Geplant war Ewigkeit (12)

27. Januar 2014

Auf der Mailbox ist ein Anruf vom Altenheim.

Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Ihr Vater zum Röntgen im Krankenhaus ist. Er hatte heut Morgen ein dickes Hämatom an der Hüfte. Wir haben keine Ahnung, was passiert ist.

Allgemeine Chirurgie, Station 50. Der Bluterguss ist so massiv, dass Vater zur Vorsicht über Nacht bleiben muss. Genaueres kann mir niemand sagen, auch nicht der Krankenpfleger, der keinen Hehl aus seinem Schwulsein macht, gar nicht machen kann, weil er sonst ein Anderer wäre. Er bringt Vater einen Schnabelbecher Tee ans Bett.

“Möchten Sie auch etwas? Vielleicht Kaffee?”

“Nee, danke. Jetzt nicht.”

“Sie können sich jederzeit bedienen am Getränkewagen, draußen auf dem Gang. Müssen Sie nur gucken, ob der Kaffee auch wirklich noch ämm warm ist”, kichert er blöde.

Vater liegt in Zimmer 34. Im Laufe des Nachmittags soll ein Arzt die Station beehren, doch niemand weiß wann, auch nicht die resolute Stationsschwester. Sie beklagt, dass man Vater weder sein Hörgerät noch das lebenswichtige Asthmaspray mitgegeben hat.

“Ich kann das Spray zwar in unserer Apo bestellen, aber das dauuuert. Und dann ist Ihr Vater vielleicht gar nicht mehr hier.”

Zum Glück hat das Altenheim ihm die Versichertenkarte der Continental zugesteckt. Sie identifiziert ihn als Privatpatient, mit Anspruch auf Einbettzimmer und Chefarztbehandlung.

“Was soll ich mit Chefarzt, wenn ich tot bin”, murmelt Vater.

“Du bist doch noch gar nicht tot.”

“Aber demnächst.”

Als ich gegen 14 Uhr sein Zimmer betrete, wälzt er sich laut und unruhig im Schlaf. Ich lege den Rucksack ab und setze mich auf einen der Besucherstühle, schaue ihm beim Träumen zu. Er ist allein auf dem Zwei-Bett-Zimmer. Er wirft den Kopf auf dem Kissen hin und her, schreit nach seiner MAMA. Es ist die Heftigkeit, die mir zu schaffen macht, sein Ingrimm. Ich steh kurz davor mitzubrüllen.

“Ja..??” reißt er plötzlich die Augen auf. “Ach, du.. bist es..”

Er hüstelt schwach.

“Bin ich.. bist du schon lange hier?”

“Na ja. Ich wollte dich noch was schlafen lassen.”

“Das war richtig. Hier ist immer was los..”

“Ja, nie is nix”, sag ich im gleichen amüsierten Tonfall, den schon unser alter Onkel Willi aufzulegen pflegte, wenn ihm etwas zu viel wurde.

“Genau. Nie ist nix..”, wiederholt Vater und schaut aus dem Fenster.

Wir sind im fünften Stock. Der Ausblick beruhigt ihn, die Weite. Der Himmel. Die Erwähnung von Onkel Willi. Wir schweigen und schauen gemeinsam übers Land. Je älter ich werde, desto mehr genieße ich diese raren Momente, dieses sich-auflösen-in-den-Dingen, zu dem werden, was ein Januartag ist.

“Was steht dahinten für ein Turm”, fragt Vater, “dahinten.. zwischen.. den Wolken..?”

“Der hohe Schornstein? Das ist doch.. die Müllverbrennungsanlage. An der Sandstraße.”

“Ach ja. Stimmt. Hast du den Mann mitgebracht?”

“Hm..? Welchen Mann?”

“Na ja, der da sitzt, mit den roten Handschuhen.” Vater nickt in Richtung Tisch und blickt plötzlich so finster, als habe ihm der Teufel eine Plane ins Gesicht gezogen, die jeden günstigen Einfluss von außen abblockt.

“Wo sind..denn da rote Handschuhe”, sag ich.

“Was..?!”

“Da sind keine Handschuhe.”

“DA! DIE ROTEN.. HANDSCHUHE! ICH SEH SIE DOCH! DER MANN MIT DEN HANDSCHUHEN!”

