Enid Blyton

Ich war elf Jahre alt und lebte in Fußballbüchern, wenn ich nicht gerade draussen war und Fußball spielte. Die Bücher trugen Titel wie Spinne, der Torwart und Elf Freunde müsst ihr sein, die mir mein ebenso fußballvernarrter Onkel Fitting geschenkt hatte, Uwe findet zum Fußball, Fußballweltmeisterschaft 1966 und König Fußball aus dem Jahre 1954. Darin kamen Sätze vor, die ich wieder und wieder las:

90.000 Berliner, die trotz Regenschauern im Stadion aushielten, dankten den Spielern durch nicht enden wollende Jubelstürme und liessen es hoch hergehen.

Zuschauer im strömenden Regen, Schraubstollen, Jubelchöre – das war es, was ich lesen wollte. Winkende begeisterte Massen, die ihre Helden auf den Schultern durch die Strassen trugen. Könige und Untertanen. Schweine auf Dope. Tolle Sachen.

Später fand ich bei meiner großen Schwester die Abenteuerbücher von Enid Blyton. Nicht die berühmte Fünf Freunde-Reihe, sondern die Geheimnis-Bücher: Geheimnis um eine Tasse Tee, Geheimnis um einen roten Schuh, Geheimnis um eine Efeuvilla.

Ähnlich wie bei den fünf Freunden spielten die Geheimnis-Bücher in den großen englischen Sommerferien, wenn Dicki, der Anführer, aus dem Internat zurückkehrte, um mit den anderen Spürnasen und Purzel, einem schwarzen Scotchterrier, in Peterswalde Verbrechen aufzuklären. In.. Peterswalde? Wie zum Henker konnte eine Stadt in England Peterswalde heissen! Peter’s Wood meinetwegen, oder The Peter Forrest. New Peter City. Aber Peterswalde? So ein Stuss. Es machte mich wütend.

Peterswalde klang ähnlich beknackt wie “Hans der Herzen”, wie ich einmal im Englischunterricht fälschlicherweise den Begriff “Jack of Hearts” übersetzt hatte, Herz-Bube, und die ganze Klasse war am wiehern. “Herrje, unser Hans der Herzen!” grüsste Karlos noch Jahre später, wenn er aus dem Fenster blickte und ich stand unten an der Tür.

Nun war Enid Blyton, die Verfasserin der Geheimnis-Reihe, eine Frau, und Frauen brannten nicht gerade für Fußball, sie schrieben über andere Sachen, über Freundschaft zum Beispiel und verfressene Dorfpolizisten, die vom Rad fielen.

Der grösste Feind der Spürnasen von Peterswalde war Grimm, ein dicker Dorfpolizist, den alle nur “Wegda!” nannten. Wenn er auf seinem Rad unterwegs war und Purzel, der Scotchterrier, seinen Weg kreuzte, dann trat er nach dem Köter und schrie mit hochrotem Kopf “Weg da!”, worauf Purzel wütend nach seinem Hosenbein schnappte. Dabei geriet Wegda ins Straucheln und legte sich lang in den britischen Staub. Da es diese Szene in jedem Buch mindestens drei Mal gab, lag ich mindestens drei Mal flach im Lesesessel und japste vor Vergnügen. Recht geschehen, dämlicher dreimal doofer extrafetter Bluthochdruck-Wegda.

Vom Taschengeld besorgte ich mir weitere Bücher aus der Geheimnis-Reihe, bis ich sie komplett hatte. Dann saß ich da und hatte nichts mehr zu lesen. In meiner Not beschloss ich, mir selbst was auszudenken. Ein Buch zu schreiben. Ja warum denn nicht.  Ich nahm ein leeres schwarzes Schulheft und legte los. Der erste Satz kam gut. “Es war ein nebliger Montag”. Mysteriöser Stoff. Abenteueraroma. Ich schnupperte aus dem Fenster.

Weiter.

