Schön – dagegen hatte niemand etwas einzuwenden

Am Sommerwochenende lädt mein Bruder auf die Hazienda in den Wupperbergen. Die Atmosphäre: leicht teigig, ja apathisch. Wie das manchmal so ist. Es sind alle amtierenden Nasen da, die man gern hat, sogar die Sonne spielt mit, aber die Party kommt nicht vom Fleck.

Erst mit Anbruch der Dunkelheit wärmt Gelächter den Forst. Unser Schwager, paar Drinks intus, läuft zu großer Form auf und imitiert am Lagerfeuer längst verblichene Pauker der ehemaligen Höheren Lehranstalt für Jungen Schwertstrasse. Pauker, die ich zum Teil selbst noch erleben durfte, in der Zeit zwischen 1971 und 79, auf der Goldenen Gerade.

Bruns, ein kriegstraumatisierter Geschichtslehrer, stand kurz vor der Pensionierung. Es hiess, er habe fünf Jahre sibirischer Lagerhaft überlebt, inklusive Gehirnwäsche, da der Russe ihn irrtümlicherweise für einen führenden Nazi hielt. Und wer seinem Unterricht folgte, der ahnte schnell, jawoll, da konnte was dran sein – an der Gehirnwäsche. Er hatte es schwer mit den Nerven.

Bruns war ein Hüne von einem Kerl mit Pranken wie Abfallkörbe, mit denen er missliebige Schüler reihenweise vermöbelte, und er hatte einem immensen Verbrauch an Zeigestöcken.

Ob er nun stramm vor der Klasse auf- und abmarschierte oder lässig hinterm Lehrerpult lümmelte, die Beine auf dem Tisch, der Zeigestock ruhte stets hinter seinem Kopf auf den Schulterblättern. Er sah aus wie ein großgewachsener wuchtiger Wasserträger, nur dass an beiden Enden der Tragestange keine Eimer hingen. Seine gewaltigen Arme klemmten den Zeigestock ein, umrankten ihn wie Efeu, nahmen ihn in die Mangel und strapazierten ihn derart, dass es in seinem Nacken vor Spannung nur so knackte.

Auf die Dauer keine orthopädische Kleinigkeit.

Mit fortlaufender Unterrichtsstunde warteten wir Jungs nur auf den Moment, wo Bruns innerer Angriffskrieg gegen sich selbst den Höhepunkt erreichte, der Stock die Spannung nicht mehr halten konnte, und – KRRAKKAPATZZ!, hinter seinem Rücken zersplitterte.

Die Klasse atmete auf. Geschafft. Kaputt.

“Der nächste!” rief Bruns.

Stante pede musste der Klassensprecher ins Sekretariat eilen, um einen neuen Zeigestock anzufordern. Unsere Sekretärin legte meist einen neuen Tafelschwamm hinzu, mit schönem Gruß an den Herrn Gauleiter.

Berüchtigt in der Schülerschaft waren Bruns jähzornige Ausfälle. Es waren bloß Kleinigkeiten, die ihn in Rage brachten, doch wenn es wieder einmal so weit war, warf er ohne Vorwarnung mit dem dicken Schlüsselbund nach dem Verursacher. In der Klasse meines Schwagers traf es meist Neef, einen Rotschopf aus der letzten Bank. Es reichte schon, dass Neef zur falschen Zeit zu laut auflachte und eine von Bruns kriegsgeschädigten Nervenenden streifte und in Wallung brachte.

Nun hatte der Schlüsselbund ein gutes Dutzend Schlüssel, und besonders der Kellerschlüssel entwickelte sich im fliegenden Zustand zum Knüppel aus dem Sack. Es war stets die gleiche Prozedur. Am darauffolgenden Schultag tat Bruns die Sache unendlich leid, er schämte sich für seine Ausraster und wollte sich entschuldigen. Es war nur noch ein großes Häufchen Elend, das vor der Klasse erschien und dem man die durchwachte Nacht ansah, von Selbstvorwürfen gequält.

Vor versammelter Mannschaft steckte er Neef vor Unterrichtsbeginn ein Fünfmarkstück zu sowie eine große Tafel Nußschokolade, Novesia Gold Nuss. Darüber hinaus durfte Neef vierzehn Tage lang soviel lachen und Popel fressen, wie er wollte, keine Sanktionen, versprochen.

