Ich war neunzehn, ich wusste nicht, was ich wollte

Aber ich wusste, was ich nicht wollte: zur Bundeswehr. Mit sechs Mann auf der Stube und alle am furzen, Stinkfüße und am wichsen, das war das letzte, wonach mir der Sinn stand.

Um Zivildienst zu machen musste man aus Gewissensgründen den Dienst an der Waffe verweigern. Dabei wäre Schiessen noch das einzige gewesen, was mir beim Militär Spaß gemacht hätte. Sagen wir: zielen. Und treffen. Und RAPAFF! der Knall, der Rückstoß und wenn die Knarre qualmt. Aber das konnte ich ja schlecht sagen.

Aschermittwoch 1980 war Termin vorm Prüfungsausschuss. Er bestand aus Beisitzern, Schriftführer und dem Vorsitzenden, die mir aufgereiht gegenüber saßen wie Pfähle an der Nordseeküste, Pfähle, die einen Strandabschnitt vom nächsten trennen.

“So, Sie haben ein Problem mit der Bundeswehr..,” begann der Vorsitzende. Ich saß ganz ruhig da und sagte keinen Ton, da ich aber am Tag zuvor heftig gebechert hatte, sah ich mich im Geiste aufstehen und zwischen den Pflöcken hindurch übermütig in die nächste Strandbude reinmarschieren, unter den Sonnenschirm, lecker Fisch in den Hals, eine Tüte jungen Matjes.

“ICH MUSS DOCH SEHR BITTEN!”

Der Vorsitzende dirigierte mich auf den Platz zurück.

“Sie behaupten in Ihrer schriftlichen Stellungsnahme, jegliche Form von Gewalt abzulehnen. Nun stellen Sie sich vor, Sie gehen über die Strasse und werden Zeuge, wie ein Mann eine alte Dame belästigt. Wie würden Sie dann reagieren, junger Freund? Zugucken? Weiterlatschen?”

“Tja, in die Eier treten darf ich dem Knaben ja nicht”, hörte ich mich undeutlich antworten.

“Was?”

Bevor ich mich tiefer in die Scheiße ritt, besann ich mich meiner Pflicht als Staatsbürger.

“Ich würde natürlich eingreifen, Herr Vorsitzender, und das kriminelle Subjekt unschädlich machen.”

“So so, unschädlich würden Sie.. es machen. Und wie, wenn ich fragen darf? Vielleicht mit einem dummen Spruch?”

“Jawoll!” schlug ich die Hacken zusammen.

“Glumm!! Es ist zwar Narrenzeit, doch Sie wurden nicht vorgeladen, um uns zu erheitern!” wütete der arme Mann und kratzte sich rüde unter der Robe.

So ging es eine Weile hin und her, doch irgendwie kam die Veranstaltung nicht richtig in die Pötte. Die Kommission versuchte mich zu provozieren, ich blieb cool, mit merkwürdigen Saufbildern im Kopf.

Nach zwanzigminütiger Unterbrechung rief man mich schliesslich wieder hinein, um das Urteil zu verkünden: Meinem Antrag wurde stattgegeben. Ohne Gegenstimme.

“So einen Quatschkopp wie Sie können wir beim Bund nicht gebrauchen”, richtete der Vorsitzende noch ein paar persönliche Worte an mich. “Und jetzt raus hier, Blödmann.”

Da ich es als anerkannter Kriegsdienstverweigerer nicht für nötig hielt, mich um eine Zivildienststelle zu kümmern, fuhr ich mit Karlos erstmal ausgiebig in Urlaub, wir wählten die Algarve. Als wir braungebrannt zurückkehrten, warteten die Feldjäger schon und eskortierten mich in die Städtischen Krankenanstalten.

“Andreas”, rief Mutter mir nach, “du kannst doch gar kein Blut sehen!”

“Muttih!”

Nach dem ersten Arbeitstag als Zivildienstleistender im OP wollte ich nur eines: schnell heim. Berge von Knochen und Fleisch überall, selbst unterm Kittel der Anästhesistin, dazu all das abgesaugte Blut, das in großen Glaspötten aufgefangen und zum Ausguss bugsiert werden musste. Und wer so etwas Stunde um Stunde tut, der ertappt sich schon mal dabei, wie er  Mittags im Kollegenkreis eine Extraportion Eisen aus dem Tisch beißt.

“Mahlzeit.”

Aber ich gewöhnte mich an den Job im OP, an die geregelte Fünf-Tage-Woche, das viele Blut und die hundert Mark Zulage. Die Monate zogen ins Land, schliesslich ein Jahr. Es war Veilchendienstag 1981, als ein stattlicher alter Mann in den OP geschoben wurde. Trotz Vollnarkose stammelte er leise vor sich hin, er kam mir gleich bekannt vor: der Vorsitzende des Prüfungsausschusses.

Böse Sache, Raucherbein.

