Ringo

22. Oktober 2009 von glumm

Heute vor zwei Jahren, am 22. Oktober 2007, starb Ringo. Er wurde 46. Seine letzten Worte: „Ich bin müde.“ Dann schlief er ein und wurde nicht mehr wach. Friede seiner Seele. Lüstern wie er war, futschikato wie er ist.

Gymnasium Schwertstrasse, ca. 72/73. Ringo in der Mitte ganz links, ich oben, dritter von links (ohne Lehrer). Außerdem auf dem Foto: Karlos, der Mitsubishi Boy, der dicke Hansen.

Gymnasium Schwertstrasse, ca. 72/73. Ringo in der Mitte ganz links, ich oben, dritter von links (ohne Lehrer). Außerdem auf dem Foto: Karlos, der Mitsubishi Boy, der dicke Hansen.

Anfang November 2007. Es war schon dunkel, als mich die Gräfin und Frau Moll zu Fuß vom Institut abholten, begleitet von einem Tross Glühwürmchen, die wie kleine, grüne Ufos der Trasse entlang blinkten.

„Glühwürmchen im November“, wunderte ich mich, „haben die kein Quartier?“, aber die Gräfin war mit den Gedanken woanders. „Was würdest du tun, wenn du wüsstest, du hast noch eine Stunde zu leben?“

Seit Ringo’s Tod ging er uns nicht mehr aus dem Kopf, der Tod. Mit welcher Nüchternheit er zuschlug. Und wieso es immer die Falschen traf. Obwohl, das stimmte ja nicht. Auch die Richtigen erwischte es, irgendwann.

„Ne Stunde? Ich würde mich erst mal ne Viertelstunde ärgern, glaub ich. Bliebe noch ne dreiviertel Stunde, genau eine Halbzeit. Lang genug, um noch ein Tor schießen.“
„Ein Tor? Wo?“
„Na, unten im Klauberg, auf dem alten Sportplatz. Wo jetzt Kunstrasen liegt. Ich würde ein paar Kumpel anrufen und sagen, macht schnell, ich hab’s eilig. Bringt eine Pille mit. So ne alte, aus richtigem Leder. Obwohl, nee, das dauert zu lang. Bis die Penner einen richtigen Lederball aufgetrieben haben, ist Schlußpfiff.. Tja, keine Ahnung. Was würdest du tun, wenn du noch ne Stunde hättest?“
„Nichts.“
„Wie, nichts?“
„Na, nichts. Einfach dasitzen und auf die Uhr gucken, wie sie schlägt. Und dann, kurz vor Ablauf, mich schnell verabschieden von allen, die ich liebe. Die paar.“
Sie zündete sich eine Zigarette an, und die grün blinkende UFO-Kolonne löste sich erschrocken auf, in alle Dunkelheit.
„Andererseits sollen die sich ja nicht aufregen. Also nee, ich weiß nicht.. Blöde Frage, eigentlich.“

Am nächsten Tag, elf Uhr fünfzehn. Eine Schiefertafel vor der kleinen Kapelle des evangelischen Friedhofs: „Trauerfeier Ringo G.“, mit weißer Kreide stand es geschrieben.

Was bleibt am Ende eines Lebens? „Er war ein Lieber, aber er war ein Armer“, sagte seine Mutter später. Mütter dürfen so etwas sagen, wenn sie weinen. Auch wenn sie nicht weinen. Mütter wissen Bescheid. Mütter wissen Bescheid, wenn sie idiotische Söhne in die Welt gesetzt haben, sie wissen Bescheid, wenn ihr Sohn ein Guter war. Ein Lieber, aber ein Armer. Dabei war er gar nicht arm.

„Ringo war ein toller Typ“, kondolierte ich ihr hernach und drückte ihre überraschend warme Hand. Er war ein Aufrechter. Er hat sich niemals klein gemacht. Er hat sich nie für seine Sucht geschämt. Er hat sich nie für irgendetwas geschämt. Er hatte, was man so oft sucht und selten findet, er hatte Mumm.

An diesem windstillen Freitag im November 2007, als der Nebel sich einfach nicht auflösen wollte und die ganze Stadt aussah wie England, lag der Sarg, merkwürdig klein für so ein langes Elend, aufgebahrt in der Kapelle des evangelischen Friedhofs, den ich so gern als Abkürzung nutze, wenn ich in die Stadt gehe.

Es war eine große, ratlose Gesellschaft, die sich eingefunden hatte. All die Bekannten seiner 87jährigen, beinah blinden und wunderbaren Mutter, die ihm so sehr ähnelte, im Gesicht und von der Statur her, dazu Verwandschaft und Freunde, seine hübsche 24jährige Tochter, die Verflossenen und Mary, die Aktuelle, alle waren sie noch mal aufmarschiert. Selbst zwanzig verhuschte Junkies tauchten aus dem Nebel auf, einige mit Blumen in der Hand, und verschwanden nach der Trauerfeier wie sie gekommen waren, im Nebel.

Nachdem der Pfaffe seinen Psalm heruntergemümmelt hatte, wurde ein Ghettoblaster gestartet, verschämt aus der hintersten Ecke heraus. Das Stück hatte Mario, ein Bekannter, am Abend zuvor noch aus dem Internet gefischt – von einer Band namens MASTERS OF REALITY. Ringo hatte es sich gewünscht.
„Kenn ich nicht“, sagte ich zu Mario.
„Kannte ich auch nicht“, sagte Mario.

