Archiv für die Kategorie ‘Uncategorized’

Aus dem Veranstaltungsort namens Gehirn: (2!)

September 29, 2008

“Ich muss lernen, mir zuzuhören”, meint die Gräfin, “und nicht dieser Stimme in meinem Kopf.”

*
Bei allem, was man tut, ist die Möglichkeit, dass man stirbt, immer präsent. Dass alles vergeblich ist. Ein letztes Mal. Nie wieder.
Allez!

*
So laut und stürmisch, wie ich 1969 “Dear Mrs. Applebee!” gesungen habe, auf dem 24-Zoll-Fahrrad mit Bananensattel und Fuchsschwanz, genau so laut und stürmisch höre ich heute zwei achtjährige Kumpel auf dem Skateboard den Kannenhof runtersausen:

“Ich verpass dir nur zwei oder drei Kinnhaken!” grölen sie, “Oohou-oohou-oohou..!”

Schöne Sache.
(Kennt einer den Song?)

*
Wir sind Ying und Yang.
Sie braust auf, ich bin ein ruhiger Vertreter.
Sie ist rot, ich blau.
“Du bist eine Truhe voll silberner Stille”, sagt sie.
(Außer beim Kartoffelessen. Da brummt die Bude.)

*
Es gibt Leute, die stehen so außerhalb ihrer Zeit, dass sie voll drin sind.
Der langhaarige deutsche Messias-Künstler Jonathan Meese ist so ein Fall.

*
Der Herbst ist da!
Die stürmische Frau Frühdunkel, denk ich.

Die Gräfin spricht

September 27, 2008

“Fressen und kacken, der ganze Planet nichts als Fressen und Kacken. Sogar die Pflanzen”, sagt sie. “Von wegen Der blaue Planet. Das ist ein bißchen blauäugig von uns.”

*
“Auf die Zeichen hören, die einem überall begegnen, das ist Kosmos. Alles andere ist Bill Cosby Show.”

*
“Ich möchte eigentlich leben wie ein Hund”, sagt sie. “Am besten, ich lass mir das Kleinhirn rausnehmen. Dann sabbere ich ein bißchen vor mich hin und werde ungeduldig, wenn es Fresschen gibt.”

*
“Ich hab den ganzen Tag ein Gefühl im Ohr, als wär da Watte drin. Aber so laute Watte. Kennst du das? Das tappert und kraxelt in meinem Ohr, als würden da Läuse Bergsteigen.”

*
Bei aller Liebe zum Geschäft: Man muss auch italienisch bleiben.”

*
“Den ganzen Tag hat man sich selbst um sich! Unangenehm!”

*
“Unzufriedene Frauen sind die schlimmste Waffe der Welt. Schlimmer als Atombomben.”

Ein bißchen lebensmüde

September 20, 2008

Ein bißchen lebensmüde sein schadet nicht. Man muß nur gerne nicht mehr leben wollen.

Deutsche Musike

September 17, 2008

Sie reibt meinen Puls.
“Kann der auch schnurren?”

*
In unserer Kindheit, Ende der 60er Jahre, gab es noch fahrendes Volk, das am Rand der Stadt ihr Lager aufschlug.
Ein Bild, das komplett verschwunden ist aus unserem Land.
“Die waren wie ich”, erzählt die Gräfin. “Die hatten bunte Sachen an, die hatten schwarzes Haar. Ich dachte immer, zu denen gehöre ich..”
Sie war acht Jahre alt, die kleine Gräfin, als sie ihre Kreise zog um das Camp der Zigeuner, zwar in gebührendem Abstand, aber mit dem Wunsch verschleppt zu werden.
“Meine Mutter hat mich immer gewarnt: Die nehmen dich mit, wenn du denen zu nahe kommst!”
Es hat nie geklappt.

*
Es ist nicht das Mittelmaß, das in diesem Land den Ton angibt, es sind diejenigen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als dazu zu gehören, zum Mittelmaß.

Keine Sorge, Kinder. Das wird schon noch.

*
Leben - was ist das schon. Man wird allein geboren, man stirbt allein, und zwischendurch trifft man ein paar Leute, wenn man Glück hat.

*
Als sie ging, verschwand nicht nur die Sonne, das Wetter insgesamt hörte auf zu existieren.
Er stand trotzdem im Regen.

*
Die Gräfin hat beschlossen, das Warum abzuschaffen. Ab in den Wandtresor damit, abgeschlossen und den Schlüssel weggeworfen. Kein Warum mehr in der Welt! Warum? Nur so.

*
Wenn wir am Abend die letzte Runde drehen mit dem Hund, begegnet uns ab und an der finstere Reitersmann. Schwarzes Cape, dunkle Kappe, dunkle Hose, schwarz glänzende Stiefel, auf einem großen schwarzen Rappen.
Wenn die beiden im Dämmerlicht gemächlich daher schreiten, langsamer als im Trab, das hat Majestät.

Eine andere Familie in der Nachbarschaft hat sich ein Pferd angeschafft. Ein rötlicher Fuchs, für den die Autogararge umgebaut wurde, zum Stall. Da steht der Fuchs nun geparkt, wird ein Mal die Woche ausgeführt, (nicht geritten), und gelegentlich hört man ihn schnauben.
Ich glaube, er betet: Der nächste Versuch, ihn tiefer zu legen, möge gelingen.

In Wahrheit

September 11, 2008

Bodybuilder sind wie Leute, die auf Heavy Metal stehen: Ich kann ihre Begeisterung nicht teilen, mag aber den Menschenschlag. Wären sie nicht so ein kurioser Anblick: Ein einziges Muskel-Himalaya, in Öl triefend, und in der Mitte diese winzige Ausbuchtung, als stünde eine Bohne quer im Höschen.

*
Die Welt ist eine Kirche, in der das Volk niederkniet und so tut, als ob es bete:
In Wahrheit reiben sich alle die Hände.