Die beiden Chirurgen, denen ich assistierte, sägten schwer und unermüdlich, eine Amputation ist kein Kinderspiel. Besonders der Gestank setzte mir zu und das verzweifelte “Lot stonn..”-Gewimmer des alten Solingers. Als drei Pötte randvoll Blut waren und das Bein endlich ab, wurde es in zartgrünes Zellpapier eingewickelt und mir übergeben.

“Hier, bring das mal ins Krematorium.”

Da marschierte ich nun Anfang der 80er Jahre durch die Katakomben der städtischen Krankenanstalten, mit einem noch warmen, leicht kokelnden Bein im Arm, das niemanden mehr gehörte, und traf meinen alten Kumpel Schnaat, der ebenfalls Zivildienst im Spital machte, allerdings im Hals,- Nasen,- Ohren-Bereich.

“HNO, hallo”, grüsste ich wie immer und drückte ihm das Amputat in die Hand. “Hier, halt mal.”

Ich drehte mir eine Kippe und begleitete ihn zum Krematorium, wo wir uns aufs Mäuerchen setzten und eine rauchten. Wir plauderten über Pappnasen, einbeinige Büttenmärsche und all das Holz, aus dem das Bergische Land geschnitzt ist. Holz, aus dem schwer das Blut schwappt, wenn man es aufschneidet.

Oder ab.

Zeit zum Schreiben (1)

Noch Wochen, nachdem in beiden Tageszeitungen der Stadt über den Literaturpreis berichtet worden war, grüßten mich die Punks und Ska-Brüder vom Mühlenplatz mit erhobener Bierpulle.

“Eh.. da kommt Bukowski! Wie siehts aus, Hank?”

“Stabil”, rief ich.

Bukowski, so ein Blödsinn. Bukowski war ein Trinker, der großartige Stories übers Leben schrieb, während ich nur großartig trank. Bukowski war ein Genie, ich nicht. Sparflammenbukowski, dachte ich.

Hauptsache stabil.

*

Kurz nach Neujahr ging das Telefon. Karlos war früh wach, weil er einen Termin auf dem Friedhof hatte, wo der Leichnam eines Motorradfahrers verscharrt werden sollte. Mit seiner schweren Maschine hatte er eine Bordsteinkante tuschiert und war im hohen Bogen gegen eine Hauswand geflogen. Angeblich fünfzig Meter weit. Der Aufprall hatte ihn enthauptet. Es hieß, der Fahrer, den ich nur vom Sehen kannte, habe so viel Kokain im Blut gehabt, dass das Messverfahren mehrfach wiederholt werden musste, weil die Laboranten das Ergebnis nicht glauben wollten. “Mit so viel Koks im Blut hätte er fliegen müssen.”

Mh.

Karlos hob den Hörer ab, nuschelte “Momentchen..”, und reichte gleich den ganzen Apparat rüber. “Für dich”, flüsterte er, und machte sich auf die Socken Richtung Friedhof.

Es gab Vormittage im Hochsommer, da waren drei oder vier Begräbnisse hintereinander keine Seltenheit für ihn, die drückende Hitze arbeitete für Sargträger und Totengräber, doch jetzt im Januar war nicht viel los im Bestattungsgewerbe. Tote Hose sozusagen, bis auf eine Motorradleiche ohne Kopf, die zuviel Marschierpulver geschnupft hatte. Es sah nach einem beschäftigungsarmen Vormittag aus für Karlos, doch immerhin, er hatte wenigstens etwas zu tun. Was mich betraf, so war das letzte Wort darüber noch nicht gesprochen. Weder, wer es sprechen würde, noch wann oder wo.

“Herr Glumm..?”

“Ja”, sagte ich und stierte in den Hinterhof.

“Buntenbach, Arbeitsamt. Schönen guten Morgen, der Herr! Na, ausgeschlafen?”

Bevor ich auch nur einen Ton erwidern konnte, rückte mein Sachbearbeiter, ein fescher junger Mann mit Wohnsitz Köln, schon mit der unangenehmen Sprache raus: eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, befristet auf sechs Monate. Wo? Bei OBI.

“Bei.. OBI!?”

“Die Eisenwarenabteilung sucht einen tatkräftigen jungen Mann. Da hab ich doch gleich an Sie gedacht.”

Einen Moment lang glaubte ich, Buntenbach wolle mich auf den Arm nehmen, doch ein Arbeitsvermittler, der um diese frühe Uhrzeit anruft, will einen eher nicht auf den Arm nehmen. Im Gegenteil. Der will einen eher loswerden. Raus aus der Statistik. Raus aus dem Bettchen.

In gewisser Weise konnte ich das sogar nachvollziehen. Mit Mitte zwanzig stand ich in der Blüte meiner Jahre, der Supervogel Jugend kreiste noch über mir, ich war voller Spannkraft. Selbst wenn man mit 25 nichts anderes tat, als von früh bis spät auf der faulen Haut zu liegen, wuchsen einem Matratzenmuskeln.