Was folgte, war wie ein groteskes, letztes Störfeuer von Ringo. Als baumelten seine langen Beine von Wolke 9 runter, die knallrote Ted Nugent-Gitarre geschultert. Kaum, dass der Song der Masters Of Reality eingesetzt hatte, eine harte Southern Rock Nummer, so wie Ringo es liebte, begannen die Glocken der Kapelle zu läuten, wie schepperndes Artilleriefeuer übertönten sie den Song, minutenlang. Selbst, als die CD längst gestoppt war, läuteten die Glocken munter weiter.

Ich sah die Gräfin an, die neben mir saß, auch sie wusste nicht, ob sie nun weinen oder lachen sollte – wir entschieden uns am Ende – für beides.

Was bleibt, am Ende? Was bleibt nach all dem Abstrampeln für ein Schäufelchen Anerkennung? Es bleiben Erinnerungen und ein allerletzter Wunsch, der nicht mehr in Erfüllung gehen sollte.

„Ringo wollte noch mal einen Drachen steigen lassen“, vertraute uns Mary an, seine letzte Freundin, die ihn morgens tot im Bett gefunden hatte. „Jetzt im Herbst.“ Wir standen mit leeren Augen vor der Kapelle, an diesem Freitag im November 2007, an dem nicht der leiseste Windhauch ging, an dem das Laub satt und mirabellengelb von den Ästen hing, an dem der Nebel nicht weichen wollte. Der Nebel.

*

Geschichte für Ringo: Nur ein paar dumme Stunden

Geschichte auf 500beine: Eine Nacht im Turm-Hotel

Das Foto und andere minimale Mißgeschicke

20. Oktober 2009 von glumm

Da war dieser nervöse Samstag, an dem mir alles zu Boden fiel, was ich in die Hand nahm. Es fing an mit dem Handy von Marita, der portugiesischen Putzfrau meiner Eltern. Das Handy rutschte von der Programmzeitung runter, die ich vom Sideboard ziehen wollte, und lag plötzlich auf dem Flurboden und zeigte sein Innenleben. Halb so schlimm. Nach dem Zusammensetzen des Gehäuses und Eingabe der PIN-Nummer brodelte die Elektronik wieder, doch im ersten Moment, „oh noo! mein Handy!“, war Marita erbost auf mich zugesprungen, den feuchten Wedel wie einen Knüppel schwingend; ein erbostes Reh aus der Gegend von Porto.

Als das Mobiltelefon wieder blinkte und Meldung machte und wir beruhigt nach Hause fahren konnten, ging ich mit dem Hund raus in den Wald und pisste mir übers Notizbuch. Versehentlich natürlich, doch was heißt das schon. Passiert ist passiert. Man muss so etwas nicht erzählen, nein, natürlich nicht. Man muss nie etwas erzählen, nur weil es passiert ist. Das Leben ist keine Erzähldiktaktur. Du kannst es schön für dich behalten, wenn dir das lieber ist, die kleinen Niederlagen und Malheure und was sonst noch so schief läuft, wie nebenbei. Wobei. Dass man Drang & Druck hat im Wald und Harn verliert aus dem Geschlechtsteil, das passiert jedem mal. Dass die Pisse aber dabei übers Notizbuch rinnt, welches man in der anderen Hand hält, das muss man erstmal hinkriegen, so eine Scheiße. Ach nee. Pisse.

Kurz zuvor war mir bereits eine Fotografie aus dem Notizbuch gefallen, aber davon wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts. Gottseidank. Nicht Gottseidank, dass ich den Verlust noch nicht bemerkt hatte, sondern Gottseidank, dass das Foto, eine Porträtaufnahme von mir, nicht mehr im Notizbuch steckte, sonst hätte ich mir womöglich übers eigene Antlitz geschifft.

Das Foto hatte mir Vater gegeben, mittags, bei meinen Eltern. Es zeigt mich im Jahre 2002, dunkler Hintergrund, vermutlich auf einer Familienfeier. Es wirkt nicht gestellt. Ich schien nicht gewusst zu haben, dass er mich fotografierte. In der Hand die unvermeidliche Fluppe, ich trage mein orangefarbenes Schicksalshemd.
„Ich hab das Bild bei meinen Sachen gefunden. Willst du es haben?“ sagte mein Vater. Ich konnte mich nicht erinnern, von ihm je eine Fotografie bekommen zu haben. Also sagte ich „ja klar“ und steckte es in mein Notizbuch. Dann passierte das minimale Mißgeschick mit Maritas Handy und ich vergaß das Foto und wohin ich es gesteckt hatte, und wir fuhren heim.

Während die Gräfin das Mittagessen zubereitete, ging ich mit dem Hund raus, wir nahmen den Zedernweg. Der ist eng und kurvig, zugeschnitten wie eine Carrerabahn führt er ins Grüne. Am Himmel die im Oktober übliche Krähenprozession, schwarze Rabauken, die Hunde aufschrecken und Afrika den Gruß erbieten, kra-kraa-kraaah!!

Krähenversammlung & blauer Waschtag am Himmel, und ich verdrückte mich ins Gebüsch gegenüber Kuhweide No. 2, wo ich mir gepflegt übers Notizbuch pinkelte, während die Gräfin zuhause das Geflügel in den Ofen schob.

Später dann, beim Essen, mittendrin, fiel mir das Foto ein, siedend heiß.
Ich stand auf.
„Was ist los?“ fragte sie.
Ich holte den Mantel. Das benetzte Notizbuch. Blätterte darin. Nichts.
„Scheiße. Ich hab es verloren.“
„Was hast du verloren?“
„Das Foto.“
Ich erzählte ihr davon. Ein schlechtes Omen, sagte ich. Mein Vater schenkt mir ein Foto und ich hab nichts besseres zu tun, als es irgendwo zwischen Treppenbach und Zedernweg zu verlieren. Auf dieser Strecke jedenfalls hatte ich mein Notizbuch rausgeholt, um irgendwas reinzukritzeln.

