Ich wollte schon immer mal mit Bukowski lesen

Als ich in den Gelenkbus nach Mitte einsteige, sitzt da der lange Ben Jakubeck, im hinteren Teil. Wie immer hat er ein dickes Taschenbuch in Arbeit, einen Fantasy-Thriller, zerfleddert, zerlesen, voller Eselsohren und eingeschobener Kassenbons als Lesezeichen.

Als ich auf ihn zutrete, blickt er kurz hoch, und versinkt wieder im Buch.

“Jack”, sag ich und lasse mich neben ihm nieder. Er klappt das Buch zu. Halb widerwillig, halb neugierig.

“Wie isses?” sagt er lässig.

“Wie immer”, sag ich.

“Ach, doch so schlecht”, sagt er.

Der Bus ist fast leer, außer uns sind da nur noch zwei Frauen, sie kennen sich und schwätzen miteinander.

“Und? Was liest du?” frag ich.

“Irgendein Müll.”

“Ist Müll?”

“Ja, ist Scheisse. Ich guck ja immer nach den Kritikerstimmen hintendrauf. Hier..” Er zeigt mir den Klappentext. “..New York Times. Hallejujah.. Ein Buch wie ein ganzes Universum.. Ein Masterpiece.. Kannst du vergessen. In die Tonne treten.”

Ich kenne Ben Jakubeck seit den Siebzigern, als er noch mit Karlos zur Schule ging, und natürlich kenne ich ihn aus dem Haus der Jugend. Die meisten Leute in meinem Leben hab ich im Haus der Jugend kennengelernt. Wenn mich eine Einrichtung neben der Schule sozialisiert hat, dann das Haus der Jugend.

“Ich würd gern noch mal was von Bukowski lesen.”

“Du würdest gern noch mal mit Bukowski lesen?” versteh ich.

“Sehr witzig.”

Mit seinen eins Neunzig, dem Vierkant-Gesicht, seinem stampfenden Gang und den Werkzeugmacherhänden war Jack schon früh die personifizierte Grobschlacht. Schon damals hätte man Betonlifting einsetzen müssen, um dieses Gesicht zu retten. Dreissig Jahre und ein paar Tausend Jägermeister später ist die Sache nicht besser geworden. Mit der pockennarbigen Gesichtshaut gleicht er einem Müllmann, der es gewohnt ist, bei Wind und Wetter draussen zu arbeiten, und die Werkzeugmacherhände sind Kolosse geworden.

“Aber nicht vom Arbeiten”, meckert Jack und schwitzt auf der Stirn eine dicke graue Perle aus. “Wo kommt die denn her?”

Ihn kann nichts aus der Ruhe bringen. Seit vier Wochen wartet er auf den Bescheid vom Sozialversicherungsträger, ob der ihm eine weitere Entziehungskur gewährt.

“Nur Alkohol?” frag ich.

“Ja, nur Alkohol. Ich pack es langsam nicht mehr. Eigentlich müsste ich schon seit drei Jahren tot sein, laut Prognose Doc Hilten. Bei meinen Leberwerten und so.”

“Wie hoch?” frag ich.

Er zuckt nur die Schulter.

“Um die tausend?” lasse ich nicht locker. Ich bin fasziniert von Leberwerten. Mit denen ist es wie bei der Richter-Skala: nach oben offen.

“Ja. So in der Art”, murmelt Jack.

Dann wird er plötzlich munter.

“Du kennst dich doch mit Träumen aus.”

“Ich? Wieso?”

“Na, weil sich jeder, der schreibt, mit Träumen auskennt. Ich kenn euch Brüder doch. Ich hab jeden Tag ein verdammtes Buch in der Hand.”

Jack hat eine markante Stimme. Wenn er spricht, hört die Umgebung automatisch mit.

“Ich hab geträumt, ich mach einen Edel-Puff auf, wo das Treppenhaus gepflastert ist mit Koks, und die Nutten hängen von der Decke, wie Kronleuchter..”

Die beiden jungen Frauen sind verstummt. Sie hören angestrengt zu. Eine guckt dabei aus dem Fenster.

