Karpaten

Der ozeanblaue Datsun Cherry, den ich 1979 in einer engen (andere meinen kommod weiten) Kurve so zu Klump fuhr, dass er aus dem Schutt gezogen werden musste, gehörte dem dicken Hansen. Der dicke Hansen war nicht richtig dick, er war gemäßigt breit, wie er ständig betonte. Doch damit kam er nicht durch, nicht bei uns, bei seinen Kumpeln. Für uns blieb er der dicke Hansen, da konnte er zwischendurch so viel abspecken, wie er wollte – nichts zu machen, Fat Boy.

Aus einem Spitznamen lässt sich nicht einfach heraushungern.

Es dauerte Jahre, bis ich den Totalschaden beglichen hatte, in schmerzhaften kleinen Raten von monatlich hundert Mark, die ich an Hansens Gr0ßmutter zahlte, sie hatte den Neuwagen finanziert. Das meiste Geld floss während meiner Zivildienstzeit, wo ich besonders knapp bei Kasse war. Aber wann zum Henker war ich nicht knapp bei Kasse. Mit einer Ausnahme.

Als wir in einer Winternacht eine Angeberbrieftasche auf dem Asphalt fanden, randvoll mit Scheinen und Fünfmarkstücken. Die riesige Krösusbrieftasche lag im Lichtschein einer Straßenlaterne, ohne jeglichen Hinweis auf den Eigentümer. Ein Traum wurde wahr. Wir teilten die Beute unter vier Jungs auf, und ich kannte eine Weile keine Sorgen. Immer, wenn ich ins Regal griff, zog ich ein Dutzend klimpernder Heiermänner hervor und mindestens zwei, drei Hunderter. So hätte es weitergehen können. Stattdessen fuhr ich den Datsun vom dicken Hansen zu Schrott und machte ein paar Tausender Schulden.

Morgens gegen fünf war es, als Hansen in der Wipperaue auf dem Sofa lag und tief und fest schlummerte, während ich vorsichtig den Autoschlüssel aus seiner vorderen Hosentasche fischte.

“Scheiße, lass lieber”, versuchte noch sein jüngerer Bruder mich davon abzuhalten, den Wagenschlüssel zu klauen, bevor auch er in Pepes ansteckendes Gegacker einfiel.

“Psst..”, flüsterte ich, “haltet das Maul!”

Bis auf den dicken Hansen waren alle wach in dieser Nacht, und alle waren betrunken und bekifft. Wir waren dauernd betrunken damals, und ohne Kiffen ging gar nichts. Eine großartige Zeit. Man machte sich Freitagabends auf in die Stadt und kehrte Montags zurück, die Fresse voller Pöckchen, nur noch ein Hosenbein. Es dauerte, bis ich es geschafft hatte, die Autoschlüssel aus Hansens eng anliegender, vom Körperfett eingekeilter Hosentasche zu frickeln, ohne dass er davon aufwachte.

Wir waren zu viert: Pepe, Karlos, der Bruder vom dicken Hansen und ich. “Fahren!! Fahren!!” rief Karlos, als wir draussen vor dem Wagen standen. Er knipste mit Daumen und Mittelfinger, ein aufgeregter Pennäler mit hektischen Bäckchen. Vermutlich meinte er “Lasst mich fahren!”, doch Karlos war zu stoned, um noch ein Satzschema auf die Reihe zu kriegen.

“Ich bin Erster! Ich hab Heimrecht!” Das war Pepe. Pepe wusste, was er wollte. Nur Hansens Bruder hielt sich raus. Nicht ohne Grund: Sein eigener Japaner, ein fabrikneuer Nissan, ebenfalls von der Oma spendiert, stand um die Ecke, und er war heilfroh, dass es nicht ihn erwischt hatte. Dass nicht er es gewesen war, dem ich im Wohnzimmer der Wipperaue morgens um fünf den Schlüssel stiebitzte, während die Anderen um den Glasbong herumsaßen und krankes Zeugs ausbrüteten. Dann schon lieber sein Bruder.

Die Wipperaue war eine kleine Hofschaft nahe der Wupper und bestand aus Fachwerkhäuschen und einem Pferdestall. Eins der Häuschen hatten Pepe und sein Bruder angemietet, es hatte den Schwamm in den Wänden. Wenn ich in der Wipperaue übernachtete, waren meine Klamotten am nächsten Morgen klamm wie nach einer Woche im Moor. Es dauerte seine Zeit, bis man die Moorleichen aus den Kleidern hatte.

Maria war die Lebensgefährtin von Pepes Bruder, ein launisches Flittchen mit kräftigen Waden, das von Zimmer zu Zimmer wuselte und die plärrende Mutti gab. “Kifft nicht soviel! Bringt das Leergut weg! Sagt nicht immer Fotze!” etc. Das kam besonders bei Pepe schlecht an, der gerade von zu Hause ausgezogen war und keine Lust auf Vorhaltungen hatte. Doch auch wir anderen Jungs waren genervt. Wir hatten genug Mutti daheim, es brauchte keine plärrende Maria der Wipperaue.

Dann war da noch Snoop, der Hofschaftshund. Dumm wie ein Union-Brikett, aber immer wie aus dem Ei gepellt, immer wie mit edelster Schere getrimmt, auch wenn nie jemand gesehen hatte, dass irgendwer Hand an sein Fell legte. Snoop war ein feiner Hund, man konnte ihn wunderbar veräppeln. Man hielt ihm ein Stöckchen hin, Snoop sprang hoch, ganz narrisch wurde er und aufgeregt, doch kurz bevor er zuschnappte, zog man das Stöckchen fort und seine Zähne schnappten krachend ins Leere, wie eine vergebliche Kastagnette. Wir hatten viel Spaß mit Snoop. Blödmann.

“Ich fahr zuerst”, sagte ich und schloss die Fahrertüre auf. “Wir können uns ja abwechseln.” Karlos und Pepe waren einverstanden. Nur Hansens Bruder sagte nichts. Aber er sagte im Allgemeinen nicht viel. Auch jetzt nicht, kurz nach fünf, Sonntagfrüh, Sommer 79.

“Scheiße, wie geht die Mistkarre an?” brüllte ich gegen die Gitarrenriffs an, die aus den HiFi-Lautsprechern schallten. Die Reihenfolge der Songs hab ich heute noch im Ohr. MC 5: KICK OUT THE JAMS/Bowie: YOUNG AMERICANS/T. Rex: DANDY IN THE UNDERWORLD/T. Rex: WE LOVE TO BOOGIE.

“Ich dachte, du hättest schon Fahrstunden gehabt”, brüllte Pepe. “Du musst doch wissen, wie ein Auto anspringt!”

“Hat der Glumm schon alles vergessen”, antwortete Karlos, worauf es etwas ruhiger wurde in dem Viertürer. Dass ich nicht mal wusste, wie man ein  Fahrzeug ans Laufen kriegte, streute erste Bedenken, ob das auch alles in Ordnung ging, was wir da abzogen, ob das mit dem Gewissen vereinbar war. Pepe beugte sich über mich und drehte den Schlüssel im Zündschloss herum. “Jetzt Kupplung treten, Gang einlegen, langsam Gas geben..!” Ich gehorchte, und der Datsun vollführte Bocksprünge.

“LANG-SAMER!” riefen alle, und die Karre soff fast ab unter dem Gejohle. Ich probierte es weiter, langsam, bis es endlich klappte. Ich blieb drei Kilometer im ersten Gang.

“WIILLST DU NICHT LANGSAM MAL IN DEN ZWEITEN GANG SCHALTEN, GLUMM!?” Pepe war genervt, und auch der kleine Bruder vom dicken Hanse verdehte nur noch die Augen. Er fühlte sich in Teilen verantwortlich für die Situation. Schliesslich gehörte der Wagen seinem älteren schlafenden Bruder, und er, der jüngere, hatte den Diebstahl nicht verhindert.

Zur Hofschaft Wipperaue gab es ein Pendant, den berüchtigten Dorperhof nahe der Bienenhalle, wo in einer aufgegebenen Fabrikantenvilla wechselnde Freaks mit langen Zähnen und schlechten Haaren zur Miete wohnten, tausend Mark kalt.

Wenn am Dorperhof die Rauschgiftbullen zur Hausdurchsuchung anrückten, im Schnitt alle vier Monate, wurde sofort die Telefonkette aktiviert. Es war Usus, dass sich das örtliche Rauschgiftdezernat im Anschluss an die Hausdurchsuchung am Dorperhof direkt zur Wipperaue begab, um weiterzufilzen – darauf konnten sich alle Beteiligten verlassen.

Und so klingelte in der Wipperaue mal wieder das Telefon, als die Schmiere am Dorperhof in Mannschaftsstärke auflief.

“Vorsicht.. RD rückt gleich an..”

“Wie so gleich..? Die sind schon da!”

Das Dezernat hatte die kurze, aber hoch effektive Telefonkette durchschaut und war zeitgleich mit zwei Teams an zwei Tatorten aufgekreuzt. Die waren so was von pfiffig, die Jungs.

Die Sonne ging auf. Wir bretterten Richtung Leichlingen. Weil auf dem Beifahrersitz niemand Platz nehmen wollte, nicht mal Karlos, mein bester Kumpel, war vorn viel Platz und hinten war es intim eng. Ich schaukelte die Bande immer der Wupper entlang, bis es rauf nach Wermelskirchen ging und ich schneller wurde, riskanter fuhr. Wenn ich aus dem Seitenfenster blickte, taten sich Abgründe auf von motorhistorischer Dimension. Allerdings sah ich schlecht.

Im Wageninneren ging es hoch her. Aus den Speakern wummerte WHATEVER HAPPENED TO THE TEENAGE DREAM von T. Rex, ein opernhafter Song, den Karlos und ich mitjohlten, als ich vor einer Kurve das Pedal verwechselte. Statt der Bremse drückte ich mit meinem starken rechten Schussbein das Gas durch. Der Motor heulte irritiert auf und wir flogen von der Fahrbahn, rein in die

“.. KARPATEN!”

brüllte Karlos, und Pepe, ganz durcheinander, fauchte “FALUTSCHAA VOHSICHTIG ..!”, doch zu spät. Der Wagen krachte am Waldrand in einen Haufen schwarzen Schotter, rrummmzss!, und blieb jäh stecken.

Wäre in dieser Kurve nicht zufällig Streusplit aufgeschüttet gewesen, das Tempo hätte uns geradewegs vor den nächstbesten Baum getragen. Die Schnauze des Datsun Cherry verschwand komplett in der anthrazitgrauen Masse. Es war, als steckten wir in einer Höhle: vorne der finstere Tod, hinten Tageslicht. Die Karosserie war so verzogen, wir bekamen die Türen nicht auf und mussten über die Sitze klettern und durch den Kofferraum aussteigen. Überall Schotter und Granulat, Steinchen schoben sich durch jede Ritze. Die Kassette drehte sich die ganze Zeit weiter, ohne Erbarmen:

T. Rex, Jitterburg Boogie.

“Totalschaden!” Karlos glühte wie eine Festpackung Mon Cheri. “Garantiert!”

