Noch Wochen, nachdem ich den Preis erhalten hatte und in beiden Tageszeitungen der Stadt darüber berichtet worden war, grüßten mich die Punks und Ska-Brüder vom Mühlenplatz mit erhobener Bierpulle.
“Eh.. da kommt Bukowski! Wie siehts aus, Hank?”
“Stabil”, rief ich.
Kurz nach Neujahr ging morgens das Telefon. Karlos war früh wach, weil er einen Termin auf dem Friedhof hatte, wo der Leichnam eines Motorradfahrers unter die Erde kommen sollte. Mit seiner schweren Maschine hatte er eine Bürgersteigkante tuschiert und war im hohen Bogen gegen eine Hauswand geknallt. Der Aufprall hatte ihn enthauptet. Es hieß, der Fahrer, den wir vom Sehen aus dem Mumms kannten, habe so viel Kokain im Blut gehabt, dass das Messverfahren mehrfach wiederholt werden musste, weil die Laboranten das Ergebnis nicht glauben wollten.
Karlos hob den Hörer ab, nuschelte “Momentchen..”, und reichte gleich den ganzen Apparat rüber. “Für dich”, flüsterte er, und machte sich auf die Socken. Es gab Vormittage im Hochsommer, da waren für ihn drei oder vier Begräbnisse hintereinander keine Seltenheit, die drückende Hitze arbeitete für Sargträger und Totengräber, doch jetzt im Januar war nicht viel los im Bestattungsgewerbe. Bis auf eine Motorradleiche ohne Kopf, die zuviel Marschierpulver geschnupft und am helllichten Tag den Bürgersteig übersehen hatte. Es sah nach einem beschäftigungsarmen Vormittag aus für Karlos, doch immerhin, er hatte zu tun.Was mich betraf, war das letzte Wort noch nicht gesprochen. Weder, wer es sprechen würde, noch wann.
“Herr Glumm?”
“Hm..”
“Buntenbach, Arbeitsamt. Guten Morgen, der Herr! Ausgeschlafen?” Bevor ich auch nur einen Ton sagen konnte, rückte mein Sachbearbeiter, ein fescher junger Mann mit Wohnsitz Köln, schon mit der unangenehmen Sprache raus: Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, befristet, sechs Monate. Bei Obi.
“Jau.. in der Eisenwarenabteilung! Die suchen einen tatkräftigen jungen Mann. Da hab ich doch gleich an den Herrn Glumm gedacht!”
Einen Moment glaubte ich, er wolle mich auf den Arm nehmen, doch wenn ein Vermittler des Arbeitsamts um diese frühe Uhrzeit anklingelt, will er einen eher nicht auf den Arm nehmen. Im Gegenteil. Der will einen loswerden. Vom Arm runter. Aus der Statistik raus. In gewisser Weise konnte ich das sogar nachvollziehen. Ich war Mitte Zwanzig, in der Blüte meiner Jahre. Überall Spannkraft und andere dekorative Reste des dahinschwindenden Supervogels Jugend. Selbst wenn man nichts anderes tat, als von morgens bis abends auf der faulen Haut zu liegen, wuchsen einem noch Matratzenmuskeln.
Dennoch war ich der Auffassung, dass man in meinem Fall eine Ausnahme machen sollte. Als angehender Erfolgsautor brauchte ich viel Zeit. Ich brauchte Zeit zum Saufen, weil man am Tresen die wichtigen Leute kennenlernte und Erfahrungen machte, die unabdingbar waren für einen Schriftsteller, und ich brauchte Ruhe, um mich von der ganzen Sauferei wieder zu erholen. Und gegen Mittag, wenn es mir besser ging, wenn der Kater nachließ, brauchte ich Zeit zum Schreiben. Ich wusste beim besten Willen nicht, wo da noch Zeit für eine geregelte Arbeit sein sollte. Vielleicht zwischen halb eins und eins. Aber da war Mittagspause. Langsam wurde ich sauer. Was ging da vor sich? Die herrschende Klasse rottete sich zusammen und forderte Maßnahmen. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.
