Zeit zum Schreiben (2)

Wo ich schon mal in Ohligs war, brachte ich den Vertrag gleich persönlich rüber zum Arbeitsamt. Während ich darauf wartete, dass Vermittler Buntenbach von der Mittagspause zurückkehrte, sah ich mich in der fast leeren Wartezone einer imposanten Frau ausgeliefert. Sie sah aus, als wäre sie mit dem Kopf voran durch die Babyklappe gerauscht und hätte das Auffangbettchen durchschlagen, das Baby wog nämlich hundertzwanzig Kilo und war gut vierzig Jahre alt. Ein fataler Anblick. Sie saß auf mindestens zwei Stühlen und blätterte hektisch in einer Broschüre des Arbeitsamtes.

“Das wird immer schlimmer”, krächzte das Babyface, ohne den Blick aus dem Prospekt zu heben. Ich fragte mich kurz, mit wem sie überhaupt redete, doch da ausser mir niemand anwesend war, ging ich davon aus, dass sie mich meinte. “Früher durfte man so viel Hunde mitbringen, wie man wollte, kein Problem. Dann durfte nur noch einer mit rein und der andere musste draussen bleiben. Und heutzutage?” Sie stampfte mit dem Bein auf, und der Ständer mit den vielen ungelesenen Tipp & Tricks am Arbeitsmarkt vollführte einen kleinen Rittberger. “Heutzutage dürfen Hunde gar nicht mehr mit rein! Nehee! Muss ich zuhause lassen! Aber was glauben Sie, was los ist, wenn Mutti gleich heimkehrt. Die beiden Racker reißen mir doch die Bude ab, wenn ich zwei Stunden weg bin! Und wer bezahlt mir den Schaden, Nürnberg etwa? Der feine Missjöh Buntenbach?”

Die Scharniere des Stuhls jammerten, als sie ihren massigen Körper erhob. Sie wurde so laut, beinah schrie sie mich jetzt an.

“Die verbieten mir, meine Hunde mitzubringen, und wissen Sie auch warum?” Sie glotzte über den Rand der Tipps & Tricks hinweg. “WEIL DIE UNZUFRIEDEN MIT SICH SELBER SIND, DIE WEIBER, DESWEGEN! UND DER FEINE MISSJÖH AUS KÖLN AUCH!”

Ich war heilfroh, als mein Sachbearbeiter endlich aus der Pause zurück war. Er warf einen Blick in den Vertrag und stutzte kurz, als er die Spalte Arbeitszeit/Stunden erreichte, wo Filialleiter Hafner mit Bleistift eine “32” eingetragen hatte.

“Wieso nur zweiunddreißig Stunden?”

“Weil die mich keine vierzig Stunden gebrauchen können”, log ich dreist, aber es kümmerte ihn ohnehin nicht. Hauptsache, ich war eine Weile aus der Statistik. Volle sechs Monate wurde ich nicht als arbeitssuchend geführt. Riesig. Dafür war Buntenbach beim Arbeitsamt angestellt. Das war sein Job, das war sein Leben. Ein Statistiksäuberer. Eine Reinigungskraft.

“So, Meister, am 1. Februar ist defintiv finis mit Feiern und Ausschlafen bis in die Puppen”, sagte er nicht ohne Genugtuung. Dabei schlief ich so gut wie nie aus, und das mit der Feierei war auch nicht mehr so doll. Eigentlich steckte ich in der ersten echten Krise meines Lebens, Literaturpreis hin oder her. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte.

Buntenbach senkte die Stimme, geplagt vom plötzlichen Tremolo seiner Augenlider.

“Sagen Sie.., die verrückte Dicke, sitzt die immer noch da draussen auf dem Flur?”

“Nee. Die steht jetzt.”

*

1. Februar, morgens, halb neun.

Der Bus bog schon in die Haltebucht ein, als ich unten aus dem Park trat und die Straße hinauf blickte. Ich musste einen Spurt hinlegen, damit der Fahrer nicht ohne mich abfuhr. Busfahrern bereitete das in letzter Sekunde die Tür vor der Nase zuschlagen ein derartiges Vergnügen, dass sie daraus eine interne kleine Sportart kreiert hatten, mit täglicher Ausschüttung von Ehre und Schulterklopfen unter Kollegen im Depot der Stadtwerke.

Diesmal hatte ich Glück. Der Fahrer kam nicht umhin, ein paar drängelnde Schulkinder einsteigen zu lassen, und als das letzte endlich drin war, kam ich außer Puste angestürmt und zählte ihm drei einzelne Markstücke auf den Wechselgeldteller. Mit mürrischem Blick riss der Fahrer das Einzelticket vom Block, liess die Münzen in den Galoppwechsler purzeln und murrte los.

In Ohligs angekommen, steckte ich mir auf dem kurzen Fußweg zum Obi eine Kippe an und rauchte sie so gierig runter, dass es mir fast den Zeigefinger ansengte. Ich war eine volle Stunde zu spät. Ich nahm die Treppe zum Büro des Chefs, aber das war leer. Ich versuchte es im Personalraum. Die blonde Sekretärin hockte am Tisch und blickte mich an.

“Na halloo..”, flötete sie erstaunt.

“Morgen”, sagte ich.

“.. hat er sich Brötchen mitgebracht!”

Wie niedlich. “Das ist ein Schinken-Baguette”, sagte ich.

Ihre blonde Rund-Frisur erinnerte an Prinz Eisenherz.

“Komm, wir trinken erst mal einen Kaffee.” Sie erhob sich und stöckelte zum Heißgetränkautomaten in der Ecke, schloss ihn auf. Ihre Levis war so knalleng, ich fragte mich, wie man es da reinschaffte ohne blaue Flecke und Schürfwunden. Vielleicht war sie seit dem vierzehnten Lebensjahr Stück für Stück in die Blue Jeans reingewachsen, ohne sie seither ausgezogen zu haben. Es gab Möglichkeiten, klar, doch die waren limitiert und hauten allesamt nicht hin. Nein, ihr Hintern war schlicht grandios. Er knackte und knirschte bei jeder Bewegung, wie ein Lattenzaun während der Hundstage.

“Kostet normalerweise fünfzig Pfennig, aber heute ausnahmsweise..” Sie ließ den Satz unvollendet und lächelte kokett. Oh, natürlich, sie wusste um ihre Wirkung. So oft es ging, zeigte sie sich von hinten. Starr mir ruhig auf den Hintern, sagten ihre Bewegungen. Wünsch dir was. Der Kaffeebecher lief randvoll, und sie schloss den Automaten zu. “Ich kann ihn dir nur schwarz anbieten, aber ich hoffe, das macht nichts.”

Sie setzte sich zu mir. Leise drang die Fumu in den Pausenraum, funktionelle Musik, Kaufhaus-Muzak, You make me shiver, makellos sanfte Wellen, die unsere Füße umspülten. Wir saßen nebeneinander, auf Abstand bedacht. Wie das so ist, wenn man sich nicht kennt, aber schon ahnt, dass man sich bald nahe kommen wird, unter Kollegen.

Während ich am Kaffee nippte, öffnete sie eine Pausenbrotdose und entnahm ihr eine Weissbrotstulle. Oh mein Gott. Wenn ich vor irgendetwas Horror hatte, dann vor Situationen im Pausenraum, wo eine Kollegin oder ein Kollege das Frühstücksbrot rausholt und Mahlzeit wünscht. Schlimmer als Kotze im Federmäppchen, das war der Untergang der Zivilisation.

“Nutella”, grinste sie. “Gibt Muckis.”

(Ich versuchte ein Lächeln.)

“Ich hab dein Foto im Tageblatt gesehen. Was schreibst du denn? Schreibst du richtig Romane?”

Das Foto war ein paar Tage vor Silvester im Lokalteil erschienen, es zeigte mich vor einer Schulklasse. Ich saß auf dem Pult und liess die Beine baumeln, das Manuskript in der Hand. Der Deutschlehrer einer Realschule hatte mich zu einer Lesung eingeladen, ich hatte Arnheim, der Blues gelesen, vor einem Haufen Zehntklässlern, die sich einen Schriftsteller irgendwie anders vorgestellt hatten. Seriöser, ohne Löcher in der Jeans, nicht so .. Glumm.

