Für ein bisschen Kif

Hinterm Busbahnhof im entlegenen Stadtteil Aufderhöhe stand ein heruntergekommenes altes Fachwerkhaus, das der Stadt gehörte und von einer Handvoll Freaks und Hipstern der Aktion Wohnungsnot besetzt war. Damit jeder Bescheid wusste, wehten Banner und Bettlaken aus den Fenstern: Dieses Haus ist besetzt, und jeder wußte Bescheid.

An einem Nachmittag war mit das Dope ausgegangen und ich traf in der City zufällig Paffrath, der auf dem Weg nach Australien war. Er wollte auswandern. Das Visum hatte er bereits in der Tasche, und da sein Appartement schon aufgelöst war, der Abflug aber noch auf sich warten ließ, wohnte er auf Vermittlung von Freunden die letzten Tage im Haus.

“Meinst du, von den Jungs hat einer was Brösel auf der Tasche?” fragte ich ihn.

“Na garantiert”, meinte Paffrath bloß, “die haben doch sonst nichts zu tun”, und wir setzten uns in den Oberleitungsbus und rumpelten Richtung Aufderhöhe.

Paffrath zählte zu den umtriebigen Typen, die ständig was am Start hatten, die sich permanent mit fliegenden Fahnen durchs Leben bewegten, und immer ging etwas schief. Bis weit ins Oberbergische war er als Erfinder von Dingen verrufen, die nichts taugten, nutzlosem Gaga-Zeug, das es nicht mal als YPS der Woche ins YPS schaffte. Er verdiente sein Geld als Barkeeper in einer Soul-Bar in Wuppertal und unter der Woche als Dachdecker.

Einmal hatte er richtig Pech. Auf einer Baustelle trat er kurz vor Feierabend auf ein Brett, aus dem ein rostiger Nagel heraus stand. Der Nagel ging wie Butter durch die Sohle, zentimeterweit in den Fuß rein, und trat oben aus dem billigen Dachdeckerschuh wieder heraus.

“Es war, als hätte ich auf eine tote Katze getreten, die nicht wegläuft, das hat anfangs gar nicht weh getan. Bis ich plötzlich den Nagel aus dem Spann gucken sah – sofort springt in meinem Kopf Come as you are an, die düstere Basslinie, die das Unheil ankündigt, Nirvana, du weißt schon..”

Natürlich wusste ich. Wenn einem in jenen Tagen etwas schlimmes widerfuhr, hatte man automatisch Come as you are im Kopf, die Hymne, das Unglück, die Verschmelzung. Schwarze Magie, Pech an vorderster Front.

Im Klinikum haben sie dann ambulanten Murks gemacht. Keine Röntgen-Aufnahmen, dumme Blicke, nach Hause geschickt.

“Und ich war froh, weil ich dachte, okay, dann kann’s ja nicht so wild sein.”

Nach einigen Tagen wurden die Schmerzen so unerträglich, trotz der Hammerpillen für Krebskranke, die sich Paffrath beim dicken Morphinhändler auf der Platte besorgt hatte, dass er wieder in die Notaufnahme musste. Die Wunde hatte sich mittlerweile rund ums Loch entzündet, und die Entzündung fraß sich voran. Es sah nicht gut aus. Vorschlag des eilig herbeigerufenen Chefarztes: Amputation des Fußes, damit nicht womöglich das ganze Bein abgenommen werden musste. Was für eine Entscheidung.

Bedenkzeit: eine Nacht.

Noch am selben Abend erreichte Paffrath auf dem Zimmertelefon der Anruf eines Bekannten, der zwei Etagen tiefer als Krankenpfleger beschäftigt war.

“Such dir eine andere Klinik, Mann! Die sensen und sicheln und schneiden alles, was ihnen in die Finger kommt und sich nicht wehrt! Wir sind in So-lin-gen, Mann..! In der Klin-gen-stadt! Das sind SCHLITZER!”

Am nächsten Vormittag war Chefvisite. Paffrath teilte den versammelten Metzgern mit, dass er verlegt werden möchte, um eine zweite Meinung einzuholen, in eine andere Klinik, in eine andere Stadt: WO-AN-DERS HIN!

“Eine halbe Stunde später wurde ich rausgeschmissen.”

“Rausgeschmissen..? Wie, rausgeschmissen..!? Wohin?”

“Na, die Brüder haben mich ausgeflogen, mit dem Blaulicht-Hubschrauber, nach Bocholt in die Spezialklinik.”