“Melden Sie sich in der Obi-Filiale!” blaffte Buntenbach mich an. “Ihr Ansprechpartner ist der Filialleiter, ein Herr.. Moment.. Hafner!”
Ich saß da wie angeschossen. Es tat nicht weh, aber es floss Blut. Mein Blut. Ein halbes Jahr ABM im Baumarkt. Wenn ich von irgendetwas null Ahnung hatte, dann vom Heimwerkermilieu. Vom Typ Mensch, der in seiner Freizeit Fliegengitter zimmerte. Ich lotete alle Möglichkeiten aus, die Geschichte abzuwenden oder wenigstens eine Weile rauszuzögern, doch mir fiel nichts ein, was Sinn gemacht hätte. Noch am gleichen Nachmittag rief ich den Filialleiter an, wir machten einen Termin aus fürs Vorstellungsgespräch. Als ich Karlos und den anderen Leuten davon erzählte, lachten sich alle schlapp. Der Glumm im Obi, in der Eisenwaren-Abteilung, zwischen Schrauben und Nägeln, mit seinen zwei linken Händen, das war ein gefundenes Fressen.
“Dabei hat der gar keine linken Hände, der hat überhaupt keine Hände! Der Glumm wichst auf Stumpen!”
Der Mitsubishi Boy freute sich darauf, mich mit dem Besen in der Hand zu erwischen, (“aber na ja, wir haben alle schon mal Staub gefressen”), und der dicke Hansen, der sich mit Klavierunterricht für Schüler und einem kleinen Erbe über Wasser hielt, strahlte übers ganze Denunziantengesicht. “Endlich haben sie dich am Arsch gekriegt, fauler Hund!” Er drohte, mindestens zweimal die Woche als Testkäufer aufzulaufen, um zu überprüfen, ob ich tatsächlich präsent war in den Gängen, oder ob ich mich doch nur aufs Klo verdrückte, EXPRESS lesen und Zigaretten rauchen, die Hand am Sack.
10. Januar, halb zehn.
Der faule Hund, der Zeitkrösus, der gefeierte Literat saß mit der Bierhefe vom Vorabend im Schädel im Oberleitungsbus nach Ohligs.Ich war nicht nur spät dran, ich sah auch noch Scheisse aus. Nicht etwa, weil ich beim Vorstellungsgespräch auf Teufel komm raus einen schlechten Eindruck machen wollte, sondern weil Karlos früh am Morgen so lange das Klo blockiert hatte, mit seinem knochigen Hintern, dass ich mich noch mal hingelegt hatte und mit dem Gesicht frontal im Kissen eingepennt war.
“Mensch, siehst du aus”, hatte Karlos gemeint, “dafür müsste ein neuer Namen geschaffen werden.”
Die Obi-Filiale, ein Flachdachbau, groß wie ein Fußballfeld, lag an einer vielbefahrenen Hauptstraße. Vom Parkplatz aus hatte man einen weitmaschigen Blick in den Laden. Ich rauchte eine letzte Kippe und guckte mir das kommende Schlamassel durchs Panoramafenster an, bevor ich mich aufraffte und die Hölle betrat. Es war wie im Stadion unmittelbar vorm Punktspiel: Scheinwerferlicht, Gedudel aus unsichtbaren Lautsprechern, Bratwurstatmosphäre.Zum Warmmachen schoben Kunden halbleere Einkaufswagen übers Spielfeld.
Niemand hob den Blick, als ich in den Personalraum schaute und hallo sagte. Eine Handvoll Mitarbeiter stierte erschöpft in den Pappbecher. Nur eine junge Blondine, die einzige, die keinen orangefarbenen Kittel trug, drehte sich um.
“Hallo..”, sagte sie freundlich. Hinter ihr, im Stahlregal, stapelte sich ein Hügel Verkäuferkittel, straff gebügelt, nach meinem armen Leib schielend.
“Ich ähm suche den.. Filialleiter.”
