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Geplant war Ewigkeit (6)

17. April 2014

Man konnte nicht damit rechnen, dass es sich so entwickelt, doch so ist es mit den schönen Dingen, sie kommen, wenn weit und breit niemand einen Gedanken daran verschwendet. Die wahren Dinge im Leben geschehen meist ohne unser Zutun, wir müssen bloß eins sein – da. Vor Ort. On air. Bereit.

Wir müssen bereit sein.

So war es auch mit Vater und mir, als wir auf seinen letzten Metern Freunde wurden. Wir mochten uns auch zuvor schon, wir sympathisierten miteinander, doch wie das so ist bei Charakteren, die sich ähnlich sind, man steht sich oft gegenseitig im Weg. Es sind keine unüberwindlichen Hindernisse, es sind keine Barrikaden, die zwischen einem stehen, man könnte versuchen, sie beiseite zu räumen, doch niemand rührt einen Finger, alles bleibt, wie es ist, man arrangiert sich und lebt das Leben als Vater und Sohn in solider Zuneigung – nicht mehr, nicht weniger.

Das ist seltsam, ja, und doch ist es Alltag, millionenfach bewährt, überall auf der Welt. Eine Strategie, die dazu dient, die Herzen nicht zu laut sprechen zu lassen, denn Männerherzen, die zu laut und deutlich zueinander sprechen, sind verdächtige Herzen, auch heute noch. Herzen, die sich artikulieren, stellen die Welt in Frage, von Mann zu Mann, von Vater zu Sohn.

Ich bin mittlerweile so weit, dass ich mich schon freue, wenn ich durch die Fußgängerzone gehe und mir begegnen zwei Italiener unterm Regenschirm, einander untergehakt, eng wie Brüder, obwohl es nicht mehr regnet. Obwohl es vielleicht gar nicht geregnet hat.

Na schön, ich bin ein sentimentaler alter Knochen, und doch – wer nicht sentimental ist, der hat kein Herz, bloß eine Pumpstation: mit Pumpleistung.

*

Vater wurde in Pflegestufe 1 eingeschätzt, was bedeutete, zweimal am Tag kam der mobile Pflegedienst, um Tabletten zu verteilen, Blutzucker zu messen und mit dem Kunden sechs abgezählte, von der Krankenkasse honorierte Sätze zu sprechen.

Der Pflegedienst hinterließ in unregelmäßigen Abständen Kommentare im stets griffbereiten Pflegebuch. So war in jenem Sommer alle paar Tage zu lesen, “Ku. (Kunde) hat Besuch von Sohn. Zu zweit genießen sie das schöne Wetter auf dem Balkon.”

Das war die Zeit, als wir die Dynastie der sonnigen Nachmittage begründeten, mit heißer Trinkschokolade auf dem Balkon und Panoramablick über die Dächer der Stadt.

Wenn ich Vater vorher anrief, um meinen Besuch anzukündigen, fragte er, ob er Appelkuoken zum Koffie auftauen sollte. Was Holländisch anmutet, ist in Wahrheit Solinger Platt, ein Dialekt, der sich frech beim Französischen, Englischen, Niederländischen, Kölschen und Westfälischen bedient und sich im Laufe der Zeit zu einer ganz eigenen Mundart gemausert hat, in der Knautschzone der deutschen Dialekte. Nirgends sonst werden auf so engem Raum so verschiedenen Platts gesprochen wie im Bergischen Land.

Der Solinger ist ein Meister im Verschlucken von ganzen Silben. Er sagt nicht Zigaretten, er sagt Z’aretten. Er ist nicht am Nachmittag unterwegs, sondern N’amittachs. Eine Marmelade ist eine Mamelade, und ein Pferd ist ein Perd, und wenn der Solinger noch nicht einmal sagt, klingt es wie no ni mals.

“Wenn du in Solingen auf Hochdeutsch Das glaube ich noch nicht einmal auf offener Straße sagst, landest du direkt in Sprachgewahrsam”, vermutet die Gräfin.

Nun lässt der Solinger ganze Silben und halbe Wörter nicht weg, weil er es etwa eilig hätte beim Sprechen, im Gegenteil, er hat es gern kommod. Alles überflüssige wird getilgt, bis die Sätze daherplätschern wie ein lauffreudiger kleiner Bach.

Dann is et juot.

Also Appelkuoken und ne Tasse Koffie? fragte Vater am Telefon.

“Apfelkuchen, ja klar, aber lieber Kakao, kein Kaffee.”

Er konnte sich einfach nicht merken, dass wir Kaffee längst aufgegeben hatten, zugunsten von Kakao. Auf der Beletage, unterm Sonnenschirm, gab es nur noch heiße belgische Trinkschokolade.

De echte Trost.

Dann wollte Vater noch wissen, wann ich ungefähr komme, wegen dem Auftauen, ich antwortete zwischen drei und halb vier, worauf er abschloss, “juot, dann schieb ich den Kouken iersch in den Owen, wenn du küss.”

“Machen wir”, sagte ich.

“Wir? Ich maak dat. Nit du.”

“Na ja, dann.. du.”

*

Wenn man in Deutschland unterwegs ist und erzählt den Leuten, man kommt aus dem Bergischen Land, erntet man oft scheele Blicke. Besonders im Osten kennt man den Landstrich nicht. Es ist eine vergessene Region. Das liegt nicht zuletzt an der Mentalität der Leute, einem Menschenschlag, der nicht viel Bohei um sich macht.

Man kann seine Arbeit gut machen, man kann sogar Weltklasse sein in dem, was man tut, aber es ist verpönt, sich damit zu brüsten.

