Darauf seufze ich einen mit

“Jeden Tag geht irgendwo in meinem Gehirn das Licht an und leuchtet eine der Nischen aus, in denen sich meine Kindheit verbirgt.”

Die Gräfin wuchs am Rande von Düsseldorf auf, in Hochdahl, einem kleinen Garten Eden. Das Zwei-Familien-Haus, (“wir wohnten links und rechts die alte Frau Krämer, die Hühnermörderin, mit ihrer Schäferhündin Senta”), gehörte dem Stromkonzern RWE, für den ihr Vater als Programmierer arbeitete. Der Mietvertrag wurde stets nur um ein Jahr verlängert, weil das Gelände einem künftigen Industriepark im Wege war und abgerissen werden sollte. Das Gute daran: es wurde nichts modernisiert.

Lange Zeit blieb alles, wie es war. Da das Haus nicht an die Kanalisation angeschlossen war, gab es im Garten ein Plumpsklo. Neben der Scheune stand ein Brunnen, aus dem das Wasser gepumpt wurde. Der Brunnen war abgedeckt, damit die Kinder nicht reinfallen konnten. Gebadet wurde einmal die Woche in einer Zinkbadewanne in der Wohnküche, das Badewasser musste auf dem Herd mühsam erhitzt werden, Pott für Pott, Kessel für Kessel.

“Direkt hinterm Haus rauschte ein wilder Bach, der im Sommer schnell Hochwasser führte. Schon ein einziger Sturzregen genügte, und ich war nicht mehr zu bremsen: Anlauf, Köpper – yippiiehhh-yeahh, rein! Der Bach war sauber, aber voller Blutegel. Wenn ich aus dem Wasser stieg, hatte ich die Beine voll bis obenhin. Sofort kam Mutter angelaufen und riss die Dinger runter. Das muss sein!, rief sie immer. Ich hab geschrien vor Schmerz. Aber sobald die Blutegel runter waren, stürzte ich mich sofort wieder in die Fluten. Ich war Tarzan.”

“Tarzan..? Wie, nicht Jane?”

“Na doch, klar. Ich war Tarzan und Jane. Und Cheetah, der Affe. Schon als Kind war ich erst dann glücklich, wenn ich alles auf einmal war.”

*

Wenn sie vom Spielen aus dem nahen Wald reinkam und die schmutzigen Klamotten auszog, durchsuchte ihre Mutter die Taschen, damit nichts in der Wäsche landete, was da nicht reingehörte. Einmal fischte sie eine tote Kröte heraus und fiel fast in Ohnmacht.

“Wenn meine Mutter gewusst hätte, was ich draussen im Wald alles angefasst hab, Frösche, glitschigen Fischlaich und was sonst noch alles, sie hätte mich nicht mehr in den Wald gelassen. Jedenfalls nicht mit Händen.”

“Nun sei mal doch einmal etwas damenhaft!” Ihre Mutter schüttelte verständnislos den Kopf. “Du siehst immer so aus, als würdest du gleich die Bäume rauf wollen.”

“Oh ja, die Bäume rauf!” tanzte die kleine Gräfin durch ihren Garten Eden.

Im Plumpsklo saßen die herrlichsten Winkelspinnen an der Wand, die man sich denken konnte. Sie zitterten bei Durchzug wie Urwaldmonster, und ihre Netze waren immer gut gefüllt. Scheißhausfliegen hauchten darin ihr Leben aus, und bunt schillernde Scheißhauskäfer. Ein Geschäft machen bedeutete immer auch Insekten studieren. Das Prinzip des Lebens kennenlernen: fressen und gefressen werden, oder fliehen und woanders weiterfressen.

Erst als die Gräfin das Teenageralter erreichte, war das Plumpsklo über Nacht nicht mehr zeitgemäß. Sie traute sich kaum noch, Schulfreundinnen heimzubringen, aus Angst, die Mädels könnten sich lustig machten über das stinkige alte WC im Garten und all die fiesen Riesenspinnen.