“Nee, Romane nicht..” Was die Leute sich immer vorstellten. Ein Schriftsteller schreibt Romane. “Eher.. Geschichten.”

“Geschichten? Was für Geschichten, Krimis?”

“Nee.. aus meinem Leben.”

“Aus deinem Leben?” Sie glotzte mich an. “Ist das denn so super spannend?”

“Nee.”

Sie schüttelte den Kopf und futterte ihr Nutellabrot weiter. Kein Malocherfuttern glücklicherweise, eher ein mausartiges Knabbern. Dennoch schwante mir bereits, dass wir beide auf Dauer nicht klarkommen würden. Sie erwartete zu viel. Solche Menschen roch ich auf zehn Meilen, und sie saß direkt neben mir. Was mich betraf, so erwartete man am besten nichts. Gar nichts. Dann konnte ich allmählich kommen. Vielleicht.

Oder auch nicht.

“Veröffentlichst du auch richtig Bücher?”

Da hatten wir’s. Ein Schriftsteller veröffentlicht Bücher. Gibt es ein Thema, das demütigender ist für einen Autor ohne Buch? BÜCHER!!? In die Enge getrieben, begann ich zu stammeln, “in also mehr ja so Stadtmagazinen”, doch es juckte sie ohnehin nicht weiter. Kaum ausgesprochen, schon abgehakt.

“Ich hab das Foto von dir hinten am Schwarzen Brett aufgehängt. Wenn schon mal eine Berühmtheit hier arbeitet..”

Ich suchte nach Anzeichen von Ironie in ihrem Gesicht, nach leisem Spott und milder Herablassung, doch ich fand nichts. Ihr Gesicht war hübsch, einladend sogar, aber frappierend frei von allem, was irgendwie mit Verstellung zu tun hatte. Sie stand auf, brachte die Kaffeebecher zur Spüle. Eine ehrliche Haut mit einem ehrlichen, gradlinigen Hintern, einem famosen knackigen Teil in Vollendung. Ja, genau den musste der Herrgott im Kopf gehabt haben, damals, als er im Paradies die Blue Jeans erfand und was sich so alles für Ärsche darin verpacken ließen.

“Im Büro hab ich mitgekriegt, dass du unten am Kannenhof wohnst”, meinte sie. “Ich wohne auf der Baumstrasse, kann ich dich morgens im Auto mitnehmen. Wenn du willst.”

“Baumstrasse? Och. Ist ja um die Ecke.”

“Eben. Gut, ne?”

Ich wunderte mich einen Moment, warum ich sie noch nie gesehen hatte, vermutlich war sie die Sorte Frau, die morgens den Wagen bestieg, der vorm Haus parkte, und zur Arbeit brauste, und am Abend das gleiche in umgekehrter Reihenfolge erledigte. Solche Leute bekam man selten zu Gesicht, selbst wenn sie im selben Haus wohnten.

“Dann musst du morgens nur kurz durch den Park”, sagte sie. “Ich mein, du fährst doch kein Auto, oder?”

“Stimmt.”

“Warum nicht?”

“Was, warum nicht?”

“Na, warum du kein Auto fährst. Alle Männer fahren Auto.”

Ich zuckte mit den Schultern.

“Nur so.”

Ich war nicht alle Männer. Ich war nicht mal alle Menschen. Ich war.. ja, wer war ich überhaupt!? Kaum hatte ich mich kurz gefreut, nicht jeden Morgen dem verdammten Bus nachrennen zu müssen, schon grauste es mir bei der Vorstellung, jeden Morgen neben Prinzessin Eisenherz sitzen zu müssen, Knackarsch hin, Knackarsch her. Morgens wollte ich meine Ruhe haben, da konnte ich kein Geblubber, kein Gewäsch ertragen.

“Ich kann mich ja am Spritgeld beteiligen..”, hörte ich mich dennoch sagen, zu meiner eigenen Verblüffung.

“Quatsch. Ich fahre doch sowieso, ob nun mit oder ohne dich.”

Na, da hatte sie recht. Sie begann trotzdem zu rechnen.

“Was kostet eine Busfahrt bis Ohligs, zwei Mark?”

“Drei.”

“Drei.. sind hin und zurück sechs Mark am Tag. Wie oft arbeitest du hier in der Woche?”

“Vier Tage.”

“Nanu? Nur vier? Na gut, macht vierundzwanzig Mark die Woche, mal vier, das sind.. fast hundert Mark im Monat. Die hast du dann schon mal gespart. Kannst du ja Bücher für kaufen! Ha ha!”

Lustig. Ja. Schriftsteller veröffentlichen Bücher, Schriftsteller kaufen Bücher. Das letzte Buch, das ich mir gekauft hatte, hatte ich geklaut. A-wop-bop-a-loo-bop-a-lop-bam-booom von Nik Cohn. Meine Bibel. Ich las sie alle drei Monate, zur Abhärtung. Sie schaute auf die Uhr und packte die verbliebene Hälfte ihres Nutellabrotes wieder ein, unauffällig, wie nebenbei, als wäre eine Stulle im Pausenraum nicht der Untergang des Weissbrot-Parallel-Universums.

“So, dann wollen wir mal..”

“Und du? Seit wann arbeitest du hier?” versuchte ich meinen Knastantritt rauszuzögern.

“Vier Jahre. Ist ganz gut hier. Lässt sich aushalten. Die meisten Kollegen sind in Ordnung. Paar Arschlöcher sind darunter, klar, aber Arschlöcher findest du überall.”

“Ja klar. Vielleicht bin ich ja auch ein Arschloch.”

“Ja, vielleicht.” Sie lachte. “Ich bin die Gabi.”

“Ich der Glumm.”

“Weiß ich doch.”

Erst jetzt bemerkte ich die Putzfrau im Pausenraum, die um unsere Füße herum wischte. Eine Bilderbuchputzfrau mit strubbeligem Haar, um die vierzig und offensichtlich darin geübt, nicht zu stören, wenn die Großen sich unterhalten. Ich fühlte mich ein bißchen schäbig, dass ich die Frau zuvor nicht wahrgenommen hatte. Doch als Gabi sie fragte, ob sie nicht mal wieder zum Frisör gehen wolle, ganz ohne boshaften Unterton, eher neugierig, da richtete sich die Putzfrau keuchend auf und antwortete, dass sie dafür im vergangenen Jahr keine Zeit gefunden habe. Und dabei vermittelte sie nicht den Eindruck, besonders unglücklich zu sein. Erleichtert lehnten wir uns zurück. Die Putzfrau mit dem Duktus einer Putze wrang das Putztuch aus und das Wischwasser platschte in den Eimer.

Der Chef rief mich ins Büro. Filialleiter Hafner hatte ein steifes Fußballerbecken, mit dem er durch die Gänge schaukelte und die Sympathien seiner Mitarbeiter einheimste. Auch er zeigte sich von meinem Autorenpreis beeindruckt. So schwer, dass ich auf seinem Schreibtisch ein schmales Lyrikbändchen entdeckte. Während er mir meine zukünftigen Aufgaben als Mitarbeiter der Eisenwarenabteilung schilderte, schielte er immer wieder auf das dürre Büchlein, das so gar nicht zum nüchternen Ambiente seines Büros passen wollte. Es lag für meine Augen verkehrt herum, lediglich das Wort Lyrik konnte ich entziffern. Hafner verfolgte meinen Blick, meine Bemühungen, sagte aber weiter keinen Ton dazu, und ich hielt auch die Klappe. Als ich ein oder zwei Tage später das Büro aufsuchte, war das Gedichtbändchen weg, und es tauchte niemals wieder auf.

