Die siebte Nacht

Doctor, doctor, can you feel my pain?

Doctor said: Shit man, not you again

(Kevin Ayers)

*

Der Job als Nachtportier diktierte den Rhythmus. Auf sieben Tage Nachtdienst folgten sieben freie Tage, auf eine Woche Tristesse eine Woche Heidewitzka und Wam Bam thank you Ma’m. Doch auch noch so viel Heidewitzka und Wam Bam thank you Ma’m konnten nicht die Erschöpfung aufwiegen, die fünf Jahre Nachtdienst hinterlassen hatten, es ging alles zu sehr auf die Knochen. Besonders übel waren die dritte und die vierte Nacht, die Nächte mittendrin, wenn der Tunnel einfach kein Ende nehmen wollte und allein das verfluchte Pulver mich aufrecht hielt.

In der Nachtdienstwoche war ein Tag wie der andere. Gegen acht aßen wir in der Küche zu Abend, der Hund unterm Tisch. Ich hatte ein bißchen geschlafen, von neun bis zwei vielleicht, danach im Bett gelümmelt oder eine Runde mit dem Hund gegangen.

Meine düstere Laune änderte sich erst, wenn sich beim Essen schlagartig diese Assoziationskette aufbaute. Wo ich es schon vor mir sah, wie ich auf dem Weg ins Hotel kurz bei Kilian reinschneite, um mich mit Pulver für die Nacht einzudecken. Was im Schnitt an drei von sieben Nächten vorkam und wovon die Gräfin so wenig wie möglich mitkriegen sollte. Heroin war ihre Rivalin. Natürlich wusste sie, dass ich mich mit dem Teufel eingelassen hatte, doch der wahre Umfang blieb ihr (noch) verborgen.

Allein die Aussicht, ein Stündchen später bei Kilian Pulver zu kaufen und mir ein Näschen zu ziehen, holte mich beim Essen von einer Sekunde auf die andere aus meiner Grauwacke und lockerte mich. Ich machte einen Gag, ich lachte blöde auf. In Wirklichkeit konnte ich es kaum erwarten, dass der Uhrzeiger auf halb zehn vorrückte und ich endlich losstiefeln durfte Richtung Hotel bzw. Richtung Kilian. Kilian, der Dealer, der zwar Muffen vor den Rauschgiftbullen hatte, andererseits aber gern Kaufladen spielte, Kaufladen mit Heroin.

Was folgte, waren nicht die schlimmsten Nächte. Die schlimmsten Nächte waren die Entzugsnächte. Wenn mir gar nichts mehr anderes übrigblieb, als clean zu bleiben. Wenn sich beim Abendessen jäh eine Assoziationskette aufbäumte, ich sie aber sofort niederdrückte, damit sich ja nichts entwickelte. Wo ich mir das Pulver versagen musste, um nicht auch noch körperlich abhängig zu werden. Seelisch war ich bereits auf dem Weg.

Um zehn vor zehn erreichte ich das Haus, in dem Kilian unterm Dach wohnte, über der Pizzeria. Meist stand ein Taxi vor der Tür.  Kilians dickster Kumpel fuhr Taxi und legte um diese Zeit eine Pause ein, um bei Kilian ein Blech zu rauchen. Es waren nette Jungs, die sich da zum Heroinrauchen trafen, echte Sunnyboys, die stets die neuesten und am weitesten fliegenden Frisbees im Programm hatten und an denen jede Schwiegermutter ihren Spaß gehabt hätte, wäre da nicht die Sache mit dem Pulver gewesen. Dieses Ich und mein Pack, das wir alle spielten, als gebe es kein Morgen.

Es herrschte eine freundliche, geschäftsmäßige Atmosphäre. Ich liebte den leicht nussigen Geruch, der von Kilians Dachgeschoßbude ausging und einem schon am Hauseingang in die Nase stieg, weil ich ihn automatisch mit Heroin verband. Es war fünf vor Zehn. Ich hatte es eilig. Kilian wickelte meine Bestellung ab, und schon war ich wieder weg. Oft war ich dermaßen heiss auf die Schore, dass ich mir eine Nase zog, sobald ich das Turm-Hotel betreten hatte. Eine Nase im Treppenhaus, immer mit der Angst im Genick, dass eine der schweren Zwischentüren aufschnackte und der Hausmeister mit großen Augen mich musterte. Oder der Hausinspektor.

Erst dann stieg ich in den Aufzug und fuhr in den elften Stock, zur Rezeption.