Das Paradies.

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Als mit 13 die erste Periode kam, deckte sie sich am Kiosk mit Ungarischen Chips ein und blieb zur Freude der Mama endlich mal daheim, mit einem guten Buch, ihrem Lieblingsbuch, dem Buch aller Bücher, noch vor dem Großen Wilhelm Busch-Buch.

“Tom!!”

Huckleberry Finn war ihr großes Idol. So wollte sie leben. Nur der Freiheit verpflichtet, in den Tag hinein. Hin und wieder ein Meerschaumpfeifchen stopfen und in der Tonne wohnen. Unbedingt in der Tonne, ohne Teppich. Teppiche waren ihr ein Gräuel. Man lief so viel besser auf Steinboden. Und barfuß über abgeerntete Stoppelfelder, bis die Fußsohlen bluteten.

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Mark Twains kultivierte, zu Herzen gehende Sprache hatte sie ganz allein für sich entdeckt, in der Autobücherei, die einmal im Monat Station vorm Kemperdieck machte. Sie las Die Abenteuer von Tom Saywer ein ums andere Mal, konnte nicht genug davon kriegen. Es war wie eine Sucht.

“Mark Twain hat meine Lust auf Sprache erst geweckt.”

Zwar ist sie auch ihrem Vater dankbar, der ihr abends vorm Einschlafen gern Gedichte vorlas. Beim Erlkönig musste die kleine Gräfin jedes Mal weinen, wenn der Vater in der dunklen Nacht mit dem Kinde davonreitet, mit wehendem Mantel und bangem Herz, doch das war nichts gegen die Prüfungen, die Tom Saywer und Huckleberry Finn zu bestehen hatten. Zwei Freunde gegen das Böse in der Welt. Und nicht zu vergessen Tante Polly, die so gern eine richtig strenge Tante gewesen wäre, doch ein zu großes Herz hatte.

Das Herz des Mississippi.

“Ach, die Kindheit kommt nie wieder”, seufzt die Gräfin.

Darauf seufze ich einen mit.

“Schätzchen, es kommt niemals auch nur irgendetwas wieder..”

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Wieso siehst du plötzlich aus wie Jürgen Klopp?

Stimmt. Du siehst bald aus wie Jürgen Klopp. Nur noch etwas Drei-Tage-Bart, dann ist es perfekt. Aber wieso eigentlich? Wieso siehst du plötzlich aus wie Jürgen Klopp!? Woher kommt das? Ich kapier das nicht. Da steht man abends am Fenster und wartet auf seinen Mann und dann kommt Jürgen Klopp nach Hause. Also, man ist plötzlich mit Jürgen Klopp zusammen. Schon komisch, Jürgen.

aus: Die Gräfin plaudert

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Benno, der Hundeführer von Solingen

Hundeführer Benno (48) ist eine Institution in unserer Stadt. Seit vielen Jahren führt er Hunde aus, der Rekord liegt bei 17 Hunden gleichzeitig.

Jeder in der Stadt kennt Bennos fröhliches Gebell, “NA, ALLES KLAR? GEHT SO, JA!?”

Wenn der Meister und sein Rudel die Strasse überqueren, wundern sich alle, wie er das hinkriegt. Ein Dutzend Leinen an einem Dutzend Hunde, und nichts verheddert und verknotet sich.

Ein Dutzend Hunde sind immerhin 48 Beine und 48 Pfoten. 12 Schnauzen. 12 scheißende Hintern.

Magie.

Benno ist ein Schäfer, der seine Herde durch die Strassen treibt. Immer eilig, selten hastig.

Selbst wenn Benno siebzehn Rabauken auf einmal ausführt, gibt es niemals Stress, und niemand quengelt. Und spurt doch mal ein Hund nicht richtig, reicht ein kurzes knarzendes Kommando, schon hat Benno wieder den Respekt der Truppe.

