Das All ist wie Schlafengehen

Seitdem der TÜV die neue Plakette verweigert hat, fährt sie kein Auto mehr, und seither hängt sie mit der Nase ständig im Busfahrplan.

“Du machst das nicht”, meint sie leicht angesäuert. “Du latscht einfach zur Haltestelle und wunderst dich, warum kein Bus kommt.”

So siehts aus, Baby.

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“In den Gebäuden ist untenrum bestimmt überall ne Wölbung eingebaut”, vermutet die Gräfin. Sie kann es sich sonst nicht erklären, warum die Häuser auf der angeblich kugelrunden Erde stehen bleiben.

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“Heut Nacht war es so bitterkalt, die Sterne stiegen vom Himmel und kuschelten sich im Schnee. Das hab ich genau gesehen. Das glitzerte richtig.”

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“Das All ist wie Schlafengehen. Und jetzt komm mit.”

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Komm, Susanne Eggert, 2011

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Ich bin kein Typ, der sich gut an seine Träume erinnert, auch wenn nachts einiges los zu sein scheint bei mir.

“Du wimmerst und du lachst im Schlaf, und letztens hast du sogar laut geschimpft: RUNTER DA!!”

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Es sind ja stets die einfachen wahren Dinge, die Kinder aussprechen. So auch heute morgen im Bus, als der sich in eine Kurve legt.

“DER WACKELT!”

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“Wenn man so in der Stadt unterwegs ist und in die Gesichter blickt, sieht man überall die Angst. Die Leute haben alle eine Angst, als drohten sie jeden Moment zu ertrinken. Da draussen ist voll die Evolution in Gange.”

- Die Gräfin -

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Sie ist das schönste Geschenk, das mir je gemacht wurde, und ich höre nicht auf, sie zu feiern. Es sei denn, sie kehrt eines Tages mit einem Sack voll Fertignahrung heim, vor diesem Tag graut es mir. “So, mein Freund. Ich hab keine Lust mehr zu kochen.” Das wird der Tag sein, an dem ich die Pforten der Hölle erreiche.

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Merke: Die wahre Nahrung ist schwere Kost.

Wieso siehst du plötzlich aus wie Jürgen Klopp?

Stimmt. Du siehst bald aus wie Jürgen Klopp. Nur noch etwas Drei-Tage-Bart, dann ist es perfekt. Aber wieso eigentlich? Wieso siehst du plötzlich aus wie Jürgen Klopp!? Woher kommt das? Ich kapier das nicht. Da steht man abends am Fenster und wartet auf seinen Mann und dann kommt Jürgen Klopp nach Hause. Also, man ist plötzlich mit Jürgen Klopp zusammen. Schon komisch, Jürgen.

aus: Die Gräfin plaudert

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Doctor, please, some more of these

Frauen nehmen Tabletten, um den Alltag zu tragen. Und was nehm ich?! Schüssler-Salze.. Die knallen noch nicht mal!

- Die Gräfin -

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Glück ist, wenn du lecker gegessen hast, eine Stunde schläfst und nachmittags kommt jemand zum Spielen.

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Das Leben in diesem Land gleicht mehr und mehr einem 24stündigen Deeskalationstraining. Konflikte überall: Man möchte am liebsten die ganze Zeit zuschlagen, in jede ranzige Fresse, darf es aber nicht, weil man diesen Kurs auf DVD belegt hat, der kein Ende findet.

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Du, Andi, nur mal angenommen, ich würde übers Trinkwasser die verseuchte DNS eines Alien aufnehmen und zu einem Billigschnitzel mutieren, würdest du mich dann immer noch lieben?

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Typen wie mir, die das Glück hatten, nicht mit 27 zu sterben, bleibt nichts anderes übrig, als die Suppe auszulöffeln und noch mal 27 Jahre draufzusatteln, bevor sie gehen dürfen, sag ich.

Na, dann hast du es ja bald geschafft, rechnet sie kurz durch.

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Es reicht, einen Blick in die Handtasche einer Frau zu werfen, und du weisst, mit wem du es zu tun hast. Sagt der Volksmund. Nun trug die Gräfin keine Handtasche an dem Abend, als wir uns kennenlernten, und in ihrer Jackentasche fühlte ich ein Radiergummi und ein halbes Hanuta.

