Dass ich nie den Lappen gemacht hab, verfolgte mich bis in meine Träume. Nacht für Nacht sah ich mich hinterm Steuer, ich fuhr zur Arbeit, ich war ein normaler Mann, der wusste, wo das Benzin reinkommt: ein selbstbestimmtes Leben mit Tankdeckel, Motorenlärm und bei Rot über die Ampel.
Tja, war wohl nichts.
“Sei doch froh. Irgendwann will man überall dazugehören. Mit dem Führerschein fängts an, dann heiratet man, zuletzt schreibt man ein Kochbuch”, meinte die Gräfin. “Da kann man von Glück reden, wenn man erst gar nicht damit anfängt, dazugehören zu wollen, aus welchen Gründen auch immer.”
Ja, das klang gut, das klang nach Nonkonformität, nach Anderssein, nach Kampf dem Fließband, auch wenn die Wahrheit eher schlicht war: Ich hatte keinen Bock auf Gegenverkehr. Das stürmte und wieselte mir alles zu sehr, wenn ich mit der Fahrschule unterwegs war. Ich hatte stets Angst, dass mein Gegenüber nicht vorbeikommt und mich rasiert. Ich hätte einer der ersten Automobilisten sein müssen, die um 1900 herum die Strasse noch für sich allein hatten, das wäre in Ordnung gewesen. (Und dann mit der Tin Lizzy hupend gegen den einzigen Baum weit und breit.)
Punktum, ich hätte mehr Platz im Verkehr gebraucht. Ich teile Enge nur ungern. Wenig Platz, pff – wer braucht denn so was. Selbst dem Universum, wo man denken könnte, das ist riesig genug, da ist wirklich Platz, selbst dem Universum ist der Kragen zu eng, es expandiert täglich, wenn meine Beobachtungen stimmen. Freilich um irgendwann in sich zusammenzufallen.
Ist klar.
Mittlerweile ist mir Autofahren richtig verhasst. Selbst als Beifahrer besteige ich ein Auto nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Mitte Juli zum Beispiel, als die Gräfin und ich meinen alten Vater aus der Augenklinik abholten.
Grauer Star, Staroperation.
Dabei wird die trübe Linse aus dem Auge entfernt und durch eine Intraocularlinse aus Kunststoff ersetzt. Dann kann man wieder richtig aus der Wäsche gucken, hatte der Arzt gelacht. Dann ist der Vorhang weg. Ein total witziger Arzt. Ich hatte mit ihm telefoniert und sah einen Stand up Comedian vor mir, der sich beim Abschaben der Netzhaut Gags ausdenkt, mit denen er sein Publikum später zur Raserei bringen will. Hoffentlich ist bald Feierabend, denkt so ein Arzt mit hoher Wahrscheinlichkeit, ich hab heut super Witze drauf.
Nach der OP musste Vater die Nacht im Krankenhaus verbringen, zur Beobachtung, wie es hiess, aber schon am nächsten Vormittag, nach der Chef-Visite, würde man uns anrufen, und dann könnten wir uns auf die Socken machen, ihn abholen.
Am nächsten Morgen saßen wir zu Hause und warteten auf den Anruf. Ein heisser Tag. Es kam kein Anruf. Nicht um neun, nicht um halb zehn. Ruf da mal an, sagte die Gräfin.
Wieso, antwortete ich, die haben doch gesagt, die rufen an.
Ach, du weisst doch, wie das heute ist, sagte die Gräfin. Die eine Hand weiss nicht, was die andere tut. Beziehungsweise, die eine Hand hat gar keine Lust zu wissen, ob es überhaupt noch eine andere gibt.
Um elf rief ich in Wuppertal an.
“Ja, natürlich kann Ihr Vater abgeholt werden. Der sitzt schon seit zwei Stunden hier rum und wartet.”
Auf der Fahrt nach Wuppertal erzählte die Gräfin von früher, als sie noch drei Tage die Woche Bio-Gemüse auslieferte, mit dem großen Lieferwagen.
“Einmal lief im Autoradio School von Supertramp, genau in dem Moment, als ich an einer Schule vorbeikam. Es war Sommer und Ferienbeginn und Hunderte von Jungs und Mädchen strömten über die Straße und waren locker und gut drauf – ein gewaltiger Moment.”
