Leverkusen

Den eigenen Herzschlag feiern – immer gut.

So lautete der erste Satz, den ich am Morgen meines 32. Geburtstages auf einen Zettel kritzelte. Einfach so. Damit das kleine Stück Papier paar Silben abkriegte und nicht leer blieb, zur Feier des Tages.

Ich hatte gesoffen am Abend zuvor, in meinen Geburtstag rein, mit Karlos und anderen Verwirrten, im Mumms, unserem Wohnzimmer. Das war nichts besonderes. Das war Usus. Das war 1992. Und was den Morgen betraf, gab es regelmäßig zwei verschiedene verkaterte Zustände. Den einen, wo ich noch so betrunken und voller Speed erwachte, dass ich den Rock’n Roll neu erfand, und den anderen, wo ich, kaum wach geworden, schon deprimiert am Bettrand hockte und mich fragte, wie zum Henker ich diesen Tag überstehen sollte.

Nachmittags überraschte mich die Gräfin, vier Tage vor ihrem eigenen Geburtstag, mit einer kleinen Käsesahnetorte, obenauf 32 Spaßkerzen, die sich, sobald man sie ausblies, wieder selbst entzündeten. Ein Spielchen, das kein Ende zu nehmen drohte. Ich blies die Kerzen aus, sie entzündeten sich von selbst.

“Die scheiß Dinger gehn überhaupt nich aus!” krähte ich erbost und zweiunddreißig Jahre alt.

Scheisse, war das anstrengend. Ich war ziemlich hinüber vom Saufen. Ich mein, ich hab mich solche Sachen nie gefragt, ich hab es stets als gegeben hingenommen, als vom Schicksal dazu verdonnert, als Trinker zu enden, als Junkie, doch jetzt, wo ich älter werde, frage ich mich ab und an, warum ich eigentlich ständig Drogen zu mir genommen hab. All das Bier, den Gin, das Gras, das LSD, das Heroin. Ich hätte es ja genau so gut lassen können.

Ich erinnere mich an einen Tag in den späteren Neunzigern, als ich innehielt und dachte: wenn du dir heute noch ein Pack besorgst, kannst du nicht mehr zurück. Dann schaffst du es nicht mehr. Dann ist Schluss. Dann bist du genau in dem Kreislauf gefangen, der dich einst so abgestoßen hatte, der dir so verhasst gewesen war, weil die Fertigen so tumb und wächsern rübergekommen waren. Und dann stapft der Desperado in mir los und besorgt Pulver. Fast schon ein bisschen stolz, eine Entscheidung getroffen zu haben. Zwar eine, die in den Untergang führte, aber immerhin, eine Entscheidung.
Später an diesem folgenschweren Tag holte Mutter mich mit dem Wagen ab und wir fuhren in die Stadt, Schuhe kaufen. Unser jährliches Ritual. Wir wurden schnell fündig. Ein Paar dunkelrote Wildlederhalbschuhe Landlord Italy, 179 Mark. Im Karstadt-Restaurant tranken wir noch eine Tasse Kaffee und unterhielten uns ein wenig, als zwei Tische weiter Kilian Platz nahm, mit dem Tagesgericht auf dem Plastiktablett. Kilian, mein damaliger Heroindealer. Wir grüßten uns überrascht per Handzeichen, und mein Herz tat einen Sprung. Ich war auf der Stelle so scharf auf Schore, dass ich gute Laune bekam. Den Überbringer von Rauschgift zu sehen war für mich gleichbedeutend mit seiner euphorisierenden Ware. Da saßen plötzlich 70 Kilo Lebend-Morphin in meiner direkten Umgebung, nur zwei Tische weiter. Ich fieberte im Tagtraum. Mein Mutter hatte mir zum Geburtstag etwas Geld geschenkt, obenauf zu den neuen Halbschuhen.
“Moment, ich muss jemandem hallo sagen”, sagte ich zu ihr und ging rüber zu Kilian. Er schwitzte. Er sah schlecht aus.
“Ich glaub, ich krieg grade einen Affen,” sagte er und riss die Pupillen auf.
“Hast du was dabei?” liess ich mich nicht beirren.
“Nee, jetzt muss ich mich erstmal um mich selbst kümmern.”
Er stand genervt auf, packte den vollen Teller (Nudeln mit Sahnesauce) und brachte ihn zur Kasse. Ich hörte was von warmstellen und dass er sofort wiederkäme. Kilian drehte sich noch kurz zu mir um, ruf mich später an, während ich schlechtgelaunt zu Mutter zurückkehrte.
“Was ist denn mit deinem Bekannten?”
“Dem ist schlecht geworden.”
“Ja, aber doch nicht vom Essen, oder? Der hat doch noch gar nichts gegessen. Der hat sich doch gerade erst hingesetzt.”
“Weiß nicht. Keine Ahnung.”
Scheisse. Arschloch.

Um 22 Uhr am selben Abend begann meine Nachtdienstwoche im Turmhotel. Auf dem Weg zum Graf Wilhelm-Platz klingelte ich bei Kilian, der über der Pizzeria wohnte, er öffnete nicht. Es war auch kein Licht zu sehen in seiner Wohnung. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihn später anzurufen.
Die Rezeption befand sich oben im 11. Stock, bei klarer Sicht konnte man bis Köln gucken, oder bis Leverkusen, aber wer wollte schon bis Leverkusen gucken. Was gab es da schon zu sehen, außer das beleuchtete Bayer-Kreuz in der Nacht vielleicht und ein paar tausend Arbeitsplätze. Freunde, die im Hotel zu Besuch kamen, standen eine Weile am Panoramafenster im Frühstücksraum und genossen die Aussicht. Manche fragten, wo Köln liegt, wo Düsseldorf. Sogar nach Holland fragten die Leute, und Indonesien. Aber Leverkusen? Da konnte man ja gleich aus dem Fenster rotzen.