Der Fuß konnte auf den letzten Drücker gerettet werden. Nur ein paar Stunden später, so der behandelnde Gefäßchirurg, und Paffrath hätte den Rest seines Lebens auf einem Bein verbracht, wie ein Flamingo beim Schlafen.

“Nur nicht in rosa, ma-haa!”

Bevor das Loch mit chirurgischem Plastik aufgefüllt werden konnte, musste die Wunde zwei Tage lang offen bleiben, um zu trocknen. Dazu wurde das Bein auf ein teures Spezialkissen gebettet und höher gelegt.

Es brauchte unzählige Versuche, bis Paffrath, großer BVB-Fan, Mittwoch abends im Krankenbett eine Liegeposition gefunden hatte, die es ihm erlaubte, durch das offene Loch im Fuß, das mittlerweile auf die Größe eines Fünfmarkstücks angewachsen war, genau auf den Bildschirm des Münzfernsehers zu blicken und das Europacupspiel in der ARD zu verfolgen, wie durch ein Zielfernrohr. Sehr bequem, fein austariert. Ein Vermessungsingenieur bei der Arbeit. Privat-Chirurgische Tribüne.

Die Schwestern auf Station konnten es nicht fassen.

“Um Himmels willen, Herr Paffrath, was machen Sie denn da..?!!”

“Psst..!! Da spielt Dortmund gegen Arsenal! Kommen Sie in einer Viertelstunde wieder!”

Hatte er mit dem Fuß auch Glück gehabt, so fragte man sich doch, ob Auswandern die richtige Maßnahme für ihn war. Er war und blieb ein Unglücksvogel. Ich erinnere mich an eine Situation im Mumms, wo Benzini davon berichtete, wie er als junger Bursche in den Gassen von Pamplona mit den Stieren gelaufen war. Das wollte Paffrath, stinkevoll und begeistert, sofort nachspielen.

Mit den Zeigefingern machte er zwei Hörner, scharrte mit den Hufen und gab Gas. Er stürzte von einem Podest runter Richtung Tresen, wo wir mit einigen Leuten standen. Darauf vertrauend, dass wir ihn schon auffangen würden, gab er Vollgas wie ein Luftpropellerboot in den Everglades, doch wir spritzten allesamt auseinander und bildeten eine Gasse, an deren Ende Paffrath gegen den Tresen donnerte, mit dem Schädel zuerst.

Olé!

*

Paffrath hatte einen suchenden Gang, wie jemand, der nie so genau wusste, wohin die Reise ging. Er drehte sich quasi jeden Morgen von neuem in den Tag hinein, wie ein türkischer Öl-Ringer in den Gegner. Aber er war unverwüstlich. Ein Loser auf der Siegerstrasse. Ein Sieger unter Losern. Ein Paffrath.

Während der Busfahrt nach Aufderhöhe unterhielt er mich mit einer Auswahl seiner Erfindungen, von denen das meiste hinterm Tresen ausgebrüteter Nonsens war. Ein Running Gag, den er als Barkeeper gern bemühte, um sein Publikum zu unterhalten: “Ich hab das Rauchen erfunden.”

Zur Beweisführung bot er an guten Tagen die Offenlegung seiner Lunge an.

“Da unten links steckt meine erste Reval.. Da! Seht ihr den Filter?? Nee! Na klar! War ja auch ohne Filter, damals in Paris! Ma-haa!”

Weil aber auch von seinen seriösen Erfindungen niemand etwas wissen wollte, (die gab es zu Hauf und waren bei einem Patentanwalt hinterlegt), hatte Paffrath beschlossen, sein Glück in Australien zu suchen.

“Zur Not wässere ich den Pennern da unten ihr verdammtes Outback”, schmierte er wieder mal ein besonders dickes Brötchen. “Und wenn das auch nicht klappt, arbeite ich eben als Barkeeper. Oder als Dachdecker. Wir werden überall gesucht, wir.. Roof Specialists.”

Sein vorübergehender Unterschlupf im Haus war von geradezu biblischer Kargheit. Als Bett diente ein Holzpodest, auf dem ein paar versiffte Wolldecken lagen. In der Zimmerecke stapelten sich Dielenbohlen, die vielleicht einmal ausgelegt werden sollten, im Laufe der Zeit aber mürbe geworden waren und nun vor sich hinmuffelten.

Höhepunkt der Bruchbude: ein Regenschirm, der nur noch aus den losen Einzelteilen längst vergangener Regenfälle zu bestehen schien. Ein reichlich graues Gerät. Und dann war da noch der Gestank der herumstreunendern Katzen, der das ganze Haus dominierte, ein Gestank wie Arschritze ganz unten, mit Katzenstreu abgelöscht.