Die siebte Nacht dagegen, die war anders. Die siebte Nacht hatte mit den vorhergehenden sechs Chaos-Nächten wenig gemein, sie stand ausserhalb von Ebbe und Flut. Die siebte Nacht war grundsätzlich eine Nacht von Sonntag auf Montag und selbst wenn ich beim Gang durch die abendliche City um kurz vor Zehn Festbeleuchtung bei Kilian unterm Dach beobachten konnte, sparte ich mir den Sprung zu ihm und meisterte die letzte Nacht der Nachtdienstwoche ohne Pulver.

Die siebte, die letzte Nacht war jedes Mal die beginnende Befreiung von Finsternis und Schlaflosigkeit, es war der Schritt aus dem Dickicht in die offene Savanne. Aus dem Affe wurde ein Mensch. Endlich wieder eine Nacht durchschlafen, endlich am Tresen stehen und saufen, endlich in der Früh mit der Gräfin aufwachen und den Hund ins Bett holen.

Wie ich schon sagte: Der Rhythmus wollte es, dass die siebte Nacht die Nacht von Sonntag auf Montag war, und damit der umsatzschwächste Wochentag im Hotel. Nicht selten verzeichnete die Zimmerliste bei der Übergabe um 22 Uhr lediglich sieben Gäste: Fünf Chinesen auf Montage sowie ein deutsches Pärchen, das mal ordentlich GV haben wollte, wie mir der Chef zu verstehen gab, den Daumen ordinär zwischen Zeige-und Mittelfinger geschoben und Kniepäugelchen gemacht.

Laut Meldevordruck für Beherbergungsstätten handelte es sich bei dem Pärchen um Kati Kösau aus Erfurt, plus Begleitung. Einem Araber, wie der Chef anmerkte und wieder den Daumen bewegte. Ficki ficki. Das Pärchen logierte in Zimmer 16, stracks an der Rezeption vorbei, den Gang runter, letzte Tür rechts, Eckzimmer. Die fünf Chinesen dagegen waren schon seit Jahresanfang im Haus und wohnten oben im 14. Stock. Intern nannten wir sie nur unsere 5 Wanderarbeiter. Jeden Morgen Punkt fünf stand der Mob in der Hotelküche, schnatterte wild durcheinander und holte die fünf vorbestellten Thermoskannen Milch ab. Kochend heiße Milch, wehe nicht, dann schnatterte der Chinamann so lange beleidigt weiter bis sie von alleine zu kochen begann.

“Herr Glumm, vergessen Sie nicht die Milch für die Chinesen”, murmelte der Chef, als ich ihn vom Spätdienst ablöste. Zur Einstimmung gähnte ich laut und vernehmlich. Die Nacht von Sonntag auf Montag war zwar die entspannteste, aber auch die mit Abstand langweiligste auf dem ganzen Planeten. Es rief kein Kumpel an oder guckte auf einen Sprung rein, ein Näschen auf der Tasche. Auch gab es im Gegensatz zu anderen Nächten kaum Laufkundschaft, die ein Doppelbett für eine Nacht und eine billige Pulle Schampus suchte.

Ich schlüpfte in die Birkenstocksandalen vom Chef und schlappte in den Frühstücksraum, um einen Blick über die nächtliche Innenstadt zu werfen. Manchmal stand Kilian gegenüber in seiner Dachgeschossbude am Fenster und gab Zeichen mit der Taschenlampe, die ich nicht verstand, oder ich schlappte einfach mal den Flur runter, auf der Suche nach etwas Abwechslung.

Am Ende des Gangs, Zimmer 16, blieb ich stehen, horchte. Eine Männerstimme, undeutlich, dann eine Frauenstimme, schon deutlicher: Kati Kösau aus Erfurt. “Wie, einen Hund?” fragte sie, während im Hintergrund Badewasser einlief. “Ja, ein Hund, ein ganz aktiver Bursche ist das”, antwortete der Araber ohne jeglichen Akzent, “der ist den ganzen Winter steif.” Die Beiden schäkerten ausgelassen, dann Genuschel, ein undeutliches Hin und her, dann wieder er: “Ja, wieso? Ist doch logisch, dass ich schwimmen will, wenn ich schon mal im Fünf-Sterne-Haus absteige.”

Das Badewasser wurde abgestellt, Schritte näherten sich. Ich wich hastig einen Schritt zurück und hob die Hand, den Mittelfinger gekrümmt, so als ob ich gerade anklopfen wollte, doch die Schritte nahmen eine andere Richtung, zurück ins Bad. Sie planschten. Gekicher waberte unter der Türritze her, vermischte sich mit dem Duft von hoteleigener Seife.

