Die 50 besten Pop-Platten der Welt (4): Abbey Road, The Beatles

Ich war zehn und trug Schlaghosen. Einmal brüskierte ich die Nachbarschaft, als mir an einem heißen Tag in den Sommerferien eine große Glasflasche Cola aus den Händen glitt und auf dem Bürgersteig zerplatzte. Doch anstatt die Scherben aufzulesen, tat ich so, als wäre nichts geschehen, und ging stiften. Das blieb fortan eine Spezialität von mir:

erst krachen lassen – dann stiften gehen.

Mittags kam ich von der Schule und freute mich auf die Plattensammlung meiner großen Schwester. Ich mochte so ziemlich alles, was ich fand. Norman Greenbaum, Barry Ryan, die LP’s der Beatles.

Noch vorm Mittagessen suchte ich Abbey Road heraus. In den Nachrichten war die Meldung gekommen, dass die weltberühmten Beatles sich getrennt hatten. Aufgelöst! In den Nachrichten! Ich beschloss, von nun an selbst die Beatles zu sein. ICH BIN DIE BEATLES! schrie ich, aber niemand hörte es, logisch. Der Schrei war auf der Bühne in meinem Kopf.

Zum Aufwärmen Seite 1, erstes Stück: Here comes the sun, leicht und sonnig wie ein Bingo-Nachmittag, pling pling. Der Regen war vorüber, und nun holten die Beatles jeden Tropfen einzeln von der Wäscheleine und feierten sein Verdampfen.

Wenn ich es rockiger wollte, fing ich mit der B-Seite an. Come together. Das war meine Nummer. Ich schnippte auf Fingern zum Fenster und riss es weit auf: Ja! Das musste die Welt hören! COME TOGETHER! Zusammenkommen, alle! Die ganze Strasse! Los jetzt!

Die Nadel tobte durch die Vinyl-Rille. Die Tür flog auf. Es war Mutter. Sie tobte auch.

“Machst du wohl leiser. Papa hat sich hingelegt!”

Papa legte sich immer hin, wenn die Beatles spielten.

“Och Mann”, stöhnte ich, aber ich hatte keine Chance gegen den Ordnungsdienst der Hell’s Mothers.

“Es gibt gleich Essen. Mach das Geplärre aus.”

*

foto.jetzt*

Letztens las ich im Rolling Stone, die Stimmung unter den Beatles während der Aufnahmen in den Londoner Abbey Road Studios sei eher, nun ja, glum gewesen, bedrückt, niedergeschlagen, doch davon ist auf der Platte nichts zu hören. Im Gegenteil.

Ich meine, jedes Album hat ein Lieblingsstück, normalerweise. Bei Abbey Road ist das unmöglich. Abbey Road ist ein einziges großes Lieblingsstück. Es ist, als wolle man nur ein Stück Erdbeertorte nehmen und hinterher frisst man sich wieder durch die Kuchentheke.

Something (in the way she moves) ist elegant, Octopus’s Garden ist witzig, bei Polythene Pam konnte man als 10jähriger super so tun, als hielte man eine Gitarre in der Hand, was beim Publikum total gut ankam.

etc. etc.

Am liebsten war ich John Lennon. Würde ich heute gern behaupten, war aber nicht so. Ich war am liebsten Paul McCartney, wenn ich auf der Bühne stand und geliebt wurde von der Menge.

Höhepunkt: Oh! Darling.

Wie Paul McCartney sich die Lunge aus dem Leib brüllt, weil er die Frau zurückhaben will, DIESE EINE FRAU UND KEINE ANDERE, das fand ich gut. Das imponierte mir. Das wollte ich später auch, so verzweifelt sein. Ein verzweifelter Mann, der die Frau nicht zurückkriegt, die er liebt. Schon mit elf ahnte ich: Männer müssen den Blues haben. Ein Mann, der keinen Blues hat, ist kein Mann, sondern ein Hühnchen.

Und ein Land, in dem jeder den Blues hat, aber alle so tun, als hätten sie ihn nicht, weil Blues dunkel ist und langsam, dieses Land ist dem Untergang geweiht.

