Pöbel!

Zeitschriften und Magazine wurden einst erfunden, um dem Pöbel das Gefühl zu geben, er habe Anteil an der großen weiten Welt und ihren Zigaretten und Hollywoodabenteuern. Nun ist das Internet zum gigantischen Magazin herangewachsen und der Pöbel hat nichts besseres zu tun, als daran mitzuschreiben, während die ehemaligen Redakteure fassungslos daneben stehen und sich fragen: warum zum Teufel hab ich eigentlich schreiben gelernt?! Der Pöbel lebt in goldenen Zeiten seit dem Aufstieg des Webs.

Bin ich froh, dass ich der Pöbel bin.

*
Ihre Plattensammlung umfasste vielleicht hundertfünfzig Alben und einige wenige Singles. In den Platten und CD’s einer Frau zu stöbern, die man gerade kennenlernt, heisst immer auch etwas über ihre Vergangenheit zu erfahren, ohne dass man groß hinhören muss. Eine Plattensammlung ist die Abkürzung ins Herz einer Frau, und sie hat sie auch noch selbst angelegt.

Die Singles, die sie besaß, waren keine Extended Versions irgendwelcher Euro Dance Tracks von Bowie oder den Eurythmics, sondern echte 45er-Singles aus den 70er Jahren, darunter Too big (Honey, I never lose!) von Suzie Quatro (was mir mächtig imponierte, da die Nummer nicht gerade das war, was man von Suzie Quatro zu haben pflegte, im Gegensatz zu 48 Crash, aber die hatte sie auch), und David Dundas Monster aus dem Jahre 1976, Jeans On.

Jeans On war toll”, erzählte sie. “Morgens die Platte auflegen, in die Jeans steigen und durchs Kinderzimmer hüpfen und tanzen, da ging nichts drüber. Irgendwie schien immer die Sonne, wenn Jeans On lief, und unten im Hof wartete der Freund auf dem Moped und drehte schon mal ne Runde, aber ich war noch nicht so weit, ich wartete oben auf das chk-chk! von dem Sänger, da war ich total heiss drauf, wenn sein chk-chk! kam, rastete ich aus. Also, cool. Ich rastete cool aus. Ich war dreizehn, glaub ich.”

Selten war die simple Botschaft eines Songs, nämlich dass das Tragen einer bestimmten Hose glücklich und jung macht, so perfekt in Pop gegossen worden wie bei diesem One Hit Wonder. (Ursprünglich handelte es sich um ein Werbe-Jingle für Brutus Jeans.) Vom ersten Takt an hatte man eine frisch gewaschene Blue Jeans zur Hand, nach Weichspüler duftend und so knalleng, dass man nur mit dem Schuhlöffel reinkam. Doch wenn die Hose einmal saß, verursachte der Hintern tatsächlich dieses knackige Geräusch, ähnlich dem chk-chk! von David Dundas, mit dem er die frohe Botschaft, I pull my Blue Jeans on, unterstrich.

Wobei lange Zeit unklar blieb, was eigentlich mit Upper Jeans gemeint war, denn das war es, was ich verstand: I pull my blue jeans on, I pull my upper Jeans on. (Erst jetzt bei der Recherche lese ich, was er gesungen hat, nämlich I pull my blue jeans on, I pull my old blue jeans on!) Als Teenager wunderte ich mich nur, dass die Penner in England Jeans für drunter und drüber kannten. Na, war auch egal, wir sangen ständig irgendwelche Textfetzen mit, die nicht die Bohne stimmten, das taten wir andauernd, wen kümmerte das schon, solange nur das chk-chk! zur rechten Zeit einsetzte und die Sonne rauskam.

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Eine Antwort zu „Pöbel!“

  1. kurt sagt:

    und immer ,immer wirder geht die sonne auf..

Klappe auf

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