Mit ‘A-wop-bop-a-loo-bop-a-lop-bam-booom von Nik Cohn’ getaggte Beiträge

Was sollen denn die Nachbarn denken

26. März 2013

Ich war sechzehn, ich war siebzehn, dann 18 und schliesslich neunzehn, und die ganze Zeit lagen zwei Taschenbücher neben meinem Bett: Gammler, Zen und Hohe Berge von Jack Kerouac und A Wop Bop A Loo Bop A Lop Bam Boom von Nik Cohn. Immer griffbereit. Auf dem Nachttisch. Zwei schmale Bücher.

Mit einem kleinen Unterschied.

Gammler, Zen und Hohe Berge von Jack Kerouac, ein rororo-Bändchen, das laut Klappentext von Cool Jazz und LSD handelte, habe ich nicht gelesen. Nie. Ich hab es zehn Mal angefangen und zehn Mal wieder weggelegt. Aber das war auch nicht so wichtig. Bei Gammler, Zen und Hohe Berge ging es um die Verheißung, die von diesem Buch ausging, um den geheimnisvoll und fremd klingenden Titel, und nicht zuletzt ums Cover, das weite Horizonte zeigte und Linien, stilisierte Formen von Freiheit;

Amerika.

Zur gleichen Zeit, etwa 1976, begannen meine Locken zu spriessen. Meine Pubertät war ein Feuerwerk. Das Haar explodierte. Es franste aus in tausendundeiner Richtung, es verschachtelte sich kreuz und quer und in- und übereinander, eine gewiefte Nicht-Konstruktion. Locken wie Ausschreitungen. Krauses Haar, krause Gedanken, sagten die Leute. Da lagen sie gar nicht so verkehrt.

Dazu trug ich den ausgemusterten schwarzen Persianer meiner Mutter, den ich vom Speicher geholt hatte, den Operettenmantel, wie er im Kreis der Familie genannt wurde. Ich sah aus wie ein schräger russischer Fürst auf Obeinen.

Ich war nicht der einzige, der den alten Persianer seiner Mutter auftrug, es war wie eine Welle, die schnell Fahrt aufnahm. Karlos erschien eines Morgens in einem Pelzimitat in der Schule, das an ein Bärenfell erinnerte. Der Mantel war viel zu groß, Karlos sah aus wie ein aufgeplusterter Grizzly. Wir steckten ihm ein Glas Bienenhonig Extra in die Manteltasche und reizten ihn mit Stöcken, bis er den ganzen Schulhof zertrümmerte- zweifellos, Karlos war der Hit.

Das Tragen von alten Mutti-Klamotten war unser Protest gegen die kleinbürgerliche und duckmäuserische Was-sollen-denn-die-Nachbarn-denken-Haltung unserer Eltern. Das brachte uns wirklich auf die Barrikaden. Dieser Satz, der das Deutschsein zu 100 Prozent abdeckte:

WAS SOLLEN DENN DIE NACHBARN DENKEN.

Woran sich witzigerweise wenig geändert hat. Es ist eher noch schlimmer geworden. Jedes Mal, wenn wieder irgendetwas zum NO GO! erklärt wird, zum nächsten Tabu, zur Todsünde, muss ich daran denken, was in Wahrheit dahinter steckt: nichts anderes als das urdeutsch gequälte DAS TUT MAN NICHT!

Was sollen denn die Nachbarn denken!

Es bündelt die deutsche Angst aufzufallen, herauszuragen aus der Masse. Als wäre es erste Bürgerpflicht, nichts besonderes darzustellen im Leben und als durchgestylte Null ins Grab zu rauschen. Das ganze Land schien damals in den 70ern vor Angst erstarrt zu sein. Man hatte Angst vor der RAF, Angst vor Drogen, Angst vorm Nachbarn. Deutschland, großes Angstland. Während die USA die Mondlandung hatten, Andy Warhol und Campbells Dosensuppen, hatten wir Sonnen Bassermann und Angst.

Nicht mit mir. Ohne mich. Da wollte ich nicht mitmachen. Ich wurde ein Gammler und tat: nichts. NICHT war überhaupt die große Überschrift in jenen Tagen. Ich ging irgendwann NICHT mehr in die Schule, ich spielte NICHT mehr im Fußballverein, ich ging NICHT MEHR zu Familienfeiern. Ich wurde destruktiv, ich verpestete alles mit meiner Passivität. Dazu die Locken und der Persianerpelz, mein Gott, was haben damals eigentlich die Nachbarn gedacht. (Hat der eigentlich keine Angst? Und ob.)

Meine armen Eltern tun mir noch im Nachhinein leid. Mit der Furcht aufzufallen war ihre Generation aufgewachsen. Im Dritten Reich aufzufallen war gefährlich. Früh am Abend ging meine Großmutter ums Haus herum und schloss sorgsam die Schlagläden, damit die Nachbarn nicht hören konnten, wie bei Glumms mal wieder über die Nazis hergezogen wurde.  (Was sie Jahre zuvor nicht daran gehindert hatte, NSDAP zu wählen.) 1940 konnte es lebensgefährlich sein, was die Nachbarn von einem dachten.