Im Spätsommer, wenn Wandertag anstand, ging es mit Geschichtslehrer Bruns durch den Park am Hippergrund. Marschiert wurde in Zweier-Reihen, Bruns als Spähtrupp voraus. Ließ der Russe sich zum Verrecken nicht blicken, wurde umdisponiert.

“DREI MANN RAUS ZUM BLUTRÜHREN!” befahl Bruns. Er konnte blöken wie ein brünftiger Hirsch.

„Das war 1968, zur APO-Zeit“, erzählt mein Schwager am Lagerfeuer, „das fanden wir Knirpse super. Tausend Mal besser als Ho Chi Minh.“

„VORSICHT, MÄNNER! PANZER-SPÄHWAGEN VON LINKS, GRANATEINSCHLAG RECHTS! ALLES IN DIE BÜÜSCHE!!“

Der Panzerspähwagen von links wurde von einer jungen Frau mit Kinderwagen dargestellt, die zufällig durch den Park spazierte. Sie machte sich fast in die Hosen, als sich vierzig Halbwüchsige vor ihr aufbauten, die schweres Kontakt-Geheul von sich gaben und Blut & Spucke in der hohlen Hand anrührten, mit Ahoi-Brause.

1969 erreichte der Sommer der Liebe am Solinger Gymnasium Schwertstrasse seinen Höhepunkt: Neef, Rotschopf und erster Rüpel der Obertertia, erschien mit Blumenkettchen zum Unterricht.

„Ich bin jetzt Hippie.“

An der Kette hingen Glöckchen, die, wenn man sich bewegte, leise bimbambino machten. Aber nur bis zur dritten Stunde, da war die Kette schon Geschichte. Als Kriegsveteran Bruns den Flower Power-Schmuck zu Gesicht bekam, sah er rot. Er riss Intimfeind Neef das Kettchen vom Hals und pfefferte es wutentbrannt durchs offene Fenster auf den Schulhof – wo es bimmelnd zerschellte.

„Männer!! Ich hab nicht fünf Jahre Lagerhaft mit Sonnenblumenkernen überlebt, um mich zwei Jahrzehnte später mit langhaarigen Flegeln herumzuärgern, die sich Hasch in die Augen spritzen! Fünf Jahre Sonnenblumenkerne! Sonnenblumenkerne morgens, mittags, abends! Sonnenblumenkerne, Männer – und keine Haschglöckchen!“

Nun lagen Blumenkettchen und Sonnenblumenkerne sprachlich und inhaltlich nicht soo weit auseinander, wie Bruns es gern gehabt hätte, doch das fiel nicht weiter auf – im Gegenteil: Tief beeindruckt von seiner Tirade bewaffnete sich die Klasse zur nächsten Geschichtsstunde mit – Sonnenblumenkernen.

Bruns erhob sich vom Pult, den Zeigestock waagerecht im Genick, am knacken wie ein Flitzebogen.

„Männer, was ist hier los!? Was knistert da so? Was ist das?“

„Das sind Sonnenblumenkerne, Herr Bruns!!“

Er liess Neef, den Rotschopf, nach vorn kommen.

„Lass mal probieren, Neef.“

Bruns griff tief in die Tüte, „Hmm.. lecker“, und dann in seine Westentasche.

„Hier, Neef, ein Zwanziger. Kauf was Süßes für die ganze Bande.“

*

Musiklehrer Triesch, Gewohnheitstrinker, war eine Legende am Flügel, ein anerkannter Cool Jazz-Veteran, ein komischer Vogel, ein strange bird. Er trug ausgewuchtete Knickerbocker und Jägerhemden, an denen die Kleidermotten sich schon lange satt gefressen hatten, aber sie hörten einfach nicht auf, sie fraßen einfach weiter. Sein spärliches Haar war dünn und fettig, und die Schuppen rieselten in Divisionsstärke in seinen Dandy-Kragen.

Aus der Nähe betrachtet war Triesch ein verdammter Penner.

Er hatte die Angewohnheit, den Schnaps in Fanta-Dosen umzufüllen, bevor er ihn hinter der mobilen Tafel auf ex runterspülte. Er war im Glauben, wir Schüler würden nicht merken, dass er Alkoholiker war. Er setzte sich an den Flügel, in Knickerbockern und Kniestrümpfen, die seine Waden so trefflich stramm in Szene setzten, und spielte bis die Aula erleuchtete. Meist My way is cloudy vom Golden Gate Quartet oder Take Five von Dave Brubeck, seine beiden Lieblingsnummern.

