Zeit zum Schreiben (2)

Wo ich schon mal in Ohligs war, brachte ich den Vertrag gleich persönlich rüber zum Arbeitsamt. Während ich darauf wartete, dass Vermittler Buntenbach von der Mittagspause zurückkehrte, sah ich mich in der fast leeren Wartezone einer imposanten Frau ausgeliefert. Sie sah aus, als wäre sie mit dem Kopf voran durch die Babyklappe gerauscht und hätte das Auffangbettchen durchschlagen, das Baby wog nämlich hundertzwanzig Kilo und war gut vierzig Jahre alt. Ein fataler Anblick. Sie saß auf mindestens zwei Stühlen und blätterte hektisch in einer Broschüre des Arbeitsamtes.

“Das wird immer schlimmer”, krächzte das Babyface, ohne den Blick aus dem Prospekt zu heben. Ich fragte mich kurz, mit wem sie überhaupt redete, doch da ausser mir niemand anwesend war, ging ich davon aus, dass sie mich meinte. “Früher durfte man so viel Hunde mitbringen, wie man wollte, kein Problem. Dann durfte nur noch einer mit rein und der andere musste draussen bleiben. Und heutzutage?” Sie stampfte mit dem Bein auf, und der Ständer mit den vielen ungelesenen Tipp & Tricks am Arbeitsmarkt vollführte einen kleinen Rittberger. “Heutzutage dürfen Hunde gar nicht mehr mit rein! Nehee! Muss ich zuhause lassen! Aber was glauben Sie, was los ist, wenn Mutti gleich heimkehrt. Die beiden Racker reißen mir doch die Bude ab, wenn ich zwei Stunden weg bin! Und wer bezahlt mir den Schaden, Nürnberg etwa? Der feine Missjöh Buntenbach?”

Die Scharniere des Stuhls jammerten, als sie ihren massigen Körper erhob. Sie wurde so laut, beinah schrie sie mich jetzt an.

“Die verbieten mir, meine Hunde mitzubringen, und wissen Sie auch warum?” Sie glotzte über den Rand der Tipps & Tricks hinweg. “WEIL DIE UNZUFRIEDEN MIT SICH SELBER SIND, DIE WEIBER, DESWEGEN! UND DER FEINE MISSJÖH AUS KÖLN AUCH!”

Ich war heilfroh, als mein Sachbearbeiter endlich aus der Pause zurück war. Er warf einen Blick in den Vertrag und stutzte kurz, als er die Spalte Arbeitszeit/Stunden erreichte, wo Filialleiter Hafner mit Bleistift eine “32″ eingetragen hatte.

“Wieso nur zweiunddreißig Stunden?”

“Weil die mich keine vierzig Stunden gebrauchen können”, log ich dreist, aber es kümmerte ihn ohnehin nicht. Hauptsache, ich war eine Weile aus der Statistik. Volle sechs Monate wurde ich nicht als arbeitssuchend geführt. Riesig. Dafür war Buntenbach beim Arbeitsamt angestellt. Das war sein Job, das war sein Leben. Ein Statistiksäuberer. Eine Reinigungskraft.

“So, Meister, am 1. Februar ist defintiv finis mit Feiern und Ausschlafen bis in die Puppen”, sagte er nicht ohne Genugtuung. Dabei schlief ich so gut wie nie aus, und das mit der Feierei war auch nicht mehr so doll. Eigentlich steckte ich in der ersten echten Krise meines Lebens, Literaturpreis hin oder her. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte.

Buntenbach senkte die Stimme, geplagt vom plötzlichen Tremolo seiner Augenlider.

“Sagen Sie.., die verrückte Dicke, sitzt die immer noch da draussen auf dem Flur?”

“Nee. Die steht jetzt.”

*

1. Februar, morgens, halb neun.

Der Bus bog schon in die Haltebucht ein, als ich unten aus dem Park trat und die Straße hinauf blickte. Ich musste einen Spurt hinlegen, damit der Fahrer nicht ohne mich abfuhr. Busfahrern bereitete das in letzter Sekunde die Tür vor der Nase zuschlagen ein derartiges Vergnügen, dass sie daraus eine interne kleine Sportart kreiert hatten, mit täglicher Ausschüttung von Ehre und Schulterklopfen unter Kollegen im Depot der Stadtwerke.

Diesmal hatte ich Glück. Der Fahrer kam nicht umhin, ein paar drängelnde Schulkinder einsteigen zu lassen, und als das letzte endlich drin war, kam ich außer Puste angestürmt und zählte ihm drei einzelne Markstücke auf den Wechselgeldteller. Mit mürrischem Blick riss der Fahrer das Einzelticket vom Block, liess die Münzen in den Galoppwechsler purzeln und murrte los.

In Ohligs angekommen, steckte ich mir auf dem kurzen Fußweg zum Obi eine Kippe an und rauchte sie so gierig runter, dass es mir fast den Zeigefinger ansengte. Ich war eine volle Stunde zu spät. Ich nahm die Treppe zum Büro des Chefs, aber das war leer. Ich versuchte es im Personalraum. Die blonde Sekretärin hockte am Tisch und blickte mich an.

“Na halloo..”, flötete sie erstaunt.

“Morgen”, sagte ich.

“.. hat er sich Brötchen mitgebracht!”

Wie niedlich. “Das ist ein Schinken-Baguette”, sagte ich.

Ihre blonde Rund-Frisur erinnerte an Prinz Eisenherz.

“Komm, wir trinken erst mal einen Kaffee.” Sie erhob sich und stöckelte zum Heißgetränkautomaten in der Ecke, schloss ihn auf. Ihre Levis war so knalleng, ich fragte mich, wie man es da reinschaffte ohne blaue Flecke und Schürfwunden. Vielleicht war sie seit dem vierzehnten Lebensjahr Stück für Stück in die Blue Jeans reingewachsen, ohne sie seither ausgezogen zu haben. Es gab Möglichkeiten, klar, doch die waren limitiert und hauten allesamt nicht hin. Nein, ihr Hintern war schlicht grandios. Er knackte und knirschte bei jeder Bewegung, wie ein Lattenzaun während der Hundstage.

“Kostet normalerweise fünfzig Pfennig, aber heute ausnahmsweise..” Sie ließ den Satz unvollendet und lächelte kokett. Oh, natürlich, sie wusste um ihre Wirkung. So oft es ging, zeigte sie sich von hinten. Starr mir ruhig auf den Hintern, sagten ihre Bewegungen. Wünsch dir was. Der Kaffeebecher lief randvoll, und sie schloss den Automaten zu. “Ich kann ihn dir nur schwarz anbieten, aber ich hoffe, das macht nichts.”

Sie setzte sich zu mir. Leise drang die Fumu in den Pausenraum, funktionelle Musik, Kaufhaus-Muzak, You make me shiver, makellos sanfte Wellen, die unsere Füße umspülten. Wir saßen nebeneinander, auf Abstand bedacht. Wie das so ist, wenn man sich nicht kennt, aber schon ahnt, dass man sich bald nahe kommen wird, unter Kollegen.

Während ich am Kaffee nippte, öffnete sie eine Pausenbrotdose und entnahm ihr eine Weissbrotstulle. Oh mein Gott. Wenn ich vor irgendetwas Horror hatte, dann vor Situationen im Pausenraum, wo eine Kollegin oder ein Kollege das Frühstücksbrot rausholt und Mahlzeit wünscht. Schlimmer als Kotze im Federmäppchen, das war der Untergang der Zivilisation.

“Nutella”, grinste sie. “Gibt Muckis.”

(Ich versuchte ein Lächeln.)

“Ich hab dein Foto im Tageblatt gesehen. Was schreibst du denn? Schreibst du richtig Romane?”

Das Foto war ein paar Tage vor Silvester im Lokalteil erschienen, es zeigte mich vor einer Schulklasse. Ich saß auf dem Pult und liess die Beine baumeln, das Manuskript in der Hand. Der Deutschlehrer einer Realschule hatte mich zu einer Lesung eingeladen, ich hatte Arnheim, der Blues gelesen, vor einem Haufen Zehntklässlern, die sich einen Schriftsteller irgendwie anders vorgestellt hatten. Seriöser, ohne Löcher in der Jeans, nicht so .. Glumm.

“Nee, Romane nicht..” Was die Leute sich immer vorstellten. Ein Schriftsteller schreibt Romane. “Eher.. Geschichten.”

“Geschichten? Was für Geschichten, Krimis?”

“Nee.. aus meinem Leben.”

“Aus deinem Leben?” Sie glotzte mich an. “Ist das denn so super spannend?”

“Nee.”

Sie schüttelte den Kopf und futterte ihr Nutellabrot weiter. Kein Malocherfuttern glücklicherweise, eher ein mausartiges Knabbern. Dennoch schwante mir bereits, dass wir beide auf Dauer nicht klarkommen würden. Sie erwartete zu viel. Solche Menschen roch ich auf zehn Meilen, und sie saß direkt neben mir. Was mich betraf, so erwartete man am besten nichts. Gar nichts. Dann konnte ich allmählich kommen. Vielleicht.

Oder auch nicht.

“Veröffentlichst du auch richtig Bücher?”

Da hatten wir’s. Ein Schriftsteller veröffentlicht Bücher. Gibt es ein Thema, das demütigender ist für einen Autor ohne Buch? BÜCHER!!? In die Enge getrieben, begann ich zu stammeln, “in also mehr ja so Stadtmagazinen”, doch es juckte sie ohnehin nicht weiter. Kaum ausgesprochen, schon abgehakt.

“Ich hab das Foto von dir hinten am Schwarzen Brett aufgehängt. Wenn schon mal eine Berühmtheit hier arbeitet..”

Ich suchte nach Anzeichen von Ironie in ihrem Gesicht, nach leisem Spott und milder Herablassung, doch ich fand nichts. Ihr Gesicht war hübsch, einladend sogar, aber frappierend frei von allem, was irgendwie mit Verstellung zu tun hatte. Sie stand auf, brachte die Kaffeebecher zur Spüle. Eine ehrliche Haut mit einem ehrlichen, gradlinigen Hintern, einem famosen knackigen Teil in Vollendung. Ja, genau den musste der Herrgott im Kopf gehabt haben, damals, als er im Paradies die Blue Jeans erfand und was sich so alles für Ärsche darin verpacken ließen.

“Im Büro hab ich mitgekriegt, dass du unten am Kannenhof wohnst”, meinte sie. “Ich wohne auf der Baumstrasse, kann ich dich morgens im Auto mitnehmen. Wenn du willst.”

“Baumstrasse? Och. Ist ja um die Ecke.”

“Eben. Gut, ne?”

Ich wunderte mich einen Moment, warum ich sie noch nie gesehen hatte, vermutlich war sie die Sorte Frau, die morgens den Wagen bestieg, der vorm Haus parkte, und zur Arbeit brauste, und am Abend das gleiche in umgekehrter Reihenfolge erledigte. Solche Leute bekam man selten zu Gesicht, selbst wenn sie im selben Haus wohnten.

“Dann musst du morgens nur kurz durch den Park”, sagte sie. “Ich mein, du fährst doch kein Auto, oder?”

“Stimmt.”

“Warum nicht?”

“Was, warum nicht?”

“Na, warum du kein Auto fährst. Alle Männer fahren Auto.”

Ich zuckte mit den Schultern.

“Nur so.”

Ich war nicht alle Männer. Ich war nicht mal alle Menschen. Ich war.. ja, wer war ich überhaupt!? Kaum hatte ich mich kurz gefreut, nicht jeden Morgen dem verdammten Bus nachrennen zu müssen, schon grauste es mir bei der Vorstellung, jeden Morgen neben Prinzessin Eisenherz sitzen zu müssen, Knackarsch hin, Knackarsch her. Morgens wollte ich meine Ruhe haben, da konnte ich kein Geblubber, kein Gewäsch ertragen.

“Ich kann mich ja am Spritgeld beteiligen..”, hörte ich mich dennoch sagen, zu meiner eigenen Verblüffung.

“Quatsch. Ich fahre doch sowieso, ob nun mit oder ohne dich.”

Na, da hatte sie recht. Sie begann trotzdem zu rechnen.

“Was kostet eine Busfahrt bis Ohligs, zwei Mark?”

“Drei.”

“Drei.. sind hin und zurück sechs Mark am Tag. Wie oft arbeitest du hier in der Woche?”

“Vier Tage.”

“Nanu? Nur vier? Na gut, macht vierundzwanzig Mark die Woche, mal vier, das sind.. fast hundert Mark im Monat. Die hast du dann schon mal gespart. Kannst du ja Bücher für kaufen! Ha ha!”

