Plattendieb

Da saß ich nun halbwüchsig mit Stereokopfhörer und Cassettenrecorder am Radio und schnitt auf Chromdioxid die Neuerscheinungen mit, die es aus London und New York ins westdeutsche Radioprogramm geschafft hatten,  doch es ging natürlich nichts über die Krone der Popmusik, das Vinyl: Singles oder, besser noch, Langspielplatten.

Weil das Taschengeld nicht reichte und es einfach nicht genug Zeitungen gab, die ich hätte austragen können, um alle meine Vinylwünsche zu finanzieren, klaute ich wie ein Rabe. Mit der Zeit wurde ich richtig dreist. Kurz im Laden umgeschaut, Platte untern Arm geklemmt, rausmarschiert. Aber trotz aller jungenhaften Routine, mein Herzklopfen blieb. Mein Herzklopfen und die Erleichterung, wenn ich das Geschäft verliess und niemand folgte mir. Das war der Kick überhaupt. Nicht erwischt zu werden.

Meist klaute ich in den Musikabteilungen großer Warenhäuser, wenn ich mittags aus der Schule kam und durch die City trödelte. Meine siebte Stunde nannte ich es geheimnisvoll, wenn mich Schulkameraden fragten, was ich nach der Schule in der Stadt trieb. Kleine Schallplattenfachgeschäfte wie das ZackZack am Eiland betrat ich nur, um zu sehen, was neu auf dem Markt war. Zum Stehlen war es mir dort zu heikel, man stand zu sehr unter Beobachtung.

Ausserdem kannte man die Leute mit der Zeit. Der Mitarbeiter im ZackZack, ein lässiger Macker aus Remscheid, der einen langen Kaschmirschal trug und am liebsten Maserati gefahren wäre, aber wie gesagt, er kam aus Remscheid, hatte stets einen Geheimtipp auf Lager und lächelte, wenn ich den Laden betrat. Wie sollte man ihn da noch bestehlen. Gute menschliche Kontakte, lernte ich, vermasseln das kriminelle Geschäft.

Hatte ich genug Informationen, was sich auf dem Markt tat, zog ich die Fußgängerzone hoch in den Kaufhof oder ins Karstadt, wo ein Schüler nicht sonderlich auffiel, der mittags eine Weile in den Platten wühlte und unverrichteter Dinge wieder abzog. Mit einem Album unterm Arm. Als Sandwichkind in der Geschwisterfolge, große Schwester, kleiner Bruder, war ich darin geübt, mich unsichtbar zu machen, wenn es drauf ankam. Darin war ich ein As. Niemand sah mich, wenn ich mein Bestes gab.

Sehr schön stehlen liess sich im Kaufhof. Von der Plattenabteilung bis zum Ausgang war es nur einmal um die Ecke herum, schon war man draussen. Es war, als hätten die Innenarchitekten beim Konzept des Warenhauses hauptsächlich an mich gedacht, wie ich meine Beute möglichst locker heimbringen konnte. Dass das Ganze nur ein Trick war, um mich in Sicherheit zu wiegen, na, mein Gott, ich war fünfzehn, ich wusste von solchen Sauereien nichts.

Noch heute schlummern Tausende LP’s aus dieser Ära auf dem Dachboden, die meisten bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und zu Tode gespielt. Ich nahm nie groß Rücksicht auf den Zustand meiner Lieblinge.
“Deine Platten waren deine kleinen Nutten”, sagte die Gräfin einmal zu mir, “so abschätzig, wie du sie behandelt hast.”
Tatsächlich lag sie damit nicht mal falsch. Wenn ich mir einen runterholte, landete die Schlacke schon mal auf einer am Boden liegenden Scheibe und verstopfte die Poren.. ach, Popmusik, herrlich.