Ich steh auf und geh zum Tisch.

“Da ist nur mein Rucksack, den hab ich auf dem Tisch abgestellt, der hat so rote Querstreifen..”

Er wartet einen Moment, lässt das Gesagte sacken. Es arbeitet in ihm. Ich halte den Rucksack hoch, drehe ihn nach allen Seiten, damit er ihn begutachten kann.

“Ach so”, sagt er. “Ja dann.”

In der folgenden halben Stunde dämmert Vater immer wieder weg, er röchelt und schnarcht, ruft so etwas wie “WA.. WAAH..WA WAAH..WA..WAA..!” Ein störrischer alter Esel, der keinen Meter mehr weiter will. Bis hierhin – und nicht weiter. Ich bin ratlos. Die fliegenden Stimmungswechsel sind neu.

Da ich aus Erfahrung weiß, wie schnell Vater friert, (und weil ich ihm etwas gutes tun will), stelle ich beide Heizkörper auf volle Pulle. Innerhalb weniger Minuten heizt sich der Raum dermaßen auf, dass Vater die Bettdecke fortstrampelt und keucht.

“Ist zu heiß?” frag ich und will aufstehen, um das Thermostat wieder herunter zu drehen, doch Vater meint nur lapidar:

“nö.”

Es ist 17 Uhr.

“So so”, sagt Vater.

Fortan bewältigt er das meiste, was es zu sagen gibt, in einem schnörkellosen Singsang.

Seine volltönende warme, ja, die Buchstaben wärmende Stimme war sein Markenzeichen. Nach der Beerdigung kam Karlos zu mir und meinte, niemand hätte je schöner und runder seinen Namen ausgesprochen. Und eine Angehörige verriet, unter fast konspirativen Umständen am Grab, dass Vater der letzte in der Familie gewesen sei, der so schön Plätzker sagen konnte, Platt für Gebäck, Plätzchen.

Und so war auch die Erkenntnis, dass ich Vaters Stimme niemals wieder hören würde, die bestürzendste aller ersten Erkenntnisse nach seinem Tod.

Der schwule Pfleger bringt Vater einen TRIFLO-Atemtrainer ans Bett, und ich steh kurz davor ihm das Gerät aus der Hand zu reissen und aus dem Fenster zu werfen. Fünfter Stock – weg damit! Wie um Himmels willen soll ein demenzkranker alter Mann in seiner Verfassung ein solches Gerät handhaben, um die Lunge zu kräftigen!? Als der Pfleger seinen Bullshit bemerkt, schleicht er aus dem Zimmer. Ich blicke ihm hinterher und frage mich, wieso zum Henker ich ihm jedes Mal das Attribut schwul anhänge. Wäre er hetero, würde ich auch nicht jedes Mal denken, da kommt der Hetero-Pfleger.

“Junge, Junge.. haben die ein weites Auslieferungs-Terrain”, staunt Vater. Er hält eine leere Flasche Mineralwasser in der Hand und studiert das Etikett. “Hier, der.. Abfüller.. oder wie soll ich sagen.. der ja, der Abfüller. Ist dir das noch nicht aufgefallen, wohin der überall sein Wasser aus..liefert? In welch großen Radius?”

Manchmal bin ich sprachlos, wie nüchtern und geradlinig er immer noch in der Lage ist, gewisse Dinge zu benennen. Welche Gedanken er sich macht. Als wir von Onkel Willi sprechen, erinnert sich Vater an die Zeit in den Sechzigerjahren, als Onkel Willi als Dachdecker arbeitete. Einmal unterlief ihm ein Missgeschick. Beim Decken eines Daches verbrannte er sich die Finger in brodelnd heißem Bitumen.

“Man konnte die Haut von der Hand ziehen”, erzählt Vater, “wie warme Lakritze.”

“Warst du dabei?”

“Nö.”

*

30, Januar 2014

Am Morgen ruft das Klinikum an.

“Ihr Vater wird zurück ins Altenheim verlegt. Das Hämatom hat sich als Prellung entpuppt. Es ist nichts gebrochen.”