“In der Hütte hier kann man eigentlich nur aufwachen, die Nase zuhalten und sofort Leine ziehn”, meinte Paffrath, der während der wenigen Tage im Haus  auf die Idee gekommen war, eine winzige Flex zu entwickeln, mit der sich morgens die dicken Ränder unter den Augen wegflexen ließen. Es haperte noch an der technischen Umsetzung, ähnlich wie 1988, als er den 2. Design-Preis einer Zeitgeistmanufaktur gewonnen hatte, für die Konzeption einer Keith Richards-Gabel, bei der der mittlere Zinken nach vorn gebogen war und hervorstand wie die legendäre Stones-Zunge.

Befürchtungen, man könne sich damit Verletzungen des Mundraums zuziehen, verhinderten die Realisierung des Konzepts. Außerdem sah es scheiße aus.

“Was ist denn jetzt mit was zu rauchen, Paffi?”

“Ach so, jaa. Schon vergessen.”

Er verschwand auf dem Dachboden. Ganz kurz war Musik zu hören. Er blieb nicht lange weg. Kam zurück.

“Dauert noch einen Moment, aber es lohnt sich. Das Dope ist geil und billig”, versprach er.

“Na schön. Ich geh solang was essen”, sagte ich.

Die als Fetthalle am Haus weithin bekannte Pommesbude lag gleich um die Ecke, links die Strasse runter. Currywurst, doppelte holländische Pommes, Kanne Kölsch.

Hinter mir saßen zwei Anstreicher. Einer zum anderen: “Fragt mein Sohn gestern die Oma: wenn du mal stirbst, kriege ich dann deinen Fernseher? Antwortet die Oma: Wenn es soweit ist, sicher. Musst du dir aber noch jemanden suchen, der dir den Fernseher runterträgt. Darauf mein Sohn: Ist doch kein Thema, Oma.”

Dann habe er sich alles noch mal durch den Kopf gehen lassen und sich schweigend an die Arbeit gemacht, der Bub, an die alphabetische Auflistung seiner Weihnachtswünsche, in einer handlichen Kladde.

“Damit ihr später nicht so ein Durcheinander habt, Oma.”

Ich zurück zum Haus. Es regnete leicht. Paffrath stand unten an der Tür und wartete auf mich.

“Komm rein, wir haben noch was Zeit, die Jungs sind unterwegs. Die haben das Zeug im Wald verbuddelt. Das dauert noch.”

“Hoffentlich sind die nicht so stoned, dass sie ihr Depot nicht wiederfinden”, sagte ich genervt.

In Aufderhöhe hatten die Gräfin und ich mal während eines Spaziergangs eine Küchenuhr gesehen, mitten im Wald. Sie war hoch oben an einer Schieferplatte angebracht. Wir wollten es nicht glauben und gingen näher ran, wir mussten richtig durchs Unterholz klettern, um der Stelle auf den Pelz zu rücken, dann war es geschafft. Und tatsächlich: was da hing, mitten im Wald, an einem dieser typisch bergischen Schiefergesteine, war eine original schlichte Hausfrauen-Wanduhr, und sie zeigte die absout korrekte mitteleuropäische Uhrzeit an.

Es war fantastisch gewesen.

“Komm, wir gehen nach oben”, meinte Paffrath, “am Dachboden ist ein Proberaumth. Können wir was Musik machen, uns die Zeit vertreiben.”

Wir stiegen das schmale Treppenhaus hoch. Im Dachgeschoss waren die Wände mit Silberpapier, Bitumenfolie und jeder Menge Eierkartons gedämmt, es drang fast nichts nach draussen, was ein paar langhaarige Eingeborene als Musik verkauften.

Der Penner an der Stromgitarre faselte was von 7/8-Takt, Blues in a und Rumba, spielte aber immer den gleichen tristen Stiefel, der nicht vom Fleck kam.

Weil der Bassist, wie ich hörte, gerade im Wald unterwegs war, Brösel ausgraben, wechselten sich zwei Nieten an dem Gerät ab. Und mitten im Raum, auf einem Schemel, fläzte sich mit gekrümmten Rücken ein sorgsam verfilzter Hippie, der sich bar jeglichen Talents an einem Saxofon versuchte.

“Spielt irgendwas Orientalisches!” forderte er die anderen immer wieder auf.