Nach dem Espresso schnappte ich mir den verdutzten Hund, (was denn? was denn? schon wieder raus?), und rollte den Fall in entgegengesetzter Richtung auf. Und tatsächlich. Fand ich mein Porträt ungefähr da, wo ich es vermutet hatte, mit der Fresse nach unten, knatschig im Laub. Sogar trocken war das Foto, obwohl in der Zwischenzeit ein Regenschauer runtergekommen war, doch das Kodak-Paper lag günstig im Schutz immergrüner Tannen.

Was nun das Notizbuch bzw. die fehlgeleiteten Wassermassen betrifft: schätze, da war ich einfach zu lässig gewesen, als ich im Gebüsch stand gegenüber Kuhweide No.2. Der Hund stöberte im Gehölz und ich zog mit dem rechten Daumen den Bund meiner Jogginghose runter und pinkelte drauflos, ließ locker laufen, den Kugelschreiber zwischen Mittel-und Ringfinger. Und in der anderen Hand hielt ich mein Notizbuch, aufgeschlagen. Ich hatte mir zuvor was notiert, worüber ich beim Pinkeln nachdachte. Wie der nächste Satz gehen könnte. („So viele Überraschungen hält das Leben ja nicht bereit, die man nicht schon im Fernsehen gesehen hätte..“)

Genau da hörte ich ein Plätschern. Kein dunkler aufdringlicher Ton, so wie es klingt, wenn Harn auf Waldboden trifft, eher ein Planschen, als besudelte ich auf halber Höhe einen Strauch. Nur. Da war kein Strauch. Da war meine Hand und das Notizbuch und im selben Moment sah ich die Bescherung: Das Wasser lief brav die linierten Seiten runter, es sickerte und tropfte als ganzer Satz ins Laub. Scheiße.
(Nee. Pisse.)
Tags drauf fuhren wir an der Cronenberger Strasse am Kiosk vorbei, der meine Notizbücher im Sortiment hat.
„Halt mal an“, sagte ich, „ich brauch ein neues Notizbuch.“
„Wieso, ist das letzte schon voll?“
„Sozusagen. Ja.“

andi.porträtfoto2

Das schönere Foto, ein Selbstportrait der Gräfin, hier auf 500beine

The Glumm

16. Oktober 2009 von glumm

Eigentlich war The Glumm nicht als Zweit-Blog geplant. Auch nicht als Doppelagent oder als Scheinehe. Eher als Ausfallstraße für 500beine, wenn ich auf myblog (mal wieder) volle Lotte auf Buchstaben unterwegs war und plötzlich hieß es, Vollsperrung! Kein Wort kommt hier raus! Wir sind überlastet! Geht schön spielen, solange, draußen auf Word! Das ging mir Ende 2007 zunehmend auf den Wecker. Also ging ich zu wordpress und eröffnete als Ausweg für trübe Tage The Glumm. Und da war The Glumm, und blieb bis heute.

Mittlerweile passiert es schon mal, dass The Glumm den Beinen den Rang abläuft. Mehr Zuschauer hat, auch wenn die nicht so viel Wind machen wie bei den Beinen. Ist aber auch egal. Ist sowieso eine einzige Inzucht. Ständig verlinke und verweise ich zwischen beiden Blogs hin und her, man könnte meinen, ich würde überhaupt keine anderen Blogs zu mir nehmen. Als würde ich ständig und ausnahmslos von mir selbst satt werden. Mit zwei wechselnden Menüs.

Übrigens: ein GLUMM (Graphics Library Utility for Multi-Monitors) bezeichnet (auch) eine Windows-Software für die Entwicklung von Multi-Monitor-Anwendungen auf einem PC mit mehreren Grafikkarten. Tjaha, da guckt ihr blöde, was. Häh! DAMIT hat garantiert niemand von euch gerechnet, was für ein Geometrie- und Mathe-As ihr hier angeklickt habt. Immer gut rauchen und Mathematik, das war schon immer meine Rede. Ihr gottverdammten Prim-Nelken!

Zum Thema. Ich schreibe ja hier nicht aus Jucks & Dollerey. Alles hat seinen Sinn: The Glumm werde ich fortan als eine Art elektronisches Ersatz-Notizbuch führen. Hier wird mehr drinstehen als bislang. Auch eine (zunächst) nur angerissene Story wie Zwei schwarze Babes findet jetzt Platz, wo ich eine merkwürdige Begegnung mit zwei schwarzen Ladies schildere, Ende offen. Weil ich den ursprünglichen Eintrag in meinen analogen Notizbüchern nicht finden kann und daher nicht mehr genau weiß, wie die Geschichte ausging. (Ich steh plötzlich in einem Appartementhaus in der Innenstadt, umgeben von zwei schnatternden Afrikanerinnen, von denen eine knapp beschürzt ist und die andere in ihrer Landestracht und ich nicht blicke, was wollen die von mir. Eine Sexsause, mittags in den Neunzigern? Schon der Gedanke daran überforderte mich so, dass ich von einer Sekunde auf die andere dicke Ränder unter den Augen hatte. Außerdem war ich auf dem Weg zum Dealer, hatte einen beginnenden Affen in den Knochen. Aber Weglaufen wollte ich auch nicht. Man läuft nicht weg, wenn man nicht weiß, ob man vielleicht noch einen geblasen kriegt. Also: Irgendwann kommt die Fortsetzung, das wollte The Massa hier nur sagen. Irgendwann geht jede Geschichte zu Ende.