Dennoch war ich der Auffassung, dass die Gesellschaft in meinem Fall eine Ausnahme machen sollte, was das Arbeiten anging. Als angehender Erfolgsautor brauchte ich Zeit. Ich brauchte Zeit zum Saufen, weil man am Tresen die wichtigen Leute kennenlernte und Erfahrungen machte, die unabdingbar waren für einen Schriftsteller, und ich brauchte Ruhe, um mich von der ganzen Sauferei zu erholen. Und gegen Mittag, wenn es mir besser ging, wenn der Kater endlich nachließ, brauchte ich Zeit zum Schreiben. Ich wusste beim besten Willen nicht, wo da noch Zeit für eine geregelte Arbeit sein sollte. Vielleicht zwischen halb eins und eins. Aber war da Mittagspause. Allmählich wurde ich sauer. Was zum Henker ging da vor sich?! Die herrschende Klasse rottete sich zusammen, zu meinem Schaden.

“Ihr Ansprechpartner ist Filialleiter.. äh.. Moment.. Hafner, Herr Hafner.”

Ich saß da wie angeschossen. Ein halbes Jahr ABM. Im Baumarkt! Wenn ich von irgendetwas keine Ahnung hatte, dann von Baumärkten und Heimwerkern. Männer, die in der Freizeit Fliegengitter zimmerten und darüber mit ihrem Nachbarn fachsimpelten. Der seine Seele zum Hobbyraum erklärte und zwischen offenen Lacktöpfen Nazilieder pfiff. Au weia. Das hatte noch gefehlt.

Ich lotete alle Möglichkeiten aus, die Maßnahme abzuwenden oder wenigstens rauszuzögern, doch mir fiel nichts ein, was irgendwie Sinn gemacht hätte. Noch am gleichen Nachmittag rief ich den Filialleiter an, und wir machten einen Termin aus für das Vorstellungsgespräch.

Als ich Karlos und den anderen Kumpeln davon erzählte, lachten sich alle schlapp. Der Glumm im Baumarkt, in der Eisenwaren-Abteilung, zwischen Schrauben, Muttern und Nägeln, mit zwei linken Händen, das war ein gefundenes Fressen.

“Dabei hat der Glumm gar keine linken Hände, der hat überhaupt keine Hände! Der wichst auf Stumpen! Der Penner!”

Der Mitsubishi Boy freute sich schon darauf, mich in flagranti mit dem Besen in der Hand zu erwischen, (“aber na ja, haben wir nicht alle schon mal Staub gefressen?! HEHEHE!”), und der dicke Hansen, der sich mit Klavierunterricht für Schüler und einem kleinen Erbe über Wasser hielt, strahlte übers ganze fette Denunziantengesicht.

“Endlich haben sie dich am Arsch gekriegt, fauler Hund!”

Er drohte, zweimal die Woche im OBI als Testkäufer aufzulaufen, um zu überprüfen, ob ich tatsächlich präsent war in den Gängen oder ob ich mich doch nur aufs Klo verdrückte, EXPRESS lesen und ne Kippe rauchen, die Hand am Sack.

*

Anfang 1987, mit Kahnbeinbruch, auf dem Arm meine Nichte

*

10. Januar 1987, halb zehn.

Der faule Hund, der Zeitkrösus, der gefeierte Literat saß mit der Bierhefe vom Vorabend im Schädel im Oberleitungsbus nach Ohligs. Ich war nicht nur spät dran, ich sah auch noch scheisse aus. Nicht etwa, weil ich beim Vorstellungsgespräch auf Teufel komm raus einen schlechten Eindruck machen wollte, sondern weil Karlos früh am Morgen so lange das Klo blockiert hatte, mit seinem knochigen Hintern. So lange, dass ich mich schliesslich noch mal hingelegt hatte und mit dem Gesicht im Kissen eingepennt war. Ich hatte mir vom Preisgeld ein neues Kissen zugelegt. So ein großes leichtes Kopfkissen, in dem ich stets das Gefühl hatte, adieu zu sagen, wenn ich darin versank und meinen neuesten Träumen nachging.

Die OBI-Filiale in Ohligs war ein Flachdachbau und groß wie ein Fußballfeld, sie lag an einer vielbefahrenen Hauptstraße. Vom Parkplatz aus hatte man einen weitmaschigen Blick in den Laden. Ich rauchte eine letzte Kippe und schaute mir währenddessen das kommende Schlamassel durchs Panoramafenster an, bevor ich mich aufraffte und die Hölle betrat.

Es war ein bißchen wie im Stadion, eine halbe Stunde vorm Anpfiff: Scheinwerferlicht, Gedudel aus unsichtbaren Lautsprechern, Bratwurstatmosphäre. Zum Warmmachen schoben Spieler halbleere Einkaufswagen übers Feld, Ersatzspieler zogen einen Flunsch und lungerten im Kassenbereich herum.

