Zeit zum Schreiben (2)

Wo ich schon mal in Ohligs war, brachte ich den Vertrag gleich persönlich rüber zum Arbeitsamt. Während ich darauf wartete, dass Vermittler Buntenbach von der Mittagspause zurückkehrte, sah ich mich in der fast leeren Wartezone einer imposanten Frau ausgeliefert. Sie sah aus, als wäre sie mit dem Kopf voran durch die Babyklappe gerauscht und hätte das Auffangbettchen durchschlagen, das Baby wog nämlich hundertzwanzig Kilo und war gut vierzig Jahre alt. Ein fataler Anblick. Sie saß auf mindestens zwei Stühlen und blätterte hektisch in einer Broschüre des Arbeitsamtes.

“Das wird immer schlimmer”, krächzte das Babyface, ohne den Blick aus dem Prospekt zu heben. Ich fragte mich kurz, mit wem sie überhaupt redete, doch da ausser mir niemand anwesend war, ging ich davon aus, dass sie mich meinte. “Früher durfte man so viel Hunde mitbringen, wie man wollte, kein Problem. Dann durfte nur noch einer mit rein und der andere musste draussen bleiben. Und heutzutage?” Sie stampfte mit dem Bein auf, und der Ständer mit den vielen ungelesenen Tipp & Tricks am Arbeitsmarkt vollführte einen kleinen Rittberger. “Heutzutage dürfen Hunde gar nicht mehr mit rein! Nehee! Muss ich zuhause lassen! Aber was glauben Sie, was los ist, wenn Mutti gleich heimkehrt. Die beiden Racker reißen mir doch die Bude ab, wenn ich zwei Stunden weg bin! Und wer bezahlt mir den Schaden, Nürnberg etwa? Der feine Missjöh Buntenbach?”

Die Scharniere des Stuhls jammerten, als sie ihren massigen Körper erhob. Sie wurde so laut, beinah schrie sie mich jetzt an.

“Die verbieten mir, meine Hunde mitzubringen, und wissen Sie auch warum?” Sie glotzte über den Rand der Tipps & Tricks hinweg. “WEIL DIE UNZUFRIEDEN MIT SICH SELBER SIND, DIE WEIBER, DESWEGEN! UND DER FEINE MISSJÖH AUS KÖLN AUCH!”

Ich war heilfroh, als mein Sachbearbeiter endlich aus der Pause zurück war. Er warf einen Blick in den Vertrag und stutzte kurz, als er die Spalte Arbeitszeit/Stunden erreichte, wo Filialleiter Hafner mit Bleistift eine “32″ eingetragen hatte.

“Wieso nur zweiunddreißig Stunden?”

“Weil die mich keine vierzig Stunden gebrauchen können”, log ich dreist, aber es kümmerte ihn ohnehin nicht. Hauptsache, ich war eine Weile aus der Statistik. Volle sechs Monate wurde ich nicht als arbeitssuchend geführt. Riesig. Dafür war Buntenbach beim Arbeitsamt angestellt. Das war sein Job, das war sein Leben. Ein Statistiksäuberer. Eine Reinigungskraft.

“So, Meister, am 1. Februar ist defintiv finis mit Feiern und Ausschlafen bis in die Puppen”, sagte er nicht ohne Genugtuung. Dabei schlief ich so gut wie nie aus, und das mit der Feierei war auch nicht mehr so doll. Eigentlich steckte ich in der ersten echten Krise meines Lebens, Literaturpreis hin oder her. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte.

Buntenbach senkte die Stimme, geplagt vom plötzlichen Tremolo seiner Augenlider.

“Sagen Sie.., die verrückte Dicke, sitzt die immer noch da draussen auf dem Flur?”

“Nee. Die steht jetzt.”

*

1. Februar, morgens, halb neun.

Der Bus bog schon in die Haltebucht ein, als ich unten aus dem Park trat und die Straße hinauf blickte. Ich musste einen Spurt hinlegen, damit der Fahrer nicht ohne mich abfuhr. Busfahrern bereitete das in letzter Sekunde die Tür vor der Nase zuschlagen ein derartiges Vergnügen, dass sie daraus eine interne kleine Sportart kreiert hatten, mit täglicher Ausschüttung von Ehre und Schulterklopfen unter Kollegen im Depot der Stadtwerke.

Diesmal hatte ich Glück. Der Fahrer kam nicht umhin, ein paar drängelnde Schulkinder einsteigen zu lassen, und als das letzte endlich drin war, kam ich außer Puste angestürmt und zählte ihm drei einzelne Markstücke auf den Wechselgeldteller. Mit mürrischem Blick riss der Fahrer das Einzelticket vom Block, liess die Münzen in den Galoppwechsler purzeln und murrte los.

In Ohligs angekommen, steckte ich mir auf dem kurzen Fußweg zum Obi eine Kippe an und rauchte sie so gierig runter, dass es mir fast den Zeigefinger ansengte. Ich war eine volle Stunde zu spät. Ich nahm die Treppe zum Büro des Chefs, aber das war leer. Ich versuchte es im Personalraum. Die blonde Sekretärin hockte am Tisch und blickte mich an.

“Na halloo..”, flötete sie erstaunt.

“Morgen”, sagte ich.

“.. hat er sich Brötchen mitgebracht!”

Wie niedlich. “Das ist ein Schinken-Baguette”, sagte ich.

Ihre blonde Rund-Frisur erinnerte an Prinz Eisenherz.

“Komm, wir trinken erst mal einen Kaffee.” Sie erhob sich und stöckelte zum Heißgetränkautomaten in der Ecke, schloss ihn auf. Ihre Levis war so knalleng, ich fragte mich, wie man es da reinschaffte ohne blaue Flecke und Schürfwunden. Vielleicht war sie seit dem vierzehnten Lebensjahr Stück für Stück in die Blue Jeans reingewachsen, ohne sie seither ausgezogen zu haben. Es gab Möglichkeiten, klar, doch die waren limitiert und hauten allesamt nicht hin. Nein, ihr Hintern war schlicht grandios. Er knackte und knirschte bei jeder Bewegung, wie ein Lattenzaun während der Hundstage.

“Kostet normalerweise fünfzig Pfennig, aber heute ausnahmsweise..” Sie ließ den Satz unvollendet und lächelte kokett. Oh, natürlich, sie wusste um ihre Wirkung. So oft es ging, zeigte sie sich von hinten. Starr mir ruhig auf den Hintern, sagten ihre Bewegungen. Wünsch dir was. Der Kaffeebecher lief randvoll, und sie schloss den Automaten zu. “Ich kann ihn dir nur schwarz anbieten, aber ich hoffe, das macht nichts.”

Sie setzte sich zu mir. Leise drang die Fumu in den Pausenraum, funktionelle Musik, Kaufhaus-Muzak, You make me shiver, makellos sanfte Wellen, die unsere Füße umspülten. Wir saßen nebeneinander, auf Abstand bedacht. Wie das so ist, wenn man sich nicht kennt, aber schon ahnt, dass man sich bald nahe kommen wird, unter Kollegen.

Während ich am Kaffee nippte, öffnete sie eine Pausenbrotdose und entnahm ihr eine Weissbrotstulle. Oh mein Gott. Wenn ich vor irgendetwas Horror hatte, dann vor Situationen im Pausenraum, wo eine Kollegin oder ein Kollege das Frühstücksbrot rausholt und Mahlzeit wünscht. Schlimmer als Kotze im Federmäppchen, das war der Untergang der Zivilisation.

“Nutella”, grinste sie. “Gibt Muckis.”

(Ich versuchte ein Lächeln.)

“Ich hab dein Foto im Tageblatt gesehen. Was schreibst du denn? Schreibst du richtig Romane?”

Das Foto war ein paar Tage vor Silvester im Lokalteil erschienen, es zeigte mich vor einer Schulklasse. Ich saß auf dem Pult und liess die Beine baumeln, das Manuskript in der Hand. Der Deutschlehrer einer Realschule hatte mich zu einer Lesung eingeladen, ich hatte Arnheim, der Blues gelesen, vor einem Haufen Zehntklässlern, die sich einen Schriftsteller irgendwie anders vorgestellt hatten. Seriöser, ohne Löcher in der Jeans, nicht so .. Glumm.

“Nee, Romane nicht..” Was die Leute sich immer vorstellten. Ein Schriftsteller schreibt Romane. “Eher.. Geschichten.”

“Geschichten? Was für Geschichten, Krimis?”

“Nee.. aus meinem Leben.”

“Aus deinem Leben?” Sie glotzte mich an. “Ist das denn so super spannend?”

“Nee.”

Sie schüttelte den Kopf und futterte ihr Nutellabrot weiter. Kein Malocherfuttern glücklicherweise, eher ein mausartiges Knabbern. Dennoch schwante mir bereits, dass wir beide auf Dauer nicht klarkommen würden. Sie erwartete zu viel. Solche Menschen roch ich auf zehn Meilen, und sie saß direkt neben mir. Was mich betraf, so erwartete man am besten nichts. Gar nichts. Dann konnte ich allmählich kommen. Vielleicht.

Oder auch nicht.

“Veröffentlichst du auch richtig Bücher?”

Da hatten wir’s. Ein Schriftsteller veröffentlicht Bücher. Gibt es ein Thema, das demütigender ist für einen Autor ohne Buch? BÜCHER!!? In die Enge getrieben, begann ich zu stammeln, “in also mehr ja so Stadtmagazinen”, doch es juckte sie ohnehin nicht weiter. Kaum ausgesprochen, schon abgehakt.

“Ich hab das Foto von dir hinten am Schwarzen Brett aufgehängt. Wenn schon mal eine Berühmtheit hier arbeitet..”