“Im Büro”, meinte die Blondine.
“Ja gut. Büro. Und wo ist das Büro?”
“Na ja. Hinter dir. Brauchst dich nur umzudrehen.”
Filialleitung. Tatsächlich. Das Büro ähnelte einem rundum verglasten Boxring, zu dem eine kleine Treppe hinauf führte. Das Ding war eigentlich nicht zu übersehen, doch immer wieder übersah ich Dinge, die ich nicht sehen wollte, selbst wenn sie groß waren wie Boxarenen. Ich klopfte gegen den Türrahmen, wünschte guten Morgen und stellte mich vor.
“Ach, dann sind Sie das Vorstellungsgespräch.”
Hafner, Mitte Dreißig, war ein sportlicher Typ und soweit in Ordnung. Wenn er mit einem sprach, sprühten seine Augen vor Interesse, er gab sich jovial und so verschmitzt, als könne man mit ihm Pferde stehlen. Andererseits, hatte ich nicht die Erfahrung gemacht, dass gerade diejenigen, die zunächst auf betont locker machten, sehr schnell sehr unlocker wurden, geradezu bockig, und dann war mit Pferdestehlen Essig, wenn man sich nicht so entwickelte wie angedacht?
Rasch war geklärt, dass ich aus der ABM-Nummer nicht mehr heraus kam. Obwohl ich mein Bestes gab, nichts zu machen. Der Filialleiter wollte mich unbedingt in seinem Team sehen. Ich fragte mich, warum. “Handwerklich bin ich eine Null”, spielte ich meinen letzten Trumpf aus und achtete sorgsam darauf, die Hände kraftlos und schlaff über die Stuhllehne baumeln zu lassen.
“Das macht nichts, das lernen Sie schon noch.”
“Schön.. Aber was soll ich einem Kunden sagen? Ich mein, der denkt doch, da steht ein Mann im Kittel, ein Verkäufer, der weiß Bescheid, der hat Ahnung..”
“Ach was. Sie tragen die ersten ein, zwei Wochen keine Arbeitskleidung. Bis Sie besser Bescheid wissen, wo welche Ware steht. Und falls trotzdem jemand eine Frage hat, verweisen Sie ihn freundlich an den nächsten Mitarbeiter.”
“Und wenn kein Mitarbeiter in der Nähe ist?”
“Na dann.. an den übernächsten.”
Ich riss mich zusammen. Gab alles. Ließ meine Hände über die Stuhllehne hängen wie ein abgenudeltes Fensterleder und gab mich so antriebsarm, dass ich mir selbst schon wie der größten Hängenlasser in der Geschichte des Hängenlassens vorkam, eine wirklich schlimme schlaffe Geschichte.
“Und wenn überhaupt niemand in der Nähe ist?”
“Also.. jetzt fangen Sie doch erst einmal an! Herrschaftszeiten!!”
Na schön. Ein Mann muss wissen, wann er verloren hat, weil sofort das nächste Match im Raum steht. Nun ging es darum, so viel wie möglich rauszuholen. Besser gesagt, so wenig Wochenstunden wie möglich. Wenigstens das musste drin sein.
“Ich brauche Zeit zum Schreiben”, sagte ich.
“Was denn..? Sie müssen schreiben lernen!?”
Verdammt! Darauf hätte ICH kommen müssen! Nein, ich klärte ihn auf. Dass er einen preisgekrönten Autor von Short Stories vor sich sitzen hatte. Einen angehenden Bestesellerautor.
“Short Stories? Was schreiben Sie denn? Interessant.”
“Na ja.. so Short Stories.”
Wir einigten uns auf den 1. Februar als Antrittstermin. Das bedeutete noch drei Wochen Galgenfrist, immerhin. Und: eine Vier-Tage-Woche statt Fünf-Tage-Woche, fürs gleiche kaum als Gehalt zu bezeichnende Gehalt. Immerhin! Da war nur noch eines.