“Du Idiot!” fluchte Hansens Bruder, die bitteren Vorhaltungen seines großen Bruders schon im Ohr – zu Recht, wie ich fand: “Wie in aller Welt konntest du den besoffenen Glumm ans Steuer lassen?!”

“Aber echt!”

Ich bin danach nie wieder Auto gefahren. Ich hängte das Autofahren an den Nagel. Nur ab und an, wenn sich im Urlaub eine schnurgerade südfranzösische Landstraße vor uns auftat, übergab die Gräfin mir mit großzügiger Geste das Lenkrad, das ich kurz vom Beifahrersitz aus halten durfte, doch ans Gaspedal liess sie mich nicht ran.

Nicht mal einen Monat später waren wir spätabends im Oberbergischen unterwegs, alle Mann sturzbesoffen, im Nissan von Hansens Bruder. Am Steuer: Karlos, der genauso wenig wie ich einen Lappen hatte. An der Abbiegung von Wermelskirchen runter nach Glüder verlor Karlos die Kontrolle über den Wagen und setzte ihn, ohne groß zu bremsen, “FALUTSCHA VOHSICHTIG..!”, (zu spät), frontal vor eine Hauswand und drückte dabei noch einen Kaugummiapparat in den dahinterliegenden Ziergarten.

Das Ohrfeigengesicht

Ich fuhr mit der Linie 3, als Jack zustieg. Jack, der Junkie. Hände wie ein Werkzeugmacher, eine Stimme wie Jägermeister on the rocks im Hals. Ob ich das vom Ohrfeigengesicht schon gehört hätte. Nee, wieso. Na, der wäre ja jetzt auch tot.

Erst wusste ich nicht genau, wer genau mit Ohrfeigengesicht gemeint war, dann störte ich mich an der Formulierung auch tot - wieso auch tot? Wer war denn noch tot? Bekam ich überhaupt noch etwas mit? Lebte ich noch in dieser Stadt?

Immerhin, den Namen Ohrfeigengesicht hatte ich schon gehört, war ja auch einprägsam, unverwechselbar eigentlich, doch welches Gesicht zu dem Namen gehörte, wusste ich nicht. Ich grübelte. Mein Namensgedächtnis ähnelte zunehmend einer Grube, in der im Laufe der Zeit ganze Kasernen an Namen verschütt gegangen waren, hohe Mietskasernen mit doppelt und dreifach Klingelleisten. Zurückgeblieben waren bloß Namensschildchen, lose im Gedächtnis-Schutt, ohne Verbindung, ohne Geschichte. Buchstaben, bloße Buchstaben.

Und außerdem:

Waren die Straßen der Stadt nicht voller Ohrfeigengesichtern und anderen abgewatschten Visagen? JETZT MIT NOCH MEHR MONSTERN!? Eine visuelle Gesamtstörung, die besonders Leuten auffiel, die von außerhalb kamen und erschreckten, was sich hier alles tummelte im Stadtbild, ohne weggesperrt zu werden?

“Moment mal.. Ohrfeigengesicht. War das nicht der Typ mit Zopf, der Spüli verkauft hat als Codein..?”

“Nee, das war der Saarländer. Das Ohrfeigengesicht war der Typ auf dem Mofa, den kanntest du auch, den kannte doch jeder. Der saß immer steif auf dem Mofa, wenn er zum Hilten kam.”

“Hm. So kerzengerade, der?”

“Genau der.”

Ein komischer Kauz. Er kam jeden Morgen auf seiner alten Zündapp zur Praxis von Doc Hilten geknattert, um seine Dosis Methadon abzuschlucken. Dann setzte er sich wieder aufs Mofa und fuhr nach Hause. Was anderes tat er nicht, jedenfalls wurde er nie bei etwas anderem beobachtet, außer Methadon schlucken und Mofa fahren. Ein gedrungener bulliger Typ, der niemals lachte und so steif ging, als wäre er jahrelang bei der Fremdenlegion gewesen, ohne je geschissen zu haben.

Den wahren Grund seiner Steifheit erfuhr ich erst jetzt, im Bus der Linie 3, in Höhe Wasserturm. Jack erzählte, dass dem Ohrfeigengesicht bei einem schweren Verkehrsunfall beinahe das Rückgrat weggebrochen war. Seitdem trug er dieses medizinische Korsett, das zu dieser ungemütlichen Körperhaltung führte.

“Eigentlich hätte der nicht mehr Mofa fahren dürfen. Der konnte sich kaum noch auf der Karre halten, mit all den Schrauben und Eisen im Kreuz. Der war eine wandelnde Ruine.”

Ich versuchte mir das Gesicht des Ohrfeigengesichts vorzustellen, was nicht so einfach war, da der Bursche den Helm fast nie abgenommen hatte. Wenn er mit einem sprach, klappte er einfach das Visier hoch und nuschelte monoton ins Futter.

“Leg doch mal endlich den fucking Helm ab!” hörte ich einmal, wie ihn jemand anpflaumte, “man versteht dich nicht!”, doch das berührte das Ohrfeigengesicht nicht. Und wer ihn doch mal ohne Helm erblickte, verstand auch, warum. Er sah aus, als habe ein Kampfhund versucht, ihm den Schlaf aus dem Auge zu reiben, und dabei gewaltig daneben gelangt. Die Stirn war so voller Narben und Katschen, dass Ohrfeigengesicht eine Untertreibung war, ein Kosename fast.

Das Ohrfeigengesicht starb im Sommer 2009, als außer ihm drei weitere langjährige Junkies ihr Leben ließen, alles geschwächte Dauerkonsumenten. Erst hieß es, ungewöhnlich sauberer Stoff sei in Umlauf gewesen, dann stellte sich heraus, dass es damit nichts zu tun hatte, jeder der Drei war seinen eigenen Tod gestorben, nur eben zufällig zur gleichen Zeit.

Längst nicht jeder Junkie stirbt an einer Überdosis. Es ist eher so, dass die Leute sich aufhängen, weil sie die Sucht nicht mehr ertragen, ihre Organe versagen, sie bekommen Krebs wie jeder andere Mensch auch. Sie sind müde und schlafen ein und werden morgens nicht mehr wach, von einem Gehirnschlag überrascht.

Oder sie ersticken, wie es Jack beinahe mal passiert war, der neben mir im Bus saß.

1999, nach der nächsten Strafanzeige wegen Ladendiebstahl, kleineren BTM-Vergehen und Urkundenfälschung brummte ihm ein Richter dreißig Monate ohne Bewährung auf.

“Die Milleniums-Party fand für Jack in der JVA Bochum statt”, erzählte Jack.

Zur Feier wehten weiße Bettlaken aus den Zellenfenstern und wurden abgefackelt. Da dachte Jack, gerade im Knast angekommen, ich zeig den Knackis mal, was eine Harke ist, und bereitete ein dickes Ding vor. Er nahm die Matratze, quetschte sie mühselig zwischen den Gitterstäben hindurch und zündete sie an. Nicht gerechnet hatte er mit der immensen Brennbarkeit von Matratzen und der Rauchentwicklung. Während die Matratze vorm Fenster lichterloh brannte und von den Gefangenen gefeiert wurde, zog der Rauch ungehindert nach hinten in die Zelle ein. Und wäre der Nachtschließer nicht gewesen, der Jacks Hilferufe ernst nahm, Jack wäre in der Silvesternacht jämmerlich erstickt, wie er mir zwischen zwei Haltestellen beteuerte.

Wahrscheinlich erzählte er Scheiße, irgendeine Legende, die unter Knackis die Runde machte.

Das Ohrfeigengesicht erwischte den klassischen Junkietod. Er hatte sich einen Schuss zur Nacht gesetzt und war daran krepiert, das wars. Mehr war nicht zu erfahren, es interessierte auch keinen. Bis auf Fahnder des Rauschgiftdezernats, aus statistischen Gründen.

Mit der Linie 3 angekommen im Zentrum stellte ich Jack die Frage, die mir die ganze Zeit auf der Zunge brannte.

“Sag mal, hieß der Kerl nicht schon Ohrfeigengesicht vor seinem Unfall?”

Ben Jakubeck, genannt Jack, gegerbte Haut, Werkzeugmacherhände und ein Zinken im Gesicht wie ein unfreundliches Geschlechtsteil, glotzte verständnislos.

“Keine Ahnung. Kann sein. Vielleicht sah der Arsch schon vorher scheiße aus.”

Na schön, nun war der Mann ja tot und ich konnte eh mich nicht daran erinnern, je ein Wort mit ihm gewechselt zu haben, doch als ich mir sein Gesicht vorstellte, dieses übelgelaunte vernarbte Gelände, das sich hinter einem ewigen Mofahelm verborgen hatte, da musste ich Jack Recht geben.

Verdammt, ja.

Das Leben und seine Motive waren kompliziert und undurchschaubar wie immer, und ein totes Ohrfeigengesicht war ein totes Ohrfeigengesicht, fertig, aus.

Wahlmöglichkeit

Mit jeder Minute, die wir auf den Rettungswagen warteten, schnürte sich der Brustkorb mehr zu. Wurde Eisenkorsett. Man hatte mich ins Hinterzimmer gebracht, halb Lager, halb große Garderobe, in dem ein Sofa stand. Können wir etwas für Sie tun, können wir Ihnen etwas bringen? erkundigte sich eine der beiden Damen leise. Ein Glas Wasser? flüsterte ich und versuchte mich lang zu machen, zu entspannen, aber wie soll man sich entspannen, wenn einem das Herz durch die Brust knallt.

Der Hund hockte vor mir auf dem Boden und beobachtete mich, er wusste nicht, was los ist. Auch die Mitglieder der Gemeinde, zwei Frauen und ein Mann, um die sechzig alle, evangelisch, adrett, waren ratlos. Da wankt an einem Vormittag im Mai im Souterrain der Stadtkirche ein Mann mit Hund auf sie zu, weil ausnahmweise die Hintertüre offen steht. Der Mann ist fahl, der Schweiss pläddert an ihm herunter, als käme er direkt aus der Sauna.

“Ich glaube, ich hab einen Herzinfarkt..”, spricht er sie an, mit kläglicher dünner Stimme, “können Sie den Notarzt rufen?”

Dann warteten wir. Ich auf dem Sofa, halb hingeschlagen und dem Tod so nah, ich konnte schon rüberspucken, der Hund auf dem Fußboden, die drei Gemeindemenschen halb im Zimmer und halb auf dem Flur, um die Ambulanz nicht zu verpassen. Ich wurde mit jeder Minute schwächer, es war, als rutschte ich Stück für Stück aus dem Bild. Und doch war da eine warme Hand, die sich unter meinen Körper schob, mich sachte aufschaufelte.