*
Wenn mir während der Abendrunde mit dem Hund langweilig wird, foppe ich Frau Moll. Ich halte mir die Nase zu, dreh mich zur Seite und rufe mit nasaler Bademeisterstimme: “Frau Bückeburg, bitte zur Kasse 18! Frau Bückeburg bitte!”

Frau Moll, als Hütehund-Mischling von Natur aus bemüht, den Clan beisammen zu halten und auf fremde Stimmen allergisch zu reagieren, bleibt wie angewurzelt stehen, rührt sich nicht von der Stelle. Glotzt in meine Richtung, wo die Stimme her kam, die sich nicht mit mir in Verbindung bringen lässt. Zur Sicherheit kläfft sie mich ein Mal an, dabei allerdings das Köpfchen schief haltend, ein Zeichen höchster Irritation: Wieso spricht eine andere Stimme aus dem Herrchen!? Hat der einen Knall in der Kehle? Hat sich da drin ein Vögelchen verfangen? Das hol ich mir!
Heeh…!

Ü 40

September 8, 2008

Über Leere läßt sich nicht schreiben. Jedes Wort wäre zu viel.

*
Den meisten unter euch bedeutet das noch nichts, doch es sei euch gesagt: Über vierzig zu sein bedeutet, dass die Frau neben dir aufwacht und sagt: “Mann! Ich möchte nach früher zurück!”
“Früher? Wohin, früher?”
“In meinen jungen Körper!”

Ich hab für so was keine Zeit.

*
Früher konnte man prima lügen, und alle waren zufrieden. Aber heute? Wenn man heute im Betrieb anruft und krächzt “Ich bin krank, ich lieg im Bett, ich hab voll mein Rheuma” und im Hintergrund klirren die Fieberthermometer, dann guckt der Chef auf sein Display und sieht die Telefonnummer vom Mumms, meiner Stammkneipe, dann sind alle sauer. Ich, weil ich so doof bin, den Stand der Technik in meine Pläne nicht einbezogen zu haben, der Chef, weil er auch gern am Tresen wär, Stange Kölsch in Arbeit.

Das ist doch alles Käse.

*
Konsequenz ist alles. 1 Konsequenz 1 Euro. 2 Konsequenz 2 Euro. 3 Konsequenz 3 Euro. 4 Konsequenz 4 Euro. 5 Konsequenz 5 Euro. Alle Konsequenz alle Euro.

*
Wenn ich am Abend das Fenster schließe, kommt mir der Gedanke, so, das war’s mal wieder, mit einem Tag in deinem goldenen tollen Leben. Dann reiße ich das Fenster noch mal auf. Und knall es richtig zu.

Dicke fette Jellos

August 29, 2008

Stell dir vor, du bist Elvis. Du sitzt auf dem Klo und denkst: Ich bin der berühmteste Mensch der Welt.

Was eine Scheiße.

*
Wenn zwischen zwei Menschen das Pikante der Käse ist, das ist schlecht.

*
Wenn man als Paar anfängt, den gleichen Traum zu träumen, kann man Goldhochzeit feiern.
Vorher nicht.
Vorher ist alles Schnickschnack.

*
Abends am Spielplatz. Die Kids hängen ab und rotzen in die Buddelkiste, dicke Jellos. Darunter auch der kleine rothaarige Junge, der seit Jahren nicht mehr wächst, nur seine Stimme bricht, wird tiefer: Ein gespenstischer Klang.
Seinen Kumpels, alle zwei Köpfe größer, ziehen weiter.
“He, ihr Penner, wartet!” ruft der rothaarige Junge und zieht seine Schwester hinter sich her.
“Hier ist eine, die will euch einen lutschen!”
Sie lässt es lachend geschehen. Ihr Bruder kratzt sich am Hintern, wie die Alten vorm Fernseher.

*
Ich flöte so vor mich hin.
“Gute Laune heute?” fragt sie.
“Geht so”, sag ich.
“Och Mensch, entwerte doch nicht immer alles so, wie einen alten Fahrschein!”

*
“Frauen. Da blickst du nicht durch. Auch als Frau nicht. Das ist die wichtigste Erkenntnis meines Lebens.”

-Die Gräfin-

Klo und Kirsche

Mai 17, 2008

Manchmal sitz ich eine dreiviertel Stunde auf dem Klo, die Hände aufs Knie aufgestützt, und denke nach. Was das alles soll. Die Sonne und der Mond. Und warum es hier plötzlich wie beim Zuckerbäcker duftet. Nicht, dass ich was Süßes unter mit gelassen hätte, bewahre, nein. Ich bin ja nicht zum Äppeln hier, ich denke nach. Einfach mal sitzen und denken, verdammt. Und der Geruch? Der kommt von draussen. Es ist Samstagnachmittag, die Nachbarn bauen den Grill auf. Grillen die Kirsch-Marmelade?

“Was machst du?” ruft die Gräfin.
“Nix.”
“Wie, nix?!”
“Na, nix!”
“Dafür muß man nicht aufs Klo gehn.”
“Ich schon.”
“Aber ne Stunde?”
“Ne Stunde?”
“Ja. Du sitzt jetzt schon ne Stunde auf dem Klo. So viel gibts doch gar nicht zum Denken.”

Hm, ne Stunde. Das ist lang. Und es riecht auch plötzlich anders. Nach Nebel und nach Feuerschein.

“Ich bin fertig!”

Nur ein paar dumme Stunden *

Februar 24, 2008

29. 12. 99

Zwei Tage vorm nächsten Jahrtausend sitzt Pepe abends in der Küche, mit dem Rücken zur Heizung.
Er friert.

“Was machst du?” ruft seine Frau.
Sie hat es sich schon im Bett gemütlich gemacht, der Fernseher läuft.
“Lesen”, antwortet Pepe matt.
“Was?”
“Lesen..”
“Ja. Aber was liest du?”
“Zeitung.”