Die ganze Aktion war also überflüssig. Wieder mal. Dabei ist für Demenzkranke jede Verlegung, jede Ortsveränderung Gift, und sei sie auch noch so kurzfristig. Wir Geschwister beschließen, dass Vater ohne unser Einverständnis nicht mehr verlegt werden darf. Was sich so nicht bewerkstelligen lässt. Um Leben zu retten, darf ihn weiterhin jeder Arzt jederzeit ins Klinikum einweisen.

*

2. Februar 2014

Im Altenheim entdecke ich ihn erstmals am Katzentisch, der stets unter besonderer Beobachtung des Schwesternzimmers steht. Als ich mich seinem Rollstuhl nähere, kriege ich einen Schreck: Sein Gesicht hängt halbseitig herunter, wie nach einem Schlaganfall.

“Papa..!”

Er schaut mich ratlos an, aus blutunterlaufenen Augen. Ist erschrocken, weil ich erschrocken bin.

“Was ist denn mit meinem Vater passiert!??” wende ich mich konsterniert an den erstbesten Pfleger. Es ist der Knabe, der jedes Mal einen solch ahnungslosen Eindruck vermittelt, als wäre er eben zur Schicht erschienen und müsse sich nun erst mal einen Überblick verschaffen, auch wenn er bereits seit sieben Stunden im Einsatz ist und gleich Feierabend hat. Dabei grient er so hölzern und verlegen aus der Wäche, wie auch ich gern mal aus der Wäsche griene, wenn ich von etwas keinerlei Ahnung habe, aber intuitiv spüre, dass genau das von mir erwartet wird – Ahnung.

“Weiß ich auch nicht, was mit ihm ist”, antwortet der Pfleger schließlich. “Ihr Vater ist schon die ganze Zeit so, seit er aus dem Krankenhaus zurück ist.”

Als Vater mich kommen sieht, fällt ihm mein Name nicht ein. Bzw. die erste Silbe kriegt er noch zusammen, doch nach “An..” ist Schluss. Er blickt mich mit entsetzten Augen an, die rechte Backe verzerrt und nach unten durchhängend, das Gesicht verunstaltet. Ein haltloser Mensch, dem Untergang geweiht.

“Hallo Papa.”

Ich streichle seine Schultern. Er trägt einen dicken Schlabberlatz um den Hals. Zum ersten Mal, dass ich so etwas an ihm sehe. Er spricht so undeutlich, ich verstehe ihn nicht, so sehr ich mich bemühe. Der hat doch einen Schlaganfall gehabt, murmle ich.

Was? sagt Vater.

Moment, sag ich.

Ich schnappe mir die Pflegerin aus dem Osten, mit der meine Schwester auf dem Kriegsfuß steht. Sie hält sie für eine Schwarzmalerin, die stets das schlimmste erwartet und dann solange wartet, bis etwas Schlimmes eintritt, damit sie sagen kann: ja, seht her! Hab ich doch gleich gesagt! Ich mag die Pflegerin auch nicht besonders, bin aber nicht so streng mit ihr. Sie spürt das. Sie berichtet, dass wegen des schlechten Zustands meines Vaters der Hausarzt heut morgen da gewesen sei, doch seine Untersuchung brachte nichts neues, “außer der Prellung an der Hüfte.”

“Ja, aber schauen Sie sich ihn doch an, er hat doch einen Schlaganfall gehabt, oder nicht?”

“Na, das muss nicht sein, das kann auch von den vielen starken Schmerzmitteln kommen, in Kombination mit all den Pillen, die er sowieso Tag für Tag einnimmt, dass die Gesichtszüge so.. entgleisen.”

Sie schaut zu ihm rüber.

“Wenn er die Schmerzmittel aber nicht nimmt, schreit er vor Schmerzen. So eine Prellung tut weh.”

Ich brauche geschlagene zehn Minuten, um mich auf das Bild einzustellen, das Vater abgibt. Vor ihm steht schon das Abendbrot. Ein Teller mit zwei belegten Broten, dazu ein Becher Joghurt, ein Glas warme Milch und das Töpfchen Tabletten zur Nacht – um kurz nach Fünf am Nachmittag.

Dass er jetzt am Katzentisch sitzt, hat natürlich Bedeutung: er ist in der zweituntersten Kaste gelandet. Am Katzentisch sitzt nur, wer sein Brot nicht mehr selbständig schmieren können. Darunter kommen nur noch die Bettlägerigen.