I can see you in the morning, when you go to school, stimmten wir den Song an, wussten aber aber schnell nicht weiter. Zu lange her. School, von Supertramp. Ein Lied, zwölftausend Erinnerungen. Ich sah das blaue Albumcover vor mir, mit dem Universum und dem Kanaldeckel vorne drauf. Oder so.
“Und jetzt? Wohin jetzt..? Guck mal auf dem Zettel!”
Ich nahm den Computerausdruck von der Ablage und las hastig die Wegbeschreibung vor.
“Warum hat dir dein Bruder eigentlich so umständlich den Weg erklärt”, meinte die Gräfin später, als wir wieder in der Spur waren.
“Der ist eben anders gefahren. Keine Ahnung.”
Am Telefon hatte mir mein Bruder den Weg zur Helios-Klinik nach Wuppertal beschrieben, ab dem Moment, wo man die A 46 verlässt. Weil wir die Autobahn aber vermeiden wollten, hatten wir im Internet eine alternative Route herausgesucht, über Wuppertal-Cronenberg, ohne Autobahn. Da brauchten wir die Routenführung meines Bruders nicht mehr. Aber der war sowieso komisch gefahren. Irgendwie passte das nicht zusammen, der Weg, den wir über Cronenberg nahmen, und die Route, die mein Bruder beschrieben hatte.
Na schön. Viele Wege führen nach Rom, einer nach Amarillo und mindestens zwei nach Wuppertal. Vom Hahner Berg aus steuerten wir Elberfeld an. Kilometerweit ging es nur bergab, in Serpentinen hinunter in die große Betonpfanne, in der Mitte die Wupper. Die Gräfin parkte direkt vorm Eingang der Klinik, damit Vater nicht weit zu laufen hatte.
“Schon halb zwölf durch.”
In der hotelähnlichen Lobby hielt ich Ausschau nach Vater.
“Der ist bestimmt noch auf Station”, vermutete die Gräfin.
“Wir möchten gern meinen Vater abholen”, sagte ich an der Rezeption. “Er ist gestern operiert worden.”
Die Dame blickte auf den Monitor, sagte aber nichts.
“In Haus 2″, schob ich hinterher.
“Ein Haus 2 gibts hier nicht. Wie war der Name?”
“Glumm..”
“Ja, hier, Glumm.. Der ist aber in der Augenklinik.”
“Ist das hier nicht die Augenklinik?! Das ist doch.. die Helios-Klinik hier, oder nicht?”
“Schon, es gibt aber zwei Helios-Kliniken in Wuppertal. Hier in Elberfeld ist die Haut- und Herz-Klinik, aber die Augenklinik ist in Barmen. Da ist wohl was falsch gelaufen.”
Jetzt war auch klar, warum mein Bruder einen ganz anderen Weg genommen hatte.
“Sie müssen auf die Friedrich Engels-Allee, dann unter der Schwebebahn immer geradeaus bis das große SATURN-Haus kommt, und dann links rein..”
Als wir zurück im Auto waren und mit der neuen Wegbeschreibung bewaffnet losfuhren, brach sofort der Verkehr zusammen und wir saßen in einer Seitenstrasse fest. Seitenstrassen in Elberfeld sind grundsätzlich Einbahnstrassen, aus denen man kaum herausfindet, wenn der Verkehr stockt. Als wolle einen diese große bergische Stadt nicht aus ihren Klauen lassen. Es wurde heiss im Wagen. Der subtropische Hochdruckgürtel.
“Was eine Kacke! Das hätte uns irgendwie auch auffallen können, dass die Klinik in Barmen ist, wir aber nach Elberfeld fahren”, stöhnte ich, genervt vom ewigen Stop and Go. “Hoffentlich behält Papa wenigstens die Nerven.”
