Jetzt kommt das Auge, Glumm!

Der Anblick von Blut setzte mir zu, im Zusammenhang mit Verletzungen und Operationen erst recht. Dass ich dennoch freiwillig einen Großteil meiner Zivildienstzeit als Springer im OP verbrachte, lag allein daran, dass es der einzige Zivi-Job im Marienkrankenhaus Kaiserswerth war, bei dem man das Wochenende regelmäßig frei hatte. Ausserdem gab es eine kleine Zulage, weil niemand den Job machen wollte. Als ich mich probeweise für den Dienst im OP entschied, war dort schon über ein halbes Jahr kein Zivi mehr aufgelaufen. Dementsprechend skeptisch wurde ich empfangen. Und tatsächlich, es war ein harter Job. Besonders für jemanden, für den das heftigste bislang ein Pieks in den Zeigefinger gewesen war, um den Blutzuckergehalt zu bestimmen. Aber ich hielt durch. Ich blieb im OP und wischte den Chirurgen ihren verdammten Schweiss von der Stirn, ich war einfach zu scharf auf das freie Wochenende. Das konnte ich mir unmöglich durch die Lappen gehen lassen.

Nach einem Jahr geregelter Fünf-Tage-Woche im OP hatte ich mich an den Gestank von aufgefrästen Knochen und spritzendem Blutbrei gewöhnt. (Blut ist kein Saft, Blut ist ein sämiger, von weisslichen Fasern und Gewebefetzen durchtränkter zähflüssiger Brei, der jeden Abfluss sofort verstopft). Doch sobald Feierabend war und ich im Fernsehen zufällig auf eine unblutige kleine Knie-Punktion stiess, schaute ich schnell weg. Es war widersinnig und nicht zu erklären. Da stand ich im OP-Saal vor weit geöffneten blubbernden Körpern, in die ich jederzeit hätte reingreifen können, doch wovor ekelte ich mich? Vor einer kleinen Augen-Operation mit Fremdkörperlöffel im Fernsehen.

Keine Ahnung, warum. Wer kann es mir sagen. Niemand.

Meine Aufgabe als Springer bestand zum größten Teil darin, von Saal zu Saal zu springen und den Herren Chirurgen die große OP-Leuchte richtig einzustellen. Bei schwierigen Eingriffen musste das Licht immer wieder in neue Positionen gebracht werden, und da sich mit jeder Bewegung das Lichtfeld veränderte, musste ständig nachjustiert und fokussiert werden. Das klingt einfacher, als es ist. Besonders am Anfang schaffte ich es oft nicht, die um die Lampe herumlaufende Reling so zu handhaben und zu steuern, dass das Licht auf den Punkt gebündelt ankam, etwa wenn eine kaputte Hüftpfanne von einem Implantat ersetzt werden musste, eine Milimeterarbeit. Der Chef-Chirurg wetzte schon ungeduldig das Besteck in der Hand und konnte doch nicht fortfahren, solange ich den Krisenherd nicht exakt ausleuchtete, die versammelten OP-Schwestern beobachteten mich missmutig, und während ich noch mit der Lampe im Clinch war, begannen alle Umstehenden unterm warmen Halogenlicht in ihre Kopfhaube zu ölen.

Die Augen waren das spannendste im OP-Saal. Von Kopfhaube und Mundschutz verdeckt war von den Gesichtern der Menschen kaum mehr zu erkennen. Auch wenn man die Kollegen mit der Zeit am Körperbau erkennen konnte, man orientierte sich eher an der Augenpartie. Die Beschränkung auf den schmalen Schlitz machte die Blicke spannend und interessanter, als sie waren, und mehr als einmal passierte es mir, dass ich mich während einer ereignislosen Meniskus-OP kurzfristig in den Blick einer OP-Schwester verknallte. Nicht in einen konfrontierenden offenen Blick, eher in einen verlorenen kleinen Seitenblick, in den Nebenaspekt einer Situation, etwa wenn die Schwester schon gedankenverloren nach dem Knochenzement griff, obwohl der Chef ihn erst Minuten später anfordern würde.

