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Kettenhunde

11. Januar 2013

Auf dem Heimweg nehme ich die Abkürzung über den Friedhof. Gegenüber der kleinen Kapelle hockt eine Gestalt auf der Bank, die sich den Schweiß aus dem Nacken rubbelt. Irgendwie kommt mir die Bewegung bekannt vor, dieses emsige daran. Ist das ein Handtuch? Ist das der Becks? Das kann nur der Becks sein. Oder ein riesiges Eichhörnchen.

“Na Scheiße”, ruf ich, “der Becks..! Was machst du denn hier? Auf dem Friedhof! Nach Zahngold buddeln?”

Er stöhnt.

“Alter. Ich war gestern voll wie ein Treteimer. Wodka gesoffen, mit den Russen und dem Saarländer.”

Becks reicht mir die verschwitzte Hand. Er schwitzt immer, ich kenne ihn gar nicht anders. Im Sommer geht er nie ohne Handtuch vor die Tür.

“Wo ist dein Hund?”

“Zu Hause”, sag ich und setz mich zu ihm. “Und du? Gestern gefeiert?”

“Ach was, gefeiert.. Ich weiß kaum, wie ich nach Hause gekommen bin. Angeblich hat mich der Saarländer ins Taxi gesetzt, dem Fahrer Kohle in die Hand gedrückt und gesagt, hier, fahr den Sack zum Katternberg elf, zweite Klingel unten.”

“Na, ist doch okay. Oder nicht.”

“Nee, ist nicht okay. Weil der Sauhund mir vorher die Brieftasche gezockt hat, die ganze Kohle, alles weg..”

“Hm, na. Das ist nicht okay. Wieviel war drin?”

“Ein Fuffie bestimmt, ‘n dicker Fuffie. Nur den Zehner fürs Taxi hat er mir gelassen. Aber der Sausack weiß genau, dass er mir die nächste Zeit besser nich unter die Augen tritt, sonst setzt es ne Schelle, glaub mir das.”

Wenn Becks Schellen anspricht, dann meint er solche in Großformat, in Metall gegossen. Also mehr so Glocken. Massive Gongs, wie aus dem Kölner Dom.

“Den mach ich platt, den Sauhund, glaub mir das.”

Glaub ich ihm. In den frühen Neunzigern hat Becks sechsunddreissig Monate in Simonshöfchen auf Endstrafe abgesessen, weil er einer ganzen Reihe von Leuten Schellen, Ohrfeigen und Gongs verpasst hat. Es geschah durchweg im Suff, wenn man ihn geärgert hatte und er jähzornig wurde. Dann knallte es wie eine Brötchentüte, und irgendwer lag in der Ecke und weinte.

Aber am nächsten Morgen hatten alle was zu erzählen. Herrliche Stories, Stories von früher. Stories von heute sind auch gut, na klar, aber früher.. war irgendwie mehr los. Überall knallten Brötchentüten und irgendeine arme Socke lag immer in der Ecke und weinte, da konnte man hergehen, wo man wollte. Andererseits meinte schon mein Großvater, früher wär mehr los gewesen. Und mein Vater meinte das auch.

Irgendwie denkt jede Generation, früher sei mehr los gewesen. Schon in der Jungsteinzeit saßen die Alten am Kamin und trauerten der Altsteinzeit hinterher, als es noch Mammuts gab zum Jagen und Abstechen und niemand das Landbrot mühsam aus der Eifel herbeischaffen musste. Und was werden die Leute einst sagen, wenn 2060 im Web-TV genmanipulierte Neon-Babies als Quizgewinn ausgelobt werden?

“Früher war aber mehr los.”

So gesehen bricht ständig für irgendwen die goldene Ära an, die später als früher in seine Geschichte eingehen wird, als noch was los war. Als es noch gong gemacht hat, wenn dem Becks der Kragen platzte. Das ist auch der Grund, warum so viele Geschichten in diesem ominösen Königreich namens FRÜHER spielen, das jeder so, wie es ihm gefällt, regiert. Selbst die Zukunft ist im Grunde nichts anderes als ein vorweggenommenes früher. Und die Gegenwart wird schneller früher, als der Morgen naht.

O ja, früher ist eine prächtige Monarchie.

Becks öffnet seinen Rucksack und holt eine Flasche Almdudler raus. Ich seh Alufolie, ein verknülltes Handtuch. Er nimmt einen kräftigen Schluck gegen den Nachdurst und rülpst so laut, dass die Krähen von den Bäumen flüchten. Dann setzt er seine grüne Militarykappe auf.

“Die ist noch von der Bundeswehr, uralt das Ding.”

“Du warst beim Bund?”