Tatsächlich liegt die Zeitung vor ihm auf dem Teppich, doch unterm Lokalteil stecken die drei Pillen, die Paco ihm letztens in die Hand gedrückt hat, samt Beipackzettel.
Paco, der kleine Spanier.
“Hier, wenn du einen Affen schiebst. Aber sei vorsichtig. Das Zeug wirkt nur, wenn es dir richtig dreckig geht. Zum Antörnen ist das nichts.”

“Warum hast du mich nicht gefragt?” meinte Sherry später, seine Frau, als alles vorüber war. “Ich hätte dich vor Subutex gewarnt, und alles wäre nicht passiert.”
“Klar hätte ich dich fragen können. Aber du hättest sowieso gesagt, lass die Finger davon! Nimm bloß kein Subutex, solang du keinen richtigen Affen schiebst, da geht der Schuss nach hinten los. Also hab ich es heimlich gemacht. Damit du mir nicht reinredest. Damit ich.. ach, Scheisse. Ist doch logisch, oder?”
“Na, super logisch.. Weißt du was? Du bist wie ein Mono-Plattenspieler, der seit hunderttausend Jahren dieselbe langweilige Single abnudelt.”

Noch liegen die Pillen vor ihm. Noch hadert Pepe. Schließlich ist Subutex nicht irgendein Medikament, soviel ist klar. Wenn man Pech hat, wird der Affe, den man ja vom Baum holen will, nur noch angefüttert.
Dann wird den Zellen noch das letzte Quentchen Opium entzogen und man sitzt da, roh und nackig und auf eine brachiale Art clean, von einem Moment zum nächsten.
Dann kannst du nur noch abwarten bis die Attacke vorüber ist.

(Bei der Substitutionstherapie opiatabhängiger Patienten mit Buprenorphin, dem Wirkstoff in Subutex, ist zu beachten, dass es bei der Umstellung auf Buprenorphin – vor allem wenn noch signifikante Mengen anderer Opiate im Körper sind – aufgrund seines partiell antagonistischen Charakters zur Entzugssymptomatik kommen kann.)

Partiell antagonistischer Charakter..? Enzugssymptomatik? Ja, leckt mich doch alle am Arsch! denkt Pepe.
“Mir ist jetzt schon kalt!”

Subutex ist Opiat und Opiatblocker zugleich. Es dockt an der Stelle im Gehirn an, wo Opiate wirken, doch erst wenn die Rezeptoren wirklich frei sind, erlegt Subutex den Affen und man fühlt sich wohl.

Aber ein richtiger Affe ist das eh nicht, der Pepe da durch die Knochen geistert. Es ist eher das Grauen vor der Nacht, die vor ihm liegt. Die ganzen Stunden, bis endlich der Morgen dämmert und er zum Doc latschen und das Rezept abholen kann für die Wochenration Methadon.
Für seinen über alles geliebten Apothekenzustand.
Der keinen Gott neben sich duldet.

Paco hat mal gesagt, dass er das nicht kapiert.
“Was kapierst du nicht?”
“Dass du von einem Ersatzmittel abhängig geworden bist. Methadon ist doch nur Ersatz. Warum bist du nicht gleich beim Original geblieben?”
Da ist Pepe wütend geworden.
“Ich sag ja auch nichts zu deiner dämlichen Sauferei”, hat er geantwortet.
Er kann es auf den Tod nicht ab, wenn ein Süchtiger dem anderen seine (andere) Sucht vorhält.
“Selbst am saufen wie ein Loch, aber mir Vorhaltungen machen, dass ich Metha nehme! So ein Mist, Paco.”
Da hat der nur überrascht aufgeguckt und nichts mehr gesagt.

Und warum zum Teufel soll ich mich auch erklären? denkt Pepe. Wem gegenüber? Alten Freunden, der Staatsanwaltschaft? Der Schmiere?
Und wie oft hätten die es denn gern!?

Natürlich ist das alles eine Riesenscheiße. Der ewige Druck, genug von dem Stoff zu besitzen, damit es einem nicht schlecht geht. Diese ewige Verstopfung. Die Müdigkeit.
Und die ganze Kohle, die dafür drauf geht, weil der Doc nicht so viel Methadon verschreibt, wie er es gern hätte, er also jede Woche noch dazu kaufen muss, auf der Platte, beim dicken Methadonhändler.

Und: Wenn Heroin, das Original, schon kein Publikumsknaller ist, dann ist Methadon, der Ersatz, wirklich ein einsames Geschäft. Man sitzt schließlich nicht in trauter Runde zusammen und kippt ein Töpfchen Metha und lacht sich schlapp.

Pepe wiegt die Pillen in der Hand. Kann sich nicht entscheiden. Die Küchentür ist einen Spalt geöffnet, er sieht das blaue Licht des Fernsehapparats durch Sherrys Zimmer flackern.
Seine Frau lacht.
Sie ahnt nichts von seinem Dilemma.
Sie ahnt nicht, dass er in den letzten Tagen mal wieder zuviel Metha geschluckt hat und daher auf dem Trockenen sitzt. Auf dem trockenen Teppich in der Küche, wo er sich den Hintern an der Heizung verbrennt, aber weil die Kälte tief in den Knochen steckt, kann das Erdgas aus Russland noch so sehr bullern, es erreicht ihn nicht. Es bleibt stecken in den weiß lackierten, harten Heizungsrippen.

Pepe ackert den Beipackzettel ein drittes Mal durch. Kann sich kaum konzentrieren. Die Worte fliehen wie Pferdchen über den faltigen Zettel und werfen Pünktchen auf; schräge Striche.

Ich reite mich mal wieder nur selbst über den Oxer in die nächste Scheiße, mit den Nüstern stürz ich.
Meine ganz spezielle Spezialität, denkt er.

