Weihnachtsfeier

Die Weihnachtsfeier fiel flach, keiner hatte Lust auf einen Abend beim Italiener oder Griechen, stattdessen gingen wir mittags eine Runde Kegeln. Wir, das waren die sechs Mitarbeiter unseres kleinen ambitionierten Design-Instituts, drei Männer und drei Frauen.

Als wir die Bahn betraten, im Keller eines jugoslawischen Restaurants an der Stadtgrenze zu Haan, fühlte ich mich einen Moment, als wäre die Zeit stehen geblieben. Die gleichen schlammfarbenen Schiebetüren, der gleiche Nippes und Klimbim in den blinden Vitrinen wie auf der Kegelbahn im Vereinsheim des RSV, wo ich in den 70er Jahren Fußball gespielt hatte.

“Was darf ich zu trinken bringen?”

Der dicke Wirt, gleichzeitig auch Koch der Spelunke, ein bißchen schmuddelig, ein bißchen unhöflich, “mir sind Stammgäste lieber”, sprach sein abweisender Blick, trocknete seine Hände an der Schürze ab. Während die Kollegen schon bestellten, keiner trank Alkohol, schwankte ich noch zwischen Cola und einem Kaffee. Prinzipiell tendierte ich zum Kaffee, erinnerte mich aber dunkel an die vorgekochte Filterbrühe, die im Vereinslokal des RSV aus versteckten Thermoskannen ausgeschenkt wurde, im Bedarfsfall. Sicherheitshalber erkundigte ich mich also beim Wirt, welchen Kaffee er ausschenke, deutschen oder auch italienischen.

Der Stift in seiner Hand zappelte unwirsch hin und her, wie ein Kasperle.

“Ich hab Capuccino da, ich hab Latte Macchiato da..”, er schnappte nach Luft, “ich hab Cafe Latte, ich hab Espresso, ich hab..”

Das wollte ich alles gar nicht alles wissen. Ich hatte bloß Schiss vor deutschem Filterkaffee.

“Na schön, ich nehm italienischen Kaffee”, sagte ich, “aber ohne so cremigen Schaum obendrauf.”

“Ohne cremigen Schaum?”

Nicht nur der Wirt schien verblüfft, auch unser Geschäftsführer, ein sportlicher, eher verbindlicher Typ, der keinen Zwist mochte, mischte sich ein.

“Italienischer Kaffee hat doch immer Schaum obenauf.”

“Aber nicht bei uns zuhause”, sagte ich. “Wenn ich Espresso koche, dann pechschwarz. Ohne Cremehütchen. Den muss man zur Not auch rauchen können. Das muss mehr eine Zigarre sein, der Espresso.”

“Espresso, gut.”  Der Wirt war wieder im Spiel. “Ich kann Ihnen einen Espresso bringen, und wenn Sie mögen,” sein Mund spöttelte ein wenig, “auch einen zweifachen, einen dreifachen.. Und nach dem Essen eine schöne Zigarre.”

“Schön”, sagte ich. “Aber ohne Schaum.”

“Wie ohne Schaum!?”

Das Gesicht des Geschäftsführers, er saß mir schräg gegenüber, verzog sich gefährlich, und damit ich nicht wie ein Angeber dastand, der nur Blödsinn verzapfte, ging ich ins Detail.

“Also, wir kochen unseren Espresso in silbernen Edelstahl-Kännchen, die man einfach auf die Herdplatte stellt. Sie wissen schon, der Design-Klassiker aus Italien.”

“Ach so”, meinte der Geschäftsführer besänftigt, “von Bialetti, in der eckigen facettenreichen Linie..”

“Genau. Moka.”

“Aber haben die nicht auch Schaum obenauf, wenn der Espresso darin aufkocht?”

“Nee, eben nicht”, antwortete ich genervt. Ich wollte eigentlich nur keinen Filterkaffee trinken, das konnte doch nicht so schwer sein. Der Wirt stand immer noch am Tisch, mit Stift und Block in der Hand, bis unser Maschinenbauer, ein hellwacher Kollege mit ordentlicher Plauze, der zum 31. 12. gekündigt hatte, die Situation klärte.