Wenn also Martin Rütter der sozialisierte Super-Rüde unter Deutschlands TV-Hundepsychologen ist, dann ist Benno einfach Benno,

mitten unter uns.

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Mehr Solinger Gesichter von Susanne Eggert auf

Citronenbusen

Lümmel ist ein Wilhelm Busch-Buchstabe

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Lümmel ist ein Wilhelm-Busch-Buchstabe.

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Wenn man den halben Tag vorm Computer sitzt, gibt es irgendwann nur noch den Bildschirm, dich und drumherum Schwärze. Am PC bist du ähnlich wie ein Planet, der durchs Universum rauscht.

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Wahrscheinlich ist alles minutiös geplant. Damit man am Ende des Lebens die Schnauze dermaßen voll hat, dass man froh ist, wenn es vorbei ist.

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Die Zeit lässt sich nicht zähmen, mit der Zeit muss man anders umgehen: Wenn sie vorbeigelaufen kommt, musst du aufspringen und mitfliegen.

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Alle wollen jung sein. Dabei birgt das Alter das Geheimnis.

Die Gräfin

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Irgendwie imponiert einem das ja, wenn sich jemand treu bleibt, auch wenn alle Anderen rufen: Du bist ein Arsch! Und als ich ihn jetzt im Fernsehen gesehen hab, fand ich ihn zum ersten Mal schön, mit so viel Schmerz im Gesicht. Zum Schluss ist er doch noch ein Mensch geworden wie du und ich.

(über Helmut Kohl)

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Egal, was du tust, du drückst überall deinen Stempel auf. Du lebst, als würdest du am Schreibtisch sitzen und dir Geschichten ausdenken.

(über mich)

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“Was hast du eigentlich gedacht, als du gemerkt hast, dass dein jüngerer Bruder plötzlich einen Vollbart hat und wie Jim Morrison aussieht?

“Na, ich hab ihn gefragt, ob er ne Million Dollar machen will, was sonst.”

“Ah ja. Und er hat wahrscheinlich geantwortet, nee, lass mal, Bruder, kein Interesse, oder? Das sieht euch Glumms ähnlich!”

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Es ist mal wieder so weit. Der Herbst naht und die Gräfin ist der Meinung, sie habe zwei Kilos zuviel drauf.

“Ich habe kolossale Fettschmerzen!”

Sie sitzt im Bett, ein Kissen im Rücken.

“Wer eine Technik erfindet, wie man die Pfunde vom Bauch einer Frau hoch in die Brüste kriegt, ohne groß zu schneiden, der hat noch für seine Ur-Ur-Enkel ausgesorgt.” Sie guckt in den Fernseher. “Meinst du, das könnte ich mir patentieren lassen?”

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Sie hat den Teelöffel aus der Tasse genommen und die Backen aufgeblasen, auf denen sie eine Melodie trommelt.

“Wie findest du das? Hast du’s erkannt? Ist ein Oldie.”

Ich nicke. Der Rhythmus, eine Schlaghose. Unverkennbar.

“Give peace a chance”, sag ich.

“John Lennon? Blödsinn.”

Sie trommelt den Song noch mal. Es gibt Berufsjugendliche, und es gibt Mädchen um die Fünfzig. Was der Unterschied ist? Die Gräfin.

“Give peace a chance”, beharre ich.

“Nein! Nicht John Lennon! Das ist Coconut!”

Coconut? Was zum Henker soll Coconut sein? Kenn ich nicht. Nie gehört. Sie teelöffelt noch mal die Melodie.

“Popcorn!” sag ich. “Du meinst Popcorn! Nicht Coconut!”

Popcorn war ein Instrumental-Hit in den frühen 70ern. Ein Sound wie aus dem Flipperautomat. Aber von ganz unten, aus dem Kabelgewirr. Den Kurzschlußschluchten.

“Popcorn, Coconut, Paperlapapp..! Aber wie man daraus Give peace a chance hören kann, ist mir ein Rätsel.”

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Mehr von der Gräfin: Solinger Gesichter