**
Wie oft hast du gelacht in deinem Leben? Ich meine, richtig gelacht. Ausgelassen, ausufernd, laut herausgeplatzt? Lachen ist der freundlichere Orgasmus. Wie oft? Vier Mal, fünf Mal? Hast du 4mal in deinem Leben wirklich gelacht? Komm mir nicht mit 400, 500mal.. Beim Lachen läßt sich nicht lügen. Lachen ist gegen die Lüge gefeit. Man kann verlogen weinen, ohne dass es auffällt, aber nicht verlogen lachen.

Eins hätte mich stutzig machen müssen, damals, in den späten Neunzigern, in diesem endlosen Mahlstrom aus Nacht und Sucht und Wälzen im Bett: unter dem Einfluss von Opiaten kann man nicht lachen. Das geht nicht. Man lacht auch nicht im Mutterleib. Man hört die Mutter lachen und freut sich mit ihr. Es ist gesund für dich, du wächst mit jedem echten Lachen, doch Mitlachen ist dir im Leib der Mutter nicht gestattet, du würdest absaufen.

Ich kenne nicht wenige Leute, die habe ich noch nie lachen gehört. Sie können nicht lachen. Dieser Akt der Befreiung ist ihnen verwehrt. Sie müssen deshalb nicht unglücklicher sein als jemand, der gut lachen hat. Eine echte Lachmaschine ist. Im Gegenteil. Einer der kräftigsten und ausgelassensten Lacher, Milton, der mit seiner Lache noch jeden Umstehenden zum Mitlachen zwang, ob der nun wollte oder nicht, ist ein böser Alkoholiker geworden. Mit der ihm eigenen Philosophie zwar, doch zwanghaft sich beschüttend, bis er nicht mehr lachen konnte. Er lacht schon lange nicht mehr.

Reinigendes, pralles, durch die Kehle rollendes Lachen. Von der eigenen Lache mitgerissenes Lachen. Wie zur Rush Hour zu Tal stürzend, eine Herz- und Lungenlawine, Lachsalven, die sich wie Schneebälle im nassen Pappschnee zu immer gewagteren riesigen Monsterbällen aufschwingen, sich dick und dicker rollen; beinahe totgelacht. Keime ausrotzend, Maul-und Klauenlache. Lachen aus dem gleichen Ding, aus dem wir sprechen und gähnen und küssen und essen und trinken und die Zunge rausstrecken und rauchen und kotzen und atmen und gurgeln und stinken, wenn wir beim Zahnarzt sitzen. Sicher. Als die Leute noch aus dem Nabel lachten, dreckig und lang, und auf dem Baum saßen, das war gut.

Zwei schwarze Babes (u.a.)

15. Oktober 2009 von glumm

„Du kannst deiner Bestimmung nicht entgehen“, sagt die Gräfin. „Das Schicksal hält dich wie an einem Gummiband, es läßt dich mal hierhin, mal dorthin ausreißen, sogar mal einen halben Meter weit, wenn du Glück hast, doch letztlich kehrst du immer zu deiner Bestimmung zurück.“

*
Mein Gehirn, ein Ferienkomplex, und es handelt sich nicht um Ferien auf dem Lande, meine Damen! Aber eine Maisonette in City-Lage, top ausgestattet und technisch auf dem neuesten Stand, das wiederum ist es auch nicht. Ach, ich weiß nicht. Sind das überhaupt Ferien in meinem Gehirn? Oder handelt es sich bloß um einen riesigen versauten Komplex? Verdammt.

*
Nee, das letzte halbe Jahr ging ich nicht mehr zur Schule. Ich stand morgens auf, wenn auch selten zur ersten Stunde, packte ein paar Schulsachen ein, nicht zu viele, damit die Tasche nicht zu schwer wurde, und machte mich auf die Socken.
Die meiste Zeit verbrachte ich in der Stadt. Ich trödelte durch die Plattenabteilungen der großen Kaufhäuser, oder ich saß im Stonns rum, einer winzigen zweistöckigen Hardcorekneipe neben dem Tchibo. Ab und zu trank ich ein Bier, doch meist hockte ich einfach am Tresen und guckte zur Tür raus. Ich wartete, dass Freunde kamen, ich wartete, dass James gute Musik auflegte, ich wartete auf den dicken Hellmann, den man so schön aufziehen konnte, ich wartete, dass es Mittag wurde, Schulschluß, und ich nach Hause gehen konnte.

Wenn ich ein bißchen zu kiffen hatte, verdrückte ich mich ins Grüne und schrieb ein Gedicht. Einmal saß ich auf Bauer Potts Wiese, es war Frühling. Von Potts Wiese aus hat man einen grandiosen Rundumblick über die Stadt und die Wupperberge bis rüber nach Wuppertal und Remscheid. Ein warmer Wind strich durchs hohe Gras, die Sonne schien. „Ringsum entblößen sich die Käfige“, begann das Gedicht. Das war glaub ich der Tag, an dem ich beschloss, Dichter zu werden.

Meine Eltern wussten nichts davon. Dass ich nicht mehr zur Schule ging. Dass ich schon seit Monaten nicht mehr dagewesen war. Ich war volljährig, ich schrieb meine Entschuldigungen eine Zeitlang selbst, dann keine mehr. Als der Brief vom Gymnasium kam, fielen meine Eltern aus allen Wolken und schlugen hart auf. Warum hast du nie etwas gesagt? Warum bist du so ein Heimlichtuer geworden? Nimmst du Drogen? Was soll werden? Vielleicht ein Dichter, sagte ich. Ein Schreiber. Schreiben. SCHREIBEN? fragte mein Vater. Er fragte nicht laut. Es war nur so, er hatte es nicht verstanden. Vielleicht auch nicht, sagte ich. Ich brauche Ferien. Ich fahre weg. Karlos fährt mit, sagte ich. Der war schon lange aus der Schule raus und schlief bis mittags. Er las meine Gedichte. Es konnte losgehen.