Paco hatte schon Recht. “Du machst immer und immer wieder den gleichen Fehler!”
Nein, gar nicht wahr. Das war nicht Paco, der das gesagt hat. Das war Sherry gewesen. Und sein Doc. Der auch.
Scheiß der Hund drauf.

Auf dem Beipackzettel von Subutex entdeckt Pepe was von “mindestens vier Stunden Abstand” zur letzten Einnahme eines Opiats.
Wie jetzt, doch nur 4 Stunden?! denkt Pepe.
Es ist gleich 22 Uhr, und den letzten Rest Metha hat er letzte Nacht um 3 Uhr genommen. Das ist achtzehn Stunden her! Und viel war es ja auch nicht gewesen. Lausige 5 ml. Der Rest vom Fest.
Was also kann da schief gehen, wenn er jetzt Subutex einwirft? Damit ihm wärmer wird. Damit die Nacht ihren Schrecken verliert.

Vier Stunden..

Andererseits weiß Pepe von Leuten, die auf Subutex umgestiegen sind, dass sie vor der ersten Einnahme mindestens 36 Stunden clean bleiben mussten.
36 Stunden, und nicht vier.

JA WAS DENN JETZT!??

Es bleibt ein Vabanquespiel. So schlimm wird es schon nicht werden, denkt Pepe.
Selbst wenn es schief gehen sollte, morgen früh kann ich ja zum Doc und mein Metha holen. Mein gelbes Saufopium. Meine Allesarznei. Dämlicher Gedanke. Kann ich lieber gleich die Finger davon lassen und bis morgen früh warten.

Er nimmt die erste der drei Subutex-Pillen à 2 mg in die Hand. Jetzt nicht mehr lange fackeln.
Jetzt sublingual, jetzt unter die Zunge legen.. jetzt..
ist es schon passiert.

Als sich die erste Tablette aufgelöst hat und bitter durch seinen Schlund sickert, blättert er die Zeitung durch und wartet. Horcht in sich hinein. Ob da was klingelt. Warm anflutet.
Nein, natürlich nicht. Was sind schon 2 mg? Ist ja nicht mit 2 mg Metha zu vergleichen. Ist ja nur ein Klacks. Was bringt ein Klacks?

Er wartet keine Viertelstunde, dann legt er die beiden restlichen Pillen unter die Zunge. Wenn schon, denn schon. Das Herz eines Junkies schlägt nicht, es richtet. Es reitet. Sich selbst.

Pepe sitzt vor der Heizung. Es wird wärmer. Etwas lichter ums Herz. Oder..? Nein. Keine Ahnung.
Aber schlechter geht’s ihm auch nicht.
Oder doch!?

Eine halbe Stunde ist vergangen seit der ersten Pille, als er sich zu Sherry legt. Der Fernseher läuft, doch er ist woanders mit seinen Gedanken.
Allein mit meiner Sucht.
Einsam.
Einsam, weil er mal wieder das Maul nicht aufgekriegt hat.

Sie wundert sich, warum er so still ist.
“Ist was?” fragt sie, doch Pepe winkt nur ab.
“Ich bin müde.”
Er dreht sich zur Wand und schläft auf der Stelle ein.

Als er wach wird, steckt sein Brustkorb in Stahl-Zwingen. Er ist nass geschwitzt. Oh Gott.. oh mein Gott..!! ist sein erster Gedanke, er flüchtet aus dem Bett. Raus hier. Bloß raus..!
“Was ist denn los?” wundert sich Sherry.
Pepe ist voll auf Affe. Auf Grund gelaufen. Der Schweiß pläddert an ihm herunter.
Er hat nicht mal eine halbe Stunde geschlafen.
“Ich fühl mich.. scheiße..”
“Wie, du fühlst dich scheiße!? Was hast du angestellt!?”

Pepe ist es, als wälze er sich durch ein großes, überwürztes Feuer, als brenne er lichterloh.
Er flüchtet ins Bad, steht vorm Spiegel.
Riesige schwarze Bratpfannen glotzen ihn an! Wie lang hat er nicht mehr solche Pupillen gehabt. Sein Herz rast. Er lässt sich auf den Wannenrand nieder.
Sherry kommt hinzu.
“Was hast du gemacht?”
“Ich hab.. Scheiße gebaut. Ich hab Subutex genommen..”
“Du hast.. was!? BIST DU BESCHEUERT!?? Da kommst du voll auf Affen, wenn du nicht clean bist!”
“Ich weiß..”
“Wie, du weißt!? Warum hast du es dann gemacht??”
“Ich dachte, also.. ich weiß nicht, was ich gedacht hab. Ich hatte zu wenig Metha für heute.. Scheiße. Was mach ich jetzt??!”

So jedenfalls halt ich die Nacht nicht aus, schreit Pepe, doch kein Ton dringt heraus.
Er rennt durch die Wohnung, panisch, in Auflösung.
“Ich halt das nicht aus..”
“Du hältst das aus”, versucht sie ihn zu beruhigen. “So schlimm ist das auch wieder nicht..”
Ihr zweifelnder Blick straft ihre Worte Lügen. Die ganze Nacht. Die ganzen Stunden.

“Ruf den Doc an”, sagt sie, und wartet erst gar keine Antwort ab. Sie sucht die Telefonnummer von Doktor Hilten heraus, der Pepe substituiert.
Es ist kurz vor Mitternacht, als sie die Nummer wählt. Natürlich springt der Anrufbeantworter an.
“Na, was hast du denn gedacht?” meint Pepe. “Dass der Hilten nur darauf wartet, dass ich anrufe!?”
“Nee, aber dass eine Nummer genannt wird für Notfälle, was weiß ich..”