“Sagen Sie, Herr Hafner, Eisenwarenabteilung, muss das sein? Können Sie mich nicht woanders einsetzen?”
“Gerne. Wo denn? Welche Abteilung? Was können Sie denn? Wo liegen Ihre Fähigkeiten?”
Wir blieben bei Eisenwaren.
Wo ich schon mal in Ohligs war, brachte ich den Vertrag gleich persönlich rüber zum Arbeitsamt, Vermittler Buntenbach musste noch seine Zustimmung erteilen. Während ich darauf wartete, dass er von der Mittagspause zurückkehrte, sah ich mich in der fast leeren Wartezone einer sehr erbosten und ziemlich dicken Frau ausgeliefert. Sie blätterte hektisch in einer Broschüre des Arbeitsamtes.
“Das wird immer schlimmer”, krächzte sie, ohne den Blick aus der Broschüre zu heben. Ich fragte mich, mit wem sie überhaupt sprach, denn da war niemand ausser mir. “Früher durfte ich hier meine beiden Pudel mitbringen, dann mussten beide draußen auf dem Flur warten, und heutzutage dürfen Hunde gar nicht mehr rein! Was glauben Sie, was los ist, wenn ich gleich nach Hause komm! Die reißen mir doch die Bude ab, wenn ich zwei Stunden nicht zu Hause bin! Und wer bezahlt mir den Schaden? Das Arbeitsamt etwa? Der feine Missjöh Buntenbach? Der doch wohl nicht, oder?”
Die Scharniere des Stuhls jammerten, als sie ihren massigen Körper erhob. Sie wurde noch lauter, beinah schrie sie mich jetzt an.
“Die blöden Weiber verbieten mir, meine Hunde mitzubringen, und wissen Sie auch warum?” Sie glotzte über den Rand der dünnen Broschüre hinweg. “WEIL DIE UNZUFRIEDEN MIT SICH SELBER SIND, DIE WEIBER! DESWEGEN! UND DER FEINE MISSJÖH AUS KÖLN AUCH!”
Ich war heilfroh, als Sachbearbeiter Buntenbach endlich aus der Pause zurück war. Er warf einen Blick in den Vertrag und stutzte kurz, als er die Spalte Arbeitszeit/Stunden erreichte, wo Filialleiter Hafner mit Bleistift eine “32″ eingetragen hatte.
“Wieso denn nur zweiunddreißig Stunden?”
“Weil die mich keine vierzig Stunden gebrauchen können”, log ich dreist, aber es kümmerte ihn ohnehin nicht weiter. Hauptsache, ich war aus der Statistik raus. Eine Weile. Für sechs Monate wurde ich nicht als arbeitssuchend geführt. Dafür war er hier angestellt. Das war sein Leben. Ein Statistiksäuberer. Eine Reinigungskraft. Ein Missjöh. Aus Köln.
“So, Meister, am 1. Februar ist defintiv finis mit Feiern bis in die Puppen und am nächsten Tag ausschlafen”, sagte er nicht ohne Genugtuung. Dabei schlief ich so gut wie nie aus, und das mit der Feierei war auch nicht mehr so doll. Eigentlich steckte ich in der ersten echten Krise meines Lebens, Literaturpreis hin oder her. Er senkte die Stimme, geplagt vom plötzlichen Tremolo seiner Augenlider.
“Sagen Sie, die verrückte Dicke, steht die immer noch auf dem Flur..?”
1. Februar, morgens, halb neun.
Der Bus bog schon in die Haltebucht ein, als ich aus dem Park trat und die Straße hinauf blickte. Ich musste rennen, damit der Fahrer nicht ohne mich abfuhr. Busfahrern bereitete das Türe vor der Nase zuschlagen ein derartiges Vergnügen, dass sie daraus eine interne kleine Sportart kreiert hatten, mit täglicher Ausschüttung von Gold und Silber in der Umkleidekabine der Stadtwerke. Dabei hatte ich diesmal noch Glück. Der Fahrer kam nicht umhin, ein paar drängelnde Schulkinder abzuwarten, und als das letzte endlich eingestiegen war, kam ich außer Puste angelaufen und zählte ihm drei einzelne Markstücke hin. Der Mann riss mürrisch ein Ticket vom Block, steckte die Münzen in seinen Kassenschlitz, und murrte los. In der Stadt angekommen, ließ ich mir in der Markthalle ein Schinken-Käse-Baguette zum Mitnehmen präparieren und stieg um in die Linie 681.