Niemand hob den Blick, als ich in den Personalraum schaute und hallo sagte. Eine Handvoll Mitarbeiter gaffte erschöpft in die Pappbecher, die vor ihnen auf dem Tisch standen. Nur eine junge Blondine, die einzige, die keinen der orangefarbenen Kittel trug, drehte sich zu mir um.

“Hallo..”, lächelte sie freundlich.

Hinter ihr, im Stahlregal, stapelten sich die Verkäuferkittel, gebügelt und nach meinem armen Leib trachtend.

“Ich such Hern Hafner, den Filialleiter.”

“Im Büro”, meinte die Blondine.

“Ja schon. Aber wo ist das Büro?”

“Na ja. Hinter dir. Brauchst dich nur umzudrehen.”

Tatsächlich. Das Büro der Filialleitung ähnelte einem rundum verglasten Boxring, zu dem eine kleine Treppe hinaufführte. Der Kasten war eigentlich nicht zu übersehen, doch immer wieder geschah es, dass ich Dinge übersah, selbst wenn sie groß waren wie ein Boxring und in Flammen standen. Ich klopfte gegen den Türrahmen, wünschte guten Morgen und stellte mich vor.

“Ach, dann sind Sie das Vorstellungsgespräch.”

Herr Hafner, Mitte Dreißig, sportlicher Typ , schien soweit in Ordnung. Wenn er mit einem sprach, sprühten seine Augen, er gab sich jovial und verschmitzt, als könne man mit ihm Pferde stehlen. Andererseits hatte ich die Erfahrung gemacht, dass gerade diejenigen, die zunächst auf betont locker und jovial machten, sehr schnell sehr unlocker und unjovial werden konnten, geradezu bockig, wenn ihre Interessen berührt wurden, und dann war mit Pferdestehlen schnell Essig. Dann war kleiner Ponystall angesagt. Bürsten, striegeln, Fresse halten.

Rasch war geklärt, dass ich aus der ABM-Nummer nicht mehr raus kam. Obwohl ich mein Bestes gab, es war nichts zu machen. Der Filialleiter wollte mich unbedingt in seinem Team sehen. Ich fragte mich, warum, ich konnte es mir nicht erklären.

“Ich mein, handwerklich bin ich eine totale Null”, spielte ich meinen allerletzten Trumpf aus und achtete sorgsam darauf, dass die Hände kraftlos und schlaff über die Stuhllehne baumelten, wie traurige alte Stofftaschentücher.

“Das macht nichts, das lernen Sie schon noch.”

“Schön.. Aber was soll ich dem Kunden sagen? Ich mein, der denkt doch, da steht ein Mann im Kittel, ein Verkäufer, der weiß Bescheid, der hat Ahnung, und dann weiss ich nicht die Bohne Bescheid..”

“Ach was. Die ersten ein, zwei Wochen tragen Sie keine Arbeitskleidung, damit Sie niemand als Mitarbeiter identifizieren kann. Bis Sie besser Bescheid wissen, wo welche Ware steht. Und falls trotzdem jemand eine Frage hat, na dann verweisen Sie ihn freundlich an den nächsten Mitarbeiter. Alles kein Thema.”

“Kein Thema.. Hm. Und wenn kein nächster Mitarbeiter in der Nähe ist?”

“Na dann.. verweisen Sie den Kunden an den übernächsten.”

Ich riss mich zusammen. Gab alles. Ließ meine Hände über die Stuhllehne hängen wie abgenudelte Fensterleder und gab mich so antriebsarm, dass ich mir selbst schon wie der größten Hängenlasser in der Geschichte des Hängenlassens vorkam: eine wirklich schlimme schlaffe Geschichte.

“Und wenn überhaupt niemand in der Nähe ist?”

“Jetzt fangen Sie doch erst einmal an! Herrschaftszeiten!!”

Ein Mann sollte wissen, wann er verloren hat, weil sofort das nächste Match im Raum steht, das es zu erobern gilt. Und da ich den Job schon nicht verhindern konnte, ohne eine Sperre der Arbeitslosenkohle zu riskieren, hiess es nun für mich, so viel wie möglich rauszuholen. Besser gesagt, so wenig wie möglich. So wenig Wochenstunden wie möglich. Wenigstens das musste drin sein. Teilzeit, dachte ich.

“Ich brauche Zeit zum Schreiben”, sagte ich.

“Was denn, was denn..? Sie müssen schreiben lernen!?”

Verdammt! Darauf hätte ICH kommen müssen! Nein, ich klärte ihn auf. Dass er einen preisgekrönten Autor von Short Stories vor sich sitzen hatte. Einen angehenden Bestesellerautor. Den King of Satzbau. Saufziegen-Ferdi. Bukowski.

“Short Stories? Was schreiben Sie denn? Ist ja interessant.”

“Na ja.. Short Stories.”