Ich suchte nach Anzeichen von Ironie in ihrem Gesicht, nach leisem Spott und milder Herablassung, doch ich fand nichts. Ihr Gesicht war hübsch, einladend sogar, aber frappierend frei von allem, was irgendwie mit Verstellung zu tun hatte. Sie stand auf, brachte die Kaffeebecher zur Spüle. Eine ehrliche Haut mit einem ehrlichen, gradlinigen Hintern, einem famosen knackigen Teil in Vollendung. Ja, genau den musste der Herrgott im Kopf gehabt haben, damals, als er im Paradies die Blue Jeans erfand und was sich so alles für Ärsche darin verpacken ließen.

“Im Büro hab ich mitgekriegt, dass du unten am Kannenhof wohnst”, meinte sie. “Ich wohne auf der Baumstrasse, kann ich dich morgens im Auto mitnehmen. Wenn du willst.”

“Baumstrasse? Och. Ist ja um die Ecke.”

“Eben. Gut, ne?”

Ich wunderte mich einen Moment, warum ich sie noch nie gesehen hatte, vermutlich war sie die Sorte Frau, die morgens den Wagen bestieg, der vorm Haus parkte, und zur Arbeit brauste, und am Abend das gleiche in umgekehrter Reihenfolge erledigte. Solche Leute bekam man selten zu Gesicht, selbst wenn sie im selben Haus wohnten.

“Dann musst du morgens nur kurz durch den Park”, sagte sie. “Ich mein, du fährst doch kein Auto, oder?”

“Stimmt.”

“Warum nicht?”

“Was, warum nicht?”

“Na, warum du kein Auto fährst. Alle Männer fahren Auto.”

Ich zuckte mit den Schultern.

“Nur so.”

Ich war nicht alle Männer. Ich war nicht mal alle Menschen. Ich war.. ja, wer war ich überhaupt!? Kaum hatte ich mich kurz gefreut, nicht jeden Morgen dem verdammten Bus nachrennen zu müssen, schon grauste es mir bei der Vorstellung, jeden Morgen neben Prinzessin Eisenherz sitzen zu müssen, Knackarsch hin, Knackarsch her. Morgens wollte ich meine Ruhe haben, da konnte ich kein Geblubber, kein Gewäsch ertragen.

“Ich kann mich ja am Spritgeld beteiligen..”, hörte ich mich dennoch sagen, zu meiner eigenen Verblüffung.

“Quatsch. Ich fahre doch sowieso, ob nun mit oder ohne dich.”

Na, da hatte sie recht. Sie begann trotzdem zu rechnen.

“Was kostet eine Busfahrt bis Ohligs, zwei Mark?”

“Drei.”

“Drei.. sind hin und zurück sechs Mark am Tag. Wie oft arbeitest du hier in der Woche?”

“Vier Tage.”

“Nanu? Nur vier? Na gut, macht vierundzwanzig Mark die Woche, mal vier, das sind.. fast hundert Mark im Monat. Die hast du dann schon mal gespart. Kannst du ja Bücher für kaufen! Ha ha!”

Lustig. Ja. Schriftsteller veröffentlichen Bücher, Schriftsteller kaufen Bücher. Das letzte Buch, das ich mir gekauft hatte, hatte ich geklaut. A-wop-bop-a-loo-bop-a-lop-bam-booom von Nik Cohn. Meine Bibel. Ich las sie alle drei Monate, zur Abhärtung. Sie schaute auf die Uhr und packte die verbliebene Hälfte ihres Nutellabrotes wieder ein, unauffällig, wie nebenbei, als wäre eine Stulle im Pausenraum nicht der Untergang des Weissbrot-Parallel-Universums.

“So, dann wollen wir mal..”

“Und du? Seit wann arbeitest du hier?” versuchte ich meinen Knastantritt rauszuzögern.

“Vier Jahre. Ist ganz gut hier. Lässt sich aushalten. Die meisten Kollegen sind in Ordnung. Paar Arschlöcher sind darunter, klar, aber Arschlöcher findest du überall.”

“Ja klar. Vielleicht bin ich ja auch ein Arschloch.”

“Ja, vielleicht.” Sie lachte. “Ich bin die Gabi.”

“Ich der Glumm.”

“Weiß ich doch.”

Erst jetzt bemerkte ich die Putzfrau im Pausenraum, die um unsere Füße herum wischte. Eine Bilderbuchputzfrau mit strubbeligem Haar, um die vierzig und offensichtlich darin geübt, nicht zu stören, wenn die Großen sich unterhalten. Ich fühlte mich ein bißchen schäbig, dass ich die Frau zuvor nicht wahrgenommen hatte. Doch als Gabi sie fragte, ob sie nicht mal wieder zum Frisör gehen wolle, ganz ohne boshaften Unterton, eher neugierig, da richtete sich die Putzfrau keuchend auf und antwortete, dass sie dafür im vergangenen Jahr keine Zeit gefunden habe. Und dabei vermittelte sie nicht den Eindruck, besonders unglücklich zu sein. Erleichtert lehnten wir uns zurück. Die Putzfrau mit dem Duktus einer Putze wrang das Putztuch aus und das Wischwasser platschte in den Eimer.

Der Chef rief mich ins Büro. Filialleiter Hafner hatte ein steifes Fußballerbecken, mit dem er durch die Gänge schaukelte und die Sympathien seiner Mitarbeiter einheimste. Auch er zeigte sich von meinem Autorenpreis beeindruckt. So schwer, dass ich auf seinem Schreibtisch ein schmales Lyrikbändchen entdeckte. Während er mir meine zukünftigen Aufgaben als Mitarbeiter der Eisenwarenabteilung schilderte, schielte er immer wieder auf das dürre Büchlein, das so gar nicht zum nüchternen Ambiente seines Büros passen wollte. Es lag für meine Augen verkehrt herum, lediglich das Wort Lyrik konnte ich entziffern. Hafner verfolgte meinen Blick, meine Bemühungen, sagte aber weiter keinen Ton dazu, und ich hielt auch die Klappe. Als ich ein oder zwei Tage später das Büro aufsuchte, war das Gedichtbändchen weg, und es tauchte niemals wieder auf.

*

Einen Monat später war die Einarbeitungszeit vorüber. Allmählich wurden nicht nur die Kollegen sauer, weil ich immer noch ohne Kittel herumlief und für die Kunden nicht als Mitarbeiter zu identifizieren war. Auch der Chef wurde ruppiger, wenn die Sprache auf das Thema Kittel kam. Bis dahin war es ein Leichtes gewesen, mich aus dem Tagesgeschäft herauszuhalten und lästige Anfragen der versammelten Kreisheimwerkerschaft abzuwimmeln. Mittlerweile aber, so die Auffassung des Chefs, wüsste ich doch, in welcher Abteilung welche Ware zu finden sei, da könnte ich auch endlich den Obi-Kittel anziehen. Ich kam aus der Nummer nicht mehr raus. Ab sofort hieß es für mich, auch mit Kittel unsichtbar zu sein. Die Königsdisziplin des Verpissens stand unmittelbar bevor.

Eigentlich nichts leichter als das. Als Zweitgeborener in einem Feld von drei Geschwistern war ich mit dem Phänomen aufgewachsen, unsichtbar zu sein. Nicht weiter aufzufallen. Sandwichkind eben. Wenn ich etwas ausgefressen hatte, hiess es für mich nur normal und unauffällig bleiben, so kam niemand auf die Idee, ich wäre der Täter gewesen, der den Fischteich des Nachbarn mit zwei Flachmännern Doornkaat vergiftet hatte. Es war die perfekte Tarnung. Trick 17. Wie auf den Leib geschrieben. Tue so, als wäre alles wie immer, und dir wird nichts geschehen.

Die Königsdisziplin ging vom ersten Tag an schief. Weil ich Kittel trug, traten die Kunden ungeniert an mich heran: junger Mann, wo finde ich Fugendichtungen, wo Gardinenstangen, ich benötige vier Bewegungsmelder. Ich log bedauernd, tut mir leid, ich bin heute den ersten Tag hier, da wenden Sie sich besser an.. Oh, sagten da die Leute, natürlich, ist ja klar, Ihr erster Tag, da können Sie natürlich nicht Bescheid wissen, lassen Sie gut sein, dankeschön, junger Mann.

Der Chef kam schnell dahinter, was ich da abzog. Er wurde richtig böse. Sein Fußballerbecken baute sich auf.

“Hören Sie mit der Lügerei auf, das bringt doch nichts!”

Ab sofort nahm ich mir vor, stets bei der Wahrheit zu bleiben.

“Tut mir leid, der Herr, aber ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen, ich hab heute erst meinen vierundsechzigsten Tag hier..”

“Ach so! Der vierundsechzigste Tag erst! Nee, dann ist klar, junger Mann!!”

Es passierte nicht oft, aber es passierte

Auf die Unke war Verlass. Sie war zur verabredeten Zeit am verabredeten Ort, sie panschte keine zusätzlichen Streckmittel unters Pulver, und wenn es einem dreckig ging, packte sie gratis eine Messerspitze drauf. (Aber auch nur eine.) Ihre wenigen, streng nach Sympathie und Solvenz ausgesuchten Stammkunden konnten sich nicht beschweren.

Es sei denn, irgendwo im Geflecht der Großdealer, Zwischendealer und Kleindealer kam es zu Verzögerungen und sie wartete selbst auf ihre Lieferung. Das kam vor. Dann saß man als Kunde der Unke am Telefon und ersehnte ihren Anruf, ihre erlösenden, heiser hervorgestossenen Worte, “.. los, mach dich auf die Socken.” Aber das konnte dauern, bis es soweit war, und es strapazierte die Lachmuskeln.

Ja genau, die Lachmuskeln.

Ich hab einiges über Heroin gelesen, Biografien von toten Rockstars, ärztliche Bulletins, Christiane F., doch ein Phänomen ist bislang im literarischen Dunkeln geblieben: dieses verfluchte Grinsenmüssen, wenn der Entzug sich nähert.

Es geschieht in dem schmalen Zeitkorridor, wenn das letzte Quentchen Heroin gerade dabei ist, den Körper zu verlassen. Wenn Opiumreste durch die Zellen spuken, als säßen sie in der Geisterbahn, wenn Tarzan den Lendenschurz verliert.

