Geplant war Ewigkeit (5)

12. April 2014

 “Hast du schon gehört?” fragte Mutter, als sie Freitagabend anrief.

“Nee, was?”

“Papa kommt nicht mehr nach Hause.”

“Wieso..? Wer sagt das?”

“Die Ärztin.”

“Welche Ärztin?”

“Die neue, in Langenfeld.”

Mutters Stimme war gebrochen von den vielen Tränen. Die Worte fielen hin, rappelten sich auf. Klopften sich den Staub aus den Kleidern, aber der Staub blieb drin.

“Sie sagt, durch die Herzschwäche wäre sein Gehirn zu lange unterversorgt gewesen mit Blut, daher die schnelle Demenz.. Er kommt nicht wieder nach Hause.. Er kommt ins Pflegeheim.”

Auch wenn wir diese Möglichkeit schon ins Auge gefasst hatten, die eindeutige Prognose einer Ärztin, die sich mit dieser Krankheit auskannte, machte sprachlos.

“Dann bleibst du ja.. allein zurück”, sagte ich traurig.

“Ja, was soll man machen.” Mutter versuchte, besonnen zu bleiben. “In der Nachbarschaft sind viele Frauen, die allein sind, da muss ich durch. Das schaff ich schon.”

Keine halbe Minute später begann sie zu schluchzen. Es kam mit solcher Wucht und Vehemenz, dass auch ich nicht mehr an mich halten konnte. All die Anspannung der letzten Wochen, all die ungeheuerlichen Vorgänge rund um unseren alten Vater suchten ein Ventil.

“Moment..”, kriegte ich nur noch raus und legte den Telefonhörer auf den Küchentisch, während es mich schüttelte. In diesem Moment betrat die Gräfin die Küche. Sie war mit dem Hund draußen gewesen.

“Was ist denn hier los?”

Ich zeigte nur auf den Hörer, aus dem die Trauer meiner Mutter strömte. Die Gräfin wusste sofort Bescheid.

“Er weint”, sagte sie zu meiner Mutter, die überhaupt nicht wußte, was los war.

Ich konnte nicht mehr.

*

Im Frühjahr 2009 rutschte Vater nach seinem zweiten Herzinfarkt ins Durchgangssyndrom ab, einer temporären Form von Demenz, die nicht selten in Altersdemenz mündet.

Zwar gelang es den erfahrenen Ärzten des Landeskrankenhauses gegen jede Prognose, den extra-geriatrischen Zellverfall zu stoppen und ihn medikamentös so einzustellen, dass er ins Leben zurückkehrte. Es war beinah, als wäre ihm ein hochpotenter Licht-Trunk verabreicht worden, der sein Hirn wieder erhellte. Selbst die vorübergehende Entmündigung wurde von Amts wegen zurückgenommen. Er war wieder Herr seiner Sinne.

Er war zurück.

Und doch, im Rückblick erscheint diese Zeit wie ein letztes Verschnaufen vor dem endgültigen Abstieg.

Ein letztes Gönnen Gottes.

*

Es war nicht mehr zu übersehen: Die Ehe meiner Eltern hatte im Laufe der Zeit gelitten, wie jede anständige langjährige Ehe – auch wenn es in erster Linie die Misere des Alters war, die beiden zusetzte.

Mutter wurde immer dünner, und je mehr Gewicht sie verlor, je schwächer und krummer sie wurde, desto unwirscher reagierte sie auf Vaters Schwächen. Seine Schwerhörigkeit stellte das Zusammenleben auf eine harte Probe, beziehungsweise wie Vater damit umging. Sollten doch die Anderen sehen, wie sie damit zurechtkamen, dass er nie etwas verstand, dass er jedes Mal nachfragen musste.

Zuletzt schleuderte er einem sein gereiztes “WAS!?” selbst dann entgegen, wenn er ausnahmsweise etwas verstanden hatte, auf Anhieb. Es war schon ein Automatismus geworden, ein Reflex. Ein nervtötender Reflex. Und da er sich weigerte, Hörgeräte zu tragen, (wegen der vielen störenden Nebengeräusche, “das scheppert und das häckselt so im Hintergrund”), war Besserung nicht in Sicht.

Im Gegenteil, in seiner Gegenwart musste man Monat für Monat lauter werden, um noch zu ihm vorzudringen. Mutter fehlte dazu schlicht die Kraft.

Und die Lust.

Wenn ich mir mittags den Hund schnappte und die Eltern auf einen Sprung besuchte, war die schlechte Stimmung greifbar. Sie kauerten am Mittagstisch und schaufelten das vom nahen Altenheim gelieferte, wässrige Mittagsmenü in sich hinein, jeder für sich: Vater den Kopf aufgestützt, lustlos löffelnd, Mutter müde und ohne Appetit. Es herrschte brütendes Schweigen.