*
Natürlich kann eine Situation gelingen wie eine gute Mahlzeit: a la minute. Aber wenn man gar nicht darauf hinarbeitet, wenn man also, im übertragenen Sinne, gar nicht gekocht hat und am Abend steht dennoch eine selbst zubereitete Speise auf dem Tisch, auf den Punkt gewürzt und alles, dann fasst man sich schon an den Kopf, „das gibt’s doch gar nicht!“ Ist mit den üblichen Maßstäben kaum zu vereinbaren. Zauberei. Alchemie. Aber es kann auch anders kommen. Ganz anders.

*
Irgendwann in den 90ern hatte ich ein Date in der Nordstadt, ich weiß nicht mehr, mit wem. Ich ging gerade am ehemaligen Wienerwald vorbei, das einem Irischen Pub gewichen war, im Erdgeschoß eines Appartementhauses, da rief jemand. Eine Frau. „Hello..“ Oder so. Vielleicht auch „Hey!“ So in der Art. Es kam von oben. Ich guckte hoch. Zwei Frauen am Fenster, aneinander gedrängt. Schwarze Frauen. Ich? zeigte ich auf meine Brust. Der Verkehr war laut. An der Schwesternstrasse ist der Verkehr immer laut. Eine große Kreuzung. „Yes, you!“ Sie winkten mich heran. Ich sollte näher kommen. „Come up“, riefen sie. Come up, wieso? Es war Mittagszeit. Sie lachten. Solingen war nicht Nairobi. Come up. Eine der beiden redete drauflos, Pidgin-Englisch. Come up, help us. Just a minute. Yes, rief ich. Open the door. Come down.

Vorbei am Pub, staubige Ladenfenster, vergessene Plakate. Als das noch ein Wienerwald-Restaurant gewesen war, konnte man vom Bürgersteig aus den Gästen auf die Teller glotzen. Wenn Herr und Frau Pissbude mit dem Hendl beschäftigt waren, haben wir unsere blanken Ärsche an die Scheibe gedrückt und unseren Spaß gehabt. Die Eingangstür zum Appartementhaus ging auf. Ein schwarzes Babe, lässig ein Kaugummi in Arbeit. Can you help us, our Music..? irgendwas, ich verstand sie nicht, sie redete zu schnell. Sie trug ein knappes Top, eine Jogginghose. Schlampe. Ich folgte ihr die Treppe hoch, starrte auf ihren afrikanisch hochgestellten Hintern, der wie ein Beiboot die Stufen nahm, Fleisch schlidderte vor mir herum. Ob das eine Falle war? Wartete oben ein schwarzer Mann und knüppelte mich nieder? Ein Monster? Für ein paar Scheinchen? Die Tür im zweiten Stock stand offen. Die Schwarze drehte sich um, ich kam hinterher.

(Fortsetz. folgt.
So nuschele ich unter anderem einen Satz mit offenem Mund, weil ich keine rechte Lust hab zu sprechen.)

Der Virus ist zurück

15. Oktober 2009 von glumm

Es war plötzlich über sie gekommen. Es hatte sich nicht angekündigt. Der Virus war zurück. Die Menschen flohen über Nacht aus Städten und Metropolen, in traumatisierten infizierten Trecks rollten sie über die Autobahnen, von niemandem aufgehalten. Polizei und Militär, die Regierung, alles befand sich in Auflösung. Auf dem Land versammelte sich die Bevölkerung vor den Dörfern. Der Treck bewegte sich auf sie zu. Selbst vom Himmel kamen sie und setzten zur Landung an.

sanne.dreiMenschen.gross

Geld, Tage

13. Oktober 2009 von glumm

Kühle Tage. Oktobertage. Ne ganze Menge Tage. Kastanientage, zu Boden klackernd wie aus defekten Erbsenpistolen. Ich sitze in der Früh auf einem Kinderspielplatz im Hinterhof der Innenstadt und warte, dass der italienische Feinkostladen öffnet. Der Hund, zu meinen Füßen, zuckt sehnsuchtsvoll in Richtung Sandkasten, mit diesem Buddelblick.
Zwei alte Damen ziehen ihre angeleinten Pissköter hinter sich her, „nu komm jetzt!“ Sie wollen nichts mit uns zu tun haben. Vielleicht halten sie mich für einen Drogensüchtigen mit Hund, der morgens um nicht mal halb neun nichtsnutzig auf der Bank sitzt und raucht, dabei bin ich nur ein Süchtiger mit Hund, der eine Zigarette in Arbeit hat und wartet. Die nächste Kastanie zählt. Wenn ich tot bin, bin ich allein. Dann gehöre ich mir. Solange ich lebe, auch.
Als ich eine Viertelstunde später aus der hell erleuchteten Parmesandrogerie schreite, um dreihundert Gramm geriebenen Giovanni-Käse schwerer, tigert vor dem Spielplatz ein Junkie nervös auf und ab. Ich kenne ihn vom Sehen. Er trägt einen langen blonden Zopf und wohnt noch immer bei seiner Mutter, die wie seine Großmutter aussieht und ihn gelegentlich vor der großen Hauptsparkasse abkanzelt: „Immer nur Geld, Geld, Geld! Hast du vielleicht noch ein anderes Wort?“ Nun ja. Mit diesem Wort kommt man an sich gut durch die Tage. Kühle Tage, Kastanientage. Ne ganze Menge Tage. Stille Tage.

Ill. Susanne Eggert

Ill. Susanne Eggert

Auf 500beine: Das Haus. („Ich war in sie verliebt, und sie wußte nichts davon. Sie war älter als ich, nicht sehr viel älter, ein Jahr vielleicht. Aber wenn die Frau, die man liebt, neun ist und man selber erst acht, dann ist das so, als wäre man einen Kopf kleiner als der Zauberer.“)

Daphne P.

