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Das Ohrfeigengesicht

23. Januar 2013

Ich fuhr mit der Linie 3, als am Central Jack zustieg. Jack, der Junkie. Hände wie ein Werkzeugmacher, eine Stimme wie ein Bierhaufen im Hals. Ob ich das vom Ohrfeigengesicht schon gehört hätte. Nee, wieso. Na, der wäre ja jetzt auch tot.

Erst wusste ich nicht genau, wer mit Ohrfeigengesicht gemeint war, dann störte ich mich am auch tot, wieso auch tot? Wer war denn noch tot? Bekam ich überhaupt noch was mit? Lebte ich noch in dieser Stadt?

Immerhin, den Namen Ohrfeigengesicht hatte ich schon gehört, der war ja auch einprägsam, unverwechselbar eigentlich, aber welches Gesicht gehörte zu dem Namen? Ich grübelte. Mein Namensgedächtnis ähnelte zunehmend einer tiefen Grube, in der im Laufe der Zeit ganze Kasernen von Namen verschütt gegangen waren, hohe Mietskasernen mit doppelt und dreifach Klingelleisten. Zurückgeblieben waren bloß Namensschildchen, die nun lose im Gedächtnis-Schutt lagen, ohne Verbindung, ohne Geschichte. Sinnlos.

Und ausserdem:

Waren die Straßen nicht voller Ohrfeigengesichter und anderen abgewatschten Visagen? JETZT MIT NOCH MEHR MONSTERN!? Eine visuelle Gesamtstörung, die besonders Menschen auffiel, die von ausserhalb kamen und erschreckten, was sich hier im Stadtbild alles tummelte, ohne weggesperrt zu werden??

“Moment mal.. das Ohrfeigengesicht. War das nicht der Typ mit Zopf, der Spüli verkauft hat als Codein und dafür beinah abgestochen wurde..?”

“Nee, das war der Saarländer. Das Ohrfeigengesicht war der Typ auf dem Mofa, den kanntest du auch, den kannte jeder. Der saß immer steif auf dem Mofa, wenn er zum Hilten kam.”

“Hm. So kerzengerade?”

“Genau der.”

Ein komischer Kauz. Er kam jeden Morgen auf einer alten Zündapp zur Praxis von Doc Hilten geknattert, um Methadon abzuschlucken. Danach setzte er sich aufs Mofa und fuhr wieder nach Hause. Was anderes tat er nicht, jedenfalls wurde er nie bei etwas Anderem gesehen, bis auf Metha abschlucken und Mofa fahren. Ein gedrungener bulliger Typ, der niemals lachte und so steif ging, als wäre er zu lange bei der Fremdenlegion gewesen, ohne geschissen zu haben.

Den wahren Grund seiner Steifheit erfuhr ich erst jetzt, im Bus der Linie 3, in Höhe Wasserturm. Jack erzählte, wie dem Ohrfeigengesicht bei einem schweren Verkehrsunfall beinahe das Rückgrat weggebrochen war. Seitdem trug er dieses medizinische Korsett, das zu dieser ungemütlichen Körperhaltung führte.

“Eigentlich hätte der nicht mehr Mofafahren dürfen. Der konnte sich kaum noch auf der Karre halten, mit all den Schrauben und Eisen im Kreuz. Der war eine Ruine.”

Ich versuchte mir das Gesicht vom Ohrfeigengesicht vorzustellen, also ohne Helm, was nicht so einfach war, da der Bursche den Helm fast nie abgenommen hatte, als er noch lebte. Er klappte  einfach das Visier hoch, wenn er mit jemanden sprach, und nuschelte monoton ins Futter.

“Leg doch mal endlich den fuck Helm ab!” hörte ich einmal, wie ihn sein Gegenüber anpflaumte, “ich versteh dich nicht!”, doch das schien das Ohrfeigengesicht nicht zu berühren. Und wer ihn je ohne Helm erblickt hatte, der verstand auch, warum: Er sah aus wie Mickey Rourke an schlechten Tagen. Als habe ein Kampfhund mit Riesenpfoten versucht, Mickey Rourke den Schlaf aus dem Auge zu reiben, und dabei gewaltig daneben gelangt.