*

Einen Monat später war die Einarbeitungszeit vorüber. Allmählich wurden nicht nur die Kollegen sauer, weil ich immer noch ohne Kittel herumlief und für die Kunden nicht als Mitarbeiter zu identifizieren war. Auch der Chef wurde ruppiger, wenn die Sprache auf das Thema Kittel kam. Bis dahin war es ein Leichtes gewesen, mich aus dem Tagesgeschäft herauszuhalten und lästige Anfragen der versammelten Kreisheimwerkerschaft abzuwimmeln. Mittlerweile aber, so die Auffassung des Chefs, wüsste ich doch, in welcher Abteilung welche Ware zu finden sei, da könnte ich auch endlich den Obi-Kittel anziehen. Ich kam aus der Nummer nicht mehr raus. Ab sofort hieß es für mich, auch mit Kittel unsichtbar zu sein. Die Königsdisziplin des Verpissens stand unmittelbar bevor.

Eigentlich nichts leichter als das. Als Zweitgeborener in einem Feld von drei Geschwistern war ich mit dem Phänomen aufgewachsen, unsichtbar zu sein. Nicht weiter aufzufallen. Sandwichkind eben. Wenn ich etwas ausgefressen hatte, hiess es für mich nur normal und unauffällig bleiben, so kam niemand auf die Idee, ich wäre der Täter gewesen, der den Fischteich des Nachbarn mit zwei Flachmännern Doornkaat vergiftet hatte. Es war die perfekte Tarnung. Trick 17. Wie auf den Leib geschrieben. Tue so, als wäre alles wie immer, und dir wird nichts geschehen.

Die Königsdisziplin ging vom ersten Tag an schief. Weil ich Kittel trug, traten die Kunden ungeniert an mich heran: junger Mann, wo finde ich Fugendichtungen, wo Gardinenstangen, ich benötige vier Bewegungsmelder. Ich log bedauernd, tut mir leid, ich bin heute den ersten Tag hier, da wenden Sie sich besser an.. Oh, sagten da die Leute, natürlich, ist ja klar, Ihr erster Tag, da können Sie natürlich nicht Bescheid wissen, lassen Sie gut sein, dankeschön, junger Mann.

Der Chef kam schnell dahinter, was ich da abzog. Er wurde richtig böse. Sein Fußballerbecken baute sich auf.

“Hören Sie mit der Lügerei auf, das bringt doch nichts!”

Ab sofort nahm ich mir vor, stets bei der Wahrheit zu bleiben.

“Tut mir leid, der Herr, aber ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen, ich hab heute erst meinen vierundsechzigsten Tag hier..”

“Ach so! Der vierundsechzigste Tag erst! Nee, dann ist klar, junger Mann!!”

Es passierte nicht oft, aber es passierte

Auf die Unke war Verlass. Sie war zur verabredeten Zeit am verabredeten Ort, sie panschte keine zusätzlichen Streckmittel unters Pulver, und wenn es einem dreckig ging, packte sie gratis eine Messerspitze drauf. (Aber auch nur eine.) Ihre wenigen, streng nach Sympathie und Solvenz ausgesuchten Stammkunden konnten sich nicht beschweren.

Es sei denn, irgendwo im Geflecht der Großdealer, Zwischendealer und Kleindealer kam es zu Verzögerungen und sie wartete selbst auf ihre Lieferung. Das kam vor. Dann saß man als Kunde der Unke am Telefon und ersehnte ihren Anruf, ihre erlösenden, heiser hervorgestossenen Worte, “.. los, mach dich auf die Socken.” Aber das konnte dauern, bis es soweit war, und es strapazierte die Lachmuskeln.

Ja genau, die Lachmuskeln.

Ich hab einiges über Heroin gelesen, Biografien von toten Rockstars, ärztliche Bulletins, Christiane F., doch ein Phänomen ist bislang im literarischen Dunkeln geblieben: dieses verfluchte Grinsenmüssen, wenn der Entzug sich nähert.

Es geschieht in dem schmalen Zeitkorridor, wenn das letzte Quentchen Heroin gerade dabei ist, den Körper zu verlassen. Wenn Opiumreste durch die Zellen spuken, als säßen sie in der Geisterbahn, wenn Tarzan den Lendenschurz verliert.

Das sind jene verqueren Momente, wo jeder Junkie grinsen muss, ob er will oder nicht. Es lässt sich nicht unterdrücken. Ein Gefühl, als würde man sich als Kind gleich in die Hosen machen. Ein unwillkürliches Ziehen und Drängeln, auf das man nur zu gern verzichten würde. Man grinst wie blöde, dabei gibt es nichts zu lachen. Kein Wunder, dass ich darüber noch nie etwas gelesen habe. Es ist einfach zu dämlich. Aber es passiert auf der ganzen Welt, es passiert in Pakistan und es passiert in Potsdam und Peking, hundertttausendfach, Tag für Tag.

Zeichnete sich im Vorfeld ab, dass sie kein Originalpulver auf Lager haben würde, besorgte die Unke für ihre Stammkunden etwas Methadon, damit sie über die Runde kamen. Beziehungsmarketing nannte sie das, und es war nicht so, dass sie dabei mit den Augen zwinkerte, sie meinte es durchaus ernst. Humor war nicht ihr Ding. Sie war eine eher strenge Person. Sie arbeitete auf dem Büro, von neun bis fünf. Keine Ahnung, wo. Architekturbüro, sagte der dicke Ben. Ben war ein schwerfälliges pausbäckiges Hundertkiloschlachtschiff, das gerne zum Schnellchinesen ging und mit seiner Körperhygiene haderte. Aus der Ferne sah Ben manchmal aus, als trüge er einen Sepplhut, dabei hatte er bloß das Haar seit Wochen nicht gewaschen.

Dagegen duftete die Unke, als wäre sie gerade dem Dampfbad entstiegen, in einer Wolke von Patschuli. Niemand, der sie auf der Strasse sah, wäre auf die Idee gekommen, dass sie heroinsüchtig war oder gar dealte. Sie zählte zu den Menschen, die ihre Zukunft streng in graden und ungraden Kalenderwochen aufteilten und die einen verständnislos anglotzten, wenn man sie verständnislos anglotzte, weil man mit Kalenderwochen, ob grade oder ungrade, nichts am Hut hatte.

Natürlich kannten wir die Unke gut genug, um zu wissen, dass sie für eventuelle Notfälle stets etwas Heroin gebunkert hatte, für den Eigenbedarf. Sie war ja genauso drauf wie wir. Aber das hätte jeder von uns an ihrer Stelle genauso gemacht. Und ebenso klar war, dass noch so viel Bitten und Betteln keinen Sinn machte, von ihrem geheimen Vorrat würde sie nicht einen Krümel abdrücken. Ansonsten aber sorgte die Unke für uns wie eine Mutter, die gut bezahlt wird, und wir süchtigen Picos hielten ihr die Treue und kauften hauptsächlich bei ihr.

Dann, im Herbst, häuften sich Verspätungen und Lieferausfälle. Auch das Methadon floss nicht mehr so reichlich, wie es das lange Zeit getan hatte, um uns Kunden bei Laune zu halten. Jetzt hiess es improvisieren. Zur Not ging ich auf die Platte, was ich sonst tunlichst vermied. Wenn ich irgendetwas nicht gebrauchen konnte, dann meine Geschäfte im Scheinwerferkegel der Drogenfahndung abzuwickeln. Nee, danke. War nicht nötig. Ohne mich.

Sieh zu, dass du jemanden in der Hinterhand hast, falls die Unke mal ausfällt, dachte ich, ich war ja ein schlaues Kerlchen. Und in diesen Zusammenhängen lernte ich nun Tonino kennen. Tonino. Noch so ein verdammter Schlaumeier.

Die neue No. 3 (Opa erzählt vom Krieg)

Mitte der Neunziger war ein Tag wie der andere. Ich jobbte als Nachtportier im Hotel, auf dem Weg zum Nachtdienst besorgte ich mir Pulver, tagsüber versuchte ich Schlaf zu finden und Streit mit der Gräfin aus dem Weg zu gehen.

Ich hatte eine neue Stammdealerin. Selbst in der Szene war sie kaum bekannt, das hatte seinen Grund. Sie war supervorsichtig. Sie belieferte exakt drei Kunden, drei und nicht einen mehr, damit erst gar kein Gerede aufkommen konnte. Sie hatte panische Angst davor, im Knast zu landen. Da sie einer regulären Arbeit nachging, sie buckelte auf dem Büro, empfing sie ihre Kunden erst nach Feierabend, einen nach dem anderen. Eins, zwei, drei. Jeder bekam eine Viertelstunde. Als Dealerin war sie perfekt, ein gut geöltes Maschinchen, und sie liess uns niemals hängen.

