Mit ‘Gesellschaft’ getaggte Beiträge

Ich war neunzehn, ich wusste nicht, was ich wollte

12. Februar 2013

Aber ich wusste, was ich nicht wollte: zur Bundeswehr. Mit sechs Mann auf der Stube und alle am furzen, Stinkfüße und am wichsen, das war das letzte, wonach mir der Sinn stand.

Um Zivildienst zu machen musste man aus Gewissensgründen den Dienst an der Waffe verweigern. Dabei wäre Schiessen noch das einzige gewesen, was mir beim Militär Spaß gemacht hätte. Sagen wir: zielen. Und treffen. Und RAPAFF! der Knall, der Rückstoß und wenn die Knarre qualmt. Aber das konnte ich ja schlecht sagen.

Aschermittwoch 1980 war Termin vorm Prüfungsausschuss. Er bestand aus Beisitzern, Schriftführer und dem Vorsitzenden, die mir aufgereiht gegenüber saßen wie Pfähle an der Nordseeküste, Pfähle, die einen Strandabschnitt vom nächsten trennen.

“So, Sie haben ein Problem mit der Bundeswehr..,” begann der Vorsitzende. Ich saß ganz ruhig da und sagte keinen Ton, da ich aber am Tag zuvor heftig gebechert hatte, sah ich mich im Geiste aufstehen und zwischen den Pflöcken hindurch übermütig in die nächste Strandbude reinmarschieren, unter den Sonnenschirm, lecker Fisch in den Hals, eine Tüte jungen Matjes.

“ICH MUSS DOCH SEHR BITTEN!”

Der Vorsitzende dirigierte mich auf den Platz zurück.

“Sie behaupten in Ihrer schriftlichen Stellungsnahme, jegliche Form von Gewalt abzulehnen. Nun stellen Sie sich vor, Sie gehen über die Strasse und werden Zeuge, wie ein Mann eine alte Dame belästigt. Wie würden Sie dann reagieren, junger Freund? Zugucken? Weiterlatschen?”

“Tja, in die Eier treten darf ich dem Knaben ja nicht”, hörte ich mich undeutlich antworten.

“Was?”

Bevor ich mich tiefer in die Scheiße ritt, besann ich mich meiner Pflicht als Staatsbürger.

“Ich würde natürlich eingreifen, Herr Vorsitzender, und das kriminelle Subjekt unschädlich machen.”

“So so, unschädlich würden Sie.. es machen. Und wie, wenn ich fragen darf? Vielleicht mit einem dummen Spruch?”

“Jawoll!” schlug ich die Hacken zusammen.

“Glumm!! Es ist zwar Narrenzeit, doch Sie wurden nicht vorgeladen, um uns zu erheitern!” wütete der arme Mann und kratzte sich rüde unter der Robe.

So ging es eine Weile hin und her, doch irgendwie kam die Veranstaltung nicht richtig in die Pötte. Die Kommission versuchte mich zu provozieren, ich blieb cool, mit merkwürdigen Saufbildern im Kopf.

Nach zwanzigminütiger Unterbrechung rief man mich schliesslich wieder hinein, um das Urteil zu verkünden: Meinem Antrag wurde stattgegeben. Ohne Gegenstimme.

“So einen Quatschkopp wie Sie können wir beim Bund nicht gebrauchen”, richtete der Vorsitzende noch ein paar persönliche Worte an mich. “Und jetzt raus hier, Blödmann.”

Da ich es als anerkannter Kriegsdienstverweigerer nicht für nötig hielt, mich um eine Zivildienststelle zu kümmern, fuhr ich mit Karlos erstmal ausgiebig in Urlaub, wir wählten die Algarve. Als wir braungebrannt zurückkehrten, warteten die Feldjäger schon und eskortierten mich in die Städtischen Krankenanstalten.

“Andreas”, rief Mutter mir nach, “du kannst doch gar kein Blut sehen!”

“Muttih!”

Nach dem ersten Arbeitstag als Zivildienstleistender im OP wollte ich nur eines: schnell heim. Berge von Knochen und Fleisch überall, selbst unterm Kittel der Anästhesistin, dazu all das abgesaugte Blut, das in großen Glaspötten aufgefangen und zum Ausguss bugsiert werden musste. Und wer so etwas Stunde um Stunde tut, der ertappt sich schon mal dabei, wie er  Mittags im Kollegenkreis eine Extraportion Eisen aus dem Tisch beißt.

“Mahlzeit.”

Aber ich gewöhnte mich an den Job im OP, an die geregelte Fünf-Tage-Woche, das viele Blut und die hundert Mark Zulage. Die Monate zogen ins Land, schliesslich ein Jahr. Es war Veilchendienstag 1981, als ein stattlicher alter Mann in den OP geschoben wurde. Trotz Vollnarkose stammelte er leise vor sich hin, er kam mir gleich bekannt vor: der Vorsitzende des Prüfungsausschusses.

Böse Sache, Raucherbein.

Die beiden Chirurgen, denen ich assistierte, sägten schwer und unermüdlich, eine Amputation ist kein Kinderspiel. Besonders der Gestank setzte mir zu und das verzweifelte “Lot stonn..”-Gewimmer des alten Solingers. Als drei Pötte randvoll Blut waren und das Bein endlich ab, wurde es in zartgrünes Zellpapier eingewickelt und mir übergeben.

“Hier, bring das mal ins Krematorium.”

Da marschierte ich nun Anfang der 80er Jahre durch die Katakomben der städtischen Krankenanstalten, mit einem noch warmen, leicht kokelnden Bein im Arm, das niemanden mehr gehörte, und traf meinen alten Kumpel Schnaat, der ebenfalls Zivildienst im Spital machte, allerdings im Hals,- Nasen,- Ohren-Bereich.

“HNO, hallo”, grüsste ich wie immer und drückte ihm das Amputat in die Hand. “Hier, halt mal.”

Ich drehte mir eine Kippe und begleitete ihn zum Krematorium, wo wir uns aufs Mäuerchen setzten und eine rauchten. Wir plauderten über Pappnasen, einbeinige Büttenmärsche und all das Holz, aus dem das Bergische Land geschnitzt ist. Holz, aus dem schwer das Blut schwappt, wenn man es aufschneidet.

Oder ab.


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