Showaddywaddy! Hatten die überhaupt einen Hit?

Es gibt kuriose Mensch-Hund-Konstellationen. Beim Morgenspaziergang mit Frau Moll begegnet mir schon mal eine junge Frau, die vergnügt “frohe Weihnachten” wünscht, auch zu Ostern. Sie hat zwei Hunde, einen großen an der Leine und einen kleinen ohne Leine.

Hundebesitzer lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen. Da sind die Besitzansprüchler, die ihre Hunde ausnahmslos angeleint und nah am Mann führen, wie eine Aktentasche, meins! meins! meins!, und da sind die Free Jazzer, die ihren Tieren Auslauf gönnen und freie Entscheidung bei der Wegfindung. Eine grobe Einteilung, wie gesagt, und für die Innenstadt untauglich.

Der große an der Leine ist ein grauhaariger Wolfshund, ein gealterter Studienrat, der ein bisschen tollpatschig, aber würdevoll daherschreitet. Ewa zwei Meter dahinter folgt der kleinere, ebenso alte und graue Dackelmix, der nie ohne Ball in der Schnauze aus dem Haus geht. Ein Ball, mit dem er nie spielt, er trägt ihn bloß spazieren, Stunde um Stunde, mit dem stoischen Gesichtsausdruck des weißen Clowns.

Beide Hunde sind, auf ihre Weise, vollkommen autark. Sie reagieren niemals auf andere Hunde, die ihnen entgegenkommen, sie lasse jede Provokation ins Leere laufen und gehen ihres Weges. Es sind alte unabhängige Figuren, einsame Klasse, wie ihr Frauchen auch, das “frohe Weihnachten” wünscht, zu Ostern, eine mächtige Ostblockbrille auf der Nase.

*

Nein, sagte ich zur neuen Sachbearbeiterin des Job-Centers. Nein. Ich hab keine anderen Fertigkeiten vorzuweisen. Tut mir irgendwie leid.

*

“Wir beide sind zu nichts zu gebrauchen. Gott sei Dank.”

- Die Gräfin -

*

foto.sanne5

*

Mein neuer Zahnarzt lacht, sobald ich ihm in seiner Praxis über den Weg laufe. (Voll in den Stuhl rein. Bah.)

“Heute brauchen Sie keine Angst zu haben, Her Glumm, wir machen nur einen Abdruck.”

“Ist wahr? Sie haben doch bestimmt noch eine Überraschung für mich parat. Irgendwas linkes”, halte ich dagegen.

Er hat freundliche blaue Augen. Ein Blau, das frappierend genau mit dem Bildschirmschoner-Blau des Monitors über dem Zahnarztstuhl übereinstimmt. Das gehört richtig zusammen. Dazu kommt noch das mannshohe Triptychon an der Wand, eine Strandszene in der Südsee, ebenfalls in diesem satten Augenfarben-Hellblau des Zahnarzts. Hier greift ein Rädchen ins andere. Ich war vom ersten Moment an entspannt in seiner Praxis. Selbst die Stuhlassistenz tut es mir an: drei blonde Schnepfen, eine davon rothaarig.

“Ihr habt einen guten Chef”, sage ich. Nur eins stört: sein ungemein luschiger Händedruck. Was ihn entlastet: es scheint unter Ärzten weit verbreitet zu sein, das Händchen hinzuhalten wie einen kleinen feuchten Wedel. Vielleicht handelt es sich unbewusst um Bakterienabwehr, am liebsten würde der Doc gar nicht die Hand geben. (Muss er ja nicht. Aber er fängt ja immer damit an. Reicht die Flosse als erster. Ich bin da nicht scharf drauf. Kann in der Tasche bleiben, das Händchen. Die Bakterienkolonie.)

Die Termine vorher waren durch die Bank nicht so locker wie heute. Es musste gebohrt werden. Ich hab mich mal gefragt, woher das kommt, meine Angst vorm Zahnarzt. Ich geh den Dingen ja gern auf den Grund. Das heißt, ich nehme gern Witterung auf, nur stinken darf es nicht. Nicht zu sehr jedenfalls. Dann bin ich weg. Das Fenster auf, und ab durch die Mitte.

Angst vorm Zahnarzt, weil:

Sitze ich einmal im Stuhl und hab den Zahnarzt im Maul, komm ich nicht mehr raus aus der Nummer. Ich kann vielleicht schon noch weg, aber die Flucht macht keinen Sinn, weil ich den Schmerz, wegen dem ich gekommen bin, dann immer noch am Hals habe. Ich bin also dem Wohl und wehe einer fremden Person ausgeliefert. Wenn die will, macht die Eisbein aus mir.