Als sie selbst einmal auf dem Trockenen saß und es sich abzeichnete, dass sie erst am folgenden Abend wieder frisch sein würde, gab sie jedem von uns ein kleines Fläschchen Polamidon mit, damit wir über die Runden kamen und nur ja nicht woanders kaufen mussten. Sie war eine treue Seele, eine Krämerseele, und sie war eine Kauffrau.

Wenn alles seinen gewohnten Lauf nahm, saß sie Punkt halb sechs mit stämmigen und ungeheuer weißen Schenkeln in ihrem überheizten Wohnzimmer und arbeitete auf der elektronischen Feinwaage nacheinander die Bestellungen ab. Sie trug Shorts und hieß Jutta, aber wir nannten sie nur die Unke. Es lag an ihren Augen. Sie wölbten sich aus den Höhlen hervor wie Froschaugen, und sie schwammen geradezu in Tränenflüssigkeit. Es war, als hätte sie ein Depot angelegt, um jederzeit Zugriff auf ihre Tränen zu haben. Sie hätte eigentlich an einem feuchten Tümpel leben müssen, doch sie wohnte in einer hellen trockenen Drei-Zimmer-Wohnung im zweiten Stock, und in der Luft hing der schwere und süße Geruch von Patschuli.

Ich war nur in ihren erlauchten Kundenkreis gerutscht, weil ex-Kunde No. 3 für 24 Monate in den Bau musste. Selbst bei guter Führung und Entlassung auf zwei Drittel war er für mindestens anderthalb Jahre weg vom Fenster. Ich kannte ihn nur vom Sehen, wusste aber, dass es das übliche Junkiespiel war. Das Gericht hatte ihn aufgrund irgendwelcher halbgarer Aussagen verknackt, die andere Süchtige in der U-Haft gemacht hatten. Da ließ man sie so lange ohne Heroin oder Methadon zappeln, bis es ihnen schlecht genug ging und sie irgendeinen Scheiß verzapften, belastende Aussagen machten, ob die nun der Wahrheit entsprachen oder nicht, wen juckte das schon. Was bei jedem anderen Delikt kaum zu einem Verfahren geschweigedenn zu einer Verurteilung gereicht hätte, bei Rauschgift wurde alles abgenickt, alles ging durch, die lächerlichsten Beschuldigungen, weil so viele vom Elend der Junkies profitierten.

Junkies versorgten eine ganze Maschinerie aus jungen Kripobeamten, die sich ihre ersten Sporen verdienten, desillusionierten Drogenberatern, Gefängniswärtern, Psychologen, Bewährungshelfern, überforderten Ärzten, Arzthelferinnen, Apothekern, Gesundheitsamtmitarbeitern, Justizangestellten, Zollbeamten und Mafiosi. Jeder wollte ein Stück abhaben vom Junkie, der in aller Regel nichts anders tat, als sich selbst zugrunde zu richten. Und dafür wurde er auch noch bestraft und in eine Zelle gesteckt. Es war beschämend. Es war zum Kotzen.

Die Preise für schmutziges Strassenheroin blieben gegen jede Marktregel von Nachfrage und Angebot in künstlichen Höhen, weil der Staat sich seit Jahrzehnten anmaßte, die eine Droge als illegal zu brandmarken und damit dem Schwarzmarkt auszuliefern, während die andere Droge, Alkohol, billig und sauber in jedem Dorfkiosk zu kaufen war.

Es war grotesk. Ein Gramm gepanschtes Heroin kostete 100 Mark auf der Strasse, man wurde krank davon und wusste nie, welcher Zwischenhändler welches Streckmittel benutzt hatte, es war jedes Mal ein Vabanquespiel mit der Intensivstation. Was ein Gramm sauberes Heroin gekostet hätte? Fünf Mark, vielleicht zehn Mark, und der Hersteller hätte dabei immer noch seinen Schnitt gemacht. Aber Junkies hatten keine Lobby, es kümmerte niemanden, was mit ihnen geschah. Junkies kümmerten sich nicht mal um sich selbst, und sie steckten ständig in der Scheiße.

Schön. No.3 war also weg vom Fenster. Die Unke erkundigte sich bei ihren beiden verbliebenen Kunden, wer denn nun die neue No.3 werden sollte. Sie war eine altgediente Gewerkschafterin, der das Mitspracherecht der Arbeitnehmer noch etwas galt. Sie war der Boss.

“Hat einer ne Idee?”

Sie hatte bloß eine Vorgabe: Der neue Kunde musste zuverlässig sein. Mitch schlug mich vor, weil er wusste, dass ich auf der Suche nach einem neuen Dealer war. Mein alter hatte die Dealerei von einem auf den anderen Tag an den Nagel gehangen, weil er Vater von Zwillingen geworden war. Und so wurde ich die neue No. 3 der Unke.

Mitch, die laufende No. 2, kannte ich nicht erst aus Drogenzusammenhängen, wir waren uns schon im Haus der Jugend über den Weg gelaufen. Er hatte riesige Pranken, echte Werkzeugmacherhände, mit denen er eine Weile zum Flipper-King der Stadt aufgestiegen war, in den späten Siebzigern. Zwanzig Jahre später war er schwer alkohol- und heroinabhängig und ging niemals ohne Taschenbuch aus dem Haus. Es musste schon ein ordentlicher Schinken sein, ein Fantasy-Roman nicht unter Minimum 700 Seiten.

Die Exemplare waren zumeist komplett zerlesen, voller Eselsohren, das Cover war faltig und eingerissen und von fettigen Chipsfingern betatscht, aber egal, für Mitch war ein Buch in der Hand überlebenswichtig. Ein Buch in der Hand half ihm, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen wie in  einem langen mobilen Tunnel. Er hatte es drauf, lange Strecken mit dem Schmöker in der Hand zurückzulegen, und er las wirklich darin, er tat nicht nur so. Eigentlich war Mitch heroin,- alkohol- und lesestoffsüchtig.

“Voll polytoxikoman”, meinte er.

Die laufende No.1 im Kundenkreis der Unke war ein schmächtiger stiller Junge mit langem krausen Haar, ein ex-Liebhaber der Unke. Er machte nicht viel Worte, ein sanfter naiver Hippie, irgendwie übriggeblieben aus alten Zeiten. Er kam mit harten Drogen nicht zurecht. Er wurde immer sonderbarer. Er war davon überzeugt, dass sein Handy überwacht wurde, und nachts glaubte er den Funkverkehr der Bullen unter seinem Fenster zu hören und konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Zuletzt zitterte er beim fernsten Getrappel im Hausflur am ganzen Leib, und wenn es dann auch noch klingelte, schmiss er sein letztes Pulver ins Klo und zog hektisch ab. Es hatte ihn voll erwischt. Er sah überall Bullen.

“Glaubst du, ich bin langsam panne?” fragte er mich, und ich antwortete lange nicht darauf. Bestimmt fünfzehn Sekunden. Er ließ sich ins LKH einweisen, freiwillig, bevor andere es für ihn getan hätten. Ich sah ihn nie wieder.

Nachdem ich es in die Stadt geschafft hatte, schob ich das Rad in den Hausflur und lief die drei Stockwerke hoch. Oben angekommen drückte ich die Klingel der Unke. 1x kurz, 1x lang. Nein, auf dieses ausgefallene Klingelzeichen wäre kein Bulle je gekommen! Unter Garantie.

“Die Tür ist offen!” hörte ich die Unke schnaufen. Ihre Nasenscheidewand war vom jahrelangen Sniefen porös geworden, sie klang wie eine Art marodes Brauereipferd. “Komm rein.”

Sie saß am Wohnzimmertisch, mit ihren stämmigen und ungeheuer weißen Schenkeln. Der Tisch war über und über mit Zigarettenfiltern, Aluminiumfolie und anderen Utensilien übersät.

“Hallo”, keuchte ich.