Mein Vater ist 86 und Witwer. Morgens und abends kommt der Pflegedienst, der darauf achtet, dass er regelmäßig seine Medikamente einnimmt und saubere Füße hat. Er hat Alterszucker und ist oft wackelig auf den Beinen, doch von einem Rollator will er nichts wissen. Er ist schwerhörig, weigert sich aber beharrlich, Hörapparate zu tragen. Zuletzt wurden auch seine Augen schlechter. Um überhaupt noch Zeitung lesen zu können, musste er mit zwei Lupen arbeiten, die er übereinander arrangierte, wie zwei olympische Ringe.
Am Tag vor dem Termin im Krankenhaus half ich ihm, ein paar Sachen zusammenzusuchen, von Medikamenten über den Einweisungsschein bis zum Kulturbeutel. Der war voll bis obenhin. Er hatte Rasierzeugs eingepackt, Seife, Zahnbürste, Zahnpasta, Haftcreme, einen Haarkamm, Waschlappen, Unterwäsche zum Wechseln, (darunter auch eine lange Unterhose, falls das Wetter umschlägt), zwei Paar Strümpfe, zwei Flaschen Mineralwasser und eine Wasserpumpenzange, mit der sich die störrischen Verschlüsse von Mineralwasserflaschen leichter aufdrehen lassen. Einen Kugelschreiber, Schreibblock, Ersatzkugelschreiber, Hausschuhe. Um den Hals trug er einen Brustbeutel mit 300 Euro drin. Und obwohl jedes Krankenhaus in Deutschland Patientenkleidung stellt, hatte er einen frischen Schlafanzug eingerollt.
“Sag mal, willst du einen Monat dableiben, Papa? Das ist doch nur für eine Nacht. Was willst du mit dem ganzen Kram?”
“Bei der OP könnte doch was schiefgehen und dann muss ich länger im Spital bleiben. Man muss für alle Eventualitäten gerüstet sein.”
Eigentlich wunderte mich nur, dass er keinen Regenschirm in die Sporttasche gequetscht hatte, und ich hütete mich, ihn darauf hinzuweisen. Es war ein bißchen wie früher, als wir mit der ganzen Familie zum Gardasee in Campingurlaub gefahren sind und der Transit es kaum den Großglockner hochschaffte, weil er überladen war.
“Da ist der SATURN schon! Verdammt!”
Im letzten Moment nahm die Gräfin die Leuchtreklame wahr und riss das Steuer herum. Der Wagen rutschte quietschend über die Kreuzung, und sie ordnete sich links ein, vor der Ampel.
“Oder war das rechts..? Muss ich rechts rein?? Was hat die Tante noch mal gesagt!? Kannst du vielleicht auch mal mitdenken?!!”
“Rechts”, sagte ich.
“Bist du sicher?”
“Ja natürlich.”
Natürlich war ich mir nicht sicher, ob links oder rechts, aber das war kein Moment, um auf dem Beifahrersitz Unsicherheit zu zeigen. Keine Zeit zu schwächeln, Baby, mein alter Herr wartet.
Die Klinik in Barmen entpuppte sich als Katastrophe. Als ich das Zimmer öffnete dachte ich erst, das wäre die Abstellkammmer und schloss rasch die Tür. Doch es war das richtige Zimmer, wie ich feststellte, mein Vater aber nicht drin, das Bett leer. Zurück auf dem Gang entdeckte ich ihn. Er hockte im Warteraum, mit wehendem Haar (im Sitzen!) und blutunterlaufenem Auge. Ein Häufchen Elend.
“Gott sei Dank”, mehr war aus ihm nicht herauszukriegen, als er mich sah, “dass ihr da seid..!”
Ich nahm die Sporttasche vom Boden und half ihm auf die Beine.
“Tut mir leid, hat was länger gedauert.”
Er machte einen gebrechlichen Eindruck und war so durcheinander, dass mir mulmig wurde. Sein fahriger Gang erinnerte an ein leck geschlagenes Schiff, in dem das Wasser in den unteren Mannschaftsräumen hin- und herschwappt. Ich hakte ihn bei mir unter.
Die Gräfin kam hinzu, von der Besuchertoilette, und erschrak bei seinem Anblick. Auch wenn sie sich alle Mühe gab, es nicht zu zeigen. Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange. “Meine Schwiegertochter”, hauchte Vater, als würde er sie jemanden vorstellen wollen. Da war aber niemand. Er sah aus wie Frankenstein.