Ohligs, Haltestelle Rathaus.
Mit seiner Nähe zu Düsseldorf ist Ohligs eher ein Stadtteil der Landeshauptstadt, schicker und gemütlicher als der Rest von Solingen. LIEBE LEBEN OLIX knallte mich auf dem kurzen Fußweg zum Obi ein Graffiti an. Als ich den Parkplatz der Filiale erreichte, war es wie Knastantritt. Sechs Monate ohne Bewährung. Angeklagter, ein letztes Wort? Mir fiel nichts ein.
Ich steckte mir eine Kippe an und rauchte sie so weit runter, bis es mir fast den Zeigefinger ansengte. Ich war eine volle Stunde zu spät, die ließ sich eh nicht mehr aufholen. Die Eingangstür schob sich automatisch auseinander, drin war ich im riesigen Gemeinschaftstrakt. Verbrauchte Luft, Flutlicht, funktionelle Musik. Heimwerkergesichter, Teile der ADAC-Volksarmee. Ich nahm die Treppe zum Büro, aber das war leer. Ich versuchte es im Personalraum. Die blonde Sekretärin hockte alleine am Tisch und blickte mich an.
“Na hallo..?” flötete sie überrascht.
“Morgen”, sagte ich.
“..hat er sich Brötchen mitgebracht!”
Wie niedlich. “Das ist ein Baguette”, sagte ich.
Mit ihrem blonden Haar, vorne rund geschnitten, erinnerte sie mich an Prinz Eisenherz. “Komm, wir trinken erst mal einen Kaffee”, meinte sie und stand vom Tisch auf. Sie stöckelte zum Heißgetränkautomaten in der Ecke, schloss ihn auf. Ihre Levis war so knalleng, ich fragte mich, wie sie es schaffte, da reinzukommen. Vielleicht war sie auch seit dem vierzehnten Lebensjahr Stück für Stück in die Blue Jeans reingewachsen, ohne sie je wieder ausgezogen zu haben. Es gab Möglichkeiten, wie immer, doch die waren limitiert und hauten allesamt nicht hin. Der Hintern war schlichtweg grandios. Er knackte bei jeder Bewegung, wie ein Lattenzaun in der Augusthitze.
“Kostet normalerweise fünfzig Pfennig, aber heute ausnahmsweise..”
Sie ließ den Satz unvollendet und lächelte kokett. Natürlich, sie wusste um ihre Wirkung. So oft es ging, zeigte sie sich von hinten. Starr du mir ruhig auf den Hintern, sagten ihre Bewegungen. Wünsch dir was. Der Kaffeebecher lief voll, und sie schloss den Automaten zu.
“Ich kann ihn dir nur schwarz anbieten, ich hoffe, das macht nichts.”
Sie setzte sich zu mir. Leise, beinah schüchtern drang die Musik aus dem Laden zu uns in den Pausenraum, George Benson, You make me shiver, eine makellose Soul-Nummer, wie sanfte Wellen, die unsere Füße umspülten. Wir saßen nebeneinander, eng, doch mit Abstand. Wie das so ist, wenn man sich nicht kennt, aber genau weiß, dass man sich bald kennenlernen wird, weil einem gar nichts anderes übrigbleibt, als künftige Kollegen.
Während ich an meinem Kaffee nippte, öffnete sie ganz selbstverständlich die Butterbrotdose und entnahm ihr eine Stulle. Wenn es irgendetwas gibt, wovor ich Horror habe, dann vor Situationen im Pausenraum, wo Kollegen das Frühstücksbrot auswickeln und Mahlzeit wünschen. Die Art Horror, die für mich gleichbedeutend mit dem Untergang jeder Zivilisation ist. Mit Erwachsenwerden. Mit Arbeiterschicksal, Angestelltenschicksal. Mit dem verdammten Kitteltier in mir.
