Geplant war Ewigkeit (7)

Im Juni 2012, ich war noch angeschlagen von der Herzattacke, lockten wir den Hund ins Auto und fuhren zum Zelten nach Zeeland. Die Nordsee war seit meinen Kindheitstagen das Allheilmittel gegen Erkrankungen jeglicher Art, aber diesmal war die Sache nicht so einfach. Ein Herzinfarkt heilt nicht mal eben so aus, nur weil man nachts im Schlafsack liegt und salzige Luft atmet.

“Du hattest immer so weiche schwere Augen”, meinte die Gräfin bekümmert, “aber seit dem Infarkt..”

Sie zögerte.

“Was ist seit dem Infarkt?”

“.. seitdem ist dein Blick hart und aufgerissen, als hättest du das Böse gesehen, als hättest du einen Blick in die Hölle geworfen.”

“Na, die Hölle hatte ich auch vor dem Infarkt schon gesehen”, relativierte ich. “Aber jetzt kenne ich auch den Hauptmann.”

*

Leute, die dem Tod von der Schippe springen, erzählen oft, sie lebten danach intensiver und genössen jeden einzelnen Moment. Solche Leute waren mir schon immer suspekt, genau wie die Supertypen, die sich ständig neu erfinden. Wie soll das funktionieren? Sind das alles fesche kleine Daniel Düsentriebs, die sich mit ihrem Helferlein hinsetzen und bei flackerndem Teelicht auf Sternenstaub-Basis alle Verkleidungen durchgehen, die noch nicht auf der Tagesordnung waren?

Ja, vielleicht.

Ich lebte nicht intensiver als vor der Herzattacke, ich genoss meine Momente nicht mehr als zuvor. Im Gegenteil, ich fühlte mich eher meiner Sicherheit beraubt, meinem geradezu unverschämten Glauben an die Unversehrtheit des Andreas Glumm, an die tausend Leben des Andreas Glumm. Das Urvertrauen war beschädigt. Mein Urvertrauen, ewig zu leben, das Sterben den Anderen zu überlassen.

Daran kannst du nicht wirklich geglaubt haben, mag man einwenden, so naiv kann man nicht sein. Doch, kann man, und dazu muss man noch nicht mal ausbuchstabiert an das Konzept von Ewigkeit glauben, es reicht, danach zu leben.

Leben reicht in aller Regel.

*

Vielleicht war die Idee nicht so gut, so kurz nach einem Infarkt und dem Einbringen von zwei Blutgefäß-Stents in die Herzkranzgefäße ans Meer zu fahren.

Als wir am zweiten Urlaubstag in der Mittagsglut von Zeeland eine Wanderung durch das Reservat De Zwarte Polder unternahmen, bekannt für blaue See-Disteln, Riesenlöwenzahn und brütende Vögel, stieß ich an meine Grenzen. Wie ein leck geschlagenes Schiff, in dessen unteren Mannschaftsräumen das Wasser hin-und her schwappt, lief ich beinah auf Grund. Ich war heilfroh, als wir den Strandpavillon erreichten und die Gräfin es bei über dreißig Grad im Schatten übernahm, heißen Pfefferminztee zu ordern.

Am nächsten Tag begann es zu regnen und hörte nicht mehr auf. Wir saßen mit aufgespanntem Regenschirm im Zelt fest wie in einer großen Fruchtblase und konnten nicht viel mehr tun als dafür zu sorgen, dass wir nicht fortschwammen und vom Wind davongetragen wurden. Da noch Vorsaison war, hatten wir ein Areal für uns allein, das normalerweise Platz bot für ein Dutzend Caravans und Mobilheime. Was bei Sonnenschein ideal gewesen wäre, sorgte bei Dauerregen für zusätzlichen Verdruss. Das Fehlen jeglicher Nachbarschaft, in deren Windschatten sich unser Zelt hätte verstecken und einigeln können, ließ uns zum Hauptangriffspunkt der Sturmböen werden, die uns fast vom Platz fegten. In der Nacht fielen die Temperaturen auf fünf Grad.

Selbst der Hund verkroch sich im Schlafsack.

Eine unglückliche Woche. Enttäuscht von uns selbst, dass wir den Widrigkeiten der Wirklichkeit nicht mehr viel entgegenzusetzen hatten, packten wir das Zelt nass ein und  fuhren nach Hause. Was uns früher ausgezeichnet hatte, noch aus der grössten Scheiße etwas zu machen, schien verloren gegangen zu sein. Wir waren ein normal humorloses Paar um die Fünfzig, das sauer war, weil es im Urlaub regnete.

“Red keinen Scheiß”, sagte die Gräfin, schaute dabei aber aus der Wäsche, als hätte sie es selbst gesagt.

Als ich später die Urlaubsfotos abholte, fühlte ich mich bestätigt. Da war nichts mehr zu sehen von dem jungen Mann, der einst mit jedem Tag am Strand Bräune gewann und damit an Leichtigkeit und Charme. Die Kleinbildkamera, die wir statt der Digitalen mitgenommen hatten, (der verflixte Nordseesand hatte mir schon einmal eine Spiegelreflexkamera ruiniert), tat ihr übriges. Die Fotos wirkten, als hätte man mich in den 70er Jahren extra falsch fotografiert, mit grotesk überbelichtetem Gesicht, wie geweißter Schweinebauch.

“Ich glaub, ich sterbe langsam”, stänkerte ich, als wir die Bilder durchgingen.

“Stirb langsam, Teil 45″, murmelte die Gräfin.

*

Wie immer, wenn mich etwas richtig erwischt hatte, war ich von dem Verursacher besessen. Der verfluchte Herzinfarkt dominierte mich bis in die Träume. Ich wachte Nacht für Nacht auf der Intensivstation auf. Eine Krankenschwester kam ans Bett, Schwester Barbara. Freundliche Augen, forschender Blick.

“Sie hatten einen schweren Herzinfarkt.”

“Weiß ich doch”, antwortete ich eine Spur zu leise und räusperte mich. Ich wollte nicht kläglich klingen. Ich versuchte mich zu erheben, doch Schwester Barbara drückte mich behutsam zurück und fixierte die Monitore, die geschlossen wie eine Wachmannschaft hinter meinem Bett patrouillierten und ihr kühles bläuliches Licht ins Zimmer warfen.

Geräte kontrollierten die Sauerstoffsättigung im Blut und den Puls, tief in meiner Nase steckte eine Sonde. Über eine Kanüle lief steriles Wasser in meinen Arm, ein Druckverband sicherte die Einstichstelle an meiner Leiste. Alls zwanzig Minuten pumpte sich die Blutdruckmanschette am Oberarm selbständig auf, fünf, sechs Mal am Tag wurde mir Blut abgenommen.

“Sie können von Glück reden, dass Sie den Herzinfarkt mitten in der Stadt erlitten haben und so rasch im OP waren. Stellen Sie sich vor, Sie wären im Wald spazieren gegangen..”

“An dem Tag nicht, aber am Tag zuvor bin ich tatsächlich mit dem Hund im Wald gewesen”, gab ich stolz zurück.

“Na, sehen Sie.”

Tief im Wald sogar. Im Unterholz, wo man ständig darauf gefasst sein muss, auf verbuddelte Leichen zu stoßen in ollen Koffern, die der Erdboden freisetzt.

“Haben Sie Ihr Handy dabei?” fragte die Schwester.

“Nein.”

“Ich bringe Ihnen gleich das Stations-Handy, dann können Sie Ihre Leute anrufen.”

*

Nach Hause telefonieren, dass man auf der Intensivstation liegt, ist eine merkwürdige Sache. In der Regel, also in Spielfilmen, kommt ein Anruf aus dem Klinikum, und die einfühlsame Stationsschwester teilt einem mit, dass ein naher Angehöriger einen Herzanfall erlitten hat.