You never give me your money sang ich mit, weil ich den Text so schön unfair fand, bei Golden Slumbers füllten sich meine Augen mit Tränen.Once there was a way .. to get back homeward – sweet little darling do not cry  heißt es da, und ich bekam Sehnsucht nach Heimat, nach dem Ort, wo ich herkam, obwohl ich diesen Ort doch kaum je verlassen hatte, ausser zum Camping in den Sommerferien.

War wohl ein anderer Ort, nach dem ich Sehnsucht hatte.

Zum Schluss The End, ein achtlos dahingeworfenes Liedchen, als Zugabe für die Meute, die mir zu Füssen lag, und ganz am Ende, als schon niemand mehr damit rechnete, fast schon ein Hidden Track, Her Majesty’s a pretty nice Girl. Es regnete Rosen. Aus allen Ecken des Auditoriums stürmten die Puppen auf mich zu. Meine Schwester, meine Mutter. Die Weiber eben. Langsam wurden sie lästig. Außerdem hatte ich Hunger. Die Beatles gingen zu Tisch.

Mean Mr. Mustard, flötete ich, und reichte Papa den Senf.

Zweimal hatte ich den Termin platzen lassen

Zweimal hatte ich den Termin platzen lassen. Einmal wegen Erkältung, was nicht gelogen war, das andere Mal ebenfalls wegen Erkältung, das war gelogen. Das dritte Mal rief ich auf den letzten Drücker in der Praxis an und sagte, ich hätte verschlafen, das war auch nicht gelogen. Bis auf dass es mir leid täte – das war gelogen. Und als die Arzthelferin erregt prustete, ich hätte aber Dusel, fünf Minuten zuvor sei ein Termin gecancelt worden, ich könne mir ruhig Zeit lassen und später reinkommen, da stammelte ich nur was von”später hab ich was wich..tiges vor”, das war gelogen.

Ich hatte gar nichts wichtiges vor.

Im Gegenteil. Als ich um neun wach geworden war und feststellen musste, dass ich den Termin verschlafen hatte, war ich erstmal heilfroh, dass ich nicht lügen musste, dass ich keine Ausrede brauchte. Dass ich einfach die Wahrheit sagen konnte: verschlafen. Nix gehört.

Ich hatte mächtig Respekt vorm Zahnarzt. Ich hatte einen Riesenhaufen in der Hose, wenn ich einen Termin beim Zahnarzt hatte. Als Dentalphobiker brauchte ich das Surren eines Bohrers nur zu hören, wenn ich gerade die Praxis betreten wollte, schon formulierte ich im Geiste die Selbsteinweisung ins Irrenhaus und ging stiften.

Eines Tages, so hoffte ich, würde es möglich sein, sämtliche Seh,- Hör- und sonstige Sinnesnerven abzuklemmen für die Dauer einer Sitzung, und dann wäre ich vorne, dann säße ich in vorderster Front bei jedem niedergelassenen Zahnarzt: einmal schöne Hauer machen, Frau Doktor.

Bis es soweit war, blieb ich bei meinem Schwindel, dass ich später etwas wichtiges vor hätte, das keinen Aufschub duldete, und so wurde der Termin der Hinrichtung exakt um eine Woche verschoben – auf den folgenden Dienstag, acht Uhr.

“Wenn sie dann wieder nicht erscheinen, kann ich Ihnen keinen Termin mehr anbieten, Herr Glumm. Dann müssen Sie auf gut Glück reinkommen und eventuell lange Wartezeiten in Kauf nehmen.”

*

Am Abend vor der Hinrichtung lag ich platt vorm Fernseher und schaute Simpsons und Schrecklich nette Familie. Kabelsender wiederholten die Folgen ohne Ende. Eigentlich kam es nur darauf an, ob man sich noch ein neuntes Mal amüsieren konnte über Dumpfbacke Kelly, wenn sie “Dieses Stück Fleisch ist nicht geschaffen für geregelte Arbeit!” röhrte, auf dem Absatz kehrt machte und mit aller Wucht gegen die Wand rummste.

Ich lachte aus vollem Hals.

Ich liebte die Al Bundy-Randale der frühen Neunziger. Einmal, während einer Nachtschicht im Turm-Hotel, hatte ich an der Telefonanlage gesessen und aus Langeweile die Vorwahl der USA plus die von Chicago plus eine Reihe zufälliger Ziffern gewählt, bis eine transatlantische Verbindung zustande kam. Das Freizeichen klang so dumpf und so fern, wie ich es aus alten Hollywoodstreifen und Columbo-Folgen kannte: als läge ein dickes Sofakissen auf dem Klingelton.

