Herzland, 3

Intensivstation. Jeden Abend gibts eine Thrombosespritze in den Bauch. Man kann sie sich auch ins Bein jagen lassen. Ich bleibe beim Bauch. Auch die weißen Thrombosestrümpfe lagen schon bereit, vorgestern im Herzkatheterraum, wie ich höre, wurden aber nicht übergezogen. Warum, weiss niemand. Normalerweise sind Thrombosestrümpfe Pflicht, sagt die Schwester.

Wieviel Herzinfarkte gibt es in Solingen jeden Tag, Schwester?

Hm. Das ist verschieden.

Na, so ungefähr.

Manchmal zehn, manchmal gar keiner. Warum?

Na, nur so.

Bei anhaltend schwülem Wetter häuft es sich, und im Winter, wenn die Leute frühmorgens Schnee schippen wie die Bekloppten. Dann ist Alarm hier auf Station.

War ich vorgestern der einzige mit Herzinfarkt?

In Solingen?

Ja.

In Solingen schon, ja.

*

Die Bildschirme werfen Tag und Nacht ihr Licht ins Zimmer, wie eine Wachmannschaft auf Dauerpatrouille. Die Geräte messen die Sauerstoffsättigung im Blut, der Puls wird kontrolliert, steriles Wasser läuft in meinen Arm, in meiner Nase steckt eine Sonde. Als ich eingeschlafen bin, muss jemand die Blutdruckmanschette neu eingestellt haben, statt alle zwanzig Minuten wird der Blutdruck plötzlich alle Naselang gemessen. Ständig bläst sich die Manschette auf und wird so hart, dass ich denke, mir knallen die Oberarme durch. Das nervt. Ich nehm die Manschette ab, lasse sie am Bett runterbaumeln. Es dauert keine Viertelstunde, steht die Schwester am Bett.

Ist abgegangen, sag ich.

*

Da die Enzymwerte im Blut noch zu hoch sind, kann ich die Intensivstation noch nicht verlassen, sagt der Kardiologe. Vielleicht morgen.

Ist nicht schlimm, es gefällt mir auf der Intensiv. Pflegerinnen und Pfleger haben Zeit für einen, und es ist schön ruhig, kein Geschrei auf den Gängen. Das sage ich auch der Schwester, als sie nach mir schaut.

Schön ruhig, ja. Das hat auch seinen Grund, sagt sie, heut Nacht ist hier jemand gestorben, und das schlägt allen aufs Gemüt. Eine Frau ist gestorben, die sehr lange auf der Intensiv gelegen hat.

Später karrt Schwester Simone ungefragt den einzigen tragbaren TV-Apparat der Station an, damit ich das Pokalfinale sehen kann. Als das Spiel läuft, gucke ich kaum hin. Selbst, dass Bayern verliert, lässt mich kalt. Hauptsache es steht ein Apparat am Bett, der nicht irgendeine Körperfunktion misst.

*

Heute wurde ich Zeuge des stillsten Verwandschaftsbesuchs aller Zeiten. Meine dem Tod entgegendämmernde Zimmergenossin bekommt Besuch von ihrer Tochter und ihrer Enkelin. Punkt 15 Uhr, zu Beginn der offiziellen Besuchszeit, öffnet sich die Tür, die beiden Frauen betreten das Zimmer. Mit bangem Blick, und ohne mich auch nur im geringsten wahrzunehmen. Nur zögerlich nähern sie sich dem Krankenbett, und verschwinden aus meinem Blickfeld, hinter dem weissen Rollvorhang. Ab und zu verlässt die Enkelin, die Augen voller Tränen, die Todeszone und nimmt Platz auf einem Besucherstuhl. Es fällt kein Ton. Kein Hallo Mama, kein Hallo Oma. Ich höre nur das übliche Auf und Ab des Beatmungsschlauches. Nach zehn Minuten verlassen die beiden Angehörigen das Zimmer. Wie Klageweiber in der Vorbereitung. Man trägt noch nicht schwarz, aber das Gemüt ist schon eingemeindet.

*

Ich weiss gar nicht, in welcher Etage des Klinikums ich mich überhaupt aufhalte, wo die Intensivstation liegt. Ich schätze, es ist der fünfte oder sechste Stock. (Später erfahre ich, es ist das Erdgeschoss.) Wenn ich aus dem Fenster schaue, seh ich in einigen hundert Metern die Müllverbrennungsanlage. Wie eine alte Dampfmaschine mit hohem Schornstein steht sie da, und in der Morgensonne glitzern die silbern ummantelten Rohrleitungen. In der Nacht, wenn die MVA beleuchtet wird, liegt sie da wie eine schlafende Raketenabschussrampe, in der Version der Augsburger Puppenkiste.

*

Sonntagmorgen, neun Uhr, Visite. Zwei Ärztinnen und der kleine polnisch aussehende Doktor treten an mein Bett.

“Sie dürfen die heiligen Hallen heute wahrscheinlich verlassen und werden rauf auf die Kardiologie verlegt”, sagt er, “wenn die Werte in Ordnung sind.”

Eine Ärztin nickt.

“Ja, die Werte sind wahrscheinlich in Ordnung.”

Nach dem Aufwachen heut Morgen wurde mir sofort Blut abgezapft, zum xten Male. Meine Arme sind blau wie Pflaumenmus.

“Der Infarkt sollte noch einige Tage ausheilen, und dann müssen Sie noch mal in den Katheterraum. Der dritte Stent muss noch gesetzt werden.”

*

Erinnerungsfetzen: Im Rettungswagen, ich liege auf der Bahre, ruft von draussen ein Sanitäter: “Unter der Nummer ist niemand zu erreichen.”

“Ist aber die richtige Nummer”, flüstere ich und wiederhole die Zahlenfolge, langsam wegsackend. Der Wagen fährt an, ich nehme das metallische Zuschlagen der Schiebetür wahr, und eine gewisse Kühle. Dahinter eine erregte Männerstimme: “Die Fußgängerzone ist blockiert!” Von da an halte ich die Augen geschlossen, es rappelt und rumpelt, als während der Fahrt eine Infusion gelegt wird.

“Einmal Diazepam läuft durch.”

Ich öffne die Augen erst wieder, als ich im Klinikum in den Herzkatheterraum gerollt werde und mir auf dem OP-Tisch in Nullkommanichts Strümpfe, Hose und Hemd runtergezogen werden. Wie ein Fisch fühle ich mich, der in Windeseile skelletiert wird.

“Ruhig bleiben, Herr Glumm. Ruhig.. Wir retten Sie jetzt.”

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4 Antworten zu „Herzland, 3“

  1. kurt sagt:

    ist üfter das nichts unter den füssen

    ich hab mich drann im
    hihi
    ich meein glückskeks

  2. Andreas Gohr sagt:

    Der letzte Satz it großartig. Simpel aber stark.

  3. lava. sagt:

    Herzinfarkt, Leben, Schreiben, Tod..
    Willkommen zurück!

  4. oliver2punkt0 sagt:

    Ich höre heute noch nachts, ein Jahr später, die ganzen Maschinen.
    Klasse geschrieben.

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