Doch selbst die Nummer wählen und anrufen..

“Hallo, ich bin’s. Hör mal, Schatz, ich lieg im Städtischen auf der Intensivstation, ja richtig, ich hatte eben einen dreifachen Herzinfakt. Ja, dreifach. In der Stadt, ja, mitten am Fronhof. Nein, kein Bypass, Stents. Ja, zwei, ich hab vorerst nur zwei Stents gekriegt, der dritte folgt in einigen Tagen. Na ja, gleich mach ich Mittag. Danke, dir auch, Schatz. Schüss!”

*

Einige Tage später feierte Vater 86. Geburtstag. Er besuchte mich in Begleitung meiner Schwester und ihrer Tochter. Ich war mittlerweile verlegt worden, von der Intensivstation auf die Kardiologie. Wir gingen raus auf den Balkon. Es war heiß.

“Vielleicht hörst du besser mit dem Rauchen auf”, meinte meine Schwester.

Vater nickte zustimmend, sagte ansonsten nicht viel, blickte mich verständnislos an. Ich und ein Herzinfarkt, das passte schon für viele in meiner Umgebung nicht recht zusammen, aber für Vater handelte es sich um eine groteske Fehldiagnose. Herzinfarkte erlitten unruhige und flatterhafte Geister, die ihre Beine nicht still halten konnten, Leute wie Benzini, die mit Tempo 200 über die Autobahn donnerten und eine 50 Stunden-Woche an einem einzigen Vormittag abrissen – aber doch nicht ich.

Ich war kein nervöser Heini, ich machte eher halblang, ich liess es ruhig angehen.

Noch ruhiger, und die Mediziner hätten Probleme, überhaupt irgendwelche Vitalfunktionen wahrzunehmen, orakelte mein Bruder, der später dazu kam.

*

Zurück aus dem Krankenhaus schnappte ich mir den Hund und spazierte zur Schillerstraße.

Vater stand in der Küche, die etwas muffig roch, und wärmte den Inhalt einer Büchse Hochzeitssuppe auf. Hochzeitssuppe von Sonnen Bassermann war sein Leibgericht geworden, seit Mutters Tod. Ein Einkaufszettel ohne Hochzeitssuppe von Sonnen Bassermann war undenkbar. Sobald der Vorrat an Hochzeitssuppe auf ein halbes Dutzend Dosen schrumpfte, wurde er nervös. “Hochzeitssuppe!” schrie er mich beinah schon an, wenn ich den neuen Einkaufszettel schrieb und ihn fragte, was ich obenan setzen sollte.

Keine Ahnung, was er an Hochzeitssuppe so lecker fand, und warum es unbedingt Sonnen Bassermann sein musste. Er war schon immer ein großer Anhänger von Hühnersuppe gewesen, die Art Hühnersuppe, wie Mutter sie gekocht hatte. Doch aus der Büchse? Sonnen Bassermann?

Ich fragte ihn, was er die letzten Tage so getrieben habe, und er antwortete lakonisch, “Oh, ich bin hübsch zu Hause geblieben”, als hätte es eine Hundertschaft Alternativen gegeben.

Er rührte geduldig im Topf. Er trug seine alte speckige Lieblings-Trainingshose.

“Ich zähle genau zwei Stück Hühnerfleisch”, sagte er. “Oder ist das nur eins, das sich im Kreise dreht? Guck du mal.”

Wir drängelten uns um die Hochzeitssuppe herum, die allmählich Fahrt aufnahm und zu bubbeln begann.

“Na.. da sind zwei Stück”, sagte ich. “Oder? Tu mal den Löffel da weg.”

“Da ist nur eins!” rief Vater. “Siehst du! Nur eins! DA!”

“Nee, das andere schwimmt unter der Oberfläche. Das kommt gleich wieder hoch. Das sind zwei.”

Wir warteten darauf, dass ein zweites Bröckchen Geflügelfleisch sein Haupt zeigte und vergaßen darüber, dass der Inhalt der Dose lediglich erwärmt werden sollte. Stattdessen brodelte die Suppe wie ein Geysir.

“RÜHREN!” rief Vater. “DU MUSST RÜHREN! DAS BRENNT DOCH AN!”

“WIESO ICH!? DU HAST DEN LÖFFEL!”

*

Als es mit dem Infarkt passierte, war ich mit dem Hund auf dem Weg zur Apotheke gewesen, um für Vater ein Rezept einzulösen.

Es war Donnerstagvormittag, 10. Mai 2012, 10 Uhr. Später schrieb ich über die Luft an diesem Tag, sie sei so schwül und so schwer gewesen wie Layla von Clapton.

Und so gefährlich.

Ich nahm die steil ansteigende Kasinostraße und geriet im Schatten der langen, nicht enden wollenden Friedhofsmauer in wachsende Luftnot. Das war an sich nichts besonderes. Ich kannte das schon. Jedes Mal, wenn es steil bergauf ging, war ich schnell außer Puste. Ich schob es auf meine Lunge, auf die vielen zehntausend selbstgedrehten Kippen, auf mein ganzes Drogenleben, das ich über die Jahre geführt hatte und in Teilen immer noch führte.

Ich verlangsamte den Schritt, die Sonne stach im Nacken, und ich begann zu schwitzen. Innerhalb einer Minute lief die Suppe an mir runter, und eine seltsame Kraftlosigkeit machte sich breit, eine Schwäche, als wäre ich unter einen Sattelschlepper geraten, als saugte jemand alle Kraft aus mir heraus.

Hatte ich mir unter einem Herzinfarkt stets eine Explosion vorgestellt, (in der Art einer Sprengfalle, die bei Berührung zuschnappt), so folgte nun die brüske Belehrung. Ein Herzinfarkt ist eher ein alles vernichtendes Schwächeln, begleitet von einem Aufgebot an Engegefühl und Schweiß. Ganze Bataillone von Drüsen sind mit der fiebrigen Ausschüttung von Schweiß beschäftigt.

Dass ich lange meine Lunge in Verdacht hatte, Verursacher der Misere zu sein, machte Sinn. Mitte der Neunziger war bei mir Asthma diagnostiziert worden, ein paar Jahre lang ging ich nicht ohne Asthmaspray aus dem Haus.

Es gab zwei Asthmaanfälle, die meine letzten hätten sein können. Sie verliefen beinah identisch, und ich war beide Male allein: Ein Hustenanfall direkt nach dem Aufwachen verengte meine Luftröhre derart, dass ich durch die Wohnung sprang und in die Hosen pisste, aus lauter Angst zu ersticken. Ich bekam keinen Fitzel Luft mehr. Hätte ich kein Spray zur Hand gehabt, (und hätte ich nicht den dringenden Rat des Lungenarztes im Ohr gehabt, bei schweren Anfällen einfach in den Mundraum zu sprühen, um die verstopften Atemwege wenigstens so weit zu öffnen, dass man überhaupt ein klein wenig inhalieren kann), ich wäre drauf gegangen.

Ich wäre zweimal schon erstickt, bevor der Herzinfarkt kam und als laufende Nummer 3 schweißüberströmt durch den Ring tänzelte.

*

Vater hatte zwei Herzinfarkte in den Jahren 2003 und 2009, die er auch dank der Einpflanzung eines Bypass überlebte. Mutter hatte ebenfalls zwei Herzinfarkte, erlitt aber beide direkt hintereinander, was sie nicht überlebte. Cousin Michael hatte von Geburt an ein Loch im Herzen, er flog in den 70ern mehrfach nach Texas, um vom renommierten Dr. deBakey operiert zu werden. Er starb kaum vierzigjährig.

Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass es in unserer Familie eine gewisse Neigung zum Herztod gibt, sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite aus. Und doch war das Herz ganz selten ein Thema. Niemand kam auf die Idee, es könnte sich um verstopfte koronare Gefäße handeln, wenn ich auf dem Weg zu meinen Eltern den steilen Klauberg hoch marschiert war und schweißüberströmt und außer Puste ankam.

“Junge, bist du am ölen”, schüttelte Mutter höchstens den Kopf. Und Vater wartete vier, fünf Minuten, bevor er mich ansprach.

“Hüor dat Ruoken up, Jung.”

*

Der Rettungswagen stand in der Fußgängerzone. Ich lag auf der Bahre, hörte von draußen einen Sanitäter rufen, “unter der Telefonnummer ist aber niemand zu erreichen.” “Ist aber die richtige.. Nummer”, flüsterte ich und wiederholte die Zahlenfolge, langsam wegsackend. Der Wagen fuhr an, ich nahm das metallische Zuschlagen der Schiebetür wahr, sowie einen Luftzug, der meinen Körper streifte.

Sie muss doch den Hund abholen, wenn ich im Krankenhaus bin, ging mir durch den Kopf. Sie muss den Hund aus der Kirche holen. Der Hund kann nicht da bleiben. Der lässt sich nicht anfassen, wenn er die Leute nicht kennt. Ich war selbst überrascht von den alltäglichen Gedanken, die mir im Kopf schwirrten, obwohl mir der Herztod im Genick saß.

Erinnerungsfetzen an die erregte Stimme des Fahrers, “Die Fußgängerzone ist blockiert!” Dann das Rappeln und Rumpeln während der Blaulichtfahrt ins Städtische Krankenhaus – eine Infusion wurde gelegt.

“Einmal Diazepam läuft durch!”

Diazepam, scheiß Zeugs, macht nur kirre im Kopf, dachte ich und verlor das Bewusstsein.

Ich öffnete die Augen erst wieder, als ich in den Herzkatheterraum gerollt wurde, wo mir eine Pflegerin auf dem OP-Tisch in routinierter Eile Strümpfe, Jeanshose und Pulli vom Körper zog.

“Ruhig, bleiben Sie ruhig.. Wir retten Sie jetzt.”

Und dann retteten sie mich.

*

- Schwester, Sagen Sie, wie viele Herzinfarkte gibt es jeden Tag in unserer Stadt? -

- Hm. Ist verschieden. -

- Na, ungefähr. -

- Manchmal zehn, manchmal gar keinen. Warum? -

- Na, nur so. -

- Infarkte häufen sich bei anhaltend schwülem Wetter und bei Frostperioden im Winter, wenn die Leute frühmorgens zum Schnee schippen raus müssen. Dann ist Daueralarm hier auf der Intensiv. Überall stehen Gummistiefel und Moonboots rum.. -

- Hm. Ja. Und heute war ich der einzige Herzinfarkt? -

- Bis jetzt, ja. -

*

Mit jeder Minute, die ich in den Sozialräumen der Stadtkirche auf den Ambulanzwagen wartete, schnürte sich der Brustkorb mehr zu, steckte ich enger im Korsett. Es war, als versuchte ich durch eine zusammengefaltete Tasche zu atmen. Als hätte ich über Jahrzehnte mit jedem Atemzug Roth Händle gequalmt und jetzt flog mir der Laden um die Ohren. Der Saalschutz ging stiften.

Die Schläuche platzten.

Man hatte mich ins Hinterzimmer gebracht, wo ein Sofa stand. Ein rotes Sofa. Ich musste daran denken, dass die Gräfin immer ein rotes Sofa für ihr Atelier haben wollte.

“Alle berühmten Maler haben ein rotes Sofa in ihrer Werkstatt. Nur ich nicht. Deswegen bin ich nicht berühmt. “

Und jetzt lag ich auf dem roten Sofa im Hinterzimmer der Evangelischen Stadtkirche, im Sterben. So einfach war Sterben.

So einfach, so ruhmlos.

“Können wir etwas für Sie tun, Ihnen etwas bringen?” erkundigten sich die beiden Damen, die zufällig an diesem Vormittag einen Bibelkreis vorbereiteten, wie ich später erfuhr, und nur deswegen in der Kirche waren.

“Ein Glas Wasser”, wisperte ich und versuchte zu entspannen, aber wie soll man entspannen, wenn einem das Herz durch die Brust knallt. Wenn einen der Hund ängstlich anhechelt. Wenn man auf den Notarzt wartet und das Gefühl hat, die sind woanders, die vergessen einen.

“Ein Glas Wasser”, wiederholten die Damen und zogen los, froh, etwas tun zu können.

Da war ein Mann auf sie zugewackelt gekommen, mit einem Hund an der Leine, an diesem stickig-heißen Vormittag im Mai, im Souterrain der Stadtkirche. Der Mann war aschfahl im Gesicht und der Schweiß plädderte an ihm runter, als käme er aus einem Platzregen. Er wankte. Er schleppte sich mühselig voran.

Ein Gespenst.

“Ich glaube, ich hab einen Herzinfarkt..”, taumelte seine Stimme, “können Sie den Not.. arzt rufen?”

*

“Der schwitzt auch ganz doll”, stammelte die Dame vom Bibelkreis ins Telefon, “und er ist ganz käsig..”

*

Karlos wusste nichts von dem Infarkt und sprach in den folgenden Tagen, während ich auf der Inneren lag, zweimal auf unseren Anrufbeantworter.

“Glumm, ich hab Bock auf Kicken. Los, wir treffen uns im Käfig an der Schwertstrasse. Ich bin in zehn Minuten da. Hast du noch deine blaue Adidas-Hose?!”

Die Gräfin hatte beide Nachrichten abgehört und wollte ihn schon zurückrufen, um ihn auf den neuesten Stand zu bringen, doch das machte ich lieber selbst. Ich rief Karlos vom Krankenhaus an und erfuhr, dass am selben Tag, als mir die Pumpe durchgeknallt war, Karlos Lederball kaputt ging.

“Knickt das dünne Ding da oben ab, das.. das Ventil!”

“BEI MIR AUCH!”

*

Als ich das Souterrain der Kirche über den Hintereingang betreten hatte, den Hund an der Leine, sank ich nieder auf einer langen, im Dunkel liegenden, nach Politur riechenden Holzbank, und wollte nur noch sterben, so schwach, so fertig war ich.

Niemand war zu sehen, ich hörte leises Geschirrklappern. Kuchengabeln. Kaffeeduft.

Um einen Notarzt zu rufen hätte ich mich schon in der Fußgängerzone an jeden x-beliebigen Passanten mit Handy wenden können, doch ich war ein Sterbender, der Schutz suchte, ein Sterbender, der sich intuitiv in der nahen Stadtkirche einlieferte, über den Hintereingang, den ich aus alten Zeiten kannte, als der Vater von Karlos noch in der Stadtkirche als Küster gearbeitet hatte. Als Karlos und ich im Gemeindesaal über eine PA-Anlage Gedichte geprobt hatten.

“Ich möcht sterben”, flüsterte ich.

Im Malstrom meines nachlassenden Bewusstseins hatte sich der Gedanke eingeschlichen: Du kannst dich sterben lassen.

Du kannst dich ja auch sterben lassen.

Wer sagt denn, dass du kämpfen musst. Wer sagt denn, dass du gerettet werden willst. Winsel um dein Leben, steht das irgendwo geschrieben?

So jäh wie der Infarkt mich überrumpelt hatte, so jäh blitzte diese Alternative auf. Einfach sterben.. lassen. Es war ja kein typischer Suizidmoment, wo man selbst noch aktiv werden muss, wo man sich die Pistole an die Schläfe setzen oder 90 lange gebunkerte Schlaftabletten futtern muss – nein, ich hätte nichts weiter tun müssen, als den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Ihren Lauf, wie die Dinge ihn in alten Zeiten genommen hätten, als es noch keinen Telefon-Notruf gab, noch keine rund um die Uhr besetzten Herzkatheterräume, keine pulsierenden Ultraschallaufnahmen.