Lustig. Ja. Schriftsteller veröffentlichen Bücher, Schriftsteller kaufen Bücher. Das letzte Buch, das ich mir gekauft hatte, hatte ich geklaut. A-wop-bop-a-loo-bop-a-lop-bam-booom von Nik Cohn. Meine Bibel. Ich las sie alle drei Monate, zur Abhärtung. Sie schaute auf die Uhr und packte die verbliebene Hälfte ihres Nutellabrotes wieder ein, unauffällig, wie nebenbei, als wäre eine Stulle im Pausenraum nicht der Untergang des Weissbrot-Parallel-Universums.

“So, dann wollen wir mal..”

“Und du? Seit wann arbeitest du hier?” versuchte ich meinen Knastantritt rauszuzögern.

“Vier Jahre. Ist ganz gut hier. Lässt sich aushalten. Die meisten Kollegen sind in Ordnung. Paar Arschlöcher sind darunter, klar, aber Arschlöcher findest du überall.”

“Ja klar. Vielleicht bin ich ja auch ein Arschloch.”

“Ja, vielleicht.” Sie lachte. “Ich bin die Gabi.”

“Ich der Glumm.”

“Weiß ich doch.”

Erst jetzt bemerkte ich die Putzfrau im Pausenraum, die um unsere Füße herum wischte. Eine Bilderbuchputzfrau mit strubbeligem Haar, um die vierzig und offensichtlich darin geübt, nicht zu stören, wenn die Großen sich unterhalten. Ich fühlte mich ein bißchen schäbig, dass ich die Frau zuvor nicht wahrgenommen hatte. Doch als Gabi sie fragte, ob sie nicht mal wieder zum Frisör gehen wolle, ganz ohne boshaften Unterton, eher neugierig, da richtete sich die Putzfrau keuchend auf und antwortete, dass sie dafür im vergangenen Jahr keine Zeit gefunden habe. Und dabei vermittelte sie nicht den Eindruck, besonders unglücklich zu sein. Erleichtert lehnten wir uns zurück. Die Putzfrau mit dem Duktus einer Putze wrang das Putztuch aus und das Wischwasser platschte in den Eimer.

Der Chef rief mich ins Büro. Filialleiter Hafner hatte ein steifes Fußballerbecken, mit dem er durch die Gänge schaukelte und die Sympathien seiner Mitarbeiter einheimste. Auch er zeigte sich von meinem Autorenpreis beeindruckt. So schwer, dass ich auf seinem Schreibtisch ein schmales Lyrikbändchen entdeckte. Während er mir meine zukünftigen Aufgaben als Mitarbeiter der Eisenwarenabteilung schilderte, schielte er immer wieder auf das dürre Büchlein, das so gar nicht zum nüchternen Ambiente seines Büros passen wollte. Es lag für meine Augen verkehrt herum, lediglich das Wort Lyrik konnte ich entziffern. Hafner verfolgte meinen Blick, meine Bemühungen, sagte aber weiter keinen Ton dazu, und ich hielt auch die Klappe. Als ich ein oder zwei Tage später das Büro aufsuchte, war das Gedichtbändchen weg, und es tauchte niemals wieder auf.

*

Einen Monat später war die Einarbeitungszeit vorüber. Allmählich wurden nicht nur die Kollegen sauer, weil ich immer noch ohne Kittel herumlief und für die Kunden nicht als Mitarbeiter zu identifizieren war. Auch der Chef wurde ruppiger, wenn die Sprache auf das Thema Kittel kam. Bis dahin war es ein Leichtes gewesen, mich aus dem Tagesgeschäft herauszuhalten und lästige Anfragen der versammelten Kreisheimwerkerschaft abzuwimmeln. Mittlerweile aber, so die Auffassung des Chefs, wüsste ich doch, in welcher Abteilung welche Ware zu finden sei, da könnte ich auch endlich den Obi-Kittel anziehen. Ich kam aus der Nummer nicht mehr raus. Ab sofort hieß es für mich, auch mit Kittel unsichtbar zu sein. Die Königsdisziplin des Verpissens stand unmittelbar bevor.

Eigentlich nichts leichter als das. Als Zweitgeborener in einem Feld von drei Geschwistern war ich mit dem Phänomen aufgewachsen, unsichtbar zu sein. Nicht weiter aufzufallen. Sandwichkind eben. Wenn ich etwas ausgefressen hatte, hiess es für mich nur normal und unauffällig bleiben, so kam niemand auf die Idee, ich wäre der Täter gewesen, der den Fischteich des Nachbarn mit zwei Flachmännern Doornkaat vergiftet hatte. Es war die perfekte Tarnung. Trick 17. Wie auf den Leib geschrieben. Tue so, als wäre alles wie immer, und dir wird nichts geschehen.

Die Königsdisziplin ging vom ersten Tag an schief. Weil ich Kittel trug, traten die Kunden ungeniert an mich heran: junger Mann, wo finde ich Fugendichtungen, wo Gardinenstangen, ich benötige vier Bewegungsmelder. Ich log bedauernd, tut mir leid, ich bin heute den ersten Tag hier, da wenden Sie sich besser an.. Oh, sagten da die Leute, natürlich, ist ja klar, Ihr erster Tag, da können Sie natürlich nicht Bescheid wissen, lassen Sie gut sein, dankeschön, junger Mann.

Der Chef kam schnell dahinter, was ich da abzog. Er wurde richtig böse. Sein Fußballerbecken baute sich auf.

“Hören Sie mit der Lügerei auf, das bringt doch nichts!”

Ab sofort nahm ich mir vor, stets bei der Wahrheit zu bleiben.

“Tut mir leid, der Herr, aber ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen, ich hab heute erst meinen vierundsechzigsten Tag hier..”

“Ach so! Der vierundsechzigste Tag erst! Nee, dann ist klar, junger Mann!!”

Es passierte nicht oft, aber es passierte

Auf die Unke war Verlass. Sie war zur verabredeten Zeit am verabredeten Ort, sie panschte keine zusätzlichen Streckmittel unters Pulver, und wenn es einem dreckig ging, packte sie gratis eine Messerspitze drauf. (Aber auch nur eine.) Ihre wenigen, streng nach Sympathie und Solvenz ausgesuchten Stammkunden konnten sich nicht beschweren.

Es sei denn, irgendwo im Geflecht der Großdealer, Zwischendealer und Kleindealer kam es zu Verzögerungen und sie wartete selbst auf ihre Lieferung. Das kam vor. Dann saß man als Kunde der Unke am Telefon und ersehnte ihren Anruf, ihre erlösenden, heiser hervorgestossenen Worte, “.. los, mach dich auf die Socken.” Aber das konnte dauern, bis es soweit war, und es strapazierte die Lachmuskeln.

Ja genau, die Lachmuskeln.

Ich hab einiges über Heroin gelesen, Biografien von toten Rockstars, ärztliche Bulletins, Christiane F., doch ein Phänomen ist bislang im literarischen Dunkeln geblieben: dieses verfluchte Grinsenmüssen, wenn der Entzug sich nähert.

Es geschieht in dem schmalen Zeitkorridor, wenn das letzte Quentchen Heroin gerade dabei ist, den Körper zu verlassen. Wenn Opiumreste durch die Zellen spuken, als säßen sie in der Geisterbahn, wenn Tarzan den Lendenschurz verliert.

Das sind jene verqueren Momente, wo jeder Junkie grinsen muss, ob er will oder nicht. Es lässt sich nicht unterdrücken. Ein Gefühl, als würde man sich als Kind gleich in die Hosen machen. Ein unwillkürliches Ziehen und Drängeln, auf das man nur zu gern verzichten würde. Man grinst wie blöde, dabei gibt es nichts zu lachen. Kein Wunder, dass ich darüber noch nie etwas gelesen habe. Es ist einfach zu dämlich. Aber es passiert auf der ganzen Welt, es passiert in Pakistan und es passiert in Potsdam und Peking, hundertttausendfach, Tag für Tag.

Zeichnete sich im Vorfeld ab, dass sie kein Originalpulver auf Lager haben würde, besorgte die Unke für ihre Stammkunden etwas Methadon, damit sie über die Runde kamen. Beziehungsmarketing nannte sie das, und es war nicht so, dass sie dabei mit den Augen zwinkerte, sie meinte es durchaus ernst. Humor war nicht ihr Ding. Sie war eine eher strenge Person. Sie arbeitete auf dem Büro, von neun bis fünf. Keine Ahnung, wo. Architekturbüro, sagte der dicke Ben. Ben war ein schwerfälliges pausbäckiges Hundertkiloschlachtschiff, das gerne zum Schnellchinesen ging und mit seiner Körperhygiene haderte. Aus der Ferne sah Ben manchmal aus, als trüge er einen Sepplhut, dabei hatte er bloß das Haar seit Wochen nicht gewaschen.

Dagegen duftete die Unke, als wäre sie gerade dem Dampfbad entstiegen, in einer Wolke von Patschuli. Niemand, der sie auf der Strasse sah, wäre auf die Idee gekommen, dass sie heroinsüchtig war oder gar dealte. Sie zählte zu den Menschen, die ihre Zukunft streng in graden und ungraden Kalenderwochen aufteilten und die einen verständnislos anglotzten, wenn man sie verständnislos anglotzte, weil man mit Kalenderwochen, ob grade oder ungrade, nichts am Hut hatte.

Natürlich kannten wir die Unke gut genug, um zu wissen, dass sie für eventuelle Notfälle stets etwas Heroin gebunkert hatte, für den Eigenbedarf. Sie war ja genauso drauf wie wir. Aber das hätte jeder von uns an ihrer Stelle genauso gemacht. Und ebenso klar war, dass noch so viel Bitten und Betteln keinen Sinn machte, von ihrem geheimen Vorrat würde sie nicht einen Krümel abdrücken. Ansonsten aber sorgte die Unke für uns wie eine Mutter, die gut bezahlt wird, und wir süchtigen Picos hielten ihr die Treue und kauften hauptsächlich bei ihr.

Dann, im Herbst, häuften sich Verspätungen und Lieferausfälle. Auch das Methadon floss nicht mehr so reichlich, wie es das lange Zeit getan hatte, um uns Kunden bei Laune zu halten. Jetzt hiess es improvisieren. Zur Not ging ich auf die Platte, was ich sonst tunlichst vermied. Wenn ich irgendetwas nicht gebrauchen konnte, dann meine Geschäfte im Scheinwerferkegel der Drogenfahndung abzuwickeln. Nee, danke. War nicht nötig. Ohne mich.

Sieh zu, dass du jemanden in der Hinterhand hast, falls die Unke mal ausfällt, dachte ich, ich war ja ein schlaues Kerlchen. Und in diesen Zusammenhängen lernte ich nun Tonino kennen. Tonino. Noch so ein verdammter Schlaumeier.

Die neue No. 3 (Opa erzählt vom Krieg)

Mitte der Neunziger war ein Tag wie der andere. Ich jobbte als Nachtportier im Hotel, auf dem Weg zum Nachtdienst besorgte ich mir Pulver, tagsüber versuchte ich Schlaf zu finden und Streit mit der Gräfin aus dem Weg zu gehen.

Ich hatte eine neue Stammdealerin. Selbst in der Szene war sie kaum bekannt, das hatte seinen Grund. Sie war supervorsichtig. Sie belieferte exakt drei Kunden, drei und nicht einen mehr, damit erst gar kein Gerede aufkommen konnte. Sie hatte panische Angst davor, im Knast zu landen. Da sie einer regulären Arbeit nachging, sie buckelte auf dem Büro, empfing sie ihre Kunden erst nach Feierabend, einen nach dem anderen. Eins, zwei, drei. Jeder bekam eine Viertelstunde. Als Dealerin war sie perfekt, ein gut geöltes Maschinchen, und sie liess uns niemals hängen.

Als sie selbst einmal auf dem Trockenen saß und es sich abzeichnete, dass sie erst am folgenden Abend wieder frisch sein würde, gab sie jedem von uns ein kleines Fläschchen Polamidon mit, damit wir über die Runden kamen und nur ja nicht woanders kaufen mussten. Sie war eine treue Seele, eine Krämerseele, und sie war eine Kauffrau.

Wenn alles seinen gewohnten Lauf nahm, saß sie Punkt halb sechs mit stämmigen und ungeheuer weißen Schenkeln in ihrem überheizten Wohnzimmer und arbeitete auf der elektronischen Feinwaage nacheinander die Bestellungen ab. Sie trug Shorts und hieß Jutta, aber wir nannten sie nur die Unke. Es lag an ihren Augen. Sie wölbten sich aus den Höhlen hervor wie Froschaugen, und sie schwammen geradezu in Tränenflüssigkeit. Es war, als hätte sie ein Depot angelegt, um jederzeit Zugriff auf ihre Tränen zu haben. Sie hätte eigentlich an einem feuchten Tümpel leben müssen, doch sie wohnte in einer hellen trockenen Drei-Zimmer-Wohnung im zweiten Stock, und in der Luft hing der schwere und süße Geruch von Patschuli.