Sie versucht es bei der Auskunft. Fragt nach der Privat-Nummer von Doktor Hilten. Tatsächlich erhält sie eine Handy-Nummer. Sie wählt.
Hält Pepe den Hörer hin.
“Ich.. kann doch jetzt nicht reden..”
“Du kannst. Natürlich kannst du. Du kannst reden. Rede mit ihm. Frag, was du machen sollst.”

Er nimmt den Hörer in die Hand. Dauert nicht lang, und der Doktor nimmt ab.
“Ja..?”
“Doktor Hilten? Hab ich Sie.. gestört? Schlafen Sie schon?”
“Hmm.. Wer is da?”
Es klingt, als habe er ein Kissen im Mund.
Er räuspert sich.

“Ich bin’s, Pepe. Ich hab Scheiße gebaut.. Ich hab.. mit Subutex experimentiert..”
“Experimentiert? Mit Subutex? Was redest du da? Ja, das ist Scheiße.”
Doktor Hilten ist ein voluminöser Mann. Er liegt im Bett. Er spricht leise.
Es raschelt im Hintergrund.
“Da hast du jetzt ein paar.. dumme Stunden vor dir. Hast ein paar Manschetten. Klapperst ein bißchen. Kann aber nichts passieren.”
“Ich fühl mich aber scheiße.. extrem. Könnten Sie nicht..? Ich mein.. sollte ich nicht Methadon nehmen, damit..”
“DU SOLLST NICHTS NEHMEN!! DAMIT MACHST DU ALLES NUR SCHLIMMER!”

Pepe sagt nichts mehr. Hat eh keinen Sinn.
Die Gräfin beobachtet ihn.
“Du schaffst das schon”, meint der Doc leise. “Kommst du morgen früh in die Praxis. Dann hast du schon hinter dir. Nur ein paar dumme Stunden. Kann nichts passieren..”

Pepe legt auf. Tigert durch die Wohnung. Weiß nicht, was er machen soll. Die ganze verfluchte Nacht..
“Das halt ich nicht aus bis acht Uhr..!”
“Ich denk bis sieben.”
“Um sieben macht der Doc auf. Aber das Rezept in der Apotheke kann ich erst um acht einlösen.”

Abwechselnd hockt er zitternd vor der bullernden Heizung oder tigert ins Bad, wo ihn schwarzen Bratpfannen anstieren.
Wo sind seine harten kleinen Opium-Pupillen hin!?
Wieso hab ich alle drei Pillen auf einmal genommen?! Du Idiot! Trottel! Und jetzt hier rumheulen!
Er steigert sich immer mehr rein.

“Jetzt steigere dich nicht noch mehr rein..! Komm, bleib ruhig. Ich mach dir ne Wärmflasche. Ich lass dir ne Wanne ein. Ja, leg dich einfach in die heiße Wanne und entspann dich.”
Pepe hört sie reden, sie meint es gut, aber sie spürt nicht den Abgrund, an dem er sich befindet.
In seinem Kopf wirbeln die Möglichkeiten. Was er noch machen kann. Wo man jetzt was auftun kann, um die Uhrzeit. Schore, Metha, irgendwas, das hilft.

Vier Stunden.. WIESO STAND AUCH AUF DIESEM SCHEISS BEIPACKZETTEL WAS VON VIER STUNDEN!!?

Er holt seine Brieftasche vom Schrank. Da ist zwar keine Kohle drin, aber Telefonnummern.
“Wohin willst du..?” fragt Sherry ängstlich.
“Ich.. weiß nicht. Raus hier. Ich halt das nicht aus, hier drinnen. Die ganze Nacht.. Vielleicht kann ich Angelo anrufen.”
“Angelo?”
“Von dem besorg ich mir schon mal was..”
“Was denn?”
“Na, Metha..”
“METHA?? BIST DU VÖLLIG BEKLOPPT?”

Er steckt die Brieftasche ein. Auch wenn das Blödsinn ist, denn selbst falls Angelo was Methadon übrig hat, tut er es nur gegen Bargeld raus. Angelo verleiht nichts. Und Pepe ist blank. Was soll das also? (Andererseits, es ist ein Notfall..)

“Wenn du jetzt auf Subutex noch Metha nimmst, machst du alles nur noch schlimmer! Dann ist das jetzt ein Zuckerschlecken gegen das, was dich DANACH erwartet!!”
Pepe hat sie lang nicht mehr so zornig erlebt.
“Wenn du das machst, bin ich morgen weg!”
Scheiße. Scheiße!!

Tatsächlich heißt es in der Szene, dass man einen miesen Subutex-Trip aushalten muss.
Dass jede Form von Morphium, die man zusätzlich einwirft, alles nur noch schlimmer macht..

Die Nummer von seinem Psycho-Doc fällt Pepe in die Hand. Der psychosozialen Betreuung. Die liegt auch dem Schrank. “Ruf an, wenn was ist”, hat er mehrfach angeboten.
Es ist Mitternacht durch.
Alles wird immer enger, je länger Pepe wartet und nichts unternimmt. Es ist zwölf Uhr durch. Da geht doch kein Schwein mehr ans Telefon. Kein Junkie, der was abdrücken kann, kein Psycho-Doc, der.. ja, was ?
Niemand!

Angelo kann ich von hier aus nicht anrufen, denkt Pepe, dann brennt die Hütte. Ich muss in die Telefonzelle. Ich hab keine Telefonkarte. Auf der Klingenstrasse steht eine Telefonzelle, die nimmt Münzen. Wenn Angelo überhaupt ans Telefon geht. Wenn der überhaupt zu Hause ist. Wenn der noch nicht pennt. Wenn der überhaupt was Metha zum Abgeben hat. Zum Verleihen!
Wenn, wenn, wenn.. Scheißdreck!
SCHEISSDRECK!!