Wir einigten uns auf den 1. Februar als Antrittstermin. Was für mich drei Wochen Galgenfrist bedeutete, immerhin. Und: eine Vier-Tage-Woche statt Fünf-Tage, fürs gleiche Gehalt, wobei das Gehalt so klein war, es war kaum als Gehalt zu bezeichnen. Aber immerhin.

Da war nur noch eines.

“Sagen Sie, Herr Hafner, Eisenwarenabteilung, muss das sein? Können Sie mich nicht woanders einsetzen?”

“Hm.. Wo denn? Welche Abteilung?” Er sah mich gespannt an. “Was können Sie denn? Wo liegen Ihre Fähigkeiten?”

Wir blieben bei Eisenwaren.

*

Fortsetz.:  Zeit zum Schreiben (2)

Es passierte nicht oft, aber es passierte

Auf die Unke war Verlass. Sie war zur verabredeten Zeit am verabredeten Ort, sie panschte keine zusätzlichen Streckmittel unters Pulver, und wenn es einem dreckig ging, packte sie gratis eine Messerspitze drauf. (Aber auch nur eine.) Ihre wenigen, streng nach Sympathie und Solvenz ausgesuchten Stammkunden konnten sich nicht beschweren.

Es sei denn, irgendwo im Geflecht der Großdealer, Zwischendealer und Kleindealer kam es zu Verzögerungen und sie wartete selbst auf ihre Lieferung. Das kam vor. Dann saß man als Kunde der Unke am Telefon und ersehnte ihren Anruf, ihre erlösenden, heiser hervorgestossenen Worte, “.. los, mach dich auf die Socken.” Aber das konnte dauern, bis es soweit war, und es strapazierte die Lachmuskeln.

Ja genau, die Lachmuskeln.

Ich hab einiges über Heroin gelesen, Biografien von toten Rockstars, ärztliche Bulletins, Christiane F., doch ein Phänomen ist bislang im literarischen Dunkeln geblieben: dieses verfluchte Grinsenmüssen, wenn der Entzug sich nähert.

Es geschieht in dem schmalen Zeitkorridor, wenn das letzte Quentchen Heroin gerade dabei ist, den Körper zu verlassen. Wenn Opiumreste durch die Zellen spuken, als säßen sie in der Geisterbahn, wenn Tarzan den Lendenschurz verliert.

Das sind jene verqueren Momente, wo jeder Junkie grinsen muss, ob er will oder nicht. Es lässt sich nicht unterdrücken. Ein Gefühl, als würde man sich als Kind gleich in die Hosen machen. Ein unwillkürliches Ziehen und Drängeln, auf das man nur zu gern verzichten würde. Man grinst wie blöde, dabei gibt es nichts zu lachen. Kein Wunder, dass ich darüber noch nie etwas gelesen habe. Es ist einfach zu dämlich. Aber es passiert auf der ganzen Welt, es passiert in Pakistan und es passiert in Potsdam und Peking, hundertttausendfach, Tag für Tag.

Zeichnete sich im Vorfeld ab, dass sie kein Originalpulver auf Lager haben würde, besorgte die Unke für ihre Stammkunden etwas Methadon, damit sie über die Runde kamen. Beziehungsmarketing nannte sie das, und es war nicht so, dass sie dabei mit den Augen zwinkerte, sie meinte es durchaus ernst. Humor war nicht ihr Ding. Sie war eine eher strenge Person. Sie arbeitete auf dem Büro, von neun bis fünf. Keine Ahnung, wo. Architekturbüro, sagte der dicke Ben. Ben war ein schwerfälliges pausbäckiges Hundertkiloschlachtschiff, das gerne zum Schnellchinesen ging und mit seiner Körperhygiene haderte. Aus der Ferne sah Ben manchmal aus, als trüge er einen Sepplhut, dabei hatte er bloß das Haar seit Wochen nicht gewaschen.

Dagegen duftete die Unke, als wäre sie gerade dem Dampfbad entstiegen, in einer Wolke von Patschuli. Niemand, der sie auf der Strasse sah, wäre auf die Idee gekommen, dass sie heroinsüchtig war oder gar dealte. Sie zählte zu den Menschen, die ihre Zukunft streng in graden und ungraden Kalenderwochen aufteilten und die einen verständnislos anglotzten, wenn man sie verständnislos anglotzte, weil man mit Kalenderwochen, ob grade oder ungrade, nichts am Hut hatte.

Natürlich kannten wir die Unke gut genug, um zu wissen, dass sie für eventuelle Notfälle stets etwas Heroin gebunkert hatte, für den Eigenbedarf. Sie war ja genauso drauf wie wir. Aber das hätte jeder von uns an ihrer Stelle genauso gemacht. Und ebenso klar war, dass noch so viel Bitten und Betteln keinen Sinn machte, von ihrem geheimen Vorrat würde sie nicht einen Krümel abdrücken. Ansonsten aber sorgte die Unke für uns wie eine Mutter, die gut bezahlt wird, und wir süchtigen Picos hielten ihr die Treue und kauften hauptsächlich bei ihr.

