Camilla, und die Anderen

“Junger Mann, sagen Sie, ist das hier gar kein Bahnhof mehr?”

“Nee, schon lang nicht mehr.”

“Das gibt’s doch nicht.. Ich muss nach Köln!”

“Einfach links den Weg runter und der Beschilderung folgen, bis zum Haltepunkt Mitte.”

“Haltepunkt.. Ich bin ja nur zu Besuch. Man kennt sich gar nicht mehr aus. Ist denn da auch der neue Bahnhof?”

“Nee, nur ein Haltepunkt. Einfachs links den Weg runter.”

“Und der neue Hauptbahnhof? Wo ist der?”

“In Ohligs.”

“Ohligs? Was macht der denn in Ohligs?”

“Hm, na ja. Der steht da und lässt Züge rein und raus. Was Bahnhöfe so machen.”

Er entfernte sich murmelnd. Dann blieb er stehen, und drehte sich langsam um.

“Aber was ist da bei euch in der alten Schalterhalle los? Da ist doch was los bei euch. Das seh ich doch.”

“Hier ist ne Design-Ausstellung von Studenten aus Europa. Treten Sie ein. Ist öffentlich. Ist umsonst.”

“Jessas, da dank ich schön. Design, nee! Muß ich nicht haben. Ich muß nach Köln-Nippes.”

Man kann nicht sagen, dass der Job eine besondere Herausforderung darstellte. Die bloße Anwesenheit genügte in der Regel, doch zusätzlich zum Hartz 4-Grundgehalt für einen Euro die Stunde ab und zu eine Information raushauen, während man eine Pausenzigarette in Arbeit hatte, mein Gott, es gab schlimmeres. Einen anderen Ein-Euro-Job zum Beispiel. Einen, wo man unter Aufsicht stand. Hier gab es keine Aufsicht, wir waren unsere eigene Aufsicht. Manchmal saß ich eine geschlagene Stunde lang vor der Tür und blinzelte in die Sonne, und wenn ich keine Lust mehr hatte, ging ich in die alte Schalterhalle und setzte mich auf den Stuhl in der Ecke des Kubus und guckte mir meine Schuhe an.

(Was Schuhe anbelangt, die müssen ihren Platz an meinem Fuß erst erkämpfen. Sie müssen robust sein, und Widerstand leisten. Sie müssen das Maul aufmachen. Ich unterhalte mich gerne und nicht gerade selten mit meinen Schuhen).

Den Holzkubus, etwa dreißig Meter lang, fünfzehn Meter breit und nach oben offen wie eine riesige Sperrholzkiste, hatte man in die rundum verglaste 50er Jahre-Schalterhalle des alten Hauptbahnhofs gebaut. Ein großer Holzkubus in der Schalterhalle eines denkmalgeschützten ex-Bahnhofs, darin eine auf sechs Monate angelegte Internationale Design-Ausstellung, die meine Kollegen und ich für kleines Geld zu betreuen hatten, das war die Sachlage.

Wir waren ein loser Haufen von mal sechs, mal sieben Leuten. Gemeinsam war uns, dass wir ein paar Klamotten im Schrank hatten und nicht völlig ruiniert aussahen, schließlich handelte es sich um eine repräsentative Maßnahme. Man rechnete mit Gästen aus aller Welt. Englisch war von Vorteil.

Heidi, Ende Dreißig, Mutter zweier heranwachsender Töchter, bißchen pummelig, aber nicht unansehnlich, war es gewohnt, Dinge zu wiederholen, weil wir Kollegen nie richtig hinhörten. Wenn sie morgens den Sozialraum aufschloss, setzte sie erst mal Kaffee auf, für die ganze Belegschaft. Das hatte sie am ersten Tag der Maßnahme getan, und seither hielt es jedermann für selbstverständlich, dass sie es auch weiterhin tun würde, bis zum Ende aller Kaffeeplantagen und Maßnahmen zur Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen.

Einmal stieß ich gutgelaunt die Tür zum Sozialraum auf und flötete vor mich hin, und weil ich mir sicher war, allein zu sein, ließ ich einen fahren, richtig einen knattern, wie ein einlaufendes Fax, und dann noch einen, laut und übelriechend. Ich ging zur Spüle, wo die Kaffeemaschine mit frisch gekochtem Kaffee stand, und genau in dem Moment, als ich mir den Phosphor-Muff vom Hintern wedeln wollte, sah ich sie: im fahlen Licht, am Tisch, ganz still.

“Oha..”, sagte ich.

Heidi lächelte.

“Ich dachte..”, setzte ich an.