Das sind jene verqueren Momente, wo jeder Junkie grinsen muss, ob er will oder nicht. Es lässt sich nicht unterdrücken. Ein Gefühl, als würde man sich als Kind gleich in die Hosen machen. Ein unwillkürliches Ziehen und Drängeln, auf das man nur zu gern verzichten würde. Man grinst wie blöde, dabei gibt es nichts zu lachen. Kein Wunder, dass ich darüber noch nie etwas gelesen habe. Es ist einfach zu dämlich. Aber es passiert auf der ganzen Welt, es passiert in Pakistan und es passiert in Potsdam und Peking, hundertttausendfach, Tag für Tag.

Zeichnete sich im Vorfeld ab, dass sie kein Originalpulver auf Lager haben würde, besorgte die Unke für ihre Stammkunden etwas Methadon, damit sie über die Runde kamen. Beziehungsmarketing nannte sie das, und es war nicht so, dass sie dabei mit den Augen zwinkerte, sie meinte es durchaus ernst. Humor war nicht ihr Ding. Sie war eine eher strenge Person. Sie arbeitete auf dem Büro, von neun bis fünf. Keine Ahnung, wo. Architekturbüro, sagte der dicke Ben. Ben war ein schwerfälliges pausbäckiges Hundertkiloschlachtschiff, das gerne zum Schnellchinesen ging und mit seiner Körperhygiene haderte. Aus der Ferne sah Ben manchmal aus, als trüge er einen Sepplhut, dabei hatte er bloß das Haar seit Wochen nicht gewaschen.

Dagegen duftete die Unke, als wäre sie gerade dem Dampfbad entstiegen, in einer Wolke von Patschuli. Niemand, der sie auf der Strasse sah, wäre auf die Idee gekommen, dass sie heroinsüchtig war oder gar dealte. Sie zählte zu den Menschen, die ihre Zukunft streng in graden und ungraden Kalenderwochen aufteilten und die einen verständnislos anglotzten, wenn man sie verständnislos anglotzte, weil man mit Kalenderwochen, ob grade oder ungrade, nichts am Hut hatte.

Natürlich kannten wir die Unke gut genug, um zu wissen, dass sie für eventuelle Notfälle stets etwas Heroin gebunkert hatte, für den Eigenbedarf. Sie war ja genauso drauf wie wir. Aber das hätte jeder von uns an ihrer Stelle genauso gemacht. Und ebenso klar war, dass noch so viel Bitten und Betteln keinen Sinn machte, von ihrem geheimen Vorrat würde sie nicht einen Krümel abdrücken. Ansonsten aber sorgte die Unke für uns wie eine Mutter, die gut bezahlt wird, und wir süchtigen Picos hielten ihr die Treue und kauften hauptsächlich bei ihr.

Dann, im Herbst, häuften sich Verspätungen und Lieferausfälle. Auch das Methadon floss nicht mehr so reichlich, wie es das lange Zeit getan hatte, um uns Kunden bei Laune zu halten. Jetzt hiess es improvisieren. Zur Not ging ich auf die Platte, was ich sonst tunlichst vermied. Wenn ich irgendetwas nicht gebrauchen konnte, dann meine Geschäfte im Scheinwerferkegel der Drogenfahndung abzuwickeln. Nee, danke. War nicht nötig. Ohne mich.

Sieh zu, dass du jemanden in der Hinterhand hast, falls die Unke mal ausfällt, dachte ich, ich war ja ein schlaues Kerlchen. Und in diesen Zusammenhängen lernte ich nun Tonino kennen. Tonino. Noch so ein verdammter Schlaumeier.

Schulschluss

Das letzte halbe Jahr ging ich nicht mehr hin. Ich hatte die Nase voll von der Anstalt. Ich war nicht versetzt worden in die 12. Klasse, eine ganz unnötige Geschichte, wegen einer 6 in Philosophie, einer 5 im Leistungskurs Bio sowie einer 5 in irgendeinem beknackten Nebenfach, Sozialkunde glaub ich.

Am Ende der Sommerferien versemmelte ich die Nachprüfung, wobei es gereicht hätte, in Bio auf 4 minus zu kommen, doch Vogel-Uli, der hagere Bio-Pauker, der mich auf den Tod nicht ausstehen konnte, (“Glumm, Ihre ausgeprägte Ahnungslosigkeit erstaunt”), verweigerte mir das Upgrade.

In der neuen Klasse kam ich nicht zurecht, mir fehlten die bekannten Gesichter, die mich von der Sexta an begleitet hatten, die neue Klasse konnte mit mir nichts anfangen, die Lehrer hassten mich für meine die Atmosphäre verpestende Passivität (Vogel-Uli), kurzum, nichts ging mehr, und ich nicht mehr hin.

Morgens stand ich auf, wenn auch selten zur ersten Stunde, packte ein paar Schulsachen ein, nicht zu viele, damit die Tasche nicht zu schwer wurde, zwei Butterbrote, und machte mich auf die Socken. Die Zeit vertrödelte ich zum grössten Teil in der Stadt. Ich strich durch die Plattenabteilungen der Kaufhäuser, saß in den nahen Malteser Gründen. Ab zehn, halb elf war ich im Stonns Fuot, einer zweistöckigen winzigen Hardcorekneipe, gleich neben dem Tchibo. Ab und zu trank ich Bier, doch meist hockte ich einfach am Tresen und guckte zur Glastür hinaus. Ich wartete, dass Bekannte und Freunde kamen, ich wartete, dass James, der Wirt, gute Musik auflegte, ich wartete auf den dicken Hellmann, der mit seinem Hintern kaum auf den Hocker passte und wie unrasiertes dickes Ungeziefer aussah. Eigentlich wartete ich darauf, dass es endlich Mittag wurde, Schulschluss, und ich nach Hause konnte.

Wenn ich ein bißchen zu kiffen hatte, verdrückte ich mich ins Grüne. Einmal saß ich auf der großen Wiese, die Bauer Pott gehörte und Potts Wiese hiess. Von Potts Wiese aus hatte man einen grandiosen Panoramablick über die Wupperberge, bis rüber nach Wuppertal-Cronenberg und Remscheid. Ein warmer Wind strich durchs hohe Gras, Pferde schnaubten in der Nähe. Ich fühlte mich blass in der Sonne und seltsam frei. Ich holte ein Schulheft heraus und begann zu schreiben.

“Ringsum entblößen sich die Käfige..”

schrieb ich, so begann das Gedicht. Das war die erste Zeile. Ich schaute auf. Das war der Tag, an dem ich beschloss, Dichter zu werden. Meine Eltern wussten nichts davon, dass ich nicht mehr zur Schule ging. Dass ich schon seit Monaten nicht mehr dagewesen war. Ich war volljährig, ich hatte meine Entschuldigungen eine Zeitlang selbst geschrieben bevor ich auch das gelassen hatte. Als der graue Brief vom Gymnasium kam, fielen meine Eltern aus allen Wolken, schlugen hart auf. Warum hast du nie etwas gesagt? Warum bist du so ein Heimlichtuer geworden? Nimmst du Drogen? Was soll werden? Vielleicht ein Dichter, sagte ich. Ein Schreiber. SCHREIBEN? rief Vater. Er war nicht mal böse, es war nur, er hatte mich nicht verstanden. Vielleicht auch nicht, sagte ich. Vielleicht auch Trinker. Ich brauche erst mal Ferien. Ich fahre weg. Nach Portugal. An die Algarve. Wo es schön warm ist. Hier ist auch warm, sagte Mutter. Ja, aber nicht schön warm. Du redest Unfug, sagte Mutter. Karlos fährt mit, sagte ich.

Karlos war schon lange aus der Schule raus und schlief bis mittags. Manchmal kam er den ganzen Tag nicht aus dem Bett und hörte Klaus Kinksi-Schallplatten in seiner verqualmten Mansarde. Und er las meine Gedichte. Er schrieb selber welche. Es konnte losgehen. Bloß – was? Manchmal saßen Karlos und ich schon nachmittags in den Malteser Gründen, zwischen verbeulten Trinkern, und tranken. Eine Palette Karlsquell war die übliche Einheit, 24 Dosen Bier, die billigste Marke.

Wir lernten eine Menge schräger Figuren kennen, wie den zwei Meter großen Hennes. Ein herzensguter Penner um die Fünfzig, der noch das letzte Stückchen Fleischwurst mit dir teilte. Wenn er voll war, und er war dauernd voll – gefangen im Korntext – begann Hennes Lieder aus der Heimat zu schmettern und zu schunkeln. Er stammte von der Mosel, war auf Weinfesten groß geworden. Das mit dem Schunkeln wurde schnell zum Problem, weil er alle Mann mit sich riss. Mehr als einmal purzelten wir wild durcheinander, Weinflaschen stürzten zu Boden und zerschellten, es gab Tränen.

Sein Pennplatz war irgendwo hinter Wermelskirchen, kilometerweit entfernt. Oft schaffte er es abends nicht bis zum Unterschlupf, weil kein Bus mehr fuhr und sich niemand erbarmte, ein besoffenes Riesenbaby mitzunehmen, das lallend am Strassenrand stand. Dann fiel er einfach um und schlief ein, egal wo.

Auch wenn Hennes die Pranken und das Kreuz eines Preisboxers hatte, er war lammfromm. Wenn er von seiner Kindheit erzählte, flennte er wie ein Bengel, der etwas angestellt hatte und nun der Mutter beichtete. Ich konnte nicht genug davon bekommen, ihn anzusehen. Er hatte große treue Hundeaugen und mochte es, die Leute in seine gewaltigen John Wayne-Arme zu schliessen und an sich zu drücken.

Uff, stöhnte Karlos und duckte sich gekonnt unter ihm weg.

Einmal zeichnete sich ein frischer Pissfleck auf Hennes’ Hose ab, groß wie ein Basketball. Wisst ihr, warum Männer lauter Unfug machen? krächzte er besoffen. Warum soviel Unglück und Leid in der Welt ist? Weil alle Männer Weltmeister sein wollen! Keiner will Vize sein!