Ich war nur in ihren erlauchten Kundenkreis gerutscht, weil ex-Kunde No. 3 für 24 Monate in den Bau musste. Selbst bei guter Führung und Entlassung auf zwei Drittel war er für mindestens anderthalb Jahre weg vom Fenster. Ich kannte ihn nur vom Sehen, wusste aber, dass es das übliche Junkiespiel war. Das Gericht hatte ihn aufgrund irgendwelcher halbgarer Aussagen verknackt, die andere Süchtige in der U-Haft gemacht hatten. Da ließ man sie so lange ohne Heroin oder Methadon zappeln, bis es ihnen schlecht genug ging und sie irgendeinen Scheiß verzapften, belastende Aussagen machten, ob die nun der Wahrheit entsprachen oder nicht, wen juckte das schon. Was bei jedem anderen Delikt kaum zu einem Verfahren geschweigedenn zu einer Verurteilung gereicht hätte, bei Rauschgift wurde alles abgenickt, alles ging durch, die lächerlichsten Beschuldigungen, weil so viele vom Elend der Junkies profitierten.

Junkies versorgten eine ganze Maschinerie aus jungen Kripobeamten, die sich ihre ersten Sporen verdienten, desillusionierten Drogenberatern, Gefängniswärtern, Psychologen, Bewährungshelfern, überforderten Ärzten, Arzthelferinnen, Apothekern, Gesundheitsamtmitarbeitern, Justizangestellten, Zollbeamten und Mafiosi. Jeder wollte ein Stück abhaben vom Junkie, der in aller Regel nichts anders tat, als sich selbst zugrunde zu richten. Und dafür wurde er auch noch bestraft und in eine Zelle gesteckt. Es war beschämend. Es war zum Kotzen.

Die Preise für schmutziges Strassenheroin blieben gegen jede Marktregel von Nachfrage und Angebot in künstlichen Höhen, weil der Staat sich seit Jahrzehnten anmaßte, die eine Droge als illegal zu brandmarken und damit dem Schwarzmarkt auszuliefern, während die andere Droge, Alkohol, billig und sauber in jedem Dorfkiosk zu kaufen war.

Es war grotesk. Ein Gramm gepanschtes Heroin kostete 100 Mark auf der Strasse, man wurde krank davon und wusste nie, welcher Zwischenhändler welches Streckmittel benutzt hatte, es war jedes Mal ein Vabanquespiel mit der Intensivstation. Was ein Gramm sauberes Heroin gekostet hätte? Fünf Mark, vielleicht zehn Mark, und der Hersteller hätte dabei immer noch seinen Schnitt gemacht. Aber Junkies hatten keine Lobby, es kümmerte niemanden, was mit ihnen geschah. Junkies kümmerten sich nicht mal um sich selbst, und sie steckten ständig in der Scheiße.

Schön. No.3 war also weg vom Fenster. Die Unke erkundigte sich bei ihren beiden verbliebenen Kunden, wer denn nun die neue No.3 werden sollte. Sie war eine altgediente Gewerkschafterin, der das Mitspracherecht der Arbeitnehmer noch etwas galt. Sie war der Boss.

“Hat einer ne Idee?”

Sie hatte bloß eine Vorgabe: Der neue Kunde musste zuverlässig sein. Mitch schlug mich vor, weil er wusste, dass ich auf der Suche nach einem neuen Dealer war. Mein alter hatte die Dealerei von einem auf den anderen Tag an den Nagel gehangen, weil er Vater von Zwillingen geworden war. Und so wurde ich die neue No. 3 der Unke.

Mitch, die laufende No. 2, kannte ich nicht erst aus Drogenzusammenhängen, wir waren uns schon im Haus der Jugend über den Weg gelaufen. Er hatte riesige Pranken, echte Werkzeugmacherhände, mit denen er eine Weile zum Flipper-King der Stadt aufgestiegen war, in den späten Siebzigern. Zwanzig Jahre später war er schwer alkohol- und heroinabhängig und ging niemals ohne Taschenbuch aus dem Haus. Es musste schon ein ordentlicher Schinken sein, ein Fantasy-Roman nicht unter Minimum 700 Seiten.

Die Exemplare waren zumeist komplett zerlesen, voller Eselsohren, das Cover war faltig und eingerissen und von fettigen Chipsfingern betatscht, aber egal, für Mitch war ein Buch in der Hand überlebenswichtig. Ein Buch in der Hand half ihm, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen wie in  einem langen mobilen Tunnel. Er hatte es drauf, lange Strecken mit dem Schmöker in der Hand zurückzulegen, und er las wirklich darin, er tat nicht nur so. Eigentlich war Mitch heroin,- alkohol- und lesestoffsüchtig.

“Voll polytoxikoman”, meinte er.

Die laufende No.1 im Kundenkreis der Unke war ein schmächtiger stiller Junge mit langem krausen Haar, ein ex-Liebhaber der Unke. Er machte nicht viel Worte, ein sanfter naiver Hippie, irgendwie übriggeblieben aus alten Zeiten. Er kam mit harten Drogen nicht zurecht. Er wurde immer sonderbarer. Er war davon überzeugt, dass sein Handy überwacht wurde, und nachts glaubte er den Funkverkehr der Bullen unter seinem Fenster zu hören und konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Zuletzt zitterte er beim fernsten Getrappel im Hausflur am ganzen Leib, und wenn es dann auch noch klingelte, schmiss er sein letztes Pulver ins Klo und zog hektisch ab. Es hatte ihn voll erwischt. Er sah überall Bullen.

“Glaubst du, ich bin langsam panne?” fragte er mich, und ich antwortete lange nicht darauf. Bestimmt fünfzehn Sekunden. Er ließ sich ins LKH einweisen, freiwillig, bevor andere es für ihn getan hätten. Ich sah ihn nie wieder.

Nachdem ich es in die Stadt geschafft hatte, schob ich das Rad in den Hausflur und lief die drei Stockwerke hoch. Oben angekommen drückte ich die Klingel der Unke. 1x kurz, 1x lang. Nein, auf dieses ausgefallene Klingelzeichen wäre kein Bulle je gekommen! Unter Garantie.

“Die Tür ist offen!” hörte ich die Unke schnaufen. Ihre Nasenscheidewand war vom jahrelangen Sniefen porös geworden, sie klang wie eine Art marodes Brauereipferd. “Komm rein.”

Sie saß am Wohnzimmertisch, mit ihren stämmigen und ungeheuer weißen Schenkeln. Der Tisch war über und über mit Zigarettenfiltern, Aluminiumfolie und anderen Utensilien übersät.

“Hallo”, keuchte ich.

Erledigt vom Radfahren und dem beginnenden Affen fiel ich in den Ohrensessel, einem gemütlichen Altertümchen, das sie vor Jahren auf einem Flohmarkt in Antwerpen erstanden hatte, damals, als sie noch clean und ansehnlich gewesen war. Keine Schönheit, das nicht, aber wild, eine Art Büro-Janis Joplin. Der Schweiß tropfte mir aufs T-Shirt.

“Willst du dich was frisch machen..?”

“Nee, schon okay”, sagte ich.

Sie grinste bräsig zu mir rüber. Erst da ging mir auf, wie sie das meinte, mit dem Frischmachen.

“Ja, klar”, beeilte ich mich.

Frischmachen bedeutete: Junge, du siehst so scheiße aus, ich streu dir erstmal ne Strasse. Zieh das erst mal weg, dann sehen wir weiter. Werd erstmal mal wieder Mensch. Du blöder Junkie.

“Mann.. du schwitzt ja wie ein Schwein..”, näselte sie.

Ich stöhnte zustimmend. Sie reichte eine Illustrierte rüber, auf der etwas Pulver zu einer kleinen braunen Pyramide aufgeschichtet war.

“In zehn Minuten musst du dich aber vom Acker machen, dann hab ich ein anderes Date.”

“Na und? Ich kenn doch deine Leute.”

Weil sie nicht antwortete, blinzelte ich zu ihr rüber. Die Augen waren ihr zugefallen, der Mund stand offen, und ganz langsam, Etage für Etage, sank das Kinn auf ihre Brust. Sie dämmerte. Braunes Pulver, feucht geworden vom Nasenrotz, sickerte aus ihrer Nase. Sie war breit wie tausend Russen. Sekundenschlaf. Der konnte dauern.

Ich schnupfte die Pyramide weg, die sie mir zuvor auf der Zeitschrift, Gala, rübergereicht hatte, und als sie anfing leise zu schnorcheln, nahm ich das Holzbrett ins Visier, das vor ihr auf dem Tisch lag. Den Hügel Pulver darauf schätzte ich auf vierzig, vielleicht fünfzig Gramm. Ich beugte mich vorsichtig über den Tisch, ohne das geringste Geräusch zu verursachen, und trug eine gute Messerspitze vom Pulverhügel ab. Ich lehnte mich zurück und streute mir eine lange Line auf der Gala, die ich so rasch wie möglich wegsniefte. Dann lehnte ich mich zurück. Ich hatte Gänsehaut, und mir war kotzübel, und ich war glücklich.

Sie wohnte in zentraler Lage, am Busbahnhof. Man hörte das Surren der startenden Oberleitungsbusse, Geschrei von Teenagern. Ich schielte immer noch auf das Holzbrett. Auf den Hügel darauf. Warum hatte ich nicht mehr genommen? Sie würde es gar nicht bemerken, die ein oder zwei Gramm weniger. Und selbst wenn. Sie hatte erst am Nachmittag Nachschub bekommen, sie war frisch wie lange nicht. Ich saß da und starrte den Hügel an. Den Fetisch.

“Wieviel?” murmelte die Unke plötzlich.

“Was..?”

“Wieviel du willst.”

Aufgeschreckt kramte ich die Geldscheine aus der Hosentasche. So schnell, wie sie weggesackt war, kam sie auch wieder zu sich.

“Zweihundert”, sagte ich. Ich wusste nicht, was sie mitbekommen hatte und was nicht. Mein Herz schlug wie verrückt.

“Zwei Blaue willst du? Hey.. hast du im Lotto gewonnen?!” Sie kicherte käsig und machte die Bestellung fertig. Glück gehabt.

Auf dem Rückweg hielt ich vor einem Altbau an der Florastrasse. Ich hatte kaum mein Rad abgeschlossen, schon riss Felix das Fenster auf.

“Komm rauf, Alter..!”

Ich wurde bereits sehnsüchtig erwartet. Ich war überfällig. Die zweihundert Mark waren ja nicht von mir, ich hatte die Kohle zuvor in der WG abgeholt. Die war jung, die WG, zwei Jungs und ein Mädel, Anfang Zwanzig, auf dem Weg in die Sucht. Sie hatten die Kohle mühsam zusammengeschmissen. Ich lieferte 1,4 Gramm ab. Für zwei Blaue. Was ein scheiß Kurs. Die Unke war von ihrem Lieferanten beschissen worden, dann hatte sie mich beschissen, nun beschiss ich die Greenhorns von der Florastrasse. Es war eine einzige groß Bescheißerei und kein Ende in Sicht.

Ob die drei wohl auch noch jemanden bescheißen würden, fragte ich mich, nachdem ich mich so schnell wie möglich verabschiedet hatte. Noch im Hausflur begegnete mir ein verschwitztes junges Mädchen, dem es nicht gut ging. Es hechelte die Stufen hoch, und drückte die Klingel.

“Ist offen..!” hörte ich noch.

Kleine Insektenkunde

Nishi Schumann hatte ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau mit Bravour bestanden und war nun auf dem Sprung in die große weite Welt der internationalen James Bond-Hotellerie.

“Hm, und dann fängst du ausgerechnet bei uns im Turmhotel an?”

“Ja wieso denn nicht ist doch phantastisch die Aussicht hier oben an klaren Tagen sieht man den Kölner Dom der geregelte Dienst die netten Kollegen ich mein du arbeitest schließlich auch hier und so als Sprungbrett ist das voll okay hier ich mein ich will das Turmhotel ja nicht unbedingt heiraten ..”

Ihre Redegeschwindigkeit stellte alles in den Schatten. Sobald sie den Mund aufsperrte, tanzten und surften ihre Worte, dass der Speichel nur so spritzte.

Es war 22 Uhr 20. Sie hatte bereits seit zwanzig Minuten Dienstschluss, doch ihr Wagen war in der Werkstatt und der nächste Bus fuhr erst in einer Dreiviertelstunde. Nishi kauerte im Büro in meinem geliebten Chefsessel und futterte Salat mit Joghurt-Dressing, wobei die Gabel unablässig gegen ihre Schneidezähne schlug: tzangg, tzangg, dangg. Dangg tzzangg! Wie in einer prolligen Porzellanmanufaktur.