“Nee, nicht wirklich. Obwohl ich mich schon verpflichtet hatte, für vier Jahre.”

“Becks, dass du beim Bund warst, wusste ich nicht.”

“War ich ja auch nicht! Aber die wollten mich haben, mit Achtzehn. Als Gebirgsjäger, Zeitsoldat für vier Jahre. Blöd und jung wie ich war, hatte ich meine Unterschrift unter den Vertrag gesetzt, ohne richtig durchzulesen, ich wollte bloß weg von zu Hause, weg von meinem Alten. Danach hab ich von den Brüdern nichts mehr gehört, sieben Jahre lang, ohne Scheiss. Ich war schon sechsundzwanzig, als mir der Stellungsbefehl doch noch ins Haus flattert. Antrittstermin, das Datum werd ich nie vergessen: zweiter Januar 1989. Einen Monat vor meinem 27. Geburtstag. Danach hätten die mich nicht mehr einziehen können, verstehst du.”

Er nimmt einen Schluck Almdudler und rülpst.

“Es sprach der Bass”, sagt er fröhlich und imitiert eine Werbung. “Der Power Acoustik Super Bass.” Eine Spur Wodka flirrt durch die Luft. Und kalter Knoblauch. So Reste.

“Antrittstermin war der 2. Januar 89. Oder 88″, sinniert Becks, einer der letzten großen orthodoxen Trinker in unserer Stadt. “Ja, zweiter Januar 88, kann auch sein. 88 oder 89.. Ich glaub, 89. Klar, 1989. Oder 88. Weiss nicht mehr. Jedenfalls hatte ich überhaupt nicht mehr mit denen gerechnet, ich dachte, der Drops wär längst gelutscht, aber dann kam die Einberufung für den zweiten Januar.. ich mein, wie schräg muss einer drauf sein, um Rekruten zum zweiten Januar einzuziehen?! Da ist der Trouble doch vorprogrammiert, zwei Tage nach Silvester, oder nicht. Die suchten den Gong doch förmlich. Arschgeigen.”

“Und?”

“Und was?”

“Warst du jetzt vier Jahre beim Bund?”

“Bist du bescheuert?! Aber das war nicht einfach, da rauszukommen. Versuch das mal als Zeitsoldat, wenn du schon unterschrieben hast, das kannst du vergessen, auch wenn du den Dienst noch gar nicht angetreten hast.”

Wir schreiben also ungefähr den zweiten Januar 1989, als Becks von Tangemann, einem guten Kumpel, zur Kaserne nach Mönchengladbach gefahren wird, direkt bis vorn ans Tor.

Oder 1988.

“Wart ne Viertelstunde, hab ich zum Tangemann gesagt. Bleib im Wagen und warte. Ich hatte so ein flaues Gefühl, mal abgesehen vom Silvesterkater. Ich also rein in die Kaserne. Noch reichlich Pernod und Koks intus, unbekokst bin ich damals ja gar nicht mehr aus dem Haus gegangen, ich wusste überhaupt nicht mehr, wie Bäume riechen oder ne verdammte Möhre, so kaputt war mein Zinken vom Koksen. Na, ich also rein in die Kaserne, steht da ein kleiner Uffz, ein Männeken von Unteroffizier. Ich grüß noch nett, FROHES NEUES JAHR!, bißchen laut vielleicht, war ja gut drauf, vorher mit Tangemann im Wagen noch ein Näschen gezogen, da blökt der Uffz zurück, was mir denn einfällt, von wegen Schönes neues Jahr, ich wüsste wohl nicht, wo ich wär! Sicher, hab ich gesagt, beim Bund, sieht man doch, ist ja nicht zu übersehen, da ist der Knabe explodiert. SIE STEHEN JETZT STRAMM UND GRÜSSEN ORDENTLICH, SONST ORDNE ICH SIEBEN TAGE BAU AN! Aber das schlimmste: Der betatscht mich die ganze Zeit. Der steht vor mir und tippt dauernd mit dem Zeigefinger auf meine Brust.. das kann ich ja nun gar nicht ab.”

Becks erhebt sich von der Bank und demonstriert die Szene.

“Hier, so.”

“Pff..”, sag ich, als würde Luft entweichen.

“Genau, pff! Hab ich auch gedacht! Wenn ich was nicht ab kann, dann wenn mich einer antatscht. Ich sag also zum Uffz, he, lass das lieber, pack mich besser nicht an, das gibt Trouble, doch der Knabe hört einfach nicht auf, der gräbt mich weiter an, der tippt mir auf der Brust rum, als wär ich seine scheiß Klingelleiste, also, was sollte ich machen, hab ich ihm ne Schelle verpasst, Alter, da hat aber die Tapete geflattert, den ganzen Gang hoch. Ich mein, was sollt ich machen, der hat nicht aufgehört mich zu betatschen. War nicht meine Schuld.”