“Ja”, unterbrach sie mich belustigt, “das denken alle. Dass sie alleine sind, wenn ich im Raum bin..”

Wir waren als Ein-Euro-Kräfte engagiert worden, um das Publikum an die Hand zu nehmen und durch die Ausstellung zu führen, aber wir fungierten hauptsächlich als Aufpasser, weil die Leute einfach nicht die Finger von den gut fünfzig Prototypen lassen konnten. Mal war ein Stück Kunststoff abgebrochen, mal fehlte ein Zinken an einer modernen neuen Gabel. Das galt es unter allen Umständen zu verhindern. “Bitte nicht anfassen!” “Please don’t touch!” “Die Flossen da weg!”

Im Sommer bummelte eine 30köpfige Delegation italienischer Bürgermeister und Bürgermeisterinnen aus dem Großraum Mailand durch die Ausstellung. Man war auf Besichtigungstour durchs Ruhrgebiet, wie mir der deutsche Organisator erklärte, und nun wollte man sich anschauen, was junge Designstudenten aus Europa im Ruhrgebiet so ausstellten.

“Ruhrgebiet, soso. Dass Solingen und das Ruhrgebiet wenig miteinander zu schaffen haben, ist Ihnen aber schon klar”, sagte ich zu ihm. “Oder nicht?”

Er nickte ein bisschen ertappt, ein bisschen angefressen, ein bisschen ganz schön griesgrämig. “Das weiß ich schon. Aber die Ausstellung passt nun mal gut in den Rahmen der Rundreise. Ich meine, die Damen und Herren sind ja alle aus der Umgebung von Mailand, also, da haben die naturgemäß mit Design viel am Hut.”

Er wartete darauf, dass ich naturalmente antwortete. Weil von mir aber nichts kam, hatte er etwas Extrazeit gewonnen und musterte heimlich den Bratarsch einer italienischen Dorfbürgermeisterin, die sich zum Kuchengeschirr runterbückte, dem exzentrischen Beitrag einer jungen Design-Studentin aus Ljubljana, wie das kleine Schildchen am Objekt verriet.

“PLEASE, DON’T TOUCH!” schrie Kollegin Camilla und schnellte aus ihrem Stühlchen hoch, trotz ihres immensen Bratarsches.

Willkommen im Europa der Bratärsche.

“Heute Nachmittag sind wir im Binnenhafen Duisburg zu Gast”, fuhr der Organisator der Rundreise fort und ich entfernte mich unauffällig aus dem Kubus. Eine Spezialität von mir und Ergebnis langjähriger Praxis: mich verpissen, Leine ziehen, schön davonstehlen. Darin war ich die Nummer 1. Einer der ganz großen Könner auf dem Gebiet. Davonstehlen war schon immer der goldene Boden, auf dem ich mich bewegte.

Vorm Bahnhofgebäude stand Kollege Donato, ein lässiger Sizilianer, der neunzig Prozent seiner Arbeitszeit mit dem Handy am Ohr verbrachte, die restlichen zehn Prozent gingen fürs Eingelen der Haare und Rauchen drauf. Er rauchte abwechselnd Pall Mall ohne Filter und Peter Stuyvesant, eine abenteuerliche Mischung. Wenn Peter Stuyvesant die Zigarette für den Weltbürger war, dem alles leicht von der Hand ging, dann reichte Pall Mall bis weit in den Weltraum und war starker Tobak.

Donato machte keinen Hehl aus seiner Verachtung für die Ausstellung, diesem ganzen Design-Schnickschnack aus mobilen Zahnarztstühlen, ferngesteuerten Tischleindeckdichs und wellenförmigem Essbesteck. Auch ich hatte Schwierigkeiten, es Ernst zu nehmen, irgendwie war alles Camping, was die Studenten sich ausgedacht hatten, und alles andere als camp.

Zur Mittagszeit floh die 60beinige Delegation aus Mailand ins benachbarte Edel-Restaurant.

“Womit füttert ihr die Italiener denn ab?” fragte ich einen der geschürzten Kellner, ein cooler Bube mit Drei-Tage-Bart. “Spaghetti Carbonara?”

Er zog die linke Augenbraue in die Höhe. Dadurch geriet die linke Gesichtshälfte ins Rutschen, und er sah plötzlich sehr mitgenommen aus, wie kurz nach dem Schlaganfall. So hättest du nie und nimmer einen Ein-Euro-Job bei uns ergattert, dachte ich, nicht bei uns, Freundchen, mit dieser Fratze, halb in den Hals gerutscht.

“Die kriegen Rheinischen Sauerbraten”, murrte er, “mit Möhrchen untereinander.”