Vater redet so lallend und schleppend, dass ich ihn kaum verstehe. Mal ist er der Auffassung, in Spanien zu sein, mal blickt er mich verzagt an und will wissen: “Wo sind wir hier? Sag doch!”

“Im Altenheim, Papa.”

“Im.. Alten.. heim??”

“Ja. Wo du dein Zimmer hast.”

Das scheint ihm einzuleuchten. Aber Spanien ist noch nicht abgehakt.

“Wo ist das Gold?” fragt er, und als in diesem Moment einer der Pfleger den Gang entlangkommt, hält Vater ihn überraschend behende am Ärmel fest. “Wo ist das Gold..??”

Der Pfleger bleibt stehen und entscheidet sich, mitzuspielen.

“Bitte was, Herr Glumm?”

“Da.. das Gold, die Goldkante..”

Er spürt, wie durcheinander er ist. Speichel rinnt aus den Mundwinkeln, sammelt sich im Grübchen, von wo es weiterläuft, den Hals hinab. Er ist überaus ordentlich rasiert, stelle ich fest. Sein Vorstoß Spanien und Gold betreffend bleibt ohne Ergebnis, niemand kann weiterhelfen.

“Das Gold ist in Spanien, da scheint die Sonne”, unternehme ich einen Versuch.

In Ordnung, Vater lächelt.

Zum Katzentisch gehört auch die weichliche alte Frau im Rollstuhl, die ihre Hände nach jedem Besucher ausstreckt, der vorübergeht. Sie ist mit ihrem Abendessen beschäftigt, spuckt angekautes Brot in ihren Schoß, sabbert heftig. Der Boden um ihren Rollstuhl herum ist eingespeichelt und übersät mit Brotkrumen und Aufschnittresten und Fürbitte. Sie babbelt in einer geheimnisvollen Kunstsprache und blickt aus verweinten Augen in die Welt. Die Frau macht mich fertig. Sie macht mich hilflos. Es sind ihre Augen, die sicher einmal die Augen einer fröhlichen Frau waren, Augen, die sich nun nichts sehnlicher wünschen, als noch einmal angenommen zu werden.

“Ich kann gar nicht mehr richtig sprechen”, meint Papa in einem Moment, als er ausnahmsweise auf Anhieb und gut zu verstehen ist. Sogar ihm selbst geht der Widerspruch auf, und er lächelt mit Verzögerung.

“Ja”, sag ich. “Scheiße, ne.”

Er nickt, und schaut woanders hin.

“Ich hätte.. nie gedacht, dass es mal.. so weit.. kommt.” Er mahnt sich selber dazu, deutlich zu reden, koste es ihn noch so viel Anstrengung. Ich bewundere seine Tapferkeit. Er gibt nicht auf. Es ist wie beim Scrabble, wo man ein Bänkchen mit Buchstaben vor sich hat, mit denen man auskommen muss. Jedes Wort, jede Silbe muss mühsam vom Bänkchen geholt und auf dem Brett an die richtige Stelle gesetzt werden. Vater ist der Tiefseetaucher des Scrabble. Ein Apnoetaucher. Zu schnelles Auftauchen lässt ihn stottern.

“Ich überfordere dich, Andreas, nicht wahr?”

“Ach was”, sag ich überrascht. Dabei ist er damit näher an der Wahrheit, als mir lieb ist.

Die Pflegerin bittet Vater und mich ins Büro. Es geht darum, dass man für ihn ein gepolstertes Kleidungsstück anschaffen will, das bei einem Sturz abfedert. Eine Art Rücken-Protektor, wenn ich es recht verstehe. Wie Skirennfahrer es tragen.

“Dann fehlt nur noch ein Helm, und du kannst mit deinem Rollator in Cortina d’Ampezzo starten.”

“WAS?!” fragt Vater.

“DANN KANNST DU GOLD HOLEN BEI DER NÄCHSTEN OLYMPIADE!”

Er lächelt versonnen.

Nach dem Abendbrot füttere ich ihn mit Joghurt, Löffel für Löffel.

“Wenn der Jung da ist, schmeckt es gleich besser, nicht wahr, Herr Glumm?” meint die nette Küchenfee, die beim Abendbrot hilft.

