Die Kindheit endet nie. Höchstens mal ein Seminar, oder das Leben. Aber die Kindheit – nie.
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Fatal, wie der kleine Bursche vom Campingplatz es geschafft hat, mich reinzulegen. Dabei war ich mir so sicher, dass er ein steifes Bein hat.
Ach was, der spielt nur, der hat doch kein steifes Bein, meinte Sanne dagegen mit schnellem Blick. Der spielt Humpelbaron.
Nee, der spielt nicht. Guck mal, was für ein verzerrtes Gesicht der hat. Der ist mit steifem Bein zur Welt gekommen, das sieht man doch.
Weisst du, was ich sehe? Ich sehe ein Kind, das für sich alleine spielt, und Kinder haben es faustdick hinter den Ohren, wenn sie für sich alleine spielen. Die tun nur niedlich, wenn Erwachsene in der Nähe sind. Wenn sie alleine sind, spielen Kinder grausame Sachen. Steifes Bein und so. Humpelbaron.
Davon wollte ich aber nichts hören. Ich stand im Bann eines kleinen Lausejungen, ich war blind für eine andere Perspektive. Besonders dieses eine Bild hat sich eingeprägt, wo der Bursche aus dem Vorzelt kommt und im Regen zum Auto humpelt, das neben dem Caravan auf der durchgeweichten Wiese parkt. Der Wagen ist abgeschlossen, also muss er zurück ins Vorzelt, um vom Vater den Schlüssel zu holen, und die ganze Zeit stakst der arme Kerl mit seinem steifen Bein hin und her und hat Schwierigkeiten, auf dem tiefen Geläuf nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Kurz zuvor hatte ein Regenguss alle Camper in die Wohnmobile und Lord Münsterland-Caravans vertrieben, so war ich weit und breit der Einzige, der draussen unterm Regenschirm saß und den kleinen Belgier beobachtete. Mich nahm er aber nicht wahr, ich war Luft für ihn, die ganze Welt ist Luft für ihn – warum sollte er also so tun, als habe er ein wehes Bein, wenn ihm niemand dabei zuschaut?
Das macht doch keinen Sinn, sagte ich.
Der kleine Belgier ist ungefähr zehn Jahre alt, er trägt ein Fußballtrikot von Chelsea London. Zehn Jahre, das ist ein großartiges Alter, besonders im Nachhinein, wenn man alt ist und auf sein Leben zurückblickt. Aber im Nachhinein ist auch 51 ein großartiges Alter, wenn man 81 ist und ein steifes Bein hat voller Kampfadern.
(Krampfadern heisst das, sagt sie. Ich meine aber Kampfadern, sag ich.)
Am nächsten Morgen bin ich früh wach und seh den Jungen auf dem Fahrrad über den Platz stürmen, immer Vollgas. Er fährt Rennen gegen sich selbst, die Stoppuhr am Lenkrad befestigt, so dass er stets die aktuelle Rundenzeit ausrufen kann. Eene Minüt seven! verstehe ich ihn. Neben seiner Tätigkeit als Profirennfahrer ist er gleichzeitig Kommentator des flämischen Sportkanals. Mit zehn Jahren lässt sich alles sein, was man sich erträumt, und zwar alles auf einmal.
Zwischendurch schmeisst er das Rad auf die nasse Wiese und rennt ins Vorzelt, um sich was zu trinken zu genehmigen, einen Schluck aus der schnellen Pulle. Auf zwei höchst intakten Beinen.
“Der hat doch tatsächlich die ganze Zeit nur gespielt, der alte Hinkebaron”, staune ich auf meinem Beobachtungsposten.
“Wer?”
“Na, der Bursche da drüben, der kleine Belgier. Der hat überhaupt kein steifes Bein.”
“Sag ich doch.”
Mein Urteilsvermögen ist am Boden. Ich mein, man vertut sich schon mal und hält ein froschgrünes Laubblatt, das in der Abenddämmerung reglos auf der Erde kauert, für eine plattgetretene Kröte. Logisch, solche Sachen passieren. Aber das ein 10jähriger Pico mich dermaßen an der Nase herumführt..
Erst jetzt fällt mir sein leicht brutaler Gesichtsausdruck auf, seine bullige Statur, wie ein belgisches Kaltblut. Für sein Alter geradezu kriminell kalt und bullig. Ein flämischer Teufel. Wüssten alle Erwachsenen Bescheid, wie es um ihre lieben Kleinen steht, wenn sie alleine spielen, sie würden ihre eigene Brut schnell verstossen, denke ich und nicke heftig. Der Homo Sapiens hat eine weitere tiefe Kerbe in meinem Gemüt hinterlassen. Zutiefst gefoppt erhebe ich mich aus dem Campingstühlchen und blase auf dem Gaskocher den ersten Espresso des Tages an.
Drecksack.
31. Juli 2012 um 11:19 nachmittags |
Man(n) glaubt es kaum…und man will es eigentlich auch gar nicht wahr haben, aber diese kleinen Kröten laufen überall rum…vor allem in den Gegenden, wo Geld eigentlich nicht vorhanden ist..dies Bullenköppe, diese!! So ein Scheiss…aber immer wieder tauchen sie auf!
1. August 2012 um 3:43 vormittags |
das mit dem beinnachziehn kommt mir bekannt vor…hab ich da alter mann gespielt oder wars ne kriegsverletzung..hihi
ganz der Alte!
3. August 2012 um 8:18 nachmittags |
Immer wieder super!