Mein eigenes Naturvolk

Ich war drei Jahre alt, ich hatte einen Riesenstapel blonder Locken auf dem Kopf und strahlte wie ein Englein. Und dann war da noch die fatale Angewohnheit, still zu halten und alles mit mir geschehen zu lassen, sobald nur meine große Schwester in der Nähe war. Mutter hatte sie und meine Kusine als Babysitter engagiert, und die beiden betrachteten mich als ihre persönliche kleine Schaufensterpuppe, die sie nach Lust und Laune verkleideten und schmückten. Sie gaben nicht mal Ruhe, wenn das von Weihnachten übriggebliebene Lametta in mein Haar eingeflochten und mein Gesicht kriegsbemalt war, erst das stachlige Halsband von Struppi, der kleinen Dreckstöle der Nachbarin, machte die Sache rund. (Sie wussten gar nicht, dass sie damit den Punk-Look erfanden, lange vorm CBGB’s.) Sie schickten mich in immer seltsameren Anziehsachen auf den Catwalk, der durch den Flur bis zum WC und zurück führte. Einmal pappten sie mir einen ausrangierten Gipsarm ans Bein und liessen mich zu Downtown von Petula Clark den Flur entlang hoppeln, wie ein deppertes Häschen, das die eigene Batterie leergesoffen hatte. Ich war jedes Mal heilfroh, wenn das Babysitten vorüber war.

In der Pubertät sah die Sache anders aus. Die Locken wurde so lang und frech, dass man mich von hinten auf hundert Metern Entfernung erkennen konnte. Ich sah aus wie der junge Little Richard in weiß, ein Prediger der Naturkrause in den Strassen der Klingenstadt. Und heute? Was ist übriggeblieben von der Pracht?

“Herr Geheimrat! Wo ist dein Afro?!” entrüsten sich Leute, die mich länger nicht gesehen haben. Oder: “Och nö! Deine Frisur ist aber kurz geworden!” Als hätte ich meine XXL-Locken selbst gerodet, aus lauter Lust am Plattmachen. Aber es ist schon wahr. Aus der wallenden Little Richard-Mähne ist gemäßigter Wellengang geworden, es plätschert über den Schädel, und das ärgste: Geheimratsecken fressen sich voran wie Parkplätze in den Urwald. Ein unhaltbarer Zustand. Ich spiele mit dem Gedanken, mich aus Protest an die letzten verbliebenen Riesen zu ketten und (fast) zu Tode zu hungern.

“Also, ich finde das sexy”, sagt die Gräfin, als wir nach dem Baden nebeneinander vorm Spiegel stehen. “Das ist so verletzlich.”

“Sexy?! Du findest Geheimratsecken sexy?”

“Na, sexy nicht wirklich. Aber verletzlich. Verletzlichkeit finde ich sexy. So herum ist es richtig. Ausserdem, ich weiß gar nicht, was du willst. Geheimratsecken sind doch männlich.”

Erst sexy, dann nicht wirklich sexy, oder doch nur mit Einschränkung, also, ich weiss nicht. Früher lagen die Dinge anders. Einfacher. Ich hatte eine schöne Matte, die Mädels liefen mir hinterher, das war besser. Da war ich mein eigenes Naturvolk. Ich war am deutschen Amazonas, der Wupper, zuhause und schlug mich mit zwei Macheten durch den Tag, meinen  krummen Beinen. Das hätte ruhig so bleiben können. Wer hat das eigentlich angeordnet, dass das nicht mehr so ist? Schon das Wort Geheimratsecke. Wie erniedrigend. Wie würdelos und altbacken.

“Ach, das sind doch gar keine richtigen Geheimratsecken. Die kommen erst noch..”, tröstet sie mich, “in einigen Jahren.”

“Na, toll! Weisst du noch früher? Da war ich ..”

“.. dein eigenes Naturvolk, ja, ja, ich weiß..”

Sie denkt nach. Das kann sie gut. Ich nicht so. Ich tu nur so, als hätte ich was gedacht und schreibe es dann auf. Das wirkt. Gelegentlich.

“Mach doch ne Schönheits-OP”, schlägt sie vor.

“Schönheits-OP? Ich..?”

“Ja sicher. Am Hintern hast du doch Löckchen, rund um die Poperze, die lässt du dir einfach auf den Schädel transplantieren. Warum machst du das nicht?”

“Nee, die sind zu klein, die Löckchen, wie Minipli. Damit erkennt mich doch keiner auf hundert Metern von hinten, das macht keinen Sinn. Oder hatte Little Richard etwa gekräuseltes Arschhaar unter der Mütze?”

“Na, dann lass es halt, wie es ist, mein Gott.”

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Version 2006 A. Glumm

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bringt Honey, I never lose!

3 Gedanken zu “Mein eigenes Naturvolk

  1. Du weinerliche Heulsuse,
    bei dir sind doch noch drei mal soviel Haare auf der Murmel, wie beim Durchschnitt – du kleines Sensibelchen. Andere wären froh die Hälfte zu haben. Und dann auch noch Locken – nur 7,7 Prozent haben Locken (der Männer)

  2. Das kommt halt mit dem Alter. Aber die Haare fallen nicht aus, in Wirklichkeit ziehen die sich nur in den Kopf zurück und wachsen später wieder bei den Ohren raus.

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