Mein Schwager fügt hinzu, dass es genau zwei Sache gab, für die Triesch den Musikunterricht sofort abbrach: wenn jemand das Wort “Rollhockey” erwähnte, als Remscheider war er Riesenfan des deutschen Rollhockey-Abonnenmentmeisters Remscheid, und wenn die Rede auf schnelle Autos kam, auf Sportwagen.

Triesch war eine ganz coole Sau. Irgendwie tragisch. Wir beteten ihn an.

Er war dauernd besoffen.

*

Rosenthal gab Deutsch und Latein. Ein kleines Kerlchen, das ständig rauchte und selbst im Lehrerkollegium nur der Gilb hieß. Von den Unmengen Burger Stumpen, einer billigen Mischform aus Zigarillo und Zigarre, war seine Haut im Laufe der Zeit gelb geworden. Im Gesicht, am Hals, in den Händen, überall saß der Gilb.

Im Gegensatz zu Geschichtslehrer Bruns, den die Schüler teils fürchteten, teils verehrten, wurde der Gilb zwar nicht wirklich ernst genommen, aber man mochte ihn, irgendwie.

Da der Gilb rechts ein Glasauge hatte, war es ihm nicht möglich, die von ihm aus gesehene (beziehungsweise nicht gesehene) rechte Seite des Klassenraums zu überblicken – ein Grund, warum die Schüler, die rechts saßen, getrost dem Unterricht fern bleiben konnten, der Gilb merkte eh nichts davon. Die zwei oder drei Schüler, die rechts saßen und dennoch am Unterricht teilnahmen, vertrieben sich die Zeit mit Schiffe versenken und Mau-Mau spielen, so waren am Ende alle zufrieden.

Dachte man.

Denn es kam der Tag, an dem der Gilb am Lehrerpult saß und den Hals, warum auch immer, ein Stück weiter nach rechts schraubte als üblich, viel weiter nach rechts, so weit nach rechts, dass er mit dem intakten linken Auge plötzlich die rechte und nahezu leere Seite des Klassenraums erfasste.. Was zum Teufel war da los? Da war überhaupt ja nichts los!

Er stampfte beleidigt mit den Schühchen auf.

„Wenn Sie lieber daheim bleiben wollen als dem Unterricht zu folgen, meine Herren, kann ich ja beruhigt nach Hause gehen!”

Schön, dagegen hatte niemand etwas einzuwenden.

*

Andi1977Gymnasium Schwerstrasse 012

Klsassenfahrt Nürnberg 1977

Pfifferlinge

Das war gar keine richtige Party, auf der ich da gelandet war, es war eins dieser Besäufnisse im Schwenkbereich zwischen Weihnachten und Neujahr, wo alle frei haben und wo es ununterbrochen regnet und schon deshalb keiner nach Hause will. Ich steh also mit einem Becher Bier in der Küche und qualme mit Beate, der Remscheider Hängetitte, eine schöne Marihuana-Lolle, als wir plötzlich den dicken Hansi schreien hören.

“WIE, ES GIBT NIX MEHR ZU ESSEN?? IST ZU ESSEN SCHON ALLES WEG?! OCH MANN!” Kurze Pause, wütendes Gestöhne. “NA, DANN KAUF ICH MIR EBEN EINEN TELLER PFIFFERLINGE, HÖR MAL!!”

Wir sehen ihn durch den Hausflur schaukeln, die Türe aufreissen und mit roter Daunenjacke Richtung Stadtwald verschwinden, zum Uhu, dem berüchtigten Nachtrestaurant an der Burger Landstraße.

Es ist weit nach Mitternacht, als der dicke Hansi, den niemand mehr auf der Rechnung hat, mit einem Mal wieder auf der Veranda steht, die Buxe voller Schlamm, Zweige im Haar und klätschnass, aber überglücklich und mit gesunden roten Bäckchen.

“PFIFFERLINGE WAREN AUSVERKAUFT IM UHU, HAB ICH MIR IM WALD PAAR PFIFFERLINGE AUSGEBUDDELT UND GEFRESSEN, HOFFENTLICH WAREN DAS AUCH PFIFFERLINGE, HÖR MAL!”