Orientalisch? War das denn nicht orientalisch? Das war doch Kairo die Autobahn rauf und runter, und dauernd lief einem irgendwer vors Auto und wimmerte. Paffrath, immerhin, hielt an den Congas den Takt. Jemand kam zur Tür rein und packte ein triefendes halbes Hähnchen aus, aus der Imbissbude. Ihm folgte ein kleiner Junge in schmuddeliger Montur, der dem Vater das weiße Fleisch des Geflügels aus den Händen riss und es sich in den Mund stopfte.

Was ein Musikantenstadl. Ein Mundraubdesaster. Ich saß zwischen wummernden Verstärkern und öligen Hähnchenfingern und wartete sehnsüchtig auf das dicke, geile, billige Piece, damit ich mich endlich vom Acker machen konnte. Und die ganze Zeit fanden die Jungs beim Musikmachen nicht ein einziges Mal zueinander. Es war keine Kakophonie, es war Milzbrand.

“Ich kann nur Chaos”, meinte das Wrack am Saxofon, als es gerade an der Reihe war, sich am Bass zu versuchen.

Ich war bis unter die Hutschnur bedient, doch Paffrath ließ sich seine gute Laune nicht vermiesen. Im Schneidersitz bearbeitete er die Congas mit einer Vehemenz, es war eine Freude, ihm zuzusehen. (Eine Woche darauf landete er in Brisbane und kehrte erst Jahre später zurück, auf einen Kurzbesuch -  den Kopf voll schräger Ideen, wie man in der portugiesische Algarve mit einem Mountainbike-Verleih den Mörder-Euro machen könnte.)

Irgendwann wurde ich erlöst, und der Brösel aus dem Wald hielt Einzug. Ich kaufte ein paar Gramm und machte, dass ich aus dem besetzten Haus raus kam, rein in den nächsten Oberleitungsbus Richtung Innenstadt. Die Flucht hatte schon etwas militärisches an sich, so flotten Charakter. Was man an manchen Tagen so alles auf sich nahm, für ein bißchen Kif.

Zweimal hatte ich den Termin platzen lassen

Zweimal hatte ich den Termin platzen lassen. Einmal wegen Erkältung, was nicht gelogen war, das andere Mal ebenfalls wegen Erkältung, das war gelogen. Das dritte Mal rief ich auf den letzten Drücker in der Praxis an und sagte, ich hätte verschlafen, das war auch nicht gelogen. Bis auf dass es mir leid täte – das war gelogen. Und als die Arzthelferin erregt prustete, ich hätte aber Dusel, fünf Minuten zuvor sei ein Termin gecancelt worden, ich könne mir ruhig Zeit lassen und später reinkommen, da stammelte ich nur was von”später hab ich was wich..tiges vor”, das war gelogen.

Ich hatte gar nichts wichtiges vor.

Im Gegenteil. Als ich um neun wach geworden war und feststellen musste, dass ich den Termin verschlafen hatte, war ich erstmal heilfroh, dass ich nicht lügen musste, dass ich keine Ausrede brauchte. Dass ich einfach die Wahrheit sagen konnte: verschlafen. Nix gehört.

Ich hatte mächtig Respekt vorm Zahnarzt. Ich hatte einen Riesenhaufen in der Hose, wenn ich einen Termin beim Zahnarzt hatte. Als Dentalphobiker brauchte ich das Surren eines Bohrers nur zu hören, wenn ich gerade die Praxis betreten wollte, schon formulierte ich im Geiste die Selbsteinweisung ins Irrenhaus und ging stiften.

Eines Tages, so hoffte ich, würde es möglich sein, sämtliche Seh,- Hör- und sonstige Sinnesnerven abzuklemmen für die Dauer einer Sitzung, und dann wäre ich vorne, dann säße ich in vorderster Front bei jedem niedergelassenen Zahnarzt: einmal schöne Hauer machen, Frau Doktor.

Bis es soweit war, blieb ich bei meinem Schwindel, dass ich später etwas wichtiges vor hätte, das keinen Aufschub duldete, und so wurde der Termin der Hinrichtung exakt um eine Woche verschoben – auf den folgenden Dienstag, acht Uhr.

“Wenn sie dann wieder nicht erscheinen, kann ich Ihnen keinen Termin mehr anbieten, Herr Glumm. Dann müssen Sie auf gut Glück reinkommen und eventuell lange Wartezeiten in Kauf nehmen.”

