Mit ‘Drachenjagen’ getaggte Artikel

Heroinrauchen

4. November 2011

In der Szene, in der ich mich bewegte, fixte kaum jemand. Wir hatten keine Lust im Hochsommer mit einem Loch im Arm durch die Gegend zu rennen. Wir wollten breit sein, und trotzdem gut aussehen.

Wir wollten keine Fixer sein.

Wir wollten unsere Ruhe haben. Die meisten Heroinkonsumenten wollen ihre Ruhe haben, wenn sie in die Jahre kommen. Vielleicht ein bißchen nett sein zu den Leuten, mit denen man zusammen abhängt, vielleicht ein bißchen Euphorie, wenn man ausnahmsweise mal gutes Pulver auftut, aber die richtig wilden Sachen, die man mit zwanzig auf Droge macht, finden schon zehn Jahre später kaum noch statt.

Ende der 80er Jahre grassierte eine neue Mode, die mir sehr gelegen kam. Die Leute begannen Heroin zu rauchen und sich damit statt den Venen die Lunge zu ruinieren. Da lag weniger am gepanschten Stoff, dessen Wirkstoffgehalt selten 15 % überstieg, es lag an der beschichteten Aluminiumfolie, auf der das Pulver erhitzt wurde.

Zwar flämmten die gewissenhaften unter den Heroinrauchern die Folie vor dem Rauchen ab, um die schädlichen Stoffe so gut es ging auszumerzen, doch die meisten User hatten dazu weder Lust noch Muße. Man war einfach zu geil aufs Breitwerden, um zuvor solch eine umständliche Lahme Enten-Aktion einzuschieben, die eine halbe Minute und länger in Anspruch nahm. Eine halbe Minute weniger breit war eine halbe Minute weniger breit!

Noch Fragen?

Es gab Blower, die sich gleich ein halbes Gramm aufs Blech packten, einen richtig kleinen Hügel aufbauten, Fool on the hill nannten wir das. Sobald das Pulver heiß wurde und sich verflüssigte und zur dunkelbraunen, nach bitteren Mandeln oder aufgekochten Wundpflastern riechenden dampfenden Pampe geworden war, liess man es über die Alufolie hin und her rollen, von links nach rechts, wie eine Schiffsschaukel auf der Kirmes, immer verfolgt vom Mundröhrchen, durch das der Rauch angestrengt eingezogen wurde: Ein Ritual, das weltweit als “den Drachen jagen” bekannt wurde.

Drachenjäger sind geduldige Leute.

Je nach Menge, die man sich aufs Alu streut, kann eine Prozedur zwanzig Minuten dauern bis nur noch ein öliger Klecks Heroin samt Streckmittel übrigbleibt, der in einer letzten gewaltigen Orgie von Qualm aufgeht und sich in die Lunge frisst, ein wilder zügelloser Moment, ein ultimatives Zumachen.

Allein das Schreiben darüber und die Erinnerung lässt mich nach hinten wegkippen und lang aufschlagen.

Dann gibt es die Punktraucher. Ringo war ein Punktraucher. Ringo hatte gerade 2 Jahre Haft hinter sich und jobbte in einem Elektronikfachmarkt. Er hatte echt was drauf, was Computer und IT anging. Ich traf ihn spätabends bei unserem gemeinsamen Bekannten Kilian, von dem ich bis zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung hatte, dass er ein gemeinsamer Bekannter von Ringo und mir war.

Als alles schon bereit zum Aufbruch war, fiel mir diese Bahn Alufolie in die Hand, über und über mit rußig-schwarzen, kaum nagelkopfgroßen Punkten bedeckt. Sie lag direkt vor Ringo auf dem Tisch.

“Was hast du denn da fabriziert?” fragte ich. Es sah nach einer ungeheuren Fleißarbeit aus. Vor lauter schwarzen Punkten war kaum noch die Aluminiumfolie darunter zu entdecken.

“Der Ringo ist Punktraucher”, meinte Kilian krächzend. Er lag schon auf der Matratze, die er sich aus dem Schlafzimmer rübergeschoben hatte, um nichts zu verpassen, jetzt wartete er nur noch darauf, dass wir endlich die Biege machten. Es ging ihm nicht gut. Er war schwer erkältet. Es war fast ein Witz: da war man bis zum Kragen voll mit Morphin, fing sich aber einen Schnupfen, der einen umhaute.

Schon am Tag zuvor, als Kilian vor mir die Treppe emporgestiegen war, kam er mir wie ein alter Käptn vor, wie er sich bewegte. Es fehlte nur der krummschnabelige Papagei, der dem Käptn auf der Schulter hockte.

“Hat der Glumm mal wieder nichts mitgekriegt, wah?” tönte Ringo und erklärte mir kurz das Wesen der Punktraucherei. Man streut nur wenig Pulver aufs Blech, gerade mal eine halbe Messerspitze. Es  ist eine reine Vorsichtsmaßnahme. Beim Blowen größerer Mengen passiert es immer wieder, dass man den aufsteigenden Heroindampf nicht zu 100 % erwischt und dass etwas daneben gerät, wenn man den Drachen jagt. Das ist doppelt ärgerlich.

Zum einen landet der Dampf nicht in den Lungenbläschen, wo er hingehört, zum anderen nicht im Röhrchen, das selbst aus Aluminiumfolie angefertigt wird, um das dort abgefangene, sich ablagernde Heroin nochmals rauchen zu können.

Und: Die Punktraucherei ist anstrengend. Anstatt die Schore auf dem Blech fröhlich hin und herlaufen zu lassen wie die Hügelbauer das machen, muss man immer wieder nachlegen. Es ist die reine Fließbandarbeit. Etwas für Stoiker. Ringo war tatsächlich der einzige konsequente Punktraucher, der mir je unter die Augen gekommen ist, und er gab es nach einer Weile ebenfalls auf. Genau wie ich stieg er vom Blowen aufs altbewährte Sniefen um.

Sniefen hatte den Nachteil, dass die Schleimhäute das Material erst verarbeiten und weiterreichen mussten, bis es endlich im Zentrum der Sucht andockte, und bis dahin vergingen gut und gerne zwanzig bis dreissig Minuten. Sniefen war eine langsame altmodische Geschichte. Vorteil: Die Wirkung hielt länger an.

Wenn die Blower schon wieder an ihren Vorrat mussten, (egal ob Punkt-oder Hügelraucher), hingen wir Nasenzieher und Schnupflieschen noch ganz entspannt im Sessel, mit dem Schädel auf die Lehne geknallt. Ach Kinder, war Sniefen nicht eine herrliche Angelegenheit?

Schade, dass ich es kotzeleid bin.

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Die Leute wissen gar nicht, was das für eine scheiß Arbeit ist, Junkie zu sein. Das ständige Geldauftreiben, das ständige Auf-Achse-sein, das Warten und Leuten hinterhertelefonieren, denen du Geld mitgegeben hast, das ständige Abgezocktwerden und selber Leute abzocken, der ewige Schiss vor den Bullen und der Untersuchungshaft – und wofür? Nur, um nicht von jetzt auf gleich aus dem Himmel zu fallen und dir die Seele aus dem Bauch zu kotzen.

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