(Schmatz, schlürf, speichel.)

Es war grausam, es war stupid. Ich war seit zwanzig Minuten im Dienst und schon vollauf bedient. Auch wenn Nishi ein kleines Persönchen war, ihr Speichelfluss war enorm und die Zähne standen wie Reklametafeln im Maul. Sie war Woody Woodpecker, wenn er ein Loch in den Baum pickte. DANGG!

ZANKK!

Ich starrte verzweifelt in den Kabelfernseher, versuchte den Sound zu ignorieren, die  Ohren abzutöten. Hörte sie sich selber denn nicht?! Hatte sie keinen Draht für die eigenen Geräusche??  Es machte mich fertig. Natürlich kannte ich das Phänomen, dass Geräusche, die man bei einem selbst toleriert, bei Anderen doppelt nerven, doch hier lag die Sache auf der Hand: das war Lärmbelästigung unter Arbeitskollegen.

Ausserdem konnte ich nicht nachvollziehen, dass sie freiwillig auch nur eine Minute länger im Hotel war als nötig. Selbst wenn es noch etwas dauerte, bis der Bus kam, konnte sie sich immer noch an die Haltestelle am Graf-Wilhelm-Platz setzen und auf den Mitternachts-Bus warten, bei diesem lauen Sommerlüftchen. Aber meine stillen Einwände kümmerten sie nicht, Nishi Schumann aus Remscheid spachtelte ihren Krachsalat mit einem Gleichmut zu Ende, der mich schon wieder den Hut ziehen liess, vor soviel Stumpfsinn. Immer schön gegen die Plakatwand gesemmelt.

Wochen später fing sie mich in der elften Etage ab, als ich aus dem Aufzug stieg. Sie war völlig aufgelöst, hatte hektische Flecken am Hals, Spucke flog umher wie aus der Spritzpistole.

“Endlich kommst du da bist du ja endlich die Ablösung Himmel sei Dank ich werd noch verrückt hier ich dreh am Rad was sind das für eklige Insekten die hier unterwegs sind hoppeln hier rum wie winzige Ziegen..”

Ziegen? Was redete die da?

“Was für Ziegen?”

“Keine Ziegen, Insekten! Schon den ganzen Nachmittag hab ich versucht den Chef zu erreichen aber da geht keiner ran bin ich froh dass du hier bist so was ekliges und Gott ist mein Zeuge das hab ich noch nie gesehen.. Kennst du die?”

“Nein. Nicht, dass ich wüsste.”

Der Job war für sie gelaufen. Das Kündigungsschreiben hatte sie bereits aufgesetzt und unterzeichnet, sie bat mich nur noch, es der Chefin am folgenden Morgen auszuhändigen. In der Aufregung hatte sich ihre Redegeschwindigkeit noch verdoppelt und erreichte locker die Frequenz, mit der junge Teenager-Kolibris Zungenschlag üben.

Sie sprach davon, dass man hier nicht weiterarbeiten könne, beim besten Willen nicht, selbst wenn man den besten Kammerjäger der Stadt engagierte. Sie führte mich den Flur runter und machte gegenüber der Wäschekammer halt.

“Ich geh da nicht rein da hab ich sie zuletzt gesehen hier sind sie reingehüpft gehoppelt über den Flur ich weiß das klingt verrückt wenn ich hier von ekligen Mini-Ziegen quassle du denkst auch die Alte hat sie nicht mehr alle die spinnerte kleine Schumann aber jede Wette wenn du das Geviech gesehen hättest mit langen dünnen Hörnern so Antennen am Kopf das hast du noch nie gesehen..”

“Setz dich doch erstmal hin”, sagte ich, “und beruhige dich.”

“Nein ich muss hier raus!” schrie sie.

Es klingelte. Ihr Vater war da, er kam mit dem Wagen, um sie abzuholen.

“Machs gut”, rief ich ihr hinterher, doch sie drehte sich nicht mal um, als sie in den Aufzug stieg. Sobald sie fort war, setzte ich den gesamten elften Stock unter Flutlicht. Ich inspizierte zuerst die Wäschekammer, ergebnislos. Dann den großen Frühstücksraum und alle Zimmer der elften Etage, auch die, die zur Zeit nicht vermietet waren. Es konnte ja durchaus sein, dass Geschäftsleute aus Afrika oder Südamerika irgendwelche exotischen Käfer eingeschleppt hatten, davon las ich immer wieder. In klimatisierten Gepäckräumen flogen sie behaglich um die Welt und kletterten dann im Turmhotel erfrischt aus den Koffern und Gepäckstücken, um in Übersee eine neue Kolonie zu eröffnen. Ein neues Insektenkonto anzulegen.

Andererseits war Nishi Schumann reichlich überspannt. Ich mein, sie hatte japanische Vorfahren. War es nicht so, dass sich beim Sumo-Ringen schrankgroße wabbelige weiße Schaben gegenseitig aus dem Ring schoben und dafür vom Volk auch noch gehuldigt und gefeiert wurden?

Weil sich aber nirgends auch nur die Spur eines Insekts fand, begann ich den Frühstücksraum einzudecken. Ich bereitete das Buffet vor, ich machte die Rechnungen fertig für die Abreisen, die am Morgen anstanden, und ich nahm Telefonate entgegen, setzte die Weckrufe auf die Weckruf-Liste.

“Wecken Punkt Sechs Uhr fünfundvierzig, nech?” diktierte mir der Flensburger Arbeitsvermittler für Seefahrt angeschickert in den Block, als er nach Mitternacht an der Rezeption auftauchte. Er zog seine Mütze in die Stirn und freute sich schon aufs Veteranen-Wandern der Marinekameradschaft Flensburg, das jetzt im September wieder auf der Agenda stand.

“Wir marschieren in Zwanziger-Blocks durch Flensburg und singen deutsches Liedgut, ein Lied nach dem anderen. Das ist es doch, was uns Deutsche stark macht, wollen wir doch mal ehrlich sein, Wenn jedes andere Volk schon schlapp macht, singt der Deutsche immer noch, nech..”

Er wankte zufrieden besoffen auf sein Zimmer.

Gegen halb vier baute ich mein Nachtlager. Ich holte einige Sitzelemente vom Empfang rüber ins Büro sowie Laken, Decke und Kopfkissen aus der Wäschekammer. Wenn nichts dazwischen kam, waren jetzt zwei Stunden Ruhe angesagt, bis der Bäckersbursche gegen halb sechs klingelte und zwei Körbe frischer Brötchen in den Aufzug stellte.

Kaum hatte ich auf dem Boden mein provisorisches kleines Bett aufgebaut und mich hingelegt, nahm ich in der Dunkelheit wahr, wie etwas über den Teppich sauste, direkt an meinem Kopf vorbei. Nishi Schumanns Worte noch im Kopf war ich ruckzuck auf den Beinen und stürzte zum Lichtschalter: Festbeleuchtung! Ich ging in die Hocke und sah unterm Schreibtisch etwas, das wie zusammengeknülltes bräunliches Staniolpapier aussah, mit langen Härchen. Oder Beinchen, die in die Höhe zeigten. Es zitterte. Es war widerlich anzusehen. Es kam aus dem Urwald. Es hatte kaum Statur, nichts, woran Augen sich festzuhalten vermochten. Es war ein Zirkuszombie.

Ich hatte ein Tempotaschentuch in der Hand und näherte mich, innerlich schon kotzend, dem Tier. Der Ballen braunes Staniol schien zu spüren, was hier Ambach war, was ihm drohte, er, oder es, entknitterte sich und sprang geradeaus über den Teppichboden und weiter im Zickzack, wie eine Mini-Ziege von Fels zu Fels. Ich meinte sogar die Hörner erkennen zu können, von denen Nishi gesprochen hatte. Es war nicht zu fassen.

“WAS ZUM TEUFEL IST DAS..??”

Ich griff mir eine Illustrierte vom Schreibtisch, ein stabiles Feinschmecker-Magazin und rollte es zum Schlaginstrument. Ich eröffnete die Jagd, doch das Vieh war wendig und flink, auf spindeldürren orientalischen Beinchen machte es sich vom Acker, aus dem Büro raus. Es tauchte unter, war plötzlich wieder da, sprang hässlich durch die Bude, und jedes Mal kam ich zu spät. Ein gutes Dutzend Mal schlug ich mit dem abonnierten Feinschmeckermagazin ins Leere, es knallte und peitschte durchs Büro, ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper. Warum? Weil es so unfassbar hässlich war, es spottete jeder Beschreibung.

Es war wie auf dem Set eines Horrorfilms, wo die gruselige kleine Trickfigur geflüchtet war und nun auf eigene Faust das Filmstudio unsicher machte. Maske, Kameramänner, Tonleute – alle waren kotzen gegangen, bloß ich war übrig geblieben, der Night Auditor. Der Gelackmeierte.

Ich schloss die Bürotür, damit das Viech nicht entwischen konnte. Es schien eine Auszeit genommen zu haben, es hockte unterm Schreibtisch und zitterte. Es hatte Angst. Es war so hässlich, dass es Angst haben musste, zerschlagen zu werden wie ein mieser Konzern, der mit anderen miesen Konzernen verbotene Preisabsprachen getroffen hatte. Ich legte das Hotelmagazin weg, und das dicke Telefonbuch Bergisches Land fiel mir ins Auge. Wuppertal, Solingen, Remscheid. Ich nahm es in beide Hände. Dann wartete ich.

Ich kletterte auf den Sessel und blieb darauf stehen, wie ein Feldherr, in aussichtsreicher Position. Du verdammter Zombie, auf dich werden gleich drei bergische sturköpfige Großstädte niederprasseln.

Wir sehen uns im Ring!

Es dauerte nicht lange. Als das Insekt sein Versteck verließ und frech wie Dreck über den Teppich hopste, ließ ich das dicke Telefonbuch BAPPFFF! aus zwei Metern Höhe zu Boden fallen. Der Zeitpunkt war genau berechnet, schließlich musste ich einkalkulieren, dass das Insekt weiterraste, während das Buch schon in der Luft war. Hätte ich das Telefonbuch auch nur einen Tick zu spät losgelassen, es wäre mir entwischt. So war es mir aber nicht entwischt. Es lag begraben unter Hunderttausenden bergischen Telefonnummern. Zusätzlich, um auf Nummer Sicher zu gehen, setzte ich meine ganzen achtzig Kilo aufs Telefonbuch, und das minutenlang. Die widerlichste aller je auf Erden gesehenen Kreaturen gehörte zerquetscht.

Als ich das Buch schließlich vorsichtig anhob, warf ich einen höhnischen Blick auf den Leichnam.

“Jetzt bist du zerknirscht was?!”

Um Punkt sieben Uhr liefen der Chef und Chefin zum Frühdienst ein. Ich zeigte ihnen den Fang.

“Ein zweiter Zombie muss aber noch auf Achse sein.”

“Wo..?”

“Ja wo, das weiß ich auch nicht.”

Der Chef hielt das Kündigungsschreiben in der Hand. Er war ganz verdattert.

“Wovon spricht die Schumann..? Zwei winzige Ziegen, die hoppeln wie Häschen, das ist doch.. Kokolores! Margot, guck du dir das mal an, was der Glumm zerquetscht hat! Das sieht aus wie Snickers-Papier, oder nicht! Höchstens ne Heuschrecke!”

Er blickte mich an.

“Nichts für ungut, Herr Glumm, aber die Schumann spinnt doch, die olle Lesbe!”

Seit er zufällig ein Telefongespräch belauscht hatte, in dessen Verlauf Nishi Schumann einer Freundin anvertraute, dass ihr bei langen Autobahnfahrten die Mumu schnurrte, hielt der Chef sie für eine Lesbe.

Der Sohn wurde hinzugerufen, noch bevor er wie jeden Morgen nach Bad Honnef fuhr, wo er die Hochbegabtenschule besuchte. Entomologie war sein Hobby. Insektenkunde. Ich zeigte ihm den bräunlichen Brei, der mal ein Insekt gewesen sein sollte.

“Hier ist noch einer unterwegs?”

“Laut Nishi ja”, sagte ich. “Guck mal hier, die winzigen Hörner.”

“Das waren die Fühler”, meinte er.

Der Chefin wurde übel, sie stöckelte aufs WC, gleich neben der Wäschekammer, und kotzte.

“Und die spindeldürren Beinchen”, sagte ich, “bestimmt zehn Stück.”

“Dann ist es kein Insekt”, sagte der Sohn. “Insekten haben sechs Beine.” Er war der einzige, der der ganzen Sache etwas abgewinnen konnte, für sein Studium. “Weibchen vergraben auch schon mal ihre Eipakete unterm Teppich, dann gibt es bald Nachwuchs..”

