28

Im Schnitt war ich drei Tage die Woche am saufen, drei Tage nüchtern und der Sonntag war der Tag des Herrn. Ich war siebenundzwanzig. Kein ungefährliches Alter. Ein dämonisches Alter. Siebenundzwanzig ist die Wende, die Abrechnung, die ernüchternde Einsicht, dass man nicht ewig jugendlich bleiben kann. Eine Ernüchterung, die nicht jeder überlebt.

Doors-Sänger Jim Morrison verreckte mit 27 an einer versehentlichen Überdosis Heroin, Kurt Cobain schoss sich eine Gewehrkugel in den Kopf. Brian Jones ertrank schlechtgelaunt im Swimming Pool, und Janis Joplin erstickte im Schlaf nach einer Ladung Heroin in Verbindung mit ihrem Lieblingswhisky Southern Comfort, Jimi Hendrix reichten acht starke Schlaftabletten und die eigene Kotze, Delta Blues-Legende Robert Johnson erlag den Spätfolgen einer Syphilis, der manisch-depressive Manic Street Preacher-Sänger Richey J. Edwards verschwand spurlos und wurde für tot erklärt.

Ich lebte noch, aber ich war noch nicht überm Berg. Ich war noch nicht 28, es fehlte noch ein bisschen. Anderthalb Jahre zuvor hatte ich die Gräfin kennengelernt, eine talentierte Malerin (die erste Zeichnung schiffte sie im zarten Alter von zehn Monaten in die Windeln) mit einem Muttermal am Mund, einem echten Hingucker, doch wenn man mit sich selbst nicht im Reinen ist, hilft auch die Liebe nicht weiter. Es reicht gerade, um sich nicht am nächsten Baum aufzuhängen, das schon. Immerhin. War ja auch schon mal was. Fürs erste. Besser als nichts.

Junge, war ich mies drauf.

Ich war schon froh, wenn ich den Tag rumkriegte und am Abend bewusstlos ins Bett sank. Endlich schlafen. Endlich wegsacken und träumen. Das Wunder, auf das ich nach dem Gewinn des Literaturpreises gesetzt hatte, fand nicht statt. Um zu schreiben, fehlte mir jegliches Durchhaltevermögen. Schreiben war anstrengend und damit eine Disziplin für die ferne Zukunft, fürs vierzigste oder fünfzigste Lebensjahr vielleicht, wenn der Spaß eh vorbei war. Dann konnte man sich auch in aller Ruhe hinsetzen und den Mist sichten, den man in jungen Jahren verbockt hatte. Bis dahin hieß es: überleben. Egal wie. Ich versuchte es mit drei Tagen saufen, drei Tagen clean, und der Sonntag war der Tag des Herrn.

*

Die Gräfin hatte mir den Vorschlag unterbreitet, über Nacht einen Schwung leerer DIN A4-Bögen auf dem Schreibtisch auszulegen und abzuwarten, ob meine kleine Reiseschreibmaschine Gabriele sich ihn vielleicht schnappen würde, um von allein einen Roman zu tippen, “wenn du es schon nicht bringst.”

Tatsächlich legte ich eines Abends versuchsweise zehn blütenweiße Seiten aus, wie einen schönen Köder. Eines hatte ich immerhin gelernt. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man schräge Dinge bloß im Kopf durchspielt oder ob man der Versuchsanordnung folgt und abwartet, was passiert. Als ich die Blätter auf den Schreibtisch legte, war ich erregt wie am Vorabend von Nikolaus, wenn man die Stiefel in den Flur stellt, die dicksten, die man hat.

Das Problem an der Verwirklichung schräger Ideen: auch die Enttäuschung ist real. Der leer gebliebene Stoß Papier verdeutlichte weniger, dass die kleine Gabriele nicht genug Eigenleben besaß, um ohne mich loszuschreiben, sondern dass ich einen gewaltigen Knall hatte.

Und als ich aus welchem Grund auch immer meiner Mutter davon erzählte, schaute sie mich nur an, mit diesem besonderen Blick:

Söhnchen, du bist zu alt für so einen Kram.

*

Ich hatte diesen Job im Turmhotel, wo ich den Sommer über das Gepäck für amerikanische Reisegruppen managte. Bei Bedarf jobbte ich zusätzlich als Nachtportier, wenn einer der beiden etatmäßigen Nachtportiers krank oder in Urlaub war.

Nachtportier Sokolov war ein kleiner zäher Mann, der sich zur Rente was dazuverdiente. Er stammte aus Sofia. Er war krankhaft sparsam. Er weigerte sich, verdorbene Wurst wegzuschmeißen, auch wenn die Schlieren auf den Mortadellascheiben kaum noch zu übersehen waren. Dann schabte er sie heimlich ab, und schon fiel im diffusen Licht des Frühstückbüffets nicht mehr auf, was da für ein kranker Aufschnitt auf dem Tablett lag.

Keine Frage. Wäre er jünger gewesen, Sokolov hätte einen Eins-a-Foodstylisten abgegeben. Er hatte alle Tricks drauf. Selbst aufgeweichte Cornflakes, von den Gästen achtlos in der Milchschüssel zurückgelassen, machte er wieder knackfrisch. Keine Ahnung, wie er das hinkriegte. Sokolov war ein Zauberer. Ich musste oft kotzen. Am schlimmsten aber war es, wenn er aufs Klo ging und die Pisse nicht abzog, um Wasser zu sparen.

“Ist doch Trinkwasser”, sagte er mit hochrotem Kopf. “Hier, siehst du.”

Er schöpfte das Wasser mit beiden Händen aus dem Klo und tat so, als würde er daran nippen.

“SOKOLOV!” schrie ich ihn an, “DU MACHST UNS NOCH ALLE KRANK!”

“WIESO?”

“WEIL DU HIER DEINE BAKTERIEN VERBREITEST!”

“BAKTERIEN? WIE, BAKTERIEN?! WAS FÜR BAKTERIEN?! ICH HABE KEINE BAKTERIEN! WAS WILLST DU!?”

Bei Dienstbeginn war ich aufs Personal-Klo gegangen und hatte versäumt, den Abzug zu betätigen, bevor ich den Klodeckel anhob, wie ich es üblicherweise tat. Es konnte schließlich immer mal sein, dass eins von Sokolovs güldenen Pfützchen vom Vortag in der Porzellanschüssel lauerte, oder eins vom Vor-Vortag, oder..

“SOKOLOV! DU MACHST UNS ALLE KRANK!”

Bulgarische Schimpfworte quollen mir entgegen. Wenn Sokolov sich angegriffen fühlte, verteidigte er sich in seiner Muttersprache. Das war seine Linie. Er verließ niemals seine Linie. Er war fabelhaft.

“BÄH!” machte ich.

Es war sinnlos. Sokolov war eine fabelhafte bulgarische Pottsau.

*

Möckendorf, der andere Nachtportier, war ebenfalls Rentner, aber von der stillen und zurückgezogenen Sorte. Seine fahle Gesichtsfarbe erinnerte an Kalbsfleischwurst, die schon Geschmack angenommen hatte. Möckendorf war es auch gewesen, der mich in den Job des Nachtportiers einarbeitete. Er zeigte mir, wie man den Frühstücksraum korrekt eindeckte, wie man das Buffet aufbaute, wie man Telefonanrufe weiterleitete. Zuletzt wollte er mir demonstrieren, wie das mit dem Wurst- und Käseschneiden ging. Ich fragte mich, was es da zu demonstrieren gab. In der Küche befand sich eine Wurstschneidemaschine, ein Riesending, mit dem man vermutlich auch einen Laib Leerdamer kurz und klein kriegte.

Möckendorf öffnete den Kühlschrank und zog ein silbernes Tablett hervor. Darauf lag ein Kranz Wurstaufschnitt, übriggeblieben vom Buffet der vorangegangenen Nacht. Möckendorf langte zu. Er vergaß völlig, dass ich hinter ihm stand und zuschaute, wie er eine Scheibe Fleischwurst nach der anderen in sich hinein schob und versenkte, er schmatzte wie ein Ferkel. Es war dieses Gier in der Hotelküche früh um fünf, die sich in mein Gedächtnis einbrennen sollte. Möckendorfs verdammte Fleischwurstfresserei und Sokolovs gülden schimmernde Urin-Pfützchen – irgendwie ahnte ich zu diesem Zeitpunkt schon, dass ich kaum unbeschadet aus dieser Geschichte wieder herauskommen würde.