Endlich wurde das Gespräch angenommen, im windigen fernen Illinois.

“Yeah?” erkundigte sich eine müde männliche Stimme.

In Chicago war Abendbrotzeit, TV-Dinner. Ich hatte eine x-beliebige Nummer gewählt in der alten Gangsterstadt. Ich räusperte mich.

“Can I talk to..”

Moment. Ich begann noch mal.

“May I speak with Al Bundy?”

“Al…. Buundy?”

Ich spürte, wie der Mann kurz stutzte, und dann die Augen verdrehte. Er fügte ein mattes “ha-ha” hinzu und legte auf. Sehr routiniert, sehr amerikanisch.

*

Dienstagmorgen, halb acht.

Vom Bahnhof Ohligs aus schlenderte ich mit einer Lässigkeit in Richtung Lukas-Klinik, die mich selbst verblüffte, jetzt, wo es soweit war. Nicht mal Zahnschmerzen hatte ich noch, wo es drauf ankam. Das sollte mal einer begreifen. Das Leben, ein endloser Fopper, ein Stinkefinger nach dem Händewaschen.

Im Wartezimmer des Hinrichters überflog ich die übliche Einverständniserklärung. Demnach durfte man mit mir machen, was man wollte, ergänzt um eine handschriftlich fixierte Eintragung:

EXTRAKTION Z. 14
EVTL. KOMPLIKATIONEN:

  1.  NACHBLUTUNG
  2.  KIEFERHÖHLEN-ÖFFNUNG

Komplikationen..? Das wussten die vorher schon?!  Was für ein abgekartetes Spiel ging hier vor? Ich sollte vielleicht lieber nach Hause fahren und ordentlich ausschlafen, dachte ich. Aber wie so oft, wenn ich die Flucht ins Auge fasste, war die Eisenbahn schon abgefahren.

Das Schicksal duldet keine Verzögerung.

“Herr Glumm?”

“ja..?”

“Kommen Sie bitte mit.”

Z. 14  war ein ruinierter Backenzahn, dessen Wurzel tief ins Fleisch reichte, wie ein Widerhaken. Sozusagen die Art Monster von Widerhaken, die so tief im Zahnfleisch haust, dass man sie im normalen Leben nicht zu Gesicht bekommt – der Schwarze Raucher des Zahngewerbes sozusagen. Aber was heißt das schon, im normalen Leben. Ein Zahnarztbesuch hat mit normalen Leben so viel zu tun wie der Weihbischof mit Damenbinden.

Behandlungsstuhl, Saal 2.

“Ruhig bleiben, Johannes..”, redete die Stuhlassistentin ihrem Chef gut zu – die beiden duzten sich – doch der Doc wurde zunehmend nervöser. Was wiederum mich nervös machte.

Wieso duzten sich die beiden? Hatten die was miteinander?

Was wusste die Krankenkasse davon?

“Herr äh..”, setzte der Dentist die Zange an, “Glumm, ich versuche zunächst mal den Zahn ganz konventionell zu ziehen.”

Na schön, das hatte er bereits zweimal gesagt. Er unternahm insgesamt ein halbes Dutzend konventioneller Versuche, doch Z.14 knackte nur und brach stückweise ab wie harter Zwieback, aber die Wurzel kriegte er nicht zu fassen. Sie widersetzte sich ihm, was mir gar nicht recht war. Ich hätte es besser gefunden, wenn die beiden schnell miteinander warm geworden wären, und sich ebenso schnell wieder getrennt hätten.

“Johannes..”, wisperte die Arzthelferin in mein Ohr, obwohl sie ihren Chef meinte, nicht mich, “die Nerven behalten..”, doch Johannes verlor die Contenance. Er ackerte und schnoberte wie ein Brauereipferd, während ich in seiner Mache war. Er bot keinen schönen Anblick, aus meiner halb liegenden Position. Und da waren auch keine schönen Geräusche zu hören, das schlürfte und zischte und strudelte in meinem Mund, ich war böse am absaufen.

Ich sah zur Zahnarzthelferin rüber. Ihr gestärkter weißer Kittel wies Blutspritzer auf, richtig dicke Flatschen, Irrenanstaltsmuster.