Hoffmann Chicago

Alles an Hoffmann Chicago war schief und verbaut. Er hatte krumme Beine, einen fiesen Buckel und keinen Hals. Es sah aus, als steckte der Schädel unmittelbar auf den Schultern, wie eine Papierlaterne, die im Begriff war Feuer zu fangen. Bluthochdruck, sagte der Doktor. Dicken Kopp, sagten die Leute.

Die Kinder im Ort fürchteten Hoffmann wegen der schiefen Nase und den vielen Narben, die das Leben in sein Gesicht gezogen hatte, und wegen der krummen Knochen, auf denen er durch den Ort dackelte. Andererseits hatte er stets eine Kleinigkeit für sie in der Tasche: ein Kaugummi, etwas Lakritze, bunte Drops.

Hoffmann Chicago war ein Einzelgänger, und Einzelgänger stellen immer auch eine Instanz dar. Wie die Menschen mit einem umgehen, der anders ist, das sagt viel über die Menschen aus, die einen kleinen Ort bewohnen. Und einen großen.

Irgendwann begann es, dass die Nachbarn ihm he, Chicago hinterher riefen, weil seine verschlagene Visage zunehmend an die grobkörnigen Gangsterfotos aus der Metropole am Lake Michigan erinnerte. Als hätte sich Al Capone ins Sauerland verirrt, den einheimischen Slang angenommen und wäre geblieben, aus Bequemlichkeit. Oder vielleicht auch weil die Geschäfte gut liefen. Aber nein, hier endete die Ähnlichkeit.

Bis zur Rente war Hoffmann in der örtlichen Leiterfabrik beschäftigt. Wenn um fünf Uhr Feierabend war, wechselte er einen Steinwurf weiter in die Bierhalle, eine für ihren maroden Zustand berüchtigte Lokalität, die nur von vier umstehenden stattlichen Pappeln aufrecht gehalten wurde.

Über dem WC der Bierhalle, einer drei Meter langen Blechrinne, war eine winzige Fensterscheibe, an der sich im Winter Eiskristalle bildeten, die Pissnelken. “Alle mal rüberkommen!” schallte es nicht selten vom Klo, wenn ein Stammgast ein seltenes Exemplar gesichtet hatte. “Sieht aus wie ein hohes Tier bei der Berufsfeuerwehr! Aber kein ganz hohes!”

Eine Damenklo gab es in der Bierhalle nicht, wozu auch, Damen wurden nicht geduldet. Bis auf die weizenblonde Ursel, die Bedienung, die stets am Wochenende kam und einen niedlichen, kleinen Zitronenbusen hatte. Weshalb sie von den Stammgästen auch liebevoll Zitrönchen gerufen wurde.

“Zitröönchen, noch ein Halbes!”

Die Bierhalle Winterberg war für ihre skurrilen Spielapparate bekannt. Besonders beliebt war die Grosse Willi, ein Williams-Kegelautomat aus den frühen 50ern, bei dem man neun weisse Kegel abräumen musste. Die fünf Meter lange Stretch-Ausführung gab es ausserhalb der USA nur im Vergnügungspark Tivoli in Kopenhagen und eben in der Bierhalle zu Winterberg. Da Hoffmann trotz knorpeliger Finger bemerkenswerte feinmechanische Fertigkeiten besaß, war er der Einzige, der den Kegelautomaten wieder flott kriegte, wenn sich die Fäden, an denen die Kegel hingen, wieder heillos ineinander verhaspelt hatten, neun Weibern gleich, die in wilden hysterischen Wellen aufeinander einquasselten. Das musste man erst mal wieder enthaspeln, und das brachte in ganz Winterberg nur Chicago Hoffmann.

“Hoffmann, machst du die Grosse Willi wieder flott?!” rief Zitrönchen oft am Wochenende, wenn der Laden brummte.

Die Bierhalle besaß eine legendäre Musikbox, eine Wurlitzer. Bei ihrer Anschaffung zu Beginn der 60er Jahre war sie mit den damals angesagten Hits bestückt worden, und dabei blieb es. Nicht eine Single wurde je ausgetauscht, und so liefen die alten Schinken bis sich der Staub auch in die letzte Rille der am seltensten gespielten Nummer gesetzt hatte und die Nadel nur noch übers Vinyl rutschte wie beim Eisstockschiessen.