Als ich die Kirche Minuten zuvor über den Hintereingang betreten hatte, liess ich mich zunächst auf einer langen, im Dunkel liegenden Holzbank nieder. Niemand war zu sehen. Stille. Ich hätte mich in der Fußgängerzone an jeden x-beliebigen Passanten mit Handy wenden können, damit er den Rettungswagen ruft, doch ich war ein Sterbender, der Schutz suchte. Ich lieferte mich in der Stadtkirche ein, über den offenstehenden Hintereingang. Es war reine Intuition. Weil ich mir nicht sicher war. Ob ich wirklich Rettung wollte, ob ich weiterleben wollte. Im Mahlstrom meines nachlassenden Bewusstseins dachte ich: Du kannst dich auch sterben lassen.

Du kannst dich sterben lassen.

Das war kein Suizidmoment, wo man selbst noch aktiv werden muss. Wo man eine Pistole ansetzen oder Medikamente fressen oder von der Brücke springen muss, nein, war nicht nötig. Ich hätte nichts weiter tun müssen, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ihren Lauf, den sie nehmen würden, gäbe es keine modernen Zeiten mit Notruf, Herzkatheter, pulsierendem Ultraschall.

In den Katakomben der Stadtkirche roch es nach Politur und Filterkaffee. Ich kauerte vor der Holzbank, neben mir der Hund. Du hast die Wahl, dachte ich, und mein Herz schmerzte. Drückte. Die Holme knackten. Musst bloß ein wenig warten, bis das ruinierte Herz alle Aus- und Zugänge geschlossen hat. Ein bißchen noch. Die wärmende Hand unter mir schaufelte mich hoch. Ich flog ein bißchen.

Dann erhob ich mich und wankte mit dem Hund an der Seite den langen Flur entlang, Richtung Sozialräume. Wo drei Menschen mich empfingen und die 112 wählten. Wo ich auf dem Sofa ruhte, den Hund leise junkern hörte und ihn streichelte, er saß jetzt genau zu meinen Füßen.

Wenn gleich die Rettungskräfte kommen, dachte ich, gibts ein Problem. Der Hund wird sie nicht an mich ranlassen.

Na schön, die Sanitäter kamen an mich ran und retteten mich und brachten mich ins Krankenhaus und der Fahrer fluchte, weil die Einkaufszone zugeparkt war. Der Hund landete für ein paar Stunden im Tierheim, bis die Gräfin ihn auslöste, und ich hatte für einen Moment die Wahl gehabt zwischen Leben und Tod, einen winzigen Moment nur, aber immerhin, ich meine, ich hätte auch alles sausen lassen können.

Sehr beruhigend, das.

Feuerland

Die dritte Nacht hintereinander hatte sie bei mir geschlafen, und jeden Morgen ließ sie sich mehr Zeit, bis sie unter die Dusche stieg und nach einem Handtuch rief. Das Problem: Sie bedeutete mir nichts. Es konnte mir nicht schnell genug gehen, bis sie endlich weg war. Wir hatten uns nichts zu erzählen, ihr Hintern war plump, sie watschelte durch die Küche wie Daisy Duck. Es war schon immer sterbenslangweilig gewesen, wenn Daisy Duck im Micky-Maus-Heft auf der Bildfläche erschien und den Schnabel aufmachte. Andererseits küsste sie sehr süß und eifrig mit ihrer winzigen Zunge, wie ein Nagetier, es machte mich rasend. Wenn wir nachts aus dem Mumms nach Hause kamen, rissen wir uns die Klamotten vom Leib, schoben eine schnelle Nummer, das war in Ordnung. Aber mehr war nicht zwischen uns. Es war das erste Mal, dass ich so mit einer Frau zusammen war. So unentschieden. So la la. Ich war auf dem absteigenden Ast.

Wir saßen in der Küche und tranken Mocca. Es war noch dunkel draussen. Ich hatte keine Lust, Licht zu machen. Licht hätte Leben bedeutet, wäre einer Einladung gleich gekommen, mein Dasein aus der Nähe zu betrachten, zu sezieren, aber das wollte ich nicht. Ich war sechsundzwanzig Jahre alt und wollte in Ruhe kaputtgehen, mit allem Pipapo: Schnaps, Pulver, Action, aber bitte ohne die sehnsüchtigen Blicke einer Frau, die etwas von mir wollte, was ich nicht geben konnte.

“Ihr habt ne komische Brause, mal ganz heiß, mal eiskalt”, beschwerte sie sich. “Und der Strahl ist hart und tut weh auf der Haut. Kann man den nicht irgendwie.. gleichmäßiger einstellen?”

“Mal sehen”, sagte ich schlecht gelaunt und nahm einen Schluck Kaffee. Ich kam mir vor wie ein Ehemann, dessen Weib frühmorgens zur Arbeit musste, während er nichts zu tun hatte und zurück in die Koje kriechen konnte, weiterpennen bis in die Puppen. An sich keine üble Vorstellung, doch ich war nicht mehr müde. Ich hatte keine Lust weiter zu träumen.

Obwohl die Tür zu Karlos Zimmer zugezogen war, hörte man sein Knarzen, ein Kratzen, ein viehisches Strampeln im Schlaf. Vielleicht kamen die Geräusche und der Gestank auch aus der Nachbarswohnung, wo seit kurzem ein Neugeborenes lebte. Keine Ahnung. Vielleicht war ich auch heilfroh, überhaupt etwas zu hören. Die Stille, die uns einhüllte, wenn das Burgfräulein und ich zusammen saßen, war kaum zu ertragen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, in ihrer Nähe. Nicht mal im Bett sprachen wir groß miteinander. Oder beim Chinesen. Eine Viertelstunde später war es geschafft. Die Frühschicht begann. Sie musste los. Sie arbeitete im städtischen Klinikum als Kinderkrankenschwester.

“Vielleicht bis morgen Abend..?” meinte sie, als das Taxi da war und der Fahrer schellte.

“Ja”, sagte ich. “Klar.”

Die Tür schlug zu, und ich setzte noch einen Kaffee auf. Es war kurz vor sieben. Und jetzt? Den ganzen Tag Kaffeetrinken? Das Telefon ging. Ich liess es klingeln, doch weil der Anrufer hartnäckig blieb, hob ich irgendwann den Hörer ab.

“Ich hab dich gestern kurz in der Stadt gesehen, du hast ja die Haare ab..!” rief Lena, ohne hallo zu sagen. Es schmerzte  in meinen Ohren, so laut war sie, wie eine Trans-All. Nein, Lena brauchte kein Starterlaubnis, um bei mir abzuheben.

“Ja, aber schon seit ein paar Tagen”, antwortete ich.

“Du siehst ja furchtbar aus. Wie ein entflohener Sträfling.”

“So, findest du?”

“Ja, gefällt mir nicht. Ein echter Kahlschlag. Ist ja nicht eine einzige Locke übrig. Geht’s dir so schlecht?”

“Hä? Wieso soll es mir schlecht gehen?! Nur weil ich beim Frisör war? Was ist denn das für eine Logik.”

“Nee, wegen uns mein ich. Willst du dich mit den kurzen Haaren selbst bestrafen?”

“Was.. redest du da? Selbst bestrafen wofür?” Erst jetzt fiel bei mir der Groschen. “Ich.. hab mich beschissen benommen letztens im Nordpol, tut mir leid, das war überflüssig. Aber ich komme schon klar, keine Angst.”

“Na ja, wenn du meinst..”

In Wirklichkeit kam ich überhaupt nicht klar, nicht die Bohne. Besonders nicht so früh am Tag, wenn ich nicht wusste, was ich mit mir anstellen sollte. Aber Lena war die letzte, der ich das auf die Nase gebunden hätte. Ich sah aus wie ein entflohener Sträfling? Da war ja selbst Karlos’ blöder Kommentar besser gewesen, “du siehst aus wie ein schwuler Berliner”, als er mich mit kurzem Haar gesehen hatte.

Karlos kam am frühen Nachmittag vom Friedhof. Er hatte es eilig. Raus aus dem schwarzen Panzer und die glänzenden Totenschuhe gegen Sneakers ausgetauscht, die Theaterprobe wartete. Am Wochenende war Premiere. Das Ensemble gab In der Einsamkeit der Baumwollfelder, geschrieben von einem Franzosen, der an AIDS gestorben war. Ich hatte den Text gelesen, konnte nichts damit anfangen. Aber der Titel war gut. Der Titel gefiel mir.

“Warte”, sagte ich zu Karlos, “ich komm mit in die Stadt.”

Wir stiefelten nebeneinander her. Die Weihnachtstage waren vorüber, die Fußgängerzone überfüllt von Leuten, die ihre Geschenkgutscheine einlösen wollten. Es nieselte. Krähenwetter. Keiner sagte ein Wort. Die Stimmung unter uns war auf dem Tiefpunkt. Ohne besonderen Anlass. Es war einfach so, dass wir seit ein paar Monaten zusammenwohnten, aber die Dinge sich dadurch nicht grundlegend geändert hatten. Nun, sie hatten sich überhaupt nicht geändert. Aus zwei Wohnungen war eine Wohnung geworden, that’s it. Ich fragte mich, was zum Teufel man schon erwarten konnte, wenn zwei Freunde Mitte Zwanzig ihre Möbel zusammenwarfen, zwei Freunde mit künstlerischen Ambitionen, von denen der eine so lala mit einer Mischung aus Daisy Duck und einem Burgfräulein zusammen war und ansonsten keinen Schimmer hatte, was das Leben bedeuten sollte, außer dass Weihnachten vorüber war. Immerhin. Und der andere schien zu glauben, eine Weltkarriere als Schauspieler sei auch in der Provinz möglich.

Karlos bog ab Richtung Theater, ich in die Kneipe. Die Nachmittage im Mumms waren gefürchtet. Es war kaum Publikum da, bis auf eine behäbige Skatrunde. Nichts bewegte sich. Andererseits konnte es stets passieren, dass plötzlich die Eingangstür aufschnappte und irgendein Großmaul samt Gefolge kam hereinspaziert, das eben noch auf allen sieben Weltmeeren unterwegs gewesen war, mit dem großen Schleppnetz.

Ich konnte schon immer gut mit Typen, die eine großes Maul haben. Fatzkes mit langer Zunge – große Klappe, nichts dahinter. Und davor: jede Menge herrlich lauter Luft.

“Wie oft hab ich früher im Mumms gestanden und dir zugeguckt, wie dich irgendwelche Großschnauzen vollgesabbelt haben. Aber du warst ganz begeistert und hast mit großen Notizbuchaugen zugehört”, meinte die Gräfin mal zu mir. “Junge, waren das Blödmänner, und was hattest du einen Spaß.”

Liess sich kein Großmaul blicken, blieb einem nichts anderes übrig, als geduldig auf den Abend zu warten. Nacheinander trudelten sie dann alle ein. Karlos, Schnaat, der dicke Hansen, der Mitsubishi Boy, Benzini, die wilde Inge, Ringo, ach, Dutzende von Typen und skurillen Kackern.

Als Jose, der Spanier, auftauchte, verschwanden wir nach draußen, einen Stickie rauchen. Jose hatte prächtige schwarze Locken und machte sich einen Spaß daraus, Deutsche als Fische zu bezeichnen, als die Fische der Welt. Wir saßen unter der überdachten Bushaltestelle.