Als es nur das gute alte Herz gab, den guten alten Herzanfall, den guten alten Gevatter Tod, der sich die Beute nahm, wann immer es ihn danach gelüstete, ohne warten zu müssen, ob dem Notfallmediziner ein Wunder gelingt.

*

Auch wenn ich zuvor nie an die Möglichkeit eines Herzinfarkts gedacht hatte, ich wusste sofort, was los war. Arbeitselefanten legten einen Trampelpfad über meine Brust und wurden mit jeder Sekunde entschlossener – einerseits. Andererseits kündigte sich eine leichte, fast milde Stimmung an, als machte der Heilige Geist schon alles bereit zum Empfang, mit einem sanften Schulterklopfen. Alles halb so schlimm, Meister, alles fügt sich, keine Angst.

Ich ging um die Stadtkirche herum, betrat sie über den Hintereingang. Im Bauch der Katakomben duftete es nach Kaffee und Kuchen. Nach Gemeindearbeit. Ich kauerte vor der polierten Holzbank, neben mir der Hund, im Gebet. Du hast die Wahl, dachte ich, während das Herz drückte und stauchte, während Holme knackten.

Du hast die Wahl.

Musst bloß ein wenig warten. Lass dich sterben, wenn du magst. Eine wärmende Hand schob sich wie eine Kuchengabel unter meinen Körper und schaufelte mich hoch. Ich flog ein bisschen. Ich bewegte mich zwischen Erd- und Himmelreich, in der entmaterialisierten Zone.

Und kurz bevor ich mein Leben ganz aus der Hand gab, in letzter Sekunde, entschied jemand: Moment. Nein. Es fehlt noch was. Es fehlt noch das ganz große Okay des Universums. Solange das nicht kommt, bleibst du hier. Der Hund zerrte an der Leine. Ich erhob mich und wankte den langen Flur entlang, stehend k.o., als wäre ich in eine Presse geraten.

Zwei Menschen vom Bibelkreis empfingen mich, einer wählte die 112.

“Der schwitzt auch ganz doll, und er ist ganz käsig..”

*

Ich ruhte auf dem Sofa, halb hingeschlagen und dem Tode schon so nah, dass ich rüberspucken konnte. An der Demarkationslinie wurde ich mit jedem Augenblick, der verstrich, schwächer, rutschte ich Stück für Stück mehr aus dem Bild, nahm ich den Hund schon nicht mehr richtig wahr.

Viertel vor elf raste ein großer Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn durch die Nordstadt ins Klinikum, mit mir hinten drin. Seither höre ich anders hin, wenn sich von irgendwo die Sirene nähert. Seither liege ich in jedem gottverdammten Ambulanzwagen, der durch die Straßen jagt. Seit mir das Leben gerettet wurde, wird mir jedes Mal das Leben gerettet, wenn irgendwo ein Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn unterwegs ist.

Und auch wenn jemand anderes hinten drin liegt:

Ich bin es.

*

Mit Diazepam fortlaufend ruhig gestellt wurde ich an der Krankenhausambulanz vorbei in die Kardiologie gerollt. Herzkatheterraum. Der Oberarzt, erst nett, schimpfte, weil ich nicht still liegen wollte, und erst seine massive Zurechtweisung, HERRGOTT, WIR WOLLEN SIE DOCH RETTEN und die Drohung SONST MÜSSEN WIR SIE FIXIEREN zeigten Wirkung.

Zwei Engstellen in den Herzkranzgefäßen, voller Plaque, mussten per Ballon aufgedehnt und mit BM-Stents versorgt werden, um die Gefäße offen zu halten. Stents. Sind kleine Gittergerüste, erklärte der Oberarzt geduldig. Klettergerüste? Ich sah einen von Plaqueablagerungen verwüsteten Kinderspielplatz vor mir. Auf links gedreht, die Luft raus. Ab hier kein Transport.

Ab hier: minimalinvasiv.

Koronare 3-Gefäßerkrankung, Kalkablagerungen in den Herzkranzgefäßen, diktierte der Doktor. Aufnahme via Notarzt.

Die Kühle auf dem OP-Tisch, die routinierte Geschwindigkeit, mit der das OP-Team mich entkleidete, wie gekonnt die OP-Schwester mit dem Einmalrasierer mein Schamhaar stutzte. Wir müssen an Ihre Leiste ran. Kalter Schweiß auf der Haut.

O Herr, reiße alle Himmel auf! Es ist soweit.

*

Auf der Intensivstation war ich verblüfft von der Helligkeit und Freundlichkeit, die mich empfing. Einzig meine Zimmergenossin erinnerte an die Gefahr, in der ich mich befand. Die Frau, die maschinell beatmet wurde, aber ich konnte sie von meinem Bett aus nicht sehen, ihr Anblick war von einem weißen Rollvorhang verstellt.

Sie sprach kein Wort. Vielleicht hatte sie das Locked In-Syndrom. Das übelste, was ich mir vorstellen kann: schreien, ohne gehört zu werden. Ein Niemand zu sein in einem großen Leib.

Ich lag flach auf dem Rücken, durfte mein rechtes Bein nicht bewegen, vierundzwanzig Stunden lang. Eine strenge Vorgabe, die mir Schwester Barbara wieder und wieder einimpfte. Es könne sonst zu einer Verletzung der Leistenarterie kommen. Vierundzwanzig Stunden still liegen, das Bein nicht bewegen, “sonst passiert es noch, dass Sie innerlich verbluten”, impfte sie mir ein.

Na, da bleibt man dann schon mal vierundzwanzig Stunden ruhig auf der Stelle liegen.

Dennoch gab es später am Abend einen verzweifelten Moment, wo ich das Stillhalten fast nicht mehr ertrug und kurz davor war, sämtliche Schläuche und Sonden vom Körper zu reißen und mich mitsamt Infusionsständer aus dem Fenster zu schmeißen, damit ich es hinter mir hatte.

Was nicht funktioniert hätte.

Denn das Fenster des Zimmers auf der Intensivstation war zwar weit geöffnet an diesem Maiabend, doch den Weg ins Freie versperrte ein robustes Insektengitter.

Intensivstation: Fluchtversuch endet im Fliegenrollo

*

Während ich im Klinikum lag, träumte sie von Abenteuern im Weltraum und in den Bergen, von langen einsamen Wanderungen in Gegenden, wo keine Sondermeldung hinkommt, wo der Wind alles erzählt, was man wissen muss. Sie träumte von Planeten und Monden und glitzernden Sternen, die vom Himmel hinabstiegen. Sie nahmen sie in ihre Mitte und ließen sie hochleben, warfen die Gräfin in die Luft und fingen sie auf, wie Sieger das tun nach einem gewonnenen Endspiel. Da waren überall Hände, die zugriffen und Wärme ausstrahlten, die Sicherheit von Jahrbillionen.

Wir sind es! riefen die Gestirne im Traum. Wir sind für dich da!

Nach Mitternacht wachte sie auf. Sie stand mit dem alten Feldstecher meines Vaters am Fenster, in dieser bestimmten, genau austarierten Position, aus der sie den Vollmond perfekt ausspähen konnte, und erkundigte sich nach dem ganz großen Okay des Universums.

*

10. Mai 2012, Andi Stadtkirche, Susanne Eggert, 2012

Das (fast) ganz große Okay des Universums, Susanne Eggert

*

Auf der Rückfahrt von Zeeland herrschte Flaute im Wagen, Stille. Wir fuhren durch kleine belgische Ortschaften, in denen es nach Bouillon roch. Wir waren ein bisschen enttäuscht. Zum ersten Mal in all den Jahren hatten wir den Widrigkeiten der Wirklichkeit nicht viel entgegenzusetzen gehabt. Nicht mal ein einbeiniger Regenbogen am Abendhimmel über Retranchment hatte uns aufheitern können.