Dreissig Jahre lang war die Box eine sichere Bank gewesen. Hatte Chicago 1964 Taste C3 gedrückt, erklang Sascha Distel, “Der Platz neben mir bleibt leer”, sein Lieblingslied, und hatte Chicago 1989 Taste C3 gedrückt, erklang immer noch “Der Platz neben mir bleibt leer”, wenn auch in der vollwattierten, superschnell ihrem Ende entgegenflitzenden Version.

“Wonderful”, schwärmte Hoffmann Chicago dennoch gern, er hatte sich mit den Jahren einen eher internationalen Lebensstil angeeignet und orderte mitunter ein Gläschen Gin Tonic.

Hoffmann Chicago hatte wenig Interesse an Damenbekanntschaften, er verbrachte die Abende lieber am Tresen mit befreundeten Saufnasen und verplauderte sein Leben. Erzählte gern die Schote, wie er gleich nach dem zweiten Weltkrieg, als die Engländer Besatzungsmacht waren, eine Wette gegen einen Tommy gewann, wie britische Soldaten genannt wurden.

“Zwei gebrochene Beine hab ich mir eingehandelt, aber das wars wert!” strahlte Hoffmann Chicago noch bei der einundfünfzigsten Schilderung der heroischen Tat.

In einer bitterkalten Winternacht 1949, nach dem zwanzigsten Bier und zehnten Korn, hatte er gewettet, von der weltbekannten Winterberger Skisprungschanze zu springen. Wetteinsatz: ein Kasten Export. Der Tommy nannte ihn erst einen Crazy Fool, dann einen Bastard und zuletzt einen Focking Bloody Bastard.

“I am Hoffman Chicago!” setzte Hoffmann dagegen und kletterte über den Zaun der Leiterfabrik, um sich heimlich die guten Skier seines Chefs auszuborgen. Er wusste haargenau, wo sie standen.

Weit nach Mitternacht war es und stockdunkel, als sie die Schanze erreichten. Schnell wurde sie provisorisch beleuchtet von aufgestellten Taschenlampen. Als Hoffmann Chicago Minuten später im funzligen Lichtschein die Spur runtersauste, verpasste er am Schanzentisch den richtigen Absprung, trudelte zwanzig, dreissig Meter durch die Luft bis er wie ein Stein zu Boden fiel. (Ein Stein, den später niemand mehrso richtig geworfen haben wollte.)

Mit dem ersten Tageslicht wurde er von einem britischen Militärhubschrauber ins Hospital nach Soest ausgeflogen. Die Beinbrüche waren so kompliziert, man prognostizierte ihm ein Leben im Rollstuhl, doch dazu kam es nicht. Schon bald saß er wieder am Tresen der Bierhalle und stank schlimmer nach Alkohol aus dem dicken roten Kopf als je zuvor, weil einen Hals, den gab es ja nicht.

1989 ging Hoffmann Chicago in Rente, ein Jahr darauf schloss die Leiterfabrik, zwei Jahre später fiel die Bierhalle in sich zusammen, in einer stürmischen Herbstnacht. Zehn Tage darauf fand man Hoffmann Chicago tot auf der Parkbank. Zitrönchen weinte sehr.

Seinen schiefen Zinken erklärte Hoffmann Chicago gerne mit einem bösen Streich, den ihm seine Kumpel gespielt hatten, in der schlechten Zeit, als die Leute ihren Kaffee noch selber mahlten. Damals, so Hoffmann, hatte man ihm ein Präservativ in die Kaffeemühle gespannt.

“Ich sitz da und bin am Drehen und am Drehen und das wird immer schwerer, bis ich irgendwann denke, Mensch, Chicago, was ist da los? Was sind das für widerborstige Bohnen? Bis ich die Kurbel nicht mehr halten kann und loslassen muss, da haut es mir den Schwengel voll vor den Zinken!”

Das stimmte natürlich hinten nicht und vorne nicht, selbst in der Mitte musste man Bedenken haben und Abstriche machen, aber das war nicht wichtig, Hoffmann Chicago war mittlerweile Kult geworden, besonders für die Jugendlichen vor Ort. Wenn der Mob freitagabends das Wochenende einläutete, zog man zunächst in die Bierhalle, mal gucken, was Chicago Hoffmann so treibt.

Wenn man reinkam, hockte er links am Tresen, ein Glas Export und eine Zigarre in Arbeit. Von seinem Urgrossvater hatte er die Familientradition übernommen, eine 42er Fehlfarbe WIRKLICH zu Ende zu rauchen. Dazu stopfte er den übriggebliebenen Stumpen in einen Mundaufsatz aus Pappe, aus dem der Rest komplett weggeraucht werden konnte, bis nicht mal ein allerletzter Kringel Rauch übrigblieb.