Dann, im Herbst, häuften sich Verspätungen und Lieferausfälle. Auch das Methadon floss nicht mehr so reichlich, wie es das lange Zeit getan hatte, um uns Kunden bei Laune zu halten. Jetzt hiess es improvisieren. Zur Not ging ich auf die Platte, was ich sonst tunlichst vermied. Wenn ich irgendetwas nicht gebrauchen konnte, dann meine Geschäfte im Scheinwerferkegel der Drogenfahndung abzuwickeln. Nee, danke. War nicht nötig. Ohne mich.

Sieh zu, dass du jemanden in der Hinterhand hast, falls die Unke mal ausfällt, dachte ich, ich war ja ein schlaues Kerlchen. Und in diesen Zusammenhängen lernte ich nun Tonino kennen. Tonino. Noch so ein verdammter Schlaumeier.

Der Geruch von Regen

Manchmal sitz ich wie ein Bauer nach getaner Feldarbeit auf dem Klo, die Ellbogen auf den Knien, partiell verschmutzt, und denke nach. Was das eigentlich alles soll hier, der ganze Blödsinn, all die Tage, die Nächte, der Mond.

Und was sie eigentlich damit meinte, als ich sie fragte, was sie vermissen werde, wenn sie eines Tages tot ist. Vermutlich alles, antwortete sie. Alles, und den Geruch von Regen.

(Ich meine, gehört der Geruch von Regen denn nicht dazu, zu Alles?)

Und warum bei allem, was wir Menschen tun, stets die Möglichkeit droht, dass wir mittendrin abkratzen. Dass alles vergeblich ist, ein letztes Mal. Nie wieder.

Allez.

Warum einem ganz schummrig wird, wenn man an die Wucht der Zukunft denkt. Und warum wir, wie die Gräfin meint, niemals erfahren werden, was das soll mit dem Universum. Wer das alles erfunden hat. Gezeichnet. Und gebaut.

Warum König Saul von den Philistern als Brautpreis einhundert Vorhäute verlangte. (Eine hübsche Schnittmenge, sicher.)

Warum ich wieder mal in Hundescheiße getreten bin, obwohl der Haufen doch klar und ersichtlich vor mir lag – ein riesig dicker fetter Kackhaufen, den ich hätte sehen müssen, aber ich hab ihn nicht gesehen, nicht mal gerochen, ich bin voll rein mit den Sandalen. Vielleicht, um hinterher sagen zu können: Wusst ich’s doch, dass da ein Haufen liegt?! Kann sein. Beim Abgang. Voll reingesemmelt.

Oder warum ein an sich bedeutungsloses Bild mir partout nicht aus dem Kopf gehen will: Sommerferien 1992, wir fahren mit dem Auto durch das belgische Örtchen Nazareth, da begegnet uns ein Mofa-Fahrer ohne Helm, seine ausgebeulte, viel zu große adidas-Hose flattert im Wind wie ein zerissenes Segel. Seh ich andauernd das Bild. Was soll das? Wer hat etwas davon? Wer bestimmt, was ich sehe, wenn ich die Augen schliesse und mir Dunkelheit wünsche?

Warum ich mich neuerdings von einer dunklen Schwäche durchdrungen fühle wie von einem dunklen, sehr dunklen Siegerpferd.

Warum jeder Tag eine neue Vermählung ist, und in der Nacht ist die Braut im Kreisverkehr auf der Flucht in alle Richtungen.

Und warum es plötzlich nach Flieder duftet hier. Nicht, dass ich was unter mir gelassen hätte in der Porzellanschüssel, bewahre, nein, auch die Hose ist nur unten auf den Fußknöcheln, weil sich das so gehört, beim Denken auf dem Klo. Weil das so aussehen muss. Ist doch klar. Der Bauer und Denker. Mittel und Zweck. Wie sollte das denn sonst aussehen bittesehr!?

“Sag mal, was treibst du da eigentlich so lange?” ruft die Gräfin aus der Küche.

“Nix.”

“Wie, nix?”

“Na, nix eben.”

“Für nix muß man aber nicht ne halbe Stunde auf dem Scheißhaus sitzen, mein lieber Schwan.”

“Doch, ich schon.”

Genau. Einfach mal dasitzen und nachdenken. Wie ein Bauer, die Ellbogen aufgestützt. Was das eigentlich alles soll hier, der ganze Blödsinn. All die Tage, die Nächte. Der Mond und der Stark Regen. Und die Anzahl der Wörter im Text: 476.

Plattendieb

Da saß ich nun halbwüchsig mit Stereokopfhörer und Cassettenrecorder am Radio und schnitt die Neuerscheinungen mit, die es aus London und New York ins WDR-Radioprogramm geschafft hatten, das war mein großes Hobby, Radio. Und doch ging nichts über die Krone der Popmusik, das Vinyl: Singles oder, besser noch, Langspielplatten.