Ich bekam dieses Bild nicht aus dem Kopf, wie wir bei Dauerregen im Zelt festsitzen und kaum noch darüber lachen können.

Nur weil wir uns an etwas gewöhnt haben, muss es noch lange nicht das beste für uns sein, sagte sie.

Ich wollte nicht daran glauben, klammerte mich daran fest, dass es kaum zwei Monate her war und ich einen schlimmen Herzanfall gehabt hatte, dass es nur eine momentane Schwäche war.

“Rieche ich eigentlich nach der See? Nach dem Salz der Nordsee?” Sie hielt mit ihr langes Haar hin. “Früher roch ich viel intensiver nach Meer, oder nicht? Mein Körper nimmt die Gerüche der Umgebung nicht mehr so an wie früher. Ich bin eine störrische alte Eselin geworden, die nur noch ihren eigenen Geruch hat.”

*

Ich war mehr als angeschlagen, doch da ich nicht wusste, wie ich mit den Nachwehen eines Herzinfarktes umgehen sollte, liess ich mir nichts anmerken. Ich hatte keine Lust, darüber zu reden. Die ambulante Rehabilitation in Düsseldorf brach ich nach einem Tag ab.

“Wenn man nie etwas sagt und plötzlich stirbt, ist auch doof”, meinte die Gräfin. “Irgendwie ist das unfair den Menschen gegenüber, die dich lieben. Und die du liebst. Da wird einem doch etwas vorgegaukelt, was gar nicht stimmt.”

Stimmt, dachte ich.

*

Der Pflegedienst meldete erhöhten Pflegebedarf an und kam nun dreimal am Tag, um Vater die Medikamente zu verabreichen und darauf zu achten, dass seine Füße sauber waren, der Rücken eingecremt, die dritten Zähne drin.

Für die menschliche Zuneigung waren weiterhin wir Kinder verantwortlich, zuzüglich gelegentlicher Telefonate mit seinen Geschwistern, die selbst alt und malad waren. Ich bewunderte meinen Vater für seinen trotzigen Überlebenswillen, doch die Einsamkeit nach Mutters Tod setzte ihm mehr und mehr zu.

“An manchen Tagen rede ich keinen einzigen Satz”, klagte er. Das konnte zwar nicht sein, da schon der Pflegedienst 3mal am Tag kam und mindestens Guten Morgen, Mahlzeit und Gute Nacht sagte und auf Antwort wartete, aber darum ging es nicht. Es ging um das Gefühl, das er hatte. Wenn Vater das Gefühl hatte, an manchem Tag keinen einzigen Satz zu reden, dann war das so. Dann stimmte das.

Außerdem war es natürlich der Hebel, mit dem er bei uns ein schlechtes Gewissen erzeugte. Ein schlechtes Gewissen sorgt für gut ausgelastete Besuchszeiten, und die Besuchszeiten auf der Schillerstraße endeten nie.

Er hörte nicht nur miserabel, es haperte auch zunehmend mit den Augen. Um überhaupt noch Zeitung lesen zu können, arbeitete er mit zwei Lupen übereinander, arrangierte sie wie olympische Ringe. Eine neue Brille hätte es vielleicht auch getan, wäre sie nicht sowieso dauernd verlegt gewesen.

“Man muss das Alter sportlich nehmen”, sagte er.

Die Technik mit zwei Lupen übereinander leuchtete mir nicht richtig ein. Dass man auf diese Art und Weise schärfer sehen konnte. Ein Selbstversuch bestätigte mich. Die Schrift erschien noch unruhiger als ohne Lupe. Wenn es überhaupt eine Besserung gab, betraf es einzelne Worte, die von der Lupe herausgefiltert und vergrößert wurden, niemals einen ganzen Satz – eine Methode, die jedem Lesefluss entgegenstand.

“Besser als nichts”, murmelte Vater.

“Nee, genauso gut wie nichts”, sagte ich.

Trotzig griff er nach den Lupen, legte sie übereinander wie zwei große Eheringe, und begann langsam zu lesen.

“Se..a..d..”, las er, stockte. Und blickte hoch.

“..ler?” fügte ich fragend an.

“Wie.. ler?”

“Na. See..ad..ler.”

Er guckte durch die doppelte Lupe.

“Hier steht: Se..at. Seat!”

“Ach so. Das Auto.”

Weiter im Text.

“Seat.. lan..det.. in..”

Ich gähnte. Hatten wir uns im Sommer zuvor noch bei der nachmittäglichen Zeitungslektüre gegenseitig kleine Meldungen vorgelesen, so stieß Vater nun, mit unterschiedlich großen Lupen arbeitend, Wörter hervor, die für sich genommen wenig Sinn ergaben.

“.. Böschnn..”

Kinderlachen drang hinauf vom Hinterhof.

“Böschung! Seat lan..det.. in Böschung!”

Es war jedes Mal ein kleiner Triumph, wenn er eine Überschrift gepackt hatte. Oft fragte er mich nach dem Sinn von Worten, die er nicht kannte. Meist waren es englische Worte.

“Was ist Goooo.. gle?” wollte er wissen. Er las es vor, wie es ihm auf Deutsch begegnete.

“Gugel”, berichtigte ich. “Das ist eine Maschine, die dich durchs Internet navigiert.”

“Hoy”, meinte Vater. “Ist das so groß, das Internet? Dass man sich darin verläuft? Ohne Gugel?”

“Ja, ist es.”

Das Internet blieb ihm bis zum Schluss ein Rätsel. Zwar hatte mein Bruder ab und zu sein Laptop dabei, um archivierte Fotos zu zeigen, und dann versuchte er Vater zu demonstrieren, wie das Internet funktionierte. Doch es blieb Vater ein Rätsel. Das Internet liess sich nicht anfassen, und alles, was sich nicht anfassen liess, war irgendwie Spielerei.

*

Es stellte sich heraus, dass er Grauen Star hatte. Er musste sich einer Staroperation unterziehen. Dabei wird die trübe Linse durch eine Intraocularlinse aus Kunststoff ersetzt. Dann kann man wieder schön aus der Wäsche gucken, hatte der Arzt am Telefon gelacht. Dann ist der Vorhang weg.

Ein total witziger Arzt. Beim Telefonieren sah ich einen Stand up Comedian vor mir, der sich im OP-Saal beim Abschaben der Netzhaut neue Gags ausdachte, mit denen er sein Publikum am Abend zur Raserei bringen will.

Hoffentlich ist bald Feierabend, denkt so ein Arzt mit hoher Wahrscheinlichkeit, während er Netzhäute schabt, ich hab heut super Witze drauf.

Am Tag vor dem Termin in der Augenklinik half ich Vater, ein paar Sachen zusammenzusuchen. An neun verschiedene Medikamente mussten wir denken, nicht zu vergessen den Einweisungsschein. Den Kulturbeutel hatte Vater schon gepackt, mit Rasierzeugs, Seife, Zahnbürste, Zahnpasta, Extra-Haftcreme. Dazu einen Haarkamm und einen Waschlappen. In eine große Sporttasche stopfte er Unterwäsche zum Wechseln, darunter eine lange Unterhose, falls das Wetter umschlagen sollte.

Papa, im Krankenhaus schlägt das Wetter nicht so schnell um, sagte ich, doch er hörte kaum hin.

Er war in stiller Raserei. Zwei Paar Strümpfe kamen hinzu, ein Moskitonetz, eine Wolldecke, eine unbestimmte Nylonhülle, zwei Flaschen Mineralwasser und die große Wasserpumpenzange, mit der sich störrische Verschlüsse von Mineralwasserflaschen leichter aufdrehen ließen. Auch ein Kugelschreiber und ein Schreibblock durfte nicht fehlen, ein Ersatzkugelschreiber sowie ein Paar Filzpantoffeln.