Ich beobachtete die Schuljungs, die sich am Bahnhofsvorplatz die Beine in die Skateboards standen, wer der Chilligste war. Sobald einer der Picos sich herabliess und ein Kunststück vorführte, kam Trixi angesprungen, die pummelige ältere Pudeldame, die zum Inventar der Spielhalle Die Dose gehörte. Sie hatte Herztabletten und ein neues Hormonpflaster verschrieben bekommen und nun tanzte und hüpfte sie um die Skater herum, wie ein fabrikneuer Tischtennisball.

Dann war da noch Rentner Charley, der hagere alte Billard-Gauner mit dem Kaspergesicht, der in der Dose als Aufpasser beschäftigt war. Und als inoffizieller Rattenfänger. Das Gelände um den alten Hauptbahnhof hatte einige Jahre brach gelegen, und nun verteidigten die Ratten ihr angestammtes Revier, wollten es nicht kampflos hergeben. Langanhaltender Regen spülte die Ratten aus ihren Löchern, sie promenierten in Mannschaftsstärke die Bahnhofsstraße rauf und runter, in einer provozierenden Selbstverständlichkeit, die den alten Billard-Gauner Charley fast um den Verstand brachte.

“VERFLUCHTES GELICHTER!” brüllte er, und ging auf die Hatz. Er hatte sich dieses Luftgewehr besorgt. Ich hörte einen Knall und ging hinaus. Der alte Gauner hielt eine fette Ratte beim Schwanz gepackt und ließ sie kopfüber baumeln. Er erklärte sie schon für tot, als die Ratte, noch in seinen Händen, sich plötzlich aufbäumte und nach ihm schnappte. Erschrocken warf Charley sie in Richtung Wiese, das Tier landete auf allen vieren und flüchtete im Zickzack davon, während Charley mit dem Luftgewehr nachsetzte, umsonst.

Meine Kolleginnen Camilla und Ute, die beiden renitenten Polit-Weiber, Lieblings-Begriffe faschistoid und Mandat, saßen in der Schalterhalle im Kubus auf ihren Aufpasserstühlchen und verquasselten die Zeit. Dieser unbändige Drang zu quasseln ohne Pause. Ich musste mich in Acht nehmen, dass ich nicht wahnsinnig wurde, wenn ich mich in der Nähe der beiden aufhielt. Dass sie mich nicht ansteckten. Dass ich nicht in ihren Bann geriet und plötzlich mitplauderte, aus endlosen Dampfkästchen.

Camilla hieß mit Nachname Taylor, seit sie in jungen Jahren einen US-Soldaten geehelicht und bald wieder verlassen hatte. Camilla Taylor, hätte sich mit diesem Namen nicht Karriere machen lassen, was sprach dagegen? Sie selbst, wie ich bald erfahren sollte. Mir ist jedenfalls nie wieder ein Weibsbild begegnet, das beim Gehen so bekloppt mit den Armen schlenkerte. Das heißt, es war ja nur ein Arm, der schlenkerte, der andere wurde von der großen Handtasche blockiert. Sie marschierte voran wie beim nordkoreanischen Militär, im Stechschritt, einarmig schlenkernd und quasselnd. Ein anatomisches Wunderkind, mit großer Handtasche.

Camilla und Ute hatten sich angefreundet, eine zwangsläufige Geschichte. Ute, gelernte Sozialarbeiterin, hatte wie Camilla ihren langjährigen Job verloren. Darüber war sie korpulent und missgünstig geworden, sie glaubte, im Leben ständig zu kurz zu kommen und gönnte sich daher beim Abendessen eine Extraportion Kohlenhydrate. Ein Bollwerk aus Nudeln, das mit Männern abgeschlossen hatte. Männer existierten im Weltbild von Ute nur noch als faschistoide Tittengrabscher.

“Wenn schon dicke Titten, dann richtige Euter wie in alten Russ Meyer-Filmen, und nicht so künstliche Ballerbrüste mit Silikonkissen drin”, stänkerte Kollege Norbert, ein arbeitsloser Foto-Laborant, der dabei erwischt worden war, wie er während der Arbeitszeit Pornos aus dem Internet gezogen hatte. Wir hatten alle herzlich gelacht, bis auf Camilla und Ute. Die nicht.

Ute erinnerte mich an die leidende Stutenfresse von Jodie Foster. Aber das hier war die Großtantenversion von Jodie Foster, in Cinemascope. Eine Artistin des Beleidgtseins. Immerzu fand sich jemand Anderes, der an der eigenen Misere Schuld trug, natürlich Männer, die sie an ihrer weiblichen Entfaltung hinderten. Sie haderte und haderte und haderte und haderte. Vielleicht war es ja ihr Job, nein, ihre Berufung, mit der Welt zu hadern. Sie hatte gut zu tun.