“Nutella”, grinste sie. “Gibt Muckis.”
Ich versuchte ein Lächeln.
“Ich hab dein Foto in der Zeitung gesehen. Was schreibst du denn? Schreibst du richtig Romane?”
Ein paar Tage vor Silvester war ein Schwarz-Weiß-Foto im Tageblatt erschienen, das mich auf dem Pult sitzend vor einer Schulklasse zeigte. Der Deutschlehrer einer Realschule hatte mich zu einer Lesung eingeladen, ich hatte Arnheim, der Blues gelesen, vor einem Haufen Zehntklässlern, die sich einen Schriftsteller irgendwie anders vorgestellt hatten. Seriöser, ohne Flicken auf der Jeans, nicht so sehr.. Glumm.
“Nee, Romane nicht..” Was die Leute sich so vorstellten. Ein Schriftsteller schreibt Romane. “Eher.. Geschichten.”
“Geschichten? Was für Geschichten, Krimis?”
“Nee.. aus meinem Leben.”
“Aus deinem Leben?” Sie glotzte mich an. “Ist das denn so super spannend?”
“Nee.”
Sie schüttelte den Kopf und futterte ihr Nutellabrot weiter. Kein hastiges Malocherfuttern, glücklicherweise, eher ein mausartiges Knabbern. Dennoch ahnte ich, dass es nicht gut gehen würde mit uns, auf Dauer. Sie erwartete eindeutig zu viel. Solche Menschen roch ich auf zehn Kilometer, und sie saß direkt neben mir. Was mich betraf, erwartete man am besten nichts. Gar nichts. Erst dann konnte ich allmählich kommen. Oder auch nicht.
“Veröffentlichst du auch richtig?”
Da hatten wir’s. Ein Schriftsteller veröffentlicht. Welches Thema ist demütigender für einen Autor ohne Buch. In die Enge getrieben, begann ich zu stammeln, “in also mehr ja so Stadtmagazinen”, doch es juckte sie ohnehin nicht weiter. Kaum ausgesprochen, schon abgehakt.
“Ich hab das Bild von dir am Schwarzen Brett aufgehängt. Wenn schon mal eine Berühmtheit hier arbeitet..”
Ich suchte nach Anzeichen von Ironie in ihrem Gesicht, auch nach leisen und milden Vertretern dieser Zunft, doch ich fand nichts. Das Gesicht war hübsch, einladend sogar, aber frappierend frei von allem, was irgendwie mit Verstellung zu tun hatte. Sie stand auf, brachte die Kaffeebecher zur Spüle. Ein ehrlicher gradliniger Hintern. Ein famoses Teil. Den musste der Herrgott im Kopf gehabt haben, damals, als er Blue Jeans erfand und was sich darin so alles verpacken ließ.
“Im Büro hab ich mitgekriegt, dass du unten am Kannenhof wohnst”, meinte sie. “Ich wohne auf der Baumstrasse, da kann ich dich im Auto mitnehmen. Wenn du willst.”
“Baumstrasse, och. Das ist ja um die Ecke.”
“Genau. Gut, ne?”
Ich wunderte mich einen Moment, dass ich sie noch nie gesehen hatte, doch vermutlich war sie die Sorte Frau, die morgens den Wagen bestieg, der vorm Haus parkte, und zur Arbeit brauste, und am Abend das gleiche noch mal absolvierte, nur in umgekehrter Reihenfolge. Solche Leute bekam man nicht mal zu Gesicht, wenn sie auf derselben Etage wohnten.
“Dann musst du morgens nur kurz durch den Park”, sagte sie. “Du fährst doch kein Auto?”
“Stimmt.”
“Warum nicht?”
“Was, warum nicht?”
“Na, warum du kein Auto fährst. Alle Männer fahren Auto.”