Obwohl, der bleibt ja eigentlich sowieso nie übrig.

*

Das nächste Leben

Je länger ich als Nachtportier jobbte, desto schulterzuckender versah ich meinen Dienst. Zuletzt waren mehr als fünf Jahre um und ich begegnete meinem Schulterzucken nur noch mit Schulterzucken. Scheiße, hatte ich die Nase voll. Mein Chef rief mich ins Büro. Er nahm eine HB aus der Packung und zündete sie an.

“Herr Glumm, sagen Sie.. Was machen Sie eigentlich hier?” Er verstand einfach nicht, dass ich so wenig aus meinen Möglichkeiten machte. “Ein Mann in Ihrem Alter, und dann Nachtportier..”, sagte sein Blick aus aufrichtigen sauerländischen Kuhaugen.

Ich zuckte mit den Schultern.

Meist verpulverte ich die Nächte vorm Kabelfernseher, der vom jahrelangen Nonstoppbetrieb knisterte wie ein Kaminfeuerchen. Vermutlich wartete ich auf eine Implosion, auf ein Lodern, ein schweres Ereignis von außen, oder von innen, egal, dann wäre die Sache endlich ausgestanden gewesen. Ich fühlte mich unfähig, an meinem Zustand etwas zu ändern. Ich saß einfach meine Zeit ab, wie ein Gefangener. Nur dass niemand ein Urteil gesprochen hätte. Ich war freiwillig im Bau. Aber ich hatte ja Zeit. Ich war immer noch jung. Eines Tages würde es soweit sein. Dass ich loslegen konnte. Doch womit? Einer Laufbahn als Fitnesstrainer?

“Hallo..!” rief jemand von der Rezeption her.

“He?” gab ich zurück, ich saß hinten im Büro.

“Ich bin’s!”

Hm?

“Zimmer vierzig!”

Ich nahm den Blick vom Bildschirm. Es war kurz nach drei.

“Schmattke”, fügte die Stimme hinzu.

Ach so, Schmattke. Einer der Messegäste. Er führte einen großen rentablen Öko-Hof in Niedersachsen, wo er aus Liebhaberei zwanzig verschiedene Kartoffelsorten anbaute, längst vergessene, beinahe ausgestorbene Sorten. Er quasselte ständig von Kartoffeln. Roten Kartoffeln, schwarzen Kartoffeln. Er war so penetrant begeistert von Kartoffeln, wenn er vor mir stand und quasselte, stellte ich ihn mir beim Masturbieren vor, und das Ejakulat war ein Haufen Püree.

“Ja, Herr Schmattke”, seufzte ich, “Moment noch, ich komme.”

Ich erhob mich aus dem Kunstledersessel und fuhr in die Slipper vom Chef. Die ollen Birkenstocksandalen. Natürlich hätte ich mir auch von zuhause ein Paar Schlappen mitbringen können, aber die Puschen vom Chef gingen in Ordnung. Ich hatte mich mit der Zeit an sie gewöhnt, und ich schätze, der Chef wusste davon. Jedenfalls hatte mich seine Frau einmal in den Slippers ihres Gatten überrascht, früh am Morgen, als ich noch nicht mit ihr gerechnet hatte.

“Ooh! Herr Glumm! Sie tragen ja HAARGENAU dieselben Gesundheitsschluffen wie mein Dieter!”

“Ja sicher”, murmelte ich zurück.

Zum Glück trug ihr Dieter keine Hüttenschuhe.

“Hal-looh!” rief Schmattke. “Zim-mer vier-zig!!”

Den hatte ich glatt vergessen. Er stand immer noch an der Rezeption und wartete. Ich hörte Gekicher.

“Ich hab auch drei nette Damen dabei.”

Drei Damen? Wo hatte denn der Blödmann drei Damen aufgegabelt, mitten in der Nacht? Er strahlte, als ich nach vorne zur Rezeption kam.

“Guten Abend, junger Mann”, grüßten die Damen im Chor, höflich wie die Zirkuspferdchen.

“Nabend”, sagte ich überrascht.