“Jose, gib es endlich zu, du bist überhaupt nicht in Spanien geboren. Du bist gar kein Spanier: du bist selbst ein Fisch. Du Deutscher.”

“Nee, Alter, meine Eltern waren ein halbes Jahr in Deutschland, als ich geboren wurde, so gesehen..”

“Dachte ichs mir! Du bist ein Fisch!”

“.. nee, bin ich nicht. Guck mal, meine Eltern waren noch in Sevilla, ich bin noch in Spanien gebumst worden, verstehst du, ich bin ein.. ein andalusisch-bergischer Fisch. Die sind nicht so nass wie deutsche Fische.”

Ein paar Wochen zuvor hatte Jose im Gedränge des Mumms Ich liebe das heiße Leben in mein Notizbuch gepinselt, übers ganze Gesicht strahlend, auf der allerletzten Seite. Jose, das Stehaufmännchen. Zu Beginn der 80er Jahre hatte er mit Benzini im Übermut eine Handvoll Papers eingeworfen, auf Löschpapier geträufelte LSD-Säure. Während Benzini ohne größere Schäden davonkam, (na ja), irrte Jose tagelang durch die Stadt und bildete sich ein, das TV-Programm manipulieren zu können. Er war so neben der Kappe, er hielt sich für Jesus. Zuletzt lief er nackig über die A 46 und regelte den Verkehr. Es funktionierte sogar. Jedenfalls wurde er nicht totgefahren. Die Autobahnpolizei griff ihn auf und verfrachtete Jose nach Langenfeld, ins zuständige Landeskrankenhaus. Zwei Jahre blieb er in der Geschlossenen. Man hörte kaum etwas von ihm. Wenn etwas nach aussen drang, dann Schauergeschichten. Fett sei er geworden aufgrund der starken Medikamente gegen die Psychose, willenlos, apathisch – ein einziges Fass Chemie.

Einmal half ich einem Bekannten in der Papageiensiedlung beim Umzug, als Jose uns zufällig über den Weg tippelte. Er hatte Freigang und besuchte gerade seinen Bruder, der in der Nähe lebte. Jose tippelte über den Bürgersteig, mit winzigen Schritten schob er sich vorwärts. Ich grüsste, “Jose, wie gehts dir, mein Freund”, doch er erkannte mich nicht. Er hatte mich noch nie gesehen. Er war von einem unbekannten fernen Planeten, er war auf der Durchreise, er tippelte weiter.

Zu diesem Zeitpunkt hätte niemand einen Pfifferling auf seine Genesung gesetzt, doch mittlerweile war er wieder in der Stadt, lebte vorübergehend bei seinem Bruder. Es war kaum zu glauben, aber Jose hatte sich tatsächlich erholt. Er war ein bißchen gesetzter geworden, doch ansonsten kiffte und bumste er sich wieder durch die Landschaft, als wäre es niemals anders gewesen.

“Du verdammter Thunfisch”, strahlte er mich unterm Dach der Bushaltestelle an, mit seiner Lücke in den Schneidezähnen, dem kleinen Tor nach Andalusien, und reichte den Joint rüber. Ich riet ihm, in Zukunft mit dem Kiffen aufzupassen, “nicht, dass du hinterher wieder abdrehst.”

“Ihr Fische immer und eure Angst, dass was passiert.. Nee, ich pass schon auf. Komm, gehen wir zurück ins Mumms.”

Bekifft am Tresen stehen hatte den Vorteil, dass das Bier besser lief. Das war der Nachteil. Ich war ruckzuck voll. Als der Kellner kurz nach eins den Gong schlug, “LETZTE RUNDE!”, grinste mich die Trulla an, mit ihren unordentlichen Zähnen. Richtig frech grinste sie rüber, einer Aufforderung gleich, und schon stand sie neben mir. Ich kannte sie vom Sehen, eine gekünstelt wirkende, immer euphorische, hart an der Grenze zur Hysterie agierende Tucke. Sie lud mich ein, mit zu ihr nach Hause zu kommen. Ich zögerte keine Sekunde. Ich hatte keine Lust, die Nacht allein zu verbringen.

Erst im Taxi kriegte ich mit, dass ich an diesem Abend nicht der einzige war, den sie abschleppte. Außer mir stiegen der lange Picard und sein Kollege vom Tresen zu, ein stiller Trinker, den ich nur vom Sehen kannte. Die Beiden hatten im Mumms stundenlang am Tresen gestanden und miteinander gequatscht. Picard war ein Quatschkopf vom alten Schlag, der, wenn er nicht gerade in der Kneipe war, daheim auf der Couch saß, abwechselnd seine sechs Katzen streichelte und selbstgebackenes Haschischbackwerk futterte.

Das Taxi brachte uns in eins der besseren Viertel am Rande der Stadt. Ein reines Villenviertel gab es in Solingen nicht. Es gab vereinzelte Reiche-Leute-Spots am Stadtrand, mit seltenen Rosenstöcken im Vorgarten, aber spätestens keine fünfzig Meter weiter wartete ein Appartementhaus mit eingedrückter Klingelleiste und asozialem Geschrei in der Nacht.

“Meine Eltern sind verreist, die sind über alle.. hi hi.. Berge”, schnatterte die Unordentliche, “im Tessin”, als wir das großzügige Einfamilienhaus betraten. Ich schätzte sie auf Ende zwanzig. Kein Wunder, dass sie noch daheim lebte. Alles an ihr war unordentlich. Die Zähne, das Haar, die Augen. Die waren riesig, wie die einer Eule. Einer unordentlichen Eule. Ich fragte mich, ob vielleicht mein alter Freund Ringo Spaß an ihr gehabt hätte. Ringo mochte Frauen mit einem gewissen Schlampenfaktor. Wenn das Strumpfband speckig war, der Lippenstift krümelig, das Gehirn verrutscht und die Augen wie die einer Eule, solche Sachen.

Natürlich gab es Weiber, deren Mode es war, sich betont unmodisch zu geben, die das Haar extra tuckig werden liessen und Make-up wie Strassenmalkreide auftrugen, doch die Unordentliche war anders, Unordentlichkeit war ihre Natur. Sie konnte nicht anders. Allein die schiefstehenden gelben Zähne, wie ein kubistisches Häusermeer, das eng aneinander lehnte, damit die einzelnen Häuschen nicht umkippten und wild durch die Strassen purzelten. Grotesker Höhepunkt aber war ein fingerlanges Haar, das ihr aus der Nase wuchs, eine supra-dünne Liane, wie bei einem griechischen Müllmann. Streng genomnmen hatte ihre ganze ungeputzte Aura grandiose Züge, wäre da nicht ihre hysterische Stimme gewesen, dieses ewig quiekende “Hach, Kinder, was bin ich gut drauf heute und wie bezaubernd ist die Welt wieder einmal!” – dabei war doch alles Scheiße.

Wir ließen uns im Wohnzimmer nieder, das sie nur living-room desaster nannte, krankhaft gackernd. Sie zauberte einige Weingläser auf den Tisch, bauchige Teile, und füllte sie mit einem erlesenen Tröpfchen, wie sie dreimal hintereinander versicherte, ihr beknacktes unordentliches Haar in den Nacken werfend, und dabei entblößte sie ihr riesiges gelbes Pferdegebiss.

“Dieses Jahr Heiligabend”, überschlug sie sich, “war ich soo glücklich WIE NOCH NIE! Ich hatte das Gefühl, die ganze Welt wäre im Freudentaumel..! im Freu-den-tau-melll.. Kinder! Die ganze Fam-milie war ü-b-e-rglücklich!”

Der lange Picard und sein Kollege aus dem Mumms stierten ratlos in ihr Glas. Niemand wusste, wie er mit der Situation umgehen sollte. Die Unordentliche hatte offensichtlich einen weitaus größeren Knall als angenommen. Ein Urknall. Ich bediente mich aus der offenen Karaffe, die auf dem Tisch stand, und kippte die Flüssigkeit, die wie Campari aussah, in meinen erlesenen Weißwein.

“Du magst es, venezianisch zu frühstücken?” lachte die Unordentliche und hörte gar nicht mehr auf zu lachen. Das war kein Campari in der Karaffe, das war billiger Sirup. Ich hatte die Nase voll.

“Ich leg mich aufs Ohr”, sagte ich. “Ich bin erledigt.” Das war alles, was ich von diesem Leben noch erwartete. In einem fremden Bett schlafen und am nächsten Morgen das Haus verlassen, in einer fremden Gegend, als hätte ich mich in der Nacht verlaufen.

“Bedien dich, Cherie”, flötete die Dame des Hauses, “im ganzen Desaster-House sind genug leere Betten. Suche dir einfach eins aus.. à la vôtre!”

Ich steuerte einfach das erstbeste Zimmer an und knallte mich aufs Doppelbett, dessen Tagesdecke schräge Motive zierten, die ich nicht kapierte.  Irgendwelche Geometrie, Zirkelgeschäfte. Ich zog Schuhe und Hose aus. Auf dem Nachttisch lag ein Diercke Welt-Atlas und eine Schachtel Pralinen. Ich riss das Zellophan von der Packung und stopfte mir ein paar Schokoböhnchen in den Mund, die Finger im aufgeschlagenen Atlas. Ich tastete die Südspitze von Südamerika ab. Feuerland, las ich. Das war Feuerland? Die Tür ging auf. Als die Unordentliche mich sah, musste sie erst lachen, doch schnell schlug ihre Stimmung um. Sie wurde aggressiv, richtig böse.

“Was ist denn mit dir los?” verstand ich nicht, was los war.

“Na, was zum Henker würdest du denn sagen, wenn ich das Bett deiner Eltern einsauen würde??”

Ihr Gesicht nahm gefährlich zickige Züge an, und sie warf das Roßhaar in den Nacken.

“Ich saue hier nichts ein”, erwiderte ich, auch wenn ich mir da nicht so sicher war. “Aber okay, ich kann auch woanders hin. Kein Problem.”

Ich schnappte meine Klamotten, die Schachtel Pralinen und den Welt-Atlas, und verschwand eine Tür weiter, ins nächste Zimmer. Es war kleiner und sah weitgehend unbenutzt aus, ein Gästezimmer. Was die Möblierung betraf, so  erkannte ich auf Anhieb Interlübke, ein in weiß gehaltenes Kompaktschlafzimmer. Meine Eltern hatten in jüngeren Tagen lange darauf gespart, und als sie sich 1970 endlich ein Interlübke-Schlafzimmer leisten konnten und es aufgebaut vor ihnen stand, weinte Mutter vor Freude. Ich warf den Atlas aufs Bett und mich gleich hinterher. Ich wollte nur noch schlafen. Am frühen Morgen erwachte ich mit dem Schädel auf Feuerland, die Nasenspitze direkt vor Kap Hoorn.

Ahoi.