Weil das Taschengeld nicht ausreichte und es nicht genug abonnierte Zeitungen gab, die ich hätte austragen können, um all meine Vinylwünsche zu finanzieren, klaute ich wie ein Rabe.

Schallplatten.

Mit der Zeit wurde ich richtig dreist. Kurz im Laden umgeschaut, Platte untern Arm geklemmt, rausmarschiert. Aber trotz aller jungenhaften Routine, mein Herzklopfen blieb. Herzklopfen und die fast schon erotisch anmutende Erleichterung, wenn ich das Geschäft verlassen hatte und niemand folgte mir. Das war der Kick überhaupt. Das Nicht-erwischt-werden. Das Immer-mehr-wollen.

Meist klaute ich in den Musikabteilungen großer Warenhäuser, wenn ich mittags aus der Schule kam und durch die Stadt trödelte. Meine siebte Stunde nannte ich es, wenn Schulkameraden fragten, was ich eigentlich nach der Schule in der Stadt trieb.

Kleine Fachgeschäfte wie das ZackZack am Eiland betrat ich nur, um zu sehen, was neu auf dem Plattenmarkt war, zur Orientierung sozusagen. Zum Stehlen war es mir dort in der Regel zu heikel, man stand zu sehr unter Beobachtung. Ausserdem kannte man die Leute mit der Zeit, entwickelte eine Beziehung. Das war schlecht. Leute, die man kannte, beklaute man nicht so schnell. Man bekam Skrupel.

Im ZackZack arbeitete ein lässiger Macker aus Remscheid, der meist einen langen beigefarbenen Kaschmirschal trug und am liebsten Maserati gefahren wäre, (doch wie gesagt, er kam aus Remscheid), hatte stets einen Geheimtipp auf Lager und lächelte schon, wenn ich den Laden betrat. Wie sollte man so einen Menschen bestehlen. Gute menschliche Kontakte vermasselten mir das kriminelle Geschäft.

Aber meist war es so: Hatte ich genug Informationen gesammelt, was sich auf dem Plattenmarkt so tat, zog ich die Fußgängerzone hoch in den Kaufhof oder ins Karstadt, wo ein Schüler nicht sonderlich auffiel, der mittags eine Weile in den Platten wühlte und unverrichteter Dinge wieder abzog. Mit einem Album unterm Arm. Als Sandwichkind in der Geschwisterfolge, mit einer großen Schwester und einem kleinen Bruder, war ich darin geübt, mich unsichtbar zu machen, wenn es drauf ankam. Darin war ich ein As. Niemand sah mich, wenn ich nicht gesehen werden wollte, trotz meiner wallenden Haare.

Am schönsten stehlen war im Kaufhof.

Von der Plattenabteilung im Erdgeschoß bis zum Ausgang war es genau einmal um die Ecke herum und schon war man draussen auf dem Mühlenplatz.

Es war, als hätten die Innenarchitekten beim Konzept des Warenhauses hauptsächlich an mich gedacht, wie ich meine Beute möglichst sicher heimbringen konnte. Dass das Ganze nur ein Trick war, um mich in Sicherheit zu wiegen und irgendwann abzukochen, wenn man gar nicht mehr damit rechnete, na, mein Gott, ich war fünfzehn, ich wusste von solchen Sauereien noch nichts. Ich war ein kleiner Plattendieb. Ein Vinylgauner.

Noch heute schlummern Tausende LP’s aus den 70er Jahren auf dem Dachboden, die meisten bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und zu Tode gespielt. Ich nahm nie groß Rücksicht auf den Zustand meiner Lieblinge.

“Deine Platten waren deine kleinen Nutten”, sagte die Gräfin zu mir, “so abschätzig, wie du sie damals behandelt hast.”

Damit lag sie ja nicht falsch. Wenn ich mir (schön) einen runterholte, passierte es immer wieder, dass die Schlacke achtlos auf einer achtlos am Boden liegenden Platte landete und die Rille verstopfte, ein kleines pointiertes weisses Unwetter.

Hach, Popmusik, herrlich. Achtlose Angelegenheiten.

Als die Gräfin mich kennenlernte, war ich sechsundzwanzig und in der Spätphase meiner Pop-Besessenheit. Zwar nährte mich Popmusik immer noch mit Schwärmerei, (und ich musste ständig mit Schwärmerei genährt werden, sonst wurde mir schnell langweilig), doch ich war nicht mehr so verrückt danach. Ich musste die Songs nicht mehr unbedingt besitzen. Ich konnte sie auch einfach mal sein lassen.

Die letzte 45er Single kaufte ich mir 1989, Everything I own von Boy George, die verwässerte Hommage an das Original von Ken Boothe: ein wunderbar schlichter Reggae, eine Sommerhütte am Strand, früh am Abend, Windstille – und hinterm Küchenschrank kriecht ein Ohrwurm hervor, groß wie ein Gecko.