Als die Gräfin mich kennenlernte war ich 26, in der Spätphase meiner Popleidenschaft. Zwar war die Zeit des Stehlens längst passé, aber Platten kaufte ich mir noch. Die Popmusik nährte mich mit Schwärmerei, und ich musste ständig mit Schwärmerei genährt werden, sonst wurde mir schnell langweilig. Die letzte 45er Single kaufte ich mir 1989, Everything I own von Boy George. Eine verwässerte Version, aber eine Verneigung vor Boy George, dem mit Culture Club eine der besten Popscheiben der frühen 80er gelungen war, und eine Hommage an das Original von Ken Boothe, Everything I own, eine wunderbar schlichte Reggaenummer, wie eine Sommerhütte am Strand, früh am Abend, Windstille, und hinterm Küchenschrank ein Ohrwurm, groß wie ein Gecko.

An dem Tag, als ich erwischt wurde, als meine Karriere als Plattendieb jäh endete, gab es im ZackZack am Eiland einige Neuerscheinungen, die mich reizten, die ich gerne gehabt hätte, doch weder im Karstadt noch im Kaufhof waren die LP’s schon eingetroffen. Weil ich keine Lust hatte ohne Album abzuziehen, entschied ich mich notgedrungen für eine LP von Stephen Stills. Er war Mitglied bei Crosby, Stills, Nash and Young gewesen, nun war er solo, ein Gitarrist, der nichts besonderes drauf hatte. Einen Song von seinem neuem Album hatte ich am Radio mitgeschnitten, ich mochte das Stück nicht besonders. Es war mir gleichgültig, und bei der Aufnahme hatte ich schon den Finger an der Rewind-Taste gehabt, um zurückzuspulen und zu löschen, doch dann entschied ich mich doch für den Song und nahm ihn zu Ende auf.

Ich hielt die Platte in der Hand. Ich bückte mich, um mir weiter unten im Regal ein weiteres Album anzuschauen. In der Hocke las ich ein wenig in den Credits, jedenfalls tat ich so, in Wahrheit sondierte ich die Umgebung. Der einzige Verkäufer, der um die Mittagszeit Dienst tat, hatte anderes zu tun, als ein Auge auf mich zu werfen, also ließ ich Stills locker in die Jutetasche gleiten, erhob mich, stellte die andere LP zurück ins Regal und verließ die Musikabteilung.

Ich trug selten Tornister. Ich ging meist mit Umhängetasche in die Schule, und wenn wir sechs Stunden hatten und eine Menge Schulsachen einpacken mussten, nahm ich zusätzlich einen Stoffbeutel mit, oder eben eine Jutetasche.

“Wo hast du denn die Platte schon wieder her?” fragte Mutter immer öfter, wenn ich mittags eine Scheibe aus der Tasche zog und es kaum abwarten konnte, ins neue Album reinzuhören.
“Geliehen”, antwortete ich knapp.
“Geliehen..? Schon wieder? Von wem?”
“Von Freunden.”
“Du hast aber ne Menge Freunde.”
“Ja.”

 

Entscheidend war stets der Moment, wenn ich das Kaufhaus verließ. Der Hauptausgang des Kaufhof bot einen einzigartigen Marylin Monroe-Effekt. Man stieg über einen  rechteckigen, vergitterten Lüftungsschacht, aus dem warme Luft stieg, verbrauchte Luft, schon tausend Mal gefressen, eine  Art Quarantäne, die jeder Kunde passieren musste, ob er nun rein oder raus wollte. Für mich waren es Schritte zwischen Himmel und Hölle, ein vergittertes Niemandsland, in dem alles möglich war, in dem es sogar (theoretisch) noch ein Zurück gab.

