Archiv für die Kategorie ‘Electric Notizbuch’

Notizbuchklassiker (2)

22. Januar 2014

“Meinst du, das hat der.. alles extra aufgeschrieben..?”

Das gepflegte ältere Ehepaar, das mein Notizbuch auf der Bank gefunden hat, blättert gerade neugierig darin herum, als ich im Laufschritt, “he, Sie da!”, in den Coppel-Park einbiege.

“Das ist meins! Pfoten weg!”

Meine heiligen Notizbücher! Die können mich langsam mal, meine heiligen Notizbücher. Der Schreibtisch platzt aus allen Nähten vor lauter heiligen Notizbüchern, und mit jedem neuen Monat kommt ein neues hinzu, ist wieder so ein Heiligtum voll.

Es kommt schon zu Missverständnissen, zu kommunikativen Störungen, wenn ich am Straßenrand stehe und das Notizbuch aus der Jackentasche ziehe, weil mir etwas in den Sinn gekommen ist, WAS SOFORT FESTGEHALTEN WERDEN MUSS, bevor es entfällt und für immer weg ist. Autofahrer dagegen sehen bloß jemanden am Straßenrand, der etwas aufschreibt, und steigen jäh in die Eisen.

Sie halten mich für eine zivile Fußstreife, die Kennzeichen notiert. Vielleicht sind sie ein bisschen zu schnell gefahren. Oder waren nicht angeschnallt. Haben während der Fahrt telefoniert. Keine Ahnung. Jedenfalls treten alle auf die Bremse und schleichen mit unterdrücktem Stinkefinger an mir vorüber. Ich bin eine Politesse auf O-Beinen.

Was will man machen.

*

Ich bin immer on air! Meine Ohren sind Antilopenhörner, vom Großen Fetischmeister in den Schädel gerammt, um Kontakt zu den Göttern und Sternen zu halten!

Lujah!

*

Was will man machen. Wenn ich mit dem leuchtend orangefarbenen Notizbuch unterwegs bin, komme ich mir zwischen all den Smartphones, Portables und Piano Blacks schon wie ein Ureinwohner vor, ein kabelloser Pöbel, ein Landei.

Ich bin komplett neben der Zeitspur.  Wenn ich etwas notiere, was nicht warten kann, was keinen Aufschub duldet, fühlen sich die Leute zunehmend unwohl in meiner Gegenwart. Besonders junge Leute. Mit dem Stift übers Papier schwingen ist was anderes als eine elektronische Oberfläche bedienen, wobei – Schreiben auf Papier ist den Kids ja nicht unbekannt. Noch am Vormittag in der Schule haben sie es selbst getan – geschrieben, doch das war in der Schule. IN DER SCHULE! Nicht draussen in der freien mobilen Welt.

Uncool.

Ich bin ein Alien.

Ein hoffnungsloser Fall. Die Kids glotzen mich an. Ein ganz junges Mädchen weint sogar bei meinem Anblick.

(Vielleicht sollte ich das Handy rausholen und herumgehen lassen, nur so. Zur Sicherheit.)

*

“Schau mal, was ein großer Wuschel..!” staunt die Mutter.

Das Töchterchen springt sofort an.

“Darf ich den mal anfassen?”

“Besser nicht”, sag ich. “Das hat der nicht gern.”

Es ist jedes Mal das gleiche. Kaum hab ich es ausgesprochen, dass mein Hund nicht gern angefasst wird, (er ist nun mal Autist),  bin ich der Buhmann, der böse Onkel. Enttäuschung macht sich breit im Kindergesicht – Enttäuschung, und eine gewisse Ungläubigkeit. Warum sollte man einen Hund nicht streicheln dürfen, der so lieb und wuschelig aussieht wie Frau Moll? Wie ein verschlafenes Nest, wo sich alle aufs Ohr gelegt haben nach dem zweiten Frühstück? Sind solche Streuner nicht zum Anfassen und Streicheln geboren?

Nein, mein Kind. Sind sie nicht. Nicht unbedingt. Auch der liebste Jungvogel ist im Herzen ein Raubvogel, wenn er wach wird vom Vormittagsschläfchen und hungrig den Hals aufreißt und die Mama anbrüllt, sie soll gefälligst einen Eimer Futter anschleppen, sonst ruiniere ich euch allen die Nerven mit meinem Geschrei, ihr Fotzen!

Was ich sagen wollte.

Hände weg von fremden Hunden.

*

junge fr.moll, grosses foto

Frau Moll, hier noch im zarteren Alter


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