Druckbuchstaben

Druckbuchstaben machen Lärm, Druckbuchstaben fallen auf. Druckbuchstaben sind Gorillas, die sich ständig auf der Brust trommeln:
HIER, ICH!! UUH! UUH! UUH!
Oder wie die Gräfin mal meinte:
Druckbuchstaben sind aufdringlich. Die haben den Fuß schon in der Tür, während sie noch klingeln. Die kommen in Kolonnen, wie Drücker.
Das sind Vertreterbuchstaben.

 

Mehr hier: Dinge waren Honig

 

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Peace mit 3 Fingern

“Meine Kommunion war klasse”, erzählt sie. “Haben wir in der Mahnert Mühle gefeiert, zwischen Erkrath und Haan. Da bin ich nie wieder gewesen. Da sind heute Griechen drin. Ich hab die halbe Zeit die Musikbox gefüttert mit Markstücken, immer fünf Songs am Stück, für eine Mark. Ich weiss gar nicht mehr, was da alles drin war.

Elvis war drin, Viva Las Vegas, die Nummer, die so rast, als wäre sie in den Windkanal geraten, und trotzdem ist jedes Instrument an seinem Platz. Fantastisch.

Mandy von Barry Manilow war drin, klar, Mandy. Darauf hab ich mit meiner kleinen Schwester Blues getanzt, aber die wusste gar nicht, was los ist. Was die ganze Fummelei sollte, das Schäkern. Dabei hab ich nur Bluestanzen geübt.

Ausserdem war da dieser deutsche Schmuseheinz, der Wuschelkopf, wie hiess der noch.. na.. Mamy Blue hat der gesungen..”

“Ricky Shayne”, sag ich.

Ricky Shayne, der Schwarm meiner grossen Schwester. Da kann mir keiner was erzählen. Da war augenblicklich jede Mädchenmöse gepolstert wie ein Wasserbett. Der sah aus wie ich damals, nur in schwarz und alt. Oder anders: ich war Ricky Shayne in blond und jung.

“Ja, genau, Ricky Shayne! Der war männlich und trotzdem weich irgendwie. Weisst du übrigens, wobei ich als junges Mädchen die ersten Gefühle hatte? Bei den Fußballalben. All die Fotos von Männern in kurzen Hosen.. Die Pimmel hab ich mir dazu gedacht.”

Bevor das Gespräch aus dem Ruder läuft, führe ich es in die ursprüngliche Spur zurück, zu Ricky Shayne.

“Ja, Ricky Shayne”, schwärmt sie, “der hat immer Peace mit drei Fingern gemacht.”

“Wie, Peace mit drei Fingern?”

“Na, das Peacezeichen. Das macht man doch mit zwei Fingern, hier, so.. Aber Ricky Shayne hat das mit drei Fingern gemacht. Hab ich mal gesehen, ein Foto.”

“Aber woher weisst du, dass er damit Peace meinte?”

“Na, weil das unterm Foto stand. Ricky Shayne macht Peace.”

“Na, dann war das ein Fehler vom Redakteur, nicht von Ricky Shayne.”

Der restliche Nachmittag geht dafür drauf, Peace mit drei Fingern zu üben, das muss man erstmal hinkriegen. Gar nicht so einfach. Ich zum Beispiel kann eine Faust machen, groß wie mein Herzmuskel. Oder eine Strickleiter, um einem Menschen zu den Sternen hinauf zu helfen. Geht auch. Alles kein Thema:

Aber Peace mit 3 Fingern..

“Wie sah das denn aus auf dem Foto?”

“Wie falsch.”

Der Hustenmann

Henry, Susanne Eggert, 2012

Den ganzen Sommer hatten wir nichts von ihm gehört. Jetzt war er wieder da. Punkt halb zehn am Abend ging er unterm Fenster her und hüstelte. Zwei Mal. Öhö öhö. So Hüsterchen. Eher Räusperchen. Zwei Räusperer. Jeden Abend, einundzwanzig Uhr dreißig – keine Minute vorher, keine Minute nachher: Öhö. Öhö. Aber nur im Herbst und zu Beginn des Winters. Ein leiser Mann. Man hörte kaum seinen Schritt. Nur ein Rascheln. Da war auch kein Hund, den er Gassi führte. Und kein Zigarettenrauch in der Luft. Er rauchte nicht, er führte keinen Hund Gassi, wir hatten ihn noch nie gesehen. Er kam um 21 Uhr 30 und räusperte sich zwei Mal, doch sobald wir aus dem Fenster blickten, war er fort. Wo ging er hin? Wo kam er her? Warum stets halb zehn? Und warum jedes Mal genau unter unserem Fenster öhö öhö, und nicht woanders öhö öhö?  Wir hätten uns auf die Lauer legen können, doch jedes Mal vergaßen wir, dass es gleich halb zehn ist und der Hustenmann kommt. Es war ein heiseres, ein männliches Hüsteln. Er röchelte. Er war der Hustenmann. Wenn er kam, war der Sommer vorüber.

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