Der Digitalwecker zeigte exakt 12:02, als ich das zweite Mal wach wurde. Regen klimperte gegen das Fenster. Ich setzte mich auf den Bettrand und zog mir die Strümpfe an. Mir war übel. Ich hatte Kopfweh. Die kleinste Bewegung verursachte ein Stechen, als stießen hohe Stuhllehnen gegen papierdünnes Glas. Bevor ich meine Hose anziehen konnte, sank ich zurück ins Bett. Ich hörte Schritte. Die Tür ging auf. Die Unordentliche. Sie lugte ins Zimmer. Ich lag auf der Seite und tat so, als schliefe ich noch.

“Ich lasse mich krankschreiben”, hörte ich eine überraschend klägliche Stimme. “Aber erstmal hau ich mich noch zwei Stunden aufs Ohr. Kaffee ist unten in der Küche, und ein Brot kannst du dir auch schmieren, wenn du magst. Fühl dich einfach wie zu Hause.”

Sie schloss leise die Zimmertür.

Im Wohnzimmer, das mir kleiner und gedrungener erschien als in der Nacht zuvor, griff ich mir eine Camel ohne vom Tisch und ging erstmal ordentlich scheißen. Ich stöberte im Badezimmer nach Rasierklingen, so was konnte man immer gebrauchen, fand aber keine. Es gab nur Elektrorasierer, die Scherblätter intakt. Ich mochte aber keine Elektrorasierer, und ich mochte auch keine Väter, die Elektrorasierer benutzten. Solche Männer rasierten sich nicht, um sich zu erfrischen und zu entspannen, sie traten lediglich dem Wildwuchs von Barthaaren entgegen, eine rein mechanische Angelegengheit, ohne jegliches  Spitzengefühl.

Ich strich durchs Haus, landete in der Küche. Die Kaffeemaschine war in Betrieb, ich goss mir eine Tasse ein. Die Brühe war nicht nur kalt, sie schmeckte so grässlich, dass ich sie augenblicklich aus dem Hals zurückholte und in die Spüle ausspuckte. Blöde Kuh, dachte ich. Was erzählt die von frischem Kaffee. Ich steckte mir eine weitere Camel ohne an und warf einen Blick in den großen Wohnzimmerschrank, auf der Suche nach einer ausklappbaren Schrankbar, in der notdürftig verschlossene Glaskaraffen voller altem Scotch und Dujardin verrotteten.

Ich fühlte mich halb in einer Derrick-Folge, halb in einem x-beliebigen amerikanischen Roman, in dem spätestens auf Seite 10 erstmals der Satz kam: er mixte sich einen Drink. Wenn man amerikanischen Romanen Glauben schenken durfte, schien ganz Amerika den Feierabend mit einem Drink in der Hand einzuläuten, niemals soff ein Amerikaner direkt aus der Flasche.

Na toll.

Auf dem Sideboard entdeckte ich die Weihnachtspost. Sie bestand aus zwei Postkarten. Eine war in der DDR abgestempelt, eine in Braunschweig. Zwei Karten, zweimal der gleiche Tenor: Wieso lasst Ihr nichts mehr von Euch hören? Lebt Ihr noch? Über dem ganzen Haus lag eine leichte Fäulnis, ein unsichtbares und engmaschiges Tuch des Todes.

Ich liess mich auf dem Vollschaumsofa nieder, da war ich nicht allein. Da saßen zwei nagelneue Porzellan-Puppen, lieblos in die Sofakissen gedrückt. Daneben, auf einem Teewagen, ein Porzellanpuppen-Bildband. Beim Durchblättern stieg mir ein Geruch in die Nase, der mich an den druckfrischen Hochglanzporno erinnerte, den ich als Halbwüchsiger bei meinen Eltern im Schlafzimmerschrank gefunden hatte. Von dem ich lange nicht lassen konnte. Es war wie immer nach einem versoffenen Abend. Wenn ich aufwachte, war ich geil. Es war keine wirkliche Geilheit. Es war wie durstig sein und ein Glas Wasser runterstürzen. Einen Berg Plankton auskotzen.

Ein Regenschauer klatschte gegen die Panoramafenster. Im Garten miaute eine fette graue Katze, sie wollte rein. Ich versuchte, die Verandatür zu öffnen, kam mit dem Mechanismus nicht zurecht. Die Tür knarrte, bäumte sich auf. Ich fluchte, die Katze fluchte, der Regen flutete den gräulichen Rasen. Endlich schnappte die Tür auf. Das Vieh musterte mich skeptisch, drängelte sich rein.

Es schlich um mich herum. Ich hockte mich nieder, auf den flauschigen Teppich, der alle Geräusche schluckte. Es hatte aufgehört zu regnen, nur das Ticken einer Wanduhr war zu hören. In Häusern, in denen nichts zu hören ist bis auf das Ticken einer Wanduhr, stockt einem der Atem vor lauter Stille. Es ist, als greife der Tod nach einem. War die Familie wirklich in Urlaub, wie die Unordentliche behauptet hatte? Oder lagen Vater und Mutter den Schädel eingeschlagen in der Mansarde, dem einzigen Ort, zu dem kein Zutritt war?

Ich holte meinen Schwanz raus und ließ die Katze daran schnuppern. Ich spürte ihre Schnauzhaare. Sie war fett. Sie trollte sich. Sie war wahrscheinlich der Familienkater. Ich war ein einsamer Bauer in den Pyrenäen, der sich aufs Feld schlich und heimlich einen dicken Esel bumsen wollte. Verdammt. Ich saufte zu viel. Ich soff. SIFF. Himmel! Ich kannte nicht einmal mehr die Vergangenheitsform von saufen, weil sich mein verfluchtes kleines Dasein ständig im Hier und Jetzt abspielte, auf dem kläglichen Transportband zwischen Vergangenheit und Zukunft, ohne jegliche Reflexion. Ständig stand ich neben mir und beobachtete, was der Kerl wohl als nächstes tat. Das war alles. Die pure Gegenwart. Mehr war nicht.

Himmel, half!

Ich war am Ende. Der Mensch war am Ende. Irgendwann würde er nach Afrika zurückkehren. Er würde den aufrechten Gang verlernen und wieder oben in den Bäumen leben. Nur wie wir die verfluchte Gefrierkombination hinauf kriegten, stand noch in den Sternen. Die Katze kam zurück. Ich saß auf dem Teppich. Sie hatte Vertrauen gefunden, drückte sich an meine nackten Beine. Es dauerte keine fünf Minuten, da hatte ich die Hose angezogen, die Schuhe geschnürt, das Haus verlassen.

Ich stand draußen im Eingang. Ein sanfter Regen setzte ein, als stünden Engel vorm Urinal. Ich versuchte mich zu orientieren. Jemand schneuzte sich. Im Erdgeschoss war das Fenster auf Kipp. Die Unordentliche. Sie war erkältet. Ich hörte ein leises Strampeln, knöpfte den Mantel zu, und ging.

*

Fortsetzungen:

Der Schuss

Transportschaden

Wenn das Herz zusammenkracht

Hey, du bist nicht krank, sagt sie. Du bist gerettet worden! Eine tolle Sache!

*

Gerettet worden..? Ich hab schlechte Laune, und wenn ich schlechte Laune hab, ist mir alles zu viel. Noch die geringste Anforderung nervt.

- Die Leute werden lästig -, sag ich.

- Welche Leute? -

- Na, die hier. Schreiben Emails und Kommentare, rufen an, quasseln die Mailbox voll.. -

- Bist du doof? Die wollen wissen, wie es dir geht. Die machen sich Sorgen.  -

- Aber ich hab doch geschrieben, was passiert ist. Wie es mir geht. -

- Du meinst diesen einen Eintrag? -

- Ja. -

- Also, wenn man das liest, könnte man fast auf die Idee kommen, dir gehts nicht besonders. -

- Stimmt ja auch. Ich hab zu nichts Lust. Nicht mal zu schreiben. -

- Du brauchst doch nur kurz zu bloggen, hallo, ich lebe noch, aber ich brauche ne Pause. Ich komm wieder. Das reicht doch. Keiner erwartet eine grosse Geschichte.. -

- Ich hab keine Lust. -

- Ja. Das hast du bereits gesagt. -

Ich werd bockig.

- Ich kenn die Leute doch gar nicht. Das sind doch keine Kumpel wie Karlos oder Schnaat… -

- Natürlich kennst du die Leute nicht. Aber die Leute kennen dich. -

- Die kennen mich? -

- Natürlich. Die lesen dich doch. -

- Ach so.. ja. (Ich bin plötzlich gerührt.) Stimmt.. -

- Also, antworte den Leuten ruhig mal. Muss ja nichts großes sein. Das erwartet auch niemand. -

- Gut. Ja. -

*

Schon als Kind hab ich mich stets zurückgezogen, wenn ich Fieber hatte und krank wurde. Ich bin dann immer ganz still geworden und hab mich im Bett verkrochen, in die hinterste Ecke. Selbst aufs Klo gehen war mir lästig, ich hab so lang angesammelt, bis ich fast platzte.

*

Hab seit fünf Wochen nicht geraucht, und was passiert? Ich nehme zehn Pfund ab. Normalerweise wächst Rauchern eine englische Drops-Plauze, wenn sie das Rauchen aufgeben. Eine de Beukelaer-Zone.

Obwohl, dass ich überhaupt keine Zigarette angepackt habe, das stimmt ja auch nicht.

Als ich noch im Klinikum war, die Station aber schon verlassen durfte, hab ich mir draussen eine Kippe geschnorrt, aber nicht angezündet. Nur in den Mund geschoben. Wie Lucky Luke, bei dem qualmts auch nie. Der hat nur einen Stummel im Mund. So bin ich runter zur Ambulanz, weil da gerade ein Rettungswagen um die Ecke bog.

Seit ich selbst in so einem großen roten Kasten durch die Strassen geflogen bin, höre ich anders hin, wenn eine Sirene sich nähert. Als wären die vielen Male zuvor bloß Staffage gewesen, jahrelanger Probealarm. Seit dem Herzinfarkt liege ich in jedem gottverdammten Ambulanzwagen, der durch die Strassen tobt. Seit mir das Leben gerettet wurde, wird mir jedes Mal das Leben gerettet. Auch wenn jemand anderes hinten drin liegt: Ich bin das.

Ich stand also unten an der Ambulanz, die Kippe lässig im Mund wie Lucky Luke, und schaute zu, wie die Türe des Rettungswagen sich öffnete und ein Mensch auf einer Bahre herausgeschaufelt wurde. Ich konnte nicht erkennen, ob der Mensch verunfallt war, ob es ein blutender, ein hustender Mensch war oder mehr ein verinnerlichter. Schlaganfall, und so.

Keine acht Tage zuvor war ich an gleicher Stelle eingeliefert worden, länger war das noch nicht her, doch jetzt, wo ich mir das routinierte Spektakel anschaute, fühlte ich nichts, gar nichts, nur das Brennen der heissen Nachmittagssonne im Nacken.