Ich stieg benommen in den Bus.

*

“Du lässt dein Dopekästchen verschmutzen und verstauben, das ich dir früher mal geschenkt habe, aus echtem Silber. Dann glänzt auch dein Leben nicht.”

- Die Gräfin -

*

cropped-foto-portraitglumm.jpg

*

“Du bist mir zu laut heute”, beschwert sie sich, als ich beim Rausgehen auf die Mülltonne klopfe mit der geballten Faust, einfach so, aus Jux und Dollerey. Einfach mal der Mülltonne guten Tag sagen, mein Gott, das kann doch mal eine Spur brutaler ausfallen!

“Na ja, warum nicht”, sagt sie, “aber nicht unbedingt dann, wenn ich neben dir stehe, und überhaupt: Du bist mir ein zu munteres Kerlchen heute. Ich will lieber meine Ruhe haben. Also, psst..”

Trotz Ruhebedürfnis begleitet sie Frau Moll und mich beim Spaziergang, sie hat die Luftlust. An Tagen wie heute, wo wir uns nicht entscheiden können, welchen Weg wir einschlagen sollen, folgen wir einfach dem Hund.

Immer dem Hund hinterher, der frisch gebürstet wie ein großes verdaddeltes Stofftier aussieht. Aus lauter Freude am Dasein, und weil es für unsere kleine Frau Moll in der Welt nichts schöneres gibt, als im Trio unterwegs zu sein, mit Frauchen und Herrchen, wirft sie sich auf den Rücken und streckt die xbeinigen Läufe in die Luft. Sie zappelt sich einen ab, schwer schnaufend – ein Schnauf- und Stofftier, das uns erst aus ihrer Shownummer entlässt, wenn sie meint, nun ist gut. Nun könnt ihr klatschen.

Ich frag die Gräfin, ob sie sich zufällig noch an SHOWADDYWADDY erinnere. Doch statt einer Antwort hält sie sich nur die Ohren zu.

“Sei doch nicht so laut, Mann..!”

Ich weiß gar nicht mehr, was die für einen Hit hatten. Hatten die überhaupt einen Hit, Showaddywaddy?! Ich hab sie oft mit den Rubettes verwechselt, die liefen in ähnlich albernen Bühnenanzügen herum und machten auf 50er Jahre Teddyboy mit Schmalzlocke. Sie trugen Creepers, Schuhe mit dezimeterdicker Kreppsohle und Hochwasserhosen, an denen die Ratten noch nagten. Bands wie Mud, Geordie, die Rubettes und Showaddywaddy hielten diese Art Rock’n Roll Aufguss-Kacke am dampfen.

Am besten fand ich, 14jährig, I CAN DO IT von den Rubettes. Die Nummer war wirklich wild. FROM MY HEAD RIGHT DOWN TO MY BLUE SUEDE SHOES, YEAH! I CAN DO IT! schoss es mir schon morgens auf dem Schulweg durch den Kopf. Wir brauchten kein iphone, uns brummte auch so der Schädel.

“Ist ja gut, ist ja schon gut”, murmelt sie entnervt, die Hände auf den Ohren. “Showwaddyywaddy.. klar.”

*

Ach so! Jetzt weiß ich auch, warum sich alle Männer, die mir an diesem Montagmorgen begegnen, so klein machen und an mir vorüberschleichen. Ich hab nicht nur meinen ausgeruhten No.1-Gang aufgelegt, ich trage auch noch mein militärgrünes Blouson und darunter die Kapuzenjacke, was mich insgesamt aufgepumpt und muskulös wirken lässt. Obwohl alles bloß Luft und Stoffpolster ist. Aber darauf kommt es ja nicht an, wie wir untern Männern wissen, oder doch nur in zweiter Linie. Am wichtigsten ist der Gang. Ob du auf den Gehwegen und Trottoirs dieser Welt als Mann unter Männern bestehst, darüber entscheidet allein dein Gang.

Die Beine.

Besonders, wenn du dich als Mann auf fremden Terrain befindest, ist es wichtig, wie du dich bewegt. Zu derb auf dicke Hose machen kann einem ähnlich schlecht bekommen wie schissriges Umherscharwenzeln. Die Typen kriegen immer zuerst die Schnauze poliert. Ist klar.

