Fakten auf den Tisch (4) – Die Gräfin über Geld

Ich lauf irgendwann noch Amok. Dann schiess ich einen scheiß Supermarkt zusammen. Alles läuft nur noch über Geld, Geld, Geld. Wir sind die Intimsklaven des Gelds geworden. Ob man hinter Heroin oder hinter Geld her ist und dafür alles tut, spielt keine Rolle. Dabei ist gegen Geldverdienen an sich nichts einzuwenden. Wenn es nicht diese dümmlichen Ausmaße angenommen hätte. Da, die Kerzen, hörst du es knistern!? Das sind Abbrennhilfen, damit die noch schneller abbrennen und man neue Kerzen kaufen muss. Da ist man hilflos, als kleines Menschlein, und zahlt. Man zahlt für alles. Ein Vogel zahlt doch auch kein Geld, nur weil er im Baum sitzt und singt. Oder zahlen Vögel mittlerweile Gebühren, wenn sie im Baum sitzen und singen? Oh Mann. Ich lauf noch Amok.

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Fakten auf den Tisch (3) – Die Gräfin über Riesenfernseher

- Die Leute gehen mir auf den Nerv mit all ihren  LCD- und Plasmafernsehern. Zuhause ne Riesenglotze, wo du jeden Fotzenpickel erkennen kannst, aber draußen abschalten und nichts mehr mitkriegen.. Am besten noch Kopfhörer auf. Nee, lass mal. Ich will diesen ganzen Scheiß nicht. So ein Riesenbildschirm zu Hause würde mich verrückt machen. Da wär ich innerhalb einer Woche tot. Wie ne Stubenfliege, die am Fliegengitter klebt, weil sie dem Ding zu nah gekommen ist.. Nee, mir imponiert jeder, der heutzutage noch mit ner kleinen Schwarz-Weiß-Kiste zurechtkommt. -

- Schwarz-Weiß..? Gibt’s doch gar nicht mehr. Hat doch kein Mensch mehr, Schwarz-Weiß. -

- So? Na, dann imponiert mir auch keiner mehr. -

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Fakten auf den Tisch (2) – Die Gräfin während der Bankenkrise

Ich plädiere für Heckenschützen. Schön abknallen, die Wichser. Denen zeigt doch niemand mehr die Grenzen auf. Am besten noch in die Füße schiessen, wo es schön weh tut. Nicht töten. Die Wichser. Ich hab die ganze Weltbevölkerung hinter mir, die verstecken mich. Ja, du lachst. Für dich ist das Humor. Für mich ist das Ernst. Ich brauch ein Gewehr. Eine Knarre. Muss ich nur den Waffenschein machen. Ach was, brauch ich nicht. Die halten mich doch alle für ein adrettes Bio-Muttchen. Kein Problem. Schön in die Füße schiessen. Die Wichser.

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Batzen Dill

Samstagmittag waren wir auf dem Weg zum Biobauern. Fürs Mittagessen fehlten noch 150 Gramm Feldsalat und zwei bis drei Möhren.
“Hoffentlich hat der noch auf”, meinte die Gräfin.
“Wenn nicht, sind wir dann angeschissen?”
“Nö. Dann gibts Fisch.”

Als wir ankamen, montierte der Biobauer, bekannt für seine schweren Dreadlocks und leichten Sandalen, den kleinen Verkaufsstand schon ab, den er dreimal die Woche für Eingeweihte wie uns aufstellte, und für Besucher, die zufällig des Weges spazierten und einen Batzen Dill brauchten.

“Feldsalat und Tomaten sind schon ausverkauft”, brummelte der Biobauer. Zum Glück war noch frischer Grünkohl im Angebot. Wir nahmen ein Kilo. Ein Riesenteil. In die Zellophantüte gequetscht sah der Grünkohl aus wie Gemüse vom Angeberplaneten Vega. Die Gräfin drückte mir das Monster in die Hand, und wir zogen heimwärts.

Der Hund fiepte enttäuscht. Er hätte gerne noch etwas Stöckchen aus dem nahen Wald am Zedernweg von hier nach da transportiert. Aber es war schon beinahe Mittag, wir waren hungrig. Als wir in den Zedernweg einbogen, stoppte die Gräfin abrupt ab.

“Na, Mahlzeit..! Da sind sie!”

“Da ist wer!?”

Sie nickte zur Strasse hin. “Ordnungsamt..”

In nicht mal hundert Metern Entfernung, unterhalb der Kuhwiese, parkte ein silberner Kombi, mit der Schnauze zur Strasse. Damit er jeden Moment losbrausen konnte. Die Verfolgung aufnehmen. Wir hatten mittlerweile ein Näschen für die Brüder. Da machte uns niemand mehr was vor.

“Die sind überall”, meinte die Gräfin.

“Jetzt kommen sie sogar schon samstags”, schimpfte ich. “Kurz vor Mittag.”

Wir verbargen uns hinter der Streukiste an der Zufahrt zum Naturfreundehaus und hielten Kriegsrat. Frau Moll war nicht angemeldet beim Schatzamt, versichert war sie auch nicht. Da hockten wir nun mit unserem dicken Angebergrünkohl und einem nicht angemeldeten und unzufriedenen Hund und überlegten hin und her, was wir machen sollen.

Einfach weiterlatschen in der Hoffnung, dass die Karre gar nicht vom Ordnungsamt war? Oder doch lieber einen Umweg nach Hause einschlagen? Die Minuten verronnen, es begann zu nieseln. Regen pixelte unsere Haut. Mein Magen knurpselte.

“Sag mal, sitzt da überhaupt einer im Wagen?” fragte ich. “Kannst du das erkennen?”

“Nicht genau. Weiss nicht. Ja, doch. Zwei Leute sind das, glaub ich.”

Zwanzig Minuten später. Wir hatten den gefährdeten Raum großzügig umgangen, einen richtigen Umweg gemacht. Nun befanden wir uns gut zweihundert Meter vor dem Kombi. Als wir uns zu ihm umdrehten, gab er Gas.

“Scheisse!”

“Jetzt haben sie uns am Arsch.”

Bußgeld. Anzeige. Wesenstest. Flüchten machte keinen Sinn. Wir ergaben uns, und blieben stehen. Der Wagen kam näher, fuhr im Schritttempo an uns vorüber. Darin zwei Burschen, die uns keines Blickes würdigten. Der Beifahrer zählte lässig sein Geld. Kleine abgegriffene Scheine.

“Zwei Schwule!” rief die Gräfin erleichtert. “Der eine hat dem Anderen schön einen geblasen!”

Das war gerade noch mal gut gegangen.