Aber mir fiel weiter nichts ein. Kein zweiter Satz. Ich war wie gelähmt. Das leere Papier stierte mich an: Na Chef, alles klar?! Ausserdem: es war Dienstag und nicht Montag und da draussen waberte auch kein Nebel über die Strasse. Wie zum Teufel sollte ich über irgendetwas schreiben, was es so nicht gab vor meinen Augen! Oder sollte ich vielleicht schreiben: Es war Dienstag und nirgends Nebel auf der Schillerstrasse?

Vergiss es, dachte ich. Es mochte ja sein, dass Enid Blytons Spürnasen gefährliche Kriminalfälle aufklärten in Peterswalde, doch Solingen war nicht Peteswalde, was sollte hier schon passieren. Wenn ich aus dem Kinderzimmer blickte, sah ich gegenüber eine langgezogene Hecke, die von der Schillerstrasse einen Bogen in die Kurze Strasse machte. Diese Hecke und ein Zigarettenautomat waren noch das Spannendste, was es zu sehen gab in diesem Kaff.

Fieberhaft überlegte ich, was es mit dieser Hecke und dem Kippenautomat auf sich haben könnte. Aber es war eben nur eine scheiss Hecke, die ab und zu von einem Gärtner gestutzt wurde, und ein Zigarettenautomat, der ab und zu mit frischen Fluppen aufgefüllt wurde – na ja und!? Ich klappte das Heft deprimiert zu und beschloss, mich wieder auf das zu konzentrieren, was ich konnte: Elf Jahre alt sein, ein gelernter Mittelstürmer.

Jeden Tag nach der Schule feuerte ich den Tornister in die Ecke und lief auf O-Beinen zum Fuße des Klauberg runter, wo unser Fussballplatz lag. Ein staubiger und relativ großer Platz, den es bereits in den 30er Jahren gegeben hatte, damals allerdings kurzerhand zum Exerzierplatz für Nazi-Pferde umfunktioniert. Das war auch der Grund, warum die Alten den Platz immer noch Reitplatz nannten.

Ausser mir waren auch Wiwi Wupperbusch und Pille stets mit von der Partie. Wiwi war gelernter Rechtsaussen und spielte mit mir gemeinsam beim RSV Kohlfurth, Pille, ein Rotschopf, wohnte in der Nachbarschaft. Das musste reichen. Auserdem war er es gewesen, der die allererste Suzi Quatro-Single 48 Crash aufgetrieben hatte, als sie noch gar nicht im Radio lief. Das gab schwer Renommee. Dafür durfte er in unserer Mannschaft sein, den Ball tragen und den Ball aufpumpen.

Im Winter rückte ein Kamerateam an. Die Schillerstrasse sollte als Kulisse für einen Spielfilm herhalten. Dafür stellten wir sogar das Kicken ein. Das mussten wir sehen. Vielleicht liess sich ja noch was lernen, für mein Buch. So ganz hatte ich die Idee noch nicht fallen gelassen, und ein Spielfilm und ein Roman, das schien nicht so weit auseinander.

Die Strasse war abgesperrt.

“Action!”

Ein Wagen kam vorgefahren. Ein Schauspieler stieg aus, rannte die Treppe hoch, ins Haus rein. Eins der backsteinroten Genossenschaftsbauten, die weiter unten auf der Schillerstrasse standen und den Siedlungscharakter herausstrichen.

“Wieso ist die Tür auf?” empörte sich Wiwi Wupperbusch. Er wohnte mit seinen Eltern nur drei Häuser entfernt. Er kannte die Haustüren aus dem Eff-Eff. Da konnte ihm keiner etwas vormachen. “Der muss doch erst mal klingeln!”

“Wieso, der hat seine eigenen Schlüssel”, meinte Pille. “Der ist doch erwachsen.”

“Aber trozdem muss er doch erst mal aufschliessen! Der hat die Tür aber einfach aufgedrückt! Das geht nicht bei den Türen! Die muss man erst aufschliessen, mit dem Haustürschlüssel! Die lassen sich nicht einfach aufdrücken. So ein Quatsch! Auch wenn er erwachsen ist!”