12. Oktober 2009 von glumm

Neun Uhr früh in der Bibliothek. Ich sitz vorm Rechner. Das Telefon klingelt. Auf dem Display erscheint unsere Nummer. Die von zu Hause.
„Oh my darling“, sag ich gut gelaunt. Es ist Freitag.
„Ich kann nicht bis heute Mittag warten“, sagt die Gräfin. Ihre Stimme ist schwer. Wie kleingedruckt.
„Hm? Wie, nicht bis heute Mittag?“
„Bis du zu Hause bist.“
Ach du Schande.. Ist jemand über die Wupper..?
„Wer ist Daphne Peters?“ fragt sie.
„Daphne wer?“
„Peters. Daphne Peters. Tu doch nicht so.“
„Wie, tu doch nicht so..? Was meinst du damit? Ich kenne keine Daphne Peters.“
„Und warum ist dann ihre Telefonnummer bei uns gespeichert?“
Ich hab nicht die geringste Ahnung, wovon sie redet. „Welche Nummer ist bei uns gespeichert..?“
„Na, ihre Nummer. 16630.“
„Kenn ich nicht, die Nummer.“
„Ah ja? Und wer hat die gewählt? Der Heilige Geist vielleicht??“
Den haben früher schon meine Mutter und meine italienische Oma gerne bemüht, den Heiligen Geist, wenn ich was angestellt hatte, es aber nicht zugeben konnte, ohne auch Fleschkönigs in die Scheiße zu reiten, der auf die Idee gekommen war, Doornkat in den Goldfischteich zu kippen. Ob das denn dann der Heilige Geist gewesen wäre. Dieser Blödmann. Wer ist das überhaupt?
„Keine Ahnung“, sag ich genervt. „Ja, vielleicht war es der Heilige Geist. Ich jedenfalls nicht. Die Nummer kenne ich nicht.“
„Das ist aber die letzte Nummer, die im Speicher ist.“
Wenn ich irgendwas hasse, dann Mißtrauen. Erst recht, wenn es grundlos ist. Und dann Daphne Peters, was für ein Name. Wie aus dem Rosamunde Pilcher-Roman. Däfni Pieters. Wie Almabtrieb, in Cornwall, hinter dem Moor links.
„Wer zum Teufel soll das denn sein, Daphne Peters??!“ sag ich wütend.
„Schrei mich nicht an. Ich kann nichts dafür. Die Nummer hat sich schließlich nicht von alleine gewählt.“
„ICH AUCH NICHT! ICH KENN KEINE VERFLUCHTE DAPHNE PETERS!“
Wenn sie mir jetzt noch mit „Wer schreit, hat Unrecht!“ kommt, hab ich endgültig meine versammelte Familie am Apparat. Mutter, Oma, der Heilige Geist. Der hat seine Finger grundsätzlich im Spiel, wenn ich die Scheiße am dampfen hab. Schon als ich sechs war und mit Fleschkönigs abhing, in den großen Ferien.
„Ich hab ihre Nummer eben angerufen“, sagt die Gräfin mit leiser Stimme.
„Du hast was?“
„Ich hab ihre Nummer angerufen.“ Sie gibt sich gefasst. Sie will keinen Streit. Sie will wissen, was los ist. Was ich da am laufen habe. „War aber nur die Mail Box an. Hier spricht bla bla von Daphne Peters. Ne träge Stimme. Etwa unser Alter. Also los, erzähl. Schieß los.“
„ES GIBT NICHTS ZU ERZÄHLEN!“
Das Fenster zum Hof steht offen, ich sehe den Geschäftsführer vorfahren, in seinem kanariengelben Mercedes. Das hat noch gefehlt. Wenn der jetzt hier aufmarschiert und den Lauten macht. Ich fahre einen Gang zurück.
„Hör zu. Du hast doch gestern Abend noch telefoniert“, sag ich. „Du warst die letzte am Apparat, nicht ich. Die Nummer, die du gewählt hast, muss gespeichert sein.“
„Ich hab nicht telefoniert, ich hab nur den AB abgehört. Carl hatte angerufen. Und da war auch noch keine Nummer von Daphne Peters von der Zeppelinstrasse gespeichert.“
„Zeppelin.. strasse!??“
„Ja, Zeppelinstrasse. Ich hab im Telefonbuch nachgeschaut. Peters, Daphne, Zeppelinstrasse.“
„Aha. Und wo zum Teufel soll die bitte sehr sein, deine Zeppelinstrasse!?“
Der Geschäftsführer nimmt das Handy vom Beifahrersitz, steigt aus. Ich winke ihm geschäftig zu, aber er sieht mich nicht, er ist selber busy. Am Handy. Er hat drei Wochen Urlaub gehabt. Er ist braun gebrannt. Der Sack war segeln.
„Weiß nicht“, sagt sie. „Zeppelinstrasse hab ich nicht gefunden im Stadtplan.“
„Im.. Stadtplan!!? Du hast den Stadtplan rausgeholt?!“ Ich bin baff. „Was ist denn mit dir los?“
„Na, ich will schließlich wissen, wo deine kleine Nutten wohnen“, sagt sie.
Allmählich werde ich selber mißtrauisch. Telefoniere ich jetzt schon mit kleinen Nutten, ohne mich am nächsten Tag daran zu erinnern? Na schön. Wollen wir die Sache kommissarisch angehen. Der Reihe nach.
„Du hast gestern Abend den Anruf von Carl abgehört, richtig?“
„Ja.“
„Wann genau?“
„Hm.. gegen elf. Aber was..“
„Und danach?“
„Wie, danach?“
„Na, war danach noch was?“
„Nee. Natürlich nicht. Ich bin ins Bett.“
„Siehste. Und heut Morgen sind wir zur gleichen Zeit aufgestanden. Wann also bitteschön soll ich deiner Meinung nach meine kleine Nutte Daphne Peters angerufen haben? Mitten in der Nacht?! Halb vier vielleicht?“
„Siehst du – jetzt sagst du es schon selbst.“
„Was sag ich selbst?!“
„Meine kleine Nutte Daphne Peters..“, schluchzt sie.
„Das hab ich doch nur so.. Ach, Scheiße!“
Es knistert im Telefon. Das ist die Schnur. Die Leitung. Sie knibbelt daran, nervös. Und warum auch immer, dabei geht mir das Licht auf.
„Moment.. 166-was? 30?! Das ist doch.. die 1 und unsere PIN-Zahl.. Ohne 6630 kann man nicht den letzten Anruf abhören. Und die 1 davor steht fürs Sternchen, das man vor der Geheimzahl wählen muss.. 1-6630! Das ist alles! HA HAA!“
Ich schlage so jäh auf die Schreibtischplatte, dass das Telefon auffliegt und draußen ein paar Bahnhofs-Tauben. Der Chef bleibt stehen und stiert ihnen überrascht hinterher. Dann sieht er mich in der Bibliothek sitzen und winkt. Ich winke zurück. Ich flattere geradezu.
„Die PIN.., ich werd verrückt..“, stöhnt die Gräfin, „klar, du hast recht. Scheiße, bin ich blöd..“ Sie ist gleichzeitig froh und ein bißchen beschämt. „Ich.. hab soviel Stress in letzter Zeit. Ich sehe schon Gespenster.“
„Ja ja“, sag ich, „schon gut.“
Aber so einfach soll sie mir nicht davonkommen.
„Weißt du was? Die ruf ich jetzt mal an.“
„Wen?“
„Daphne Peters. Die gibt’s doch wirklich, oder? Ich mein, wenn du sie im Telefonbuch gefunden hast. Der werd ich mal ein bißchen Dampf machen.“
„Was äh ja.. natürlich gibt’s die. Sie hat zufällig die gleiche Nummer..“
„Zufällig? Es gibt keinen Zufall. Nee, da sind ein paar klärende Worte fällig. Was die bei uns im Display zu suchen hat, die kleine Nutte.“
„Untersteh dich“, keucht die Gräfin.
„Oder ich schreib darüber eine kleine Geschichte.“
„Untersteh dich doppelt.“
Hi.
Hi.