*

Als der Sommer vorüber war, reisten keine Amerikaner mehr an, es gab kein Gepäck mehr zu tragen.

“Bis nächstes Frühjahr”, rief mein Chef.

Ich ging zum Arbeitsamt und beantragte Arbeitslosenhilfe, doch das bisschen Kohle reichte gerade für die Miete und ab und zu einen Ansaufen. Es war nicht viel los mit der Arbeitslosenhilfe damals. Zu allem Überfluss machten mir auch noch die Ohren zu schaffen.

Die Misere nahm ihren Lauf in einem Club am Stadtrand. Es war Samstagabend, als Blowbeat dort ein Konzert gaben. Blowbeat waren für ihren druckvollen Rock bekannt, sie kamen aus Holland, wo sie zum besten Live-Act des Jahres 1987 gewählt worden waren. An der Leadgitarre stand Schnaat, einziger Nicht-Holländer in der Band und ein guter Freund von mir, und so drängelte ich mich trotz schwerer Erkältung bis nach vorn an die Boxen.

Schnaat war ein begnadeter Live-Gitarrist, seine Soli funkelten und kreischten. Er raste auf einen bestimmten Punkt zu, und wenn er ihn erreicht hatte, raste er einfach weiter, das Gesicht zur steckbrieflich gesuchten Visage verzerrt, roh und gemein – ein Gauner an der Rififi-Gitarre, der seine Zuhörer über die Dächer der Großstadt zerrte, in spitz zulaufenden Lackschuhen.

Ich hab auch Gitarrenunterricht genommen, 1975. Die Griffe, die ich damals lernte, beherrsche ich noch heute, doch mir fehlte das wirkliche Talent, das einen Musiker ausmacht, es ging bei mir nicht übers mühsam Erlernte hinaus. Außerdem fehlte mir das Durchhaltevermögen, das Schnaat auszeichnete, er büffelte an den Stahlsaiten, bis die Finger bluteten. Dass Blowbeat es nie ganz an die Spitze schafften – keine Ahnung, woran es lag. Letztlich waren es nicht genug Leute, die diese Art Rock-Musik liebten.

Wobei – niemand kann etwas für seinen Musikgeschmack. Den Musikgeschmack sucht man sich nicht aus. Man wacht nicht eines Morgens auf und denkt, hey, ich steh jetzt mal ne Weile auf Old Skool Detroit Techno House. So läuft das nicht. Musik erwischt einen oder sie erwischt einen eben nicht, und dann muss man zusehen, wie man damit zurechtkommt im Leben. Übrigens auch mit der Musik, die Anderen gefällt. Die haben sich auch nicht ausgesucht, die Anderen, was ihnen gefällt, genausowenig wie du, die machen das auch nicht extra, dass sie Hansi Hinterseer lieben. Dass sie zwanghaft mitträllern, wenn der Hansi im Fernsehen Stimmung macht. Das muss man akzeptieren. Möglicherweise wäre diesen Leuten sogar wohler in der Haut, hörten sie statt Hansi Hinterseer Detroit Old Skool, aber man sucht sich das nicht aus. Es sind die Ohren, die befehlen, die Vorposten der Seele, und hast zu gehorchen. Du bist Sklave deiner Hörzellen. Mehr ist es nicht.

Hau ab.

*

Am Morgen nach dem Blowbeat-Konzert jaulte und fiepte es in meinem Schädel, als hätte ich direkt unter einem Starkstrommast campiert. Ich saß aufrecht im Bett und raufte mir die Haare, ich versuchte verzweifelt den Kopf freizukriegen, den Ton zu verjagen, hinauszuschaufeln, ja genau: HAU AB, aber es half nichts, der Pfeifton blieb. Von nun an hatte ich einen Wasserkessel in den Ohren, der bei konstant hoher Hitze vor sich hin flötete, und niemand wusste, wie man den Kessel vom Herd kriegte.

Ich war so verzweifelt, ich ging sogar in die City, damit der Lärm der Verkehrsknotenpunkte das verdammte Gejaule und Gefiepe in mir überlagerte. Mitten auf dem Zebrastreifen blieb ich stehen und steckte den Finger ins Ohr. Ich wollte hören, ob das Geräusch noch da war. Es war noch da. Es ging nicht weg. Nicht an diesem Tag, nicht am nächsten Tag. Jeden Tag hoffte ich, dass die Aufregung in meinem Schädel sich legen würde. Dass jemand den Kessel von der Herdplatte nehmen und wieder Ruhe einkehren würde. Vergeblich. Meine Mutter sagte: Das hab ich auch,das hab ich schon seit Jahren, und sie schenkte mir ein Buch aus ihrer winzigen Bibliothek. Ich las es in einem Zug. Es ging um Tinnitus. Ohrgeräusche. Ich hatte noch nie davon gehört.

*

Die theoretische Möglichkeit, dass es von nun an für immer so bleiben würde, trieb mich zum Ohrenarzt am Neumarkt.

“Kein Wunder”, meinte er mit Blick durchs Otoskop, “da ist so viel Ohrenschmalz drin, das hab ich lange nicht gesehen. Ein Wunder eigentlich, dass Sie überhaupt noch irgendetwas hören.”

Er packte die große Gummispritze aus und forderte mich auf, stillzuhalten, die Knie zusammen zu pressen.

“Den Schuh wegen mangelnder Hygiene brauchen Sie sich übrigens nicht anzuziehen”, meinte er wohlwollend, doch diese Schuhe pflegte ich eh nicht zu tragen. “Manche Menschen produzieren Ohrenschmalz im Überfluss, und zu denen gehören Sie offensichtlich.”

Ich machte ihn noch darauf aufmerksam, dass ich schwer erkältet auf einem lauten Club-Konzert gewesen war, konnte das nicht der Grund sein für die Ohrgeräusche..? Doch der kauzige Doktor mit den großen Patschehändchen hörte gar nicht hin, er war zu sehr in seinem Element. Ein Ohrenarzt mit Leib und Seele und einer Mitarbeiterin, die neben mir am Stuhl stand.

“So, jetzt nicht erschrecken, junger Mann..”

Lauwarmes Wasser schoss ins Ohr und hinterließ ein Gefühl in mir, als wäre ein Staudamm gebrochen, der den ganzen Schädel überflutete.

“He! Stillhalten! Ist gleich vorbei..!”

Das Wasser lief aus dem Ohr wieder heraus und landete als klebriges rötliches Sekret in der Petrischale. Der Doktor zeigte mir den Fang. Es sah nicht gut aus. Auch die Mitarbeiterin verzog das Gesicht.

“Wie Currywurst”, sagte ich unsicher.

Der Ohrenarzt wiederholte die Spülung noch zweimal, erst dann war er zufrieden.

“Jetzt müssten die Ohren frei sein.”

Ich stand auf und ging vorsichtig durchs Behandlungszimmer. Meine Schritte peitschten wie die Brandung am Meer, und es fauchte aus meiner Nase, es war das Fauchen eines wilden Tieres.

“Bessser jetsst?” fragte der Doktor.

“Weisss nicht..”

Die s-Laute kamen so gleissend-hell wie von einer scharfen Rasierklinge ins Ohr gehoben. Ich fühlte mich vergewaltigt. Gestückelt. Ich machte, dass ich aus der Praxis rauskam. Auf der Strasse verfolgte mich ein Rasseln. Ich drehte mich genervt um, doch hinter mir war niemand. Es dauerte, bis mir aufging, dass es bloß lose Münzen waren, die in meiner Gesäßtasche beim Gehen klimperten.

Zu Hause schloss ich die Fenster, ich legte mich aufs Bett. Ich suchte Ruhe, Stille. Siebenundzwanzig Jahre hatte ich in einer abgeschirmten Enklave gelebt, und nun war der Schirm plötzlich fort. Ich war überwältigt von der Lautstärke in der Welt. Durch die geschlossenen Thermopane-Fenster hörte ich den Nachbarn auf der anderen Straßenseite, wie er im Hobbykeller leichte Laubsägearbeiten ausführte.

Es waren laute Tage, damals, mit 27.

