer so ein schmieriges Lächeln drauf, das war alles gelogen. Eiermänner sind verlogene Schweine.”
Plötzlich verspürte ich einen mächtigen Jieper auf was salziges, das kam vom Nachdurst. Eine salzige Partymischung mit Fischlis drin, mitten im Wald. Tief im Forst.
“Wo sind die eigentlich geblieben? Gibt’s die noch? Fischlis?”
“Du redest nur Scheisse heute”, stöhnte die Gräfin.
Keine Minute drauf war sie plötzlich verschwunden. Weg war sie, irgendwas anderes machen, auf eigene Rechnung, und da sich Frau Moll schon die ganze Zeit auf eigene Nase durchs Unterholz grub, stand ich plötzlich alleine da. Ich zog das Notizbuch hervor und machte ein paar Notizen, von Fischlis und so Eiermännern.
Im Wald wurde man wenigstens nicht blöd angeglotzt, wenn man sich eine Notiz machte. Wenn ich in der Stadt das Notizbuch hervorholte, kam ich mir schon wie ein Denunziant vor, der Falschparker aufschreibt. Entgegenkommende Wagen fuhren langsamer, gingen richtig in die Eisen, obwohl ich doch nur einen Gedanken notierte, damit er mir nicht durch die Lappen ging. Oder drei Sätze hintereinander, wenn sie schon mal da waren.
“Das liegt an deinem kurzen Haar und der dunklen kanadischen Platzwartjacke, dass dich Autofahrer für ne Politesse halten. Für einen vom Ordnungsamt. Einen Zivilbullen.”
“Na schöne Scheisse, aber hier im Schutzgebiet, ich meine, so ein Reh, wenn mich das mit dem Notizbuch in der Hand bemerkt, was soll das schon gross denken? Oh, der Förster schreibt hinkende Hirsche auf?”
Endlich hatte der Tag seinen Höhepunkt erreicht. Überschritten, berücksichtigte sie mich. Berichtigte sie mich. Ich war müde, kam durcheinander mit den Worten, den Zeichen, dem Schlamm überall, den Kundschaftern. Besser, wir drehten um und schlenderten nach Hause, wie drei schöne Sätze vom Sperrmüll, die noch was taugen. Pure Dummheit, so was wegzuwerfen.
3 Sätze nebeneinander.
Schlagwörter: Deutschland, Geschichte, Geschichten, Kurzgeschichten, Literatur, Schreiben

7. Oktober 2011 um 21:06 |
Herr Glumm. Sie sind grossartig.