“Wissen Sie was? Bringen Sie dem Mann hier den Kaffee so, wie er ihn zuhause trinkt!” klopfte er mir auf die Schulter.

“Danke”, sagte ich erschöpft.

Ich bekam einen dreifachen Espresso, und der schmeckte sogar richtig gut.

Dann wurde gekegelt. Wir spielten Fuchsjagd, wir spielten Tag & Nacht, dann In die Vollen und zum Abschluß Abräumen. Dunja, unsere junge diplomierte Designerin, eine große und sehr schlanke Person, die ein Projekt für einen großen deutschen Waschmittelhersteller abgeschlossen und dem Institut ordentlich Geld in die Kassen gespült hatte, rief jedes Mal fröhlich KACKSTUHL!, wenn jemand fünf Kegel umwarf und das Bild, das auf der Anzeigetafel aufleuchtete, einem Klositz ähnelte.

Maggy, unsere Praktikantin, eine eher unscheinbare Person, fiel auch beim Kegeln nicht weiter auf. Sie war halt anwesend. Sie war da. Als der Wirt die nächste Runde Getränke brachte und die Essensbestellung aufnahm, entschied sie sich für ein Schnitzel Jutta. Ihre Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau endete zum 31. Dezember. Das Schnitzel Jutta war mit Ananas.

Ich saß zwischen unserem hellwachen Maschinenbauer, einem Diplom-Ingenieur, und der Lurz, der Sekretärin, die zum 2. Januar eine neue Stelle antrat. Da sie nicht nur eine große Klappe hatte, sondern auch eine chronische Entzündung der Sehnen, kegelte sie aus beiden Händen. Sie nahm Anlauf und ließ die Kugel einfach auf den Boden plumpsen. Sie hoffte, das sie schon irgendwie ins Rollen kam. Es sah ein bißchen so aus, als würde sie im Stehen gebären. Das klappte ganz gut, es polterte ordentlich, und die Kugel lief gemütlich übers Holz.

Genau wie ich hatte der Geschäftsführer die Turnschuhe vergessen, aber im Gegensatz zu mir lief er nun nicht die ganze Zeit auf Strümpfen herum, (das Kegeln in Straßenschuhen war streng untersagt), sondern schlüpfte jedes Mal aus seinen edlen Lederslippern, wenn er an der Reihe war. Dann nahm er auf Strümpfen Anlauf wie ein Volleyballer für einen Schmetterball, stoppte kurz vor der Bahn ab und setzte die Kugel schwungvoll in die Gosse. Auf diese Weise brachte er es auf sage und schreibe acht Pudel hintereinander. Er lernte einfach nicht hinzu, bekam aber rote Bäckchen und gewann somit wieder ein wenig Mitgefühl.

“Und kess sieht’s auch aus!” rief die Lurz schadenfroh.

Der Maschinenbauer, links neben mir, war eine halbe Stunde vor den anderen Kollegen gekommen, um sich einzuwerfen. Trotz seines stattlichen Bauches war er gelenkig und ehrgeizig, der typische deutsche Amateur-Meister. Er wollte stets gewinnen. Dagegen war nichts einzuwenden, das ging in Ordnung. Und was mich betraf, Bibliothekar des Design-Instituts, so endete mein dritter Jahresvertrag nacheinander zum 30. Januar. Wir waren ein Team auf Abruf. Eigentlich gingen fast alle, oder mussten gehen, bis auf den Geschäftsführer und Dunja, die hochgewachsene Designerin.

“HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!” feuerte sie mich an, als ich das Abräumen mit dem letzten Wurf für mich entscheiden konnte. Sie wollte mich damit nervös machen, damit ich einen Pudel landete, was im Kollegenkreis so gut ankam, dass sich spontan ein Betriebs-Chor bildete.

“HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!” donnerte es über die gut isolierte Holzbahn, “HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN! HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!”, und als der schmuddelige dicke Wirt das Essen hereinbrachte und mitbekam, wer mit Loser gemeint war, schlug sein Stift im Takt gegen die Tischkante.

Selbst ich sang eine Strophe mit und warf eine verdammte 4, worauf ich das Abräumen tatsächlich auf den letzten Drücker noch verlor, was aber niemand mitkriegte, da nun die Speisen aufgetragen wurden. Ich war nicht sonderlich hungrig und begnügte mich mit einer hausgemachten Gulaschsuppe. Glücklicherweise, da hausgemacht in diesem speziellen Spelunken-Fall bedeutete, dass die Gulaschsuppe aus der hauseigenen Chemiekanone stammte. Das Fleisch schmeckte verdächtig nach Brom, und ich legte bald den Löffel nieder.

Die Kollegen hatten mehr Pech. Vor ihnen standen stattliche Portionen auf dem Tisch, die abgearbeitet werden wollten, Schnitzel Jutta und Entenbrust und sonst noch allerhand, doch während der gesamten Mahlzeit vernahm ich kein einziges mmiam, nicht mal ein leise bekräftigendes “lecker..”  oder wenigstens ein Grunzen, nichts. Selbst Sekretärin Lurz, die den Jugo an der Stadtgrenze zu Haan immerhin empfohlen hatte, (Motiv: die sagenhaft leckeren selbstgemachten Kroketten, meisterlich geradezu), schob ihren Teller schweigend von sich weg, bis er fast über den Tischrand gerutscht wäre.

“Vielleicht ist das so.. mild gewürzt, damit man sich nicht aufregt beim Essen”, vermutete der Geschäftsführer jovial.

Dunja, die lustlos in ihrem vegetarischen Lady-Teller mit verschiedenen Gemüsen herumstocherte, hatte als Erste die Nase voll.

“Also, was das hier Schönes sein soll..”, sagte sie und hob mit der Gabel ein undefinierbares lappiges Etwas in die Höhe, “..weiß ich beim besten Willen nicht. Und der Spinat hier..”, sie zog die Augenbraue hoch, “..ist aufgewärmt und viel zu bitter.” Einzig die Erbsen und Möhrchen fanden ihre Gnade, “aber die sind aus der Dose. Da kann man ja nichts falsch machen.”

Dunja war es auch, die mir gegen Ende der Veranstaltung einen Bierdeckel herüber schob, damit ich den Spruch des Tages in meine nächste Story einarbeiten konnte.

“Herr Glumm”, stand da in Schönschrift, “soll der Looser sein.”

 

 

“Loser mit zwei o?” fragte ich mit raschem Blick auf den Bierdeckel, eher nebenbei, doch sofort blökte mir die Lurz ins Ohr: “Na, das schreibt man ja auch mit zwei o! Das stimmt ja auch!”

“Quatsch. Loser schreibt man mit einem o. Nicht mit zwei.”

Die Sekretärin war sofort auf 180. Ganz abgesehen vom Frust über den Fraß in dieser Schmierbude,  die sie empfohlen hatte, war  sie immer schnell auf 180, das war ihre Art. Ich mochte sie trotzdem. Sie war geradeaus, damit konnte ich umgehen.

“DU willst MIR erzählen”, rief sie aufgebracht und eine Erbse rollte ihr aus dem Hals, “wie man Loser schreibt?!”

Sie spielte damit auf ihre Jugend im englischsprachigen Nigeria an, wohin es ihren Vater berufsbedingt verschlagen hatte, damals in den späten 70ern. Seither fühlte sie sich als Native Speaker, der man besser nichts auf englisch erzählte. Dummerweise wußte ich aber nun mal, wie man Loser schreibt. Was sollte ich machen. Ich konnte ja schlecht so tun, als ob ich das nicht gewusst hätte.

“Es gibt zwar ein to loose mit doppel o, da hast du recht, aber das bedeutet etwas anderes als to lose mit einem o”, erwiderte ich scharf.