*

Am Abend vor der Hinrichtung lag ich platt vorm Fernseher und schaute Simpsons und Schrecklich nette Familie. Kabelsender wiederholten die Folgen ohne Ende. Eigentlich kam es nur darauf an, ob man sich noch ein neuntes Mal amüsieren konnte über Dumpfbacke Kelly, wenn sie “Dieses Stück Fleisch ist nicht geschaffen für geregelte Arbeit!” röhrte, auf dem Absatz kehrt machte und mit aller Wucht gegen die Wand rummste.

Ich lachte aus vollem Hals.

Ich liebte die Al Bundy-Randale der frühen Neunziger. Einmal, während einer Nachtschicht im Turm-Hotel, hatte ich an der Telefonanlage gesessen und aus Langeweile die Vorwahl der USA plus die von Chicago plus eine Reihe zufälliger Ziffern gewählt, bis eine transatlantische Verbindung zustande kam. Das Freizeichen klang so dumpf und so fern, wie ich es aus alten Hollywoodstreifen und Columbo-Folgen kannte: als läge ein dickes Sofakissen auf dem Klingelton.

Endlich wurde das Gespräch angenommen, im windigen fernen Illinois.

“Yeah?” erkundigte sich eine müde männliche Stimme.

In Chicago war Abendbrotzeit, TV-Dinner. Ich hatte eine x-beliebige Nummer gewählt in der alten Gangsterstadt. Ich räusperte mich.

“Can I talk to..”

Moment. Ich begann noch mal.

“May I speak with Al Bundy?”

“Al…. Buundy?”

Ich spürte, wie der Mann kurz stutzte, und dann die Augen verdrehte. Er fügte ein mattes “ha-ha” hinzu und legte auf. Sehr routiniert, sehr amerikanisch.

*

Dienstagmorgen, halb acht.

Vom Bahnhof Ohligs aus schlenderte ich mit einer Lässigkeit in Richtung Lukas-Klinik, die mich selbst verblüffte, jetzt, wo es soweit war. Nicht mal Zahnschmerzen hatte ich noch, wo es drauf ankam. Das sollte mal einer begreifen. Das Leben, ein endloser Fopper, ein Stinkefinger nach dem Händewaschen.

Im Wartezimmer des Hinrichters überflog ich die übliche Einverständniserklärung. Demnach durfte man mit mir machen, was man wollte, ergänzt um eine handschriftlich fixierte Eintragung:

EXTRAKTION Z. 14
EVTL. KOMPLIKATIONEN:

  1.  NACHBLUTUNG
  2.  KIEFERHÖHLEN-ÖFFNUNG

Komplikationen..? Das wussten die vorher schon?!  Was für ein abgekartetes Spiel ging hier vor? Ich sollte vielleicht lieber nach Hause fahren und ordentlich ausschlafen, dachte ich. Aber wie so oft, wenn ich die Flucht ins Auge fasste, war die Eisenbahn schon abgefahren.

Das Schicksal duldet keine Verzögerung.

“Herr Glumm?”

“ja..?”

“Kommen Sie bitte mit.”

Z. 14  war ein ruinierter Backenzahn, dessen Wurzel tief ins Fleisch reichte, wie ein Widerhaken. Sozusagen die Art Monster von Widerhaken, die so tief im Zahnfleisch haust, dass man sie im normalen Leben nicht zu Gesicht bekommt – der Schwarze Raucher des Zahngewerbes sozusagen. Aber was heißt das schon, im normalen Leben. Ein Zahnarztbesuch hat mit normalen Leben so viel zu tun wie der Weihbischof mit Damenbinden.

Behandlungsstuhl, Saal 2.

“Ruhig bleiben, Johannes..”, redete die Stuhlassistentin ihrem Chef gut zu – die beiden duzten sich – doch der Doc wurde zunehmend nervöser. Was wiederum mich nervös machte.

Wieso duzten sich die beiden? Hatten die was miteinander?

Was wusste die Krankenkasse davon?

“Herr äh..”, setzte der Dentist die Zange an, “Glumm, ich versuche zunächst mal den Zahn ganz konventionell zu ziehen.”

Na schön, das hatte er bereits zweimal gesagt. Er unternahm insgesamt ein halbes Dutzend konventioneller Versuche, doch Z.14 knackte nur und brach stückweise ab wie harter Zwieback, aber die Wurzel kriegte er nicht zu fassen. Sie widersetzte sich ihm, was mir gar nicht recht war. Ich hätte es besser gefunden, wenn die beiden schnell miteinander warm geworden wären, und sich ebenso schnell wieder getrennt hätten.