Erledigt vom Radfahren und dem beginnenden Affen fiel ich in den Ohrensessel, einem gemütlichen Altertümchen, das sie vor Jahren auf einem Flohmarkt in Antwerpen erstanden hatte, damals, als sie noch clean und ansehnlich gewesen war. Keine Schönheit, das nicht, aber wild, eine Art Büro-Janis Joplin. Der Schweiß tropfte mir aufs T-Shirt.

“Willst du dich was frisch machen..?”

“Nee, schon okay”, sagte ich.

Sie grinste bräsig zu mir rüber. Erst da ging mir auf, wie sie das meinte, mit dem Frischmachen.

“Ja, klar”, beeilte ich mich.

Frischmachen bedeutete: Junge, du siehst so scheiße aus, ich streu dir erstmal ne Strasse. Zieh das erst mal weg, dann sehen wir weiter. Werd erstmal mal wieder Mensch. Du blöder Junkie.

“Mann.. du schwitzt ja wie ein Schwein..”, näselte sie.

Ich stöhnte zustimmend. Sie reichte eine Illustrierte rüber, auf der etwas Pulver zu einer kleinen braunen Pyramide aufgeschichtet war.

“In zehn Minuten musst du dich aber vom Acker machen, dann hab ich ein anderes Date.”

“Na und? Ich kenn doch deine Leute.”

Weil sie nicht antwortete, blinzelte ich zu ihr rüber. Die Augen waren ihr zugefallen, der Mund stand offen, und ganz langsam, Etage für Etage, sank das Kinn auf ihre Brust. Sie dämmerte. Braunes Pulver, feucht geworden vom Nasenrotz, sickerte aus ihrer Nase. Sie war breit wie tausend Russen. Sekundenschlaf. Der konnte dauern.

Ich schnupfte die Pyramide weg, die sie mir zuvor auf der Zeitschrift, Gala, rübergereicht hatte, und als sie anfing leise zu schnorcheln, nahm ich das Holzbrett ins Visier, das vor ihr auf dem Tisch lag. Den Hügel Pulver darauf schätzte ich auf vierzig, vielleicht fünfzig Gramm. Ich beugte mich vorsichtig über den Tisch, ohne das geringste Geräusch zu verursachen, und trug eine gute Messerspitze vom Pulverhügel ab. Ich lehnte mich zurück und streute mir eine lange Line auf der Gala, die ich so rasch wie möglich wegsniefte. Dann lehnte ich mich zurück. Ich hatte Gänsehaut, und mir war kotzübel, und ich war glücklich.

Sie wohnte in zentraler Lage, am Busbahnhof. Man hörte das Surren der startenden Oberleitungsbusse, Geschrei von Teenagern. Ich schielte immer noch auf das Holzbrett. Auf den Hügel darauf. Warum hatte ich nicht mehr genommen? Sie würde es gar nicht bemerken, die ein oder zwei Gramm weniger. Und selbst wenn. Sie hatte erst am Nachmittag Nachschub bekommen, sie war frisch wie lange nicht. Ich saß da und starrte den Hügel an. Den Fetisch.

“Wieviel?” murmelte die Unke plötzlich.

“Was..?”

“Wieviel du willst.”

Aufgeschreckt kramte ich die Geldscheine aus der Hosentasche. So schnell, wie sie weggesackt war, kam sie auch wieder zu sich.

“Zweihundert”, sagte ich. Ich wusste nicht, was sie mitbekommen hatte und was nicht. Mein Herz schlug wie verrückt.

“Zwei Blaue willst du? Hey.. hast du im Lotto gewonnen?!” Sie kicherte käsig und machte die Bestellung fertig. Glück gehabt.

Auf dem Rückweg hielt ich vor einem Altbau an der Florastrasse. Ich hatte kaum mein Rad abgeschlossen, schon riss Felix das Fenster auf.

“Komm rauf, Alter..!”

Ich wurde bereits sehnsüchtig erwartet. Ich war überfällig. Die zweihundert Mark waren ja nicht von mir, ich hatte die Kohle zuvor in der WG abgeholt. Die war jung, die WG, zwei Jungs und ein Mädel, Anfang Zwanzig, auf dem Weg in die Sucht. Sie hatten die Kohle mühsam zusammengeschmissen. Ich lieferte 1,4 Gramm ab. Für zwei Blaue. Was ein scheiß Kurs. Die Unke war von ihrem Lieferanten beschissen worden, dann hatte sie mich beschissen, nun beschiss ich die Greenhorns von der Florastrasse. Es war eine einzige groß Bescheißerei und kein Ende in Sicht.

Ob die drei wohl auch noch jemanden bescheißen würden, fragte ich mich, nachdem ich mich so schnell wie möglich verabschiedet hatte. Noch im Hausflur begegnete mir ein verschwitztes junges Mädchen, dem es nicht gut ging. Es hechelte die Stufen hoch, und drückte die Klingel.

“Ist offen..!” hörte ich noch.

Kleine Insektenkunde

Nishi Schumann hatte ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau mit Bravour bestanden und war nun auf dem Sprung in die große weite Welt der internationalen James Bond-Hotellerie.

“Hm, und dann fängst du ausgerechnet bei uns im Turmhotel an?”

“Ja wieso denn nicht ist doch phantastisch die Aussicht hier oben an klaren Tagen sieht man den Kölner Dom der geregelte Dienst die netten Kollegen ich mein du arbeitest schließlich auch hier und so als Sprungbrett ist das voll okay hier ich mein ich will das Turmhotel ja nicht unbedingt heiraten ..”

Ihre Redegeschwindigkeit stellte alles in den Schatten. Sobald sie den Mund aufsperrte, tanzten und surften ihre Worte, dass der Speichel nur so spritzte.

Es war 22 Uhr 20. Sie hatte bereits seit zwanzig Minuten Dienstschluss, doch ihr Wagen war in der Werkstatt und der nächste Bus fuhr erst in einer Dreiviertelstunde. Nishi kauerte im Büro in meinem geliebten Chefsessel und futterte Salat mit Joghurt-Dressing, wobei die Gabel unablässig gegen ihre Schneidezähne schlug: tzangg, tzangg, dangg. Dangg tzzangg! Wie in einer prolligen Porzellanmanufaktur.

(Schmatz, schlürf, speichel.)

Es war grausam, es war stupid. Ich war seit zwanzig Minuten im Dienst und schon vollauf bedient. Auch wenn Nishi ein kleines Persönchen war, ihr Speichelfluss war enorm und die Zähne standen wie Reklametafeln im Maul. Sie war Woody Woodpecker, wenn er ein Loch in den Baum pickte. DANGG!

ZANKK!

Ich starrte verzweifelt in den Kabelfernseher, versuchte den Sound zu ignorieren, die  Ohren abzutöten. Hörte sie sich selber denn nicht?! Hatte sie keinen Draht für die eigenen Geräusche??  Es machte mich fertig. Natürlich kannte ich das Phänomen, dass Geräusche, die man bei einem selbst toleriert, bei Anderen doppelt nerven, doch hier lag die Sache auf der Hand: das war Lärmbelästigung unter Arbeitskollegen.

Ausserdem konnte ich nicht nachvollziehen, dass sie freiwillig auch nur eine Minute länger im Hotel war als nötig. Selbst wenn es noch etwas dauerte, bis der Bus kam, konnte sie sich immer noch an die Haltestelle am Graf-Wilhelm-Platz setzen und auf den Mitternachts-Bus warten, bei diesem lauen Sommerlüftchen. Aber meine stillen Einwände kümmerten sie nicht, Nishi Schumann aus Remscheid spachtelte ihren Krachsalat mit einem Gleichmut zu Ende, der mich schon wieder den Hut ziehen liess, vor soviel Stumpfsinn. Immer schön gegen die Plakatwand gesemmelt.

Wochen später fing sie mich in der elften Etage ab, als ich aus dem Aufzug stieg. Sie war völlig aufgelöst, hatte hektische Flecken am Hals, Spucke flog umher wie aus der Spritzpistole.