*

Einziger Effekt der Ohrspülung: das Gepiepe wurde klarer und reiner, nun, wo der Schmand fort war, die Rauschunterdrückung, das private Dolby-System. Am heftigsten war es in der Nacht, wenn ich wach lag und keinen Schlaf fand. Manchmal wusste ich nicht, ob es tatsächlich im Ohr fiepte oder ob ich mir das ganze Malheur nur einbildete. Also steckte ich den Finger ins Ohr und versuchte den falsettartigen Ton zu isolieren. In der engen Schnecke rief ich den Feind zum Duell. Nur ich und die Fistelstimme. Die verfluchte Kastraten-Staffel. Ich hatte keine Chance. Getroffen sank ich in den Staub.

Wo andere Leute ihr Nervenkostüm hatten, stand bei mir die Schublade offen, darin lauter loses Garn und Flicken. Der fehlende Schlaf machte ein Wrack aus mir. Ich trank keinen Alkohol mehr, rauchte kaum eine Zigarette. Ich ließ das Kiffen sein und schnappte mir unseren Hund, einen jungen freundlichen Collie-Mischling, für Gewaltmärsche durch die Wupperberge. Um die Durchblutung zu fördern, wie die Gräfin riet. Um dem Nest zu entrinnen, sagte ich. Dem Nest in meinem Kopf.

Manchmal waren der Hund und ich den ganzen Tag unterwegs. Wir landeten in Autobahnraststätten und in dunklen vergessenen Hofschaften mit Namen wie Hoffnung, Jammertal und Schwarze Pfähle. Wir raschelten wie Laub im Wind, Kilometer um Kilometer, weiter, immer weiter, bis der Kopf endlich hinterher mir her hinkte und etwas Ruhe gab.

Abends lag ich mit monströsen Kilometerbeinen im Bett, komplett k.o., und konnte doch nicht einschlafen. Die Gräfin stellte das Radio am Bett an, leise, nicht zu leise. Die Lautstärke musste exakt den Frequenzbereich des schrillen Ohrgeräuschs treffen, damit es ausgeglichen und kompensiert wurde, sonst brachte es nichts. Ich war fertig mit den Nerven. Nichts ging mehr.

*

Mittags um halb eins besuchte ich meine Eltern. Punkt halb eins stand das Mittagessen auf dem Tisch, eine feste Größe seit meinen Kindertagen. Ich war auf der Suche nach fester Größe. Mein Vater erzählte von Kollege Vandersee, dem bei einer Knieoperation versehentlich die Hauptschlagader durchtrennt worden war, worauf er fast verblutet wäre. Erst in letzter Sekunde hatte man ihn retten können.

Noch beim Dessert wälzten sich Vaters Worte durch mein angegriffenes Nervensystem, ich sah eine pochende Hauptschlagader, vom aufblitzenden Besteck in meiner eigenen Hand attackiert. Blut platzte warm über den Mittagstisch, ich schüttelte mich wie ein nasser Hund und blickte rasch zu Mutter hinüber und biss ihr den kleinen Finger ab.

So ging es nicht weiter.

*

Wieder zum Ohrenarzt am Neumarkt.

“Junger Mann, hat die Spülung nicht geholfen?”

Er hatte nicht nur große Patschehändchen, er war überhaupt von großer, massiger Statur, eine lasche Trutzburg. Diesmal aber wollte er der Sache auf den Grund gehen. Er sperrte mich in eine schalldichte Audio-Kabine, in die er mir diverse Töne einspielte, in verschiedenen Lautstärken und Höhen. Ich sollte Bescheid geben, sobald der Ton getroffen war, den ich ständig im Ohr hatte. Das Ergebnis war alarmierend und schon im tiefroten Bereich einer chronischen Schädigung, so der Doktor. Ob ich erblich vorbelastet sei. Ob es in meiner Familie Fälle von Schwerhörigkeit oder Taubheit gäbe.

“Na sicher”, sagte ich. “Mein Opa.”

Im Jahre 1900 geboren, war er stets so alt wie das Jahrhundert. Ein stämmiger, laut polternder Herr, der mir zum 18. Geburtstag ein Buch geschenkt hatte, mit einem milden Lächeln, das sonst gar nicht zu ihm passte: Aus dem Leben eines Taugenichts. Weil Großvater so schlecht hörte, dass man jeden Satz wiederholen musste, waren Teile der Familie gleich dazu übergegangen, alles zweimal hintereinander zu sagen, die Wiederholung in fetten Druckbuchstaben, wie im Revolverblatt.

“Junger Mann, Sie sind auf dem besten Wege zur Schwerhörigkeit”, hetzte der Doktor. Dabei glänzten seine Backen, als hätte er eine Speckschwarte tief ins Gesicht gezogen. Dieser Blödmann. Ich glaubte ihm kein Wort. Ich war erkältet gewesen und hatte beim Rock-Konzert zu lange vor den Boxen gestanden, ds war alles.

Und jetzt hatte ich den Salat.

Rockkonzert? fragte er.

Ja, Rockkonzert, sagte ich. Blowbeat.

Ach so, sagte er. Schall-Traumata. Tinnitus. Klare Sache.

Mit seinen für einen leidenschaftlichen Menschen besorgniserregend laschen Patschehändchen stellte er mir ein Rezept für ein Medikament aus, das die Durchblutung der Ohren fördern sollte. Ich probierte es aus. Es machte müde, so schrecklich müde. Ich steckte ein Buch ein und ging mit dem Hund spazieren, kam aber nicht weit, nur bis in den Park. Ich las Der Untertan von Heinrich Mann und schlief auf der Parkbank ein, am hellichten Tag. Der Hund wachte über meinen Schlaf. Als ich die Augen aufschlug, stand das Falsettgeschwader im Ohr höher als je zuvor.

Am vierten Tag setzte ich das Medikament ab.

*

“Geräusche im Ohr? Hat doch jeder”, meinte Schnaat, als ich neben ihm am Tresen stand.

Ich war mir nicht sicher, ob er das ernst meinte oder ob er mir nur etwas von meinem inneren Drama nehmen wollte. Er wusste nur zu gut, wie sehr ich mich in etwas reinsteigern konnte.

“Jeder hat doch Geräusche im Ohr. Ist doch normal.”

“Aber keine Dauersirene. Ich bilde mir das nicht ein.”

“Dann lass mal hören”, sagte Schnaat, und rückte nah an mich heran. Da standen wir am Tresen, Ohr an Ohr, wie im tiefen Winter, wenn ein Auto dem anderen Starthilfe gibt. Es gelang ihm zwar nicht, meinen Tinnitus heraus zu hören, er war sich aber sicher, einen Song von Blowbeat erkennen zu können.

“Das ist doch.. unsere zweite Zugabe!”

*

Das Ende der Ohrgeräusche. Es begann damit, dass ich mir vornahm, das Ganze nicht mehr so ernst zu nehmen. Einfach so. Von heute auf morgen begann ich den Schwarm, der seine Runden drehte in meinem Kopf, zu überhören und schickte ihn gen Süden. Raus aus meinem Ohr. Runter da. Du kannst mich mal. Wichser. Stalker. Ganz ohne Yoga, ohne Meditation. Kehrte mein Gleichmut zurück.

Nun könnte man sagen: warum nicht gleich so? Wenn es doch so einfach war. Hättest dir ein paar schlimme Wochen erspart. All die Nächte. Aber so funktioniert es nicht. Man muss erst durch das Chaos hindurch, bevor.. Man muss immer erst durch das Chaos hindurch, bevor..

*

Eines Nachts wurde ich wach und ging pinkeln. Ich stand vorm Klo und wunderte mich über den fehlenden Krach, über die Stille. Ich steckte den Finger ins Ohr, um das Geräusch zu isolieren, das sonst immer da war, doch es war weg. Es war nichts mehr war da, gar nichts. Bis auf die übliche Zimmerlautstärke des Universums, das Grundrauschen der Milchstrasse und anderer Ecken im Viertel. Ein Megaherz. Ich stieg zurück ins Bett, und schlief weiter. Ich schlief Tag um Tag. Ich schlief einen halben Monat lang.

Als ich aufwachte, war ich 28.

Geplant war Ewigkeit (11)

Die Welt ist alles mögliche, nur eines niemals: belanglos.

Die Gräfin

*

Es war ein Tag im Frühling, als wir auf dem Balkon saßen und ich Vater fragte, ob er die Vögel hören könne.

“Welche Vögel?”

“Na, hier ist doch jede Menge Gezwitscher. Hörst du das nicht?”