Geschlossen prosteten wir dem Champ zu.

Plattendieb

Da saß ich nun halbwüchsig mit Stereokopfhörer und Cassettenrecorder am Radio und schnitt die Neuerscheinungen mit, die es aus London und New York ins WDR-Radioprogramm geschafft hatten, das war mein großes Hobby, Radio. Und doch ging nichts über die Krone der Popmusik, das Vinyl: Singles oder, besser noch, Langspielplatten.

Weil das Taschengeld nicht ausreichte und es nicht genug abonnierte Zeitungen gab, die ich hätte austragen können, um all meine Vinylwünsche zu finanzieren, klaute ich wie ein Rabe.

Schallplatten.

Mit der Zeit wurde ich richtig dreist. Kurz im Laden umgeschaut, Platte untern Arm geklemmt, rausmarschiert. Aber trotz aller jungenhaften Routine, mein Herzklopfen blieb. Herzklopfen und die fast schon erotisch anmutende Erleichterung, wenn ich das Geschäft verlassen hatte und niemand folgte mir. Das war der Kick überhaupt. Das Nicht-erwischt-werden. Das Immer-mehr-wollen.

Meist klaute ich in den Musikabteilungen großer Warenhäuser, wenn ich mittags aus der Schule kam und durch die Stadt trödelte. Meine siebte Stunde nannte ich es, wenn Schulkameraden fragten, was ich eigentlich nach der Schule in der Stadt trieb.

Kleine Fachgeschäfte wie das ZackZack am Eiland betrat ich nur, um zu sehen, was neu auf dem Plattenmarkt war, zur Orientierung sozusagen. Zum Stehlen war es mir dort in der Regel zu heikel, man stand zu sehr unter Beobachtung. Ausserdem kannte man die Leute mit der Zeit, entwickelte eine Beziehung. Das war schlecht. Leute, die man kannte, beklaute man nicht so schnell. Man bekam Skrupel.

Im ZackZack arbeitete ein lässiger Macker aus Remscheid, der meist einen langen beigefarbenen Kaschmirschal trug und am liebsten Maserati gefahren wäre, (doch wie gesagt, er kam aus Remscheid), hatte stets einen Geheimtipp auf Lager und lächelte schon, wenn ich den Laden betrat. Wie sollte man so einen Menschen bestehlen. Gute menschliche Kontakte vermasselten mir das kriminelle Geschäft.

Aber meist war es so: Hatte ich genug Informationen gesammelt, was sich auf dem Plattenmarkt so tat, zog ich die Fußgängerzone hoch in den Kaufhof oder ins Karstadt, wo ein Schüler nicht sonderlich auffiel, der mittags eine Weile in den Platten wühlte und unverrichteter Dinge wieder abzog. Mit einem Album unterm Arm. Als Sandwichkind in der Geschwisterfolge, mit einer großen Schwester und einem kleinen Bruder, war ich darin geübt, mich unsichtbar zu machen, wenn es drauf ankam. Darin war ich ein As. Niemand sah mich, wenn ich nicht gesehen werden wollte, trotz meiner wallenden Haare.

Am schönsten stehlen war im Kaufhof.

Von der Plattenabteilung im Erdgeschoß bis zum Ausgang war es genau einmal um die Ecke herum und schon war man draussen auf dem Mühlenplatz.

Es war, als hätten die Innenarchitekten beim Konzept des Warenhauses hauptsächlich an mich gedacht, wie ich meine Beute möglichst sicher heimbringen konnte. Dass das Ganze nur ein Trick war, um mich in Sicherheit zu wiegen und irgendwann abzukochen, wenn man gar nicht mehr damit rechnete, na, mein Gott, ich war fünfzehn, ich wusste von solchen Sauereien noch nichts. Ich war ein kleiner Plattendieb. Ein Vinylgauner.

Noch heute schlummern Tausende LP’s aus den 70er Jahren auf dem Dachboden, die meisten bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und zu Tode gespielt. Ich nahm nie groß Rücksicht auf den Zustand meiner Lieblinge.

“Deine Platten waren deine kleinen Nutten”, sagte die Gräfin zu mir, “so abschätzig, wie du sie damals behandelt hast.”

Damit lag sie ja nicht falsch. Wenn ich mir (schön) einen runterholte, passierte es immer wieder, dass die Schlacke achtlos auf einer achtlos am Boden liegenden Platte landete und die Rille verstopfte, ein kleines pointiertes weisses Unwetter.

Hach, Popmusik, herrlich. Achtlose Angelegenheiten.

Als die Gräfin mich kennenlernte, war ich sechsundzwanzig und in der Spätphase meiner Pop-Besessenheit. Zwar nährte mich Popmusik immer noch mit Schwärmerei, (und ich musste ständig mit Schwärmerei genährt werden, sonst wurde mir schnell langweilig), doch ich war nicht mehr so verrückt danach. Ich musste die Songs nicht mehr unbedingt besitzen. Ich konnte sie auch einfach mal sein lassen.

Die letzte 45er Single kaufte ich mir 1989, Everything I own von Boy George, die verwässerte Hommage an das Original von Ken Boothe: ein wunderbar schlichter Reggae, eine Sommerhütte am Strand, früh am Abend, Windstille – und hinterm Küchenschrank kriecht ein Ohrwurm hervor, groß wie ein Gecko.

An dem Tag, als ich erwischt wurde, als meine Karriere als Plattendieb jäh endete, gab es im ZackZack am Eiland einige Neuerscheinungen, die mich reizten, die ich gerne gehabt hätte, doch weder im Karstadt noch im Kaufhof waren die LP’s schon eingetroffen. Weil ich im Kaufhof stand und keine Lust hatte ohne Album abzuziehen, entschied ich mich notgedrungen für eine LP von Stephen Stills. Er war Mitglied bei Crosby, Stills, Nash and Young, nun war er solo, ein Gitarrist, der nichts besonderes drauf hatte. Einen Song von seinem neuem Album hatte ich am Radio mitgeschnitten, ich mochte das Stück nicht mal besonders.

Die Platte in der Hand bückte ich mich, las ein wenig in den Credits, jedenfalls tat ich so, in Wahrheit sondierte ich die Umgebung. Der einzige Verkäufer, der um die Mittagszeit Dienst tat, hatte anderes im Sinn, als ein Auge auf mich zu werfen, also ließ ich Stills locker in die Jutetasche gleiten, erhob mich und verließ die Musikabteilung.

Ich ging mit Umhängetasche in die Schule, aber wenn wir sechs Stunden hatten und eine Menge Sachen einpacken mussten, nahm ich zusätzlich eine Jutetasche mit.

“Wo hast du die Platte denn schon wieder her?” fragte Mutter, wenn ich mittags eine Scheibe heim brachte und es kaum abwarten konnte, reinzuhören.

“Geliehen”, antwortete ich knapp.

“Geliehen..? Schon wieder? Von wem?”

“Na, von Freunden.”

“Du hast aber eine Menge Freunde.”

“Ja.”

Entscheidend war stets der Moment, wenn ich das Kaufhaus verließ. Der Hauptausgang des Kaufhof bot einen einzigartigen Marylin Monroe-Effekt. Man stieg über einen  rechteckigen vergitterten Lüftungsschacht, aus dem warme Luft stieg, verbrauchte Luft, tausend Mal gefressen, eine Quarantäne, die jeder Kunde passieren musste, egal ob er nun rein oder raus wollte.

Für mich waren es Schritte im Niemandsland zwischen Himmel und Hölle, ein vergittertes Niemandsland, wo noch alles möglich war, wo es (theoretisch jedenfalls) sogar noch ein Zurück gab. (Hups, hab ganz vergessen, die Schallplatte in meinen Händen zu bezahlen. Jetzt aber flott.)

Dann trat ich hinaus auf den Mühlenplatz, das Heißluftgebläse im Ohr und im Schritt, und verschwand zügig im Gewühl, mit diesem Kribbeln der Befreiung im Bauch, in den Beinen, diesem Gefühl, nicht erwischt worden zu sein, ein neue Trophäe zu besitzen.

POP!

Und dann passierte es doch. Ein Ladendetektiv griff zu, als ich im Menschengewimmel des Mühlenplatzes untertauchen wollte, einem großzügigen Areal mit Grünflächen, Bäumen und Wasserspielen. Die Hand, die meine Schulter packte und mich zurückhielt, dazu seine tiefe männliche Stimme, “darf ich mal in deine Tasche gucken?” mit dem vorangestellten “Junger Mann,” zwei Worte, die alleine schon ausgereicht hätten, dass ich mich sinnbildlich in einer Pfütze aus Sühne, Scham und Gepinkel wiederfand. Ertappt. Dieses Mal war es nicht gut gegangen.

Eine Woche zuvor war ich sechzehn geworden, es war noch Geburtstagsgeld übrig, nein, ich hätte nicht klauen müssen, aber ich klaute mehr und mehr wegen des Gefühls der Befreiung, dem Kribbeln, dem großen Aufatmen. Die siebte Stunde war lange Zeit die große nebensächliche Krone meines Daseins. Nachdem ich erwischt worden war, klaute ich lange Zeit nichts mehr, nicht mal eine kleine Salmiakpastille.

Den Moment vorm Kaufhof hatte übrigens ein junger Pole mitgekriegt. Ein hochaufgeschossener Junge, der wenig Worte machte und den ich vom Sportplatz am Klauberg kannte, wo er mit uns Fußball spielte. Ich kenne seinen Namen nicht, doch sein entgeistertes Gesicht sehe ich noch vor mir: Du klaust..? DU? Warum klaust du?!

In den folgenden Jahren liefen wir uns gelegentlich über den Weg. Wir nickten uns kurz zu, das letzte Mal vielleicht Anfang des Jahres 2000, und immer noch war da dieser überraschte Ausdruck, festgefroren in seinem knochigen Gesicht, konserviert, herübergerettet aus dem Jahre 1975: Du klaust? Warum klaust du? Na, weil ich noch keine tausend Scheiben zusammen hab, du Depp!