“Johannes..”, wisperte die Arzthelferin in mein Ohr, obwohl sie ihren Chef meinte, nicht mich, “die Nerven behalten..”, doch Johannes verlor die Contenance. Er ackerte und schnoberte wie ein Brauereipferd, während ich in seiner Mache war. Er bot keinen schönen Anblick, aus meiner halb liegenden Position. Und da waren auch keine schönen Geräusche zu hören, das schlürfte und zischte und strudelte in meinem Mund, ich war böse am absaufen.

Ich sah zur Zahnarzthelferin rüber. Ihr gestärkter weißer Kittel wies Blutspritzer auf, richtig dicke Flatschen, Irrenanstaltsmuster.

Mir wurde schlecht.

“Einmal absaugen, bitte!” ging der Doktor die Stuhl-Assistenz rüde an, sie folgte gehorsam.

“Johannes, du machst das schon.”

Was blieb uns anderes übrig. Mit einem herzhaften Schnitt öffnete er die Kieferhöhle. Wir waren angekommen. Bei der Komplikation. Der Extraktion. Das Blut schoss bis zur Decke, traf den Sterilisator.

Für den Rest der Woche schrieb der Doktor mich krank.

*

Ich lag flach im Bett, tiefgekühlte Kompressen auf der Backe. Jegliche Nahrungsaufnahme war ein Greuel, der Schädel brummte wie ein Bienenstock. Die Gräfin kochte mir Reisbrei mit Zimt, während es für sie und den Hund knusprige Hähnchenschenkel mit Paprikaschoten gab. Die Dinge liefen zunehmend aus dem Ruder. Das schlimmste aber: der Schmerz ließ kaum nach.

“Die Scheiße eitert”, sagte ich Samstagmorgen zu meinem Bruder, der rübergekommen war, um nach mir zu sehen, im Auftrag der Familie.

Er brachte mich in die Lukas-Klinik.

Der junge diensthabende Oberarzt reichte mir zur Begrüßung sein luschiges Händchen. Ohne mir groß in den Mund zu gucken, drückte er mir fürs Wochenende einige lose Schmerztabletten in die Hand, und das auch nur widerwillig.

“Damit müssen Sie zurechtkommen, mehr gibt es nicht”, sagte er großspurig.

Was war das denn? Was glaubte der denn?! Dass ich ein Junkie war und Samstagmorgens im Notdienst auftauchte, nur um ein paar beschissene Dolomo abzugreifen?!!

Hm. Nun ja. Also..

In der Apotheke besorgte ich mir zusätzlich eine Monatspackung Ibuprofen und am Bahnhof (“warte mal fünf Minuten, Bruderherz”) ein wenig Morphin.

Sonntagnacht ging die Schwellung endlich zurück, doch der Schmerz blieb. Alle zwei Stunden warf ich Pillen ein, und obwohl ich in meinem ganzen Leben noch nie so viel Pillen eingeschmissen hatte ohne breit zu werden, es nutzte nichts.

Mittwoch hielt ich es nicht mehr aus und besuchte auf gut Glück meine alte reguläre Zahnärztin, Frau Doktor Bonn-Hager. Frau Doktor Bonn-Hager, eine resolute Person, war nicht mehr gut auf mich zu sprechen, seit ich unregelmäßig zu Behandlungsterminen gekommen war. Das konnte sie nicht leiden, das konnte sie ganz und gar nicht leiden.

Originalton Frau Doktor, als sie mir diesmal ins Maul schaute: “Das sieht scheiße aus, Meister. Massive Störung der Wundheilung.”

Sie legte eine Drainage mit anästhesierender Wirkung, und wo sie schon mal dabei war, zog sie gleich die Fäden, mit denen in der Klinik die Kieferhöhle genäht worden war.

Keine Stunde später war ich das erste Mal nach einer Woche schmerzfrei.

*

Abends fuhren die Gräfin und ich mit Karlos und Sandy nach Köln. Jonathan Richman gab ein Kozert. Obwohl nirgends plakatiert oder sonstwie angekündigt, war das Konzert im Tingel-Tangel, einem dunkelroten Plüsch-Klub in der Südstadt, innerhalb Stunden ausverkauft.

Ich hatte alle Platten von Jonathan Richman, und sobald etwas Neues auf dem Markt war, besorgte ich es mir. Er hatte mit den Modern Lovers in den Siebzigern den Instrumental-Hit Egyptian Reggae gelandet, der ihm bis in alle Ewigkeit Tantiemen verschaffte, seither war er solo unterwegs.