Zwischendurch schlich ich zur Rezeption zurück. Der Bäcker rief stets gegen ein Uhr an, um die Brötchenbestellung entgegenzunehmen. Kaum hatte ich aufgelegt, klingelte das Telefon, diemal war der dicke Hansen dran. Ob ich Lust hätte, am Dienstag ein Konzert von Link Wray zu besuchen. Link Wray? Die Gitarrenlegende spielte in Köln. “Link Wray, toller Name”, sagte ich, “aber ich hab zu tun.”

Zurück zu Zimmer 16. Das Badewasser lief schon ab und gluckerte im Abfluss, als ich das Ohr an der Tür rieb. “..aber nicht lachen, ja? Dann geht’s nämlich nicht!” kiekste Kati Kösau. Es machte KLACK, ein Lichtschalter wurde angeknipst, und wieder fuhr mir ein Riesenschreck in die Knochen. Wäre in diesem Moment die Zimmertür aufgeflogen, aus welchem Grund auch immer, wie hätte ich dagestanden, mit langem Ohr und in den Schlappen vom Chef? Ich wurde mir selbst peinlich und zog mich zurück ins Büro. Da passierte wenigstens nichts. Da wurde ich bezahlt fürs Abhängen und Aufpassen auf gar nichts. Ein Schneesturm kam auf und umtoste den elften Stock, schickte eine Ladung Eisregen vorbei, der gegen die Panoramafenster klimperte wie ein Bündel verirrter Silvesterraketen.

Fünf Stunden noch, und die Nacht war um.

Fünf Minuten später. In der Hocke, vor Zimmer 16, starrte ich durchs Schlüsselloch, aber die Schlüssellöcher waren blickdicht, ss gab nichts zu sehen. Dann fiel ein Satz, den ich schon mal irgendwo gehört hatte, im selben Wortlaut. Der Satz fiel, als Kati Kösau ihrem Galan im Bad einen Pickel ausdrücken wollte, wenn ich das richtig verstand.

“Laß den Scheiß”, knurrte er, “der fällt doch von ganz allein ab.”

Drei Minuten später. Sie: “Ist das ein Wind hier.” Noch eine Minute später. “Mustafa, pass auf.” Die Stimme von Kati Kösau bekam plötzlich einen barschen Ton. “Da musst du aufpassen, echt, Mustafa. Der braucht doch nur hier reinzumarschieren und schon kann er dich problemlos vierundzwanzig Stunden lang festhalten!”

24 Stunden festhalten? Das waren neue Töne. Was war da los? Geräusche waren da los. Raschelnde Geräusche, die entstehen, wenn Leute sich ankleiden. Sie schienen sich ausgehfein zu machen. Mittendrin der nächste Stimmungswechsel.

“Mustafa, sag: Wo wichst du?”

“Was?! Wie bist du denn drauf?” antwortete Mustafa dunkel, aber freundlich.

“Ach, komm, Mustafa! Sag, wo wichst du am liebsten?!”

“Wie bist du denn drauf. Na, wo wohl. Im Bett natürlich.”

“Aha. Im Bett. Und wo sonst noch? Auf der Autobahn? Beim Fahren? Wichst du beim Fahren auf der Autobahn, Mustafa? Gib’s zu. Das macht dir Laune. Abspritzen auf der A 46!” (Mustafa lachte.) “Oder vorm Spiegel? Im Stehen? Bestimmt! Ja? Mustafa wichst vorm Spiegel im Stehen! Ahahaa!”

Plötzlich eilige Schritte in Richtung Zimmertür. Ich, auf Schlappen, spurtstark den Gang runter, ins Büro, wo ich wie blöde am Fernsehapparat rumfummelte, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Die beiden Hübschen latschten an der Rezeption vorüber, ohne mir einen Seitenblick zu widmen. Ich hatte Herzklopfen. Ich hatte sie belauscht. Ich wusste Wortlaut.

Die Frau, in kurzer Lederjacke und Jeans, war eine kleine emsige Person mit blonden Haaren, Föhnfrisur. Mustafa, öliges Haar, pechschwarz, okay aussehend.

“Steckst du den Schlüssel ein?” fragte sie ihn.

Dann waren sie im Aufzug verschwunden. Der Wind pfiff vorm Fenster, mit einer kleinen Eisrakete.

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