Ich hole zu weit aus? Nicht wirklich. Schliesslich befinden wir uns Mitte der 70er Jahre, und da bin ich 16 Jahre alt und zwei explosive Bücher liegen neben meinem Bett, und die alten Nazis sind noch überall. Wenn ich Bus fuhr mit meiner Struwwelpetermatte konnte es passieren, dass mir so ein Nazi-Rentner von hinten am Haar zog, DU ZIGEUNER, und was von Arbeitslager schimpfte und das hätte es beim Adolf nicht gegeben. Beim Adolf, so lernten wir, muss die schönste und herrlichste Kneipe gewesen sein, in der Deutschland je zusammengefunden hatte. Warum hatte die eigentlich zu?

Das alles hatte für mich mit Gammler, Zen und Hohe Berge zu tun, ohne dass ich das Buch je gelesen hatte. Es reichte aus, Gammler, Zen und Hohe Berge so auf dem Nachttisch zu platzieren, dass es jedem Besucher sofort ins Auge fiel. Ein Statement, an Deutlichkeit schwer zu toppen.

*

Das andere Buch dagegen, A Wop Bop A Loo Bop A Lop Bam Boom von Nik Cohn, bis heute mein Rock’n Roll-Mantra, das hatte ich gelesen. Ich hab es mit Klauen und Zähnen gelesen, wieder und wieder hab ich es mir einverleibt, ohne Ende. Wenn Wein das Blut Jesu ist, dann ist A Wop Bop A Loo Bop das Kreislaufmittel meiner Wahl.

Nik Cohn, britischer Musikjournalist, erzählt darin die Story des Rock’n Roll, von seinen Anfängen bis etwa 1970, dem Termin der Drucklegung.

Vergangene Woche wollte es der Zufall, dass mir ein bestimmtes Wort nicht einfiel. Es war nicht so, dass ich das Wort für einen Text benötigte, ich wollte das Wort einfach noch mal lesen. Es war mir lange nicht begegnet, zu lange, wie ich fand, und ich spürte den Wunsch, es aus der Versenkung zu holen.

Ich wusste, wo ich es zu suchen hatte.

Ich nahm das zerfledderte A Wop Bop A Loo Bop-Taschenbuch, das von keinem Umschlag mehr zusammengehalten wird, und machte mich auf die Suche. Wobei, ich hatte das Wort so lange nicht gelesen, ich wusste nicht mal mehr, ob es sich um ein Hauptwort handelte oder um ein Adjektiv. Ich wusste nur noch um seine ungefähre Bedeutung: hip, camp, verdreht, mit einem schönen Schuss Intellekt und Philosophie. Und es war englisch. Das auch. Nicht übersetzbar.

Die Suche dauerte anderthalb Tage.

Ich verwickelte die Gräfin in die Fahndung, nachdem sie sich gewundert hatte, warum ich so konzentriert und gleichzeitig wie nebenbei in dem nikotingelben Taschenbuch ohne Cover blätterte, von dem sie nur eines wusste: Dass es aus meinen Jugendtagen stammte und dass ich es verehrte wie kein  zweites. Tatsächlich hab ich nie wieder so ein leidenschaftliches Werk gelesen. Cohn pflegt einen wilden urbanen Schreibstil, absolut subjektiv. Was ihm gefällt, wie die Stones oder Little Richard, feiert er hemmungslos, er verfeuert eine Rakete nach der anderen für seine Helden, was ihn langweilt, wie Bob Dylan oder die Doors, das rotzt er auf den Boden und tritt noch drauf beim Weitergehen. Ein gnadenloser Schreiber.

Mein im Alter von 25 erhobener Leitsatz, Schreibe, als wäre es verboten zu schreiben, hätte auch von ihm stammen können. [Dass es nicht hinhaut, (verboten zu schreiben über einen längeren Raum), geschenkt.]

Ich stiess auf das Wort, lustigerweise, im eigentlich unverdächtigen Beatles-Kapitel. Ich hätte es eher bei Bob Dylan im Folk/Rock-Kapitel vermutet, oder vielleicht bei Phil Spector oder Rue Morgue, 1960. Stattdessen also in dem Kapitel, vor dem es Cohn am meisten gegraut hatte, weil schon damals alles über die Fab Four geschrieben schien.

Das Wort taucht im Zusammenhang mit Stu Sutcliffe auf, dem früh verstorbenen Ur-Beatle, der stets Sonnenbrille trug, auch bei Dunkelheit, und der, so Cohn, Image von Natur aus war. Ihm gebührt das Wort, das Wort lautet sophisticated.

HIER ISSES! rief ich überwältigt und trug es laut vor.

Na Gottseidank, seufzte die Gräfin.

*

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