Live auf der Bühne, nur mit seiner großen Gitarre bekleidet, erinnerte er an einen Schiffsarzt, der auf einer langen Kreuzfahrt die Zigarren rausholte und aus seinem Leben erzählte, und alle Patienten gesundeten auf der Stelle.

Ein klasse Abend. Wie die Rock’n-Roll-Hooligans standen wir direkt an der Bühne, mit Kölsch bewaffnet, und sangen die Hits mit: “I was dancing in a lesbian bar”, “Make a mistake for me today”, “Now is better than before”.

Ein Großteil des Publikums schien allerdings auf einem anderen Konzert zu sein. Einem Konzert, bei dem Mitsingen verboten war und das Tanzen untersagt. Überhaupt jegliche Bewegung.

“Das sind Scientologen”, schätzte Karlos, “so eingefleischt und sittsam, wie die vor ihrem Wässerchen hocken.”

Scheiß drauf, es war ein großartiges Solo-Konzert, und auch die ersten paar Bier und Purpfeifen nach über einer Woche taten gut. Später hockten wir in der Südstadt auf dem Bürgersteig und teilten uns zwei monströse Grill-Hähnchen, von denen das Fett nur so auf den Asphalt tropfte.

Das Leben kam wieder in Schwung, mit einem Zahn weniger.

Großstadtmythos Goldhamster

Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass Goldhamster nicht als Spielkamerad für Kinder taugen, weil sie nachtaktiv sind und tagsüber gern ihre Ruhe haben, doch in den Siebzigerjahren machte man sich darüber keine Gedanken. In den Siebzigerjahren machte man sich überhaupt keine Gedanken, es war das Komm, packen wir noch einen drauf!-Jahrzehnt. Sehr angenehm, aber nicht für jeden. Zum Beispiel nicht für Goldhamster.

Goldhamster hatten in den Siebzigerjahren keine Lobby, sie waren Auslegware in Zoofachgeschäften und Tierhandlungen. Man kaufte Goldhamster zum Mitnehmen wie Doppelte Pommes und packte sie zu Hause aus und dann schnell wieder ein, weil sie undicht waren und nur am pennen.

70er Jahre Hamster waren arme Schweine.

Heute ist das anders. Heute sind 2010er Hamster arme Schweine. Auf You Tube sieht man stolze Hamsterbesitzer in Neuengland, wie sie ihren Hamstern Geschirr im Stil der US-Fahne häkeln, damit sie kleine Wagen über den Wohnzimmertisch ziehen können, wie beim Großen Treck Richtung Westen.

Andere Hamsterbesitzer schildern auf ihrem Hamsterblog, wie ihr Hamster ein Stück Zartbitterschokolade findet und in sich reinstopft. Die Besitzer versuchen alles, um ihm die Beute zu entreißen, doch der Nager ist eisern bis die Schokolade plötzlich schmilzt und ihm aus den Backentaschen quillt. Das läuft richtig über wie bei einer prallvollen Badewanne. Der Hamster, ein Schokobrunnen. Zuletzt rutscht er mit seinen Pfötchen auf der Kuvertüre aus und das total Funny Chocolate & Cappucino Golden Hamster Dancing  nimmt seinen Lauf.

Es gibt auch besoffene Hamster im Internet.

Einer begeht den Fehler, an einem Hochsommertag Wassermelone zu fressen, ein Stück nur, das aber innerhalb kurzer Zeit zu gären beginnt. Zuletzt sieht man ihn durch den Käfig torkeln und wanken, ein Anblick, der fatal an den dicken Bill Haley erinnert, anno 1958 unter den Piss-Laternen von St.Pauli.

Armer besoffener Hamster.

Natürlich gibt es auch eine Engländerin (56). Sie findet ihren alten Daddy-Hamster eines Tages leblos in seinem Häuschen, bettet ihn in eine Faltschachtel um und beerdigt ihn im Garten. Am nächsten Mittag trifft sie fast der Schlag, als der alte Gauner fröhlich durchs Haus scharwenzelt, das Fell verdreckt und um eine Nahtoderfahrung reicher, aber sonst okay. Er war kurz in eine Art Winterstarre getreten und hatte sich nach dem Aufwachen durch die aufgeweichte Pappe und das Erdreich gefressen bis er wieder an der frischen Luft war. (Heute spielt er Cricket in der 3. Liga.)