“Endlich kommst du da bist du ja endlich die Ablösung Himmel sei Dank ich werd noch verrückt hier ich dreh am Rad was sind das für eklige Insekten die hier unterwegs sind hoppeln hier rum wie winzige Ziegen..”

Ziegen? Was redete die da?

“Was für Ziegen?”

“Keine Ziegen, Insekten! Schon den ganzen Nachmittag hab ich versucht den Chef zu erreichen aber da geht keiner ran bin ich froh dass du hier bist so was ekliges und Gott ist mein Zeuge das hab ich noch nie gesehen.. Kennst du die?”

“Nein. Nicht, dass ich wüsste.”

Der Job war für sie gelaufen. Das Kündigungsschreiben hatte sie bereits aufgesetzt und unterzeichnet, sie bat mich nur noch, es der Chefin am folgenden Morgen auszuhändigen. In der Aufregung hatte sich ihre Redegeschwindigkeit noch verdoppelt und erreichte locker die Frequenz, mit der junge Teenager-Kolibris Zungenschlag üben.

Sie sprach davon, dass man hier nicht weiterarbeiten könne, beim besten Willen nicht, selbst wenn man den besten Kammerjäger der Stadt engagierte. Sie führte mich den Flur runter und machte gegenüber der Wäschekammer halt.

“Ich geh da nicht rein da hab ich sie zuletzt gesehen hier sind sie reingehüpft gehoppelt über den Flur ich weiß das klingt verrückt wenn ich hier von ekligen Mini-Ziegen quassle du denkst auch die Alte hat sie nicht mehr alle die spinnerte kleine Schumann aber jede Wette wenn du das Geviech gesehen hättest mit langen dünnen Hörnern so Antennen am Kopf das hast du noch nie gesehen..”

“Setz dich doch erstmal hin”, sagte ich, “und beruhige dich.”

“Nein ich muss hier raus!” schrie sie.

Es klingelte. Ihr Vater war da, er kam mit dem Wagen, um sie abzuholen.

“Machs gut”, rief ich ihr hinterher, doch sie drehte sich nicht mal um, als sie in den Aufzug stieg. Sobald sie fort war, setzte ich den gesamten elften Stock unter Flutlicht. Ich inspizierte zuerst die Wäschekammer, ergebnislos. Dann den großen Frühstücksraum und alle Zimmer der elften Etage, auch die, die zur Zeit nicht vermietet waren. Es konnte ja durchaus sein, dass Geschäftsleute aus Afrika oder Südamerika irgendwelche exotischen Käfer eingeschleppt hatten, davon las ich immer wieder. In klimatisierten Gepäckräumen flogen sie behaglich um die Welt und kletterten dann im Turmhotel erfrischt aus den Koffern und Gepäckstücken, um in Übersee eine neue Kolonie zu eröffnen. Ein neues Insektenkonto anzulegen.

Andererseits war Nishi Schumann reichlich überspannt. Ich mein, sie hatte japanische Vorfahren. War es nicht so, dass sich beim Sumo-Ringen schrankgroße wabbelige weiße Schaben gegenseitig aus dem Ring schoben und dafür vom Volk auch noch gehuldigt und gefeiert wurden?

Weil sich aber nirgends auch nur die Spur eines Insekts fand, begann ich den Frühstücksraum einzudecken. Ich bereitete das Buffet vor, ich machte die Rechnungen fertig für die Abreisen, die am Morgen anstanden, und ich nahm Telefonate entgegen, setzte die Weckrufe auf die Weckruf-Liste.

“Wecken Punkt Sechs Uhr fünfundvierzig, nech?” diktierte mir der Flensburger Arbeitsvermittler für Seefahrt angeschickert in den Block, als er nach Mitternacht an der Rezeption auftauchte. Er zog seine Mütze in die Stirn und freute sich schon aufs Veteranen-Wandern der Marinekameradschaft Flensburg, das jetzt im September wieder auf der Agenda stand.

“Wir marschieren in Zwanziger-Blocks durch Flensburg und singen deutsches Liedgut, ein Lied nach dem anderen. Das ist es doch, was uns Deutsche stark macht, wollen wir doch mal ehrlich sein, Wenn jedes andere Volk schon schlapp macht, singt der Deutsche immer noch, nech..”

Er wankte zufrieden besoffen auf sein Zimmer.

Gegen halb vier baute ich mein Nachtlager. Ich holte einige Sitzelemente vom Empfang rüber ins Büro sowie Laken, Decke und Kopfkissen aus der Wäschekammer. Wenn nichts dazwischen kam, waren jetzt zwei Stunden Ruhe angesagt, bis der Bäckersbursche gegen halb sechs klingelte und zwei Körbe frischer Brötchen in den Aufzug stellte.

Kaum hatte ich auf dem Boden mein provisorisches kleines Bett aufgebaut und mich hingelegt, nahm ich in der Dunkelheit wahr, wie etwas über den Teppich sauste, direkt an meinem Kopf vorbei. Nishi Schumanns Worte noch im Kopf war ich ruckzuck auf den Beinen und stürzte zum Lichtschalter: Festbeleuchtung! Ich ging in die Hocke und sah unterm Schreibtisch etwas, das wie zusammengeknülltes bräunliches Staniolpapier aussah, mit langen Härchen. Oder Beinchen, die in die Höhe zeigten. Es zitterte. Es war widerlich anzusehen. Es kam aus dem Urwald. Es hatte kaum Statur, nichts, woran Augen sich festzuhalten vermochten. Es war ein Zirkuszombie.

Ich hatte ein Tempotaschentuch in der Hand und näherte mich, innerlich schon kotzend, dem Tier. Der Ballen braunes Staniol schien zu spüren, was hier Ambach war, was ihm drohte, er, oder es, entknitterte sich und sprang geradeaus über den Teppichboden und weiter im Zickzack, wie eine Mini-Ziege von Fels zu Fels. Ich meinte sogar die Hörner erkennen zu können, von denen Nishi gesprochen hatte. Es war nicht zu fassen.

“WAS ZUM TEUFEL IST DAS..??”

Ich griff mir eine Illustrierte vom Schreibtisch, ein stabiles Feinschmecker-Magazin und rollte es zum Schlaginstrument. Ich eröffnete die Jagd, doch das Vieh war wendig und flink, auf spindeldürren orientalischen Beinchen machte es sich vom Acker, aus dem Büro raus. Es tauchte unter, war plötzlich wieder da, sprang hässlich durch die Bude, und jedes Mal kam ich zu spät. Ein gutes Dutzend Mal schlug ich mit dem abonnierten Feinschmeckermagazin ins Leere, es knallte und peitschte durchs Büro, ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper. Warum? Weil es so unfassbar hässlich war, es spottete jeder Beschreibung.

Es war wie auf dem Set eines Horrorfilms, wo die gruselige kleine Trickfigur geflüchtet war und nun auf eigene Faust das Filmstudio unsicher machte. Maske, Kameramänner, Tonleute – alle waren kotzen gegangen, bloß ich war übrig geblieben, der Night Auditor. Der Gelackmeierte.

Ich schloss die Bürotür, damit das Viech nicht entwischen konnte. Es schien eine Auszeit genommen zu haben, es hockte unterm Schreibtisch und zitterte. Es hatte Angst. Es war so hässlich, dass es Angst haben musste, zerschlagen zu werden wie ein mieser Konzern, der mit anderen miesen Konzernen verbotene Preisabsprachen getroffen hatte. Ich legte das Hotelmagazin weg, und das dicke Telefonbuch Bergisches Land fiel mir ins Auge. Wuppertal, Solingen, Remscheid. Ich nahm es in beide Hände. Dann wartete ich.

Ich kletterte auf den Sessel und blieb darauf stehen, wie ein Feldherr, in aussichtsreicher Position. Du verdammter Zombie, auf dich werden gleich drei bergische sturköpfige Großstädte niederprasseln.

Wir sehen uns im Ring!