In der Küche sah ich, dass Zucker, Salz, Mehl schon bereitgestellt war. Ich räumte es heimlich zurück in den Vorratsschrank.

Um den Hals trug er einen Brustbeutel mit 300 Euro drin. So viel? Willst du in den Puff gehen?

“Ja, aber erst, wenn ich wieder richtig gucken kann.”

“Wieso nimmst du überhaupt einen Brustbeutel mit?”

“Damit sie mir das Geld nicht klauen, wenn ich nicht zu Hause bin. Die vom Pflegedienst haben doch einen Schlüssel.”

“Und du meinst, die kommen hier rein, wenn du nicht hier bist, und klauen dir dein Bargeld?”

“Genau so.”

Na schön. Und obwohl jedes Krankenhaus in Deutschland eigene Patientenkleidung stellt, packte er noch einen frischen Frottee-Schlafanzug ein. Der lag obenauf eingerollt, wie eine Krone.

“Willst du einen ganzen Monat im Krankenhaus bleiben? Das ist doch nur für eine Nacht. Was willst du mit dem ganzen Kram?”

“Stell dir vor, bei der OP geht was schief und ich muss länger bleiben als vorgesehen.. Man muss für alle Eventualitäten gerüstet sein.”

Mit diesem Einwand hätte ich rechnen müssen. Ängstlichkeit war sein Hauptwesenszug, noch vor dem Humor. Er versuchte stets gewappnet zu sein, um ungeschoren über die Tage zu kommen. Das Leben stand Spalier für seine Ängste. Es wunderte mich nur, dass er keinen Regenschirm eingepackt hatte, aber ich hütete mich, ihn darauf hinzuweisen.

Ich fühlte mich an früher erinnert, wenn wir mit der ganzen Familie zum Gardasee in Campingurlaub fuhren und der Ford 20M so überladen war, dass wir es kaum den Großglockner hoch schafften. Auf der Passhöhe angekommen, musste der Motor ein halbes Stündchen verschnaufen; es dampfte und zischte bei hochgeklappter Motorhaube. Aber wir waren nicht allein. Wenn man sich im Sommer 1967 auf dem Pass umschaute, standen überall überladene Familienkutschen und dampften aus dem Hals.

Von wegen Revolution.

*

Nach dem Eingriff musste mein Vater eine Nacht im Krankenhaus verbringen, zur Beobachtung, wie es hieß, doch schon am nächsten Vormittag, unmittelbar nach der Chef-Visite, würde man uns anrufen, dann könnten wir ihn abholen.

Am nächsten Morgen saßen wir zu Hause und warteten auf den Telefonanruf. Es kam kein Anruf. Nicht um neun, nicht um halb zehn.

Ruf da an, sagte die Gräfin.

Warum? antwortete ich. Die haben doch gesagt, die rufen an.

Schon, aber du weißt doch, wie das heute ist. Die eine Hand weiß nicht, was die andere Hand tut. Beziehungsweise, die eine Hand hat null Interesse an der anderen Hand.

Es wurde zehn Uhr, 10 Uhr 20, 10 Uhr 45. Punkt elf wurde es mir zu blöde. Ich rief in Wuppertal an. In der Augenklinik. Was mit meinem Vater los ist. Ob wir ihn jetzt abholen könnten.

“Ja natürlich kann Ihr Vater abgeholt werden. Der sitzt doch schon seit zwei Stunden im Wartezimmer.”

Am Telefon hatte mir mein Bruder den Weg zur Klinik in Wuppertal beschrieben, über die A 46. Weil die Gräfin die Autobahn aber vermeiden wollte, hatten wir im Internet eine Alternativ-Route herausgesucht, über Wuppertal-Cronenberg. Da brauchte es die Routenführung meines Bruders nicht mehr.

Viele Wege führen nach Rom, einer nach Amarillo, zwei nach Wuppertal.

Vom Hahner Berg aus steuerten wir Elberfeld an. Meilenweit ging es in Serpentinen bergab Richtung Betonpfanne, Richtung Wupper, Richtung Augen-Klinik. Die Gräfin parkte direkt vorm Eingang, damit Vater nicht so weit zu laufen hatte.

In der hotelähnlichen Lobby hielt ich Ausschau nach ihm.

“Der ist bestimmt noch auf Station”, vermutete die Gräfin.

“Wir möchten gern meinen Vater abholen”, sagte ich an der Rezeption. “Er ist gestern operiert worden.”

Die Dame blickte auf den Monitor, sagte nichts.

“Er liegt in Haus 2″, schob ich hinterher.

“Haus 2 gibts hier nicht. Wie war der Name?”

“Glumm..”

“Ja, hier, Glumm.. Ja, aber.. der ist doch in der Augenklinik.”

“Ja und. Ist das hier nicht die Augenklinik?! Das ist doch.. die Helios-Klinik hier, oder nicht?”

“Es gibt zwei Helios-Kliniken in Wuppertal. Hier in Elberfeld die Haut- und Herz-Klinik, die Augenklinik ist in Barmen. Da ist wohl was falsch gelaufen. Sie müssen nach Barmen.”

*

Die Klinik in Barmen entpuppte sich als Katastrophe. Überall tranige Augenklappen und bandagierte Gesichtshälften. Als ich die Tür des Zimmers öffnete, das man uns genannt hatte, dachte ich zuerst, es handele sich um die Abstellkammer, und schloss sie wieder. Es war aber das richtige Zimmer, nur dass mein Vater nicht drin war, sein Bett schon leer.

Zurück auf den Gang entdeckte ich ihn durch eine Glasscheibe. Er hockte im Warteraum, mit wehendem Haar (im Sitzen!) und blutunterlaufenem Auge.

Ein Häufchen Elend.

“Gott sei Dank”, mehr war aus ihm nicht herauszukriegen, als er mich sah, “Gott sei Dank, dass ihr da seid..!”

Ich nahm die Sporttasche vom Boden und half ihm auf die Beine.

“Tut mir leid, dass es was länger gedauert hat.”

Er war so hinüber vom langen Warten, dass der Zorn schon verraucht war. Er machte einen so gebrechlichen Eindruck, dass mir mulmig wurde. Ich hakte ihn fest bei mir unter. Die Gräfin kam von der Besuchertoilette und erschrak bei seinem desolaten Anblick. Auch wenn sie sich alle Mühe gab, es nicht zu zeigen, Vater spürte es und bekam ebenfalls Panik. Schnell drückte sie ihm einen Kuss auf die Wange.

“Meine Schwiegertochter”, hauchte Vater, als würde er sie vorstellen wollen. Da war aber niemand.

Er sah aus wie Frankenstein.

“Moment noch”, sagte ich.

Ich machte mich auf die Suche nach einem Arzt oder einem Pfleger, der etwas zum Zustand meines Vaters sagen konnte. Die Gräfin erzählte später, ich wäre mit einem Gesichtsausdruck a la Mein Vater, mein Vater! sein Auge! über den Krankenhausflur geflogen, so sehr war ich in Sorge. Diese ganze vermaledeite Station wirkte auf mich wie ein Nachkriegsprovisorium, es war kaum Ernst zu nehmen. Aber es war Ernst, Ernst wie auf einer öffentlichen Straße, wo einen Passanten (Patienten) anrempelten, wenn man nicht schnell genug aus dem Weg war.

“Ja, mit Ihrem Vater ist alles in Ordnung”, deutete ich das desinteressierte Gemurmel eines Pflegers, den ich in einem Schwesternzimmer entdeckte. Dann widmete er sich wieder dem PC-Monitor.

“Äh.. muss ich denn.. müssen wir heute irgendetwas beachten.. in den nächsten Stunden..?”