Doch Vater ist unruhig heute, das Füttern ist nicht einfach, nichts ist einfach heute. Nur eines ist sonnenklar für ihn.

“Wir können gleich los”, sagt er in einem selbstverständlichen Ton, als warteten wir schon seit Tagen auf nichts anderes.

“Wohin?” frag ich.

Er blickt mich an, als hätte ich sie nicht mehr alle.

“Also, Andre..as – ich bitte dich!”

Dann vergisst er, was er sagen wollte. Ich bleib anderthalb Stunden. Als ich um sieben Uhr im Bus sitze, bin ich k.o. wie nach dem nächsten schweren seelischen Training.

Fortsetzung in Teil 13

Ich wollte schon immer mal mit Bukowski lesen

Als ich in den Gelenkbus nach Mitte einsteige, sitzt da der lange Ben Jakubeck, im hinteren Teil. Wie immer hat er ein dickes Taschenbuch in Arbeit, einen Fantasy-Thriller, zerfleddert, zerlesen, voller Eselsohren und eingeschobener Kassenbons als Lesezeichen.

Als ich auf ihn zutrete, blickt er kurz hoch, und versinkt wieder im Buch.

“Jack”, sag ich und lasse mich neben ihm nieder. Er klappt das Buch zu. Halb widerwillig, halb neugierig.

“Wie isses?” sagt er lässig.

“Wie immer”, sag ich.

“Ach, doch so schlecht”, sagt er.

Der Bus ist fast leer, außer uns sind da nur noch zwei Frauen, sie kennen sich und schwätzen miteinander.

“Und? Was liest du?” frag ich.

“Irgendein Müll.”

“Ist Müll?”

“Ja, ist Scheisse. Ich guck ja immer nach den Kritikerstimmen hintendrauf. Hier..” Er zeigt mir den Klappentext. “..New York Times. Hallejujah.. Ein Buch wie ein ganzes Universum.. Ein Masterpiece.. Kannst du vergessen. In die Tonne treten.”

Ich kenne Ben Jakubeck seit den Siebzigern, als er noch mit Karlos zur Schule ging, und natürlich kenne ich ihn aus dem Haus der Jugend. Die meisten Leute in meinem Leben hab ich im Haus der Jugend kennengelernt. Wenn mich eine Einrichtung neben der Schule sozialisiert hat, dann das Haus der Jugend.

“Ich würd gern noch mal was von Bukowski lesen.”

“Du würdest gern noch mal mit Bukowski lesen?” versteh ich.

“Sehr witzig.”

Mit seinen eins Neunzig, dem Vierkant-Gesicht, seinem stampfenden Gang und den Werkzeugmacherhänden war Jack schon früh die personifizierte Grobschlacht. Schon damals hätte man Betonlifting einsetzen müssen, um dieses Gesicht zu retten. Dreissig Jahre und ein paar Tausend Jägermeister später ist die Sache nicht besser geworden. Mit der pockennarbigen Gesichtshaut gleicht er einem Müllmann, der es gewohnt ist, bei Wind und Wetter draussen zu arbeiten, und die Werkzeugmacherhände sind Kolosse geworden.

“Aber nicht vom Arbeiten”, meckert Jack und schwitzt auf der Stirn eine dicke graue Perle aus. “Wo kommt die denn her?”

Ihn kann nichts aus der Ruhe bringen. Seit vier Wochen wartet er auf den Bescheid vom Sozialversicherungsträger, ob der ihm eine weitere Entziehungskur gewährt.

“Nur Alkohol?” frag ich.

“Ja, nur Alkohol. Ich pack es langsam nicht mehr. Eigentlich müsste ich schon seit drei Jahren tot sein, laut Prognose Doc Hilten. Bei meinen Leberwerten und so.”

“Wie hoch?” frag ich.

Er zuckt nur die Schulter.

“Um die tausend?” lasse ich nicht locker. Ich bin fasziniert von Leberwerten. Mit denen ist es wie bei der Richter-Skala: nach oben offen.

“Ja. So in der Art”, murmelt Jack.

Dann wird er plötzlich munter.

“Du kennst dich doch mit Träumen aus.”

“Ich? Wieso?”

“Na, weil sich jeder, der schreibt, mit Träumen auskennt. Ich kenn euch Brüder doch. Ich hab jeden Tag ein verdammtes Buch in der Hand.”