Ansonsten ist es nicht verkehrt im richtigen Moment einen Gang zurück zu schalten und sich zurückzuziehen. Wie es ja überhaupt in der ganzen Testosteron-Show darauf ankommt, im richtigen Moment einen Gang zurück zu schalten und sich zurückzuziehen.

Aber manchmal führt kein Weg daran vorbei. Manchmal muss man als Mann den Lauten machen, muss man die breiten Schultern mal richtig aussingen lassen, muss man die Trompete mit allem Schmutz befüllen, dem man habhaft werden kann, nur um die Anderen zu blenden und ein Solo zu braten – kurz, prägnant, pam pam pam!

Hau ab, du.

Es ist Montagmorgen, neun Uhr, und ich schiebe mich übers Trottoir wie ein Brecher durchs Packeis, man hört Schiffsplanken knirschen in wilder See, doch ich halte Kurs. Feuer in den jungen Augen, die Arme abgewinkelt gehts Richtung Tankstelle. Ein Meisterringer, der vorm Training die Turnmatten in die Halle trägt, zwei links, zwei rechts. Wehe, ein Kerl hat mir wieder den letzten SPIEGEL weggeschnappt!

Einen SPIEGEL, bitte.

*

Wer von uns beiden mitten in der Nacht aufs Klo muss und dabei zufällig dem Hund in die Arme läuft, der in ebendiesem Moment von einem seiner diversen Schlafplätze zum nächsten rotiert, den übermannt schon mal ein Gefühl, als würde man in der Finsternis auf eine einsame Spaziergängerin treffen.

Man beäugt sich kurz, und gähnt seines Weges.

*

Garrincha, die brasilianische Fußball-Legende der 50er und 60er Jahre, war ein seltener Urwaldvogel (“Garrincha”) und leidenschaftlich naiver Mensch. Das Geld, das er bei seinem Verein Botafogo verdiente, vertraute er keiner Bank an, er versteckte es lieber zu Hause im Kleiderschrank. In seinen besten Jahren musste sich schon die ganze Familie vor dem Schrank versammeln, um die Tür zuzukriegen. Und ohne die Nachbarn ging gar nichts.

Garrincha hatte ein O- und ein X-Bein. Er war eigentlich ein Behinderter, mit verkrüppelten Beinen und deformiertem Rückgrat. Rein rechnerisch hätte er nach jedem Schritt umfallen müssen. Stattdessen wagte er die verrücktesten Dribblings, tanzte die Gegner aus und belästigte sie, er liess sie hinter sich stehen wie gründelnde Enten. Manch einer wurde so übel, dass sie sich an der Eckfahne übergeben musste.

Garrincha fiedelte alles und jeden um den Verstand.

Er starb besoffen.

- Hier ruht Garrincha, der die Freude der Menschen war – so stehts auf seinem Grabstein geschrieben.

Live am Bahnhof

Vor der perfekt ausgeleuchteten Frische-Theke des Bahnhof-Cafes stapft ein großer alter Mann wütend auf und ab. Er erregt sich darüber, dass er das Käsebrötchen erst umständlich mit der Greifzange aufs Tellerchen packen, das Tellerchen aufs Tablett stellen, das Tablett auf der meterlangen Roll-Leiste bis zur Kasse durchschieben muß, bis er endlich, ENDLICH! zahlen dürfe.

Und dann essen.

“DAS IST.. ALSO, ICH WILL DOCH NUR EIN KÄSEBRÖTCHEN ESSEN, WO IST DENN DA DAS PROBLEM, JUNGE FRAU??! KÖNNEN SIE MIR DOCH SO IN DIE HAND GEBEN! STÖRT MICH NICHT!”

Er dreht sich zum Publikum um.

“ODER STÖRT DAS WEN?!”

Die Mitarbeiterin macht den Alten wiederholt darauf aufmerksam, dass er sich nun mal in einem SB-Restaurant befindet, wo gewisse hygienische Auflagen zum Standard gehören, was den Mann erst recht zornig werden lässt.

“ES-BE, ES-BE..! WAS WOLLEN SIE MIT ES-BE? WAS IST DAS ÜBERHAUPT?”

“Na ja.. Selbstbedienung?”

“JUNGE FRAU! ICH WILL NUR EIN KÄSEBRÖTCHEN AUF DIE FAUST, MEINETWEGEN AUCH AM TISCH DAHINTEN, WENN DAS SO.. WICHTIG IST. WARUM MACHEN SIE EIN PROBLEM DARAUS??! HIER IST MEINE HAND, DA IST EIN BRÖTCHEN, ALSO..!?”