“Ist ja nicht deine Schuld, wenn der nicht die Finger bei sich behalten kann”, stimme ich zu. “Natürlich nicht.”

“Da lag der Uffz in der Ecke, die Nase zweimal gebrochen und am winseln, der schien wirklich beeindruckt. Ich dreh mich um und hau ab, latsch einfach raus aus der Kaserne und sag zum Tangemann, gib Gas, Alter, lass uns losmachen, und dann sind wir die nächsten zwei Wochen erstmal in Amsterdam versackt. Tangemann hatte ja noch die paar Flocken Abfindung auf der Tasche, vom Gerüstbau, weisst du..”

Keine Ahnung, wovon Becks spricht, aber so war das nun mal in den 80ern. Früher. Da wurde nicht viel Federlesen gemacht, auf keiner Seite. Man wusste genau, wo der Feind stand und wie er aussieht und welche Sprache er spricht. Problematisch wurde es nur, wenn man beim Feind einen Vertrag unterschrieben hatte, weil man jung war und nicht nachgedacht hat. Dann stand man plötzlich beim Feind unter Vertrag. Bei Bayern München. Das war nicht gut.

“Danach ging der Scheiß erst richtig los, danach hatte ich die Kettenhunde auf den Fersen, einundzwanzig Monate lang. Fast zwei Jahre. Die haben nicht locker gelassen.”

“Kettenhunde..? Du meinst die, na.., wie heissen sie noch..?”

“.. ja.. ich komm auch nicht drauf, die.. die harten Spürnasen vom Bund.. wie heißen die noch, verdammt.. die Kettenhunde.. die..”

“.. FELDJÄGER!”

“Genau! DIE FELDJÄGER!! DIE KETTENHUNDE!”

Zwei hochbetagte Damen, adrett zurecht gemacht mit weißer Bluse und das Mäntelchen ausgeklopft, nutzen den sonnigen Tag, um auf dem evangelischen Abschnitt des Friedhofs die Gräber ihrer verstorbenen Gatten zu pflegen. Auf dem Weg zur Wasserstelle, wo die Gießkannen hängen, kommen sie an unserer Bank vorbei und grüßen freundlich. Becks und ich, vom alten Schlag, grüßen zurück. Wir wohnen schließlich alle im selben großen Land. Da hat man nett zu grüßen.

“Wenn einen die Feldjäger erstmal auf der Rechnung haben, bist du geliefert, die lassen nicht locker”, fährt Becks fort und holt das Handtuch aus dem Rucksack. “Die kamen immer zu dritt. Vor allem der Anführer, so ein Langer, hat das richtig persönlich genommen, wenn ich denen wieder durch die Lappen gegangen bin. Aber weisst du, wer mich vor den Kettenhunden mal bewahrt hat, in allerhöchster Not?”

Becks wischt sich durch den Nacken.

“Scheisse, bin ich am ölen.. Hier, der Max vom Mumms.”

“Der Max?”

“Ja, der Max. Glaubt man nicht, wa?”

Max hat früher im Mumms gekellnert. Moment. Er war der Wirt. Der Chef. Ihm gehörte der Schuppen.

“Da kommen die drei Kettenhunde abends ins Mumms, in voller Kampfmontur, und ich steh ganz hinten in der Ecke, neben der Zapfanlage und kann mich in letzter Sekunde wegducken.. Scheiße, die Kettenhunde, sag ich zum Max, und was macht der? Bringt mich heimlich runter in den Keller, steckt mich in ein leeres Bierfass, Deckel drauf, fertig.. Zwei Stunden hab ich da drin geschwitzt und kaum Luft gekriegt, bis die Brüder weg waren. Wie im Kino.”

“Das hätte ich dem Max gar nicht zugetraut”, sag ich anerkennend.

Becks öffnet einen kleinen Jägermeister. Ein Eierköhlchen.

“Frühstück.”

Auf ex. Eine Weile hat er nun ziemlich grünen Schlammassel am Mund. Kleine Pause. Die Luft tut gut. Ob das doch noch Winter wird dieses Jahr?

“Ein anderes Mal haben die mich beinah gestellt, da hab ich bei nem Kumpel übernachtet, beim Galla..”

“Beim Galla..??”

“Beim Galla, ja. Kennst du den noch?”

“Den bekloppten Galla, na klar. Wenn der auf Koks war, sprang er immer auf wie ein Teufelchen und brüllte: ICH BIN UNHEIMLICH WEISS..”

“.. UND ICH KOMME AUS DEM BETON!! GENAU! DER HALLI GALLI GALLA!”