Die meisten Hamster-Storys im Internet enden damit, dass die lieben Kerle einen selbstgebauten kleinen Karlsson vom Dach-Motor auf den Rücken geschnallt bekommen und unter zynischen Hooray!-Rufen mit Liverpooler Akzent vom Balkon eines Hochhauses auf die letzte Reise geschickt werden. Unten angekommen rollen sie sich locker auf dem Asphalt ab, verstauen den Fallschirm im Gebüsch und gehen auf Wanderschaft. (Panama. Immer Panama. Sollen sie sich doch bei Janosch bedanken, die Panamäer.)

Auch unsere Familie hatte einen Familienhamster in den frühen Siebzigern. Es gab, glaub ich, keine Familie in den Siebzigern ohne einen Hamster, auch wenn es nur versuchsweise für eine Viertelstunde war. Unser Hamster ging an fehlender Zuneigung ein. Schon seine Ankunft am 17. Geburtstag meiner großen Schwester ließ nichts gutes erwarten. Ihr Freund G. platzte ins Zimmer und überraschte meine Schwester mit einem gekonnten Hamster-Seitfallwurf,”hepp!”

Sie verfehlte den Nager knapp, er landete auf dem Boden und watzte verstört von einem Party-Gast zum anderen. (Die Clique trug Boots und Cordhose, auf dem Dual-Plattenspieler drehte sich Electric Ladyland von Jimi Hendrix, und zwar das Eröffnungslied mit dem Hüsteln.) Der Hamster verkrümelte sich aus lauter Angst unter dem bullernden Heizkörper. Die Verbrennungen waren leichter Natur. Wir tauften ihn Pepsi.

Niemand konnte etwas mit Pepsi anfangen, niemand mochte ihn. Er lungerte den ganzen Tag im Käfig herum, unter Heu begraben, nur die vibrierende Gefriertruhe in der Küche, auf dem der Käfig stand, verschaffte ihm etwas Entspannung, eine Bosch-Massage. Selbst in der Nacht, wenn andere Nagetiere aktiv werden und ins Laufrad steigen, hörte man Pepsi nur schwermütig zum Salatnapf schlurfen. Irgendwann ging er ein, sang-und klanglos, vermutlich Fettleber, und wurde samt Nistmaterial & Wheel im Baumhof meiner Großeltern beigesetzt.

Die Gräfin ist dran mit Erzählen. Wie ich höre, traf auch in ihrer Familie pünktlich Mitte der 70er Jahre der Familienhamster ein.

“Das war auch so ein degenerierter Schweinepriester wie euer Hamster, aber im Gegensatz zu Pepsi war er ein freier Bürger.”

Er bekam täglich Auslauf und machte sich in der Küche über den Napf von Trixi her. Trixi war eine alte Spitzdame, der alles egal war, Hauptsache, sie war dabei und es gab was zu lachen.

“Der Hamster hat sich mit Trixis Nassfutter so die Backentaschen vollgestopft, das war krank, das war eklig, der sah aus wie ein Breitmaulfrosch. Er konnte einfach nicht aufhören, Hundefutter zu verdrücken, das war krank, das war abartig, der war schon am röcheln und schlang weiter.. “

“Wie hiess der?”

“Nah.. der hatte keinen Namen, glaub ich. Näh, hatte der nicht. Der hieß Hamster. Fertig. Aus.”

Immerhin starb Hamster als freier Bürger. Vermutlich. So genau wusste es niemand. Er tauchte nämlich eines Tages nicht mehr auf. Und blieb fort, für immer. Und da das Haus am Waldesrand stand, vermutete man den Bürger auf Wanderschaft.

Bis zum Frühjahrsputz.

Die Mutter der Gräfin, eine energische kleine Person, die am selben Tag wie Joan Baez geboren wurde, (beiden stehen Mäntel gut und ein Lächeln gegen die eigene Strenge), stieg in den Waschkeller und öffnete die Waschmaschine – ein großes altes AEG-Gerät mit Trommel und separater Schleuder sowie jeder Menge Hohlräume zum Verstecken.

Was soll man sagen?

Erst wusste die Mutter gar nicht, was das sein sollte, was ihr da beim Reinigen der Maschine entgegenquoll, es sah aus wie ein Haufen trauriger Staub, bis ihr plötzlich aufging, um was es sich handelte: Hamsterfell, büschelweise Hamsterfell. Nicht ein einziger Knochen, nicht mal ein Knöchelchen oder eine Gräte war vom Hamster übrig geblieben, nur etwas Fell.

Der Bursche muss bei der Buntwäsche zermahlen worden sein, mutmaßte der Familienrat.

70er Jahre Hamster waren ganz arme Schweine.