Er wählt die Nummer vom Psycho-Doc. Eine Art Hippiedoktor. Der wohnt in Bonn. Was will Pepe überhaupt von ihm?
Metha hat der sowieso nicht.
Seine Frau hebt ab.
“Ja..?”
“Ja, hier ist .. Kann ich..?”
“Oh. Mein Mann ist oben, der schläft schon. Worum geht es denn?”
“Äh.. nee, das bringt jetzt nichts. Wenn er schon schläft..”
“Ja, der schläft schon..”
“Frag sie doch wegen Subutex, was du da machen kannst”, flüstert Sherry eindringlich, aber Pepe legt den Hörer auf.
“Woher soll die das denn wissen?!”

Wieder tigert er durch die Zimmer.
“Ich halt das nicht aus hier heut Nacht. Ich muss raus.”
Er muss was unternehmen. Aber er will Sherry auch nicht mit ihrer Angst zu Hause lassen, dass er sich womöglich etwas antut.
Er sagt, dass er ins Städtische gehe, in die Notaufnahme.
“Ich setz mich einfach da hin, damit ein Arzt in der Nähe ist, wenn was passiert.”
“Was soll passieren?”
“Dass ich durchdrehe. Umkippe. Was weiß ich. Keine Ahnung.”
“Ich kann dich doch fahren.”
“Nein..! Ich muss.. gehen. Unterwegs sein. Die Zeit umkriegen. Wenn du mich ins Städtische fährst, sind wir in zehn Minuten da, und dann? Sitz ich da.”
“Wenn du zu Fuß durch die Kälte marschierst, sitzt du auch gleich da.. in ner dreiviertel Stunde.”
“Ja, aber nicht in zehn Minuten. Ich geh langsam, dann brauch ich ne Stunde bis dahin. Dann hab ich die Stunde schon mal um..”

Er sitzt auf dem Bettrand und schnürt schwerfällig die neuen Stiefel.
Hab ich die Brieftasche, die Handynummern?
“Bau keinen Scheiß”, fleht sie. “Bitte..”
“Ich hab keine Kohle für Scheiße bauen.”
“Seit wann brauchst du Kohle, um Scheiße zu bauen..”

Pepe ist so blank, er kann nichts vom Konto abheben. Keine Chance.
Es ist alles sinnlos. Und es wird immer später. Gleich ein Uhr. Da geht doch kein Schwein mehr ans Telefon.

In seinem Kopf taucht die Müngstener Brücke auf, die höchste Eisenbahnbrücke in Deutschland, oben am Schaberg. Er muß es nur die steile Klingenstrasse hoch schaffen, dann ist er da. Die Brücke. 110 Meter hoch, eine Million Nieten. Wo man den Scheiß hinter sich lassen kann.
Die Verwüstungen.
Die inneren Debakel.

“Mach dir keine Sorgen”, sagt Pepe zu Sherry an der Haustüre, trotz dicker Winterjacke und Weste vor Kälte und Angst und Schwäche bibbernd.
“Ich lauf einfach ins Städtische, setz mich dahin..”
“Soll ich dich nicht doch fahren?”
“Nein.”

Es ist fünf Grad unter Null.
Wenn ich durch den Park gehe, in Richtung Klingenstrasse, zur Telefonzelle, riecht sie sofort Lunte, dass ich nicht ins Krankenhaus will, denkt Pepe.
Und so müht er sich erst in entgegengesetzter Richtung den Berg hoch. Und dreht sich um. Sieht die gemeinsame Wohnung, hell erleuchtet. Sie steht nicht am Fenster.

Pepe dreht ab und geht durch den Park. Die Enten schnattern wütend, als sich seine Schritte nähern.
Die Beine tun es nicht richtig. Sie sind schwach.
Kaum Autos unterwegs. Laternen, die gelbes Autobahnlicht verstrahlen. Motorräder in der Ferne, eine Sirene. Feuerwehreinsatz.
Der Schnee ist nass.

Richtung Telefonzelle ist Richtung Angelo ist Richtung Brücke, 110 Meter hoch.
Als Pepe die Telefonzelle erreicht, die in der Dunkelheit strahlt wie ein altes gelbes Juwel, hat er kaum noch Kraft in den Beinen.
Er zieht die Türe auf, holt die Brieftasche aus der Jacke und legt sie auf dem Fernsprecher ab. Da ist ein einziges 50 Pfennig-Stück drin. Der Rest ist unbrauchbar. Kupfergeld. 50 Pfennig. Er hat nur einen einzigen Schuss. Der muss sitzen.

Und dann.. findet Pepe die Telefonnummern in der Brieftasche nicht. Da sind dutzende von Zetteln drin, aber nicht der Zettel, auf dem die Telefonnummern drauf sind. Oh mein Gott.. er hat ihn zu Hause liegen lassen..
Er ist zu schwach, um Scheiße zu brüllen.

Er versucht sich an Angelos Handynummer zu erinnern, wie betäubt. Die Scheiben der Zelle sind beschmiert mit knappen Edding-Botschaften. Ich liebe, ich hasse. Er wirft das 50 Pfennig Stück ein. Probiert ein paar Nummern, aber er hat dauernd einen Zahlendreher drin. Er kriegt es nicht hin. Drückt jedes Mal die Gabel runter, bevor es zum Anschluss kommt, damit kein Geld flöten geht.

Und dann versucht er es doch. Mit der Nummer, die er für richtig hält.
Es hebt tatsächlich jemand ab. Es ist halb zwei in der Nacht. Donnerstagnacht.
Eine fremde weibliche Stimme.
“Schuldigung”, flüstert Pepe und leg sofort auf.
20 Pfennig sind weg. Runtertelefoniert. Er kriegt diese scheiß Handy-Nummer nicht zusammen! Aber ’schuldigung sagen.. das geht, du Scheißer!