Es war besonders dieses Schweigen, mit dem ich nicht umgehen konnte. Dabei schwieg Mutter hauptsächlich, um der Gefahr zu entgehen, das Gesagte wiederholen zu müssen. Das ständige Wiederholen in Vaters Gegenwart war nicht nur anstrengend, es war absehbar und stupide. Und Vater schwieg, weil er eh keiner Unterhaltung mehr folgen konnte. Es gab Momente, da fühlte ich mich so ohnmächtig, dass ich am liebsten schreiend aus der Wohnung gelaufen wäre. (Doch was hätten da die Nachbarn gesagt: Seit wann läuft ihr Ältester schreiend aus dem Haus, Frau Glumm?)

*

Unbewusst spürte Vater Mutters Widerstand, natürlich.

Einmal bekam er einen schlimmen Hustenreiz. Nach dem Mittagessen saßen wir noch etwas am Tisch, als Mutter meine Hand in ihre legte, wie eine Wahrsagerin. Sie streichelte die Handfläche, zeichnete die Adern nach und sagte schliesslich so was ähnliches wie seit wann hast du so rote Wurstfinger, worauf ich überrascht auflachen musste, aber Vater, der uns misstrauisch beäugt hatte, fing wie verrückt an zu husten. Es war nah am Asthmaanfall und nahm kein Ende, er schnappte schwer nach Luft. Mutter verdrehte nur genervt die Augen und kümmerte sich nicht weiter darum.

Es dauerte, bis ich verstand, was vorgegangen war.

Vater war eifersüchtig geworden, weil Mutter mir Zärtlichkeiten zukommen ließ, die sie ihm zunehmend vorenthielt. Mutter geizte ohnehin mit Berührungen, auch wenn sie alles andere als kühl oder gar kalt gewesen wäre. Mit Anfassen war in unserer Familie nie viel, das hab ich erst später mühsam von den Frauen meines Lebens lernen müssen.

Was die Situation am Mittagstisch betraf, da hatte Mutter nach dem Motto agiert: Wenn du mir zuliebe nicht wenigstens ab und zu Hörapparate anlegst und mein Leben erleichterst, tue ich dir zuliebe auch nichts mehr. Eine langwährende Liebe beim Zieleinlauf: Er verstand sie nicht mehr, sie fühlte sich unverstanden. Zwei isolierte alte Menschen, die sich einst so gemocht hatten.

Nur ganz tief unten schimmerte er noch durch, der alte Zauber..

*

Ich fuhr mit Vater zum Akustiker. Wir hatten ihn überreden können, seinem zehn Jahre alten Hörgerät ein Update zu verpassen, inklusive Reinigung und Desinfizierung.

“Desinifizierung?” rief Vater. “Wieso das denn? Bin ich schon ansteckend doof?!”

Zunächst gab es einen Hörtest. Da er den Kommandos des Akustikers kaum folgen konnte, begleitete ich ihn in die separate Testkabine. Erst da ging mir auf, wie schlecht er mittlerweile hörte. Besonders hohe Töne waren ein Problem. Nicht mal den hohen Dauerton konnte er hören, der ihm über Kopfhörer eingespielt wurde und den ich noch aus zwei Metern Entfernung ohne Kopfhörer vernahm, (und nicht nur das, es kratzte mir so an den Nervenenden, dass ich mir die Finger in die Ohren steckte, um nicht hysterisch aufzujaulen.)

Erst als der Ton gellend laut wurde, rief Vater endlich “JETZT!”, als Zeichen, das er ihn vernommen hatte.

“Ihre Ohren sind schon sehr geschädigt”, drückte es der Filialleiter des Akustikerfachgeschäfts behutsam aus. Ein Geschäftsmann, der überraschenderweise nicht alle Hebel in Bewegung setzte, um meinem Vater ein neues Hörgerät aufzuschwatzen. Im Gegenteil. Selbst die Auffrischung und Neueinstellung des alten Geräts lief unter Service und war kostenlos. Lediglich neue Knopfbatterien waren nötig.

“Ich wusste gar nicht, dass in Solingen so ein Krach ist”, meinte Vater, als wir im Taxi saßen und zurück zur Schillerstraße fuhren. Er hatte den Hörapparat ausnahmsweise drin gelassen.

Daheim ging es mit den akustischen Sensationen weiter. Als Mutter einen Kessel Wasser aufsetzte und das Wasser zu kochen begann, glaubte er Handwerker im Haus zu hören, die mit dem Schneidbrenner zugange waren.

“Machen die kein Mittag!?” rief Vater wütend.

Und als ich die Balkontüre öffnete, um frische Luft reinzulassen, bellte er sofort “WAS??!”, weil er das Quietschen der Tür missgedeutet hatte.

“Ich dachte, ihr hättet mich gerufen!”

*

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