*

Maulhelden (Ill.: Susanne Eggert)

Maulhelden (Ill.: Susanne Eggert)

Homo Bohei, Glück, Airen I

7. Oktober 2009 von glumm

Am Anfang war nicht das Wort, sondern das Bild, das wir uns von dem Anderen machen.

*
Wenn wir mit unserem wuscheligen Familienhund eine große Runde über die Felder drehen, wundern sich andere Hundebesitzer, „das ist aber ein seltener Mischling. Was ist denn da alles drin?“
„Blut, Muskeln, Knochen, ein Herz.“

*
„Alles grabschen, was geht, die Plünderermentalität ist längst im Volk angekommen. Von wegen, die SPD ist nicht mehr sozial. Wir sind nicht mehr sozial. Das Volk ist nicht mehr sozial.“

(Die Gräfin zum Untergang des deutschen Volkes und der SPD)

*
Den Hörer heutzutage mit Pop-Musik noch zu überraschen ist schwer. Man wartet ja förmlich darauf, dass einem der Song endlich irgendwie bekannt vorkommt. Damit dann sagen kann: „KENN ICH! KLINGT WIE! WAR KLAR!“

*
Ein Schriftsteller, der tief in der Tinte sitzt, kann hernach überglücklich mit dem Hintern schreiben.

*
Vor einer Million Jahren breitete sich der Homo Erectus von Afrika über die Welt aus und ich liege mittwochfrüh im Bett und guck mir eine TV-Reportage darüber an.

Unsere Stufe der Menschwerdung wird eines Tages als Homo Bohei in die Geschichte eingehen, denke ich.

Und steh auf.

*
„Du kannst von Glück reden, dass du mich hast.“
„Da rede ich auch von Glück.“

*
Schon mal einem Knoten beim langsamen Platzen zugeschaut? Das d-a-u-e-r-t vielleicht.

*
„Magst du meine DNS etwa nicht mehr?“ fragt sie spitz, als ich ein langes Haar von ihr aus dem Dessert fische.
„Doch, doch“, beeile ich mich, „ist lecker.“

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Ich werde darüber noch auf 500beine berichten, aber es soll schon mal erwähnt werden: Einer der besten deutschsprachigen Blogger, Tarnname: AIREN, hat ein Buch veröffentlicht: STROBO.

Ein maskulines Buch. Er ist ständig erregt und auf dem Posten.
S.84: „Jetzt bin ich wirklich drauf wie ein Schnitzel.“
Seine Trumpfkarte ist der unerhörte Exzeß, 170 Seiten lang, im Drogen-und Techno-Jargon.

50 Jahre nachdem Bill Haley mit Rock around the clock das Teenagertum, Rockkonzerte, Krawall und Drogen erfunden hat, zieht Airen, Student, Mitte 20, im Feiertaumel des frühen 21. Jahrhunderts in seinen Trompetenhosen durch die Berliner Techno-Clubs (besonders das Berghain) und schreibt alles mit – es ist der Technosound, der diesem Buch zugrunde liegt, Stroboskoplicht, mit cooler Fresse in der Ecke stehen, die nächste Nase Speed auf dem Klo.