“.. und dann hab ich plötzlich diese Uzi in der Hand und will die Nutten von der Decke ballern. Auf eine nach der anderen leg ich an und drück ab, aber die Kugeln verrecken im Lauf, jeder Schuss bleibt stecken. Nicht eine Kugel hab ich abgefeuert. Nur die Freier waren froh, klar. Die wollten keinen Trouble im Puff. Logisch.”

“Komischer Traum”, sag ich.

“Na schon, aber warum hat das nicht geklappt? Warum sind die Kugeln stecken geblieben und haben den Lauf verstopft?”

“Vielleicht weil.. Pass auf. Wenn ich von Pulver träume, seh ich ständig einen Riesenhügel vor mir, einen richtig fetten Hügel, wie in Scarface. Aber dann nehm ich den Strohhalm in die Hand und will ne Nase nehmen, ist das Zeug weg. Löst sich auf in Nullkommanichts. Oder der Traum blättert zum nächsten Bild um. Irgendeine Störung tritt garantiert ein. Ich hab zig Mal von Schore geträumt, seit ich es nicht mehr anrühre, aber nicht ein einziges Mal hab ich es konsumiert in meinen Träumen.”

“Und das bedeutet.. was?”

“Keine Ahnung. Dass es nicht mehr funktioniert? Dass die Zeit vorbei ist?”

“Du meinst, meine Zeit um Nutten abzuknallen, die von der Decke baumeln, ist vorbei..?”

Er guckt mich an.

“Na, Scheiss drauf, nächste Station muss ich sowieso raus. Erstmal in Aldi. Und du? Wo wohnst du eigentlich, in welchem Teil von Solingen?”

“Immer noch am alten Kannenhof.”

“Ist nicht wahr.” Er grinst. “Bist aber nicht weit gekommen.”

“Nee, wah.”

Da fällt mir was ein.

“Weisst du noch, Jack? Die Nudeln?”

Jack verzieht keine Miene, und nickt.

“Ich hab brav alles aufgegessen, oder nicht.”

1987 zog ich mit Karlos am Kannenhof ein. Was das Essen betraf, lebten wir hauptsächlich von Wassilij, dem russisch-orthodoxen Pizzabäcker von der Wupperstrasse. Überall in unserer Bude stapelten sich Wassilijs leere Pizzaschachteln, zu windschiefen Türmen aufgebaut und in die Ecke geschoben. Einmal kochte ich eine Familienpackung Miracoli mit Gehacktes, halb Rind, halb Schwein. Ich war mächtig stolz, zum ersten Mal in meinem Leben selbst gekocht zu haben. Nach einem dreiviertel Teller hatte ich die Schnauze voll von dem Fraß, der Rest stand wochenlang auf dem Herd herum, ohne dass jemand auf die Idee gekommen wäre, ihn zu entsorgen.

Bis zu dem Tag, als Jack vor der Tür stand, stinkbesoffen und alte Westernhagen-Songs auf der Zunge: “Liebling lass uns tanzen, Silvester geht nicht, bla bla!” Er wohnte ganz in der Nähe und hatte diesen Hund dabei. So einen grossen Puschelhund.

“Ein Bobtail war das”, stellt Jack richtig. “Der gehörte ner Bekannten von mir, ner Punkerin, der war die Hütte abgebrannt. Sollte nur fürn paar Tage sein, aber dann hatte ich die Töle fast ein Jahr am Hals. Alle Naselang musste ich die Töle baden, weil die Scheisse in dem zotteligen Fell kleben blieb. Mann, war das ne Kacke damals.”

Nun kam Jack genau an dem Tag zu Besuch, als Karlos und ich eine Flasche Rum leer gemacht hatten. Niemand fühlte sich für Jack zuständig, und so bekamen wir auch nicht mit, wie er sich in der Küche heisshungrig über den Topf Nudeln mit Bolognesesauce hermachte, bis zum Rand voll Schimmel. Grünliche Schlieren waberten von Nudel zu Nudel, wie Spinnweben.

“Na und? Hat es uns etwa geschadet?” meint Jack und drückt den roten Halteknopf, um dem Fahrer anzuzeigen, hier, ich bin der Jack, ich steig nächste Haltestelle aus.