Er lauschte angestrengt, die Augen rollten hin und her. Er war so schwerhörig geworden, jeden Satz musste man wiederholen. Hörapparate kamen ihm trotzdem nicht ins Ohr, weil die Nebengeräusche zu laut waren und alles mit Kleister überzogen, wie er meinte.

“Hörst du gar nichts?”

“Von den Vögeln?” Er schüttelte den Kopf. “Keinen Piep.”

“Das ist aber blöd”, sagte ich.

“Ja, das ist blöd”, sagte Vater.

Er blickte über die Balkonbrüstung in den blauen Himmel, wo ein paar Schleierwolken unterwegs waren, im lockeren Verbund.

“Und was ist mit denen da oben?” meinte er. “Machen die auch so’n Krach?”

*

Vater kam zunehmend mit den Tageszeiten durcheinander. Wenn ich ihn nachmittags am Telefon erreichte, was allein schon ein Glücksfall war, da er das Klingeln meist überhörte, hatte er gerade geschlafen und war der Auffassung, es sei früh am Morgen und er müsse die Heizung anwerfen und frühstücken.

Es dauerte, bis ich ihn auf die richtige Spur brachte.

“Es ist fünf Uhr durch, Papa.. Du hast längst zu Mittag gegessen.”

“Wer?”

“Na, du.”

“Ich? Zu Mittag..? Ich.. hab schon.. zu Mittag gegessen, sagst du?”

Während er sprach, arbeitete es ihm. Er suchte nach Anhaltspunkten, nach Resten eines warmen Essens, Fleischfasern, die im Mundraum vagabundierten, ein Klecks Apfelmus auf der Trainingshose, Besteck vielleicht, das er aus Versehen mit ins Wohnzimmer genommen hätte..

“Mittagessen..”, hörte ich ihn murmeln..”Nein. Ich hab heut noch nichts zu Mittag gehabt.”

“Doch, bestimmt. Es ist fünf Uhr durch, und Mittagessen kriegst du immer gegen zwölf.”

“Richtig!” warf er ein.

Wir warteten. Ich wartete, ob noch was kam, Vater wartete grundsätzlich. Zur Not auch darauf, dass nichts mehr kam. Aber das war okay für ihn. Das Warten. Das fragliche Mittagessen nicht.

“Das begreif ich nicht”, hörte ich ihn leise mit sich selbst ringen, auf Platt natürlich, “ich begriep dat nit..”, und ich ärgerte mich, ihn überhaupt gefragt zu haben, da jedes kleine Sich-nicht-erinnern-können für Demenzkranke eine Niederlage darstellt. Andererseits war er jedes Mal stolz wie Oskar, wenn er sich plötzlich doch erinnerte, was der Menu-Bringdienst gebracht hatte.

*

Ich hatte angerufen, um ihm mitzuteilen, dass ich erst am folgenden Tag zu Besuch käme und nicht heute, wie ursprünglich abgemacht.

“Ich komme morgen, Papa, dann hast du ja Geburtstag.”

“Geburtstag? Ich..?”

“Ja. Morgen, du hast morgen Geburtstag.”

“Was ist denn morgen?”

“Dienstag.”

“Aha.. Und wann kommst du?”

“Morgen”, sagte ich. “Dienstag.”

“Dienss..tag..”, wiederholte er so langsam, als müsse er die neue Info erst verarbeiten und mitschreiben. “Gut.. Morgen ist.. Dienstag. Aber du kommst.. heute?”

“Nee, morgen. An deinem Geburtstag.”

“Ah so.. ja. Klar.”

Die Telefonate häuften sich, die sich auf diese Weise in die Länge zogen, bis ich es mir abgewöhnte, Vater mit blöden Fragen in Verlegenheit zu bringen. Er konnte sich eh an nichts erinnern, ausgenommen an Dinge in seiner Kindheit und Jugend sowie an die Dinge, die sich eine halbe Sekunde zuvor abgespielt hatten. Besser eine viertel Sekunde.

*

Als wir Kinder waren, bereitete es Vater diebische Freude, sich vor uns aufzubauen wie Lehrer Lämpel im Großen Wilhelm Busch-Album und den Spruch zu bringen, von dem ich bis heute nicht weiß, woher er stammt. Ich habe recherchiert, ich habe gegoogelt, ich hab nirgends eine Spur vom Verfasser gefunden.

Wer anderen in der Nase bohrt,

sprach Vater,

ist selbst ein Schwein.

Was er damit nun genau ausdrücken wollte, blieb im Dunkeln – vermutlich, dass jeder gefälligst vor der eigenen Haustür kehren sollte. Aber das war auch nicht so wichtig. Sinnsprüche und schöne Tellerwahrheiten bildeten die Ausnahme in der Familie. Es blieb jedem selbst überlassen, dem Leben sein Geheimnis abzuknöpfen. Es gab lediglich so etwas wie stille Übereinkünfte, auf die man sich verständigte. Etwa die Überzeugung, dass der Virus Mensch eines Tages das All erobert, und dann Gnade Gott den anderen Planeten.

Sobald Vater also den Zeigefinger hob und Wer anderen in der Nase bohrt.. zitierte, sah ich riesige Zwitterwesen vor mir, halb Sau, halb Bulle, die sich gegenseitig kräftig in der Nase pulten und stocherten.

Ein ungeheuerlicher Vorgang, und alle mussten lachen.

*

Seit Mutters Tod an Weihnachten 2010 war Vater alleinstehender Witwer, herz- und zuckerkrank, von Asthma geplagt und zunehmend dement, in einer neunzig Quadratmeter großen Wohnung. Ein alter Mann, der nicht mehr viel zu tun hatte, außer warten, dass jemand aus dem Kreis der Familie zu Besuch kam. Am Ende des Lebens bleibt nur die Familie. Wehe dem, der zeitlebens geschludert hat in dieser Richtung, der ist erledigt. Der ist dreimal tot, bevor er tot ist, weil niemand mehr in der Welt ist, der sich für einen interessiert.

*

Solange Vater gesund gewesen war und Mutter noch lebte, zog er sich gern in die Stille und berührende Enge seines bis unter die Decke  vollgestopften Hobbykellers zurück und bastelte die großartigsten Puppenhäuser und Kasperletheater für die Enkelkinder, echte Zauberapparate.

Vater war immer ein Mann der Tat gewesen, doch im Alter waren es ausgerechnet die Hände, die ihn, vom Gedächtnis mal abgesehen, im Stich ließen. Er konnte nicht mal mehr eine lumpige Mineralwasserflasche öffnen, ohne Zuhilfenahme einer Wasserpumpenzange. Orgelspielen ging nicht mehr, Basteln war vorbei – es blieb nur warten, dass jemand kam und ihn besuchte.

Von sieben Tagen in der Woche war er an sieben Tagen zu Hause, ausgenommen Termine beim Arzt und kleine Ausflüge mit meiner Schwester. Dennoch erlaubte ich mir den Running Gag, Vater zu fragen, was er die letzten Tage angestellt habe, wenn ich ihn übers Wochenende nicht gesehen hatte und Montags um fünfzehn Uhr auf der Matte stand.

“Oha, ich bin hübsch zu Hause geblieben!” flötete Vater lakonisch.

“Dagegen ist nichts einzuwenden”, sagte ich.

*

Morgens und abends kam der Pflegedienst, blieb aber selten länger als zehn Minuten, da Vater nicht bettlägerig war, da sparten die Pflegekräfte gern die Zeit ein, die sie woanders nötiger hatten.

Ich kam zwei-, dreimal die Woche und blieb den ganzen Nachmittag. Meine Schwester, die Ernährungslehre unterrichtet, kam Freitags und am Wochenende, ihre Tochter, Studentin, wenn sie in der Stadt war. Mein Bruder war aus Vaters Versorgung größtenteils ausgeklammert, da er als Software-Administrator in Köln arbeitete und unter der Woche kaum vor 20 Uhr zu Hause war. Hinzu kamen seine beiden Jungs im Grundschulalter, seine Frau, die als Krankenschwester auf halber Stundenzahl arbeitete, sowie die sonnengelbe Hazienda in den Wupperbergen, plus Walburga und Lily, die beiden französischen Langfellschafe, die das Gras am Berghang hinter der Hazienda kurz hielten und jedem Besucher persönlich vorgestellt wurden.

Die Wochentage wechselten, an denen ich Vater besuchte, doch der Montag war von Anfang an eine feste Bank.