Nicht nur die altehrwürdigen Messerschleifer hielten es so über die Jahrhunderte, auch Deutschlands strenge Tanz-Chefin Nummer 1, Pina Bausch, die am Hotel Tack am Central aufwuchs, wo sie als kleines Mädchen morgens zum Bäcker sprang, immer in Bewegung, immer am tanzen, blieb bescheiden bis in den Tod.

Wem das nicht passt, wer sich nicht damit abfinden mag, bescheiden und redlich zu bleiben, wer auch gern mal die Fahne raushängt, der muss die Gegend verlassen. Der wandert aus. So wie die Familie Stutenbäcker im 19. Jahrhundert, als sie keine Lust mehr hatte, tagein tagaus Stuten zu backen, die bergische Variante von Semmel, und lieber in die USA übersetzte und Autos baute:

Studebaker.

*

Wer im Mittelalter in den großen Städten am Rhein einer Straftat bezichtigt wurde, hatte nur eine Chance, der Strafe zu entgehen: Die Flucht ins düstere Bergische Land. Dort gab es riesige Wälder, verborgene Hofschaften, verschwiegene Menschen.

Diese Verschwiegenheit pflanzte sich von Generation zu Generation fort. Viele Einheimische sind Nachfahren von Totschlägern und Falschmünzern, von diebischen Huren und anderem Gesockse: Sobald sich ein Fremder der Hofschaft nähert, gehen noch heute wie auf Kommando alle Schlagladen zu.

Steckbrieflich gesuchte Lumpen und Spitzbuben aus dem Kölner Raum versteckten sich gern im schwer zugänglichen Bergischen Land. Der bergische Charakter ist ein bisschen autistisch. Auch Autisten mögen andere Menschen, logisch, aber am liebsten im Zimmer nebenan.

*

Nach Mutters Tod hatte ich wieder einen eigenen Schlüssel zur Wohnung an der Schillerstraße, wie auch meine beiden berufstätigen Geschwister, die sich ebenfalls um Vater kümmerten, aber unter der Woche wenig Zeit hatten.

Meine Schwester kam meist am Wochenende, erledigte Einkäufe und den ganzen Papierkram. Ganz klar, sie war Vaters hellster Stern in dunkler Zeit, dagegen konnten wir Söhne nicht anstinken, und wir wollten es auch nicht. Gegen funktionierende Vater-Tochter-Beziehungen lässt sich nicht anstinken. Sie sind dicker als Blut.

Sie sind der Nachfolger von Blut.

Wenn ich Nachmittags gegen halb vier die Wohnung an der Schillerstraße betrat, saß er oft im Unterhemd auf dem Balkon und schlief im Sitzen. Um ihn nicht aufzuschrecken, war ich mit der Zeit dazu übergegangen, den Hund vorzuschicken, was aber auch nicht viel brachte, wenn Vater plötzlich die Augen aufschlug und in die aufgerissene Schnauze eines Untiers starrte.

Ich ging in die Küche, um nach Kakao und Apfelkuchen zu sehen. Nun wurde der Backofen nach Mutters Tod nicht mehr so penibel gereinigt wie zu ihren Lebzeiten. Er wurde eigentlich überhaupt nicht mehr gereinigt, weil sich niemand zuständig fühlte. So konnte es passieren, dass der aufgewärmte Apfelkuchen nach aufgewärmten Zwiebeln und anderen aufgewärmten Essensresten schmeckte, was aber spätestens nach Gabel Nummer 3 obsolet war, denn dann hatte sich der Gaumen an die fremde Mischung gewöhnt und machte kurzerhand einen Zwiebelkuchen daraus, mit Apfelaroma.

“Halb so schlimm”, sagte ich.

“Ja, aber auch nur halb so lecker”, sagte Vater.

*

Man konnte nicht damit rechnen, dass es sich so entwickelt, doch so ist es mit den schönen Dingen, sie kommen, wenn weit und breit niemand einen Gedanken daran verschwendet.

Die wahren Dinge im Leben geschehen meist ohne unser Zutun, wir müssen bloß eins sein – da. Vor Ort. On air. Bereit.

Wir müssen bereit sein.

So war es auch mit Vater und mir, als wir auf seinen letzten Metern Freunde wurden. Wir mochten uns auch zuvor schon, wir sympathisierten miteinander, doch wie das so ist bei Charakteren, die sich ähnlich sind, man steht sich oft gegenseitig im Weg. Es sind keine unüberwindlichen Hindernisse, es sind keine Barrikaden, die zwischen einem stehen, man könnte versuchen, sie beiseite zu räumen, doch niemand rührt einen Finger, alles bleibt, wie es ist, man arrangiert sich und lebt das Leben als Vater und Sohn in solider Zuneigung – nicht mehr, nicht weniger.

Das ist seltsam, ja, und doch ist es Alltag, millionenfach bewährt, überall auf der Welt. Eine Strategie, die dazu dient, die Herzen nicht zu laut sprechen zu lassen, denn Männerherzen, die zu laut und deutlich zueinander sprechen, sind verdächtige Herzen, auch heute noch.

Herzen, die sich artikulieren, stellen die Welt in Frage, von Mann zu Mann, von Vater zu Sohn.

Ich bin mittlerweile so weit, dass ich mich schon freue, wenn ich durch die Fußgängerzone gehe und mir begegnen zwei Italiener unterm Regenschirm, einander untergehakt, eng wie Brüder, obwohl es nicht mehr regnet. Obwohl es vielleicht gar nicht geregnet hat.

Na schön, ich bin ein sentimentaler alter Knochen, und doch – wer nicht sentimental ist, der hat kein Herz, bloß eine Pumpstation:

mit Pumpleistung.


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