“Haben Sie Feuer?” fragte ich eine Raucherin, die mit zwei anderen Raucherinnen zusammenstand. Sie zündete mir die geschnorrte Zigarette an, ich nahm drei hektische Züge und trat die scheiß Kippe auf dem Betonboden aus.

Schluss jetzt.

*

Sie rauschen in ein energetisches Loch, so stand es geschrieben.

Das waren genau die Worte, die Sanne einen Tag vor meinem Infarkt aus dem Wochenhoroskop vorlas, aus unserem Wochenhoroskop, wir sind schliesslich unter ein und demselben Sternzeichen geboren, Jungfrau, aber es gibt Worte, auf die reagiere ich nicht, die rauschen an mir vorbei, als wären sie niemals gesprochen worden.

Nicht in meinem Beisein.

Worte wie energetisch oder “Kohlenstoffwelt”, oder wie PARAMETER. Kotzworte, mickriger Füllstoff, auf den die Leute auch noch stolz sind, wenn es aus ihren Mäulern kraucht. Modebuchstaben mit eingebautem Ausrufzeichen, Angeberworte. Aber nicht die Art Angeberworte, die man aus einem offenen Karman Ghia aufschnappt, der bei Schneetreiben an der roten Ampel steht, nichts imposantes, nichts witzig-krachledernes, bloß plumpes Aufplustern. Aber was juckt mich das noch. Jetzt, wo mir das Herz zusammengekracht ist. An einem Donnerstag im Mai. Halb elf am Vormittag.

Juckt mich das alles nur noch am Rande.

Denn plötzlich kracht mir das Herz jeden Vormittag zusammen. Immer, wenn der Uhrzeiger auf halb elf vorrückt. Spätestens 10 Punkt 40. Zieht es im Herzen. Durchzug, Kammerflimmern.

Panikattacken.

- IST DER HERR PANIK-ATTACHÉ ZU SPRECHEN?! -

- NEE, DER IST SCHON WEG! IST SCHON GEFLÜCHTET! -

Nicht, dass ich darauf hinzielte, dass ich mir Panik wünschte, natürlich nicht. Nein. Es passiert einfach. Jeden verfluchten Vormittag, an dem ich mein Zuhause verlasse, verlassen muss, kommt das Trauma über mich als eine Reihe schwerer Körpertreffer: wie an dem Tag, als ich am Fronhof langsam zu Boden ging und niemand war da, der mich anzählte. Kein Ringrichter, der so was kommen gesehen hätte. Kein Trainer mit weissem Handtuch in der Hinterhand. Niemand war da. Nur ich und mein Hund und ein paar Menschen, die nicht darauf vorbereitet waren, einem Mann gegenüberzustehen, dem, käsebleich und schwitzend, gleich das Herz zusammenkracht. Wie auf einem Schrottplatz.

(Die Retter kamen später. Die Retter kommen immer später. Man liebt die Retter dafür, dass sie später kommen.)

*

Intensivstation, 13 Uhr 30.

Vor anderthalb Jahren lag mein Vater auf der Intensivstation, mit einem schweremn Herzinfarkt, und ich schrieb: Auf der Intensivstation liegen Männer und Frauen Bett an Bett, es wird kein Unterschied gemacht zwischen Männern und Frauen, es gibt nur einen Unterschied auf der Intensivstation, das ist der Unterschied zwischen Leben und Tod.

Einige Monate später starb meine Mutter auf der Intensivstation an einem Herzanfall, und jetzt lieg ich selbst mit einem Infarkt auf der Intensivstation, höre das Auf und Ab der Beatmungsschläuche, die meine Nachbarin mit Atemluft versorgen.

Ich weiss nicht, wie die Frau aussieht, die keine drei Meter von mir entfernt mit dem Tode ringt. Ein weisser Rollverhang verstellt den Blick auf ihr Bett, nur gelegentlich, wenn ich mich ein Stück aufrichte, sehe ich ihre Füße am Bettende, nackig, reglos.

Ich höre die Gespräche der Schwestern, wenn sie die unbekannte Nachbarin umbetten, wenn sie einen neuen Verband anlegen müssen, oder wenn irgendetwas geswitcht wird.

“Nicht erschrecken, liebe Frau Meyer, wir switchen Sie jetzt.”

Was wird denn da geswitcht? wollte ich die Schwester noch gefragt haben, aber dann hab ichs vergessen.

Krankenschwestern auf der Intensivstation sind bemerkenswert zuvorkommend, fast warmherzig, geschult vom Elend, vielleicht, keine Ahnung. Schwester Simone wohnt übrigens am Kannenhof, ein paar Blocks nur entfernt. Sie ist es auch, die mir am zweiten Tag den einzigen TV-Apparat der ganzen Station ans Bett rollt, damit ich das Pokalfinale sehen kann.

Die meisten Patienten gucken hier sonst kein Fernsehen, kichert sie.

Schwester, sag ich, was ist mit der Frau neben mir los?

Ich erfahre, dass sie schwer lungenkrank ist und tags zuvor einen Luftröhrenschnitt erhalten hat, ansonsten aber austherapiert ist.

“So liebe Frau Meyer, nicht erschrecken, wir müssen nur kurz die Beatmungsschläuche tauschen.”

Es sei unklar, so Schwester Simone, ob die arme Frau überhaupt noch etwas mitkriegt.

Ja, ist sie denn im Koma?

“So ähnlich”, sagt sie ausweichend.

Die Schwestern sprechen dennoch mit der Patientin, als verstünde sie jedes Wort, als ich Samstagmorgen, halb im Bett liegend, halb sitzend, in Zeitlupe Kaffee und ein Brötchen mit Marmelade frühstücke. Ich trage ein weisses Plastikbändchen am Handgelenk mit Namen, Geburtsdatum und Fallnummer, sowie ein frisches hellblaues Engelshemdchen am Leib, hinten offen, die Arschbacken frei.

Können Sie mir das mal zubinden, Schwester?

Die ständige Alarmbereitschaft der Apparaturen rund um mein verkabeltes Bett, medizinische Hochleistungsapparate, die LIFE VIEW heissen und INTELLI-VIEW und an Baywatch erinnern, an braungebrannte Rettungsschwimmer, jederzeit bereit, ein absaufendes nölendes Herz aus den Fluten zu heben, einen Schlaganfall zu glätten, komm her, du! Falscher Hase! Wir retten dich.

Wir betten dich um.

*

Seit der Lucky Luke Kippe gönnte ich mir noch zwei weitere Zigaretten, hab an beiden aber nur ein Mal gezogen. Macht insgesamt fünf Lungenzüge in fünf Wochen, bei fünf Kilo Verlust an Bauch, macht pro Zug ein Kilogramm weniger. Das ist doch kein richtiges Rauchen mehr. Kein heiliger Akt, keine Medicine. Nein, vorbei. Künftig heisst es, wie es schon mal geheissen hat, damals, als wir uns kennenlernten,

Erprobung herzstärkender Mittel.

Thomas Kling, Eremitenpresse, 1985.

*

“Da sind Sie dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen”, so Schwester Simone beim Anlegen der bunten Krokodilsklemmen. Sie will ein EKG anfertigen. “Das war sozusagen Rettung in allerhöchster Not.”

Tatsächlich war eine der drei Hauptarterien, die das Herz mit Blut versorgen, schon seit geraumer Zeit dicht. “Der Herzmuskel wurde nicht mehr mit Blut versorgt.” Die zweite Arterie war nur noch zu 20 Prozent offen und die dritte so akut mit Plaque verstopft, dass es den Infarkt auslöste.

“Sie haben mächtig Massel gehabt, dass Sie so schnell im OP gelandet sind. Stellen Sie sich nur mal vor, Sie wären gestern im Wald gewesen. Das hätte unter Umständen viel zu lange gedauert bis ..”

“Ich war vorgestern im Wald,” sag ich, fast ein bisschen empört. Tief im Wald, mit dem Hund, Stöckchenwerfen.

“Na, sehen Sie.” (Große Augen.)

*

Als ich noch im Klinikum lag, rief Karlos zwei Mal zu Hause an und hinterliess kurze Nachrichten auf der Mailbox, jeweils gegen 19 Uhr. Er hatte keine Ahnung, was passiert war, dass ich im Krankenhaus lag. Er forderte mich auf, alles stehen und liegen zu lassen und in Turnschuhen und Trainingshose, “hast du noch die alte blaue von adidas?”, runter zum Käfig zu kommen, eine halbe Stunde kicken. “Ich bin seit gestern wieder im Training. Los, Glumm, mach hin, ich bin in fünf Minuten im Käfig.”

Sanne hörte die Nachrichten ab und war sich nicht sicher, ob sie Karlos zurückrufen solle, ob mir das recht wäre.

“Nee, lass mal. Ich rufe Karlos selbst an.”

*

“Ich konnte nicht zum Käfig kommen”, sagte ich ein paar Tage später am Telefon zu Karlos, “ich hatte einen Herzinfarkt.”

Und dann erzählte ich ihm, was passiert war an diesem 10. Mai 2012. Erzählte ihm vom Sofa in den Gemeinderäumen der Evangelischen Stadtkirche, im Untergeschoss, wohin ich geflüchtet war, als ich mir in der Innenstadt, genauer: am Fronhof, nicht mehr zu helfen wusste, mit diesem elenden Getrampel in der Herzgegend, mit Frau Moll an der Leine, mit dieser scheiß Angst zu sterben, und doch: wie seltsam kühl mich alles liess. Fast ein wenig.. lästig.

(Diese überraschend alltäglichen Gedanken, die mich beherrschten, als der Tod schon anklopfte: wohin mit dem Hund, wenn der Krankenwagen kommt, obwohl mir doch klar war, dass gerade etwas schlimmes in meinem Körper vorging. Denkt man nur alltägliches Zeugs.)

Ich erzählte Karlos von den Minuten auf dem Sofa, dem Warten auf den Rettungsdienst in den gebohnerten Gemeinderäumen der Stadtkirche, in der Karlos Vater lange Jahre als Küster gearbeitet hat. Wo wir ihn als Teenies oft aufsuchten, weil Karlos einen Schlüssel abliefern sollte, oder weil sonst eine Kleinigkeit zu tun war. Ein Konfirmandenunterricht vorbereiten, Kaffekochen, Kuchen anschleppen.

Können wir noch etwas für Sie tun? fragten die Gemeindeleute, nachdem sie die 110 gewählt hatten, aber ich schüttelte kaum merklich den Kopf und flüsterte: “Nein. Ich hab einen Herzinfarkt. Vielleicht ein Glas Wasser.”

Suche einen Ort, der dir gut bekannt ist, wenn der Tod anklopft mit langen dürren Fingern. Wenn noch Zeit bleibt. Wenn man es sich noch aussuchen kann. Das beruhigt.

Ausgerechnet am Fronhof.