Wenn du von deinem Vater kommst, bist du meist gelockert und irgendwie.. zufrieden, so die Gräfin damals.

Natürlich gab es Tage, wo ich lieber zu Hause geblieben wäre. Wo ich knurrte, dass ich SCHON WIEDER los müsse, wo ich doch gerade erst so schön am Schreibtisch in Form gekommen war. Aber hatte ich mich einmal aufgerappelt und war unterwegs zur Schillerstraße, den treuen Hund an der Seite, war es jedes Mal in Ordnung.

Ich freute mich darauf, Vater zu sehen und etwas Zeit mit ihm zu verplempern. Darin hatte ich es mal zur Meisterschaft gebracht, das war lange Jahre mein Ding gewesen, das Verplempern von Zeit, doch nun war mein alter Vater der letzte, mit dem es noch funktionierte, das einfach beisammen sein und den Tag hinterm Horizont verschwinden zu sehen, ohne einen Finger krumm zu machen.

(Nichts bleibt wie es ist, schon klar, doch manchmal, in Ausnahmefällen, könnte es wenigstens etwas länger so bleiben, wie es ist.)

Und: Was bleibt dem ältesten Sohn einer gestandenen Klempner- und Installateurmeister-Legende schon übrig, als das Leben zu verplempern, wenn er kein Klempner werden kann. Schon vom phonetischen Standpunkt aus gesehen. Das Leben verklempnern hat sich erledigt, wegen der zwei linken Hände. Sogar handwerklich geprägten Begriffen wie RECHTFERTIGUNG stehe ich grundsätzlich skeptisch gegenüber. Oder HANDZAHM.

*

Während meine Schwester Vater so oft wie möglich ins Auto verfrachtete und mit ihm ins Oberbergische fuhr und irgendwo einkehrte, wo Kaffee und Kuchen gereicht wurde, blieb ich mit ihm zu Hause und leistete ihm Gesellschaft. Ich war sein persönlicher Gesellschafter. Wir verdrückten warmen Apfelstrudel, tranken heißen Kakao und lasen Zeitung auf dem Balkon hoch über den Dächern der Stadt.

Am liebsten war es mir, wenn er aus vergilbten Zeiten erzählte, wo der Mief von Opas Zigarre dick in der Luft stand. Das waren echte Highlights. Ich erfuhr, dass Opa ständig Jagd auf Ratten gemacht hatte, mit der 6mm-Pistole schoss er aus dem Fenster auf das Gelichter, das aus dem Bärenloch rüberkam und im offenen Abwasserkanal vor Großvaters Werkstatt nach Nahrung suchte. Gelichter nannte Opa die Ratten. Bei solchen Erinnerungen schwebte ich förmlich über dem Balkon und sah mich an Vaters Lippen hängen, genauso fasziniert wie Mutter zu ihren Lebzeiten an seinen Lippen geklebt hatte.

Die kleinen Erinnerungen hatten es mir besonders angetan, Dinge, die er unbedeutend fand und eher nebenbei erwähnte. Etwa dass es bis in die Dreißigerjahre auf der Solinger Seite von Kohlfurth eine Kneipe namens “Der liebe Jüng” gab, wo es nach feuchter Pappmaché und Sägespänen duftete, wie Vater sich erinnerte. Als wäre man zu Gast bei Ponys gewesen, die gern basteln.

Nicht weit vom “lieben Jüng” war das sagenumwobene Kohlfurther Strandbad an der Wupper, das in meiner Phantasie schon deshalb hohen Stellenwert besitzt, weil es seine Pforten längst geschlossen hatte, als ich zur Welt kam. Ein Naturbad, das von eiskaltem Bachwasser gespeist wurde und wo man mit einer 10er-Karte locker über den Sommer kam, selbst wenn man jeden Tag bis Sonnenuntergang blieb und sich bräunte.

“Ach, die haben es mit dem Eintritt nicht so genau genommen, manchmal war das Kassenhäuschen stundenlang nicht besetzt. Außerdem waren die Zäune ringsum so niedrig, da war man schon aus Versehen drin, wenn man in der Nähe den Hund ausführte.”

Auch Familiengeheimnisse lüfteten sich an den Nachmittagen auf dem Balkon. So war mir neu, dass der Cronenberger Onkel mit der schwarzen Hand schwul gewesen war. Einmal im Jahr nahm er sich eine mehrwöchige Auszeit vom Eheleben und fuhr Männer küssen, während seine Frau, Tante Christel, den Lebensmittelladen weiterführte und ansonsten so tat, als wäre ihr lieber Gatte in Kur.

Ich seh den Onkel noch bei meinen Großeltern in der Küche sitzen, mit der steifen Hand, die in einem schwarz-glänzenden Lederhandschuh steckte. Eine schwarze Hand, aus der ich Pfefferminzbonbons entgegennahm, immer einzeln, wie bei einer Taubenfütterung. Erst vierzig Jahre später verstand ich, dass es sich um eine Prothese handelte, über die ein Handschuh gestülpt war. Eine Kriegsverletzung, Erster Weltkrieg.

Er war kein unfreundlicher Mann, die schwarze Hand, während Tante Christel verkniffen rüberkam. Vom vielen Stehen im Lebensmittelgeschäft hatte sie ein dickes Elefantenbein, das sie mit Bandagen umwickelte und so noch dicker machte, während man beim anderen Bein dachte, hups, da kommt der Storch, weil es so dünn und knickrig geblieben war. All das sowie die Sorge um den schwulen Ehemann in Zeiten des Nationalsozialismus sorgten dafür, dass Tante Christel mit schweren Seufzern durchs Leben navigierte.

Wenn sich die Verwandtschaft bei Opa und Oma sammelte, hockte ich gern unterm Küchentisch und staunte angesichts all der grässlichen Alte-Tanten-Beine, die in Nylonstrümpfen steckten und so schlimm rochen, als hätte ein Stück Käse die Hose offen. Am übelsten waren halbe Strumpfhosen, die bis übers Knie reichten und dann ins weiße Wabbelfleisch weiblicher Oberschenkel übergingen. Ich war fasziniert und beschämt zugleich. Ich nahm noch ein tiefes Näschen und blieb untem Tisch sitzen, bis wir aufbrachen.

*

Mein Bruder erzählt, wie er als kleiner Hosenmatz bei einer Familienfeier unterm Tisch saß und mit Autos spielte, als neben ihm plötzlich ein Gebiss zu Boden ging. Onkel Willi hatte es beim Lachen verloren. Mein Bruder hob die Zähne vom Teppich auf, “ich dachte erst, das wär Legospielzeug”, und reichte sie Onkel Willi hoch, der ihm im Gegenzug ein Fünfmarkstück in die Hand drückte.

“Du bist ein lieber Jung.”

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An Sonntagen besuchten wir gelegentlich Tante Christel und die schwarze Hand, die in Wuppertal lebten. Die Tante nahm mich beiseite und führte mich in den Lebensmittelladen, den sie extra für mich aufschloss. Das imponierte mir, auch wenn sie kein Licht machte, denn sie war geizig und Elektrizität teuer.

Vorbei an der Wursttheke ging es zu den Süßigkeiten. Lose Ware, die Tante Christel mit dem Schäufelchen auflud und in eine kleine weiße Papiertüte schüttete, extra für mich. Pfefferminzdragees waren darunter, natürlich, aber auch rotes Erdbeerschaumgummi und Pastillen, die nach lila Zucker schmeckten. Da sagte man danke, Tante Christel.

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Bei aller Einsamkeit, die ihm seit Mutters Tod zusetzte: Sobald Menschen in seiner Nähe waren, zu denen er ein Band hatte, taute Vater auf und sein Sprachzentrum sprang an.

Wie oft saßen wir am Kaffeetisch, teilten uns die Zeitung, und wenn Vater auf ein Wort stieß, das er nicht kannte, fragte er nach der Bedeutung. Englische Begriffe erriet er gern, auf Basis seiner Grundkenntnisse aus britischer Kriegsgefangenschaft. Bei Heart Attack war er sich sofort sicher: harte Attacke.

Manches blieb ihm allerdings ein Rätsel. Etwa das Internet in seiner Gesamtheit. Zwar demonstrierte ihm mein Bruder am Laptop, was das Internet so alles kann und wofür es taugt, doch es leuchtete Vater nicht wirklich ein. Das Internet war nicht wirklich fassbar für ihn.