“Was ist eigentlich mit deinem scheiss Buch? Ist das endlich raus?”

“Nee.”

“Immer noch nicht?”

“Nee. Immer noch nicht. Ich schreib im Internet. Bist du im Internet?”

“Nee. Wieso? Gibts da was besonderes?”

Er rollt das dicke Taschenbuch zusammen, wie eine TV-Illustrierte.

“Obwohl, ich hab eine Play Station 3 zuhause, die ist internetfähig. Aber ich bin ja nie zu Hause..”

“Ich denk, du machst keine Platte mehr”, sag ich.

“Mach ich auch nicht. Ich häng meist bei der Danny rum..”

“Bei Danny? Wohnst du nicht mehr mit dieser anderen Frau zusammen?”

“Nee. Hat nicht geklappt.”

“Nee?”

“Nee. Ihre drei Kinder mochten mich nicht. Die haben mich gehasst. Da machst du nichts. Ich häng wieder bei Danny rum. Ist besser.”

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Ist ja nicht so, als hätte ich noch nie in HH gelesen:

Hamburg, November 2006

Der Silberrücken

Wenn mir vor gar nicht so langer Zeit Leute begegneten, die um die Fünfzig waren, dachte ich immer, Junge, wie kann man so lange existieren ohne durchzudrehen. Mittlerweile weiß ich, es ist tatsächlich nicht so einfach. Jedenfalls, es ist kein Selbstläufer. Man muss sich schon ordentlich anstemmen gegen den Irrsinn.

Der Irrsinn macht sich ja nicht mal die Mühe, sich anzuschleichen. Er trumpft frontal von vorn auf (wenn man übers Mäuerchen der Geriatrie blickt), er kommt total link von links (mit all seinen schlaflosen Nächten), aber am ärgsten sind die Seitenhiebe der Vergangenheit. Diese melancholischen Knackgeräusche. Die machen einem wirklich zu schaffen.

*

Weil ich den Kopf voller Löckchen hatte, machten sich meine Schwester und meine Cousine einen Spaß daraus, mich zu verkleiden und zu schmücken, sie konnten nicht genug davon kriegen, wenn sie wieder mal auf mich aufpassen mussten. Sie profitierten von meiner fatalen Angewohnheit, still zu halten und alles mit mir geschehen zu lassen, sobald meine große Schwester in der Nähe war.

Sie nannten mich Goldmarie und trugen mir Lippenstift auf, sie behängten mich pfundweise mit Lametta vom Christbaum, sie kicherten albern. Ich hatte keine Chance. Ich war zwei Jahre alt. Ich war ein hilfloses Häufchen Locken in ihren Händen und mein Pimmel war noch nicht groß genug, um sie zu verscheuchen.

Sie schickten mich in immer seltsameren Anziehsachen auf den Catwalk, der durch den langen Flur führte. Einmal pappten sie mir einen ausrangierten Gipsarm ans Bein und ließen mich zu Downtown von Petula Clark den Flur entlang hoppeln, wie ein deppertes Häschen, das die eigenen Batterien leergesoffen hatte. Ich war jedes Mal heilfroh, wenn das Babysitten vorüber war.

Als Teenager hatte ich eine Matte, man konnte mich auf hundert Meter Entfernung von hinten erkennen, nur an der wilden Naturkrause. Ich war ein junger weißer Little Richard, ein Priester der Straße. Und heute?

“Herr Geheimrat! Wo ist dein Afro?!” entrüsten sich Leute, die mich länger nicht gesehen haben. Oder: “Och nö! Deine Frisur ist aber kurz geworden!” Als hätte ich meine XXL-Locken selbst gerodet, aus lauter Lust am Plattmachen. Aber es ist schon wahr. Aus der wallenden Little Richard-Mähne ist gemäßigter Wellengang geworden, es plätschert über den Schädel, und das ärgste: Geheimratsecken fressen sich voran wie Parkplätze in den Urwald. Ein unhaltbarer Zustand. Ich spiele mit dem Gedanken, mich aus Protest an die letzten verbliebenen Riesen zu ketten und zu Tode zu hungern.