“Nämlich??”

“Weiß nicht. Komm ich jetzt nicht drauf.”

“Quatsch!” Die Lurz speite Gift, sie schlug um sich. “Looser schreibt man so, wie es hier auf dem Bierdeckel steht! Mit doppel o!! Wie Dunja es geschrieben hat!”

Dunja war sich da nicht so sicher.

“Ich hab das zwar mit zwei o geschrieben, aber irgendwie guckt es mich komisch an.. mit doppel o. Also, ich weiß nicht genau. Könnte beides stimmen. Mit einem o, mit zwei o’s..”

Die Praktikantin, von der plötzlichen Vehemenz der Auseinandersetzung aufgeschreckt, stand auf, lief herum, setzte sich wieder. Sie war ganz blass geworden, und zerzaust.

“Ich glaube, to lose schreibt man mit einem o, aber Looser mit doppel o. Oder..? Ich weiß nicht, glaub ich..”

Der Geschäftsführer hielt sich aus dem Disput ganz heraus. Auch der Maschinenbauer, links neben mir, hatte keine Meinung, rief aber: “HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN, EGAL OB MIT EINEM ODER ZWEI O!”, verbunden mit einem kollegialen Klaps auf meine Schulter. In den drei Jahren unserer Zusammenarbeit hatten wir eine Menge Zigaretten geraucht, im Hof vor der Bibliothek. Nun forderte er die Lurz und mich auf, die Sache im Ring zu klären, mit einer Runde Schlammcatchen, “oben ohne!” Das ließ die Sekretärin wieder aufmüpfig werden.

“Loser mit einem o, so ein Blödsinn! Kannst du ja im Internet nachgucken! Ich bin mir hundertpro sicher!”

“Man sollte sich niemals zu sicher sein!” entgegnete ich mit einer Entschiedenheit, die mich selbst einen Moment unsicher werden ließ, wie gewisse Dinge geschrieben werden.

“Mir reichts! Ich kriege das jetzt raus!” rief Dunja.

Sie schnappte sich ihr Handy und stapfte die Treppe hoch in den Gastraum, weil der Handy-Empfang unten auf der Kegelbahn gestört war. Sie wollte die Sache klären. Im Internet. Nach to lose googeln. Als sie keine Minute später zurückkehrte, wurde sie mit Tischgeklopfe und ansteigendem Kegelbahngeschnatter empfangen.

“TA! TA!” sagte sie und bildete mit Mittelfinger und Daumen ein o. “Loser schreibt man definitiv mit einem o. Herr Glumm hat recht.”

“Sag ich doch”, sagte ich.

“Glaub ich trotzdem nicht”, meinte die Lurz beleidigt. Sie war es auch gewesen, die im Institut die gleichzeitige Anrede DU und HERR GLUMM eingeführt hatte, eine schöne Sache, die lange Zeit Bestand gehabt hatte. Mit anderen Worten: Ich suchte keinen Streit mit ihr. Ich bin auch nicht sonderlich rechthaberisch. Ich bin überhaupt kein extremer Typ, im Gegenteil, ich trete oft auf wie Monsieur Moderat persönlich. Aber innendrin bin ich ein stillgelegter Hochofen. Ausserdem, hier ging es darum, wie man Luser schreibt, da durfte es keinerlei Unklarheit geben.

Sonst ist man verloren.

Schlagwörter: , , , , , , ,

2 Antworten zu „Weihnachtsfeier“

  1. lava. sagt:

    kann man die Lurz buchen..?

  2. hausdrachen sagt:

    Lieber Glumm, gegen Weihnachten kann man nur verlieren, egal ob man mit Freunden kegelt oder mit Familie eine Gans frisst und später die Reste gegen die Wand schmeisst, während manche heulen und die anderen böse lachen, und das ist so, weil das Licht diese komische Angewohnheit hat sich mit der Dunkelheit paarweise zusammenzutun. Daher ist verlieren am Weihnachten die einzig richtige Haltung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 43 other followers