Jack hat eine markante Stimme. Wenn er spricht, hört die Umgebung automatisch mit.

“Ich hab geträumt, ich mach einen Edel-Puff auf, wo das Treppenhaus gepflastert ist mit Koks, und die Nutten hängen von der Decke, wie Kronleuchter..”

Die beiden jungen Frauen sind verstummt. Sie hören angestrengt zu. Eine guckt dabei aus dem Fenster.

“.. und dann hab ich plötzlich diese Uzi in der Hand und will die Nutten von der Decke ballern. Auf eine nach der anderen leg ich an und drück ab, aber die Kugeln verrecken im Lauf, jeder Schuss bleibt stecken. Nicht eine Kugel hab ich abgefeuert. Nur die Freier waren froh, klar. Die wollten keinen Trouble im Puff. Logisch.”

“Komischer Traum”, sag ich.

“Na schon, aber warum hat das nicht geklappt? Warum sind die Kugeln stecken geblieben und haben den Lauf verstopft?”

“Vielleicht weil.. Pass auf. Wenn ich von Pulver träume, seh ich ständig einen Riesenhügel vor mir, einen richtig fetten Hügel, wie in Scarface. Aber dann nehm ich den Strohhalm in die Hand und will ne Nase nehmen, ist das Zeug weg. Löst sich auf in Nullkommanichts. Oder der Traum blättert zum nächsten Bild um. Irgendeine Störung tritt garantiert ein. Ich hab zig Mal von Schore geträumt, seit ich es nicht mehr anrühre, aber nicht ein einziges Mal hab ich es konsumiert in meinen Träumen.”

“Und das bedeutet.. was?”

“Keine Ahnung. Dass es nicht mehr funktioniert? Dass die Zeit vorbei ist?”

“Du meinst, meine Zeit um Nutten abzuknallen, die von der Decke baumeln, ist vorbei..?”

Er guckt mich an.

“Na, Scheiss drauf, nächste Station muss ich sowieso raus. Erstmal in Aldi. Und du? Wo wohnst du eigentlich, in welchem Teil von Solingen?”

“Immer noch am alten Kannenhof.”

“Ist nicht wahr.” Er grinst. “Bist aber nicht weit gekommen.”

“Nee, wah.”

Da fällt mir was ein.

“Weisst du noch, Jack? Die Nudeln?”

Jack verzieht keine Miene, und nickt.

“Ich hab brav alles aufgegessen, oder nicht.”

1987 zog ich mit Karlos am Kannenhof ein. Was das Essen betraf, lebten wir hauptsächlich von Wassilij, dem russisch-orthodoxen Pizzabäcker von der Wupperstrasse. Überall in unserer Bude stapelten sich Wassilijs leere Pizzaschachteln, zu windschiefen Türmen aufgebaut und in die Ecke geschoben. Einmal kochte ich eine Familienpackung Miracoli mit Gehacktes, halb Rind, halb Schwein. Ich war mächtig stolz, zum ersten Mal in meinem Leben selbst gekocht zu haben. Nach einem dreiviertel Teller hatte ich die Schnauze voll von dem Fraß, der Rest stand wochenlang auf dem Herd herum, ohne dass jemand auf die Idee gekommen wäre, ihn zu entsorgen.

Bis zu dem Tag, als Jack vor der Tür stand, stinkbesoffen und alte Westernhagen-Songs auf der Zunge: “Liebling lass uns tanzen, Silvester geht nicht, bla bla!” Er wohnte ganz in der Nähe und hatte diesen Hund dabei. So einen grossen Puschelhund.

“Ein Bobtail war das”, stellt Jack richtig. “Der gehörte ner Bekannten von mir, ner Punkerin, der war die Hütte abgebrannt. Sollte nur fürn paar Tage sein, aber dann hatte ich die Töle fast ein Jahr am Hals. Alle Naselang musste ich die Töle baden, weil die Scheisse in dem zotteligen Fell kleben blieb. Mann, war das ne Kacke damals.”

Nun kam Jack genau an dem Tag zu Besuch, als Karlos und ich eine Flasche Rum leer gemacht hatten. Niemand fühlte sich für Jack zuständig, und so bekamen wir auch nicht mit, wie er sich in der Küche heisshungrig über den Topf Nudeln mit Bolognesesauce hermachte, bis zum Rand voll Schimmel. Grünliche Schlieren waberten von Nudel zu Nudel, wie Spinnweben.