Mir wurde schlecht.

“Einmal absaugen, bitte!” ging der Doktor die Stuhl-Assistenz rüde an, sie folgte gehorsam.

“Johannes, du machst das schon.”

Was blieb uns anderes übrig. Mit einem herzhaften Schnitt öffnete er die Kieferhöhle. Wir waren angekommen. Bei der Komplikation. Der Extraktion. Das Blut schoss bis zur Decke, traf den Sterilisator.

Für den Rest der Woche schrieb der Doktor mich krank.

*

Ich lag flach im Bett, tiefgekühlte Kompressen auf der Backe. Jegliche Nahrungsaufnahme war ein Greuel, der Schädel brummte wie ein Bienenstock. Die Gräfin kochte mir Reisbrei mit Zimt, während es für sie und den Hund knusprige Hähnchenschenkel mit Paprikaschoten gab. Die Dinge liefen zunehmend aus dem Ruder. Das schlimmste aber: der Schmerz ließ kaum nach.

“Die Scheiße eitert”, sagte ich Samstagmorgen zu meinem Bruder, der rübergekommen war, um nach mir zu sehen, im Auftrag der Familie.

Er brachte mich in die Lukas-Klinik.

Der junge diensthabende Oberarzt reichte mir zur Begrüßung sein luschiges Händchen. Ohne mir groß in den Mund zu gucken, drückte er mir fürs Wochenende einige lose Schmerztabletten in die Hand, und das auch nur widerwillig.

“Damit müssen Sie zurechtkommen, mehr gibt es nicht”, sagte er großspurig.

Was war das denn? Was glaubte der denn?! Dass ich ein Junkie war und Samstagmorgens im Notdienst auftauchte, nur um ein paar beschissene Dolomo abzugreifen?!!

Hm. Nun ja. Also..

In der Apotheke besorgte ich mir zusätzlich eine Monatspackung Ibuprofen und am Bahnhof (“warte mal fünf Minuten, Bruderherz”) ein wenig Morphin.

Sonntagnacht ging die Schwellung endlich zurück, doch der Schmerz blieb. Alle zwei Stunden warf ich Pillen ein, und obwohl ich in meinem ganzen Leben noch nie so viel Pillen eingeschmissen hatte ohne breit zu werden, es nutzte nichts.

Mittwoch hielt ich es nicht mehr aus und besuchte auf gut Glück meine alte reguläre Zahnärztin, Frau Doktor Bonn-Hager. Frau Doktor Bonn-Hager, eine resolute Person, war nicht mehr gut auf mich zu sprechen, seit ich unregelmäßig zu Behandlungsterminen gekommen war. Das konnte sie nicht leiden, das konnte sie ganz und gar nicht leiden.

Originalton Frau Doktor, als sie mir diesmal ins Maul schaute: “Das sieht scheiße aus, Meister. Massive Störung der Wundheilung.”

Sie legte eine Drainage mit anästhesierender Wirkung, und wo sie schon mal dabei war, zog sie gleich die Fäden, mit denen in der Klinik die Kieferhöhle genäht worden war.

Keine Stunde später war ich das erste Mal nach einer Woche schmerzfrei.

*

Abends fuhren die Gräfin und ich mit Karlos und Sandy nach Köln. Jonathan Richman gab ein Kozert. Obwohl nirgends plakatiert oder sonstwie angekündigt, war das Konzert im Tingel-Tangel, einem dunkelroten Plüsch-Klub in der Südstadt, innerhalb Stunden ausverkauft.

Ich hatte alle Platten von Jonathan Richman, und sobald etwas Neues auf dem Markt war, besorgte ich es mir. Er hatte mit den Modern Lovers in den Siebzigern den Instrumental-Hit Egyptian Reggae gelandet, der ihm bis in alle Ewigkeit Tantiemen verschaffte, seither war er solo unterwegs.

Live auf der Bühne, nur mit seiner großen Gitarre bekleidet, erinnerte er an einen Schiffsarzt, der auf einer langen Kreuzfahrt die Zigarren rausholte und aus seinem Leben erzählte, und alle Patienten gesundeten auf der Stelle.

Ein klasse Abend. Wie die Rock’n-Roll-Hooligans standen wir direkt an der Bühne, mit Kölsch bewaffnet, und sangen die Hits mit: “I was dancing in a lesbian bar”, “Make a mistake for me today”, “Now is better than before”.