“Wenn du das Internet selber ausprobieren würdest, wüsstest du ganz schnell, wie der Hase läuft”, sagte ich, doch Vater winkte ab.

Er hatte für sich beschlossen, das Internet für die große neumodische Erfindung zu halten, für die er zu alt war, und damit war die Sache besiegelt. Lediglich wenn ihm ein Wort wie Google dauernd in den Schlagzeilen begegnete, wollte er mehr davon wissen.

“Was ist das, Google?”

Er sprach es so aus, wie es ihn auf Deutsch anblickte, mit langem o und der Endung -le, Googele.

“Gugel”, sagte ich.

“Gugel?”

“Ja. Gugel führt dich durchs Internet, es kennt sich da gut aus. Gugel ist wie ein Schleppkahn, der dich an die Kandare nimmt und in den Hafen lotst, den du suchst.”

“Hoyy!” sagte Vater. “Ist das denn so groß, das Internet?”

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“Dieses Bemühen mitzukommen in diesem täglichen Wahnsinn, das haben dein Vater und du gemeinsam, das ist schon ein bisschen rührend”, so die Gräfin. “Dieses erst Aufwachen, wenn die Dinge längst Geschichte sind. Das liegt bei euch in der Familie. Nur dein Bruder checkt die Dinge schneller. Deine Schwester auch. Also, du und dein Vater, ihr seid echte Kriechtiere.”

Was mich betrifft, ich habe tatsächlich eine verlangsamte Wahrnehmung. Tiefenwirksam erst in dem Moment, wo ich allein bin und mich konzentrieren kann, wenn alle Geschwindigkeit der Welt abgeschüttelt ist. Und ich mich ganz dem Objekt hingeben kann.

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Anfang Juni 2013 stürzte Vater in der Küche und zog sich eine Platzwunde am Kopf zu. Wie es genau passiert war, blieb unklar, eins aber stand fest: Er hatte es noch auf die Reihe gekriegt, sein Blut vom Küchenboden aufzuwischen, damit weder wir Geschwister noch der morgens und abends nach dem Rechten sehende Pflegedienst Verdacht schöpfen konnte.

Bloß nicht ins Krankenhaus, war seine Devise, bloß nichts ins Altenheim. Bloß in der alten Wohnung bleiben.

Eine Devise, die wir teilten.

(Es gab Überlegungen, Planspiele, Vorschläge. So fragte Vater die Gräfin und mich, ob wir uns vorstellen könnten, bei ihm einzuziehen und ihn quasi im Vorbeigehen mitzuversorgen. “Ich mache doch nicht viel Arbeit”, sagte er, und wie er das sagte, hatte ich dieses schummrige Gefühl im Bauch, das sich immer dann meldet, wenn Liebe zu stark zu werden droht und die Perspektive verschiebt. Wenn man zu Entscheidungen neigt, die man eventuell bereut. Doch für drei Leute und einen Hund war Vaters Wohnung definitiv nicht geeignet, die Räume waren zu ungünstig aufgeteilt, das sah Vater letzten Endes auch ein. Niemand hätte je seine Ruhe gehabt.

Auch mein Bruder und seine Frau wogen ab, ob der Platz in ihrer Hazienda in den Wupperbergen für eine zusätzliche Person ausreichen würde, doch das alte Haus war zu verwinkelt und hatte zu viele steile Treppen, es wäre für Papa zu gefährlich gewesen. Außerdem waren da die beiden kleinen Rabauken, beide im Grundschulalter und gestählt in endlosen Konkurrenzkämpfen und Lärmorgien.

Nein, wir machten uns die Entscheidung fürs Altenheim nicht leicht, doch die behandelnde Haus-Ärztin setzte uns irgendwann die Pistole auf die Brust. Sie könne keine Verantwortung mehr für Vater übernehmen. Zum Glück fanden wir schnell einen Heimplatz, der zudem in der Nähe meiner Schwester lag.)

*

Vermutlich hatte Vater in der Küche gehockt, eine Tomatenbutter mit Zwiebeln gegessen und war dabei vom Drehstuhl gerutscht und auf den Boden aufgeschlagen. Ob er kurzfristig ohnmächtig gewesen war, niemand konnte es sagen. Irgendwann nach dem Sturz musste er sich aufgerappelt haben, um das Blut vom Linoleumboden aufzuwischen, mit Papier von der Küchenrolle. Bis auf einen kreisrunden Klecks, den er übersehen hatte, und der ihn verriet.

Ich war gegen halb vier mit dem Hund zur Schillerstraße gekommen. Wenn ich die Wohnungstür aufschloss und nachschaute, wo Vater sich aufhielt, musste ich vorsichtig zu Werke gehen wie ein Ermittler, der erstmals den Tatort aufsucht. In seiner Einsamkeit war Vater so tief in sich versunken, dass er fast einen Herzschlag erlitt, wenn man plötzlich vor ihm stand und hallo sagte.

Hallo Papa.

“Hast du mich erschreckt..! Bist du verrückt! Das kann man doch nicht machen!”

(Wie man es machen sollte, verriet er aber auch nicht.)

Heikel war es, wenn er sich zum Mittagsschläfchen ins Esszimmer zurückgezogen hatte, da schlief er besonders tief und fest – man kriegte ihn einfach nicht wach. Da konnte ich beim Betreten der Wohnung noch so laut PAPA! dröhnen, ICH BIN’S! Oder gleich den Hund vorschicken, SUCH DEN PAPA! WO IST DER PAPA?! Aber dann war die Gefahr groß, dass Vater wach wurde und plötzlich stand ein Riesenköter vor ihm und zog die Lefzen hoch.

Wie ich es auch versuchte, das Aufwecken blieb ein Problem. Im ersten Moment, im Auftauchen aus tieferen Traumschichten, war ich für Vater stets ein Fremder, den er nicht kommen gehört hatte, der ihn überfallen und ausrauben wollte. In Amerika, mit der Pumpgun unterm Kopfkissen, hätte er mich locker zwanzig Mal erschossen gehabt.

*

Vater lag unter Decken begraben auf dem Sofa, er schlief tief und fest, ein vertrauter Anblick. Nur sein Kopf war zu sehen und wirr abstehendes weißes Haar – ein Dirigent, der sich zwischen zwei Aufführungen aufs Ohr gehauen hatte, um sich zu erfrischen.

Ich stand über ihm und beobachtete seinen Schlaf. Manchmal blieb ich minutenlang so stehen, still, bewegungslos, den Blick auf seinen alten geschundenen Körper gerichtet. Wie ein Herzschlag-Bussard kreiste ich über ihn und wachte über seinen Herzschlag, da man in Vaters Alter, in seinem Zustand nie ganz sicher sein konnte, ob die Wolldecke, die sich da im Rhythmus der Atemzüge hob und senkte, sich wirklich hob und senkte im Rhythmus der Atemzüge oder ob ich mir das nur einbildete und der Körper längst – oder unlängst – erkaltet war.

(Ich war ein Luftbild-Archäologe, der aus der Höhe Muster erkennt, Hirnströme im Schädel der Ahnen.)

Oh, süße sorglose Tage, wenn ich am Sofa stand und er laut und wild schnarchte und jäh die Augen aufriss und – er war hellwach!

Ach du bist es!

*

(Manchmal hatte ich echt die Nase voll. Ich hatte alles mögliche probiert, um ihn schonend wach zu bekommen, doch er reagierte auf nichts, bis ich kurzentschlossen an seiner Schulter rüttelte wie an einer bösen Stiefmutter.

“JAA.. BIST DU DENN..? DES WAHNSINNS..? ICH HAB MICH VIELLEICHT ERSCHROCKEN!!”)

*

Der Unterschied zwischen Deutsch und Englisch? Herzinfarkt klingt schrecklich, Heart Attack sportlich.

*

Ich erkannte einen dunklen Fleck am Haaransatz, wie Blut sah es aus, getrocknetes Blut. Ich bückte mich runter. Das Blut verklebte sein graues Haar. Er stöhnte leise im Schlaf. Ich ermunterte den Hund laut zu bellen, damit Vater aufwachte, doch der Hund kapierte nicht, was ich von ihm wollte, da das Bellen in diesen Räumen sonst untersagt war.