Es dauerte nicht lange. Als das Insekt sein Versteck verließ und frech wie Dreck über den Teppich hopste, ließ ich das dicke Telefonbuch BAPPFFF! aus zwei Metern Höhe zu Boden fallen. Der Zeitpunkt war genau berechnet, schließlich musste ich einkalkulieren, dass das Insekt weiterraste, während das Buch schon in der Luft war. Hätte ich das Telefonbuch auch nur einen Tick zu spät losgelassen, es wäre mir entwischt. So war es mir aber nicht entwischt. Es lag begraben unter Hunderttausenden bergischen Telefonnummern. Zusätzlich, um auf Nummer Sicher zu gehen, setzte ich meine ganzen achtzig Kilo aufs Telefonbuch, und das minutenlang. Die widerlichste aller je auf Erden gesehenen Kreaturen gehörte zerquetscht.

Als ich das Buch schließlich vorsichtig anhob, warf ich einen höhnischen Blick auf den Leichnam.

“Jetzt bist du zerknirscht was?!”

Um Punkt sieben Uhr liefen der Chef und Chefin zum Frühdienst ein. Ich zeigte ihnen den Fang.

“Ein zweiter Zombie muss aber noch auf Achse sein.”

“Wo..?”

“Ja wo, das weiß ich auch nicht.”

Der Chef hielt das Kündigungsschreiben in der Hand. Er war ganz verdattert.

“Wovon spricht die Schumann..? Zwei winzige Ziegen, die hoppeln wie Häschen, das ist doch.. Kokolores! Margot, guck du dir das mal an, was der Glumm zerquetscht hat! Das sieht aus wie Snickers-Papier, oder nicht! Höchstens ne Heuschrecke!”

Er blickte mich an.

“Nichts für ungut, Herr Glumm, aber die Schumann spinnt doch, die olle Lesbe!”

Seit er zufällig ein Telefongespräch belauscht hatte, in dessen Verlauf Nishi Schumann einer Freundin anvertraute, dass ihr bei langen Autobahnfahrten die Mumu schnurrte, hielt der Chef sie für eine Lesbe.

Der Sohn wurde hinzugerufen, noch bevor er wie jeden Morgen nach Bad Honnef fuhr, wo er die Hochbegabtenschule besuchte. Entomologie war sein Hobby. Insektenkunde. Ich zeigte ihm den bräunlichen Brei, der mal ein Insekt gewesen sein sollte.

“Hier ist noch einer unterwegs?”

“Laut Nishi ja”, sagte ich. “Guck mal hier, die winzigen Hörner.”

“Das waren die Fühler”, meinte er.

Der Chefin wurde übel, sie stöckelte aufs WC, gleich neben der Wäschekammer, und kotzte.

“Und die spindeldürren Beinchen”, sagte ich, “bestimmt zehn Stück.”

“Dann ist es kein Insekt”, sagte der Sohn. “Insekten haben sechs Beine.” Er war der einzige, der der ganzen Sache etwas abgewinnen konnte, für sein Studium. “Weibchen vergraben auch schon mal ihre Eipakete unterm Teppich, dann gibt es bald Nachwuchs..”

Ein Aufschrei war zu hören. Er kam vom WC, wo die Chefin vor der Kloschüssel kniete. Wir waren alle drei gleichzeitig vor Ort, der Chef, sein Sohn, ich. Doch zu spät. Das Rückenschild des zweiten Exemplars war bereits vom Pfennigabsatz eines Stöckelschuhs durchbohrt. Wir drängelten uns auf dem engen WC und starrten auf den gefliesten Boden.

“Wenn das kein zerknülltes Snickers-Papier ist”, liess der Chef sich nicht beirren.

30 Polaroids

Kein einziges Foto ist geblieben. Keins einziges von dreißig Polaroids, aufgenommen im Winter 1979 im Oberbergischen, wo der dicke Hansen ein Fachwerkhaus erben sollte. Das wollten wir uns anschauen und vielleicht eine Runde Schlitten fahren, ein paar Schneebälle werfen, ein bisschen was kiffen und Spaß haben. Was man eben so macht, wenn man neunzehn ist und mit Freunden unterwegs.

Wir, das waren Karlos, Pepe, der dicke Hansen und ich.

Schon die Hinfahrt war frostig. Weil Heizung und Lüftung ausfielen und vier Kiffer im Wagen saßen, beschlugen die Scheiben so stark, dass wir zeitweise bei offenem Seitenfenster fahren mussten, damit frische Luft reinkam und der dicke Hansen hinterm Steuer überhaupt mal was sehen konnte und nicht bloß auf Verdacht fuhr.

“Jetzt stellt endlich das Atmen ein!” wetterte er.

Und dann, als wir das Kaff im Oberbergischen erreicht hatten, setzte ich meine neuen Wildlederstiefel zum Wärmen auf den bullernden Ofen, wo ich sie über Nacht vergaß. Am nächsten Morgen waren sie zwei Nummern zu klein und sahen aus wie eine Pizza, die Bläschen wirft.

Es war das Wochenende, an dem der grimmige Winter 1979 Einzug hielt. Während das Dorf Minute für Minute tiefer im Schnee versank, hockten wir in der gemütlich möblierten, von einem englischen Kanonenofen befeuerten Klause im ersten Stock und drehten einen Joint nach dem anderen.

Das Erdgeschoss war an Einheimische vermietet, ein älteres Ehepaar, das lebenslanges Wohnrecht besaß und uns bewirtete, auf ausdrücklichen Wunsch von Hansens Großmutter, die in dem Dorf aufgewachsen war.

Pepe hatte sagenhaftes Dope auf der Tasche, Türkenplättchen, dünn wie Oblaten, potent wie Opium. Eigentlich taten wir nichts anderes als um den großen Nussbaumtisch herum zu sitzen, Joints zu drehen, Musik zu hören und albernes Zeugs zu singen wie Wir verkiffen unsrer Oma ihr klein Häuschen, was dem dicken Hansen schwer auf die Nüsse ging.

“Mann, das hören die doch da unten! Die sind doch nicht doof, nur weil sie auf dem Dorf wohnen!”

“Na klar sind die doof”, rief Pepe bekifft.

Wir waren neunzehn und rauchten Haschisch, als ginge es um die Weltmeisterschaft. Wir verehrten JJ Cale, seine lässige amerikanische Okie-Musik, easy come, easy go, anyway the wind blow. JJ Cale war der Kitt, der uns zusammenhielt, auf den wir uns musikalisch alle verständigen konnten.

Es war seine beste Zeit damals in den späten 70ern, als er den Tulsa-Sound entwickelte und jedes Jahr ein Album herausbrachte. Niemand sonst schaffte es, Pop, Blues, Jazz und Country so mühelos miteinander zu verdrahten, so laid back, wie nebenbei. Und, ja natürlich, JJ Cale hatte Obeine. Obeine waren wie ein Eintrag im Personalausweis: guter Mann. Er war der stoppelbärtige Tramp, der im offenen Viehwaggon durch den Westen reiste, lässig auf einem Grashalm pfeifend, einen Nagel in den Stiefel getreten.

An der Wand hing ein Pin up-Auto-Kalender, der aus einem einzigen Blatt bestand, Miss Juni 1975. Der dicke Hansen machte den DJ und legte das frisch erschienene Jewish Princess von Zappa auf: I want a horny little Jewish Princess.. don’t know shit about cooking and is arrogant looking – das Ganze von einem Hintergrundchor abgerundet, den wir lauthals mitschmetterten:

LA-LA-LA!!

Miss Juni 1975, JJ Cale und Zappa auf Hansens futuristischer WEGA 2000-Stereoanlage, Türkenplättchen, die schlicht aussahen, sich beim Bröseln aber aufplusterten wie ein Federkleid und ganz großes Zauberhaschisch wurden, dazu ein Haufen Pulverschnee, das war das Wochenende im Oberbergischen, Winter 1979.

Und die dreißig Polaroids. Dreißig witzige übermütige Aufnahmen, die wir ausnahmslos am ersten Abend schossen und mit Untertiteln versahen und die noch Jahre später für Furore sorgten.

“War das an dem Wochenende, als ihr im Oberbergischen auf die Fresse gekriegt habt?” hieß es, wenn die Fotos auf irgendeiner Party durch die Hände gingen. “Kann schon sein”, antworteten wir stolz, “glaub schon, ja.. sicher, das war das Wochenende”, und mit jedem Erzählen bezogen wir mehr Dresche, hatte Karlos mehr Finger gebrochen, fehlten Pepe gleich zwei Schneidezähne, tat mir der Schädel immer noch weh.