Das Trio bestand aus Mittfünfzigerinnen, der blonden Dauerwelle auf ewig ausgeliefert. Sie sahen irgendwie alle gleich aus. Oder wo war der Unterschied? Der Anblick erinnerte mich an die letzte Seite der HörZu, wo ich als Junge Finde den Fehler gespielt hatte, und mich schwer tat.

“Die standen unten an der Tür”, erklärte Schmattke stolz, und sein Schnauzbart bewegte sich beim Reden rauf und runter und hin und her, wie ein zu kurz geratenes Lineal. “Da habe ich sie reingelassen. Ich mein, wir können die Damen doch da draußen nicht erfrieren lassen, oder?”

Na sicher, du Püreetrottel. Da draußen war Sommer, es war zwanzig Grad noch in der Nacht.

“Richtig”, sagte ich. “Gut gemacht, Zimmer 40.”

Immer einen Scherz auf den Lippen, wenn einen drei Damen anstarrten, das hatte ich gelernt. Mir fiel die betrunkene Kuh ein, die eines Nachts mit einem Kerl am Tresen aufgetaucht war und als sie mich sah, sofort von ihm abließ: “Ich will den Kellner!”

“Hätten Sie denn ein kleines Zimmerchen für uns?” fragte eine der Damen leicht anzüglich. Wer nun gesprochen hatte, keine Ahnung. Irgendwie schien jede von ihnen abwechselnd ein Wort beigesteuert zu haben, und das Ergebnis stand vor mir, als ganzer Satz. Famos.

Drei Menschen sind famos. Die 3 ist ein mystische Zahl. Wo sie auftaucht, geschieht etwas, kommt Energie ins Spiel. Die 3 ist eine heilige, eine kräftige und eine gefährliche Zahl. Meine Energiezahl dagegen ist die 1. Ich bin am besten solo unterwegs. Aber ich muss irgendwo ankommen, wo jemand wartet, eine andere 1, sonst bin ich nicht gut. Vielleicht warten auch zwei Einser und wir geben eine 3 ab.

Genauer betrachtet, beim Schein des Neonlichts, wirkten die 3 Damen erschöpft. Es war ja mitten in der Nacht. Eine zog einen müffelnden Schweif hinter sich her, der an rosa WC-Steine erinnerte, als sie kurz den Frühstücksraum begutachtete und ganz begeistert war vom Ausblick aus dem elften Stockwerk.

“Ein großes Eckzimmer hätte ich noch”, fuhr ich mit dem Finger über den Belegungsplan. “Groß genug, um ein drittes Bett beizustellen. Wir haben ja eigentlich nur Doppel und Einzel..”

“Das wäre aber schön, junger Mann.”

Die Damen akklimatisierten sich allmählich. Plapperten wild durcheinander.  Man wusste nie, wer  dran war. Hatten die keinen Anführer? Männer in der Gruppe hatten stets einen Anführer. Da wusste man als Nachtportier, woran man war, wen man anzugucken hatte. Das war gut fürs Trinkgeld. Männer aus der zweiten Reihe gaben niemals Trinkgeld. Männer aus der zweiten Reihe waren geizig, hatten kein Selbstbewusstsein und warteten nur darauf, dass der Boss aus Versehen etwas Speichel fallen liess.

“Fein gemacht, Sackgesicht.”

“Eigentlich müssten wir drei Hübschen doch längst im Reisebus sitzen..”

“..ach Gottchen, hör auf, Erika, fast fünf Stunden haben wir unten auf den Bus gewartet..”

“Wie, fünf Stunden?” warf ich ein.

“Ja, der Busfahrer sollte uns unten am Karstadt abholen, junger Mann.. aber da kam kein Bus..”

“Doch, Manu.. natürlich. Was erzählst du da dem jungen Mann? Da kamen sogar zwei Busse.”

“Ja, sicher. Aber beide Busse waren voll.”

“Aber die Fahrer sagten, da kommt noch einer.”

“Da kommt noch ein Bus.”

“Ein Extra-Bus, nur für uns, weil die anderen voll waren.”

“Da kam aber kein dritter Bus mehr, junger Mann. Können Sie uns glauben. Wir standen da wie die Ochsen.”

Die Frauen waren ganz niedergeschlagen.

“Woher kommen Sie eigentlich?” warf Öko-Bauer Schmattke ein. Der war ja auch noch da. Am Rand, ganz hinten, kaum zu sehen. Dritte Reihe. Die dritte Reihe geht schon wieder. In der dritten Reihe sitzt der Ausschuss, der Mob. Freunde von mir.