Ein Großteil des Publikums schien allerdings auf einem anderen Konzert zu sein. Einem Konzert, bei dem Mitsingen verboten war und das Tanzen untersagt. Überhaupt jegliche Bewegung.

“Das sind Scientologen”, schätzte Karlos, “so eingefleischt und sittsam, wie die vor ihrem Wässerchen hocken.”

Scheiß drauf, es war ein großartiges Solo-Konzert, und auch die ersten paar Bier und Purpfeifen nach über einer Woche taten gut. Später hockten wir in der Südstadt auf dem Bürgersteig und teilten uns zwei monströse Grill-Hähnchen, von denen das Fett nur so auf den Asphalt tropfte.

Das Leben kam wieder in Schwung, mit einem Zahn weniger.

Großstadtmythos Goldhamster

Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass Goldhamster nicht als Spielkamerad für Kinder taugen, weil sie nachtaktiv sind und tagsüber gern ihre Ruhe haben, doch in den Siebzigerjahren machte man sich darüber keine Gedanken. In den Siebzigerjahren machte man sich überhaupt keine Gedanken, es war das Komm, packen wir noch einen drauf!-Jahrzehnt. Sehr angenehm, aber nicht für jeden. Zum Beispiel nicht für Goldhamster.

Goldhamster hatten in den Siebzigerjahren keine Lobby, sie waren Auslegware in Zoofachgeschäften und Tierhandlungen. Man kaufte Goldhamster zum Mitnehmen wie Doppelte Pommes und packte sie zu Hause aus und dann schnell wieder ein, weil sie undicht waren und nur am pennen.

70er Jahre Hamster waren arme Schweine.

Heute ist das anders. Heute sind 2010er Hamster arme Schweine. Auf You Tube sieht man stolze Hamsterbesitzer in Neuengland, wie sie ihren Hamstern Geschirr im Stil der US-Fahne häkeln, damit sie kleine Wagen über den Wohnzimmertisch ziehen können, wie beim Großen Treck Richtung Westen.

Andere Hamsterbesitzer schildern auf ihrem Hamsterblog, wie ihr Hamster ein Stück Zartbitterschokolade findet und in sich reinstopft. Die Besitzer versuchen alles, um ihm die Beute zu entreißen, doch der Nager ist eisern bis die Schokolade plötzlich schmilzt und ihm aus den Backentaschen quillt. Das läuft richtig über wie bei einer prallvollen Badewanne. Der Hamster, ein Schokobrunnen. Zuletzt rutscht er mit seinen Pfötchen auf der Kuvertüre aus und das total Funny Chocolate & Cappucino Golden Hamster Dancing  nimmt seinen Lauf.

Es gibt auch besoffene Hamster im Internet.

Einer begeht den Fehler, an einem Hochsommertag Wassermelone zu fressen, ein Stück nur, das aber innerhalb kurzer Zeit zu gären beginnt. Zuletzt sieht man ihn durch den Käfig torkeln und wanken, ein Anblick, der fatal an den dicken Bill Haley erinnert, anno 1958 unter den Piss-Laternen von St.Pauli.

Armer besoffener Hamster.

Natürlich gibt es auch eine Engländerin (56). Sie findet ihren alten Daddy-Hamster eines Tages leblos in seinem Häuschen, bettet ihn in eine Faltschachtel um und beerdigt ihn im Garten. Am nächsten Mittag trifft sie fast der Schlag, als der alte Gauner fröhlich durchs Haus scharwenzelt, das Fell verdreckt und um eine Nahtoderfahrung reicher, aber sonst okay. Er war kurz in eine Art Winterstarre getreten und hatte sich nach dem Aufwachen durch die aufgeweichte Pappe und das Erdreich gefressen bis er wieder an der frischen Luft war. (Heute spielt er Cricket in der 3. Liga.)

Die meisten Hamster-Storys im Internet enden damit, dass die lieben Kerle einen selbstgebauten kleinen Karlsson vom Dach-Motor auf den Rücken geschnallt bekommen und unter zynischen Hooray!-Rufen mit Liverpooler Akzent vom Balkon eines Hochhauses auf die letzte Reise geschickt werden. Unten angekommen rollen sie sich locker auf dem Asphalt ab, verstauen den Fallschirm im Gebüsch und gehen auf Wanderschaft. (Panama. Immer Panama. Sollen sie sich doch bei Janosch bedanken, die Panamäer.)