Brown shoes don’t make it

In der Zigarettenpause stand ich mit diesem Mittzwanziger zusammen, einem neugierigen kleinen Nerd. Wir unterhielten uns über Musik, und als die Sprache auf mein Alter kam und er ein bißchen rechnete, machte er große Augen.

Dann hast du ja die 70er richtig miterlebt?! staunte er.

In diesem Moment hätte ich ihn um sämtliche Passwörter seiner Erbtante bitten können, er hätte bereitwillig alles herausgerückt inklusive Erbtantchen selbst, nur weil da jemand LEIBHAFTIG vor ihm stand, der Led Zep und Zappa und Punk und Wir Kinder vom Bahnhof Zoo überlebt hat und ihm davon, vielleicht, erzählen konnte – ich hätte es ausnutzen sollen, verdammt. Hab ich denn gar nichts gelernt in diesem Jahrzehnt?? Außer überleben?

Und Zappa hören.

Bobby Browng goes down, Frank Zappas einziger Monster-Hit, erschien 1980 und strotzte nur so vor Witz: My car is fast, my teeth are shiney, I tell all the girls they can kiss my heini verhohnepiepelte er den All American Boy, ein später, ein verdienter Erfolg für Zappa, doch unsere große Zappa-Zeit war da eigentlich schon vorüber.

Das war Mitte der Siebziger, als wir uns abends beim Rüttgers trafen, einem fanatischen Zappa-Verehrer, der immer auf dem neuesten Stand war und Bootleg-Scheiben aus Übersee sammelte.

Rüttgers riesige naturkrause Matte ähnelte meiner, war aber dunkler, negroider. Mehr Animal. Er war ein paar Jahre älter und der erste in unserer Clique, der eine eigene Bude hatte, nachdem sein psychopathischer Vater ihn in einer Nacht-und Nebelaktion, die wir alle miterleben durften, rausgeworfen hatte, die Treppe runter, Sack Klamotten hinterher: LASS DICH HIER NIE MEHR BLICKEN, DU STÜCK SCHEISSE! DU MACHST DEINER MUTTER NUR KUMMER!

Keine zweihundert Meter entfernt bezog er eine kleine Genossenschaftswohnung, die sich schnell zur lokalen Zappa-Zentrale mauserte. Rüttgers im Tross auf die Bude rücken, wo aus allen Tüten, Pfeifen, Shilums gekifft wurde, das zählt zu den schrägsten Erinnerungen an 1977, als wir Haschisch und Acid-Trips entdeckten während die Rote Armee Fraktion Polit-Bonzen entführte, deren Namen wie Knäckebrot klangen. In der bergischen Diaspora blieben die Steine im Pflaster, bei uns hieß es, RÜTTGERS, SCHMEISS DIE MÜTTER AUF DEN PLATTENTELLER UND MACH NOCH EINEN RUND, DU PENNER!!!

Wer jemals nächtelang gemeinsam gekifft und gesungen hat, vergisst das nie wieder, auf alle Ewigkeit bleibt ein rührendes Gefühl von Zuneigung zurück. Man kann nicht gemeinsam die Nacht durchsingen, wenn man sich nicht liebt, und Jungs mit Siebzehn lieben bedingungslos, besonders sich selbst und sämtliche besten Kumpel.

Das prägendste Zappalied befindet sich auf dem Live-Album Fillmore East, The Mothers, 1971. Es heisst Do you like my new car? und ist beinahe ein Theaterstück. Von einer lässigen kleinen Straßenmelodie getrieben liefern sich zwei Kerle mit den schneidigsten männlichsten Stimmen der Rockgeschichte ein Wortgefecht, eine Art Talking Blues. Niemals wieder hat eine Rock-Nummer so sehr unsere Phantasie angeregt wie Do you like my new car?, unterbrochen von einem Instrumental-Chaos, durch das man hindurch musste, um geläutert und erfrischt wieder zum Groove zu gelangen.

Do you like my new car? ist eine großformatige Comic-Show, die sich um ein neues futuristisches Auto namens Fillmore dreht. Ein grosses Auto, das durch Hollywood kurvt und alles aus dem Weg hupt, ICH HUP SE KAPUTT, tja, Zappa wusste schon immer sehr genau, worum es im Leben geht.

Nach dem Hören von Fillmore East waren wir regelmäßig so im Eimer, als hätten wir einen Zehnkampf plus Boxen über 12 Runden hingelegt, wir schleppten uns ausgepumpt über die Ziellinie und waren für den Rest des Abends versaut für jegliche andere Musik.

Überm Rüttgers wohnte ein undurchschaubarer bleicher Bursche, der versuchte LSD in Heimarbeit herzustellen. Sein Gesicht war aschfahl, aber die Bäckchen glühten wie Abendrot, sobald das Gespräch auf Acid kam. Kiffen war nicht sein Ding, und außer zu Rüttgers und uns hatte Holbein keinerlei Kontakt zur Szene. Er war zufällig an uns geraten, weil er schon eine Weile dort wohnte, als Rüttgers einzog.

Holbein studierte angeblich Chemie in Bonn, aber man sah ihn nie zu Vorlesungen fahren oder gar büffeln. Und über die Experimente, die er laut Rüttgers zuhause anstellte, verlor er kein Wort. Auch von Rüttgers, sonst doch so leutselig, erfuhren wir in dieser Hinsicht wenig. Einmal hörten wir ihn im Treppenhaus lauthals schimpfen, “du jagst uns noch alle in die Luft!”, worauf der bleichgesichtige Holbein seinen Mantel zuknöpfte, den Gürtel festzurrte und beleidigt davonmarschierte.

Dass es tatsächlich um LSD in Heimarbeit ging, erfuhren wir erst viel später. Holbein hatte sich auf dem Speicher eine kleine Dunkelkammer eingerichtet, weil gewisse Derivate unter Lichteinwirkung sofort verfielen, wie er mir und Pepe in einer vertraulichen Stunde anvertraute. Holbein, sonst doch so gehemmt, blühte richtig auf, als er von Massenformeln, Molekülen und Problemen bei der Vakuum-Herstellung sprach, und Pepe und ich glotzten ihn an, wir kapierten kein Wort.

Er war ein LSD-Soldat, eine seltene Pflanze mit bleichem Fruchstand. Weil er trotz mühsamer Recherche nicht an Mutterkorn herankam, unerläßlich für die Herstellung von LSD, versuchte er an eine Alternative zu gelangen, an den Samen einer Pflanze namens Morning Glory. Aber das klappte auch nicht. Es gab zwar eine Menge Schieber, die mit LSD dealten, aber von der Herstellung hatte niemand einen blassen Schimmer, geschweigedenn hatte je einer von Morning Glory gehört.

Bis auf Betty aus Remscheid. Die meinte eines Tages, Morning Glory, logisch, kenn ich, ist ne Teesorte, kann ich klarmachen, ein Früchtetee ist das, aber als wir Holbein davon erzählten, fing er vor Wut an zu schnauben und zu zittern und stieß nur gepresst hervor, “und dann muss das LSD fünf Minuten ziehen oder was!?”

Ich weiß nicht, was aus Holbein geworden ist, das Haus, in dem er und Rüttgers und ein gewaltiger Haufen Zappa-Platten wohnten, wurde 1978 abgerissen. Holbein verschwand in der Rheinschiene und wurde nie wieder gesehen, Rüttgers zog in die Nordstadt.

Aber zurück zu Zappa.

Zappa war der rotzfreche Gockel aus der Raucherecke, der sich über alles lustig machte. Die blassen Laumänner aus der Bibelstunde bekamen ihr Fett weg genauso wie die Mädels, die sich tonnenweise Clerasil ins Gesicht klatschten, weil sie es nicht besser wussten, aber alles zu wissen glaubten über schnieke Boys mit wiehernden weißen Zähnen. Das ganze Mittelmaß, all das Plastik – Zappa hatte für jeden ein As im Ärmel.

Frank Zappa und die Mothers of Invention sprachen den schroffen Siebzigern mehr aus dem Herzen als alle Saturday Night Fevers, Nevermind the Bollocks und Grandmaster Flashs zusammen. Zappa war düster und kompliziert, er war radikal, er war boshaft und wenn er Lust hatte, war er sogar eingängig und lud zum messerscharfen Schunkeln ein. Wer verletzt zurückblieb, hatte gut hingehört.

Zappa hasste alles, was mit Plastik und braunen Schuhen zu tun hatte, braune Plastikschuhe führten direkt in den Untergang. Das körnige Schwarzweiß-Poster, das Seine Haarigkeit Frank Zappa splitternackt auf dem Scheißhaus zeigt, prankte auf WIRKLICH jedem vierten WC inklusive Steuerbehörde, Davidswache, Puff in Barcelona. Ole! Rekordwert. Bis heute.

Als ich das erste Mal einen Film der Marx-Brothers sah, war ich irritiert. Konnte das sein..!!? Dieser durchgeknallte Kerl mit Zigarre im Mund, obszönem Ziegenbart und höhnischem Dada-Grinsen, ich mein, was zum Teufel hatte Frank Zappa in einer Komödie aus den 40er Jahren zu suchen?? Wie alt war der Kollege denn??? Fortan und bis zum Ende aller Screwball-Komödien waren Frank Zappa und Groucho Marx für mich ein und dieselbe Person, darauf lasse ich bis heute nichts kommen.

Gelacht haben wir beim Rüttgers mit der krausen Matte wie im Leben vermutlich nie wieder. In der kleinen Erdgeschossbude in Meigen roch es wie im Stall, wenn zwölf Jungs am Abend das Rollo runterließen und sich dicht gedrängt gegenseitig Kopfschüsse aus dampfenden Shilums verpassten bis zum finalen Lachkollaps, wobei Rüttgers den Einpeitscher gab.

Er war die Nordkurve von Frank Zappa.

