Moulin Rouge

Rikki lernte ich zu Beginn der 80er Jahre kennen, als Freudenhäuser noch Knusperhäuschen hießen und Rote Mühle und wo einen Internationale Girls ohne Zeitdruck verwöhnten, nicht so schnell schnell und schnörkellos wie heutzutage. Versaute Türkin! Oma macht’s gut! Sonderschülerin und Bums-Russin kommen zu zweit!

Rikki arbeitete im Moulin Rouge, einem schwach beleuchteten kleinen Puff in der Nordstadt, ganz in der Nähe der Karateschule, unter der mein alter Kumpel Benzini hauste.

Kennengelernt hatte ich Rikki im Mumms, der zentralen Anlaufstelle, wo alles rumhing und Bier trank, was hip war in diesem Nest.

Rikki war mein Alter. Ihre Augen blitzten scharf und verwegen, sie hatte einen Piratenzahn, krumm wie eine Hakenhand, und sie legte eindeutig zuviel Make-up auf. In einem B-Western, (“Was wir in Red Rock City brauchen, das ist eine starke Hand, Ma’am!”), hätte sie ein Eins a-Flintenweib abgegeben – trinkfest, zielsicher, stutenbissig.

Einmal nahm Rikki mich mit ins Moulin Rouge. Es war weit nach Mitternacht und kaum was los.

“Das ist mein Arbeitsplatz”, lachte sie.

Wir saßen an der Bar, tranken überteuertes, viel zu warmes Exportbier. Als mein Geld alle war, verschwand sie auf der Stelle. Der Platz blieb nicht lange frei. Eine Hure setzte mich zu mir. Ich hielt sie erst für eine pummelige Hausfrau, die sich auf eine Zigarettenlänge aus der Küche gestohlen hatte.

Sie war unglaublich gelangweilt. Sie fingerte mir am Sack rum, als suchte sie im Dunkeln die richtige Klingel.

“Gibst du einen aus?”

Ich zeigte ihr meine verbliebenen Münzen.

“Oh”, sagte sie, und zog die Hand zurück.

Weil so wenig los war, blieb sie sitzen.

“Du hast nicht richtig hingeguckt”, sagte ich. Das Münzgeld addierte sich zu fast zwanzig Mark. “Zwei Bier schaff ich noch.”

Sie bestellte, und ich langte ihr unter den Rock. Sie trug schwarze Nylonstrümpfe, doch es fühlte sich merkwürdig an, was ich da zu fassen kriegte, fast wie ein Fahrradschloss.

“Sag bloß, die Oma willst du bumsen..?” zwickte mich jemand in die Seite.

Rikki war zurück und steckte mir einen Fuffie zu.

“Hier.. kannst du mir bei Gelegenheit zurückgeben.”

Schon zog sie wieder ab, Arm in Arm mit einem streng drein blickenden älteren Herrn, der einen Gestapomantel und hohe Reitstiefel trug.

“Für einen Fuffie blas ich dir schön einen”, maulte die Hure. “Was ist? Kommst du mit?”

“Moment noch”, antwortete ich, “das Bier.”

Sie ging vor. Je weiter man sich von der Bar entfernte, desto tiefer und dunkler wurde der Raum, ein gähnendes Höllenloch. Zuletzt flackerte nur noch vereinzelt eine rote Glühbirne auf. An einem der zahllosen leeren Tische machten wir halt und ließen uns im Clubleder nieder.

“Erst den Fuffie”, sagte sie.

Sie holte meinen Schwanz aus dem Hosenstall und fing an zu wichsen.

“Spritz mich bloß nicht an.”

Sie wichste und wichste, doch ich war zu besoffen.

“Irgendwann musst du aber kommen”, stöhnte sie, “mir tut schon der Arm weh.”

“Ich komm gleich”, sagte ich, war mir aber nicht sicher. Ich mein, zwanzigjährige Burschen können eine Latte mühelos eine Stunde und länger in der Luft halten, einfach nur aus Jux und Dollerei. Zwanzigjährige Burschen telefonieren ins Weltall mit einer Latte und verputzen ein halbes Hähnchen mit Krautsalat. Warum? Nur so. Weils geht.

“Spritz mich bloß nicht an!” warnte sie mich.

Etwas abseits lief ein Pornofilm, doch die Leinwand war klein und zu weit weg. Außerdem sah ich sowieso alles doppelt. Eine Weile schaute ich der Hure beim Wichsen zu. Ich sah zwei Schwänze und schwarz lackierte, abgekaute Fingernägel.

Irgendwann stand sie einfach auf.

“Mensch, was bist du denn für einer.. Ich brauch ne Pause.”

“Wehe, du haust ab!” wollte ich ihr nachrufen, doch ich kriegte keinen Ton raus. Ich war besoffen. Ich trank mein Bier. Es schmeckte grässlich. Viel zu warm.

Sie blieb weg, und als ich schon nicht mehr mit ihr rechnete, stand sie plötzlich wieder am Tisch, die Augen weit aufgerissen. Ich saß in der gleichen Haltung da, wie sich mich verlassen hatte: breitbeinig, die Hose offen, der Schwanz baumelte hin und her wie Schilfrohr im Wind.

“Los jetzt”, sagte ich.

“Was bist du denn für einer..!?” Sie machte sich wieder an die Arbeit. Sie wichste zwei, drei Minuten weiter, emsig wie ein Mäuschen, dann packte sie ein.

“Kerl, nee.. das dauert zu lang. Du spinnst wohl!”

Verdammt, sie hatte recht. Das Ding fühlte sich so taub an, sie hätte es auch mit Messer und Gabel bearbeiten können, es wäre kein Unterschied gewesen. Ich zog den Reißverschluss zu und wankte heim.

Unterwegs fiel mir ein, dass ich fürs Blasen bezahlt hatte, nicht fürs Wichsen, das nicht funktioniert hatte. Ich blieb stehen. Miststück, dachte ich, und wankte wütend weiter.

Zu Hause abgekommen fiel ich ins Bett und schlief auf der Stelle ein.

Mittags wummerte das Telefon. Lena war dran.

“Ich war im Puff”, sagte ich.

Sie lachte. Ja, war schön?

Geht so. Aber gesagt hatte ich es.

*

sanne.zigarette