Das gesamte Bahnhofs-Cafe lauscht mittlerweile der Auseinandersetzung, es steht spitz auf Knopf, auch was die Sympathien betrifft. Der Alte ist zu laut, die Mitarbeiterin zu unbeteiligt.

Erst als die Chefin, alarmiert vom Lärm, aus ihrem Euroscheinchen-Zählbüro tritt, kommt Bewegung in die Sache. Sie zitiert die Mitarbeiterin heran und verkündet gut vernehmbar für die vorderen Sitzreihen des Cafes, “na, dann lass dem ollen Kacker in Gottes Namen sein Gnadenbrötchen.”

Es wird ihm direkt zwischen die Zähne serviert, ausnahmsweise.

Wenn das Herz zum Windspiel wird zwischen den Rippen und klimpert

Irgendwo in der Nähe gibt es eine rege Szene von Bookcrossern, die ständig Bücher freisetzen, in Gefrierbeuteln verpackt, damit die Witterung den Büchern nichts anhaben kann. Schundromane zumeist, Dutzendware, und gelegentlich ein Highlight, ein Lyrikband von Thomas Kling, das letzte vor seinem Tod.

Es hängt am Zedernweg an einem Zaun und wird sofort von mir verhaftet und landet daheim auf dem Küchentisch, von wo es so schnell nicht wieder freigesetzt wird, wie es eigentlich seine Bestimmung wäre, nach Lehrmeinung der Bookcrosser.

“Nee, nee, irgendwann ist auch mal gut. Irgendwann muss so ein Buch auch mal ankommen dürfen”, meint die Gräfin, die weise am Tisch sitzt und Müsli löffelt, und ich nicke angetan.

Das hat sie schön gesagt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Zu Hause, Susanne Eggert, Original → auf Citronenbusen

*

“Meinst du, wir haben noch fünfzehn Jahre Zeit?”

Sie hat irgendwo gelesen, dass es fünfundzwanzig Jahre braucht, um seine Ziele zu erreichen, und zehn Jahre sind schon um. Zehn Jahre, die wir uns abmühen mit der Kunst.

“Aber Ziele..? Haben wir denn Ziele?”

“Ja denn nicht!??” sagt sie.

Na gut. Ich rechne im Kopf.

“Fünfzehn Jahre.., das könnte eng werden, rein rechnerisch, aber wenn wir Glück haben.. viel Glück, ja dann .. könnte es klappen..”

Doch sie ist schon woanders mit den Gedanken. Sie hat in der Küche zu tun. Sie blanchiert Gemüse. Wen interessiert Kunst, wenn Hellgrünes wartet.

“Kannst du mal drei Minuten auf die Uhr gucken?”

“Wann? Ab jetzt?”

“Nein.. ab……………………………………. jetzt!”

Drei Minuten. Fünfzehn Jahre, fünfundzwanzig. What a difference a day makes. Vom Überbrühen der Zeit.

*

“Sie kommen zurecht?” erkundigt sich die Chefin des Künstlerbedarf-und Schreibwarenladens, als ich vorm Regal mit den schönen glänzenden Notizbüchern stehe. Manche sind aus Frankreich und in Leder gebunden. Wie die riechen. Was die kosten.

“O ja.., ich komme zurecht”, gebe ich zurück und wundere mich selbst, wie ausserordentlich überzeugt ich klinge.

*

Lothar war ein kauziger kleiner Mischling, und er zog gern auf eigene Faust los. Er hatte gelernt, das Verhalten von Menschen zu deuten, die an Fußgängerampeln standen und warteten. Gingen sie los, konnte auch er die Straße in Ruhe überqueren, doch so lange sie warteten, blieb auch er, wo er war und wartete – es schien das gesündeste zu sein.

san.ichbineinhundEs war tagtäglich dieselbe Strecke, die er zurücklegte, man konnte die Uhr nach ihm stellen. Punkt halb zwölf ging es vom Handelshaus seines Herrchens am Werwolf quer durch die Stadt zum Coppel-Park, immer brav den Bürgersteig entlang. Lothar war ein Streuner, aber er war ein pünktlicher Streuner, die Bürgersteig-Variante eines Streuners, es fehlte nur die Aktentasche.

