Schön – dagegen hatte niemand etwas einzuwenden

Am Sommerwochenende lädt mein Bruder auf die Hazienda in den Wupperbergen. Die Atmosphäre: leicht teigig, ja apathisch. Wie das manchmal so ist. Es sind alle amtierenden Nasen da, die man gern hat, sogar die Sonne spielt mit, aber die Party kommt nicht vom Fleck.

Erst mit Anbruch der Dunkelheit wärmt Gelächter den Forst. Unser Schwager, paar Drinks intus, läuft zu großer Form auf und imitiert am Lagerfeuer längst verblichene Pauker der ehemaligen Höheren Lehranstalt für Jungen Schwertstrasse. Pauker, die ich zum Teil selbst noch erleben durfte, in der Zeit zwischen 1971 und 79, auf der Goldenen Gerade.

Bruns, ein kriegstraumatisierter Geschichtslehrer, stand kurz vor der Pensionierung. Es hiess, er habe fünf Jahre sibirischer Lagerhaft überlebt, inklusive Gehirnwäsche, da der Russe ihn irrtümlicherweise für einen führenden Nazi hielt. Und wer seinem Unterricht folgte, der ahnte schnell, jawoll, da konnte was dran sein – an der Gehirnwäsche. Er hatte es schwer mit den Nerven.

Bruns war ein Hüne von einem Kerl mit Pranken wie Abfallkörbe, mit denen er missliebige Schüler reihenweise vermöbelte, und er hatte einem immensen Verbrauch an Zeigestöcken.

Ob er nun stramm vor der Klasse auf- und abmarschierte oder lässig hinterm Lehrerpult lümmelte, die Beine auf dem Tisch, der Zeigestock ruhte stets hinter seinem Kopf auf den Schulterblättern. Er sah aus wie ein großgewachsener wuchtiger Wasserträger, nur dass an beiden Enden der Tragestange keine Eimer hingen. Seine gewaltigen Arme klemmten den Zeigestock ein, umrankten ihn wie Efeu, nahmen ihn in die Mangel und strapazierten ihn derart, dass es in seinem Nacken vor Spannung nur so knackte.

Auf die Dauer keine orthopädische Kleinigkeit.

Mit fortlaufender Unterrichtsstunde warteten wir Jungs nur auf den Moment, wo Bruns innerer Angriffskrieg gegen sich selbst den Höhepunkt erreichte, der Stock die Spannung nicht mehr halten konnte, und – KRRAKKAPATZZ!, hinter seinem Rücken zersplitterte.

Die Klasse atmete auf. Geschafft. Kaputt.

“Der nächste!” rief Bruns.

Stante pede musste der Klassensprecher ins Sekretariat eilen, um einen neuen Zeigestock anzufordern. Unsere Sekretärin legte meist einen neuen Tafelschwamm hinzu, mit schönem Gruß an den Herrn Gauleiter.

Berüchtigt in der Schülerschaft waren Bruns jähzornige Ausfälle. Es waren bloß Kleinigkeiten, die ihn in Rage brachten, doch wenn es wieder einmal so weit war, warf er ohne Vorwarnung mit dem dicken Schlüsselbund nach dem Verursacher. In der Klasse meines Schwagers traf es meist Neef, einen Rotschopf aus der letzten Bank. Es reichte schon, dass Neef zur falschen Zeit zu laut auflachte und eine von Bruns kriegsgeschädigten Nervenenden streifte und in Wallung brachte.

Nun hatte der Schlüsselbund ein gutes Dutzend Schlüssel, und besonders der Kellerschlüssel entwickelte sich im fliegenden Zustand zum Knüppel aus dem Sack. Es war stets die gleiche Prozedur. Am darauffolgenden Schultag tat Bruns die Sache unendlich leid, er schämte sich für seine Ausraster und wollte sich entschuldigen. Es war nur noch ein großes Häufchen Elend, das vor der Klasse erschien und dem man die durchwachte Nacht ansah, von Selbstvorwürfen gequält.

Vor versammelter Mannschaft steckte er Neef vor Unterrichtsbeginn ein Fünfmarkstück zu sowie eine große Tafel Nußschokolade, Novesia Gold Nuss. Darüber hinaus durfte Neef vierzehn Tage lang soviel lachen und Popel fressen, wie er wollte, keine Sanktionen, versprochen.