“Na und? Hat es uns etwa geschadet?” meint Jack und drückt den roten Halteknopf, um dem Fahrer anzuzeigen, hier, ich bin der Jack, ich steig nächste Haltestelle aus.

“Was ist eigentlich mit deinem scheiss Buch? Ist das endlich raus?”

“Nee.”

“Immer noch nicht?”

“Nee. Immer noch nicht. Ich schreib im Internet. Bist du im Internet?”

“Nee. Wieso? Gibts da was besonderes?”

Er rollt das dicke Taschenbuch zusammen, wie eine TV-Illustrierte.

“Obwohl, ich hab eine Play Station 3 zuhause, die ist internetfähig. Aber ich bin ja nie zu Hause..”

“Ich denk, du machst keine Platte mehr”, sag ich.

“Mach ich auch nicht. Ich häng meist bei der Danny rum..”

“Bei Danny? Wohnst du nicht mehr mit dieser anderen Frau zusammen?”

“Nee. Hat nicht geklappt.”

“Nee?”

“Nee. Ihre drei Kinder mochten mich nicht. Die haben mich gehasst. Da machst du nichts. Ich häng wieder bei Danny rum. Ist besser.”

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Ist ja nicht so, als hätte ich noch nie in HH gelesen:

Hamburg, November 2006

Der Silberrücken

Wenn mir vor gar nicht so langer Zeit Leute begegneten, die um die Fünfzig waren, dachte ich immer, Junge, wie kann man so lange existieren ohne durchzudrehen. Mittlerweile weiß ich, es ist tatsächlich nicht so einfach. Jedenfalls, es ist kein Selbstläufer. Man muss sich schon ordentlich anstemmen gegen den Irrsinn.

Der Irrsinn macht sich ja nicht mal die Mühe, sich anzuschleichen. Er trumpft frontal von vorn auf (wenn man übers Mäuerchen der Geriatrie blickt), er kommt total link von links (mit all seinen schlaflosen Nächten), aber am ärgsten sind die Seitenhiebe der Vergangenheit. Diese melancholischen Knackgeräusche. Die machen einem wirklich zu schaffen.

*

Weil ich den Kopf voller Löckchen hatte, machten sich meine Schwester und meine Cousine einen Spaß daraus, mich zu verkleiden und zu schmücken, sie konnten nicht genug davon kriegen, wenn sie wieder mal auf mich aufpassen mussten. Sie profitierten von meiner fatalen Angewohnheit, still zu halten und alles mit mir geschehen zu lassen, sobald meine große Schwester in der Nähe war.

Sie nannten mich Goldmarie und trugen mir Lippenstift auf, sie behängten mich pfundweise mit Lametta vom Christbaum, sie kicherten albern. Ich hatte keine Chance. Ich war zwei Jahre alt. Ich war ein hilfloses Häufchen Locken in ihren Händen und mein Pimmel war noch nicht groß genug, um sie zu verscheuchen.

Sie schickten mich in immer seltsameren Anziehsachen auf den Catwalk, der durch den langen Flur führte. Einmal pappten sie mir einen ausrangierten Gipsarm ans Bein und ließen mich zu Downtown von Petula Clark den Flur entlang hoppeln, wie ein deppertes Häschen, das die eigenen Batterien leergesoffen hatte. Ich war jedes Mal heilfroh, wenn das Babysitten vorüber war.

Als Teenager hatte ich eine Matte, man konnte mich auf hundert Meter Entfernung von hinten erkennen, nur an der wilden Naturkrause. Ich war ein junger weißer Little Richard, ein Priester der Straße. Und heute?

“Herr Geheimrat! Wo ist dein Afro?!” entrüsten sich Leute, die mich länger nicht gesehen haben. Oder: “Och nö! Deine Frisur ist aber kurz geworden!” Als hätte ich meine XXL-Locken selbst gerodet, aus lauter Lust am Plattmachen. Aber es ist schon wahr. Aus der wallenden Little Richard-Mähne ist gemäßigter Wellengang geworden, es plätschert über den Schädel, und das ärgste: Geheimratsecken fressen sich voran wie Parkplätze in den Urwald. Ein unhaltbarer Zustand. Ich spiele mit dem Gedanken, mich aus Protest an die letzten verbliebenen Riesen zu ketten und zu Tode zu hungern.