Unterwegs sammelte er Butterbrote auf, die Schulkinder achtlos weggeschmissen hatten, und verdrückte sie samt der knisternden Butterbrottüten. Einmal hatte er Kaminanzünder gefressen, das war ihm nicht gut bekommen, es brodelte und zischte in seinem Bauch, doch nach einer Weile war wieder Ruhe und Lothar okay.

Ein verfressenes kleines Kerlchen mit einer riesigen Staubsauger-Visage war Lothar, aber immer top gebürstet und getrimmt, darauf legte er Wert. Mehr gibt es eigentlich nicht zu erzählen von Lothar, dem Mischling, der gern auf eigene Faust loszog und von den Menschen gelernt hatte, wie man so etwas ohne großes Unglück hinkriegte.

*

1492 entdeckt Kolumbus Amerika. Dass es sich dabei aber um einen eigenen Kontinent handelt, fällt erst einem anderen Seefahrer auf, Amerigo Vespucci, dessen Vorname schon bald für die neue Welt Pate steht:

America.

Hätte der Knabe also, sagen wir, Klaus Lange geheissen, hieße Amerika heute

Klausi.

*

Da kommen sie, die Schergen vom Ordnungsamt, im immer gleichen harten Straßen-Singsang der Gangster:

“Den Hund anleinen!”

“Die Zigarette in den Aschenbecher!”

“Den Regenwurm zusammenkleben!”

*

Im Coppel-Park steckt ein roter Luftballon in der Baumkrone fest, seit Tagen schon. So perfekt sitzt er da, so extra-festlich, als wäre jemand den Stamm hochgeklettert und hätte ihn da oben angebunden, doch die vielen Zweige, das dichte Astwerk verhindern ein Durchkommen, nein, unmöglich – der rote Luftballon war in der Luft unterwegs und hat sich in der Baumspitze verfangen, fertig, aus.

So ist das.

Dennoch bleib ich stehen und verrenke mir den Hals und mach mir meine Gedanken.

So ein schöner knallroter Zufall..

“Ist kein Zufall, nein, nein.. – ist Zeichen”, meint der schmächtige alte Pole auf der Parkbank. Ich hab ihn nicht gesehen, weil die Bank etwas abseits steht. Er trägt wie immer den Pepita-Hut, der nagelneu aussieht, und wie er so dasitzt, nach vorn gebeugt, die Hände überm Knauf seines Spazierstocks gekreuzt, kommt er mir vor wie ein Apostel.

“Ist Zeichen von Gott.”

Nun bin ich schon immer ein Freund von Zeichen gewesen, empfänglich für Gottes kleine Kommentare, doch das kann der Pole schlecht wissen. Oder sieht man mir die Hingabe schon an? Bin ich gezeichnet?

“Guten Tag”, nicke ich dem schmächtigen Alten mit dem Pepita-Hut zu, während ich weiter eile. Ich muß den Bus kriegen, ich muß nach Wuppertal, ich hab da was zu erledigen. Ich hab überhaupt keine Zeit für knallrote Luftballons.

“Ja, scheenen Tag noch”, antwortet der alte Pole versonnen und blickt nach oben.

Druckbuchstaben

Druckbuchstaben machen Lärm, Druckbuchstaben fallen auf. Druckbuchstaben sind Gorillas, die sich ständig auf der Brust trommeln:
HIER, ICH!! UUH! UUH! UUH!
Oder wie die Gräfin mal meinte:
Druckbuchstaben sind aufdringlich. Die haben den Fuß schon in der Tür, während sie noch klingeln. Die kommen in Kolonnen, wie Drücker.
Das sind Vertreterbuchstaben.

 

Mehr hier: Dinge waren Honig

 

cropped-sann-volkssport-gross3.jpg

Peace mit 3 Fingern

“Meine Kommunion war klasse”, erzählt sie. “Haben wir in der Mahnert Mühle gefeiert, zwischen Erkrath und Haan. Da bin ich nie wieder gewesen. Da sind heute Griechen drin. Ich hab die halbe Zeit die Musikbox gefüttert mit Markstücken, immer fünf Songs am Stück, für eine Mark. Ich weiss gar nicht mehr, was da alles drin war.

Elvis war drin, Viva Las Vegas, die Nummer, die so rast, als wäre sie in den Windkanal geraten, und trotzdem ist jedes Instrument an seinem Platz. Fantastisch.

Mandy von Barry Manilow war drin, klar, Mandy. Darauf hab ich mit meiner kleinen Schwester Blues getanzt, aber die wusste gar nicht, was los ist. Was die ganze Fummelei sollte, das Schäkern. Dabei hab ich nur Bluestanzen geübt.