Plötzlich fällt ihm Ringo ein. Was ist mit Ringo..? Ringo hat Handy und Festnetzanschluss. Pepe hat ihn lang nicht gesehen. Bestimmt ein Jahr. Oder ein halbes. Sie sind zusammen aufgewachsen.

Eine Menge Leute sind damals zusammen aufgewachsen.

An die Handy-Nummer erinnert sich Pepe nicht, aber Ringos Festnetznummer steht wie eine 1 auf seinem inneren Display.
Fragt sich nur, ob das was bringt.
Er hat vor einigen Tagen Simone getroffen, mit der Ringo lange zusammen war, und sie erzählte, dass Ringo aus Angst vor der Schmiere nur noch selten das Telefon abhebt. Das Festnetztelefon..

Pepe hat die Nummer schon gewählt. Nach dem zweiten Läuten hebt Ringo ab.
“Mhhjaa..?”
Verpennt. Von ganz weit her.
“Ich bin’s”, schnappt Pepe auf. Als hätte er sich verschluckt. “Wie sieht’s aus, Alter..? Kannst du mir.. weiterhelfen?”
“Alter, nee. Bei mir ist auch übel. Sieht nich gut aus. Übel sogar..”
Ringo atmet schwer.
“Moment.. Ist da der..? Bist du das, Pepe.?”
“Ja, sicher”, beeilt er sich. Er hat noch einen Groschen drauf. Die letzten 10 Pfennig.
“Ich bin in einer Telefonzelle, mir geht’s dreckig. Ich weiß nicht, wie ich über die Nacht komm. Ich brauch.. nicht viel.”
Ringo schwenkt um.
“In Ordnung, Alter. Dann komm vorbei. Aber mach schnell.”
“Ich beeil mich. Aber ich bin zu Fuß unterwegs. Ne halbe Stunde brauch ich..”
“Halbe Stunde..? Mach hin. Ich hab Schlaftabletten drin.”
Klick. Weg ist er.

Pepe packt die Brieftasche ein und schleicht los. Er hat keine Kraft mehr. Die Nacht ist so eiskalt, er friert und schwitzt abwechselnd. Dann gleichzeitig, und schließlich kann er es nicht mehr auseinander halten, ob er nun schwitzt oder ob er friert.
Er ist froh, dass er sich noch auf den Beinen halten kann.

Als er die Abkürzung über den alten Güterbahnhof nimmt, kriegt er kaum noch einen Fuß vor den anderen.
Dichter Schneefall setzt ein.
Pepe hält sich an einem Bauzaun fest. Ein Wagen fährt im Schritttempo vorüber. Der Fahrer glotzt herüber. Pepe erkennt die Taxi-Beleuchtung auf dem Autodach.
Hoffentlich sieht der Fahrer das, wenn ich jetzt umkippe.
Und hoffentlich ist Ringo nicht eingepennt, auf seinen Schlaftabletten, so bräsig, wie seine Stimme klang.
Falls er mein Klingeln nicht hört, bin ich geliefert. Ich hab kein Kleingeld mehr zum Telefonieren.
Ich hab überhaupt keinen Pfennig Kohle in der Tasche.

Pepe schellt zwei Mal kurz hintereinander. Dann eine Pause - und noch zwei Mal kurz. Das Zeichen, das Ringo ihm mal anvertraut hat.
Und das sonst nur seine Mutter kennt..

Es dauert keine fünf Sekunden, da summt der elektrische Türöffner. Gott sei Dank. Pepe schleppt sich die Treppe hoch.
Erste Etage.
Ringo, in Unterhose und T-Shirt.
Auf langen, dünnen Beinen.
“Schliess ab”, sagt er knapp und geht schon mal vor. Der Schlüssel der Etagentür steckt von innen, und Pepe dreht ihn um.
“Schliess zwei mal ab! Ist besser.”

Als Pepe die Bude betritt, steht Ringo vorm Rechner und singt laut vor sich hin. Irgendeinen Blödsinn.
“Ich hab eine Affinitäääät.. zu Pförtnern..!”
Ringo-Blödsinn. Seine Nase läuft.
Er grinst.
“Der Pepe, mitten in der Nacht.. Mann, dir muss es ja schlecht gehn..”

Seine Bude ist überhitzt. Nicht gelüftet seit Tagen. Aber aufgeräumt. Wie immer.
Ringo ist penibel.
Und Pepe könnte kotzen vor Knochenschwäche.
“Als würd ich von innen verfeuert.”

Ringo wackelt, ist aber nicht bräsig, trotz all dem Schnaps, der Schore, dem Koks, den Pillen, all den Sachen, die er intus hat.
“Erzähl. Was is los?”
“Ich hab Subutex genommen, auf Metha. Also auf Reste von Metha..”
“Alter! Subutex auf Metha! Wie bist du denn drauf!? Da fährt man einen gewaltig üblen Streifen. Scheisse..”

Ringo setzt sich auf den Bettrand und kratzt sich am Sack.
“Mir ist das mal passiert, da hab ich voll die Panik gekriegt, hör mal. Ich hab mich bekotzt und beschissen, so derb bin ich abgefahren..!”
Pepe zieht die dicke Jacke aus und setzt sich aufs schwarze Ledersofa.

Ringo ist laut. Wunderbar laut. Hauptsache laut, und Leben..
“Da war ich nur am Kotzen, Alter! Und weil ich vorher noch Rotwein gesoffen hab, war das ganze Klo ne fette rote Lache. Mann, war das übel! Subutex auf Metha..Scheisse. Wie bist du denn drauf..”

Er setzt sich an den gläsernen Schreibtisch, auf dem sein Notebook steht und wo er seine Schore verwaltet.
Er zieht ein Säckchen aus der Schublade.
“Ich hab aber keine Kohle”, sagt Pepe.
“Kein Thema, Alter. Aber so gut bestückt bin ich nicht. Ich muss mich morgen wieder frisch machen. Wärst du besser gestern übel abgefahren, da hätt ich dich richtig fett breit gemacht, Alter. Na, mal sehn..”