Wiwi war kaum zu beruhigen. Ich sagte nichts. Türen, die offen standen? Das war doch okay, eigentlich. Scheiss doch der Hund drauf. Was war hier überhaupt los? Wovon handelte der Film? Wurden hier vielleicht Kinder abgemurkst? Konnte man dabei zugucken? Wo?

Es wurde ein Dialog gefilmt. Damit wir etwas mitkriegen konnten, mussten wir näher ran. So nahe, bis der bärtige Kabelschlepper, den ich am besten fand von allen, die am Set zu tun hatten, uns heranwinkte.

“Hier. Hol mir mal einer Zigaretten.”

Ich lief zum Automaten Ecke Kurze Strasse und zog eine Packung Ernte 23. Als ich zurückkam, war der Dialog zwischen Mann und Frau schon im Kasten. Verflucht. Dabei wollte ich doch lernen, wie das geht. Wenn der eine was sagt, was dann der Andere sagt. Und wieder zurück. So Dialoge. Ping Pong. Die beiden Schauspieler rannten die Haustreppe hinauf – wieder in den Flur rein. Als wären sie auf der Flucht. Die Tür war offen. Sie standen da und man konnte von der Strasse aus zusehen, wie sie sich küssten, an die Kacheln im Flur gelehnt. Aber den Dialog hatte ich verpasst.

Bald waren die Filmaufnahmen beendet. Einmal hatte es Ärger gegeben, als während einer Szene die dicke Angela, die immer Ärger machte mit ihrer Erbsenpistole und auf der Margaretenstrasse wohnte, volles Rohr angerannt kam und Pille vors Schienbein schoss, worauf der losschrie wie eine verdammte Heulsuse und die Szene wiederholt werden musste.

1974 lief der Film im WDR, dem dritten Programm. Wir saßen alle zusammen oben bei Wiwi Wupperbusch im Kinderzimmer und waren bitter enttäuscht. Unsere Schillerstrasse war nur in wenigen Einstellungen zu sehen, und die Dialoge, so mein Verdacht, mussten woanders neu aufgenommen worden sein. So jedenfalls hatte keiner geredet, so geschwollen, als wir bei den Dreharbeiten zugeguckt hatten. Eigentlich hatten die ja nie viel geredet.

Das ist ja ein Blindenfilm, meinte ich. Wie mit falschen Zähnen.

Keiner wusste, was ich damit meinte, auch ich selbst hatte keine Ahnung, aber der Satz stand so in der Luft, wie ich ihn gesagt hatte, also liessen wir ihn da stehen bis ein Anderer was anderes sagte und ihn ablöste. Mit dem nächsten Humbug, den keiner kapierte.

Eins immerhin hatte ich geschafft: Mein Buch war fertig, das schwarze Schulheft bis zur letzten Seite vollgeschrieben. Die Geschichte hatte Anfang, Mitte und Ende. Geheimnis um einen Kabelträger. Es ging um einen Kabelträger beim Fernsehen, der bei Aussenaufnahmen eine Zigarette rauchte und tot umkippte, zitternd in die Hecke rein, die sich im Herbstnebel verlor. Der Inspektor, ein gutaussehender einheimischer Lockenkopf, dem das Haar in tausend Richtungen stand, so furios und anarchisch, als hätte man Spiralnudeln direkt aus dem Kochtopf über den Schädel ausgekippt, hatte alle Hände voll zu tun.

4 Gedanken zu “Enid Blyton

  1. (eigentlich) wollte ich mir heute meine lesebrille abholen..
    den scheiss könnt ich stundenlang amüsiert zuhören
    aber ich seh ja nix..

    die schlüsselszene hats mir besonders angetan…
    glummi

  2. [...] Enid Blyton « Glumm „Im Winter rückte ein Kamerateam an. Auf der Schillerstrasse sollte ein Spielfilm gedreht werden. Dafür stellten wir sogar das Kicken ein. Das mussten wir sehen. Vielleicht liess sich ja noch was lernen, für mein Buch. So ganz hatte ich die Idee noch nicht fallen gelassen, und ein Spielfilm und ein Roman, das schien nicht so weit auseinander.“ [...]

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