Meist hockten Camilla und Ute beieinander und hetzten über Kapitalisten und Männer und große Konzerne, was in ihren Augen ein und dasselbe war. Ich konnte nichts damit anfangen. Linke Aktivisten waren mir ein Greuel. Sie hatten zwar in vielem Recht, was sie anprangerten, das Dumme war nur, dass ständiges Rechthaben wie Rechthaberei klang.

“Frag doch mal die Jugend”, hatte ich zu Camilla gemeint, “ob die noch groß Gerechtigkeit wollen. Ob die das Thema groß interessiert. Die wollen einen schicken Job und ein schickes Auto mit Interieur aus dem Urwald. Das wollen die. Deine beschissene Gerechtigkeit ist denen schnuppe.”

Camilla quietschte vor Zorn. Ihre Schneidezähne waren stumpf geworden vom vielen Saxofon blasen, sie war ein begeisterte Amateurmusikerin, (begeistert, nicht begnadet), und sie quietschte, wenn sie aufdrehte, wie eine rückwärts rasende Tanzmaus.

“Ich kämpfe für Gerechtigkeit und nicht für so eine.. Jugend”, entgegnete sie erregt, “ich kämpfe für.. für.. für mich!”

Ja sicher. Eigentlich mochte ich sie gern. Camilla hatte Herz, und sie quietschte schön mit den Schneidezähnen.

“Und was Gerechtigkeit betrifft”, fuhr ich fort. “Würde man alle Ungerechtigkeiten auf der Erde aufzählen, müsste man um Mitternacht damit anfangen, ohne Pause bis zum nächsten Abend durchmachen und dann früh zu Bett gehen, weil am nächsten Tag soviel Arbeit auf einen wartet.”

“Du spinnst”, meinte Camilla.

Sie war ein Mensch, der sich ständig für neue große Dinge begeistern musste, sonst wurde ihr schnell langweilig. Dummerweise haben große Dinge es so an sich, dass sie selten geschehen, und kleine Dinge fallen durch den Rost. Da muss man sich schon vorsehen, dass am Ende überhaupt was übrig bleibt.

Einmal liess Camilla alte Fotos herumgehen, Fotos aus Kinder-und Teenietagen, auf denen ihre Augen noch sanft und voller Melodie gewesen waren. Wenn sie nun eine Doppelschicht fuhr, was am Wochenende gang und gebe war, also von morgens um zehn bis abends um sechs, dann bröckelte spätestens am Nachmittag ihr Make up und sie sah aus wie eine vertrocknete alte Farbpatrone. Arme Camilla.

“Du spinnst”, quietschte sie.

Zwei Monate nach Eröffnung der Ausstellung kamen immer weniger Besucher, die meiste Zeit saßen wir auf unseren Stühlchen und lasen Clever & Smart oder vertändelten sonstwie die Zeit. Ich guckte auf meine Schuhe, Donato schraubte seine 90 Prozent Handy am Ohr auf skandalumwitterte 97 Prozent hoch, er befand sich in schwindelerregenden Flatratehöhen und rauchte Pall Mall.

Ein paar Tage vor Ausstellungsende erschien ein alter Mann auf Krücken in der Schalterhalle, in Begleitung seiner beiden Töchter. Wir erfuhren, dass er an diesem Tag seinen neunundneunzigsten (!) Geburtstag feierte. Zu diesem Anlass hatte er sich eine kleine Tour durch seine geliebte Heimatstadt gewünscht, inklusive Abstecher zum restaurierten Alten Hauptbahnhof im Südpark.

“Nee! Wat is dat schön jeworden hier!” fuchtelte er mit der Krücke vor meiner Nase herum. “Ich bin ja nen aulen Schlieper!”

Schlieper sind traditionelle Solinger Messerschleifer. Was im übrigen keine einfache Sache ist, Messerschleifen. Das ist eine Kunst für sich. Als Jugendlicher hab ich mal einen Tag lang als Ferienjob in einer Hinterhofbude auf der Baumstrasse  Gemüsemesser geschliffen, die konnte der Chef hinterher samt und sonders in die Tonne kloppen, so stumpf waren die Dinger, wie Frotteehandtücher.

Für seine bald hundert Lebensjahre war der Alte noch verdammt rosig um die Backen. Er packte sich das ausgestellte futuristische Kochgeschirr der Design-Studentin aus Ljubljana und verteilte darauf seine Fingerabdrücke.