Ich zuckte mit den Schultern. “Nur so.”
Ich war nicht alle Männer. Ich war ja nicht mal alle Menschen. Kaum hatte es mich gefreut, nicht jeden Morgen dem Bus nachrennen zu müssen, schon grauste es mir bei der Vorstellung, jeden Morgen neben Prinz Eisenherz sitzen zu müssen, Knackarsch hin oder her. Morgens wollte ich meine Ruhe haben, da konnte ich kein Gewäsch ertragen.
“Ich kann ich mich ja am Spritgeld beteiligen..”, hörte ich mich sagen.
“Quatsch. Ich fahre doch sowieso, ob nun mit oder ohne dich.”
Na, da hatte sie recht. Sie begann dennoch zu rechnen.
“Was kostet eine Busfahrt bis Ohligs, zwei Mark?”
“Drei.”
“Dann sind das hin und zurück sechs Mark am Tag..! Wie oft arbeitest du hier in der Woche?”
“Vier Tage.”
“Nanu? Nur vier? Na gut, macht vierundzwanzig Mark die Woche, mal vier, das sind.. fast hundert Mark im Monat. Die hast du dann schon mal gespart. Kannst du Bücher für kaufen. Für hundert Mark..”
Schriftsteller veröffentlichen Romane, Schriftsteller kaufen Bücher. Das letzte Buch, das ich mir zugelegt hatte, hatte ich geklaut. A-wop-bop-a-loo-bop-a-lop-bam-booom von Nik Cohn. Ich las es alle drei Monate, zur Abhärtung. Unauffällig packte sie die verbliebene Hälfte ihres Nutellabrotes wieder ein, wie nebenbei, als wäre eine Stulle im Pausenraum nicht der Untergang des Universums.
“So, dann wollen wir mal..”
Ich riss mich zusammen.
“Und du? Seit wann arbeitest du hier?” versuchte ich den Knastantritt hinaus zu zögern.
“Vier Jahre. Ist ganz gut hier. Lässt sich aushalten. Die meisten Kollegen sind in Ordnung. Paar Arschlöcher sind darunter, klar, aber Arschlöcher findest du überall.”
“Vielleicht bin ich ja auch ein Arschloch.”
“Ja, vielleicht..”, lachte sie. “Ich bin die Gabi.”
“Ich der Glumm.”
“Weiß ich doch.”
Erst jetzt bemerkte ich die Putzfrau, die um unsere Füße herum wischte. Eine Bilderbuchputzfrau mit strubbeligem Haar und Klammern drin, Mitte vierzig vielleicht und offensichtlich darin geübt, nicht zu stören, wenn die Großen sich unterhalten. Ich fühlte mich ein bißchen schäbig, dass ich sie zuvor nicht wahrgenommen hatte. Doch als Gabi sie fragte, ob sie nicht mal wieder zum Frisör gehen wolle, ganz ohne boshaften Unterton, eher neugierig, da richtete sich die Putzfrau keuchend auf und antwortete, dass sie dafür im vergangenen Jahr keine Zeit gefunden habe. Dabei vermittelte sie nicht den Eindruck, besonders unglücklich zu sein. Erleichtert lehnten wir uns zurück. Die Frau wrang das Putztuch aus, und das Wischwasser platschte in den Eimer.
Filialleiter Hafner rief mich ins Büro. Er hatte ein steifes Fußballerbecken, mit dem er durch die Gänge schaukelte und die Sympathien seiner Mitarbeiter einheimste. Er zeigte sich von meinem Autorenpreis beeindruckt. So schwer, dass ich auf seinem Schreibtisch ein schmales Lyrikbändchen entdeckte. Während er mir nun meine zukünftigen Aufgaben als Mitarbeiter der Eisenwarenabteilung schilderte, schielte er immer wieder auf das dürre Büchlein, das so gar nicht zum nüchternen Ambiente seines Büros passen wollte. Es lag für meine Augen verkehrt herum, lediglich das Wort Lyrik konnte ich entziffern. Hafner verfolgte zufrieden meinen Blick, sagte aber weiter keinen Ton dazu, und ich hielt auch die Klappe. Als ich ein oder zwei Tage später das Büro aufsuchte, war das Gedichtbändchen weg, und es ist niemals wieder aufgetaucht.