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Das Gefühl, wenn man mit 15 endlich das Mädel ergattert, um das man lange gebuhlt hat, wenn das erste richtige Date endlich steht, wenn man nach Hause tänzelt, übers Mäuerchen balanciert, das Herz federnd vor Freude, wenn du der glücklichste Junge aller Zeiten bist: das hat nie jemand besser ausgedrückt als Jonathan Richman in Gail loves me.

Ich mein, wer auf YouTube vorbeikommt und den Song zufällig hört und dabei nicht an seine erste Verliebheit denkt, na, der denkt eben an was anderes, mir doch egal.

Die Frauen und die Tiefsee

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Wir alle warten doch nur auf den großen starken Mann, der es noch schafft, aus dem ganzen trostlosen Müll etwas echtes zu machen.

- Die Gräfin -

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“Sag mal, bist du nicht der Mann..”

“Nee”, sag ich, “um Gottes Willen!”

“.. bist du nicht der Mann, der zum Frühstück die Tränen seiner Frau trinkt?”

Wir sitzen beim Kaffee und sie hat gleich den ersten Job des Tages für mich: eine Träne, auf dem Weg die Backen runter.

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Während ich ein erklärter Freund von Popsongs bin, die nach drei Minuten langsam goodbye sagen und immer leiser werden bis sie schliesslich ganz verschwinden, mag die Gräfin es nicht, wenn Musik sich ausblendet.

“Das hat ja gar kein Ende.”

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Die Frauen und die Tiefsee sind noch nicht erforscht. Wer etwas anderes sagt, lügt.

- Die Gräfin -

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Es gibt Dinge auf Erden, die sollten einem klar sein. Etwa die Tatsache, dass auch das teuerste und exklusivste Käptnsdinner der Welt IM ENDEFFEKT nichts anderes ist als der Vorläufer eines dicken fetten Kackhaufens.

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Die Heizperiode geht los. In den Heizkörpern grollt und bläst die Luft, wie im Straflager.

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Ich: “He! Es ist schon viertel vor zehn!”

Sie: “Bei dir vielleicht.”

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Es gibt Dinge auf Erden, die sollten einem klar sein:

Wer sich selbst nicht sonderlich mag, nimmt Andere zu wichtig.

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Ihr Männer seid wie Hunde. Die tun auch nur etwas, wenn dafür eine Belohnung herausspringt.

- Die Gräfin -

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Eine Packung Deutsche Markenbutter hat die warmen behaglichen Hände einer Mutter.

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In der Normandie war mein Vater 1944 als Melder unterwegs. Er hatte sich freiwillig gemeldet. “Da hatte man seine Freiheit”, erzählte er mir viele Jahre später. “

Jeder Zug hatte zwei Melder. So war es reiner Zufall, dass es den anderen, den zweiten Melder, den Kollegen meines 18jährigen Vaters traf, der eine Nachricht übermitteln musste. Sie ging an den Offizier, der mit seiner Einheit am gegenüberliegenden Flußufer stationiert war.

Dazu musste der zweite Melder eine strategisch wichtige Brücke überqueren, die unter amerikanischen Panzerbeschuss lag. Er wartete bis zum Abend, alles war friedlich. Doch genau in dem Moment, als der Melder die Hälfte der Brücke geschafft hatte, wurde sie bombardiert.

“Vom Ufer aus konnten wir sehen, wie die Gedärme des armen Tropfs über dem Geländer hingen, bis runter in den Fluss. Wie Käse sah er aus, der dicke Fäden zieht.”

“Ach du Scheiße”, sag ich, “das hättest ja auch genau so gut du sein können.”

“Ja. Ich hab einfach Massel gehabt. Sonst säßen wir beide jetzt nicht hier. Ich nicht, weil es mich statt ihn erwischt hätte, du nicht, weil es dich nie gegeben hätte.”

Und das nur, weil an diesem Tag im Frühling 1944 der zweite Melder an der Reihe war, eine Nachricht zu überbringen. Der pure Zufall, eine bloße Laune des Schicksals hat dafür gesorgt, dass mein Vater überlebte, dass er später meine Mutter heiratete, dass sie meine Geschwister und mich gebar.

Und was ist mit dem unglücklichen zweiten Melder, was ist mit seinen Kindern, die nie geboren wurden? Es hätte ganz andere Geschichten gegeben, hätte mein Vater Dienst gehabt an diesem Tag im Krieg.

Geschichten sind alles, was wir haben. Mit dem Erzählen von Geschichten versichern wir uns gegenseitig unsere zufällige Existenz.

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