Dann trat ich hinaus auf den Mühlenplatz, das Heißluftgebläse noch im Ohr, und verschwand zügig im Gewühl, mit diesem Kribbeln der Befreiung im Bauch, in den Beinen, diesem Siegergefühl, nicht erwischt worden zu sein, ein neue Trophäe zu besitzen. Und dann passierte es doch. Ein Ladendetektiv griff zu, als ich im Menschengewimmel des Mühlenplatzes untertauchen wollte, einem großzügigen Areal mit Grünflächen, Bäumen und Wasserspielen. Die Hand, die meine Schulter packte und mich zurückhielt, dazu seine tiefe männliche Stimme, “darf ich mal in deine Tasche gucken?” mit dem vorangestellten “Junger Mann,” zwei Worte, die alleine schon ausgereicht hatten, dass ich mir in die Hose machte, dass ich mich in einer Pfütze aus Sühne, Scham und Gepinkel wiederfand. Ertappt. Dieses Mal war es nicht gut gegangen.

Eine Woche zuvor war ich sechzehn geworden, es war noch Geburtstagsgeld übrig, nein, ich hätte nicht klauen müssen, aber ich klaute mehr und mehr wegen des Gefühls der Befreiung, dem Kribbeln, dem Aufatmen. Die siebte Stunde war lange Zeit die große nebensächliche Krone meines Daseins. Nachdem ich erwischt worden war, klaute ich lange Zeit nichts mehr, nicht mal eine kleine Salmiakpastille.

Den Moment vorm Kaufhof hatte ein junger Pole mitgekriegt. Ein hochaufgeschossener Junge, der wenig Worte machte und den ich vom Sportplatz am Klauberg kannte, wo er mit uns Fußball spielte. Ich kenne seinen Namen nicht, weder damals noch heute, doch sein entgeistertes Gesicht sehe ich noch vor mir: Du klaust..? Warum klaust du?!

In den folgenden Jahren liefen wir uns gelegentlich über den Weg. Wir nickten uns kurz zu, das letzte Mal Anfang 2000, und immer noch war da dieser überraschte Ausdruck, festgefroren in seinem knochigen Gesicht, konserviert, herübergerettet aus dem Jahre 1975: Du klaust? Warum klaust du?

Na, weil ich noch keine tausend Scheiben zusammen hab, du Depp!

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4 Antworten zu „Plattendieb“

  1. lz. sagt:

    schön meister glumm auch über diese leidenschaft eine kleine storie zu lesen// den die vinylscheiben waren früher und auch heute noch die geilpraline der ohren// leider oftmals unsauber und lsd lässig behandelt// auch beim jointdrehen und rauchen bekam so manche scheibe nen husten// :
    Wenn ich mir einen runterholte, landete die Schlacke schon mal auf einer am Boden liegenden Scheibe und verstopfte die Poren.. ach, Popmusik, herrlich :: //
    und so springen so manche Lps noch heute schraeg aus der rille weil irgendwo im dunklen vinyl der alte saft von früher wohnt// schade
    den manche ohrpraline ist geiler als der saft von gestern

  2. rittiner gomez sagt:

    etwa 40 guterhalten schallplatten brachten wir in einen musikladen, der sie für eine provison von 50% verkaufen wollte, das geschäft mit den occasionen schien nicht gut zu laufen, zwei monate später war die secondhandabteilung verschwunden.
    leider wollte mir der ladenbesitzer weder die platten noch das versprochene geld herausgeben. er hätte zuviel aufwand gehabt und alles entsorgt.
    nach einem kaffe, im restaurant neben an, gingen wir zurück in den musikladen, suchten uns sieben absolute perlen aus, gingen zur kasse und erklärten unser anliegen nochmals und gingen dann ohne zu bezahlen von dannen. vor der ladentüre wären wir auch sofort bereit gewesen, einen sprint hinzulegen.

  3. lava. sagt:

    böser junge..genialer junge.

  4. bleublueblau sagt:

    “verbrauchte Luft, schon tausend Mal gefressen” – das scheint bei allen Kaufhof-Filialen so gewesen zu sein. Ist mir als Kind jedes mal so schlecht von geworden, dass die Haende beim Klauen viel zu sehr gezittert haetten. Schien mir stets eine gute Methode, Diebe fern zu halten aber Du warst wohl tougher. Hut ab!

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