Dreißig Sofortbilder vom Winter 1979, die von einer versunkenen Zeit künden, einer Ära, die es so vielleicht nie gegeben hat, wer weiß das schon, die Beweise fehlen, sie sind lange verloren, dreißig Polaroids, niemand weiß, wo sie abgeblieben sind.

Sie sind fort.

Für die Gräfin, die Pepe niemals begegnete, ist Pepe bis heute das Phantom, dessen nobler grauer Hut an unserer Garderobe hängt, an prominenter Stelle. Der Hut ist alles, was geblieben ist von Pepe, der Jahre später an einer Überdosis Heroin verreckte. Der Hut und zwei verkratzte Langspielplatten von Iggy Pop und Bob Marley, auf denen Pepes Name verewigt ist, rechts oben in der Ecke.

In der zweiten Nacht im Oberbergischen wagten wir uns auf die Felder, obwohl ein Schneesturm tobte. Weil meine Schuhe auf dem Ofen kaputtgegangen waren, trug ich Gummistiefel, die ich irgendwo im Haus gefunden hatte, echte Bulldozer. Zugedröhnt bis zum Anschlag stapften wir durch den Schnee, es war stockfinster, der Wind brüllte und heulte, wir verloren die Orientierung und kamen kaum voran.

“Der Schnee hat den Weg geklaut!” schrie Karlos verwirrt.

Erst eine nur halb verwehte Traktorspur führte uns unter Mühen zum Ortseingang zurück.

Am nächsten Morgen wurde uns im Erdgeschoss ein warmes bergisches Bauernfrühstück serviert, mit Bratkartoffeln und Kaffee. “Ich hab heut Nacht kein Auge zugetan”, klagte das Weib. Erst dachten wir, sie hätte den Schneesturm gemeint, doch nein, sie meinte uns. Unseren Lärm. Ihr Ehemann erhob sich und tat sich grummelnd dadurch. Was wir nicht wussten: Das ganze Dorf hatte uns bereits auf dem Kieker.

Nach dem Frühstück zogen wir uns ins Obergeschoss zurück, das Dope war noch nicht ganz aufgeraucht. Vorsichtshalber hatte Hansen gleich nach der Ankunft die Ritze unter der Etagentüre mit Tüchern abgedichtet. Er kannte die Leute aus dem Dorf, wusste von ihren Vorurteilen gegen die aus der Stadt: Hippies, Taugenichtse, Haschgetüme.

LA-LA-LA.

Das Fiasko nahm seinen Lauf nach einer heftigen kurzen Auseinandersetzung zwischen dem dicken Hansen auf der einen und Pepe, Karlos und mir auf der anderen Seite. Der Anlass war nichtig. Wir wollten es partout nicht einsehen, vor der Abfahrt die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Wir stellten uns stur, bis der dicke Hansen drohte, ohne uns heimzufahren, worauf wir noch bockiger wurden und ihn als Spießer verhöhnten.

Es ging ums Prinzip. Wir waren verwöhnte Jungs. Wir erwarteten, dass Mutti vom Himmel fiel und hinter uns herräumte. Wutentbrannt machte Hansen Ernst und dampfte ab, die WEGA 2000-Anlage auf dem Beifahrersitz.

“Dann seht zu, wie ihr nach Hause kommt!”

Damit hatten wir nicht gerechnet, aber niemand versuchte ihn aufzuhalten. Es hätte auch keinen Sinn gemacht, Hansen aufzuhalten, wenn er sich verletzt fühlte. Als Kind hatten er und sein Bruder die schwerste Verletzung erlitten, die ein Kind erleiden kann: die überforderte Mutter hatte ihre beiden kleinen Jungs zur Oma abgeschoben. (Der Vater starb früh an Krebs und blieb den Jungs als der große Held in Erinnerung, der sie im Sommer gerne mit zum Angeln nahm.) Fortan hasste der dicke Hansen Frauen, die sich von ihm trennten. Frauen, die sich von ihm trennten, überzog er mit Hass und Niedertracht. Er verpfiff sie beim Finanzamt, wenn sie schwarz kellnerten, er machte Telefonterror, er schlitzte die Reifen ihrer Autos auf.  Er mochte es einfach nicht, wenn man sich gegen ihn stellte.

Aber wer mag das schon.

Während der dicke Hansen nun allein im Wagen auf der Rückfahrt war, steckten wir zu dritt im Oberbergischen fest. Was blieb uns anderes übrig, wir würden den Daumen raushalten müssen und die gut zweihundert Kilometer bis nach Hause trampen.

“Zur Not zeig ich am Straßenrand meinen nackten Hintern”, bot Pepe an. Er hatte einen perfekt geformten, wunderbar weichen Frauenhintern, wie ein Schwämmchenverkäufer.

Als wir uns auf die Socken machten, dämmerte es bereits. Die illuminierten Christbäume in den Vorgärten, der weiße Rauch aus den Schornsteinen, das Dorf wirkte so friedlich, als habe man gerade den neuen Papst gewählt und der Welt verkündet. Und dann kamen wir daher und schmissen Schneebälle. Trafen eine Hauswand. Eine Kellertür, ein kleines Fenster. Vielleicht haben wir auch nur zu laut gelacht. In den Schnee gerotzt. Zu rotzig durchs Dorf geblickt.

Keine Ahnung.

Eine Haustür wurde aufgerissen. Im Eingang bauten sich ein Vater und seine Söhne auf. Drei kräftige Söhne, mit aufgepumpten Fäusten, dahinter die Mutter. Mütter von idiotischen Söhnen wissen in der Regel, dass sie idiotische Söhne zur Welt gebracht haben, und feuern sie an.

Es dauerte keine halbe Minute, da lagen sämtliche Langspielplatten, die ich in einer Plastiktüte mit mir trug, im Schnee verstreut, und mein Schädel klopfte, als hätte mir jemand Betonwürfel ins Auge gedrückt.

Karlos hatte einen Finger gebrochen und ging stiften, am ärgsten aber erwischte es Pepe, ihn stampften sie wirklich ein. Seine Brille splitterte, das Nasenbein knackte, er spuckte Blut. Ein Schneidezahn war weg.

Natürlich gab es dauernd Schlägereien damals. “Sollen wir vor die Tür gehen, Alter!?”, “Ja, gehen wir vor die Tür, Alter!” und dann ging man vor die Tür, Alter, und markierte den dicken Maxe, doch wirklich auf die Nase gab es eher selten. Die Sache im Oberbergischen dagegen war anders. Sie kam kurz und bündig wie eine Eilmeldung: paff, paff, paff! Lasst euch nie wieder hier blicken!

Paff!

Auf der Polizeistation im nächst größeren Ort, ein Fremder hatte uns an der Landstraße aufgelesen und mitgenommen, ließ man uns auf der Bank schmoren. Man beschimpfte uns als “Drogensüchtige”, die schon verdient hätten, was ihnen widerfahren war.

“Blutet uns ja nicht die Wache voll, ihr Säue!”

Erst als Pepes Vater, ein vermögender Unternehmer, der sein Geld mit einer Kette Jeans-Stores gemacht hatte, spät am Abend vorfuhr, im einschüchternd strengen Benz und braungebrannt, bequemte man sich, einen Arzt zu rufen und Strafanzeige aufzunehmen. Die im Sande verlief. Wir haben nie wieder von der Polizei oder der Staatsanwaltschaft gehört, in dieser Sache.

Wir waren heilfroh, als wir im beheizten Mercedes saßen und Pepes Vater kutschierte uns heim, wortkarg durch die Dunkelheit. Ein einziges Mal noch wurden wir munter. Wir hielten an einer hell ausgeleuchteten Jet-Tankstelle, und eine Frau mit Mannequinfigur, viel zu dünn angezogen, betankte ihren Wagen, und wie auf Kommando trällerten wir im Chor:

LA LA LA.

Im Benz duftete es nach Leder. Im Nachtradio lief Burt Bacharach. Wahrscheinlich war es James Last.