*

“Also, ich finde das sexy”, sagt die Gräfin, als wir nebeneinander vorm Spiegel stehen. “Das sieht so verletzlich aus..”

“Sexy?! Du findest Geheimratsecken sexy?”

“Na.. sexy nicht wirklich. Aber verletzlich. Verletzlichkeit finde ich sexy. So herum ist richtig..”

Erst sexy, dann nicht wirklich sexy, oder doch nur mit Einschränkung sexy, also ich weiß nicht. Früher lagen die Dinge einfacher. Ich hatte ne schöne Matte und die Mädels liefen mir hinterher. Das war besser. Da war ich mein eigenes Naturvolk.

“Blödsinn, das sind doch gar keine richtigen Geheimratsecken. Die kommen erst noch..”, tröstet sie mich.

Na, toll! Weißt du noch früher? Da war ich mein..”

“..eigenes Naturvolk, ja, ja, ich weiß.”

*

“Der ist wie Elvis”, hat Karlos der Gräfin gesteckt, als die mich noch nicht so gut kannte.

“Wie Elvis? Was meinst du damit?”

“Na, wie der in die Kneipe reinkommt. Wie Elvis nach Las Vegas. Wie Harald Juhnke die Showtreppe runter”, gackerte Karlos.

Dabei war das mit Juhnke die Treppe runter nur an meinen schlechten Tagen. Und für den Elvis in mir, dafür kann ich nichts. Das ist der Stenz in mir. Der Silberrücken. Der liegt in der Familie.

Mein Onkel Fitting etwa. Wo er auftaucht, steht er im Mittelpunkt. Auch auf dem Fußballplatz. Als Mittelstürmer tat er früher nichts anderes, als neunzig Minuten lang in der Nähe des Elfmeterpunktes herumzulungern. Wenn die Pille dann kam, und irgendwann kam sie, machte er ZACK! die Hütte und liess sich feiern. Dass er neunundachtzig Minuten nur rumgestanden hatte, lauthals motzend, wo bleibt der Ball?! – geschenkt.

Oder mein Großonkel. Der saß noch im Altenheim während der Besuchszeit locker im Clubsessel und liess seinen Lümmel heraushängen.

“Jetzt packen Sie Ihr verfluchtes Ding da weg!” zischelte die Stationsschwester böse, wenn sie mit dem Vordruck der Pflegeversicherung über den Flur hastete.

“Kindchen”, antwortete mein Großonkel, “das kann man nicht einfach wegpacken. Das ist meine Fröhlichkeit.”

Noch im gesegneten Alter von 94 Jahren liess er in sein Gehwägelchen Leuchtdioden einbauen, damit die Puppen ihn besser sehen konnten, wenn die Dämmerung einsetzte, auf Station. Die Puppen, das waren drei Pflegerinnen aus Thailand. Mit denen war Großonkel so dicke, sie haben sich seine Pension jahrelang durch vier geteilt, bis die Stationsschwester dahinterkam und die Puppen rausschmiss.

Wie auch immer – wer solche Vorfahren hat, wächst in dem Glauben auf, automatisch Vorfahrt zu genießen im Leben. Aber ich will ehrlich sein. Es gibt auch andere Tage. Da hat mein Gang nichts von Elvis Presley.  Dann schleiche ich hinter den Marktständen herum, damit mich niemand sieht. Da gehts mir nicht gut.

“He, Stückchen Fleischwurst?!” fragte mich mal ein Markthändler an einem solchen Morgen, mit aller ihm zur Verfügung stehenden Abschätzigkeit. Er spürte einfach, wie schwach ich war an diesem Tag.

Ein Zaungast am eigenen zertrümmerten Leben.

Als ich wieder in Ordnung war, paar Tage später, bin ich mit Elvis-Schritt und gänzlich anderen Augen an seine Metzgerbude und orderte 250 Tonnen Bock-und Bratwurst für denselben Nachmittag, 15 Uhr, Graceland, Lieferanteneingang.

Mahlzeit, Arschloch.