Ich stand vor der Schlafcouch, sagte laut “Vater!”, zupfte unschlüssig an der gesteppten Decke, was natürlich nichts brachte, dafür ist der Schlaf ein zu mächtiger Altersbegleiter, da hilft es nicht, unschlüssig an der gesteppten Decke zu zupfen und ein bisschen Vater zu winseln. Ich griff zum finalen Mittel. In der Küche hing ein Wasser-Boiler aus den Sechzigerjahren. Sobald das Wasser kochte, setzte ein Daueralarm ein, ein Inferno, dass dem Haus das Dach wegflog, und tatsächlich: sofort war Vater wach, mit schreckensweit geöffneten Augen.

“WER IST.. WAS IST LOS..?!” keuchte er, aus dem Nachmittags-Traum gerissen.

“Na, das frag ich dich..”, sagte ich.

“WAS??!”

Ich liess ihn erstmal zu sich kommen. Er stöhnte und schmatzte. Nach einer Weile stieß er die Decke weg, streckte die Hand nach dem Hund aus.

“Ach, da ist ja auch der Hund.. Hallo.. Molli.”

Frau Moll schleckte genüsslich Vaters Hand, rauf und runter, wie einen dicken Fleisch-Lolli. Sie liebte die milchige, nach Aprikose duftende Creme, die der Pflegdienst bei ihm auftrug.

“Sag mal, Papa.. was hast du am Kopf gemacht..?”

“WAS??!”

“WAS HAST DU AM KOPF GEMACHT?”

Er saß jetzt halb auf dem Sofa, halb hing er durch, ein gebrochener Schiffsmast, und er winkte verschlafen ab.

“Ach so.. ja. Weiß auch nicht, was da passiert ist..”

Er versuchte das Thema nicht weiter zu berühren, “na, Molli, wo warst du denn so lange?”, doch ich nagelte ihn fest.

“Bist du hingefallen?”

“WAS?!”

“OB DU GESTÜRZT BIST! DU HAST DA EINE DICKE PLATZWUNDE AM KOPF! DA MÜSSEN WIR WAS MACHEN. DAS KÖNNEN WIR NICHT EINFACH SO LASSEN, PAPA! WAS HAST DU GEMACHT?”

Er nickte müde. Ja, ich weiß.. Da war so was. Da ist so was.. geschehen.. Unangenehme Geschichte. Scheint die Sonne..? Setzen wir uns draußen auf den Balkon? Ja?

Seine Augen, rot und todmüde, wie die Scheinwerfer eines betagten Doppeldeckers, der den Himmel so oft abgeflogen war, dass er jeden noch so kleinen Winkel kannte, jedes noch so kleine feindliche Luftschiff.

Lass mich einfach in Ruhe, sagten diese Augen.

“Was ist passiert, Papa?”

Nein, er konnte sich nicht erinnern. Ich schaute mir die blutverschmierte, verklebte Wunde aus der Nähe an. Es war nicht zu erkennen, was darunter los war. Vielleicht hatte er eine Gehirnerschütterung. Zum Glück war ihm nicht übel, er hatte auch kein Kopfweh, und schwindelig war ihm sowieso ständig. Das kam vom Zucker.

Um rekonstruieren zu können, was geschehen war, klapperte ich die Wohnung ab und fand schliesslich den kreisrunden Fleck Blut auf dem Küchenboden.

“Du bist in der Küche gestürzt”, sagte ich, holte eine Schüssel voll warmen Wasser und einen Waschlappen. Vater versank auf dem Sofa, ein Häufchen Elend. Er blickte mich aus großen ängstlichen Peter Lorre-Augen an.

“Ich weiss, ja.. Was machst du da..?”

“Ich versuch das Blut abzutupfen ..”

“WAS?!”

“ICH VERSUCH DAS BLUT ABZUWASCHEN.”

Es war aussichtslos. Das Blut war bereits eingetrocknet. Es gelang mir lediglich, die Kruste etwas aufzuweichen, worauf die Wunde wieder zu bluten begann. Es war halb sechs. Der Pflegedienst konnte jeden Moment einfliegen. Vielleicht reichte es, wenn die Pflegerin einen Blick auf Vater warf.

Vielleicht auch nicht. Ich suchte die Telefonnummer des Pflegedienstes raus, entschied mich aber dafür, lieber bei der Hausärztin anzurufen, deren Praxis um die Ecke lag, keine dreihundert Meter entfernt. Wir sollten uns sofort auf die Socken machen. Wir haben bis 18 Uhr geöffnet. Ich legte auf und rief ein Taxi. Zu Fuß schaffte Vater es nicht mehr.

Ich half ihm beim Anziehen, was nicht so einfach war, da er es hasste, gleich nach dem Aufwachen in eine hastige Aktion verstrickt zu werden. Frau Moll spürte, dass die Situation brenzlig zu werden versprach, und dackelte die ganze Zeit hinter uns her. Sie wollte nichts verpassen. Da die Gräfin sie tags zuvor stundenlang gebürstet hatte, sah sie aus wie ein Riesenstofftier von der Kirmes, und wir mussten lachen.

Um zehn vor sechs war das Taxi da. Ein Taxi für eine Fahrt von 300 Metern. Da hilft nur üppig Trinkgeld, sonst hast du schnell ein Messer zwischen den Rippen.

Der Fahrer, ein mürrischer Türke, und ich nahmen Vater in die Mitte und führten ihn drei Etagen durchs Treppenhaus runter zum Wagen, wobei ich mit der freien Hand die Hundeleine halten musste, weil Frau Moll uns sonst zwischen den Beinen hin- und her gewuselt wäre. Ich kam mir vor wie ein Marionettenspieler, der Mühe hatte, die Fäden seiner Puppen auseinander zuhalten.

Natürlich wäre es einfacher gewesen, Frau Moll allein in Vaters Wohnung zu lassen, solange wir beim Arzt waren, doch leider neigt der Hund dazu, Hausgemeinschaften in Schutt und Asche zu kläffen, sobald er sich dort alleine aufhält.

Nachdem Vater im Taxi saß, schickte ich den Wagen voraus und folgte zu Fuß mit dem Hund zur Vereinsstraße. Alles sehr umständlich. Da die behandelnde Haus-Ärztin nicht im Haus war, musste sich ein anderer Arzt aus der Gemeinschaftspraxis um die Wunde kümmern. Während Vater, der sehr schwach und unkonzentriert wirkte, im Sprechzimmer auf den Doc wartete, trudelten ständig weitere Patienten ein, obwohl die sechs Uhr-Deadline längst überschritten war.

Ich hatte andere Probleme. Wohin mit dem Hund? Ich leinte Frau Moll im Flur am Geländer an, sie machte es sich auf den Treppenstufen bequem, das war okay für sie. Es liess sich aber nicht vermeiden, dass Nachbarn, die in die oberen Etagen wollten oder von dort kamen, über den Hund hinweg steigen mussten, was Frau Moll auf den Tod nicht ausstehen kann. Dann gerät sie in Stress und verliert jedglich Contenance und Beisshemmung, auch wenn es bloß ein Beißen in die Luft ist. Ein Warnbeissen. Doch was sollte ich tun? Den Hund mit in die Praxis nehmen? Das verbot schon die Front der Arzthelferinnen, ein Trio blutjunger türkischer Frauen mit Kopftuch. Da konnte ich mir jegliche Diskussion sparen.

Ich teilte mich auf. Mal fand ich mich für einige Minuten im Sprechzimmer ein, wo ich Vater Gesellschaft leistete beim Warten auf den Arzt, mal war ich im Flur und kraulte den am Geländer angeleinten Hund.

Die ganze Aktion dauerte anderthalb Stunden. Irgendwann rief der Doktor mich zu sich, ein jovial auftretender Mann, leger gekleidet wie für den Everyday Award, der im Gespräch ständig zwischen Du und Sie lavierte und unentschlossen wirkte, wie er mit Vater verfahren sollte.

“Mir fehlen hier die Gerätschaften, um festzustellen, ob Ihr Vater eine Gehirnerschütterung erlitten hat. Er kann sich ja nicht einmal daran erinnern, was überhaupt passiert ist. Vielleicht war er unterzuckert und ist eine Weile ohnmächtig gewesen, wer weiß.”

Da Vater Diabetes hatte, war der Verdacht durchaus begründet, er bekam seit einiger Zeit Insulin gespritzt. Der Doktor tendierte dazu, Vater übers Wochenende ins Klinikum einzuweisen, zur Beobachtung, “dann sind wir auf der sicheren Seite. Wenn Sie mir jetzt natürlich versprechen, ich schlafe heut Nacht bei meinem alten Daddy, dann können Sie ihn mitnehmen.”