Ein Aufschrei war zu hören. Er kam vom WC, wo die Chefin vor der Kloschüssel kniete. Wir waren alle drei gleichzeitig vor Ort, der Chef, sein Sohn, ich. Doch zu spät. Das Rückenschild des zweiten Exemplars war bereits vom Pfennigabsatz eines Stöckelschuhs durchbohrt. Wir drängelten uns auf dem engen WC und starrten auf den gefliesten Boden.

“Wenn das kein zerknülltes Snickers-Papier ist”, liess der Chef sich nicht beirren.

30 Polaroids

Kein einziges Foto ist geblieben. Keins einziges von dreißig Polaroids, aufgenommen im Winter 1979 im Oberbergischen, wo der dicke Hansen ein Fachwerkhaus erben sollte. Das wollten wir uns anschauen und vielleicht eine Runde Schlitten fahren, ein paar Schneebälle werfen, ein bisschen was kiffen und Spaß haben. Was man eben so macht, wenn man neunzehn ist und mit Freunden unterwegs.

Wir, das waren Karlos, Pepe, der dicke Hansen und ich.

Schon die Hinfahrt war frostig. Weil Heizung und Lüftung ausfielen und vier Kiffer im Wagen saßen, beschlugen die Scheiben so stark, dass wir zeitweise bei offenem Seitenfenster fahren mussten, damit frische Luft reinkam und der dicke Hansen hinterm Steuer überhaupt mal was sehen konnte und nicht bloß auf Verdacht fuhr.

“Jetzt stellt endlich das Atmen ein!” wetterte er.

Und dann, als wir das Kaff im Oberbergischen erreicht hatten, setzte ich meine neuen Wildlederstiefel zum Wärmen auf den bullernden Ofen, wo ich sie über Nacht vergaß. Am nächsten Morgen waren sie zwei Nummern zu klein und sahen aus wie eine Pizza, die Bläschen wirft.

Es war das Wochenende, an dem der grimmige Winter 1979 Einzug hielt. Während das Dorf Minute für Minute tiefer im Schnee versank, hockten wir in der gemütlich möblierten, von einem englischen Kanonenofen befeuerten Klause im ersten Stock und drehten einen Joint nach dem anderen.

Das Erdgeschoss war an Einheimische vermietet, ein älteres Ehepaar, das lebenslanges Wohnrecht besaß und uns bewirtete, auf ausdrücklichen Wunsch von Hansens Großmutter, die in dem Dorf aufgewachsen war.

Pepe hatte sagenhaftes Dope auf der Tasche, Türkenplättchen, dünn wie Oblaten, potent wie Opium. Eigentlich taten wir nichts anderes als um den großen Nussbaumtisch herum zu sitzen, Joints zu drehen, Musik zu hören und albernes Zeugs zu singen wie Wir verkiffen unsrer Oma ihr klein Häuschen, was dem dicken Hansen schwer auf die Nüsse ging.

“Mann, das hören die doch da unten! Die sind doch nicht doof, nur weil sie auf dem Dorf wohnen!”

“Na klar sind die doof”, rief Pepe bekifft.

Wir waren neunzehn und rauchten Haschisch, als ginge es um die Weltmeisterschaft. Wir verehrten JJ Cale, seine lässige amerikanische Okie-Musik, easy come, easy go, anyway the wind blow. JJ Cale war der Kitt, der uns zusammenhielt, auf den wir uns musikalisch alle verständigen konnten.

Es war seine beste Zeit damals in den späten 70ern, als er den Tulsa-Sound entwickelte und jedes Jahr ein Album herausbrachte. Niemand sonst schaffte es, Pop, Blues, Jazz und Country so mühelos miteinander zu verdrahten, so laid back, wie nebenbei. Und, ja natürlich, JJ Cale hatte Obeine. Obeine waren wie ein Eintrag im Personalausweis: guter Mann. Er war der stoppelbärtige Tramp, der im offenen Viehwaggon durch den Westen reiste, lässig auf einem Grashalm pfeifend, einen Nagel in den Stiefel getreten.

An der Wand hing ein Pin up-Auto-Kalender, der aus einem einzigen Blatt bestand, Miss Juni 1975. Der dicke Hansen machte den DJ und legte das frisch erschienene Jewish Princess von Zappa auf: I want a horny little Jewish Princess.. don’t know shit about cooking and is arrogant looking – das Ganze von einem Hintergrundchor abgerundet, den wir lauthals mitschmetterten:

LA-LA-LA!!

Miss Juni 1975, JJ Cale und Zappa auf Hansens futuristischer WEGA 2000-Stereoanlage, Türkenplättchen, die schlicht aussahen, sich beim Bröseln aber aufplusterten wie ein Federkleid und ganz großes Zauberhaschisch wurden, dazu ein Haufen Pulverschnee, das war das Wochenende im Oberbergischen, Winter 1979.

Und die dreißig Polaroids. Dreißig witzige übermütige Aufnahmen, die wir ausnahmslos am ersten Abend schossen und mit Untertiteln versahen und die noch Jahre später für Furore sorgten.

“War das an dem Wochenende, als ihr im Oberbergischen auf die Fresse gekriegt habt?” hieß es, wenn die Fotos auf irgendeiner Party durch die Hände gingen. “Kann schon sein”, antworteten wir stolz, “glaub schon, ja.. sicher, das war das Wochenende”, und mit jedem Erzählen bezogen wir mehr Dresche, hatte Karlos mehr Finger gebrochen, fehlten Pepe gleich zwei Schneidezähne, tat mir der Schädel immer noch weh.

Dreißig Sofortbilder vom Winter 1979, die von einer versunkenen Zeit künden, einer Ära, die es so vielleicht nie gegeben hat, wer weiß das schon, die Beweise fehlen, sie sind lange verloren, dreißig Polaroids, niemand weiß, wo sie abgeblieben sind.

Sie sind fort.

Für die Gräfin, die Pepe niemals begegnete, ist Pepe bis heute das Phantom, dessen nobler grauer Hut an unserer Garderobe hängt, an prominenter Stelle. Der Hut ist alles, was geblieben ist von Pepe, der Jahre später an einer Überdosis Heroin verreckte. Der Hut und zwei verkratzte Langspielplatten von Iggy Pop und Bob Marley, auf denen Pepes Name verewigt ist, rechts oben in der Ecke.

In der zweiten Nacht im Oberbergischen wagten wir uns auf die Felder, obwohl ein Schneesturm tobte. Weil meine Schuhe auf dem Ofen kaputtgegangen waren, trug ich Gummistiefel, die ich irgendwo im Haus gefunden hatte, echte Bulldozer. Zugedröhnt bis zum Anschlag stapften wir durch den Schnee, es war stockfinster, der Wind brüllte und heulte, wir verloren die Orientierung und kamen kaum voran.

“Der Schnee hat den Weg geklaut!” schrie Karlos verwirrt.

Erst eine nur halb verwehte Traktorspur führte uns unter Mühen zum Ortseingang zurück.

Am nächsten Morgen wurde uns im Erdgeschoss ein warmes bergisches Bauernfrühstück serviert, mit Bratkartoffeln und Kaffee. “Ich hab heut Nacht kein Auge zugetan”, klagte das Weib. Erst dachten wir, sie hätte den Schneesturm gemeint, doch nein, sie meinte uns. Unseren Lärm. Ihr Ehemann erhob sich und tat sich grummelnd dadurch. Was wir nicht wussten: Das ganze Dorf hatte uns bereits auf dem Kieker.

Nach dem Frühstück zogen wir uns ins Obergeschoss zurück, das Dope war noch nicht ganz aufgeraucht. Vorsichtshalber hatte Hansen gleich nach der Ankunft die Ritze unter der Etagentüre mit Tüchern abgedichtet. Er kannte die Leute aus dem Dorf, wusste von ihren Vorurteilen gegen die aus der Stadt: Hippies, Taugenichtse, Haschgetüme.

LA-LA-LA.

Das Fiasko nahm seinen Lauf nach einer heftigen kurzen Auseinandersetzung zwischen dem dicken Hansen auf der einen und Pepe, Karlos und mir auf der anderen Seite. Der Anlass war nichtig. Wir wollten es partout nicht einsehen, vor der Abfahrt die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Wir stellten uns stur, bis der dicke Hansen drohte, ohne uns heimzufahren, worauf wir noch bockiger wurden und ihn als Spießer verhöhnten.

Es ging ums Prinzip. Wir waren verwöhnte Jungs. Wir erwarteten, dass Mutti vom Himmel fiel und hinter uns herräumte. Wutentbrannt machte Hansen Ernst und dampfte ab, die WEGA 2000-Anlage auf dem Beifahrersitz.

“Dann seht zu, wie ihr nach Hause kommt!”

Damit hatten wir nicht gerechnet, aber niemand versuchte ihn aufzuhalten. Es hätte auch keinen Sinn gemacht, Hansen aufzuhalten, wenn er sich verletzt fühlte. Als Kind hatten er und sein Bruder die schwerste Verletzung erlitten, die ein Kind erleiden kann: die überforderte Mutter hatte ihre beiden kleinen Jungs zur Oma abgeschoben. (Der Vater starb früh an Krebs und blieb den Jungs als der große Held in Erinnerung, der sie im Sommer gerne mit zum Angeln nahm.) Fortan hasste der dicke Hansen Frauen, die sich von ihm trennten. Frauen, die sich von ihm trennten, überzog er mit Hass und Niedertracht. Er verpfiff sie beim Finanzamt, wenn sie schwarz kellnerten, er machte Telefonterror, er schlitzte die Reifen ihrer Autos auf.  Er mochte es einfach nicht, wenn man sich gegen ihn stellte.

Aber wer mag das schon.

Während der dicke Hansen nun allein im Wagen auf der Rückfahrt war, steckten wir zu dritt im Oberbergischen fest. Was blieb uns anderes übrig, wir würden den Daumen raushalten müssen und die gut zweihundert Kilometer bis nach Hause trampen.

“Zur Not zeig ich am Straßenrand meinen nackten Hintern”, bot Pepe an. Er hatte einen perfekt geformten, wunderbar weichen Frauenhintern, wie ein Schwämmchenverkäufer.

Als wir uns auf die Socken machten, dämmerte es bereits. Die illuminierten Christbäume in den Vorgärten, der weiße Rauch aus den Schornsteinen, das Dorf wirkte so friedlich, als habe man gerade den neuen Papst gewählt und der Welt verkündet. Und dann kamen wir daher und schmissen Schneebälle. Trafen eine Hauswand. Eine Kellertür, ein kleines Fenster. Vielleicht haben wir auch nur zu laut gelacht. In den Schnee gerotzt. Zu rotzig durchs Dorf geblickt.

Keine Ahnung.

Eine Haustür wurde aufgerissen. Im Eingang bauten sich ein Vater und seine Söhne auf. Drei kräftige Söhne, mit aufgepumpten Fäusten, dahinter die Mutter. Mütter von idiotischen Söhnen wissen in der Regel, dass sie idiotische Söhne zur Welt gebracht haben, und feuern sie an.

Es dauerte keine halbe Minute, da lagen sämtliche Langspielplatten, die ich in einer Plastiktüte mit mir trug, im Schnee verstreut, und mein Schädel klopfte, als hätte mir jemand Betonwürfel ins Auge gedrückt.

Karlos hatte einen Finger gebrochen und ging stiften, am ärgsten aber erwischte es Pepe, ihn stampften sie wirklich ein. Seine Brille splitterte, das Nasenbein knackte, er spuckte Blut. Ein Schneidezahn war weg.

Natürlich gab es dauernd Schlägereien damals. “Sollen wir vor die Tür gehen, Alter!?”, “Ja, gehen wir vor die Tür, Alter!” und dann ging man vor die Tür, Alter, und markierte den dicken Maxe, doch wirklich auf die Nase gab es eher selten. Die Sache im Oberbergischen dagegen war anders. Sie kam kurz und bündig wie eine Eilmeldung: paff, paff, paff! Lasst euch nie wieder hier blicken!

Paff!

Auf der Polizeistation im nächst größeren Ort, ein Fremder hatte uns an der Landstraße aufgelesen und mitgenommen, ließ man uns auf der Bank schmoren. Man beschimpfte uns als “Drogensüchtige”, die schon verdient hätten, was ihnen widerfahren war.

“Blutet uns ja nicht die Wache voll, ihr Säue!”

Erst als Pepes Vater, ein vermögender Unternehmer, der sein Geld mit einer Kette Jeans-Stores gemacht hatte, spät am Abend vorfuhr, im einschüchternd strengen Benz und braungebrannt, bequemte man sich, einen Arzt zu rufen und Strafanzeige aufzunehmen. Die im Sande verlief. Wir haben nie wieder von der Polizei oder der Staatsanwaltschaft gehört, in dieser Sache.