Dann war da Igor, Anästhesist aus Bulgarien, der gerne mal verkatert zum Dienst erschien. Ein Mann, groß wie ein Hochhaus und mit solch wuchtigen Händen, er hätte den Tunnelbau unter Tage in ganz Osteuropa alleine vorantreiben können. Wenn es bei einer Operation hoch herging und das Blut gleich literweise abgesaugt wurde, machte er oft Kniepäugelchen, um dem Moment die skandalöse Schwere zu nehmen, dass es hier um Leben und Tod ging, und wir mussten beide lachen. Einmal summte er der Oberschwester “Es gibt kein Blut auf Hawaii” ins Ohr, ich stand daneben. Womit die Wahrheit bewiesen wäre.

Ein anderes Mal verliess er mitten in der OP seinen Platz am Kopfende des Tisches und kam zu mir in die zweite Reihe.

“Spürst du auch diesen stampfenden Hammer?” erkundigte er sich leise.

“Nö”, sagte ich.

“Verdammt. Dann ist das in mir.”

Die Krönung der Zeit im OP war mein letzter Tag. Nach einer aufwändigen Bein-Amputation, es war mir freigestellt worden, dabei zu assistieren, schleppte ich das noch warme Bein einer Frau, eingewickelt in pastellgrünem Krepp-Papier, über die Flure des Krankenhauses ins Krematorium. Das Bein zitterte in meinen Händen, es zitterte nach. Ein Bild, das mich lange mitgenommen hat, bis in meine Träume hinein. Immerzu sah ich mich mit einem Bein, das niemanden mehr gehörte, durchs Spital irren.

Das schlimmste Bild aber, das mich bis heute verfolgt, stammt aus dem Andalusischen Hund von Luis Bunuel und Salvador Dali. Der Film lief Ende der 70er Jahre regelmäßig im von Filmfreaks betreuten Programm des Metropol-Kinos, und immer wieder gelang es Karlos und Schnaat, mich in die Nachmittagsvorstellung zu lotsen.

Sobald ich Platz genommen hatte, schloss ich die Augen. Ich fürchtete den Prolog, in dem die berühmte Rasierklinge im Bild auftaucht und eine menschliche Pupille aufschneidet. Weil Karlos und Schnaat genau wussten, wie sehr die Szene mich fertig machte, warnten sie mich die halbe Zeit, HE! DIE WERBUNG IST ZU ENDE, JETZT KOMMT DAS AUGE, GLUMM! JETZT! Als der Film endlich begann, war ich nicht nur abgestumpft von den dauernden Warnungen, jetzt warnte mich plötzlich niemand mehr und die Rasierklinge erschien im Bild und ich bekam eines Zipfel des Wahnsinns zu fassen, bevor ich weggucken konnte. Ich meine, was gibt es schlimmeres für ein menschliches Auge, als dabei zuzusehen, wie ein anderes menschliches Auge seziert wird. Was würde ich dafür geben, diese verfluchte Großaufnahme nie gesehen zu haben.

*

bringt Müller:

..

Man wundert sich ja, wie oft der Name eines Menschen zu seinem Wesen passt.

“Woher Eltern das wissen? Na, schau mal, Andreas”, meint die Gräfin. “Eine Mutter hat neun Monate Zeit, um zu erfühlen, was da für ein Früchtchen in ihrem Bauch heranwächst. Da ist es doch nur logisch, dass sie den richtigen Namen wählt.”

..

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6 Antworten zu „Jetzt kommt das Auge, Glumm!“

  1. MC Winkel sagt:

    Dann google bloß niemals 2girls1cup, 500.
    Echt, tu’ das nicht, auf gar keinen Fall!

  2. Rico sagt:

    Es ist nur ein Kuhauge, Glumm, ein Kuhauge.

  3. kurt sagt:

    beinhart..

  4. kurt sagt:

    du solltest dir mal .
    die waden vertreten um zu saufen..
    immumms.

  5. kurt sagt:

    oder schön ein durchziehn..

    selbstgemachten ..

    der Hanf im Glpück..gestrüpp..hihi

    auf alle heckenpenner des unitals
    bunkerme!!.

  6. glumm sagt:

    @ Rico:

    wenn du das sagst.. spielt aber eigentlich keine Rolle. entscheidend ist, was man glaubt, was man sieht.

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