Wenn das Herz zum Windspiel wird zwischen den Rippen und klimpert

Irgendwo in der Nähe gibt es eine rege Szene von Bookcrossern, die ständig Bücher freisetzen, in Gefrierbeuteln verpackt, damit die Witterung den Büchern nichts anhaben kann. Schundromane zumeist, Dutzendware, und gelegentlich ein Highlight, ein Lyrikband von Thomas Kling, das letzte vor seinem Tod.

Es hängt am Zedernweg an einem Zaun und wird sofort von mir verhaftet und landet daheim auf dem Küchentisch, von wo es so schnell nicht wieder freigesetzt wird, wie es eigentlich seine Bestimmung wäre, nach Lehrmeinung der Bookcrosser.

“Nee, nee, irgendwann ist auch mal gut. Irgendwann muss so ein Buch auch mal ankommen dürfen”, meint die Gräfin, die weise am Tisch sitzt und Müsli löffelt, und ich nicke angetan.

Das hat sie schön gesagt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Zu Hause, Susanne Eggert, Original → auf Citronenbusen

*

“Meinst du, wir haben noch fünfzehn Jahre Zeit?”

Sie hat irgendwo gelesen, dass es fünfundzwanzig Jahre braucht, um seine Ziele zu erreichen, und zehn Jahre sind schon um. Zehn Jahre, die wir uns abmühen mit der Kunst.

“Aber Ziele..? Haben wir denn Ziele?”

“Ja denn nicht!??” sagt sie.

Na gut. Ich rechne im Kopf.

“Fünfzehn Jahre.., das könnte eng werden, rein rechnerisch, aber wenn wir Glück haben.. viel Glück, ja dann .. könnte es klappen..”

Doch sie ist schon woanders mit den Gedanken. Sie hat in der Küche zu tun. Sie blanchiert Gemüse. Wen interessiert Kunst, wenn Hellgrünes wartet.

“Kannst du mal drei Minuten auf die Uhr gucken?”

“Wann? Ab jetzt?”

“Nein.. ab……………………………………. jetzt!”

Drei Minuten. Fünfzehn Jahre, fünfundzwanzig. What a difference a day makes. Vom Überbrühen der Zeit.

*

“Sie kommen zurecht?” erkundigt sich die Chefin des Künstlerbedarf-und Schreibwarenladens, als ich vorm Regal mit den schönen glänzenden Notizbüchern stehe. Manche sind aus Frankreich und in Leder gebunden. Wie die riechen. Was die kosten.

“O ja.., ich komme zurecht”, gebe ich zurück und wundere mich selbst, wie ausserordentlich überzeugt ich klinge.

*

Lothar war ein kauziger kleiner Mischling, und er zog gern auf eigene Faust los. Er hatte gelernt, das Verhalten von Menschen zu deuten, die an Fußgängerampeln standen und warteten. Gingen sie los, konnte auch er die Straße in Ruhe überqueren, doch so lange sie warteten, blieb auch er, wo er war und wartete – es schien das gesündeste zu sein.

san.ichbineinhundEs war tagtäglich dieselbe Strecke, die er zurücklegte, man konnte die Uhr nach ihm stellen. Punkt halb zwölf ging es vom Handelshaus seines Herrchens am Werwolf quer durch die Stadt zum Coppel-Park, immer brav den Bürgersteig entlang. Lothar war ein Streuner, aber er war ein pünktlicher Streuner, die Bürgersteig-Variante eines Streuners, es fehlte nur die Aktentasche.

Unterwegs sammelte er Butterbrote auf, die Schulkinder achtlos weggeschmissen hatten, und verdrückte sie samt der knisternden Butterbrottüten. Einmal hatte er Kaminanzünder gefressen, das war ihm nicht gut bekommen, es brodelte und zischte in seinem Bauch, doch nach einer Weile war wieder Ruhe und Lothar okay.

Ein verfressenes kleines Kerlchen mit einer riesigen Staubsauger-Visage war Lothar, aber immer top gebürstet und getrimmt, darauf legte er Wert. Mehr gibt es eigentlich nicht zu erzählen von Lothar, dem Mischling, der gern auf eigene Faust loszog und von den Menschen gelernt hatte, wie man so etwas ohne großes Unglück hinkriegte.

*

1492 entdeckt Kolumbus Amerika. Dass es sich dabei aber um einen eigenen Kontinent handelt, fällt erst einem anderen Seefahrer auf, Amerigo Vespucci, dessen Vorname schon bald für die neue Welt Pate steht:

America.

Hätte der Knabe also, sagen wir, Klaus Lange geheissen, hieße Amerika heute

Klausi.

*

Da kommen sie, die Schergen vom Ordnungsamt, im immer gleichen harten Straßen-Singsang der Gangster:

“Den Hund anleinen!”

“Die Zigarette in den Aschenbecher!”

“Den Regenwurm zusammenkleben!”

*

Im Coppel-Park steckt ein roter Luftballon in der Baumkrone fest, seit Tagen schon. So perfekt sitzt er da, so extra-festlich, als wäre jemand den Stamm hochgeklettert und hätte ihn da oben angebunden, doch die vielen Zweige, das dichte Astwerk verhindern ein Durchkommen, nein, unmöglich – der rote Luftballon war in der Luft unterwegs und hat sich in der Baumspitze verfangen, fertig, aus.

So ist das.

Dennoch bleib ich stehen und verrenke mir den Hals und mach mir meine Gedanken.

So ein schöner knallroter Zufall..

“Ist kein Zufall, nein, nein.. – ist Zeichen”, meint der schmächtige alte Pole auf der Parkbank. Ich hab ihn nicht gesehen, weil die Bank etwas abseits steht. Er trägt wie immer den Pepita-Hut, der nagelneu aussieht, und wie er so dasitzt, nach vorn gebeugt, die Hände überm Knauf seines Spazierstocks gekreuzt, kommt er mir vor wie ein Apostel.

“Ist Zeichen von Gott.”

Nun bin ich schon immer ein Freund von Zeichen gewesen, empfänglich für Gottes kleine Kommentare, doch das kann der Pole schlecht wissen. Oder sieht man mir die Hingabe schon an? Bin ich gezeichnet?

“Guten Tag”, nicke ich dem schmächtigen Alten mit dem Pepita-Hut zu, während ich weiter eile. Ich muß den Bus kriegen, ich muß nach Wuppertal, ich hab da was zu erledigen. Ich hab überhaupt keine Zeit für knallrote Luftballons.

“Ja, scheenen Tag noch”, antwortet der alte Pole versonnen und blickt nach oben.

Druckbuchstaben

Druckbuchstaben machen Lärm, Druckbuchstaben fallen auf. Druckbuchstaben sind Gorillas, die sich ständig auf der Brust trommeln:
HIER, ICH!! UUH! UUH! UUH!
Oder wie die Gräfin mal meinte:
Druckbuchstaben sind aufdringlich. Die haben den Fuß schon in der Tür, während sie noch klingeln. Die kommen in Kolonnen, wie Drücker.
Das sind Vertreterbuchstaben.

 

Mehr hier: Dinge waren Honig

 

cropped-sann-volkssport-gross3.jpg