Er kannte sämtliche Texte in-und auswendig, und wir folgten ihm ergeben. Noch heute wundere ich mich, wie selbstverständlich mir manche Text-Passage in den Sinn kommen, plötzlich und ohne Anlass. Wie etwa CAMARILLO BRILLO, das ich das letzte Mal 1982 herum gehört haben muss:

WELL, I WAS BORN TO HAVE ADVENTURE, SO I FOLLOWED UP THE STEPS..

Rüttgers, ältestes von vier Geschwistern, hatte ein herausplatzendes kehliges Organ, das dichte Kraushaar kämmte er zu einer Afro-Krone mit Seitenscheitel hoch, was ich in dieser Form nur noch ein einziges Mal gesehen hab, beim Sänger von Boney M, der gar kein Sänger war, wie sich später herausstellte. Rüttgers hingegen war ein echter Shouter, er war die begnadete europäische Autokino-Stimme von Frank Zappa, wenn der Maestro daheim in Nordamerika im Bett lag, Zigarren paffte und einschlief.

Obwohl, Zappa schlief nie.

Rüttgers hatte ständig Trouble mit den Nachbarn, die nachts kein Auge zutaten, es muss die Hölle gewesen sein. Gelächter, Geschepper, Gegröle, Klospülungen, Mütter, Gekiffe die ganze Nacht.

Bei dem hohen THC-Gehalt heutiger, auf Power getrimmten Marihuanasorten hat Kiffen nur noch wenig mit dem gemütlichen Ablachen früherer Zeiten gemein. Obwohl. Moment. Gemütlich ablachen?! WIR!? DAMALS? Dass ich nicht lache. War es nicht 1977, als wir einen Afghanen rauchten, der direkt aus der schwarzen Schuhcremefabrik des Teufels zu kommen schien? Der einem die Augen von innen verschnürte, der einem die Sterne in den Leib trieb? Und was war mit dem sagenhaften Pfund Sensemilla, im Schrebergarten von Benzinis Opa gezüchtet und geerntet und in zwei heißen Septembernächten verbraten, dass wir alle dachten, au weia, das wird nie wieder, da bleibt was zurück im Kopf, das kann nicht gutgehen?

Es blieb was zurück. Es blieb eine Menge zurück. Ich danke Gott für alles, was je zurückblieb in meinem Kopf.

Danke, o Herr!

Ein anderer Kumpel von Rüttgers war Banane-Martin. Banane-Martin war der Knaller, immer auf der Suche nach Brösel und Pillen, ein echter Fall von schwerem Haschischaucher. Jeden Abend, als Showdown quasi, führten Banane-Martin und Rüttgers einen Einakter auf, im bekifften Kopf.

Es war aus einer simplen kleinen Situation heraus entstanden, doch mit der Zeit dickte die Sache mehr und mehr an, wie ein Schneeball, der durch den Schnee rollt und mehr und mehr Masse ansetzt bis zuletzt ein riesiger Jux übrigblieb und alle den Lachflash bekamen und sich jeden Abend bepissten vor Vergnügen, dabei war alles, was wir zu sehen bekamen, Bauerntheater. Bergisch-Afghanisches Bauerntheater.

Den Anfang machte Rüttgers. Zugedröhnt zog er ein langes Solinger Brotmesser aus der Besteckschublade und wackelte von hinten auf Banane-Martin zu, der wie gewohnt am Kopfende des Tisches saß und sich schon wegduckte mit seinem ungewaschenen, gestresst schlotterndem langen Haar. Er wusste nur zu gut, was nun folgte, doch bekifft konnte Banane-Martin sich nicht wehren, bekifft war er hilflos, ein greinendes Äffchen auf der Drehorgel, und je näher Rüttgers ihm auf den Pelz rückte, das Messer in der Hand, von hinten, desto schlimmer wimmerte und greinte Banane-Martin bis er zuletzt mit den Nerven am Ende vom Stuhl rutschte und den großen hysterischen Kiffertod starb, während Rüttgers, der Ripper mit der krausen Boney M-Matte, ungerührt weiter auf Banane-Martin einstach, (pantomimisch natürlich), dabei More trouble every day schmetternd, von Zappas grandiosem Live-Album Roxy and elsewhere, während wir Jungs längst den Überblick verloren hatten und alles und jeden anfeuerten im Zimmertheater Meigen: Wir drehten durch, jeden Abend, und jede Vorstellung war garantiert ausverkauft, 12mal Afghanistan, 12mal Kinder, bitteschön.

Batzen Dill

Samstagmittag waren wir auf dem Weg zum Biobauern. Fürs Mittagessen fehlten noch 150 Gramm Feldsalat und zwei bis drei Möhren.
“Hoffentlich hat der noch auf”, meinte die Gräfin.
“Wenn nicht, sind wir dann angeschissen?”
“Nö. Dann gibts Fisch.”

Als wir ankamen, montierte der Biobauer, bekannt für seine schweren Dreadlocks und leichten Sandalen, den kleinen Verkaufsstand schon ab, den er dreimal die Woche für Eingeweihte wie uns aufstellte, und für Besucher, die zufällig des Weges spazierten und einen Batzen Dill brauchten.

“Feldsalat und Tomaten sind schon ausverkauft”, brummelte der Biobauer. Zum Glück war noch frischer Grünkohl im Angebot. Wir nahmen ein Kilo. Ein Riesenteil. In die Zellophantüte gequetscht sah der Grünkohl aus wie Gemüse vom Angeberplaneten Vega. Die Gräfin drückte mir das Monster in die Hand, und wir zogen heimwärts.

Der Hund fiepte enttäuscht. Er hätte gerne noch etwas Stöckchen aus dem nahen Wald am Zedernweg von hier nach da transportiert. Aber es war schon beinahe Mittag, wir waren hungrig. Als wir in den Zedernweg einbogen, stoppte die Gräfin abrupt ab.

“Na, Mahlzeit..! Da sind sie!”

“Da ist wer!?”

Sie nickte zur Strasse hin. “Ordnungsamt..”

In nicht mal hundert Metern Entfernung, unterhalb der Kuhwiese, parkte ein silberner Kombi, mit der Schnauze zur Strasse. Damit er jeden Moment losbrausen konnte. Die Verfolgung aufnehmen. Wir hatten mittlerweile ein Näschen für die Brüder. Da machte uns niemand mehr was vor.

“Die sind überall”, meinte die Gräfin.

“Jetzt kommen sie sogar schon samstags”, schimpfte ich. “Kurz vor Mittag.”

Wir verbargen uns hinter der Streukiste an der Zufahrt zum Naturfreundehaus und hielten Kriegsrat. Frau Moll war nicht angemeldet beim Schatzamt, versichert war sie auch nicht. Da hockten wir nun mit unserem dicken Angebergrünkohl und einem nicht angemeldeten und unzufriedenen Hund und überlegten hin und her, was wir machen sollen.

Einfach weiterlatschen in der Hoffnung, dass die Karre gar nicht vom Ordnungsamt war? Oder doch lieber einen Umweg nach Hause einschlagen? Die Minuten verronnen, es begann zu nieseln. Regen pixelte unsere Haut. Mein Magen knurpselte.

“Sag mal, sitzt da überhaupt einer im Wagen?” fragte ich. “Kannst du das erkennen?”

“Nicht genau. Weiss nicht. Ja, doch. Zwei Leute sind das, glaub ich.”

Zwanzig Minuten später. Wir hatten den gefährdeten Raum großzügig umgangen, einen richtigen Umweg gemacht. Nun befanden wir uns gut zweihundert Meter vor dem Kombi. Als wir uns zu ihm umdrehten, gab er Gas.

“Scheisse!”

“Jetzt haben sie uns am Arsch.”

Bußgeld. Anzeige. Wesenstest. Flüchten machte keinen Sinn. Wir ergaben uns, und blieben stehen. Der Wagen kam näher, fuhr im Schritttempo an uns vorüber. Darin zwei Burschen, die uns keines Blickes würdigten. Der Beifahrer zählte lässig sein Geld. Kleine abgegriffene Scheine.

“Zwei Schwule!” rief die Gräfin erleichtert. “Der eine hat dem Anderen schön einen geblasen!”

Das war gerade noch mal gut gegangen.

Camilla, und die Anderen

“Junger Mann, sagen Sie, ist das hier gar kein Bahnhof mehr?”

“Nee, schon lang nicht mehr.”

“Das gibt’s doch nicht.. Ich muss nach Köln!”

“Einfach links den Weg runter und der Beschilderung folgen, bis zum Haltepunkt Mitte.”

“Haltepunkt.. Ich bin ja nur zu Besuch. Man kennt sich gar nicht mehr aus. Ist denn da auch der neue Bahnhof?”

“Nee, nur ein Haltepunkt. Einfachs links den Weg runter.”

“Und der neue Hauptbahnhof? Wo ist der?”

“In Ohligs.”

“Ohligs? Was macht der denn in Ohligs?”

“Hm, na ja. Der steht da und lässt Züge rein und raus. Was Bahnhöfe so machen.”

Er entfernte sich murmelnd. Dann blieb er stehen, und drehte sich langsam um.

“Aber was ist da bei euch in der alten Schalterhalle los? Da ist doch was los bei euch. Das seh ich doch.”

“Hier ist ne Design-Ausstellung von Studenten aus Europa. Treten Sie ein. Ist öffentlich. Ist umsonst.”

“Jessas, da dank ich schön. Design, nee! Muß ich nicht haben. Ich muß nach Köln-Nippes.”

Man kann nicht sagen, dass der Job eine besondere Herausforderung darstellte. Die bloße Anwesenheit genügte in der Regel, doch zusätzlich zum Hartz 4-Grundgehalt für einen Euro die Stunde ab und zu eine Information raushauen, während man eine Pausenzigarette in Arbeit hatte, mein Gott, es gab schlimmeres. Einen anderen Ein-Euro-Job zum Beispiel. Einen, wo man unter Aufsicht stand. Hier gab es keine Aufsicht, wir waren unsere eigene Aufsicht. Manchmal saß ich eine geschlagene Stunde lang vor der Tür und blinzelte in die Sonne, und wenn ich keine Lust mehr hatte, ging ich in die alte Schalterhalle und setzte mich auf den Stuhl in der Ecke des Kubus und guckte mir meine Schuhe an.