“Och, nee! So wat gab et aber früher nich!”

“Nicht anfassen, Vati!” sprangen seine Töchter, auch schon um die sechzig, hinzu, hingen doch überall diese freundlichen NICHT ANFASSEN-Aufkleber, EINZELSTÜCKE!

“Nee, is jut. Ich pack dat nich an. Is ja jut..”

Keine zwei Ausstellungsstücke weiter, die Krücke hatte der Alte längst der Tochter zugeschoben, patschte er mit den Fingern über die transportable Herdplatte.

“Is ja gar nich heiß!” zwinkerte er.

“VATI!!”

Ich gratulierte natürlich zum Ehrentag. “Was ein stolzes Alter”, sagte ich.

“Ich wohn in Widdert”, sagte er. “Kennste Widdert?”

“Ja, sicher kenn ich Widdert. Ich bin Solinger.”

“Ich wohn aber hinten durch, unten an der Wupper, hinter Widdert. Kennste dat auch, Jung? Nächstes Jahr werd ich hundert. Kannste kommen. Bringste die Puppen mit.”

Je länger der kleine Familientrupp zu Gast war, desto mehr interessierte er sich für die Ausstellung. Eine internationale Jury hatte die gelungensten Exponate prämiiert. Ganz vorne war ein mobiler Trinkbrunnen, an jeden Hydranten anschließbar. Die Töchter fragten mich aus, wollten dieses und jenes wissen, und ich erzählte, was ich so alles gelernt hatte während der sechsmonatigen Ausstellung. Viel war es nicht. Eigentlich gar nichts. Ich stand schließlich ständig draußen in der Sonne und rauchte Pall Mall, woher zum Teufel sollte ich wissen, was es mit dem Modell des City Micro Stadtautos auf sich hatte?! Ich geriet ins Schwimmen. Ich kapierte das winzige Ding nicht. Es hatte merkwürdig starre Hinterräder, deren Funktionsweise ich mir nicht erklären konnte, geschweige denn dem Geburtstagskind, das überraschend fit im Kopf war.

“Sieht aus wie ne Lokomotive!” rief der Alte, die Patschefinger schon im Chassis. (Kunsthochschule Berlin-Weißensee). “Aber wie kann dat denn fahren? Dar fährt doch nich! Is doch viel zu stieselig!”

“Tja, das ist äh ein integrales Fahrzeugkonzept für den Individualverkehr”, las ich aus der beigefügten Konstruktionszeichnung die Überschrift vor. “Vielleicht wissen meine Kolleginnen, wie das genau funktioniert, Moment.”

Ich rief nach Camilla und Ute, erhielt aber keine Antwort. Camilla watschelte gerade stupszähnig Richtung Klo, die unvermeidliche Bio-Möhre in Arbeit, und da Kollegin Ute draußen in der Sonne hockte und sich eine Portion Fertig-Nudelsalat gönnte, direkt aus dem Plastikkanister, blieb die Verantwortung wohl oder übel an mir hängen. Die beiden Töchter des Alten blickten einander an.

“Tja, man kann sich das Personal nicht aussuchen”, bedauerte ich, und draußen knallte die Büchse. Charley, der alte Billardgauner aus der Dose, war wieder in Aktion.

“VERDAMMTES GELICHTER!”

Am Tag der Finissage kam ich mit dem Geschäftsführer des Design-Instituts ins Gespräch, das ebenfalls im Alten Bahnhofsgebäude untergebracht war. Man suchte einen Mitarbeiter für die Bibliothek, die, frisch ausgestattet mit 10.000 Büchern rund ums Thema Design, neu eröffnen sollte.

“Mach ich”, sagte ich, und schlug ein.

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

6 Antworten zu „Camilla, und die Anderen“

  1. lava. sagt:

    “Oha..”, sagte ich.

    Heidi lächelte.

    “Ich dachte..”, setzte ich an.

    “Ja”, unterbrach sie mich belustigt, “das denken alle. Dass sie alleine sind, wenn ich im Raum bin..”

    (hab so laut glacht, im Büro guckten alle rüber..)

  2. kurt sagt:

    the cry sta(hl ship…(subtitu la do En)..
    some
    too for
    being else..

  3. kurt sagt:

    sie lümmel

  4. leia sagt:

    Hallo Herr Glumm,
    ich finde Ihre Sicht auf die Dinge toll, nach dem Lesen Ihrer Geschichten habe ich immer das Gefühl für kurze Zeit die Welt auch so zu sehen.

  5. kurt sagt:

    ich muss immer lachen.

Klappe auf

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 669 Followern an