“Das steht alles im Entlassungsbrief.”

“Aha. Und wo ist der?”

“Wer?”

“Na! Der Entlassungsbrief!”

“Ach so. Den hat er doch dabei.”

“Wo?”

“In seiner.. Jacke? Schätze ich jetzt mal.”

“Na gut. Schau ich gleich nach. Es hat also alles geklappt bei der Operation?”

“JA!!”

Der Pfleger hob genervt den Blick und warf die Tür zu. Dabei war ich ja nur so nervig, weil mein Vater so schlimm aussah. Wie sich dem schwerfälligen Gestammel des Mitarbeiters entnehmen liess, hatte er in der vergangenen Nacht keine Sekunde geschlafen. Während er sprach, glotzte uns das operierte rechte Auge aus seiner Höhle an wie ein Goldfisch, der im Aquarium tot zu Boden gesunken war.

Ein verfluchter Frankenstein-Goldfisch.

Sobald wir im Parkhaus Ebene O erreichten und Vater auf dem Rücksitz Platz genommen hatte, legte er sich lang und versuchte zu schlafen. Wie ein 86jähriger Schulbub lag er da, der ein Mittagsschläfchen hielt. Kaum eine Minute später saß er wieder aufrecht.

“Ich hab heut morgen grün geschissen.”

“Du hast was..?”

“Grün geschissen. Wie Spinat.”

In Solingen angekommen, hatte der Lausebengel (86) nur noch einen Wunsch: ein halbes Hähnchen vom Grill, dann ab ins Bett. Während wir vorm Imbiss im Wagen auf den Gockel warteten, versuchte er etwas vom Klinikaufenthalt zu erzählen, doch er verlor ständig den Faden.

Einen Monat später war das andere Auge dran.

Licht, Ärzte, Stimmen

Es war nicht so, als wäre ich lange ohne Bewusstsein geblieben. Vielleicht eine Stunde fehlte mir, seit ich mit Blaulicht eingeliefert wurde und nun auf der Intensivstation aufwachte.

Sofort stand eine Krankenschwester am Bett.

“Wie geht es Ihnen?” Schwester Barbara stand auf dem Namensschildchen. Freundliche Augen, forschender Blick. “Sie hatten einen schweren Herzinfarkt.”

“Ja ich weiß”, antwortete ich eine Spur zu leise und räusperte mich. Ich wollte nicht kläglich klingen, auch wenn es allen Grund dazu gab. Gerade dann nicht. Ich versuchte mich im Bett zu erheben, doch die Schwester drückte mich behutsam zurück. Sie fixierte die Monitore, die geschlossen wie eine Wachmannschaft hinter meinem Bett standen und bläuliches Licht ins Zimmer warfen. Die Geräte maßen die Sauerstoffsättigung im Blut, der Puls wurde kontrolliert, in meiner Nase steckte eine Sonde.

“Sie können von Glück reden, dass Sie den Herzinfarkt in der Stadt erlitten haben und so rasch im OP waren. Stellen Sie sich vor, Sie wären im Wald spazieren gewesen. Da hätte der Notarzt viel zu lange gebraucht, bis er Sie gefunden hätte.”

“Ich bin gestern im Wald gewesen”, entgegnete ich, fast ein wenig empört. Tief im Wald sogar, querfeldein, mit dem Hund. Ohne Handy. “Das hätte wohl meinen Tod bedeutet.” Ich liess das Fragezeichen gleich weg.

“Haben Sie kein Handy?” fragte die Schwester.

“Nein.”

“Dann bringe ich Ihnen gleich das Stations-Handy, können Sie Ihre Leute anrufen. Oder wissen die schon Bescheid?”

“Vielleicht weiß meine Freundin schon Bescheid. Ich weiß nicht.”

*

Erinnerungsfetzen im Rettungswagen. Ich liege auf der Bahre, von draußen ruft ein Sanitäter: “Unter der Nummer ist niemand zu erreichen.”

“Ist aber die richtige.. Nummer”, flüstere ich und wiederhole die Zahlenfolge, langsam wegsackend.

Der Wagen fährt an, ich nehme das metallische Zuschlagen der Schiebetür wahr, und eine gewisse Kühle. Sie muss doch den Hund abholen, wenn ich ins Krankenhaus komme. Einer muss doch den Hund aus der Kirche holen. Dahinter die erregte Männerstimme, “Die Fußgängerzone ist blockiert!” Von da an halte ich die Augen geschlossen, es rappelt und rumpelt während der Fahrt ins Städtische Krankenhaus, eine Infusion wird angelegt.

“Einmal Diazepam läuft durch!”

Ich öffne die Augen erst wieder, als ich in den Herzkatheterraum gerollt werde, wo mir die Pflegerinnen auf dem OP-Tisch in routinierter Eile Strümpfe, Hose und Pulli runterziehen.

“Ruhig, Herr Glumm, bleiben Sie ruhig.. Wir retten Sie jetzt.”

*

- Schwester, Sagen Sie, wie viele Herzinfarkte gibt es jeden Tag in unserer Stadt? –

- Hm. Das ist verschieden. -

- Na, ungefähr. –

- Manchmal zehn, manchmal gar keiner. Warum? –

- Na, nur so.-

- Es gibt zwei Extreme: Bei anhaltend schwülem Wetter häufen sich Infarkte, und im Winter, wenn die Leute frühmorgens Schnee schippen, dann auch. Dann ist hier Daueralarm auf Station. –

- Hm. Ja. Und heute bin ich der einzige Herzinfarkt? –

- Bis jetzt, ja. -

*

Mit jeder Minute, die ich auf den Rettungswagen warte, schnürt sich der Brustkorb mehr zu, verengt sich das Korsett. Man hat mich ins Hinterzimmer gebracht, wo ein Sofa steht.

“Können wir etwas für Sie tun, Ihnen etwas bringen?” erkundigt sich eine der beiden Damen leise.

“Ein Glas Wasser”, wispere ich und versuche mich zu entspannen, aber wie soll man sich entspannen, wenn einem das Herz durch die Brust knallt. Der Hund hockt vor mir auf dem Boden und beobachtet mich. Die Mitglieder der Gemeinde, zwei Frauen und ein Mann, um die sechzig, evangelisch, akkurat, sind ratlos. Da kommt ein Mann mit Hund auf sie zu, an einem stickig-heißen Vormittag im Mai, im Souterrain der Stadtkirche. Der Mann ist fahl, Schweiß pläddert an ihm runter. Er wankt.

“Ich glaube, ich hab einen Herzinfarkt..”, spricht er mit kläglich dünner Stimme, “können Sie den Notarzt rufen?”

*

Als ich das Souterrain der Kirche über den Hintereingang betreten hatte, den Hund an der Leine, sank ich zunächst auf einer langen, im Dunkel liegenden Holzbank nieder. Niemand zu sehen, Stille. Um den Notarzt zu rufen hätte ich mich schon in der Fußgängerzone an jeden x-beliebigen Passanten mit Handy wenden können, doch ich war ein Sterbender, der Schutz suchte, der sich lieber in der nahen Stadtkirche einlieferte, über den Hintereingang, der zufällig offen stand. Aus reiner Intuition. Weil ich den Hintereingang von früher kannte, als Karlos Vater in der Stadtkirche als Küster gearbeitet hatte. Und weil ich mir nicht sicher war, ob ich gerettet werden wollte, weiterleben wollte.

Im Mahlstrom meines nachlassenden Bewusstseins hatte sich ein Gedanke eingeschlichen: Du kannst dich ja auch sterben lassen ..

Du kannst dich auch sterben lassen.