(Was Schuhe anbelangt, die müssen ihren Platz an meinem Fuß erst erkämpfen. Sie müssen robust sein, und Widerstand leisten. Sie müssen das Maul aufmachen. Ich unterhalte mich gerne und nicht gerade selten mit meinen Schuhen).

Den Holzkubus, etwa dreißig Meter lang, fünfzehn Meter breit und nach oben offen wie eine riesige Sperrholzkiste, hatte man in die rundum verglaste 50er Jahre-Schalterhalle des alten Hauptbahnhofs gebaut. Ein großer Holzkubus in der Schalterhalle eines denkmalgeschützten ex-Bahnhofs, darin eine auf sechs Monate angelegte Internationale Design-Ausstellung, die meine Kollegen und ich für kleines Geld zu betreuen hatten, das war die Sachlage.

Wir waren ein loser Haufen von mal sechs, mal sieben Leuten. Gemeinsam war uns, dass wir ein paar Klamotten im Schrank hatten und nicht völlig ruiniert aussahen, schließlich handelte es sich um eine repräsentative Maßnahme. Man rechnete mit Gästen aus aller Welt. Englisch war von Vorteil.

Heidi, Ende Dreißig, Mutter zweier heranwachsender Töchter, bißchen pummelig, aber nicht unansehnlich, war es gewohnt, Dinge zu wiederholen, weil wir Kollegen nie richtig hinhörten. Wenn sie morgens den Sozialraum aufschloss, setzte sie erst mal Kaffee auf, für die ganze Belegschaft. Das hatte sie am ersten Tag der Maßnahme getan, und seither hielt es jedermann für selbstverständlich, dass sie es auch weiterhin tun würde, bis zum Ende aller Kaffeeplantagen und Maßnahmen zur Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen.

Einmal stieß ich gutgelaunt die Tür zum Sozialraum auf und flötete vor mich hin, und weil ich mir sicher war, allein zu sein, ließ ich einen fahren, richtig einen knattern, wie ein einlaufendes Fax, und dann noch einen, laut und übelriechend. Ich ging zur Spüle, wo die Kaffeemaschine mit frisch gekochtem Kaffee stand, und genau in dem Moment, als ich mir den Phosphor-Muff vom Hintern wedeln wollte, sah ich sie: im fahlen Licht, am Tisch, ganz still.

“Oha..”, sagte ich.

Heidi lächelte.

“Ich dachte..”, setzte ich an.

“Ja”, unterbrach sie mich belustigt, “das denken alle. Dass sie alleine sind, wenn ich im Raum bin..”

Wir waren als Ein-Euro-Kräfte engagiert worden, um das Publikum an die Hand zu nehmen und durch die Ausstellung zu führen, aber wir fungierten hauptsächlich als Aufpasser, weil die Leute einfach nicht die Finger von den gut fünfzig Prototypen lassen konnten. Mal war ein Stück Kunststoff abgebrochen, mal fehlte ein Zinken an einer modernen neuen Gabel. Das galt es unter allen Umständen zu verhindern. “Bitte nicht anfassen!” “Please don’t touch!” “Die Flossen da weg!”

Im Sommer bummelte eine 30köpfige Delegation italienischer Bürgermeister und Bürgermeisterinnen aus dem Großraum Mailand durch die Ausstellung. Man war auf Besichtigungstour durchs Ruhrgebiet, wie mir der deutsche Organisator erklärte, und nun wollte man sich anschauen, was junge Designstudenten aus Europa im Ruhrgebiet so ausstellten.

“Ruhrgebiet, soso. Dass Solingen und das Ruhrgebiet wenig miteinander zu schaffen haben, ist Ihnen aber schon klar”, sagte ich zu ihm. “Oder nicht?”

Er nickte ein bisschen ertappt, ein bisschen angefressen, ein bisschen ganz schön griesgrämig. “Das weiß ich schon. Aber die Ausstellung passt nun mal gut in den Rahmen der Rundreise. Ich meine, die Damen und Herren sind ja alle aus der Umgebung von Mailand, also, da haben die naturgemäß mit Design viel am Hut.”

Er wartete darauf, dass ich naturalmente antwortete. Weil von mir aber nichts kam, hatte er etwas Extrazeit gewonnen und musterte heimlich den Bratarsch einer italienischen Dorfbürgermeisterin, die sich zum Kuchengeschirr runterbückte, dem exzentrischen Beitrag einer jungen Design-Studentin aus Ljubljana, wie das kleine Schildchen am Objekt verriet.

“PLEASE, DON’T TOUCH!” schrie Kollegin Camilla und schnellte aus ihrem Stühlchen hoch, trotz ihres immensen Bratarsches.

Willkommen im Europa der Bratärsche.

“Heute Nachmittag sind wir im Binnenhafen Duisburg zu Gast”, fuhr der Organisator der Rundreise fort und ich entfernte mich unauffällig aus dem Kubus. Eine Spezialität von mir und Ergebnis langjähriger Praxis: mich verpissen, Leine ziehen, schön davonstehlen. Darin war ich die Nummer 1. Einer der ganz großen Könner auf dem Gebiet. Davonstehlen war schon immer der goldene Boden, auf dem ich mich bewegte.

Vorm Bahnhofgebäude stand Kollege Donato, ein lässiger Sizilianer, der neunzig Prozent seiner Arbeitszeit mit dem Handy am Ohr verbrachte, die restlichen zehn Prozent gingen fürs Eingelen der Haare und Rauchen drauf. Er rauchte abwechselnd Pall Mall ohne Filter und Peter Stuyvesant, eine abenteuerliche Mischung. Wenn Peter Stuyvesant die Zigarette für den Weltbürger war, dem alles leicht von der Hand ging, dann reichte Pall Mall bis weit in den Weltraum und war starker Tobak.

Donato machte keinen Hehl aus seiner Verachtung für die Ausstellung, diesem ganzen Design-Schnickschnack aus mobilen Zahnarztstühlen, ferngesteuerten Tischleindeckdichs und wellenförmigem Essbesteck. Auch ich hatte Schwierigkeiten, es Ernst zu nehmen, irgendwie war alles Camping, was die Studenten sich ausgedacht hatten, und alles andere als camp.

Zur Mittagszeit floh die 60beinige Delegation aus Mailand ins benachbarte Edel-Restaurant.

“Womit füttert ihr die Italiener denn ab?” fragte ich einen der geschürzten Kellner, ein cooler Bube mit Drei-Tage-Bart. “Spaghetti Carbonara?”

Er zog die linke Augenbraue in die Höhe. Dadurch geriet die linke Gesichtshälfte ins Rutschen, und er sah plötzlich sehr mitgenommen aus, wie kurz nach dem Schlaganfall. So hättest du nie und nimmer einen Ein-Euro-Job bei uns ergattert, dachte ich, nicht bei uns, Freundchen, mit dieser Fratze, halb in den Hals gerutscht.

“Die kriegen Rheinischen Sauerbraten”, murrte er, “mit Möhrchen untereinander.”

Ich beobachtete die Schuljungs, die sich am Bahnhofsvorplatz die Beine in die Skateboards standen, wer der Chilligste war. Sobald einer der Picos sich herabliess und ein Kunststück vorführte, kam Trixi angesprungen, die pummelige ältere Pudeldame, die zum Inventar der Spielhalle Die Dose gehörte. Sie hatte Herztabletten und ein neues Hormonpflaster verschrieben bekommen und nun tanzte und hüpfte sie um die Skater herum, wie ein fabrikneuer Tischtennisball.

Dann war da noch Rentner Charley, der hagere alte Billard-Gauner mit dem Kaspergesicht, der in der Dose als Aufpasser beschäftigt war. Und als inoffizieller Rattenfänger. Das Gelände um den alten Hauptbahnhof hatte einige Jahre brach gelegen, und nun verteidigten die Ratten ihr angestammtes Revier, wollten es nicht kampflos hergeben. Langanhaltender Regen spülte die Ratten aus ihren Löchern, sie promenierten in Mannschaftsstärke die Bahnhofsstraße rauf und runter, in einer provozierenden Selbstverständlichkeit, die den alten Billard-Gauner Charley fast um den Verstand brachte.

“VERFLUCHTES GELICHTER!” brüllte er, und ging auf die Hatz. Er hatte sich dieses Luftgewehr besorgt. Ich hörte einen Knall und ging hinaus. Der alte Gauner hielt eine fette Ratte beim Schwanz gepackt und ließ sie kopfüber baumeln. Er erklärte sie schon für tot, als die Ratte, noch in seinen Händen, sich plötzlich aufbäumte und nach ihm schnappte. Erschrocken warf Charley sie in Richtung Wiese, das Tier landete auf allen vieren und flüchtete im Zickzack davon, während Charley mit dem Luftgewehr nachsetzte, umsonst.

Meine Kolleginnen Camilla und Ute, die beiden renitenten Polit-Weiber, Lieblings-Begriffe faschistoid und Mandat, saßen in der Schalterhalle im Kubus auf ihren Aufpasserstühlchen und verquasselten die Zeit. Dieser unbändige Drang zu quasseln ohne Pause. Ich musste mich in Acht nehmen, dass ich nicht wahnsinnig wurde, wenn ich mich in der Nähe der beiden aufhielt. Dass sie mich nicht ansteckten. Dass ich nicht in ihren Bann geriet und plötzlich mitplauderte, aus endlosen Dampfkästchen.