An dem Tag, als ich erwischt wurde, als meine Karriere als Plattendieb jäh endete, gab es im ZackZack am Eiland einige Neuerscheinungen, die mich reizten, die ich gerne gehabt hätte, doch weder im Karstadt noch im Kaufhof waren die LP’s schon eingetroffen. Weil ich im Kaufhof stand und keine Lust hatte ohne Album abzuziehen, entschied ich mich notgedrungen für eine LP von Stephen Stills. Er war Mitglied bei Crosby, Stills, Nash and Young, nun war er solo, ein Gitarrist, der nichts besonderes drauf hatte. Einen Song von seinem neuem Album hatte ich am Radio mitgeschnitten, ich mochte das Stück nicht mal besonders.

Die Platte in der Hand bückte ich mich, las ein wenig in den Credits, jedenfalls tat ich so, in Wahrheit sondierte ich die Umgebung. Der einzige Verkäufer, der um die Mittagszeit Dienst tat, hatte anderes im Sinn, als ein Auge auf mich zu werfen, also ließ ich Stills locker in die Jutetasche gleiten, erhob mich und verließ die Musikabteilung.

Ich ging mit Umhängetasche in die Schule, aber wenn wir sechs Stunden hatten und eine Menge Sachen einpacken mussten, nahm ich zusätzlich eine Jutetasche mit.

“Wo hast du die Platte denn schon wieder her?” fragte Mutter, wenn ich mittags eine Scheibe heim brachte und es kaum abwarten konnte, reinzuhören.

“Geliehen”, antwortete ich knapp.

“Geliehen..? Schon wieder? Von wem?”

“Na, von Freunden.”

“Du hast aber eine Menge Freunde.”

“Ja.”

Entscheidend war stets der Moment, wenn ich das Kaufhaus verließ. Der Hauptausgang des Kaufhof bot einen einzigartigen Marylin Monroe-Effekt. Man stieg über einen  rechteckigen vergitterten Lüftungsschacht, aus dem warme Luft stieg, verbrauchte Luft, tausend Mal gefressen, eine Quarantäne, die jeder Kunde passieren musste, egal ob er nun rein oder raus wollte.

Für mich waren es Schritte im Niemandsland zwischen Himmel und Hölle, ein vergittertes Niemandsland, wo noch alles möglich war, wo es (theoretisch jedenfalls) sogar noch ein Zurück gab. (Hups, hab ganz vergessen, die Schallplatte in meinen Händen zu bezahlen. Jetzt aber flott.)

Dann trat ich hinaus auf den Mühlenplatz, das Heißluftgebläse im Ohr und im Schritt, und verschwand zügig im Gewühl, mit diesem Kribbeln der Befreiung im Bauch, in den Beinen, diesem Gefühl, nicht erwischt worden zu sein, ein neue Trophäe zu besitzen.

POP!

Und dann passierte es doch. Ein Ladendetektiv griff zu, als ich im Menschengewimmel des Mühlenplatzes untertauchen wollte, einem großzügigen Areal mit Grünflächen, Bäumen und Wasserspielen. Die Hand, die meine Schulter packte und mich zurückhielt, dazu seine tiefe männliche Stimme, “darf ich mal in deine Tasche gucken?” mit dem vorangestellten “Junger Mann,” zwei Worte, die alleine schon ausgereicht hätten, dass ich mich sinnbildlich in einer Pfütze aus Sühne, Scham und Gepinkel wiederfand. Ertappt. Dieses Mal war es nicht gut gegangen.

Eine Woche zuvor war ich sechzehn geworden, es war noch Geburtstagsgeld übrig, nein, ich hätte nicht klauen müssen, aber ich klaute mehr und mehr wegen des Gefühls der Befreiung, dem Kribbeln, dem großen Aufatmen. Die siebte Stunde war lange Zeit die große nebensächliche Krone meines Daseins. Nachdem ich erwischt worden war, klaute ich lange Zeit nichts mehr, nicht mal eine kleine Salmiakpastille.

Den Moment vorm Kaufhof hatte übrigens ein junger Pole mitgekriegt. Ein hochaufgeschossener Junge, der wenig Worte machte und den ich vom Sportplatz am Klauberg kannte, wo er mit uns Fußball spielte. Ich kenne seinen Namen nicht, doch sein entgeistertes Gesicht sehe ich noch vor mir: Du klaust..? DU? Warum klaust du?!

In den folgenden Jahren liefen wir uns gelegentlich über den Weg. Wir nickten uns kurz zu, das letzte Mal vielleicht Anfang des Jahres 2000, und immer noch war da dieser überraschte Ausdruck, festgefroren in seinem knochigen Gesicht, konserviert, herübergerettet aus dem Jahre 1975: Du klaust? Warum klaust du? Na, weil ich noch keine tausend Scheiben zusammen hab, du Depp!