Ausserdem war da dieser deutsche Schmuseheinz, der Wuschelkopf, wie hiess der noch.. na.. Mamy Blue hat der gesungen..”

“Ricky Shayne”, sag ich.

Ricky Shayne, der Schwarm meiner grossen Schwester. Da kann mir keiner was erzählen. Da war augenblicklich jede Mädchenmöse gepolstert wie ein Wasserbett. Der sah aus wie ich damals, nur in schwarz und alt. Oder anders: ich war Ricky Shayne in blond und jung.

“Ja, genau, Ricky Shayne! Der war männlich und trotzdem weich irgendwie. Weisst du übrigens, wobei ich als junges Mädchen die ersten Gefühle hatte? Bei den Fußballalben. All die Fotos von Männern in kurzen Hosen.. Die Pimmel hab ich mir dazu gedacht.”

Bevor das Gespräch aus dem Ruder läuft, führe ich es in die ursprüngliche Spur zurück, zu Ricky Shayne.

“Ja, Ricky Shayne”, schwärmt sie, “der hat immer Peace mit drei Fingern gemacht.”

“Wie, Peace mit drei Fingern?”

“Na, das Peacezeichen. Das macht man doch mit zwei Fingern, hier, so.. Aber Ricky Shayne hat das mit drei Fingern gemacht. Hab ich mal gesehen, ein Foto.”

“Aber woher weisst du, dass er damit Peace meinte?”

“Na, weil das unterm Foto stand. Ricky Shayne macht Peace.”

“Na, dann war das ein Fehler vom Redakteur, nicht von Ricky Shayne.”

Der restliche Nachmittag geht dafür drauf, Peace mit drei Fingern zu üben, das muss man erstmal hinkriegen. Gar nicht so einfach. Ich zum Beispiel kann eine Faust machen, groß wie mein Herzmuskel. Oder eine Strickleiter, um einem Menschen zu den Sternen hinauf zu helfen. Geht auch. Alles kein Thema:

Aber Peace mit 3 Fingern..

“Wie sah das denn aus auf dem Foto?”

“Wie falsch.”

Der Hustenmann

Henry, Susanne Eggert, 2012

Den ganzen Sommer hatten wir nichts von ihm gehört. Jetzt war er wieder da. Punkt halb zehn am Abend ging er unterm Fenster her und hüstelte. Zwei Mal. Öhö öhö. So Hüsterchen. Eher Räusperchen. Zwei Räusperer. Jeden Abend, einundzwanzig Uhr dreißig – keine Minute vorher, keine Minute nachher: Öhö. Öhö. Aber nur im Herbst und zu Beginn des Winters. Ein leiser Mann. Man hörte kaum seinen Schritt. Nur ein Rascheln. Da war auch kein Hund, den er Gassi führte. Und kein Zigarettenrauch in der Luft. Er rauchte nicht, er führte keinen Hund Gassi, wir hatten ihn noch nie gesehen. Er kam um 21 Uhr 30 und räusperte sich zwei Mal, doch sobald wir aus dem Fenster blickten, war er fort. Wo ging er hin? Wo kam er her? Warum stets halb zehn? Und warum jedes Mal genau unter unserem Fenster öhö öhö, und nicht woanders öhö öhö?  Wir hätten uns auf die Lauer legen können, doch jedes Mal vergaßen wir, dass es gleich halb zehn ist und der Hustenmann kommt. Es war ein heiseres, ein männliches Hüsteln. Er röchelte. Er war der Hustenmann. Wenn er kam, war der Sommer vorüber.

*

Doktorspiele und Ufos

Manchmal ist das Leben so enorm, dass Gott auf der Stelle jegliche Erinnerung daran mitnimmt, und verbrennt.

- Die Gräfin -

*

foto.gott

*

Doktorspiele haben am meisten Spaß gemacht mit viel Spucke, erzählt sie.

Micha musste immer unten liegen und das T-Shirt hochziehen, während Frau Doktor, also sie, die kleine Gräfin, mit der Assistentin plauderte und dabei die Spucke in seinem Bauchnabel verrührte, abwechselnd mit Mittel-und Zeigefinger.

“Sehen Sie, Frollein Müller..?”

Wahrscheinlich guckt sie deswegen so gern Dr. House und so Arztserien mit Petrischale.