Auch unsere Familie hatte einen Familienhamster in den frühen Siebzigern. Es gab, glaub ich, keine Familie in den Siebzigern ohne einen Hamster, auch wenn es nur versuchsweise für eine Viertelstunde war. Unser Hamster ging an fehlender Zuneigung ein. Schon seine Ankunft am 17. Geburtstag meiner großen Schwester ließ nichts gutes erwarten. Ihr Freund G. platzte ins Zimmer und überraschte meine Schwester mit einem gekonnten Hamster-Seitfallwurf,”hepp!”

Sie verfehlte den Nager knapp, er landete auf dem Boden und watzte verstört von einem Party-Gast zum anderen. (Die Clique trug Boots und Cordhose, auf dem Dual-Plattenspieler drehte sich Electric Ladyland von Jimi Hendrix, und zwar das Eröffnungslied mit dem Hüsteln.) Der Hamster verkrümelte sich aus lauter Angst unter dem bullernden Heizkörper. Die Verbrennungen waren leichter Natur. Wir tauften ihn Pepsi.

Niemand konnte etwas mit Pepsi anfangen, niemand mochte ihn. Er lungerte den ganzen Tag im Käfig herum, unter Heu begraben, nur die vibrierende Gefriertruhe in der Küche, auf dem der Käfig stand, verschaffte ihm etwas Entspannung, eine Bosch-Massage. Selbst in der Nacht, wenn andere Nagetiere aktiv werden und ins Laufrad steigen, hörte man Pepsi nur schwermütig zum Salatnapf schlurfen. Irgendwann ging er ein, sang-und klanglos, vermutlich Fettleber, und wurde samt Nistmaterial & Wheel im Baumhof meiner Großeltern beigesetzt.

Die Gräfin ist dran mit Erzählen. Wie ich höre, traf auch in ihrer Familie pünktlich Mitte der 70er Jahre der Familienhamster ein.

“Das war auch so ein degenerierter Schweinepriester wie euer Hamster, aber im Gegensatz zu Pepsi war er ein freier Bürger.”

Er bekam täglich Auslauf und machte sich in der Küche über den Napf von Trixi her. Trixi war eine alte Spitzdame, der alles egal war, Hauptsache, sie war dabei und es gab was zu lachen.

“Der Hamster hat sich mit Trixis Nassfutter so die Backentaschen vollgestopft, das war krank, das war eklig, der sah aus wie ein Breitmaulfrosch. Er konnte einfach nicht aufhören, Hundefutter zu verdrücken, das war krank, das war abartig, der war schon am röcheln und schlang weiter.. “

“Wie hiess der?”

“Nah.. der hatte keinen Namen, glaub ich. Näh, hatte der nicht. Der hieß Hamster. Fertig. Aus.”

Immerhin starb Hamster als freier Bürger. Vermutlich. So genau wusste es niemand. Er tauchte nämlich eines Tages nicht mehr auf. Und blieb fort, für immer. Und da das Haus am Waldesrand stand, vermutete man den Bürger auf Wanderschaft.

Bis zum Frühjahrsputz.

Die Mutter der Gräfin, eine energische kleine Person, die am selben Tag wie Joan Baez geboren wurde, (beiden stehen Mäntel gut und ein Lächeln gegen die eigene Strenge), stieg in den Waschkeller und öffnete die Waschmaschine – ein großes altes AEG-Gerät mit Trommel und separater Schleuder sowie jeder Menge Hohlräume zum Verstecken.

Was soll man sagen?

Erst wusste die Mutter gar nicht, was das sein sollte, was ihr da beim Reinigen der Maschine entgegenquoll, es sah aus wie ein Haufen trauriger Staub, bis ihr plötzlich aufging, um was es sich handelte: Hamsterfell, büschelweise Hamsterfell. Nicht ein einziger Knochen, nicht mal ein Knöchelchen oder eine Gräte war vom Hamster übrig geblieben, nur etwas Fell.

Der Bursche muss bei der Buntwäsche zermahlen worden sein, mutmaßte der Familienrat.

70er Jahre Hamster waren ganz arme Schweine.