*

“Also, ich finde das sexy”, sagt die Gräfin, als wir nebeneinander vorm Spiegel stehen. “Das sieht so verletzlich aus..”

“Sexy?! Du findest Geheimratsecken sexy?”

“Na.. sexy nicht wirklich. Aber verletzlich. Verletzlichkeit finde ich sexy. So herum ist richtig..”

Erst sexy, dann nicht wirklich sexy, oder doch nur mit Einschränkung sexy, also ich weiß nicht. Früher lagen die Dinge einfacher. Ich hatte ne schöne Matte und die Mädels liefen mir hinterher. Das war besser. Da war ich mein eigenes Naturvolk.

“Blödsinn, das sind doch gar keine richtigen Geheimratsecken. Die kommen erst noch..”, tröstet sie mich.

Na, toll! Weißt du noch früher? Da war ich mein..”

“..eigenes Naturvolk, ja, ja, ich weiß.”

*

“Der ist wie Elvis”, hat Karlos der Gräfin gesteckt, als die mich noch nicht so gut kannte.

“Wie Elvis? Was meinst du damit?”

“Na, wie der in die Kneipe reinkommt. Wie Elvis nach Las Vegas. Wie Harald Juhnke die Showtreppe runter”, gackerte Karlos.

Dabei war das mit Juhnke die Treppe runter nur an meinen schlechten Tagen. Und für den Elvis in mir, dafür kann ich nichts. Das ist der Stenz in mir. Der Silberrücken. Der liegt in der Familie.

Mein Onkel Fitting etwa. Wo er auftaucht, steht er im Mittelpunkt. Auch auf dem Fußballplatz. Als Mittelstürmer tat er früher nichts anderes, als neunzig Minuten lang in der Nähe des Elfmeterpunktes herumzulungern. Wenn die Pille dann kam, und irgendwann kam sie, machte er ZACK! die Hütte und liess sich feiern. Dass er neunundachtzig Minuten nur rumgestanden hatte, lauthals motzend, wo bleibt der Ball?! – geschenkt.

Oder mein Großonkel. Der saß noch im Altenheim während der Besuchszeit locker im Clubsessel und liess seinen Lümmel heraushängen.

“Jetzt packen Sie Ihr verfluchtes Ding da weg!” zischelte die Stationsschwester böse, wenn sie mit dem Vordruck der Pflegeversicherung über den Flur hastete.

“Kindchen”, antwortete mein Großonkel, “das kann man nicht einfach wegpacken. Das ist meine Fröhlichkeit.”

Noch im gesegneten Alter von 94 Jahren liess er in sein Gehwägelchen Leuchtdioden einbauen, damit die Puppen ihn besser sehen konnten, wenn die Dämmerung einsetzte, auf Station. Die Puppen, das waren drei Pflegerinnen aus Thailand. Mit denen war Großonkel so dicke, sie haben sich seine Pension jahrelang durch vier geteilt, bis die Stationsschwester dahinterkam und die Puppen rausschmiss.

Wie auch immer – wer solche Vorfahren hat, wächst in dem Glauben auf, automatisch Vorfahrt zu genießen im Leben. Aber ich will ehrlich sein. Es gibt auch andere Tage. Da hat mein Gang nichts von Elvis Presley.  Dann schleiche ich hinter den Marktständen herum, damit mich niemand sieht. Da gehts mir nicht gut.

“He, Stückchen Fleischwurst?!” fragte mich mal ein Markthändler an einem solchen Morgen, mit aller ihm zur Verfügung stehenden Abschätzigkeit. Er spürte einfach, wie schwach ich war an diesem Tag.

Ein Zaungast am eigenen zertrümmerten Leben.

Als ich wieder in Ordnung war, paar Tage später, bin ich mit Elvis-Schritt und gänzlich anderen Augen an seine Metzgerbude und orderte 250 Tonnen Bock-und Bratwurst für denselben Nachmittag, 15 Uhr, Graceland, Lieferanteneingang.

Mahlzeit, Arschloch.