“Dann machen wir das so”, sagte ich, obwohl ich keine große Lust hatte, im ex-Ehebett meiner Eltern zu übernachten, aber darüber war das letzte Wort noch nicht gesprochen. Hauptsache, er musste nicht ins Krankenhaus, wo übers Wochenende eh keine Untersuchungen stattfanden.

Er bekam eine Tetanusspritze, die Wunde wurde gereinigt und desinfiziert, wobei sich herausstellte, dass es sich weniger um eine echte Platzwunde handelte, sondern um einen Riss, aus dem aber schon seit vergangener Nacht kein Blut mehr gesickert war.

Genau in dem Moment, als der Doc “Das ist doch mal eine gute Nachricht” sagte, hörte ich plötzlich lautes Gebell und Gepolter aus dem Treppenhaus.

“WEM GEHÖRT DIESER SCHEISS KÖTER!!?”

Mit einem vage unguten Gefühl nahe am Abgrund stürzte ich durch die sich leerende Praxis Richtung Ausgang und stieß die Tür zum kühlen Treppenhaus auf.

“Der Hund gehört mir. Wieso?”

Frau Moll saß aufrecht auf dem untersten Treppenabsatz und hechelte gestresst, während ein Mann in meinem Alter etwas abseits im Flur stand, er war kaum zu bändigen.

“DER ALTE BOBTAIL DA WOLLTE MEINEN SOHN BEISSEN!”

Ich blickte mich um. Ich sah kein Blut, keine ausgebissenen Fleischstücke, keinen vereinzelten Zahn. Ja, da war nicht mal ein Sohn zu sehen. Da war.. nichts. Ich beschloss Ruhe zu bewahren. Alles andere machte keinen Sinn.

“Das ist kein Bobtail”, stellte ich klar. “Und wo ist denn ihr Sohn?”

“DER IST DRAUSSEN, SO EINE ANGST HAT DER GEKRIEGT! DER IST RAUSGERANNT! DER KÖTER WOLLTE MEINEN SOHN KILLEN!”

Ich fragte, was genau passiert war. Ich entschuldigte mich. Ich sagte, dass ich als Junge ebenfalls Schiss vor Hunden gehabt hätte, dass ich das gut nachvollziehen könne, dass es mir leid täte und dass der Hund niemals wirklich zubeißen würde, er würde nur in die Luft schnappen zur Warnung, wenn man über ihn hinweg steigt, etc. etc. Ich nahm allen Wind aus den Segeln. Ich hielt den Ball flach. Es war nichts passiert, und ich hatte andere Sorgen.

*

Während Vater und ich beim Arzt saßen, war die Gräfin im Fernsehen zu sehen. Sie war morgens von einem Lokalreporter des WDR interviewt und gefilmt worden, als sie mit dem Hund eine schnelle Rakete ging.

Eine Rakete ist einer der Rundgänge, denen wir spezielle Namen gegeben haben, damit der Andere sofort Bescheid weiß, ob man mit dem Hund eine große Runde über die Felder plant (90 Min.), eine Betty-Runde dreht (45 Min.) oder eine schnelle Rakete absolviert (Viertelstunde).

Die Rakete führt unterhalb der Hochhaus-Siedlung Neuer Kannenhof durch einen kleinen Hain und war letzten Sommer von der Gespinstmotte befallen. Der gefrässigen Seidenstickerraupe. Die Buchen waren von Kopf bis Fuß in einen silbrigen Umhang aus Spinnfäden gehüllt, ein manischer Frühtau, der wochenlang hielt. Das ganze Areal war so silbrig-weiß, als wäre ein Hubschrauber über den Wald geflogen und hätte kistenweise Kalk und edles Metall abgelassen. Die Raupen hingen in Trauben von den Zweigen wie zerrissene Feinstrumpfhosen. Andere Raupen setzten den Befall mit Gespinsten auf dem Boden fort, bis sie den nächsten Baum erreichten und in Beschlag nahmen.

Eine fiese Sache, die außer lokalen Förstern auch den WDR auf den Plan rief.

“Dreimal musste ich den Text wiederholen, bis der Blödmann von Reporter endlich zufrieden war”, maulte die Gräfin.

“Welchen Text?”

“Na, wie wir Anwohner das finden.”

“Und wie finden wir Anwohner das?”

“Fies.”

Der rasende Gespinst-Reporter des WDR war flapp-flapp-flapp auf glockenhellen Joggingschuhen angeflogen gekommen, als die Gräfin und Frau Moll nur eine schnelle Rakete absolvieren wollten, und nachdem er seinen Beitrag über den Silberwald im Kasten hatte, verschwand er wieder mit dem gleichen Sound.

“Das Geräusch werd ich mein Lebtag nicht mehr los, wie der da angeflattert kam von hinten. Der rasende Gespinst-Reporter. Pah!”

Es war Abend, als sie davon erzählte, und sie war immer noch angenervt von dem WDR-Mensch. Als sie ihn morgens Reporter genannt hatte, blickte er irritiert.

“Der wollte lieber Journalist genannt werden.”

Er war Kameramann, Tonmann und Reporter in einem, hatte schütteres Haar, eine dürre Gurke um die Fünfzig. Viele Lachfalten.

“Sonst hätte der mich gar nicht überreden können, einen Text dreimal aufzusagen.”

Selbst den schmalen Weg sollte die Gräfin zweimal gehen, bis endlich alles im Kasten war. Da konnte er von Glück reden, dass sie sich gerade blaue Wildledersandalen zugelegt hatte, “die sind so herrlich weich”, schwärmte sie, “wie ein Küsschen an den Füßchen.”)

“Jetzt weiß ich auch, warum Leute im Fernsehen so einen verkrampften Mist verzapfen, wenn sie etwas gefragt werden. Weil sie dauernd den Text wiederholen sollen, wie Schauspieler.”

“Das war ein frustrierter Irgendwann-will-ich-aber-wieder-richtigen-Journalismus-machen-Journalist”, sagte ich.

(Ich war ja nicht dabei gewesen, also wusste ich unheimlich gut Bescheid.)

Für die Teenager des Viertels war die Gespinstmotten-Plage im Sommer 2013 nur eine Art Live-Spuk gewesen.

“HE! BIST DU VERRÜCKT MICH MIT DEN SILBERFÄDEN EINZUSEIFEN?! DAS IST VOLL GIFTIG, EH!”

“WIESO IST DAS GIFTIG?”

“HAB ICH IM FERNSEHEN GESEHEN, IN SO NER VERDACHTS-SENDUNG!”

*

Während Vater mit versorgter Wunde in der Praxis saß, warteten Frau Moll und ich im Hausflur aufs Taxi, das uns wieder nach Hause bringen sollte. 300 Meter, fett Trinkgeld. Ich kraulte Frau Moll das Fell, damit sie sich beruhigte. Ganz kleinlaut lag sie da, mit vom Durchzug umgeklappten rosa Öhrchen.

Kurz vorm Vollmond hält man die Füße still, flüsterte ich. Weiß doch jeder.

Sie hatte nach dem Jungen geschnappt, der im Treppenhaus auf dem Weg nach unten über sie hinweg marschiert war, und ihn dabei in den Arm gekniffen. Der Vater, alarmiert von dem Geschrei, war aus der Wohnung im zweiten Stock gestürzt, direkt hinterher. Gut, ich hatte mich entschuldigt. Vater und Sohn waren nach oben gegangen, zurück in die Wohnung. Dachte ich. Bis ich ein Flüstern wahrnahm, das immer lauter, genervter wurde.

“Jetzt haben wir uns ausgesperrt, Vati..”

“..na, sauber..”

In dem Tohuwabohu hatte der Vater den Schlüssel in der Wohnung liegen lassen, und beim Durchzug war die Tür zugeschlagen. Jetzt warteten sie auf die Tochter, die hatte einen Schlüssel. Ich verhielt mich mucksmäuschenstill, schließlich lag das ganze Schlamassel im Schwenkbereich meiner Schuld. Das alles wäre nicht passiert, hätte ich den Hund nicht im Flur angeleint.

Endlich kam das Taxi. Ich holte Vater aus der Praxis. Zum Glück war es derselbe Fahrer wie auf der Hinfahrt. Ich musste nicht viel erklären. Bloß raus hier.