Ich war mit dem Hund auf dem Weg zur Sparkassen-Filiale am Fronhof, bin schnell gegangen, hastig fast, an diesem bleiern-schwülen Vormittag. Bekam plötzlich schlecht Luft. Erst glaubte ich, es wäre das übliche Asthma. Das, was ich immer glaubte in der letzten Zeit, wenn es irgendwo steil bergauf ging. Ich inhaliere zwar seit langem kein Spray mehr, doch wenn ich den steilen Klauberg hochging, um meinen alten Vater zu besuchen, musste ich nach der Hälfte stehenbleiben und pausieren. Und jedes Mal dachte ich: Verdammtes Asthma. Scheiss Kippen. War aber kein Asthma. War das Herz.

Am Fronhof liess ich die Sparkasse links liegen, versuchte Luft in meine Lungen zu lassen. Vorbei am Hähnchengrill, vorbei an der Laderampe des Kaufhof, vorbei am Obststand, an dem Erdbeeren verkauft werden, Erdbeeren aus den Leichlinger Sandbergen. Eine lokale Spezialität.

“Sie auch junger Mann? Eine schöne rote zum Probieren?”

Den Hund an der Leine ging ich über den leeren Platz, der grau schimmerte im Sonnenschein, die fröhliche weibliche Stimme aus den Sandbergen verfolgte mich.

“Möchten Sie auch mal kosten, junge Frau? Nee, nicht zum Sattessen. Ist zum Sattessen zu schade.”

Gelächter, und mir gehts immer schlechter. Das ist kein Asthma, denk ich zum ersten Mal, das ist nicht in der Lunge, das ist in der Brust. Das Herz. Da drin ist alles dünn. Dazu dieses stückweise Hinweggleiten, wie bei einem fremden, gleichwohl bekannten Manöver. O LAND LAND LAND, HÖRE DES HERREN WORT. Ausgerechnet.. am Fronhof.

Und wenn ich ins Krankenhaus muss? Wohin mit dem Hund? Der lässt doch keinen Sanitäter an dich ran.. Der verteidigt dich, auch wenn du erste Hilfe brauchst. Der beisst den Feind weg. Ich lasse mich auf einer der grünen Drahtbänke nieder. Versuche, zu entspannen. Zu relaxen. Auf dem Rücken liegen. Geht nicht. Ein Schulmädchen im Sommerkleidchen, wippende weisse Waden, fröhlich im Gemüt, nehme ich noch aus den Augenwinkeln wahr, als der Tod, die Kanaille, schon den Schlüsselbund hervorzieht, es rasseln lässt.

Ich versuche es mit einer Entspannungsübung wie beim RSV früher, wenn ich nach einem langen Sprint k.o. war: den Rücken durchdrücken, dabei die Arme hinterm Kopf kreuzen. Das entlastet die Lunge. Jetzt nicht. Nichts entlastet mich. Ich bin in ein Stahlkorsett gepresst, das Korsett zieht sich enger zu. Ich kann kaum noch durchatmen. Es ist, als hätte meine Lunge auf magere Schnappatmung umgestellt. Mageratmung. Ist das Sterben? So schmal? So dumpf, so mager?

Mein Bewusstsein schwindet, taucht sekundenweise ab, und immer hektischer werden meine Schritte, gleichzeitig kraftloser. Beinah.. milde. Wind fegt über den grauen leeren Platz. Links die Treppe, wo die Solinger Lieferfrau ihr Denkmal hat, die Stufen runtertaumeln, dann keine 20 Meter bis zum Hintereingang der Stadtkirche. Die Eingangstüren liegen im Schatten, sind geöffnet, ausnahmsweise. Ich geh in den Flur. Im Vorraum lege ich mich auf eine Holzbank, auf den Rücken, es riecht nach Politur. Ich will sterben, sag ich. Wispere ich. Ich will diesem Zustand entfliehen. Dieser Schwäche, die wie ein schweres knochiges Tuch über mich niedergeht.

Ich kauere in der Ecke.

Der Hund, die ganze Zeit dabei, angeleint, blickt mich an. Unsicher. Die Contenance wahrend, mühsam. Jetzt langsam den dunklen Flur hinunter, ich höre Stimmen hinter verschlossenen Türen. Wohin mit dem Hund, wenn der Krankenwagen kommt? Der kann ja wohl kaum mitfahren. Ich kann mich nicht entscheiden, geh den Flur zurück, in den Vorraum. Mit kleinen Schritten. Schwitzend. Das Bewusstsein.. wegrutschend, der Brustkorb ein Barren, dem die Holme wegbrechen. Als hätte ich Tag und Nacht Filterlose geraucht, und jetzt fliegt mir der Laden um die Ohren. Die Schläuche.

Bevor ich alles aus der Hand gebe, falle ich einen Entschluss: du willst nicht sterben, nicht hier. In einer Kirche schon, das geht in Ordnung, an sich, doch nicht in den Gemeinderäumen. Bei Kaffee und Kuchen. Zurück, den dunklen Gang hinunter. Als ich anklopfen will, öffnet sich eine Tür. Schweiss pläddert an mir runter, als käme ich aus einem unbekannten Platzregen. Erschrockene Blicke.

Können Sie den Notarzt rufen? Ich hab einen Herzinfarkt.

*

Juli 1977, Chalon-sur-Saône

Nachmittags besuchte ein Teil der Gruppe eine antike Burganlage. In dem Gemäuer war es schön feucht und schattig, doch nach einer Weile wurde uns langweilig, Pepe und ich seilten uns ab. Ich hatte den kleinen schwarzen Cassettenplayer von Grundig dabei, ein Monogerät, mit dem wir uns abseits der kopfsteingepflasterten Wege im Gras niederließen und Groovin’ hörten.

Ich hatte den Song auf einer verstaubten Langspielplatte meiner Eltern entdeckt, Spitzenreiter 1967, und gleich drei Mal hintereinander aufgenommen. Ein Klassiker, hemmungslos altmodisch, mit Vogelgezwitscher und Ah-haa-haaa-Chorus, leicht wie der Atem, der um eine Mundharmonika streicht, bevor er das Instrument entert. Pepe schloss die Augen und lächelte, und ich schaute Pepe beim Lächeln zu, in der endlosen Sonne von Burgund.

(Als Karlos um die Ecke kam, lächelte er.)

Dass ich Groovin’ gleich drei Mal hintereinander aufgenommen hatte, störte weder Pepe noch Karlos und war Taktik. Wir konnten den Hals nicht vollkriegen von Dingen, die uns gefielen. Wir waren sechzehn und strukturell süchtig, bevor wir überhaupt nur eine Ahnung davon hatten, was Sucht bedeutete: endlose Wiederholung nämlich

endlessly groovin’.

Couldn’t get away too soon.

Juli 1977, Jugendaustausch. Mit zwanzig Jungs und Mädchen aus dem Haus der Jugend ging es nach Chalon-sur-Saône in Burgund, einer Partnerstadt von Solingen. Weil das örtliche Maison de L’Enfance zu klein war, hatte man uns in einem neu gebauten College in der Rue Jules Ferry einquartiert. Wir belegten eine ganze Etage, jeder hatte sein eigenes Zimmer, mit Blick auf einen Park mit künstlich angelegtem See. Es war komfortabel wie im Hotel, mit dem Unterschied, das wir tun und lassen konnten, was wir wollten, die Betreuer logierten ein Stockwerk tiefer.

Außer Pepe und Karlos war auch der Mitsubishi Boy mit von der Parie, der zumeist irgendwo im Schneidersitz herumsaß und auf der Gitarre schrammelte. Ein schüchterner gutaussehender Bursche, ein echter Beau. Wir waren in der selben Schulklasse und holten uns nach Schulschluss schon mal gegenseitig einen runter.

Dann war da noch dieser ungewaschene Knabe, der selbst bei 30 Grad im Schatten einen Deutschland-Parka trug und den alle nur Fischkopp riefen, (nach einer Weile auch die Franzosen, Fichköp), und da war Mickes, unser Houdini der Ironie, der jeden Morgen den Frühstücksraum mit der gleichen gespielten Überraschung betrat: “Jessas..!” rief er, sobald er am Buffet die üblichen Marmeladentöpfchen und den Korb voller Baguettes zu Gesicht bekam, “Orangenkonfitüre und Knüppelbrot!! Sen-sa-tio-nell!” Dabei machte er die gleiche gelangweilte Geste, mit der ein Magier das Kaninchen aus dem Hut zaubert.

Gegen Ende der Ferien ging Mickes zu “Orangeade, Kinder, Waaaahnsinn!” über, bis er am Tag der Abreise das monotone Konfitüren- und Weissbrot-Fiasko ein allerletztes Mal auf den Punkt brachte, “Orangenkonfitüre und Knüppelbrot!! Sen-sa-tio-nell!”

Natürlich hatten sich auch Mädchen für die Fahrt angemeldet, doch aus unserer Clique war lediglich Gudi an Bord, die Perle von Karlos. Eine leidenschaftliche Rothaarige, schwer okay und immer hilfsbereit, wenn einer von uns Jungs eine Latte hatte, die er partout nicht gebändigt kriegte. Pepe und ich waren frei, unsere Mädchen waren daheim geblieben. Keine Keule, kein Geheule, sangen wir, no woman no cry.

Täglich trafen wir uns mit den einheimischen Jugendlichen vom Maison de L’Enfance und unternahmen etwas. Einmal waren wir bei einem Weinbauern zum Essen eingeladen.

Ein Sommerabend auf dem Land, eine lange Tafel in einem gemütlichen Baumhof, umgeben von hohen Hecken. Die Spezialität der Region, Poulette de Bresse, wurde aufgefahren, und es gab ausnahmsweise sogar etwas Tafelwein für uns. Vom Pastis unterm Tisch ahnten die Betreuer nichts.

Als es dunkel wurde, hörten wir ein Motorrad näherkommen, eine schwere Maschine. Das fiel schon deshalb auf und brachte den Tisch zum Schweigen, weil sonst nichts als das Zirpen der Grillen zu hören war, so still war es auf dem Land. Plötzlich hörte man, wie das schwere Gerät, und zwar ganz in der Nähe, direkt hinter den hohen Hecken, vom Weg abkam und wegrutschte. Ganz trocken. Zu hören war nur dieses sekundenlange monströse Wegrutschen von Motorradreifen auf einer Landstraße, ein Sound, der nicht zu den feierlich zusammengeschobenen Tischen und den darüber baumelnden Lampions passte.

Dann Stille. Kein Aufprall, kein bums, bloß Stille. Die gleiche Stille wie in der Kindheit, wenn man vom Rad stürzt und man liegt da und die Reifen drehen sich über einem in der Luft und tun so, als wäre alles wie gehabt, dabei ist der Boden plötzlich woanders und die Knochen tun weh.

Wir sprangen von unseren Stühlen auf, wollten zum Tor hinaus, jedenfalls einige von uns – ich nicht. Ich blieb sitzen. Der Gastgeber und andere Weinbauern schnappten sich Fackeln, die im Garten verteilt brannten, und eilten vom Grundstück. Noch bevor die Ambulanz und die Gendamerie eintrafen, hörten wir Stimmen von der Unfallstelle, Schreie, hilflosen Tumult.