*

Erinnerung,

das ist ein Prozess von einer Tausendstel Sekunde. Für diesen winzigen Zeitraum gelingt es dem Gehirn, dich in Echtzeit zurück zu versetzen in die Jugendtage, in die Kindheit, wohin auch immer. Alles, was auf diese Tausendstel Sekunde folgt, ist bloßer Anhang, ist bewusstes Erinnern. Dein Gehirn hat den Braten gerochen und als Vergangenheit enttarnt, doch dieser magische Moment, dieses Fingerschnippen, hat es dir erlaubt, ganz und gar loszulassen und hinabzusteigen, tief in den eigenen Brunnen.

Es ist die reine unverwüstliche Zeitmaschine. Eine Erinnerung, die man tätscheln möchte wie einen treuen Gefährten.

“Du musst für immer bei mir bleiben.”

*

“Remember.. walking in the sands.. remember.. the night was so exciting..”

- The Shangri-Las, “Remember” -

*

I wo. Man muss nicht unendlich neugierig bleiben im Leben. Eine gesunde Portion Zumachen geht in Ordnung.

*

Was auch immer dir im Leben gelingen mag, denk dran:

Der liebe Gott klatscht keinen Beifall.

*

Spätabends sitzen wir im Garten. Es ist immer noch warm. Die Mücken brüllen, wie nach einem langen Nickerchen. Und dann beginnt der UFO-Spuk: Glühwürmchen! Zu Dutzenden sausen sie durch die Dunkelheit, wie eine grüne Halluzination von zuviel Glutamat! Frau Moll springt auf und beisst in die Luft, mit dem Geklapper einer vergeblichen Kastagnette.

Die Brüder waren jahrelang nicht mehr im Garten!  Wo waren die die ganze Zeit?

*

Wir hatten ein Pärchen in der Nachbarschaft wohnen, das uns nervte. Er war ein dicker Deutschnationaler, der mit der Nationalhymne duschen ging, sie war klein und lief in einer Art kupferrotem Western Style durch die Gegend. Das allein machte es nicht nervend. Nervend waren die Fickgeräusche. Die klangen so aufgesetzt. So extra geil. Als hätte ER beim Geschlechtsverkehr Göbbels gespielt (“Wollt ihr das totale Glied?!”) und SIE unbedingt mit der Vagina durch die Wand gewollt.

Das hat genervt.

*

Die wichtigen Sachen im Leben werden einem erst klar, wenn man sie beiläufig erwähnt, und alle halten den Atem an.

*

Manchmal begegnen einem Leute, von denen man glaubte, sie seien längst ausgestorben. Dann ist der Jubel aber gross!

Oder der Jammer.

*

Fortziehen aus der Heimat war nie ein Thema, nicht in den Zeiten einer den Globus befeuernden totalen Geschäftigkeit, nicht für einen, dem die Heimaterde mit dem Pürierstab zerstoßen eingetrichtert wurde, deklariert als Kraftnahrung für ewig.

Aber nachdem ich die Bücher von Richard Brautigan, John Fante und Charles Bukowski entdeckt hatte, wünschte ich mir manchmal, ich wäre woanders geboren wurden, in spannenderer Gegend, in Los Angeles vielleicht oder in den weiten Wäldern von Montana, und hätte dort bleiben

müssen.

*

Die einfachsten Worte fallen mir manchmal nicht ein.

“Wie heisst das noch mal, wenn man zunehmend Probleme mit der Wortfindung hat?” frage ich, doch die Gräfin liest ungerührt weiter in ihrem neuen Buch. “Verflucht! Wie heisst diese Krankheit denn?!!”

Sie blickt nicht mal auf.

*

Das Buch, das sie liest, spielt in Lissabon, und eine Stunde später, beim gemeinsamen Mittagessen, erwähnt sie diese Urlaubsfahrt nach Portugal, zu Beginn der Achtziger Jahre. Sie war mit ihrer besten Freundin und einem acht Jahre älteren Typ namens Hagemann unterwegs, der auch genauso aussah: hager und lang, ein Kiffer vor dem Herrn. Sie mochte Hagemann nicht besonders. Er studierte Ethnologie.

“Du willst Völkerkunde studieren, kommst aber nicht mal mit mir klar..!?”

Die Antipathie beruhte auf Gegenseitigkeit. Besonders ihre Vorliebe für Gianni Nannini ging ihm schwer auf die Nerven.

“Solange diese italienische Krähe läuft, steige ich nicht mehr in diesen Wagen ein!” ereiferte er sich an der Autobahnmeisterei kurz vor Straßburg.