S.128: „Ich muss mich damit abfinden, dass Sex ein zutiefst animalisches Vergnügen ist. Das mit Liebe nichts zu tun hat. Letztens stand ich in einer Kabine im Berghain, leicht gebückt wie eine Uhr, die zehn vor sechs anzeigt, und ließ mir von einem anonymen Typen den Arsch auslecken. Das letzte, was mir in dieser Situation in den Kopf gekommen wäre, ist der Satz: Ich liebe dich.“
Tolles Buch. Kaufen. Klauen. Egal.

Blog: AIREN

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Volkssport. Ill.: Susanne Eggert

Der neue (alte) Volkssport. Ill.: Susanne Eggert

Mittwochslotto

1. Oktober 2009 von glumm

Ich betrete die Lottobude. Die ältere der beiden Lotto-Tanten ist da. Sie ist aufgebracht, auf ihre routinierte Art.
„Solln se doch bleiben, wo se herkommen, die Türken, die viereckigen Köppe! Is doch wahr, immer nur Ansprüche. Wat meinst du, wat wir hier alles zu hören kriegen. Dir kann ich dat ja sagen, wir sind ja unter uns..“
Ich hab keine Ahnung, worum es geht, welche anatolische Laus ihr über die Leber gelaufen ist, ich will lediglich meine wöchentliche Spalte Lotto spielen. Immer die gleichen Zahlen, ein Jahr lang bis zum nächsten Geburtstag, dann die nächsten Zahlen, bis einer von uns 49 ist, dann ist Sense. Wir haben noch nie gewonnen. Liegt wahrscheinlich an den Türken, den viereckigen Köppen, die jede Woche sechs Richtige abgreifen + Zusatzzahl.
„Aber echt“, sag ich.

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Karlos, Benzini und ich auf dem Weg nach Leeds, 1981.

Hot love

22. September 2009 von glumm

Ich war elf, und es war Sommer. Ich lag neben meiner großen Schwester auf dem Balkon. Sie döste in der Sonne, ich hörte die Top Twenty Show von Radio Luxemburg. Weil das Lied, auf das ich wartete, immer noch nicht gelaufen war, konnte es nur ganz oben sein. An der Spitze. Die Nummer 1. Eigentlich. Oder Deutschland war Unterammergau, und zwar so was von, das konnte natürlich auch sein, soviel war mir damals schon klar.

Dann kündigte der Discjockey den Spitzenreiter an, und die ersten Takte setzten ein. HOT LOVE! Tatsächlich!
Oberammergau!

Ich drehte den Lautstärkeregler des BAJAZZO Koffer-Radios bis zum Anschlag hoch, und meine Mutter kam aus ihrer Küche angelaufen.
„Nicht so laut, es ist Sonntag!“
Selbst meine Schwester zeigte mir den Vogel.
„Ich glaub, es hackt!“
Dabei wollte ich ihr nur imponieren.
„Hot love“, strahlte ich zum Radio hin. „T.Rex!“

Noch immer dröhnte das lange Gitarrenintro über den aufgehitzten Balkon, bis Marc Bolans Stimme endlich einsetzte.
„WELL SHE’S MY WOMAN IN GOLD“, heulte er durch die Nase, „BUT SHE’S NOT VERY OLD, A-HA-HA.“
Wow!
Ich war elf und kapierte kaum, was Marc Bolan damit meinte, aber egal, SEINE PUPPE WAR AUS GOLD, NICHT SEHR ALT!

Perfekt!

Ich hatte den Song bis dahin ein einziges Mal gehört und es war purer Sex gewesen, aber dieses zweite Mal fegte mich nun vom Balkon: Das war Himmel, Volldampf und ein Hammer! Alles zugleich!

Keine Frage, am nächsten Tag würde ich bei Radio Palenschadt am Neumarkt oben die Single kaufen, vom Taschengeld für übernächste Woche.
Beschlossene Sache!
„Mach endlich die Musik leiser, was sollen die Nachbarn denken?!“ fauchte meine Mutter.
„Ja, schon gut..“
Ich schraubte die Lautstärke minimal herunter, es war auch zu lächerlich! Das alles nur wegen Frau Sieloff eine Etage unter uns, deren gewaltiger Atombusen ständig über den Balkon hing, wie mein Vater uns Kindern zuzwinkerte.

Nachdem Mutter wieder in der Küche verschwunden war, stellte ich mit pochendem Herzen meiner Schwester die Frage aller Fragen, die ein Elfjähriger stellen kann, seiner sieben Jahre älteren Schwester, die unnatürlich ruhig, ja teilnahmslos auf ihrer Campingliege döste.
„Wie findest du Hot Love?“
„Mh? Blöd.“

Ich war ruckzuck am Boden. Zerstört, im Eimer. Ich war frühpensioniert, ich war am Arsch. Das allersexiste Lied, das mir jemals untergekommen war, sexier als Sugar Sugar von den Archies, und was fiel meiner Schwester dazu ein?
„Mh? Blöd“.

Nach diesem Sommersonntag 1971 war sie für mich erledigt. Sie war eine verknöcherte alte Frau, für die der bereits Zug abgefahren war, mit 18 Jahren. Sollte sie doch ihrem Jimi Hendrix nachtrauern. Sollte sie doch Ricky Shayne hören. Ich blieb ein glühender Verehrer von T.Rex, bis ich im Herbst 1977 aus der Zeitung erfuhr, dass Marc Bolan tödlich verunglückt war. Mit dem Austin Mini hatte er sich auf einer Landstraße in England um einen Baum gewickelt. Nun, mein Herz war ja bereits vom Balkon gestoßen wurden, nur für ihn.