Ich war derweil auf der Suche nach einem Arzt oder Pfleger, der mir etwas zum Zustand meines Vaters sagen konnte. Die Gräfin meinte später, ich wäre wie Mein Vater, mein Vater! sein Auge! über den Krankenhausflur geflogen, so sehr war ich in Sorge. Die ganze vermaledeite Station wirkte auf mich wie ein Nachkriegsprovisorium und war kaum Ernst zu nehmen. Ich fühlte mich wie auf einer Strasse, Passanten rempelten einen an, wenn man nicht schnell genug aus dem Weg war.
“Ja, mit Ihrem Vater ist alles in Ordnung”, deutete ich schliesslich das desinteressierte Gemurmel eines Pflegers, den ich ansprach. Er saß im Schwesternzimmer und widmete sich schnell wieder seinem Monitor, sobald er seinen Satz beendet hatte,
“Äh.. muss ich denn.. müssen wir heute irgendetwas beachten.. in den nächsten Stunden.. bei meinem Vater?”
“Steht alles im Entlassungsbrief.”
“Aha. Und wo ist der?”
“Hat er dabei.”
“Wo?”
“In seiner.. Jacke.”
“Gut. Es hat also alles geklappt bei der Operation?”
“JA!” Der Pfleger hob genervt den Blick und warf die Tür zu.
Mein Vater sah wirklich schlimm aus. Wie wir seinem schwerfälligen Gestammel entnehmen konnten, hatte er in der Nacht keine Sekunde geschlafen. Während er sprach, glotzte uns das operierte Auge aus seiner Höhle an wie ein toter Goldfisch, der im Aquarium zu Boden gesunken war.
Sobald wir im Parkhaus Ebene O erreichten und Vater auf dem Rücksitz Platz genommen hatte, legte er sich lang und versuchte zu schlafen. Wie ein Schulbub lag er da. Kaum eine Minute später saß er wieder aufrecht.
“Ich hab heut morgen grün geschissen.”
Der Lausebengel hatte nur noch einen Wunsch: ein halbes Hähnchen und dann ab ins Bett. Hin und wieder versuchte er während der Rückfahrt etwas vom eintägigen Klinikaufenthalt zu erzählen, doch er verlor immer wieder den Faden. Gemein war den angebrochenen Schilderungen nur eins: überall Augenklappen, und bandagierte Gesichtshälften.
Morgen ist das andere Auge dran.
Schlagwörter: Grauer Star, Staroperation
3. September 2012 um 6:36 nachmittags |
Ach diese herrlichen Krankenhauserlebnisse…schau dir “Der Tod de Herrn Lazarescu” an, ein rumänischer Film über ne Krakenhausodyssee mit genialem schwarzem Humor…
4. September 2012 um 1:23 nachmittags |
Die Story ist noch richtig gut geworden…
4. September 2012 um 8:27 nachmittags |
besser grün als rot … im fall von scheiße meine ich.
ich drück dann mal die daumen fürs nächste auge.
6. September 2012 um 11:36 vormittags |
Danke für diese lakonisch schwindelerregende, fremdvertraute Achterbahnfahrt… Weiß auch nicht, fällt mir grad ein (Melodie: Manfred Schlenker, Text: vielleicht Immanuel Geibel oder anonym):
“Es lebte einst in Indien ein alter Kakadu, der machte beinah immerfort das eine Auge zu… Und wenn ihm das zuleide ward, was macht der Kakadu? Er macht das eine Auge auf und macht das andere zu… Er war ein guter Philosoph, der alte Kakadu, denn wer in Frieden leben will, drückt stets ein Auge zu.”
6. September 2012 um 6:59 nachmittags |
Der arme Alte, gut, das er da raus ist.
Gut, das ihr da seid.
Lieben Gruß aus dem Tal der Wupper.
Gibt auch nette Ecken hier und nicht nur eselige Eingeborene
7. September 2012 um 6:53 vormittags |
weiss ich doch.
7. September 2012 um 8:44 nachmittags |
Don’t forget your books, you know you’ve got to learn the golden rule..
Das ist die zweite Zeile…
“Golden Rule”?! Was für eine Verheißung!