Der Motorradfahrer war von einem Nachbarhof gekommen, und er war sofort tot gewesen.

Der Mitsubishi Boy war einer der Ersten an der Unfallstelle. Der Fahrer lag im Graben, der Helm war zerbrochen. Ein Büschel Gras quoll aus seinem Mund, oder Moos, der Mitsubishi Boy wollte es herausziehen, “ich dachte, der erstickt doch!” “Nicht anfassen!” schrie unsere Betreuerin. Mittlerweile war ein zweiter Motorradfahrer eingetroffen. Er hielt kurz an, brüllte so etwas wie “Mama!” und fuhr direkt weiter, um Hilfe zu holen. Die beiden, so erfuhren wir erst später, hatten sich ein Wettrennen geliefert.

“MAMAAA..!!”

Eins der einheimischen Mädchen vom Maison de L’Enfance hieß Christine. Ein sehr stilles Mädchen, der Blick seltsam verloren. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Erst wurde getuschelt, sie habe einen Selbstmordversuch hinter sich, dann hieß es plötzlich, sie sei abhängig von Heroin. Wir waren baff. Heroinsüchtig mit fünfzehn, ging das überhaupt? Wir konnten es kaum fassen. Die junge dunkelhaarige Christine barg ein Geheimnis, war von etwas Dunklem, Unerklärlichen umgeben, doch insgesamt, wenn man darüber nachdachte, schien sie nicht gerade das Wesen vom anderen Stern zu sein, das Heroinsüchtige für uns darstellten. Wir kannten das nur aus der Zeitung.

Alle wollten Christine helfen. Einer jungen Französin, die vielleicht nicht die schönste war, bestimmt aber die charmanteste im ganzen Departement. Besonders unsere deutschen Mädels waren vom Helfersyndrom infiziert und mobilisierten all ihre Kraft. Sie saßen zusammen und tuschelten. Sie tüftelten einen Turboentzug aus, mit viel Wandern und Schwimmen. Und wenn Christine clean war, wollten sie auch anderen französischen Drogensüchtigen helfen. Es gab erste Pläne für ein Schlampenwohnheim und Therapiehäuser, rund um Chalon.

Christine ahnte nichts von all dem. Sie trug Boots und ein lässiges blaues Jungshemd, bei dem die oberen zwei Knöpfe fehlten. Sie hatte schwere Burgunder Brüste, die sie nicht versteckte, aber auch nicht wirklich zur Schau trug. In ihrem Blick war etwas ängstliches, scheues, andererseits sehnte sie sich nach Freiheit, wollte niemandem gehören, nur sich selbst. Sie war Raubkatze und sie war Wärmflasche, wie es nur mit 15 funktioniert.

Und nicht mal ihre beste Freundin Joline schien zu wissen, wie es um Christine stand, was mit ihr nun wirklich los war.

Es gibt Fotos aus dem heißen Sommer 1977, als der Punk über die Welt kam, die gleichzeitig mit Elvis Presley ihren König verlieren sollte, in den kommenden, noch heißeren Augusttagen, und es gibt Fotos aus Chalon. Auf einem sitzen wir mit ein paar Leuten auf der Treppe der Kathedrale St. Vincent. Ich mit blonder Löwenmähne, an einer Gauloises saugend, lege den Arm um Karlos, und mein Blick schweift in die Ferne, während Karlos, blaue Turnschuhe, Blue Jeans und schulterlanges blondes Haar, mit offensiven Spielfilmblick in die Kamera blickt. Und exakt in der Bildmitte sitzt Christine, den Kopf gesenkt, hypnotisch-selbstvergessen, eine Fremde in der eigenen Heimat.

Sie sprach kaum je ein Wort. Schien nie wirklich anwesend zu sein, war allein mit ihrem traurigen kleinen Weltschmerz. Sie wirkte älter als die gleichaltrigen Französinnen, denen man bei allem, was sie taten, schon die spätere Ehefrau ansah, die Mutter von zwei Kindern, die pharmazeutisch-technische Assistentin, die Staranwältin, die es, vielleicht, nach Paris schaffen würde, und dann mit 41 auf den Straßenstrich von Lyon.

Bald stellte sich heraus, das wir etwas falsch verstanden hatten. Das passierte häufig. Wir sprachen kein Französisch, die Franzosen sprachen kein Deutsch, und ihr Englisch klang wie ein dünner Unterwasserdialekt. Nicht Christine hatte einen Selbstmordversuch unternommen und Heroin probiert, no no no, die Gefährtin ihres großen Bruders war es gewesen, eine Haschischdealerin.

Als Pepe das hörte, fuhr er sämtliche Antennen aus. Haschisch, das war sein Zauberwort 1977. Sofort machte er sich an Christine heran, radebrechte und versuchte es mit Händen und Stift, er gab alles, und schließlich war es getan. Er überredete Christine, ein wenig Haschisch zu besorgen. Er selbst hätte auch einen großen Bruder, argumentierte Pepe, der auch unentwegt Haschisch rauchte, da müsse man doch zusammenhalten, er blätterte im Schulwörterbuch: coopération, Madmoiselle! International!

Noch am selben Tag brachte Christine Pepe einen kleinen Brösel vorbei, wollte ansonsten aber nichts damit zu tun haben. Sofort scharte Pepe die Leute um sich, mit denen er das Piece zu verbraten gedachte: Ole und mich. Ole, ein hochgewachsener langfüßiger Schreinergeselle, von dessen Schultern aus ich in einer Nacht-und Nebel-und Neuf Pastis-Aktion das Straßenschild Rue de la Banque in der Altstadt von Chalon abschraubte. Vermutlich war auch Karlos zum Rauchen eingeladen, doch der war in diesen Sommerferien kaum präsent, er hatte ja seine Puppe mit.

Gleich am Tag der Ankunft im College hatte er seine Matratze rüber ins Zimmer von Gudi geschoben, und da blieb sie für den Rest des Monats. Nur gelegentlich verließen die Beiden  das Zimmer für kleinere Ausflüge in die Mensa, um sich zu stärken.

Nahe der Rue Jules Ferry gab es diesen kleinen See, den Lac des Pres Saint-Jean, von den die Einheimischennur Le Grand Mare genannt. Um den führte ein Rundweg, und da irgendwo sollte das Haschisch verputzt werden, so wurde es beschlossen. Für mich war es Kiffpremiere, aber das behielt ich für mich. Das musste ja nicht jeder wissen. Der Legende nach hatte ich nämlich bereits im Sommer zuvor, als ich mit meinen Eltern in Zeeland im Urlaub gewesen war, fünf Gelsenkirchener Hippiemädchen kennengelernt, mit denen ich eine dicke Pfeife durchgezogen hatte. Das stimmte sogar, oder doch beinahe, jedenfalls fast, nur dass ich das Inhalieren des Rauches nur simuliert hatte, als ich an der Reihe war, und dann die Pfeife schnell weitergegeben hatte.

Ich war doch nicht bekloppt, hör mal.

Jetzt  aber, in Chalon, gab es kein Zurück mehr. Wir saßen zu dritt am Seeufer. Pepe baute die Tüte, überraschend fachmännisch klebte er die Papers aneinander. Da man den Park erst vor kurzem angelegt hatte, war die Bepflanzung des Geländes eher spartanisch, man wurde das Gefühl nicht los, unter Beobachtung zu stehen. Überall Augen. Kameras.

Christine hatte Pepe noch gewarnt, bloß nicht draußen am Grand Mare zu rauchen, wegen der vielen Flics, die dort angeblich in zivil herumspazierten, gedrillt auf  das Aufspüren von deutschen Haschischrauchern. Dementsprechend hektisch rauchten wir den Joint weg. Als Ole kurz vor dem Filter nochmal an der Reihe war, japste er nervös: “Da kommen Leute!”, und wir zerstreuten uns in alle Winde, als hätten wir Gott-weiß-was angestellt und Leichenteile in einer Pfeife verfeuert. Ich rannte links um den See herum, Pepe und Ole in die andere Richtung. Ich wurde erst langsamer, als klar war, dass mir niemand folgte. Außer Puste verließ ich das Seegelände und tapperte angekifft in die Welt aus Pharmarcie- und Tabac-Reklame, merkwürdig befangen.

Pepe fand ich in dem Bistro um die Ecke. Er stand am Flipperautomat und ließ ungerührt die Kugel gegen das Glas knallen. Ich sah ihn nur von hinten und machte kehrt, bevor er mich entdeckte. Ich flüchtete ins College. Ich wollte allein sein, mit diesem merkwürdigen Himmel in mir. Zum Glück kam mir niemand entgegen, dem ich irgendetwas hätte erklären müssen.

Ich ging auf mein Zimmer mit der Nummer 46, verriegelte die Tür und fiel aufs Bett. Ich hörte das Blut rauschen in den Ohren, in der Ferne die Autobahn. Als es Abend wurde, kamen Leute an die Tür und klopften, riefen meinen Namen, ich antwortete nicht. Ich lag einfach da. Ein bleierner Hunger machte sich breit. Irgendwann schlief ich ein, bei sperrangelweit geöffnetem Fenster. Ich wollte Geräusche hören, unbedingt, die ganze Nacht, auch im Schlaf, und ich mein, klar, da war ja auch ordentlich Kapazität.

Draussen vorm Haus

Ich steh draussen vorm Haus und rauche eine Zigarette und denke: nichts. Jedenfalls nichts besonderes, nur die Art Gedanken, die man hat, wenn einen jemand fragt, was denkst du gerade? und du antwortest “nichts”. Ich rauche, es ist früh am Tag, ein Tag im Januar, und genau in dem Moment, wo ich zu Boden blicke, kommt von oben ein kleiner weisser Klecks nieder. Nur ein Pünktchen, ein Schisslein. Ein Vogelschisslein. Ich bücke mich, um den weissen Punkt in Augenschein zu nehmen. Ja, das hat so ziemlich genau die Konsistenz und Farbe, die man gemeinhin von Vogelkacke kennt, es sei denn, der Vogel hatte zuvor rote Beeren gefressen. Ich steh auf und schaue hoch zu den beiden Birken, leises Vogelgezwitscher ist zu hören, aber nichts zu sehen, die Bäume sind kahl und leer, kein Vogel weit und breit, und da fliegt auch nichts durch die Luft, wahrscheinlich sind die Verursacher längst weiter gezogen. In dieser Haltung, den Kopf im Nacken, blicke ich in den grauen Januarhimmel. Sehe die feingliedrigen Äste der Birken, die weit übers Hausdach ragen, wie ausgemergelte Beatnikperücken, und denke: da oben, da spielt sich das Leben ab, das der Vögel, das ist deren Perspektive – wir hier unten, die da oben. Ihr Vögel, die ihr euch all die vielen tausend Jahre schon scheckig und schimmlig lacht über unsere Weltkriege, unsere Spielfilme, unsere Zigaretten, ihr scheisst uns doch vor die Füße, ohne dass wir es merken. Normalerweise. Ich schnippe die Kippe weg und