Das Ohrfeigengesicht starb im Sommer 2009, als außer ihm noch drei weitere langjährige Junkies ihr Leben liessen, alles geschwächte Konsumenten. Erst hiess es, ungewöhnlich sauberer Stoff sei in Umlauf, dann stellte sich heraus, dass es mit der Qualität nichts zu tun hatte, nein, jeder der Drei war seinen eigenen Tod gestorben.

Längst nicht jeder Junkie stirbt an einer Überdosis. Eigentlich sogar die wenigsten. Es ist eher so, dass die Leute sich aufhängen, weil sie die Sucht nicht mehr ertragen, oder sie bekommen Krebs wie jeder andere Mensch auch. Sie sind müde und schlafen ein und werden am Morgen nicht mehr wach, von einem Gehirnschlag überrascht. Oder sie ersticken, so wie es Jack beinahe mal passiert war.

Ende der 90er Jahre, nach der 37. Strafanzeige wegen Ladendiebstahl, kleineren BTM-Vergehen und Urkundenfälschung brummte ihm der Richter dreissig Monate auf, ohne Bewährung.

“Die Milleniums-Party fand für Jack in der JVA Bochum statt”, erzählte Jack.

Zur Feier wehten weiße Bettlaken aus den Zellenfenstern und wurden abgefackelt. Da dachte Jack, gerade angekommen, ich zeig den Knackis mal, was eine Harke ist, und bereitete ein dickes Ding vor. Er nahm die Matratze vom Bett und quetschte sie unter erheblichem Aufwand zwischen den Gitterstäben hindurch und zündete sie an. Nicht gerechnet hatte er mit der leichten Brennbarkeit von Matratzen und der immsensen Rauchentwicklung. Während vorm Fenster ein Teil der Matratze lichterloh brannte und von den Gefangenen lauthals gefeiert wurde, zog der Rauch ungehindert nach hinten in die Zelle ein.

Und wären die Nachtschliesser nicht gewesen, die seine Hilferufe ernst nahmen, wäre Jack in der Silvesternacht jämmerlich erstickt, wie er zwischen zwei Haltestellen beteuerte.

Immerhin, das Ohrfeigengesicht erwischte noch den klassischen Junkietod. Er hatte sich spätabends im City-Parkhaus nahe der alten Bullenwache den Schuss zur Nacht gesetzt und war daran krepiert, mehr war nicht zu erfahren. Und es interessierte auch keinen. Bis auf den einen oder anderen Fahnder vom Rauschgiftdezernat eventuell, aus statistischen Gründen.

Angekommen im Zentrum stellte ich Jack die Frage, die mir die ganze Zeit auf der Zunge brannte.

“Sag mal, wieso hiess der Kerl Ohrfeigengesicht? Ich mein, der sah auch nicht abgewatschter aus als andere.”

Ben Jakubeck, genannt Jack, gegerbte Haut und im Gesicht ein Zinken wie ein unfreundliches Geschlechtsteil, glotzte verständnislos.

“Warum der so hiess? Keine Ahnung. Vielleicht weil der Arsch so scheiße aussah, oder wie?”

Na schön, nun war der Mann ja tot und ich konnte mich nicht erinnern, je ein Wort mit ihm gewechselt zu haben, doch als ich mir sein Gesicht vorstellte, dieses übelgelaunte vernarbte Gelände, das sich hinter dem ewigen Mofahelm verborgen hatte, da musste ich Jack Recht geben.

Verdammt, ja.

Das Leben und seine Motive waren kompliziert und undurchschaubar wie immer, und ein totes Ohrfeigengesicht war ein totes Ohrfeigengesicht, fertig, aus.


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