Im Spätsommer, wenn Wandertag anstand, ging es mit Geschichtslehrer Bruns durch den Park am Hippergrund. Marschiert wurde in Zweier-Reihen, Bruns als Spähtrupp voraus. Ließ der Russe sich zum Verrecken nicht blicken, wurde umdisponiert.

“DREI MANN RAUS ZUM BLUTRÜHREN!” befahl Bruns. Er konnte blöken wie ein brünftiger Hirsch.

„Das war 1968, zur APO-Zeit“, erzählt mein Schwager am Lagerfeuer, „das fanden wir Knirpse super. Tausend Mal besser als Ho Chi Minh.“

„VORSICHT, MÄNNER! PANZER-SPÄHWAGEN VON LINKS, GRANATEINSCHLAG RECHTS! ALLES IN DIE BÜÜSCHE!!“

Der Panzerspähwagen von links wurde von einer jungen Frau mit Kinderwagen dargestellt, die zufällig durch den Park spazierte. Sie machte sich fast in die Hosen, als sich vierzig Halbwüchsige vor ihr aufbauten, die schweres Kontakt-Geheul von sich gaben und Blut & Spucke in der hohlen Hand anrührten, mit Ahoi-Brause.

1969 erreichte der Sommer der Liebe am Solinger Gymnasium Schwertstrasse seinen Höhepunkt: Neef, Rotschopf und erster Rüpel der Obertertia, erschien mit Blumenkettchen zum Unterricht.

„Ich bin jetzt Hippie.“

An der Kette hingen Glöckchen, die, wenn man sich bewegte, leise bimbambino machten. Aber nur bis zur dritten Stunde, da war die Kette schon Geschichte. Als Kriegsveteran Bruns den Flower Power-Schmuck zu Gesicht bekam, sah er rot. Er riss Intimfeind Neef das Kettchen vom Hals und pfefferte es wutentbrannt durchs offene Fenster auf den Schulhof – wo es bimmelnd zerschellte.

„Männer!! Ich hab nicht fünf Jahre Lagerhaft mit Sonnenblumenkernen überlebt, um mich zwei Jahrzehnte später mit langhaarigen Flegeln herumzuärgern, die sich Hasch in die Augen spritzen! Fünf Jahre Sonnenblumenkerne! Sonnenblumenkerne morgens, mittags, abends! Sonnenblumenkerne, Männer – und keine Haschglöckchen!“

Nun lagen Blumenkettchen und Sonnenblumenkerne sprachlich und inhaltlich nicht soo weit auseinander, wie Bruns es gern gehabt hätte, doch das fiel nicht weiter auf – im Gegenteil: Tief beeindruckt von seiner Tirade bewaffnete sich die Klasse zur nächsten Geschichtsstunde mit – Sonnenblumenkernen.

Bruns erhob sich vom Pult, den Zeigestock waagerecht im Genick, am knacken wie ein Flitzebogen.

„Männer, was ist hier los!? Was knistert da so? Was ist das?“

„Das sind Sonnenblumenkerne, Herr Bruns!!“

Er liess Neef, den Rotschopf, nach vorn kommen.

„Lass mal probieren, Neef.“

Bruns griff tief in die Tüte, „Hmm.. lecker“, und dann in seine Westentasche.

„Hier, Neef, ein Zwanziger. Kauf was Süßes für die ganze Bande.“

*

Musiklehrer Triesch, Gewohnheitstrinker, war eine Legende am Flügel, ein anerkannter Cool Jazz-Veteran, ein komischer Vogel, ein strange bird. Er trug ausgewuchtete Knickerbocker und Jägerhemden, an denen die Kleidermotten sich schon lange satt gefressen hatten, aber sie hörten einfach nicht auf, sie fraßen einfach weiter. Sein spärliches Haar war dünn und fettig, und die Schuppen rieselten in Divisionsstärke in seinen Dandy-Kragen.

Aus der Nähe betrachtet war Triesch ein verdammter Penner.

Er hatte die Angewohnheit, den Schnaps in Fanta-Dosen umzufüllen, bevor er ihn hinter der mobilen Tafel auf ex runterspülte. Er war im Glauben, wir Schüler würden nicht merken, dass er Alkoholiker war. Er setzte sich an den Flügel, in Knickerbockern und Kniestrümpfen, die seine Waden so trefflich stramm in Szene setzten, und spielte bis die Aula erleuchtete. Meist My way is cloudy vom Golden Gate Quartet oder Take Five von Dave Brubeck, seine beiden Lieblingsnummern.

