Fakten auf den Tisch (21) – Die Gräfin über Deutschland

Boxen muss leidenschaftlich sein, das müssen kuriose Typen sein im Ring, nicht so durchkalkuliert wie Henry Maske oder unsere beiden ukrainischen Groß-Rehe.. wie heißen die noch, die Klitschkos, genau. Das sind eigentlich Hosenscheisser, Angsthasen sind das. Null Leidenschaft und immer Schiss, was auf die Nase zu kriegen, das ist ihr Motor im Ring. Dieser Art Boxen kann ich nichts abgewinnen. Aber die Deutschen stehen drauf. Die Deutschen stehen auf Angst, die jubeln der Angst zu. Hitler hatte auch Angst. So eine kleine graue Gestalt, so ein totalitäres Wrack, das selber Angst hatte vor der großen weiten Welt und diese Angst mit Größenwahn kompensierte – ich meine, keiner anderen Gestalt haben die Deutschen mehr zugejubelt im zwanzigsten Jahrhundert als diesem Hosenscheisser.

Manchmal glaube ich, das deutsche Volk fürchtet sich jetzt schon vor dem Moment, wo es wieder einen Adolf Hitler braucht.

Weisst du, was das schlimmste ist? Nein? Als Deutsch-Italienerin bin ich quasi doppelt geschlagen, mit Hitler und Mussolini.

Heil, Bella!

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Die Bildschirme von Cherbourg (489)

Wer den halben Tag am Bildschirm verbringt, der kennt das. Man steht abends im Supermarkt und ertappt sich dabei, wie man eine Dose Thunfisch mit dem Cursor aus dem Regal holen will, und das Angebot der Woche versucht man per Copy & Paste aufs Band zu hieven. Und wie der Zorn in einem hochkocht, wenn sich nichts bewegt. Oder sollte es sich hier um ein Touchscreen handeln? Du nimmst die Fischdose in die Hand, führst sie zum Einkaufswagen – und lässt sie fallen. Perfekt.

Es funktioniert.

Der Welten Gebell

Das Gebell mancher Strassenköter erinnert an Seehunde. Es klingt, als verschluckten sie das eigene Gebell, als wollten sie es zum Ursprungsort zurückreiten, ALLES ZURÜCK AUF START, über den Kehlkopf schnurstracks zurück in den Unterbauch, wo alles Gebell beginnt. Das sind die Seelenhunde.

Man erkennt sie an ihrem Gebell.

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Im Coppel-Park, keine hundert Schritte entfernt, sind Goldwespen zu Hause, kleine Fledermäuse, Stockenten und ein junger Fischreiher, der aber nur sporadisch auftaucht. Seine Flügel werfen Schatten, wenn er über uns hinwegsegelt, so groß ist er.

Ein furchtloser Bursche, ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger. Der alte Fischreiher war bedächtig, er war vorsichtig, man durfte sich ihm nicht nähern, schon schwang er sich auf und verschwand.

Einmal verfolgte ich seinen Flug. Er drehte eine ausladende Runde über den Park und landete auf einem der gegenüberliegenden Hausdächer. Psst, sagte ich zum Hund und bewegte mich auf die Häuserzeile zu, deren Rückfront zum Park zeigt. Davor liegen die Gartenparzellen der Mieter, Blockhütten, Blumenrabatte. Es dauerte seine Zeit. Den Fischreiher liess ich nicht aus den Augen, bei jedem Schritt vergewisserte ich mich, dass er noch hoch oben auf dem Dachfürst stand, bewegungslos zeichnete sich seine Silhouette gegen den Himmel ab. Als wir uns bis auf dreißig Meter genähert hatten und stehen blieben, entdeckte ich, das es nur ein Wetterhühnchen war. Oder wie die Viecher heissen.

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Irgendwo in Parknähe gibt es eine rege Szene von Bookcrossern, die ständig Bücher freisetzen, wie sie das nennen, in Gefrierbeuteln verpackt gegen die nasse Witterung. Schundromane zumeist, aber gelegentlich ist auch mal ein Treffer darunter. Der wird sofort verhaftet und landet bei uns daheim auf dem Küchentisch und wird so schnell nicht wieder freigesetzt, wie es seine Bestimmung wäre, nach Lehrmeinung der Bookcrosser.

“Aber irgendwann muss so ein Buch auch mal ankommen dürfen”, meint die Gräfin weise und ich nicke angetan. Das hat sie schön gesagt.

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Da freut man sich ja immer, wenn man durch die Anlagen geht und beobachtet Kinder, die Sachen spielen, die man selbst als Kind schon gespielt hat. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann, Völkerball. Das ist natürlich nostalgischer Blödsinn. Sollen sie doch neue Spiele erfinden. Wer hat Muffen vorm weißen Vollweib.

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“Du bist manchmal so erschreckend nüchtern, da möchte ich schreiend weglaufen”, meint sie und hält inne. “Dabei war ich mal so ein nettes Mädchen.”

Ich erkenne nicht ganz den Zusammenhang, zumal ich ihr bloß von einem alten Weinpenner erzählt hab, der mir im Park begegnet ist und der so geheimnislos nach Pisse stank.

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Abends sammeln sich die Enten am Teich und tuscheln. Ein Erpel lacht auf, laut und unverschämt. Manchmal wird daraus auch ein Mannschaftsschnattern.

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Eigentlich mag sie dieses ganze Säugetierdasein nicht.

“Diese neun Monate Daumenlutschen in einem dominanten Muttertier sind irgendwie.. wie soll ich sagen, anstrengend und auch ein bißchen eklig. Auch faszinierend, mit der ganzen Nabelschnur und alles, klar, dolle Geschichte, aber so als Pflanze heranreifen, das ist doch viel ordentlicher”, sagt sie.

“Oder als Ei.”

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“Meinst du, wir haben noch zwanzig Jahre Zeit?”

Sie hat gelesen, dass man 25 Jahre braucht, um sein Ziel zu erreichen, und fünf Jahre sind schon um. Eher sechs oder sieben. Die wir uns schon bemühen.

“Noch zwanzig Jahre, hm, könnte eng werden”, sag ich, “aber wenn wir Glück haben.. viel Glück,  dann .. ja, könnte es klappen.”

Aber sie ist schon woanders. Sie hat in der Küche zu tun. Sie blanchiert Kohl.

“Kannst du mal drei Minuten auf die Uhr gucken?”

Ich schau auf die Uhr.

“Wann? Jetzt?”

“Na.. ab jetzt.”

Drei Minuten. Zwanzig Jahre. What a difference a day makes. Das Blanchieren von Zeit.

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“Ich versuche Talkshows voll zu vermeiden, weil ich mich dabei doch nur aufrege. Weil die ganze Quasselei nur mein Weltbild bestätigt, das ich nicht bestätigt haben will. Während du dich über so was amüsierst. Für dich ist das wie ein Zoobesuch. Du hast ja früher auch Aktenzeichen XY geguckt. All diese furchtbaren Menschen.”

- Die Gräfin -