“Ich glaub, mit Krähe meinte der damals mich, und nicht die Naninni.”

*

“Wir sind so weit entfernt vom wirklichen Leben, wir wissen doch gar nicht mehr, wie richtiges Leben sich anfühlt!” schimpft sie.

Schon als Kind sehnte sie sich nach einer klaren Härte, nach Steinfußboden statt flauschigem Teppich, nach Plumpsklo mit großen fetten Spinnen an der Wand statt kuscheliger Toilette.

“Wir sind alle so weich aufgewachsen! Ich meine, wer braucht schon einen Teppichboden?!” stampft sie wütend auf. “Los, lass uns das Scheissding endlich rausreissen!”

“Warte wenigstens, bis wir zu Hause sind”, füge ich vorsichtig an.

*

An der alten Papiermühle. Die Stunden liegen heiss in der Mittagssonne.

“Ich gehöre nicht in diese Welt”, keucht die Gräfin, “ich bin nur ein Happening.”

Entlang der Wupper kommen uns Wanderer entgegen, mit verquollenen Hitzeschühchen. Sie warnen uns vor dem Reitweg, der angeblich mit Pferdeäpfeln übersät ist. Dennoch führt Frau Moll uns dorther. Die Hündin ist Chefin heute. Erste Dame. Sie läuft voraus, hechelnd wie ein Popsong, der lacht und lacht und lacht..

“Die haben tatsächlich üppig geäppelt, die Pferde”, tänzle ich von Freifläche zu Freifläche.

“Das liegt an der Hitze”, meint die Gräfin. “Da äppeln Pferde wie irre.”

*

Wir besuchen die alte Lehrerin. Die hat auch einen Hund. Der ist pummelig und alt, doch seitdem er neue Herztabletten verschrieben bekommt, flitzt er wie ein Tischtennisball durch den Garten.

“Ich will auch neue Herztabletten!” rufen alle.

Die alte Lehrerin bewohnt ein Häuschen am Zedernweg, im Gewölbekeller ist es kühl. Wir atmen durch bei einem Gläschen. Es duftet nach Erdbeeren und Dill.

“Erdbeeren sind ein Aphrodisiakum”, lächelt sie.

“Und Dill ist ein Räuber!” fahre ich fort. Ein Gauner.

*

Aufgebracht berichtet die alte Lehrerin von der diesjährigen Schneckenplage. Die Biester kommen aus dem Wald gekrochen und wüten in ihrem Gemüsegarten.

“Ich kann mir nicht erklären, wie die über den Zaun gelangen, die müssen Räuberleiter machen! Von unten her kommen die nicht rein, der Zaun geht einen halben Meter tief in die Erde.”

Ihr Hund liegt mittlerweile im Körbchen und röchelt wie ein Kastrat. Die Wirkung der Herztabletten lässt nach. Frau Moll schreitet hochmütig hin und her. Sie ist ganz erste Dame.

So ziehen wir also weiter, auf ihren Befehl hin, der Wupper entlang.

“Guck mal, Goldfische!” rufe ich.

“Von wegen”, entgegnet die Gräfin.

Diese Goldfische sind weggeworfene Baby-Möhrchen, bei näherer Betrachtung. Die dazugehörige Blechdose plätschert leer am Ufer.
Eine Pferdebremse, angezogen vom Schweiss, fliegt von der nahen Koppel herüber und krallt sich im Unterschenkel der Gräfin fest.
Sie schlägt zurück. Rasch bildet sich ein roter Flatschen an ihrem Bein. Als sie sich bückt, um die Stelle mit warmer Spucke einzureiben, schnappt eine Brennessel nach ihrer nackigen Wade.

“Jetzt reichts aber mit dem ganzen Viehzeugs!”

Schon kommt ein Schmetterling angeflattert, dreht eine Runde um die Gräfin herum und lässt plötzlich - pfffitzzaa! – ein Häufchen.

“Das gibts doch nicht!” Die Gräfin ist fassungslos. “Hast du das gesehen?! Ich werd nicht mehr!”

Auf ihrem Handrücken befinden sich drei bräunlich-rote Pünktchen, wie Bolognesesauce. So sieht Schmetterlingsscheisse aus?

“Ich wusste gar nicht, dass die überhaupt mal müssen”, sag ich verwirrt.

“Sag ich doch, ich bin ein Happening”, prustet die Gräfin.

*

foto.molly.gross