“Aus Schwerte!” antwortete das Trio wie aus einer großen geschminkten Kanone.

Schmattke schwieg betroffen.

“Und wohin wollen Sie.. reisen?” übernahm ich die Führung.

“An die Blumen-Riviera!” So etwas wie Stolz huschte über drei aufopferungsvoll geschminkte Kanonengesichter. “Nach.. Monaco!”

“Spätestens um ein Uhr würden wir abgeholt werden, haben die gesagt.”

“Von einem Extra-Bus, haben die Fahrer gesagt, Manu.”

“Jetzt ist halb vier durch.”

Ratlosigkeit legte sich über die Rezeption. Schmattke klimperte mit seinem Zimmerschlüssel und wünschte unvermittelt eine gute Nacht, er zog sich zurück. Jetzt hatte ich die Arschkarte. Um die Angelegenheit zu beschleunigen, senkte ich den Zimmerpreis für drei vom Veranstalter für Reisen an die Blumenriviera sitzengelassene Damen eigenmächtig auf 70 Mark. Das war mehr als fair. Das lag 100 Mark unter Tarif.

“Die Nacht hat ja nur noch ein paar Stündchen”, erklärte ich den Nachlass, doch eigentlich wartete ich nur darauf, wieder allein vorm Kamin sitzen zu können. Meine Ruhe zu haben. Ein Näschen Heroin zu ziehen und im Sessel wegzukacken, alle viere von mir gestreckt.

“Tja, was bleibt uns übrig, Herta.. was meinst du?”

“Und wir wollten an die Blumen-Riviera.”

“Müssen wir wohl in den sauren Apfel beißen..”

“..nach Monaco wollten wir.”

“Reichen Sie die Rechnung doch beim Reiseveranstalter ein”, schlug ich genervt vor. “Das muss der Ihnen ersetzen. Ist doch nicht Ihre Schuld, dass kein Bus mehr gekommen ist.”

Ganz kurz war das Trio ganz still, dann schnatterte es wieder durcheinander, bis Herta plötzlich ein Machtwort sprach.

“Kinder, ihr bringt den armen Mann ja ganz durcheinander!”

Ein Anführer. Endlich! Herta hieß die Anführerin. Ich starrte sie an. Ich war verliebt.

“Sagen Sie. Gibts hier eine Bar in der Nähe?” fragte Herta.

“Eine Bar? Schwierig. Hier gibts mehr Kneipen als Bars.. und dann um die Uhrzeit..” Ich überlegte. “Kommen Sie kurz mit?” Die drei folgten mir in den Frühstücksraum, zu den großen Panoramafenstern. “Sehen Sie das Licht da unten, direkt gegenüber? Das blaue Licht?”

“Die blaue Leuchtreklame?”

“Ja, genau. Die Bar hat noch auf, glaub ich.”

“Wie.. heißt das? Was steht da?”

“Finale.”

“Finale? Das ist eine Bar? Das Finale?”

“Na ja.. so eine Art Bar..”

“So eine Art Bar?”

“Was ist denn so eine Art Bar, junger Mann?”

“Von den Kneipen ringsum ist das Finale am ehesten eine.. Bar”, sagte ich.

“Am ehesten.. eine Bar?”

“Was denn jetzt, ist das eine Kneipe oder eine Bar?”

“Gibts da auch Frauen? Oder sitzen da nur Besoffkis rum?”

“Junger Mann, sagen Sie, haben Sie vielleicht Bridge-Karten?”

“Was für eine Aussicht Sie haben.. Ist das dahinten Leverkusen? Das große Bayer-Kreuz? Vielleicht sollten wir einfach hier bleiben und der nette Nachtportier verwöhnt uns mit Longdrinks und Bridge-Karten..? Was meint ihr, Kinder?”

Als um sieben Uhr der Nachtdienst geschafft war, ging ich zum Doktor, den ich von früher aus der Schule kannte, und ließ mich krankschreiben. Als ich sechs Wochen später immer noch krankgeschrieben war, übernahm die Allgemeine Ortskrankenkasse die Lohnfortzahlung und der neue Pächter des Turmhotels kündigte mir per Einschreiben. Er zahlte eine kleine Abfindung und ich wartete aufs Geld vom Arbeitsamt. Die Sache war geritzt. Alle Regler auf Start. Das nächste Leben konnte beginnen.

Fitnesstrainer.