Wir waren heilfroh, als wir im beheizten Mercedes saßen und Pepes Vater kutschierte uns heim, wortkarg durch die Dunkelheit. Ein einziges Mal noch wurden wir munter. Wir hielten an einer hell ausgeleuchteten Jet-Tankstelle, und eine Frau mit Mannequinfigur, viel zu dünn angezogen, betankte ihren Wagen, und wie auf Kommando trällerten wir im Chor:

LA LA LA.

Im Benz duftete es nach Leder. Im Nachtradio lief Burt Bacharach. Wahrscheinlich war es James Last.

Babsi

Babsi mochte ich gern. Sie hatte langes blondes Haar und Sinn für Humor, sie war herrlich vulgär und nicht dumm - eine  unschlagbare Mischung. Als Teenager landeten wir ein paar Mal zusammen im Bett, aber so richtig gefunkt hatte es dabei nicht. Wir konnten dennoch nicht die Finger voneinander lassen und versuchten es immer wieder, auch in späteren Jahren, meist wenn wir betrunken waren und uns über den Weg liefen.

Einmal hingen wir im Mumms am Tresen, wir waren ziemlich hinüber. Als der Geschäftsführer die Glocke zur letzten Runde schlug, wollte ich mich schon dadurch tun, doch sie bat mich, auf einen Sprung mit zu ihr zu kommen. Es war wirklich eine Bitte, und das war merkwürdig. In der Regel reichten ein paar Blicke und Andeutungen, und dann zog man gemeinsam ab, doch hier war die Sachlage eine andere. Es machte mir fast ein bisschen Sorgen, dass Babsi mich regelrecht gebeten hatte, sie nicht alleine zu lassen in dieser Nacht. Irgendetwas steckte dahinter, mehr als bloßer Sex.

Sex hätte auch keinen Sinn gemacht, nicht in unserem Zustand, das wusste sie so gut wie ich. Aber was wusste ich denn. Auf einen Versuch konnte man es ja ankommen lassen. Auf einen Versuch konnte man es immer ankommen lassen. Das Leben war nichts anderes als eine einzige große Versuchsanordnung im Rahmen von Feldexperimenten und einem Haufen Exportbier.

Und wer weiss, vielleicht ernüchterte mich der Herrgott auf dem kurzen Fußweg zu ihr, fuhr mir mit einem sauren Jesus-Schwamm durchs Gesicht und liess mich explodieren.

Vielleicht auch nicht.

Es ging doch um Sex. Babsi zog alle Register, technisch gesehen. Sie nahm ihn in den Mund, sie zeigte mir ihre rasierte Muschi, sie machte ganz auf Großbildleinwand, es half nichts. Wir waren zu besoffen. Verzweiflung steht an jedem Ende, Verzweiflung und Dunkelheit. Ich ging noch vor dem Morgengrauen, ohne einen Ton zu sagen.

Als ich am nächsten Morgen daheim erwachte, war ich traurig. Etwas war zerbrochen zwischen Babsi und mir, und es war nicht rückgängig zu machen. Wir hätten uns dieses verdammte letzte Mal ersparen sollen. Ich hoffte inständig, die Bilder dieser Nacht würden sich nicht zwischen uns stellen. Doch ich wusste, dem würde nicht so sein.

Ich sah sie nicht wieder. Über mehrere Ecken erfuhr ich, dass sie wenig später nach Australien ausgewandert war. Sie musste es in dieser Nacht schon gewusst haben, sie wollte Abschied von mir nehmen, warum hatte sie nichts gesagt? Ich kapierte es nicht, doch da war dieser riesige Stapel anderer Dinge, die ich ebenfalls nicht kapierte und der nicht kleiner wurde mit den Jahren.

Ich packte die letzte Nacht mit Babsi hinzu, was soll man machen. Der Stapel dockte schon beinah ans Himmelszelt an, in der Nacht waren die Planeten zum Greifen nah.

Da, der Jupiter.

Einmal träumte ich von Babsi. Sie triumphierte vor einer australischen Goldmine, mit einem Nugget im Arm, für ein Foto der örtlichen Goldminenpresse. Sie lächelte glücklich in die Kamera, und ihre Muschi war nicht rasiert.

*

In den Achtzigern war Babsi auf Heroin gewesen, damals erschien sie uns wie die ewige Junkiebraut. Zwar schaffte sie es immer wieder mal, ein halbes Jahr clean zu bleiben, und wenn man ihr zufällig in der Stadt begegnete, war sie ganz stolz und berichtete von ihrer frisch gezogenen Minze auf dem Balkon, doch es dauerte nie lang. Es kam unweigerlich der Tag, an dem die Babsi der 80er Jahre übelst gelaunt die Augen aufschlug und neben ihr lag ein Kerl und stank aus dem Hals.

Es war mal wieder genug. Zuviel Cleansein, so Babsi, schadete dem Geist. Es raubte einem den nötigen Nebel, der das Überleben garantierte, zuviel Cleansein machte die Menschen hochmütig. Besonders dann, wenn sie es anders kannten, wenn sie die Sucht schon einmal kennengelernt hatten.  Wenn du an diesem Punkt wach wirst, ist es Zeit, dem Kerl in deinem Bett anzufauchen.

“Heb deinen Arsch aus der Koje, Doofmann!” fuhr sie ihren Stecher an. “Los, ab nach Rotterdam!”

Rene war ein Kerl wie ein Baum. Bis zu dem Tag, an dem er Babsi kennernlernte, war er nur ein harmloser Kiffer. Es dauerte keine fünf Monate, und er war voll auf Heroin. Zweimal die Woche brachen Babsi und er nach Rotterdam auf, wo junge Marrokaner ganze Strassenzüge kontrollierten.

Sie verkauften den Stoff aus Abbruchhäusern, Buden voller Wanzen und Küchenschaben, in denen es nur ein paar Tische und verlauste Sessel gab und wo nackte funzlige 25-Watt-Birnen von der Decke baumelten. Die Junkies aus Deutschland kamen rund um die Uhr. Stets war jemand da, der ihnen die Tür öffnete, und stets war dieser Jemand bewaffnet und hiess Ali. Alle marrokanischen Pulverheinis in Rotterdam hiessen Ali. Man konnte gar nichts falsch machen, wenn man als Junkie neu in der Gegend war. Man fragte x-beliebige Passanten nach Ali, und der Passant, sofern er nicht selbst Ali war, zeigte zum nächsten Hauseingang.

“Ali? Da rein.”

Rene und Babsi hatten ihren ganz speziellen, ihren eigenen Ali, und der wohnte auf der Schagenstraat. Wenn man über ein Jahr lang zweimal die Woche Geschäfte miteinander macht, Geschäfte zur beiderseitigen Zufriedenheit, vertraute man sich mit der Zeit, und man wurde nachlässig.

Ali telefonierte gerade und wandt sich von Babsi und Rene ab. Dabei unterlief ihm ein Fehler. Er vergaß die Schatulle, die voller Bargeld war vom vorangegangenen Deal. Rene griff geistesgegenwärtig in die offene Schatulle, entnahm ihr einen dicken Batzen DM-Scheine und reichte ihn unterm Tisch an Babsi weiter. Die wusste erst nicht, was sie damit machen sollte, dann stecke sie die Kohle einfach in ihre Jackentasche. Ali, der mit einem Landsmann auf arabisch parlierte, bedeutete den Beiden, dass das Gespräch etwas länger dauern könnte und verschwand im Nachbarraum. Besser konnte es gar nicht laufen. Stickum tat sich das Pärchen dadurch, zum Glück war der eoigene Deal schon über die Bühne gegangen.

In der Szene hatte Babsi den zweifelhaften Ruf, soviel Schore über die Grenze schmuggeln zu können wie keine andere Braut. Sie packte ihre Möse mit dicken Heroinwürsten voll, jede einzelne in mehrere Lagen Zellophan eingewickelt. “Die kann stopfen wie ein Postfach”, hiess es.

Auf der Rückfahrt Richtung Deutschland konnten Babsi und Rene ihr Glück kaum fassen. Natürlich war jegliches künftige Geschäft mit Ali, ihrem Stammdealer, verbrannt, doch was kümmerte das ein Junkiepaar, wenn es gerade mit Material und Moneten satt auf dem Heimweg war.

Zuhause musste Rene zur Nachtschicht, er jobbte bei Wilkinson an der Maschine. Am nächsten Morgen weckte er Babsi und wollte die Knete sehen.

“Die hab ich verloren.”

Babsi konnte dumm-dreist sein, sie zerkratzte sich die Schenkel. Das fand Rene, gross wie ein Pferd, nicht witzig.

“Du blöde Junkiefotze, wo ist die ganze scheiss Kohle!!?”

Jähzornig riss er ihr das bißchen Wäsche vom Leib, das sie nachts trug, er nahm den Kleiderschrank auseinander, in dem er die Scheine vermutete, er wuchtete das Oberteil des Schranks aus dem Fenster und das Holz zersplitterte unten auf der Strasse.

“Du bescheisst mich nicht!” brüllte er durchs Haus, “du nicht!”

Die Nachbarschaft stand vereint hinterm Fenster, und Timmy, Babsis kleinerPinscher, schiffte aus lauter Angst auf den Teppich. Rasend vor Zorn holte Rene eine Haushaltsschere aus der Besteckschublade und schnitt das vollgeschiffte Rechteck aus dem Teppichboden heraus und klatschte es gegen die Küchenwand. Ein Vorgang, den er ausser sich vor Zorn, immer und immer wiederholte, bis die Tapete nur noch ein einziger grosser Pinscher-Pissfleck war.

“Rück endlich die verfickte Kohle raus, Babsi, oder ich fackel dir die Hütte unterm Arsch weg!!”

Der kleine Hund verkroch sich wimmernd unters Schlafzimmerbett, als Babsi ihrerseits die Haushaltsschere packte und auf Rene zustürzte. Damit hatte er nicht gerechnet. Das Hunderte Seiten dicke Telefonbuch Wuppertal-Solingen-Remscheid vorm Bauch flüchtete er rückwärts die Treppe hinab, verlor das Gleichgewicht und fiel mit einem gewaltigen Aufschrei die letzten Stufen runter. Er blutete, die Nase war gebrochen. Babsi langte nach ihrem Mantel und zog Leine, so schnell sie konnte.

Als zehn Minuten später die von Nachbarn alarmierte Polizei eintraf, konstatierten die Beamten Gefahr in Verzug und ordneten eine Hausdurchsuchung an. Resultat: 54 Gramm Heroingemisch wurden festgesetzt sowie 370 Mark Bargeld in abgegriffenen kleinen Scheinen. Beide kamen nur deshalb mit Bewährung davon, weil sie zuvor unbeschrieben waren.

“Und das alles bloß, weil ich einmal morgens schlecht gelaunt neben einem Kerl wach wurde, der mir auf den Sack ging”, ächzte Babsi, als sie mir im Tchibo die ganze Geschoichte erzählte, von A bis Z.

Heroinrauchen

In der Szene, in der ich mich bewegte, fixte kaum jemand. Wir hatten keine Lust im Sommer mit einem Loch im Arm durch die Gegend zu rennen. Wir wollten breit sein, und trotzdem gut aussehen.

Wir wollten keine Fixer sein.

Wir wollten nicht alle paar Wochen bei Anbruch der Dunkelheit eine Hundertschaft versiffter Pumpen zur Restmülltonne tragen, wir wollten kurzärmelige T-Shirts tragen können, ohne blöde Blicke zu kassieren.

Wir wollten unsere Ruhe haben.

Die meisten Heroinkonsumenten wollen ihre Ruhe haben, wenn sie in die Jahre kommen. Vielleicht ein bisschen nett sein zu den Leuten, mit denen man abhängt, vielleicht sogar euphorisch, wenn ausnahmsweise gutes Pulver im Haus ist, aber die richtig wilden und turbulenten Sachen, die man mit Zwanzig auf Droge macht, finden schon zehn Jahre später nicht mehr statt.

Ende der Achtzigerjahre grassierte eine neue Mode, die mir gelegen kam: Durch die Beigabe von Mannit, einem Laufmittel, wurde Heroin rauchfähig gemacht und die Leute begannen, sich die Lunge zu ruinieren. Was weniger am gepanschten Stoff lag, dessen Wirkstoffgehalt selten 15 % überstieg, sondern an der beschichteten Aluminiumfolie, auf der das Pulver erhitzt wird.

Zwar flämmten die gewissenhaften unter den Süchtigen die Folie vor dem Rauchen ab, um die schädlichen Stoffe halbwegs auszumerzen, doch die meisten hatten dazu weder Lust noch Muße. Man war einfach zu geil aufs Breitwerden, um zuvor eine solch umständliche Lahme Enten-Aktion einzuschieben, die eine halbe Minute und länger in Anspruch nahm. Ich mein, eine halbe Minute weniger breit ist eine halbe Minute weniger breit.

