Pisser

Bei jeder Party, die Binkenborn veranstaltete, gab es diesen einen Moment, wo ich ihm über den Lärm und die Party-Musik hinweg The day I was born.. zurief, und aus irgendeiner Ecke donnerte es fort, .. I was born a Binkenborn!

Wir waren über mehrere Ecken miteinander verwandt, wobei niemand zu wissen schien, wie es sich mit der Verwandtschaft nun genau verhielt. Das war aber auch nicht weiter wichtig. Unsere Eltern waren seit Jugendtagen eng miteinander befreundet, auch sie hatten schon zusammen gefeiert, das stand mal fest, das reichte.

Dass Binkenborns Parties Legende sind, lag nicht zuletzt an den großzügigen Lofts, die er bewohnte. Das bekannteste war das an der Gasstraße. Wer das Dachgeschoß in dem Gründerzeithaus betrat, verliess die Erde, und es gab Nächte, da fand kaum jemand zurück, und wenn doch, dann nur zeitversetzt und mit Umweg übers Paralleluniversum.

Im Loft an der Gasstraße gab es ein Podest, so groß, dass ganze Blues-Bands darauf jammen konnten, und da Binkenborn ein begnadeter Mundharmonikaspieler war, sein Idol war der große Cannonball Adderley, gipfelte jede Party in einer gewaltigen Blues-Session und Knockin’ on heavens door als Reggae-Version. Dazu flackerte die Discokugel gefährlich nah über den Köpfen hin-und her, getanzt wurde noch auf dem von schmiedeeisernen Putten befriedeten Balkon und im Kabinett.

Zwischendurch musste ich aufs Klo, oder um den alten Kapitän zur See zu zitieren, der das Erdgeschoss angemietet hatte: “Ordnung muss sein, aber schiffen muss ich auch.”

Bei gedimmten Lichtverhältnissen betrat ich das Bad und sah unter mir ein schickes, geradezu edles Klosett, das so niedrig war, als hätte der Architekt es direkt in den Fußboden eingelassen. Literweise Pisse floss aus mir heraus, ein Feten-Mix aus Bier, Wodka und selbstgemachter Ochsenschwanzsuppe, für die Binkenborns damalige Puppe weltberühmt war in der Klingenstadt.

Ich strullerte so schwer, als verrichtete ich eine Geburt im Stehen. Dazu die Party-Musik und das Stimmengewirr von draussen, ich war guter Dinge. Lediglich die Stille zu meinen Füßen irritierte mich, warum da nichts plätscherte.

“Bestimmt ein wattiertes Super-Porzellan”, zollte ich Binkenborn Respekt, beim Abschütteln. Womit er sein Geld verdiente, war mir nie so recht klar geworden, es hatte mit Telefonverkauf zu tun. Das machte Sinn. Auch wenn er einem ein Loch in die Brieftasche laberte, man ging nie ohne das Gefühl, ein ganz dickes Brötchen geschmiert zu haben.

Ich guckte mir das WC genauer an, bückte mich tief runter. Noch tiefer, und ich wäre mit der Nase angestoßen. Kein Fitzel Urin stand in der sanitären Anlage. Der übliche Nösel Wasser aus dem Spülkasten, mehr nicht. Ich machte Licht, dann sah ich es die Bescherung. Direkt neben der Kloschüssel lag ein dicker dunkelroter Plüschteppich. Mit der Schuhspitze machte ich den Test. Es gab dieses flappende Geräusch, wenn man nach dem Wolkenbruch über den aufgeweichten Campingplatz Richtung Klohäuschen watet. Und das mir, dem erstgeborenen Sohn einer gestandenen bergischen Klempnerlegende.

Empört kehrte ich zur Party zurück und behielt die Dame des Hauses die nächste halbe Stunde penibel im Blick. Als sie bekannt gab, mal eben für kleine Mädchen zu müssen, war ich ruckzuck in der Jacke und hörte ihre verstörten Aufschreie erst, als ich die Wohnungstür sachte hinter mir zugezogen hatte und die Treppenstufen nahm, immer fünf auf einmal, down to earth.

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2 Antworten zu „Pisser“

  1. brammbus sagt:

    man man man..gehört zu deinen besten kurzgeschichten gant oben..

    noch..
    herrlich..

  2. Der Binken sagt:

    Lieber Glummi, wat war´et doch ´ne schöne Zeit! Korrigierend muß ich aber leider doch noch hinzufügen;

    a) es war mein erster und einzigr “Loft”!
    b) es war eine “normale, bordaux-rote, beim OBI gekaufte Toiletten-Garnitur!” auf die Du anscheinend gepisst hast!
    c) meine damalige Frau war defintiv zu “breit”, um überhaupt DeInen Abgang zu bemerken,
    d) es war schön das Du da warst und Dich überhaupt daran eriinnerst und dem entsprechend den “Pisser” geschrieben hast!
    e) ich freue mich darauf, wenn wir uns wieder sehen……

    Alles Liebe, der Binken

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