Mein Schwager fügt hinzu, dass es genau zwei Sache gab, für die Triesch den Musikunterricht sofort abbrach: wenn jemand das Wort “Rollhockey” erwähnte, als Remscheider war er Riesenfan des deutschen Rollhockey-Abonnenmentmeisters Remscheid, und wenn die Rede auf schnelle Autos kam, auf Sportwagen.

Triesch war eine ganz coole Sau. Irgendwie tragisch. Wir beteten ihn an.

Er war dauernd besoffen.

*

Rosenthal gab Deutsch und Latein. Ein kleines Kerlchen, das ständig rauchte und selbst im Lehrerkollegium nur der Gilb hieß. Von den Unmengen Burger Stumpen, einer billigen Mischform aus Zigarillo und Zigarre, war seine Haut im Laufe der Zeit gelb geworden. Im Gesicht, am Hals, in den Händen, überall saß der Gilb.

Im Gegensatz zu Geschichtslehrer Bruns, den die Schüler teils fürchteten, teils verehrten, wurde der Gilb zwar nicht wirklich ernst genommen, aber man mochte ihn, irgendwie.

Da der Gilb rechts ein Glasauge hatte, war es ihm nicht möglich, die von ihm aus gesehene (beziehungsweise nicht gesehene) rechte Seite des Klassenraums zu überblicken – ein Grund, warum die Schüler, die rechts saßen, getrost dem Unterricht fern bleiben konnten, der Gilb merkte eh nichts davon. Die zwei oder drei Schüler, die rechts saßen und dennoch am Unterricht teilnahmen, vertrieben sich die Zeit mit Schiffe versenken und Mau-Mau spielen, so waren am Ende alle zufrieden.

Dachte man.

Denn es kam der Tag, an dem der Gilb am Lehrerpult saß und den Hals, warum auch immer, ein Stück weiter nach rechts schraubte als üblich, viel weiter nach rechts, so weit nach rechts, dass er mit dem intakten linken Auge plötzlich die rechte und nahezu leere Seite des Klassenraums erfasste.. Was zum Teufel war da los? Da war überhaupt ja nichts los!

Er stampfte beleidigt mit den Schühchen auf.

„Wenn Sie lieber daheim bleiben wollen als dem Unterricht zu folgen, meine Herren, kann ich ja beruhigt nach Hause gehen!”

Schön, dagegen hatte niemand etwas einzuwenden.

*

Andi1977Gymnasium Schwerstrasse 012

Klsassenfahrt Nürnberg 1977

Pfifferlinge

Das war gar keine richtige Party, auf der ich da gelandet war, es war eins dieser Besäufnisse im Schwenkbereich zwischen Weihnachten und Neujahr, wo alle frei haben und wo es ununterbrochen regnet und schon deshalb keiner nach Hause will. Ich steh also mit einem Becher Bier in der Küche und qualme mit Beate, der Remscheider Hängetitte, eine schöne Marihuana-Lolle, als wir plötzlich den dicken Hansi schreien hören.

“WIE, ES GIBT NIX MEHR ZU ESSEN?? IST ZU ESSEN SCHON ALLES WEG?! OCH MANN!” Kurze Pause, wütendes Gestöhne. “NA, DANN KAUF ICH MIR EBEN EINEN TELLER PFIFFERLINGE, HÖR MAL!!”

Wir sehen ihn durch den Hausflur schaukeln, die Türe aufreissen und mit roter Daunenjacke Richtung Stadtwald verschwinden, zum Uhu, dem berüchtigten Nachtrestaurant an der Burger Landstraße.

Es ist weit nach Mitternacht, als der dicke Hansi, den niemand mehr auf der Rechnung hat, mit einem Mal wieder auf der Veranda steht, die Buxe voller Schlamm, Zweige im Haar und klätschnass, aber überglücklich und mit gesunden roten Bäckchen.

“PFIFFERLINGE WAREN AUSVERKAUFT IM UHU, HAB ICH MIR IM WALD PAAR PFIFFERLINGE AUSGEBUDDELT UND GEFRESSEN, HOFFENTLICH WAREN DAS AUCH PFIFFERLINGE, HÖR MAL!”