Noch Fragen.

Es gab die ganz ungeduldigen Blower, die sich gleich ein halbes Gramm aufs Blech packten, die richtig kleine erdbraune Hügel bauten, und dann das Feuerzeug starteten. Sobald das Pulver sich auf der Alufolie erhitzte und verflüssigte und zur dunkelbraunen, nach bitteren Mandeln riechenden Pampe wurde, liess es sich über die Folie hin und her rollen, vor und zurück, wie eine Schiffsschaukel auf der Kirmes, immer verfolgt vom Mundröhrchen, durch das der Heroinrauch vehement eingesogen wurde, ein Ritual, das weltweit als “den Drachen jagen” bekannt geworden ist.

Drachenjäger sind ungeduldige Leute, die Geduld haben müssen, da solch eine Prozedur zwanzig Minuten und mehr dauern kann, bis zuletzt nur noch ein öliger Klecks Heroin übrigbleibt, der in einer gewaltigen Orgie von Qualm aufgeht und sich in die Lunge frisst, ein wilder zügelloser Moment, ein ultimatives Zumachen, das Erlegen des Drachens.

Allein das Schreiben darüber und die Erinnerung daran lassen mich nach hinten wegkippen und lang aufschlagen.

Dann gab es die Punktraucher. (Punktschweißer.)

Punktraucher sind fleißige Menschen, die Hamster unter den Blowern. Ringo war ein Punktraucher. Ringo hatte gerade zwei Jahre Haft wegen Dealerei hinter sich und jobbte in einem Elektronikfachmarkt. Er hatte echt was drauf, was Computer anging und ergatterte später einen guten Job in der IT-Branche. Dummerweise war er aber auch der Obersüchtel aller mir bekannten Süchtel, woran er mit Mitte 40 elend zugrunde gehen sollte.

Ich traf ihn spätabends bei Kilian, einem gemeinsamen Bekannten, von dem ich bis zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung hatte, dass er ein gemeinsamer Bekannter war. Als alles schon bereit zum Aufbruch war, fiel mir diese Bahn Alufolie in die Hand, über und über mit rußig-schwarzen, kaum nagelkopfgroßen Punkten bedeckt. Sie lag direkt vor Ringo auf dem Tisch.

“Was hast du denn da fabriziert?” fragte ich.

Es sah nach einer ungeheuren Fleißarbeit aus. Vor lauter Punkten war kaum noch die Aluminiumfolie darunter zu erkennen.

“Ringo ist Punktraucher”, meinte Kilian krächzend.

Er, der Gastgeber, lag schon auf der Matratze, die er sich aus dem Schlafzimmer rübergeschoben hatte, und wartete nur noch darauf, dass wir endlich die Biege machten, er wollte allein sein. Es ging ihm nicht gut. Er war erkältet. Es war fast ein Witz: da war man bis zum Kragen voll mit Morphin, fing sich aber einen Schnupfen, der einen aus den Pantinen haute.

“Hat der Glumm mal wieder nichts mitgekriegt, wah?” tönte Ringo und erklärte mir kurz das Wesen der Punktraucherei.

Man streut nur wenig Pulver aufs Blech, gerade mal eine halbe Messerspitze. Es  ist eine reine Vorsichtsmaßnahme. Beim Blowen größerer Mengen passiert es immer wieder, dass man den aufsteigenden Heroindampf nicht zu 100 % erwischt, dass etwas neben das Röhrchen gerät, wenn man den Drachen jagt. Das ist doppelt ärgerlich. Zum einen landet der Dampf nicht in den Lungenbläschen, wo er hingehört, zum anderen nicht im Röhrchen, das ebenfalls aus Aluminiumfolie angefertigt wird, um das dort abgefangene Heroin nochmals rauchen zu können und den Kreislauf zu perfektionieren.

Die Punktraucherei ist eine anstrengende Geschichte. Anstatt die Schore auf dem Blech fröhlich vor und zurück laufen zu lassen, heißt es beim Punktrauchen immer wieder von Neuem zu beginnen, die nächste Messerspitze aufzulegen. Es ist die reine Fließbandarbeit. Etwas für Stoiker. Ringo war tatsächlich der einzige konsequente Punktraucher, der mir je unter die Augen gekommen ist, und selbst er gab es nach einer Weile auf.

Genau wie ich stieg er aufs altbewährte Sniefen um.

Sniefen hat den Nachteil, dass die Schleimhäute das Material erst verarbeiten und weiterreichen müssen, bis es endlich im Zentrum der Sucht andockt, und bis dahin vergehen gut und gerne zwanzig Minuten. Sniefen ist eine langsame, eher altmodische Angelegenheit, die aber einen entscheidenden Vorteil bietet: Die Wirkung hält länger an als beim Rauchen.

Wenn die Blower schon wieder an ihren Vorrat müssen, (egal ob Punkt-oder Hügelraucher), hängen die Nasenzieher und Schnupflieschen noch ganz entspannt im Sessel, den Schädel auf die Lehne geknallt.

Ach Kinder, ist Sniefen nicht eine herrliche Angelegenheit?

Schade, dass ich es kotzeleid bin und schon vor Jahren aufgegeben habe.

*

Mehr Heroin

Hand und Beute

Reiner Zufall, dass ich an diesem Montagmorgen in der kleinen Bankfiliale in der Südstadt gelandet war. Ich hatte mir beim Arzt um die Ecke ein Rezept auf eine 20er-Schachtel Codeintabletten ausstellen lassen und gleich in der Apotheke eingelöst. Danach ging ich zur Bank und wollte kurz meinen Kontostand abrufen. Sinn machte das eigentlich nicht, vier Tage vor Monatsende. Aber eine Menge Sachen machten keinen Sinn und ich tat sie trotzdem, und ausserdem: Das Steuerbüro, das die Gehälter für die Mitarbeiter des Turmhotels anwies, hatte schon einmal zu früh überwiesen. Allerdings war das bestimmt fünf Jahre her.

Egal. Ich nahm die Bankcard und wollte sie in den Schlitz des Kontoauszugdruckers schieben, und dann lag sie da. Die Brieftasche. Wie bestellt. Als hätte der Geldkellner soeben den Raum verlassen, mit seinem Tablett voller Brieftaschen, und eine für mich hinterlegt. Für den, der am meisten pleite war. Der am ehersten zur Stelle war und Ich! Ich! Ich! rief. Eine extragroße Kellnerbrieftasche, so prallvoll, dass oben ein Packen blauer Hundertmarkscheine rauslinste. Ich musste nur noch hinlangen und mich aus dem Staub machen.

Die Entscheidung musste im Bruchteil einer Sekunde fallen. Sehr viel mehr Zeit, um ungeschoren davon zu kommen, würde nicht bleiben. Wenn erstmal jemand bemerkte, dass seine Geldbörse nicht an dem Ort war, an dem er sie vermutete, mit all diesen brandneuen, gerade vom Konto abgehobenen Banknoten, würde es sofort einen Riesenaufstand geben.

Niemand verlässt den Saal! Frau Schöller, Sie rufen die Kripo! Taschenpfändung.

Noch bewegte ich mich in diesem Sekundenbruchteil, einem animalisch engen und gefährlichen Raum, dennoch groß genug für eine Million Fehlentscheidungen und einer richtigen. Ich zog das Plastikkärtchen aus dem Schlitz des Kontoauszugsdruckers, gerade noch rechtzeitig, bevor die Maschine die Daten einlesen konnte und ich im Nachhinein zu identifizieren gewesen wäre.

Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, womit die wenigen Leute in der Bank beschäftigt waren. Der Kassierer an Kasse 1 unterhielt sich mit einem Mann, der mit dem Rücken zu mir stand und dem Kassierer die Sich versperrte, er konnte mich nicht sehen. Die beiden Männer schienen sich gut zu kennen, so vertraut gingen sie miteinander um. “Du doch nicht”, hörte ich ein Frotzeln, dann ein Männerlachen.

Dahinter stand eine Frau in gebührendem Abstand an, ebenfalls mit dem Rücken zu mir. Kasse 2 war nicht besetzt. Eine weitere Kundin war am gegenüberliegenden zweiten Kontoauszugsdrucker damit beschäftigt, ihre Handtasche zu durchsuchen. Sie hatte noch vor mir die kleine Bankfiliale betreten und war mit den Gedanken woanders.

Die Brieftasche lag oben auf dem Stehpult, an dem gewöhnlich Schecks ausgefüllt werden, Überweisungen, Formulare, Spendenvordrucke. Wie ein saftiger Big Mac, aus dem Salatblätter, Rindfleisch, Käse- und Tomatenscheiben herausquollen, noch ofenwarm. Jetzt. Ich drehte mich zur Seite, griff wie unter Hypnose nach der Börse und zog den Rückzug an. Nicht zu schnell, nicht zu langsam – dem Ausgang entgegen. Als hätte ich bloß meinen Kontostand abgerufen und zöge nun unverrichteter Dinge ab, auch wenn sich niemand um mich scherte. Wenn ich eins gelernt hatte im Leben und aus alten amerikanischen Detektivfilmen, dann unsichtbar machen im richtigen Moment.

Hinter der ersten Ausgangstür befand sich ein Zwischenraum, in dem Schliessfächer untergebracht waren. Drei, vier Schritte nur, doch bei jedem Schritt erwartete ich eine fest zupackende Hand im Genick, HE, SIE DA, STEHEN GEBLIEBEN! DAS IST MEIN GELD, FREUNDCHEN! FRAU SCHÖLLER, DIE POLIZEI!

Ich drückte die zweite Tür auf und stand im Sonnenlicht auf dem Gehweg. Ohne groß zu überlegen, eilte ich rechts die Strasse hoch, am Getränkeshop vorbei, obwohl ich links runter schneller aus dem Blickfeld gewesen wäre. Ich hätte um die Hausecke des kleinen historischen Hotels verschwinden können, doch ich wählte instinktiv den längeren Weg, der aus dem Viertel hinausführte.

Ich ging schnell, aber ich lief nicht. Kein Laufschritt, mahnte ich mich zur Gelassenheit. Ein Frühsommertag, alles ist wie immer, es ist niemand hinter dir. Kopfsteinpflaster. Die Beute schwitzte in meiner Hand. Sie fühlte sich noch gewölbter, noch praller an als vermutet. Ich steckte die Geldbörse unter Mühen in meine hintere Hosentasche, die Gesäßtasche, ich wollte sie loswerden, ins Gebüsch pfeffern, nichts mehr damit zu tun haben.

Ich ging wie in Trance, den Blick geradeaus, eine jäh zuschlagende Filialtüre im Rücken, hastige Schritte von Bankangestellten, die die Verfolgung aufnahmen, eine erzürnte bestohlene Stimme. Eine Stimme, die meine gewesen wäre, hätte man mich bestohlen. Doch es blieb ruhig hinter mir, niemand folgte. Es ging bergan. Tausend Mark, schätzte ich, eher mehr. Nach fünfzig Metern bog ich rechts in eine kleine Hofschaft ab. Zwar nahm ich ein Sackgassenschild wahr, doch das betraf Fahrzeuge. Der Stadtteil war voller kleiner Fußwege, Pattwege, die hinter Fachwerkhäusern herführten und sie miteinander verbanden. Ich folgte einem Heckenweg, der in einem sachten Bogen unversehends wieder auf die Strasse führte, die ich gerade erst verlassen hatte. Ich überquerte sie und verschwand wie benommen in einer Siedlung am Rande des Viertels.

Dass ich überhaupt zugegriffen hatte, verdankte ich einem antrainierten Reflex. Man kann einen Reflex nicht antrainieren? Möglicherweise nicht, aber man kann lernen, eine Situation zu erfassen und zu handeln. Man kann es sich antrainieren, selbst wenn man im Training nichts davon weiss, dass man trainiert.

Ich arbeitete als Nachtportier im Turm-Hotel, doch der Job war in den letzten Zügen. Ich kam mit dem neuen Pächter-Ehepaar nicht zurecht, was mir die letzte Lust nahm, weiterhin die Nächte um die Ohren zu schlagen. Ein Tag war wie der andere. Eine Dreiviertelstunde vor Dienstbeginn um 22 Uhr verliess ich frisch geduscht das Haus, frisch geduscht, um überhaupt noch irgendwie in die Puschen zu kommen.