Einen Monat später war die Einarbeitungszeit vorüber. Allmählich wurde der Chef ärgerlich, weil ich meine Arbeit immer noch ohne den verräterischen Kittel erledigte. Bis dahin war es ein Leichtes gewesen, mich aus dem Tagesgeschäft herauszuhalten und lästige Anfragen abzuwimmeln. Nun aber, so die Auffassung des Chefs, wüsste ich, in welcher Abteilung welche Ware zu finden sei. Ab sofort hieß es für mich, auch mit Kittel unsichtbar zu sein. Die Königsdisziplin stand unmittelbar bevor.
Eigentlich nichts leichter als das, sollte man meinen. Als Zweitgeborener in einem Feld von drei Geschwistern war ich mit dem Phänomen aufgewachsen, unsichtbar zu sein. Nicht weiter aufzufallen. Sandwichkind eben. Wenn ich etwas ausgefressen hatte, musste ich mich nur weiterhin normal verhalten und unauffällig bleiben, schon war ich aus der Schusslinie und niemand kam auf die Idee, ich wäre es gewesen, der den Fischteich des Nachbarn mit Doornkaat vergiftet hatte. Es war die perfekte Tarnung. Trick 17. Wie auf den Leib geschrieben. Tue so, als wäre alles wie immer, und es wird dir nichts geschehen. Guck aus der Wäsche wie ein Auto, und der Berufsverkehr läuft wie geschmiert.
Die Königsdisziplin ging vom ersten Tag an schief. Weil ich nun Kittel trug, traten die Kunden ungeniert auf mich zu: junger Mann, wo finde ich Fugendichtungen, wo Gardinenstangen, ich benötige einhundertundvier Bewegungsmelder. Ich log bedauernd, tut mir leid, ich bin heute den ersten Tag hier, da wenden Sie sich besser an.. Oh, sagten da die Leute, natürlich, ist ja klar, Ihr erster Tag, da können Sie natürlich nicht Bescheid wissen, lassen Sie gut sein, dankeschön, junger Mann.
Der Chef kam schnell dahinter, was ich da abzog. Lug und Trug. Er wurde richtig böse. Sein Fußballerbecken schaukelte hin und her, wie eine volle Krippe zur Winterzeit.
“Hören Sie mit der Lügerei auf, das bringt doch nichts!”
Ab sofort nahm ich mir vor, stets bei der Wahrheit zu bleiben. Dafür reichte schon ein einfacher kleiner Taschenkalender, den ich jeden Morgen aufschlug.
“Bewegungsmelder suchen Sie? Tut mir leid, der Herr, dass ich Ihnen da nicht weiterhelfen kann, aber ich hab heute erst meinen vierundsechzigsten Tag hier..”
“Ach so! Der vierundsechzigste erst! Nee, ist klar, junger Mann!!”
Tags: 80er Jahre, Deutschland, Gesellschaft, Lesen, Literatur, Obi, Schreiben, Stories
26. Mai 2011 um 10:54 |
sauber, min Jung, nahezu perfekt. Im Alltag. Und Harmonie dabei. Is wichdisch, Alder.
3. Januar 2012 um 02:23 |
Wirklich fast perfekt! Die Storie wird immer besser und ich musste, zum was weiß ich wievielten Mal, irre ablachen.
3. Januar 2012 um 15:33 |
nee! is klar!!
~
wohin ist aber das gedichtbüchlein verschwunden? das macht mir zu schaffen.
6. Januar 2012 um 17:48 |
“glumm, andreas glumm, generator deutschsprachiger top-stories. aber dass du auch deutsch kannst: alle achtung.”
Muss man erwähnen, sonst merkt man es nicht…