Faustkampf

Ein, zwei Jahre vor ihrem Tod fragte Mutter, ob die Gräfin und ich auch Boxen gucken würden.

“Wie, Boxen?”

“Na, Boxen! Hier, bomms, was auf die Mappe. Der Klitschko boxt doch heut Abend.”

Sie stand vor mir, knapp 80jährig, mit einem schlimmen Buckel, und tat so, als verpasste sie mir einen Faustschlag. Sie feixte.

“Der Papa und ich gucken jedes Mal zu, wenn der Klitschko wieder einen einmacht.”

“Welcher Klitschko? Der junge oder der alte?”

“Ist doch egal. Wer gerade dran ist. Sind doch beide vom gleichen Schlag.”

Sie litt unter Osteoporose. Die Knochen waren so morsch mittlerweile, sie musste beim kleinsten Stolpern fürchten, dass die Beine brechen. Sie wog wenig mehr als fünfzig Kilo und wurde immer kleiner und krummer. Wenn sie in der Küche Geschirr aus dem Wandschrank holen wollte, musste sie auf ein Fußbänkchen steigen, wie ein kleines Mädchen. Eines Tages, das ahnten wir alle, würde Mutter einfach verschwinden von der Bildfläche.

“Boxen kommt doch immer.. so spät”, sagte ich, immer noch überrascht.

“Na und, wir können sowieso nicht vor Mitternacht schlafen. Und wenn wir doch mal müde sind, stellen wir den Wecker.”

Angeblich verpassten meine Eltern keinen einzigen Kampfabend, an dem eines der beiden ukrainischen Groß-Rehe beteiligt war, bis zu dem Tag kurz vor Weihnachten, als Mutter ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Gestern besuchte ich meinen Vater. Während er Teewasser aufsetzte, las ich in der Fernsehzeitung, dass bei den Klitschkos wieder mal ein Kampftag ansteht.

“Sag mal, stimmt das wirklich, dass ihr soviel Boxen geguckt habt, Mutti und du?”

“Ja klar stimmt das. Aber das war auf Mutters Mist gewachsen. Eines Tages fing sie damit an, sie wollte unbedingt den Klitschko sehen. Den jüngeren glaub ich. Boxen war das einzige Mal, wo Mutter den Stuhl ganz nah an den Fernsehapparat schob, damit sie ja nichts verpasste.”

Auch wenn ihr Tod fast zwei Jahre her ist, es macht mich immer noch baff. Schliesslich war Mutter nie besonders sportlich. Ausser in ihrer Jugend, da lief sie in der 4 x 100 Meter-Staffel, als Kurvenläuferin. Die Staffel war so erfolgreich, dass sie bei den Deutschen Schulmeisterschaften in Breslau startete, in den späten 30er Jahren. Aber damit war ihre sportliche Laufbahn praktisch beendet, und im Fernsehen verfolgte sie so gut wie gar keinen Sport. Was sollte das also mit dem Boxen? Ich kam nicht dahinter.

Wieder sah ich Mutter vor mir, diese zum Schluss so gebeutelte, ja ratlose Person, krumm wie ein Komma und so schwach, dass sie es kaum noch die Treppe hoch schaffte. Und plötzlich verstand ich. Natürlich..! Sie wollte kämpfen. Sie wollte sich nicht unterkriegen lassen. Sie bot dem Tod die Stirn, ein allerletztes Mal. Und weil sie selbst kaum noch die Kraft dazu hatte, mussten Stellvertreter in den Ring. Vitali und Wladimir. Sie boxten um ihr Leben.

Ich ballte die Faust.

Fakten auf den Tisch (21) – Die Gräfin über Deutschland

Boxen muss leidenschaftlich sein, das müssen kuriose Typen sein im Ring, nicht so durchkalkuliert wie Henry Maske oder unsere beiden ukrainischen Groß-Rehe.. wie heißen die noch, die Klitschkos, genau. Das sind eigentlich Hosenscheisser, Angsthasen sind das. Null Leidenschaft und immer Schiss, was auf die Nase zu kriegen, das ist ihr Motor im Ring. Dieser Art Boxen kann ich nichts abgewinnen. Aber die Deutschen stehen drauf. Die Deutschen stehen auf Angst, die jubeln der Angst zu. Hitler hatte auch Angst. So eine kleine graue Gestalt, so ein totalitäres Wrack, das selber Angst hatte vor der großen weiten Welt und diese Angst mit Größenwahn kompensierte – ich meine, keiner anderen Gestalt haben die Deutschen mehr zugejubelt im zwanzigsten Jahrhundert als diesem Hosenscheisser.

Manchmal glaube ich, das deutsche Volk fürchtet sich jetzt schon vor dem Moment, wo es wieder einen Adolf Hitler braucht.

Weisst du, was das schlimmste ist? Nein? Als Deutsch-Italienerin bin ich quasi doppelt geschlagen, mit Hitler und Mussolini.

Heil, Bella!

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