Die beiden alten Damen lächeln zu uns rüber, während sie den Kies harken und frisches Heidekraut und Primeln setzen.

“Ich werd also beim Galla wach, mitten in der Nacht, und hör Geräusche aus dem Hausflur. Die marschierten ja immer im Gleichschritt, die drei Kettenhunde, immer die Treppe hoch mit ihren schweren klirrenden Stiefeln, als wären sie allein auf der Welt, die Blödmänner. Da kommen die drei Kettenhunde, hab ich zum Galla gesagt. Ach Quatsch, woher sollen die wissen, dass du hier bist. Sicher, hab ich gesagt, das sind die Kettenhunde, jede Wette, ich muss weg. Ich hab immer in voller Montur geschlafen, damit ich schnell wegkam – ich also ruckzuck in die Küche, da war ein kleines Fenster, wo ich so eben noch durchpasste – ich hatte damals gut dreißig Kilo weniger drauf, da ging das noch.”

Er klopft auf seine Wampe, und wieder liegt dieses stramme Wodka-Flirren in der Luft, wie ein kleiner fliegender Teppich, der nicht wegfliegt. Der einfach in der Luft stehen bleibt und streng müffelt.

“Moment mal”, sag ich, “wohnte der der Galla nicht Kurfürstenstrasse, in den Altbauten?”

“Genau, Kurfürstenstrasse! Erdgeschoss rechts. Ich zwing mich also gerade durchs Küchenfenster nach draußen, da wichsen die Kettenhunde schon die Wohnungstür ein. Ich meine, die klingeln ja nicht höflich, Guten Tag, ist Herrn Zorrmann zu sprechen..”

“Nee, natürlich nicht. Wär ja auch blöd.”

“Ja, aber lustiger. Jedenfalls, direkt gegenüber vom Küchenfenster, vielleicht einen Meter höher, war das Garagendach, da hab ich mich hochgezogen. Na ja, mehr geschwungen. Du glaubst gar nicht, was du für Kräfte entwickelst, wenn du auf der Flucht bist. Das Adrenalin pumpt und peitscht durch den Körper, du bist Superman und Batman und Spiderman und der grüne Hulk, alles zusammen, sonst wär ich doch nicht hoch aufs Dach gekommen, verstehst du. Ich also oben auf dem Garagendach, mitten in der Nacht, nur mit dem bisschen Licht unten aus der Küche. Ich hab das Bild noch vor mir, davon träum ich heute noch, das war Popcorn-Kino vom feinsten, Alter, wie die drei Kettenhunde hinter mir sind und mich fast am Hosenbein erwischen, aber ich trete und trample denen auf die Finger, damit die sich nicht aufs Dach hochziehen können, immer auf die Finger, wie Würstchen sahen die Finger aus, zappelnde Würstchen aus der Muppets-Show.”

Becks ist aufgestanden und tanzt herum, wie ein Derwisch.

“Und dann, plötzlich, ist Sense. Stille, nichts mehr. Ich weiss nicht, warum, aber die haben sich zurückgezogen. Da bin ich losgepeest übers Dach und mit einem Riesensatz auf nächste Dach, runter in den Hof und ab durch die Mitte.”

“Rififi.. über den Dächern von Nizza”, pfeife ich anerkennend. “Und die Kettenhunde? Was war mit denen? Warum kamen die nicht hinterher?”

“Keine Ahnung. Ich hab nichts mehr von denen gehört oder gesehen. Nie wieder.”

Er nimmt den letzten Schluck Almdudler und wirft die leere Pulle in den Mülleimer.

“Yepp.”

Ein lässiger Korb. Und den leeren Jägermeister hinterher.

“Wieso nie wieder?”

“Die haben den Fall an die Bullen übergeben. Ich wurde ja nicht nur gesucht wegen Fahnenflucht, sonder auch wegen Körperverletzung. Und dann haben die mich ganz unspektakulär einkassiert, da war ich gerade zu Besuch bei meinen Eltern und hatte ein Stück Torte auf der Gabel. Das war richtig peinlich. Schwarzwälder Kirsch. Hab ich seitdem nie wieder angepackt, so Sahnezeugs. Na ja, die nächsten Tage hat die Schmiere mich nicht mal unbeobachtet pissen lassen, bis ich in U-Haft war.”

Becks macht sich lang und streckt seine Knochen. Es knackt, als öffne sich irgendwo ein morsches Grab. Die beiden Mütterchen halten beim Harken inne und lächeln selig in unsere Richtung. Ich sitz noch einen Moment dumm in der Geschichte herum, dann steh ich auf.

“Scheiße, hab ich einen Brand”, meint Becks.


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