Am Ende der Wupperstrasse stand eine gelbe Telefonzelle. Jeden Abend öffnete ich sie und warf einen kurzen Blick hinein. Ich suchte die Ablage ab, den Münzfernsprecher, den Boden. Jeden Abend, halb zehn, bevor ich meinen Dealer aufsuchte und dann zur Arbeit ging. Ich wartete darauf, dass irgendwer sein Portmanee liegen liess. Nach einem zornigen Telefonat vielleicht, oben auf dem Fernsprecher, dessen Oberfläche glatt poliert war von den Münzen, die der Apparat nicht geschluckt hatte, die ständig im Rückgabeschacht landeten. Um so eine Fehlmünze noch apparattauglich zu kriegen, rieb man sie auf der metallenen Oberfläche des Fernsprechers, bis sie sich auflud mit Magie und Magnetismus und es endlich schaffte in den Bauch des Fernsprechers.

Es war ein echter Spleen geworden, ein lächerliches Warten auf Wunder, ein Wunder, bei dem es stets einen traurigen Verlierer geben würde, doch ich konnte es nicht lassen. Sollte ich es einmal nicht tuen, da war ich mir sicher, würde genau an diesem Abend eine vergessene Brieftasche dort liegen und ich hätte das Wunder vermasselt. Ich öffnete die Tür, fand eine leere Telefonzelle vor und ging weiter Richtung Innenstadt. Dann klingelte ich bei meinem Dealer, kaufte ein Ration Heroin und begann den Nachtdienst.

Und nun hatte da tatsächlich eine Brieftasche gelegen. Wenn auch ganz woanders. Anderer Stadtteil, andere Tageszeit, kein Telefonhäuschen. Ich verliess die Siedlung und folgte der Strasse bis zum Altenheim, zur Bushaltestelle. Einige Leute warteten unter dem überdachten Häuschen. Da ich jeden Moment Martinshorn und Blaulicht befürchtete, verzog ich mich hinters Häuschen, auf den leeren Kinderspielplatz. Ich nahm die Brieftasche in die Hand, überflog den Packen herausquillender Noten mit den Fingerspitzen.

Ich löste ein Ticket bis in die Stadtmitte und verzog mich auf einen Sitz in zweiter Reihe, weg vom Fenster. Um diese Uhrzeit waren nur Rentner im Bus, Rentner und ein stadtbekannter Irrenarzt, der mir zunickte. Ich bemühte mich neutral aus der Wäsche zu gucken, ein Mann Mitte Dreissig, der Montagmorgens den Bus nahm, kein Krimineller, der fett Beute gemacht hatte. (Ich war tatsächlich kein Krimineller, aber ich hatte Beute gemacht.) Der Anblick alter Menschen machte mich nervös. Was, wenn das Geld einer Rentnerin gehörte, die ihre Monatsrente abgehoben hatte? Zwar war in der Filiale kein älterer Mensch gewesen, doch möglicherweise hatte er sie bereits verlassen. Vielleicht hatte die Brieftasche längere Zeit auf dem Pult gelegen, und niemand hatte sie bemerkt. Bis ich gekommen war, mit meinem antrainierten Reflex. Aber welche Rentnerin schleppte eine Taxifahrerbrieftasche mit sich herum.

Während der Linienbus Richtung City rumpelte, saß ich auf dem Zaster, spürte ihn unter meinem Hintern. Das war kein kleiner Ladendiebstahl. Ich hatte richtig in die Scheiße gepackt. Ich stieg Haltestelle Schlagbaum aus und verschwand im Bärenloch, einer großzügigen Parkanlage, um diese Uhrzeit menschenleer. In dem Moment, wo ich mich hinsetzte und die Brieftasche in die Hand nahm, um die Kohle zu zählen, durchzuckte es mich: Du Penner, eine Bank hat Kameras! Ich bin gefilmt worden! Die haben Fotos von dir, alle Beweise in der Hand! Und auch wenn ich in dieser Bankfiliale nicht bekannt bin, die Kripo wird das Bild in die lokalen Zeitungen bringen:

WER KENNT DIESEN MANN?!

Ich konnte das Geld nicht behalten. Ich zählte die Beute. Es waren genau 1800 Mark und etwas Kleingeld. Ausser dem Schotter befand sich nichts in der Börse, absolut nichts. Keine Telefonnummer, kein Foto, kein Pass, kein Zettel, nichts. Nur Geld. Es gehörte keiner Rentnerin. Vielleicht dem Mann, der mit dem Kassierer geflachst hatte. Vielleicht war er der Betreiber des Getränkeshops um die Ecke der Bank. Man würde mich schneller kriegen, als ich auch nur einen Hunni verbraten könnte. Keine Chance.

Zehn Minuten später stand ich am Schlagbaum in der Telefonkabine. Ich wählte die Handynummer von Rinaldo, seine Frau Gina war am Telefon. Sie sprach kaum Deutsch. Rinaldo hatte sie aus seiner Heimat Süditalien einfliegen lassen, nun lebte sie in einem fremden kalten Land, dessen Sprache sie kaum verstand.

“Wo ist Rinaldo?” fragte ich, doch Gina nuschelte sich einen zurecht, ich verstand nur soviel: Er war nicht daheim. Es war zum Heulen. Ich hatte die Taschen voller Kohle. Ich fühlte mich hundeelend plötzlich. Ich hatte keine Lust auf Codein. Ich wollte eine Nase, eine fette Nase.
“Rinaldo in Baus”, nuschelte Gina. Rinaldo und Gina waren zwar nicht verheiratet, die Beiden hatten jede Menge Probleme, doch wenn die Rede auf sie kam, sprach Rinaldo stets von seiner Frau.
“In Baus. Rinaldo in Baus!”
Ich kapierte nicht. Was meinte sie? Sie rollte das r so stark, dass es aus ihrem Mund wie Rrrrinaldo klang, und je mehr Gina sich aufregte, desto mehr r’s rollten ihr über ihre Lippen und knallten in mein Ohr.
“Gina, sprich deutlicher. Wo ist..?”
“IN BAUS! RRRRINALLDO IN  BAUS”

Es war nichts zu machen. Ich wollte sie gerade laut und vernehmlich fragen, wann Rinaldo zurückkommt, da fiel der Groschen. Rinaldo hatte mir Tage zuvor erzählt, dass er das Bad renovieren wolle und dafür Material brauche, Fliesen und solche Sachen. Und wenn Gina in ihrer Hilflosigkeit nicht mehr als Baus herausbekam, dann war Rinaldo vermutlich im Bauhaus unterwegs, Klamotten kaufen. “Bauhaus meinst du? Rinaldo ist im Bauhaus?”

“BAUS!! JA! RRRINALLDO IN BAUS!”

Ich erfuhr, dass es noch mindestens eine Stunde dauern würde, bis er zurück war, also entschloss ich mich, an Rinaldo vorbei zu handeln und von Gina zu kaufen. Mit Gina hatte ich noch nie Geschäfte gemacht, aber ich wollte nicht länger warten.

Die Wohnung lag keine zwei Minuten entfernt. Gina verkaufte mir einen Hunni. Für hundert Mark gab es genau ein Gramm, und sie rückte nicht ein Zehntel mehr raus.

“Du nicht hier ziehen”, sagte sie.

Als Gina aus ihrer süditalienischen Heimat gekommen war, war sie eine hübsches kleines Ding gewesen, unbedarft und schüchtern. Innerhalb eines Jahres hatte das Pulver es fertig gebracht, aus Gina eine überschminkte Tussi zu machen, die sich ungeniert die Fotze kratzte. Der Babyspeck aus ihrem Gesicht war gewichen, dunkle hohlen Wangen stützten ihre Fassade. Was da vor mir stand und mich unverblümt aufforderte, die Wohnung zu verlassen, war eine verdammte Bruchbude.

“Bin schon weg”, sagte ich, und machte, dass ich rauskam. Sie wollte nicht, dass ich Rinaldo in die Arme lief, sie wollte den Hunni für sich einsacken. Beim Verlassen der Wohnung warf ich einen Blick ins Bad und war überrascht: das sah tipptopp aus, was Rinaldo da auf die Beine stellte. Armaturen in Chrom blinkten mich an, elegante Geschichten, alles mein Geld. Vielleicht wollten die drei ja bald heiraten. Rinaldo, Gina und Heroin.

Ich war jetzt richtig heiss auf die Schore, ich hatte keine Lust, eine halbe Stunde zu warten, bis ich zu Hause war. Ich schlug den Weg zurück ins Bärenloch ein. Mitte der 90er Jahre war der Park kahl und zugig, für ein Näschen suchte ich ein windstille Ecke. Ich durchschritt fast die gesamte Anlage bis zum Rand der alten Mülldeponie, bevor ich endlich eine geschützte Mulde fand, die als Grillplatz genutzt wurde. Auf dem Notizbuch zog ich den Hunni in zwei Etappen weg, jedes Nasenloch bekam ein halbes Gramm.

Obwohl ich die Tage zuvor nicht bei Rinaldo gekauft hatte, sondern mich mit Codein über Wasser gehalten hatte, kannte ich das Material, das Gina mir vertickt hatte. Die Qualität war nicht berauschend. Ich wurde nicht mal so stoned, dass es meine Angst überblendete. Da war immer noch das Problem mit den Überwachungskameras. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Das Geld zurückbringen? Ein Hunni war schon weg. Und ich konnte die angebrochene Brieftasche ja schlecht inkognito unter der Tür her in die Bankfiliale schieben – hier, der Rest. Eine Anzeige würde es auf jeden Fall geben, wenn mich irgendwer auf einem Foto erkennen sollte. Da konnte ich die Kohle auch gleich behalten. Es ging hin und her in meinem Kopf. Es nahm kein Ende.

Ich nahm die Abkürzung über die Kullerstrasse. Eine viel befahrene laute Strasse. Als ich eine Gründerzeitvilla passierte, hörte ich eine bekannte Stimme.

“He! Was machst du denn hier!?”

Die Gräfin absolvierte ein Praktikum bei einem Steinmetzbetrieb. Mit ihrem Chef reparierte sie an diesem Tag einen Treppenaufgang. Sie setzte gerade die oberste Treppenstufe, als sie mich daherlaufen sah.

“Erst dachte ich, ach, guck mal an. Isser wieder am checken, bei dem Sturmschritt. Kannst du dich nicht mal besser tarnen mit deinen blöden Obeinen?”

In den gesamten zwei Jahren ihrer Umschulung ist sie mir kein einziges Mal über den Weg gelaufen, ausser an diesem Tag. Was machst du hier? fragte sie, und ich zeigte ihr die Brieftasche. Komm mit. Der Chef arbeitete so lange allein weiter. Sie konnte es erst kaum fassen. Ich war gerade an dem Punkt angelangt, den Bus zurück nehmen zu wollen, um das Geld abzugeben, doch die Gräfin war strikt dagegen. Auch das Problem mit dem Foto beeindruckte sie nicht. Die haben keine Kameras. So ne winzige Filiale. Die machen sowieso bald dicht. Sie war scharf auf die Kohle. Falsch. Sie war scharf auf Urlaub.

Tatsächlich ging die ganze Beute für vierzehn fabelhafte Tage Südholland und ein paar Schulden drauf, so gut wie nichts für weitere Schore.

*

Ich hatte die ganze Sache schon vergessen, als ich zwei Jahre später an der Gordelerstrasse vor der Fußgängerampel stand und grün anforderte. Während ich wartete, rauschte der Verkehr vierspurig vorüber, auf der gegenüberliegenden Strassenseite wartete ein Pulk Leute.

Dann war grün, ich ging über die Strasse. Merkwürdigerweise war ein Mann auf dem Gehsteig stehengeblieben, hatte sich nicht bewegt. Ich ging auf ihn zu, mir nichts dabei denkend, und wollte ihm ausweichen, als er sich in den Weg stellte und seine Dienstmarke zeigte.

Er nannte seinen Namen und forderte mich auf, mit aufs Revier zu kommen. Erst dachte ich, es ging um Pulver, doch da ich nichts auf der Tasche hatte, blieb ich ruhig. Dann stellte er eine merkwürdige Frage, die eine Bankfiliale betraf. Ob ich dort jemals “Geldgeschäfte” erledigt hätte. Nee, sagte ich, mir war längst schummrig. Wir haben aber Beweise, sagte er. Beweise? Ja, Beweise. Fotos. Fotos, die genau zeigen, dass sie ein Portmanee an sich genommen haben, das Ihnen nicht gehörte.

Auf dem Revier zeigte er mir die Akte, der er persönlich angefertigt hatte, inclusive Fotos. So richtig gut war ich darauf nicht zu erkennen, meiner Meinung nach, ich wunderte mich, wie er mich in der Stadt wiedererkannt hatte.

“Na, an Ihren Obeinen. Die sind unverwechselbar.  Die hatten sich mir eingeprägt.”

Ungelogen: Der Wachtmeister mit dem scharfen Blick ging zehn Tage später in Pension.

*

bringt 1960:

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In unseren Träumen und auf Opium kehren wir ins Universum zurück, leicht wie Astronauten, dämmernd.

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