Camilla hieß mit Nachname Taylor, seit sie in jungen Jahren einen US-Soldaten geehelicht und bald wieder verlassen hatte. Camilla Taylor, hätte sich mit diesem Namen nicht Karriere machen lassen, was sprach dagegen? Sie selbst, wie ich bald erfahren sollte. Mir ist jedenfalls nie wieder ein Weibsbild begegnet, das beim Gehen so bekloppt mit den Armen schlenkerte. Das heißt, es war ja nur ein Arm, der schlenkerte, der andere wurde von der großen Handtasche blockiert. Sie marschierte voran wie beim nordkoreanischen Militär, im Stechschritt, einarmig schlenkernd und quasselnd. Ein anatomisches Wunderkind, mit großer Handtasche.

Camilla und Ute hatten sich angefreundet, eine zwangsläufige Geschichte. Ute, gelernte Sozialarbeiterin, hatte wie Camilla ihren langjährigen Job verloren. Darüber war sie korpulent und missgünstig geworden, sie glaubte, im Leben ständig zu kurz zu kommen und gönnte sich daher beim Abendessen eine Extraportion Kohlenhydrate. Ein Bollwerk aus Nudeln, das mit Männern abgeschlossen hatte. Männer existierten im Weltbild von Ute nur noch als faschistoide Tittengrabscher.

“Wenn schon dicke Titten, dann richtige Euter wie in alten Russ Meyer-Filmen, und nicht so künstliche Ballerbrüste mit Silikonkissen drin”, stänkerte Kollege Norbert, ein arbeitsloser Foto-Laborant, der dabei erwischt worden war, wie er während der Arbeitszeit Pornos aus dem Internet gezogen hatte. Wir hatten alle herzlich gelacht, bis auf Camilla und Ute. Die nicht.

Ute erinnerte mich an die leidende Stutenfresse von Jodie Foster. Aber das hier war die Großtantenversion von Jodie Foster, in Cinemascope. Eine Artistin des Beleidgtseins. Immerzu fand sich jemand Anderes, der an der eigenen Misere Schuld trug, natürlich Männer, die sie an ihrer weiblichen Entfaltung hinderten. Sie haderte und haderte und haderte und haderte. Vielleicht war es ja ihr Job, nein, ihre Berufung, mit der Welt zu hadern. Sie hatte gut zu tun.

Meist hockten Camilla und Ute beieinander und hetzten über Kapitalisten und Männer und große Konzerne, was in ihren Augen ein und dasselbe war. Ich konnte nichts damit anfangen. Linke Aktivisten waren mir ein Greuel. Sie hatten zwar in vielem Recht, was sie anprangerten, das Dumme war nur, dass ständiges Rechthaben wie Rechthaberei klang.

“Frag doch mal die Jugend”, hatte ich zu Camilla gemeint, “ob die noch groß Gerechtigkeit wollen. Ob die das Thema groß interessiert. Die wollen einen schicken Job und ein schickes Auto mit Interieur aus dem Urwald. Das wollen die. Deine beschissene Gerechtigkeit ist denen schnuppe.”

Camilla quietschte vor Zorn. Ihre Schneidezähne waren stumpf geworden vom vielen Saxofon blasen, sie war ein begeisterte Amateurmusikerin, (begeistert, nicht begnadet), und sie quietschte, wenn sie aufdrehte, wie eine rückwärts rasende Tanzmaus.

“Ich kämpfe für Gerechtigkeit und nicht für so eine.. Jugend”, entgegnete sie erregt, “ich kämpfe für.. für.. für mich!”

Ja sicher. Eigentlich mochte ich sie gern. Camilla hatte Herz, und sie quietschte schön mit den Schneidezähnen.

“Und was Gerechtigkeit betrifft”, fuhr ich fort. “Würde man alle Ungerechtigkeiten auf der Erde aufzählen, müsste man um Mitternacht damit anfangen, ohne Pause bis zum nächsten Abend durchmachen und dann früh zu Bett gehen, weil am nächsten Tag soviel Arbeit auf einen wartet.”

“Du spinnst”, meinte Camilla.

Sie war ein Mensch, der sich ständig für neue große Dinge begeistern musste, sonst wurde ihr schnell langweilig. Dummerweise haben große Dinge es so an sich, dass sie selten geschehen, und kleine Dinge fallen durch den Rost. Da muss man sich schon vorsehen, dass am Ende überhaupt was übrig bleibt.

Einmal liess Camilla alte Fotos herumgehen, Fotos aus Kinder-und Teenietagen, auf denen ihre Augen noch sanft und voller Melodie gewesen waren. Wenn sie nun eine Doppelschicht fuhr, was am Wochenende gang und gebe war, also von morgens um zehn bis abends um sechs, dann bröckelte spätestens am Nachmittag ihr Make up und sie sah aus wie eine vertrocknete alte Farbpatrone. Arme Camilla.

“Du spinnst”, quietschte sie.

Zwei Monate nach Eröffnung der Ausstellung kamen immer weniger Besucher, die meiste Zeit saßen wir auf unseren Stühlchen und lasen Clever & Smart oder vertändelten sonstwie die Zeit. Ich guckte auf meine Schuhe, Donato schraubte seine 90 Prozent Handy am Ohr auf skandalumwitterte 97 Prozent hoch, er befand sich in schwindelerregenden Flatratehöhen und rauchte Pall Mall.

Ein paar Tage vor Ausstellungsende erschien ein alter Mann auf Krücken in der Schalterhalle, in Begleitung seiner beiden Töchter. Wir erfuhren, dass er an diesem Tag seinen neunundneunzigsten (!) Geburtstag feierte. Zu diesem Anlass hatte er sich eine kleine Tour durch seine geliebte Heimatstadt gewünscht, inklusive Abstecher zum restaurierten Alten Hauptbahnhof im Südpark.

“Nee! Wat is dat schön jeworden hier!” fuchtelte er mit der Krücke vor meiner Nase herum. “Ich bin ja nen aulen Schlieper!”

Schlieper sind traditionelle Solinger Messerschleifer. Was im übrigen keine einfache Sache ist, Messerschleifen. Das ist eine Kunst für sich. Als Jugendlicher hab ich mal einen Tag lang als Ferienjob in einer Hinterhofbude auf der Baumstrasse  Gemüsemesser geschliffen, die konnte der Chef hinterher samt und sonders in die Tonne kloppen, so stumpf waren die Dinger, wie Frotteehandtücher.

Für seine bald hundert Lebensjahre war der Alte noch verdammt rosig um die Backen. Er packte sich das ausgestellte futuristische Kochgeschirr der Design-Studentin aus Ljubljana und verteilte darauf seine Fingerabdrücke.

“Och, nee! So wat gab et aber früher nich!”

“Nicht anfassen, Vati!” sprangen seine Töchter, auch schon um die sechzig, hinzu, hingen doch überall diese freundlichen NICHT ANFASSEN-Aufkleber, EINZELSTÜCKE!

“Nee, is jut. Ich pack dat nich an. Is ja jut..”

Keine zwei Ausstellungsstücke weiter, die Krücke hatte der Alte längst der Tochter zugeschoben, patschte er mit den Fingern über die transportable Herdplatte.

“Is ja gar nich heiß!” zwinkerte er.

“VATI!!”

Ich gratulierte natürlich zum Ehrentag. “Was ein stolzes Alter”, sagte ich.

“Ich wohn in Widdert”, sagte er. “Kennste Widdert?”

“Ja, sicher kenn ich Widdert. Ich bin Solinger.”

“Ich wohn aber hinten durch, unten an der Wupper, hinter Widdert. Kennste dat auch, Jung? Nächstes Jahr werd ich hundert. Kannste kommen. Bringste die Puppen mit.”

Je länger der kleine Familientrupp zu Gast war, desto mehr interessierte er sich für die Ausstellung. Eine internationale Jury hatte die gelungensten Exponate prämiiert. Ganz vorne war ein mobiler Trinkbrunnen, an jeden Hydranten anschließbar. Die Töchter fragten mich aus, wollten dieses und jenes wissen, und ich erzählte, was ich so alles gelernt hatte während der sechsmonatigen Ausstellung. Viel war es nicht. Eigentlich gar nichts. Ich stand schließlich ständig draußen in der Sonne und rauchte Pall Mall, woher zum Teufel sollte ich wissen, was es mit dem Modell des City Micro Stadtautos auf sich hatte?! Ich geriet ins Schwimmen. Ich kapierte das winzige Ding nicht. Es hatte merkwürdig starre Hinterräder, deren Funktionsweise ich mir nicht erklären konnte, geschweige denn dem Geburtstagskind, das überraschend fit im Kopf war.

“Sieht aus wie ne Lokomotive!” rief der Alte, die Patschefinger schon im Chassis. (Kunsthochschule Berlin-Weißensee). “Aber wie kann dat denn fahren? Dar fährt doch nich! Is doch viel zu stieselig!”

“Tja, das ist äh ein integrales Fahrzeugkonzept für den Individualverkehr”, las ich aus der beigefügten Konstruktionszeichnung die Überschrift vor. “Vielleicht wissen meine Kolleginnen, wie das genau funktioniert, Moment.”

Ich rief nach Camilla und Ute, erhielt aber keine Antwort. Camilla watschelte gerade stupszähnig Richtung Klo, die unvermeidliche Bio-Möhre in Arbeit, und da Kollegin Ute draußen in der Sonne hockte und sich eine Portion Fertig-Nudelsalat gönnte, direkt aus dem Plastikkanister, blieb die Verantwortung wohl oder übel an mir hängen. Die beiden Töchter des Alten blickten einander an.

“Tja, man kann sich das Personal nicht aussuchen”, bedauerte ich, und draußen knallte die Büchse. Charley, der alte Billardgauner aus der Dose, war wieder in Aktion.

“VERDAMMTES GELICHTER!”

Am Tag der Finissage kam ich mit dem Geschäftsführer des Design-Instituts ins Gespräch, das ebenfalls im Alten Bahnhofsgebäude untergebracht war. Man suchte einen Mitarbeiter für die Bibliothek, die, frisch ausgestattet mit 10.000 Büchern rund ums Thema Design, neu eröffnen sollte.

“Mach ich”, sagte ich, und schlug ein.