Ringo zieht mit der Rasierklinge eine Line braunes Pulver über die Glasplatte.
Chkkkrrr..
“Hier.. zieh das erst mal weg.”
Er überlässt Pepe den Chef-Sitz, und verzieht sich ins Bett. Der Fernseher läuft.
“Außer Atem, Alter. Das Original.. mit Belmondo. Geil.”
Seine Augen klappen zu.

Pepe sitz unentschlossen vor der Line. Weiß nicht, ob er es wagen soll. Wenn das stimmt, was alle sagen, wenn also alles noch schlimmer wird..? Manchmal reden die Leute auch große Scheiße. Diese Art von “vier-Stunden”-Scheiße. Er kann sich nicht entscheiden.

“Was ist, Alter?” bellt Ringo. “Keinen Bock?”
“Ich weiß nicht, ob ich damit nicht noch übler drauf komm.”
“Mh. Nimm doch erst mal nur die Hälfte.. oder ein Drittel, und warte ab, was passiert.”

Die Line liegt vor Pepe, er hat den Strohhalm schon in der Hand. Wie immer hat Ringo sich nicht lumpen lassen. Die Strasse ist gut zwanzig Zentimeter lang. Ein Gramm. Dafür könnte er locker einen Fuffie verlangen, auf der Strasse.

Pepe steht auf, ohne gesnieft zu haben, und läuft durch die überheizte Bude. Holt nacheinander die Hieronymus Bosch Figuren aus dem Regal, die Ringo aus Holland mitgebracht hat, wo sie an Tankstellen verkauft werden. All diese verrückten Figuren aus der verrückten Welt von Hieronymus Bosch, der auf LSD war, ohne es jemals genommen zu haben. Mittelalter-LSD.

Pepe irrt umher, setzt sich an den Schreibtisch, steht wieder auf.
„Alter, du machst mich kribbelig!“ ruft Ringo und bietet Pepe Beeren-Schnaps aus der großen Pulle an.
“Hier, Baby, Artilleriefeuer! Alter, ich dachte, das wäre Beerenwein, du weißt schon, so ne laue Nummer, ein Oma- Schnäpschen zum Kaffee.. Aber Teufel, das Zeugs tut es wirklich. Hier, vierzig Prozent. Kommt so ziemlich dem nahe, warum ich irgendwann mal das Jägermeistersaufen angefangen hab. Artilleriefeuer, Baby! Nimm einen Schluck! Mach dich locker, Alter!”

Pepe winkt ab.
“Nee, lass mal, keinen Schnaps. Bloß nicht.”
“Also, langsam werd ich böse. Ich streu dir ne schöne Nase – willst du nicht. Ich biete dir Artilleriefeuer an - auch keinen Bock. Mann, warum holst du mich mitten in der Nacht aus dem Bett??”

Pepe steckt den Strohhalm ins Nasenloch und zieht die Strasse in einem einzigen Haps weg, so feste, dass es in der Nase lodert.
“So kenn ich dich”, wiehert Ringo, “den dicken Rüssel ausgefahren, Alter..!”

Die nächsten zwei Stunden liegt Ringo im Bett und plaudert und singt und guckt Video, während Pepe gegenüber auf dem schwarzen Ledersofa hockt und ununterbrochen radelt, so sehr zucken seine Beine. Er strampelt wie ein Hamster im Rad und nur allmählich, ganz allmählich, wird ihm etwas wärmer, und der Affe klingt ab.

Einmal legt Pepe sich auf dem Sofa lang und versucht ein wenig zu schlafen. Ringo kommt leise rüber und deckt ihn mit einer Baumwolldecke zu. Dann sucht er auf seinem Rechner die Datei mit den Songs von Jonathan Richman, die er vor Jahren aus dem Internet gezogen und auf CD gebrannt hat, nur für Pepe.
Der ist fast gerührt, wie sehr Ringo sich um ihn bemüht.

Irgendwann sitzen die Beiden nebeneinander im Bett und gucken Video:
Außer Atem.
“Den schieb ich glatt noch zehn Mal in den Rekorder, Alter..”, meint Ringo. “So cool ist der.”

Belmondo sitzt 1959 im Bett, in Unterhose und Hut.
“Das Schlimmste ist Feigheit”, sagt er zu seiner amerikanischen Geliebten, und nuckelt an einer Mais-Zigarette.
Dann wechselt er den Hut gegen ein kariertes Tweed-Käppi.
“Cool!” johlt Ringo. “Alter!”

Um fünf Uhr morgens ruft er für Pepe ein Taxi, das er auch gleich bezahlt.
“Hier, das müssten reichen.”
“Kriegst du wieder, die Kohle”, sagt Pepe.
“Kein Thema, Alter. Kein Thema..”
__________________________________________________
* Für Ringo (1961-2007)

Das Gewicht der Welt

Dezember 21, 2007

Man könnte meinen, es spiele keine Rolle, ob die Dinge sich tatsächlich so zutragen oder zugetragen haben, wie man sie niederschreibt, wenn man das tut, niederschreiben. (Schreiben ist eine Art Niederkunft.) Das stimmt nicht. (Das mit der Niederkunft schon.) Der Herrgott in seiner Pracht hat es nämlich so eingerichtet, dass mit jeder noch so kleinen, aber wahren Begebenheit die Welt an Gewicht zunimmt, ein bißchen schwerer wird. Bis eines Tages das Gewicht der Welt erreicht ist und das Leben anhält. Dann wird die Erde ein Museum, ein eingefrorener Augenblick fürs ganze Universum. An regnerischen Sonntagen werden Aliens von fernen Planeten Ausfüge machen ins Museum Alte Blaue Erde, das sein Gewicht erreichte, weil alles wahr ist, was ich schrieb.