An jedem Dienstagvormittag zwischen neun und halb zehn kam der Kartoffelmann in unsere Siedlung, in seinem kleinen quittengelben Kartoffel-Laster, von dessen Ladefläche schon mal eine Kartoffel kullerte, wenn er spät dran war und einen eiligen Stiefel fuhr.
Der Kartoffelmann.
Ganze Generationen sind aufgewachsen mit seinem kräftigen Gebimmel und dem anschliessenden, langgezogenen Schlachtruf
“KAARTOFFELLLN!! GOLD-GELBE KAARTOFELLLN!!”,
und dann, sachte und im Ton abfallend, “fünf Pfund für vier Mark”, fast ein wenig traurig, als müsse es notgedrungen erwähnt werden auf dem Weg hinab in die Niederungen des Kapitalismus, wo es doch eigentlich um so etwas edles ging wie die Kartoffel.
Der Kartoffelmann.
Obwohl ich ihn schon als Kind gehört hatte, wusste ich nie, wie er aussah. Das wussten nur jene Nachbarn, die tatsächlich auch bei ihm einkauften: ältere Semester, die ungeduldig und mit leerem Erdfruchteimer bewaffnet schon am jeweiligen Haltepunkt warteten.
Es war das spektakulär kräftige Marktgeschrei, das den Kartoffelmann zur Legende machte, sein Ende war wenig spektakulär.
An einem Dienstagvormittag in den späten 90ern. Wie gewohnt läutete seine Glocke, gegen neun, halb zehn. Die Gräfin und ich saßen beim Frühstück und bereiteten uns schon darauf vor, in sein Dröhnen einzusteigen, “KAARTOFFELLN! GOOLD-GELLBE KAARTOFFELLN!”, da hob stattdessen ein Stimmchen an, so dünn, als kratzte sich eine alte Jungfer verstohlen am Schambein:
.. uups.. toffeln..
Wir sahen uns fassungslos an. Was war da los?! Ich habe nie wieder so viele Nachbarn so schnell am Fenster gesehen wie an jenem Dienstag, als der neue Kartoffelmann kam. Gut, das musste passieren. Der alte Kartoffelmann war stolze 75 Jahre alt, wie wir im Nachhinein erfuhren, und nur noch nebenbei tätig gewesen. Aber musste sein Nachfolger ausgerechnet das sein, was man in Solingen ein schidderig Kerlchen nennt? Und was zum Henker hieß uuups.. toffeln..?
Es dauerte zwei Dienstage, bis wir dahinter kamen. Uups! war das Obst, das der neue Bauer ins Programm genommen hatte.
Im folgenden Herbst wurde der Bringdienst eingestellt.
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