Das war kein Suizidmoment, wo man selbst aktiv werden muss. Wo man eine Pistole ansetzt, wo man Medikamente frisst oder von der Brücke springt, nein, wäre alles nicht nötig gewesen. Ich hätte nichts weiter tun müssen, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ihren Lauf, wie sie ihn in alten Zeiten genommen hätten, als es noch keinen Notruf gab, keine Herzkatheterräume, keine pulsierenden Ultraschallaufnahmen.

Als die Luft sozusagen noch rein war.

Ich kauerte vor der Holzbank, neben mir der Hund. Du hast die Wahl, dachte ich in den Katakomben der Stadtkirche, es roch nach Politur und Filterkaffee. Mein Herz drückte und stauchte, die Holme knackten. Musst bloß noch ein wenig warten, bis das ruinierte Herz alle Aus- und Zugänge geschlossen hat. Ein bisschen.. warten. Eine wärmende Hand schaufelte mich hoch. Ich flog ein bisschen.

Dann die Entscheidung.

Ich erhob mich und wankte mit dem Hund an der Seite den langen Flur entlang, in Richtung der Sozialräume, Richtung Weiterleben. Wo drei Menschen mich empfingen und einer die 112 wählte. Wo ich auf dem Sofa ruhte, den Hund junkern hörte und ihn streichelte. Wir warteten. Ich auf dem Sofa, halb hingeschlagen und dem Tod schon so nah, dass ich rüberspucken konnte. Und mit jedem Augenblick, der verstrich, wurde ich schwächer, rutschte ich Stück für Stück aus dem Bild.

*

Beim gemeinsamen Frühstück hatte sie mich angeblickt.

“Jeden Morgen glitzert eine ungeweinte Träne in deinem Auge”, sagte sie. Was sie manchmal so sagt, morgens. Kleine rätselhafte schöne Sachen.

Ich spielte kurz mit dem Gedanken, den Schlaf aus dem Auge zu reiben, doch dann würde es ja nicht mehr glitzern. Das machte keinen Sinn. Das würde niemand wollen. Man reibt sich keinen Schmuck aus dem Auge, schon gar nicht eine Träne. Also liess ich es so, wie es war, eine Spezialität von mir, und beschäftigte mich wieder mit meinem Marmeladenbrot. Selbstgemachte Marmelade, von ihr selbstgemacht. Die einzige Marmelade weltweit, die Kraft spendet.

Während sie nach dem Tee griff und schon beim nächsten Thema war, ihre Ausstellung sollte zwei Tage später beginnen, nahm ich das Notizbuch und hielt den Satz fest, Jeden Morgen glitzert eine ungeweinte Träne in deinem Auge. Dahinter ihr Kürzel, um in Fragen des Urheberrechts erst gar keine Unsicherheit aufkommen zu lassen, und meinen ersten schnellen Senf dazu, ein lakonisches:

Na. Ich weiß auch nicht.

*

Anderthalb Stunden drauf, viertel vor elf, rast ein großer Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn durch die Nordstadt ins Klinikum, mit mir hinten drin. Herzinfarkt. Mitten in der Fußgängerzone. Seither höre ich anders hin, wenn die Sirene sich nähert. Seither liege ich in jedem gottverdammten Ambulanzwagen, der durch die Straßen fliegt. Seit mir das Leben gerettet wurde, wird mir jedes Mal das Leben gerettet. Auch wenn jemand anderes hinten drin liegt:

Ich bin das.

Mit Diazepam fortlaufend ruhig gestellt wurde ich an der Krankenhausambulanz vorbei in die Kardiologie gerollt. Herzkatheterraum. Der Oberarzt, erst nett, schimpfte, weil ich nicht still liegen wollte, und erst seine massive Zurechtweisung, HERRGOTT, WIR WOLLEN SIE DOCH RETTEN und die Drohung SONST MÜSSEN WIR SIE FIXIEREN zeigten Wirkung.

Zwei Engstellen in den Herzkranzgefäßen, voller Plaque, mussten per Ballon aufgedehnt und mit Stents versorgt werden, um die Gefäße offen zu halten. Stents. Sind kleine Gittergerüste, erklärte der Oberarzt. Klettergerüste? Ich sah einen von Plaqueablagerungen verwüsteten Kinderspielplatz vor mir. Auf links gedreht, die Luft raus. Ab hier kein Transport. Minimalinvasiv.

Koronare 3-Gefäßerkrankung, Kalkablagerungen in den Herzkranzgefäßen, sagte der Doktor.

Verdammtes Plaque, dachte ich.

 My poor heart is aching (Nina Simone).

Die Kühle auf dem OP-Tisch, die routinierte Geschwindigkeit, mit der das OP-Team mich entkleidet, und wie gekonnt eine Schwester mit dem Einmalrasierer mein Schamhaar stutzt. Wir müssen an Ihre Leiste ran. Kalter Schweiß auf der Haut, mein weißer Schwanz.

O Herr, reiß die Himmel auf! Es ist soweit. Soll ich jetzt kommen?!

*

Auf der Intensivstation bin ich verblüfft von der Helligkeit und Freundlichkeit, die mich empfängt. Einzig meine Zimmergenossin erinnert an die Gefahr, in der ich mich befinde. Eine Frau, die maschinell beatmet wird, aber ich kann sie nicht sehen, ihr Anblick ist von einem weißen Rollvorhang verstellt.

Ich liege flach auf dem Rücken, darf mein rechtes Bein nicht bewegen, vierundzwanzig Stunden lang. Eine strenge Vorgabe, die mir Schwester Barbara wieder und wieder einimpft. Es könne sonst zu einer Verletzung der Leistenarterie kommen. Vierundzwanzig Stunden still liegen, das Bein nicht bewegen, “sonst passiert es noch, dass Sie innerlich verbluten.”

Na komm. Da bleibt man schon mal vierundzwanzig Stunden ruhig auf der Stelle liegen.

Und dennoch gibt es am Abend einen verzweifelten Moment, wo ich das Stillhalten fast nicht mehr aushalte und kurz davor bin, mir sämtliche Schläuche und Sonden vom Körper zu reißen und mich mitsamt dem Infusionsständer aus dem Fenster zu schmeißen, damit ich es hinter mir habe. Was nicht funktioniert hätte. Zwar war das Fenster weit geöffnet an diesem Maiabend, doch da war ja noch das robuste Mückengitter im Weg.

Intensivstation: Fluchtversuch endet im Fliegenrollo.

Perfekt, irgendwie.

*

10. Mai 2012, Andi Stadtkirche, Susanne Eggert, 2012

Wahlmöglichkeit

Mit jeder Minute, die wir auf den Rettungswagen warteten, schnürte sich der Brustkorb mehr zu. Wurde Eisenkorsett. Man hatte mich ins Hinterzimmer gebracht, halb Lager, halb große Garderobe, in dem ein Sofa stand. Können wir etwas für Sie tun, können wir Ihnen etwas bringen? erkundigte sich eine der beiden Damen leise. Ein Glas Wasser? flüsterte ich und versuchte mich lang zu machen, zu entspannen, aber wie soll man sich entspannen, wenn einem das Herz durch die Brust knallt.

Der Hund hockte vor mir auf dem Boden und beobachtete mich, er wusste nicht, was los ist. Auch die Mitglieder der Gemeinde, zwei Frauen und ein Mann, um die sechzig alle, evangelisch, adrett, waren ratlos. Da wankt an einem Vormittag im Mai im Souterrain der Stadtkirche ein Mann mit Hund auf sie zu, weil ausnahmweise die Hintertüre offen steht. Der Mann ist fahl, der Schweiss pläddert an ihm herunter, als käme er direkt aus der Sauna.

“Ich glaube, ich hab einen Herzinfarkt..”, spricht er sie an, mit kläglicher dünner Stimme, “können Sie den Notarzt rufen?”

Dann warteten wir. Ich auf dem Sofa, halb hingeschlagen und dem Tod so nah, ich konnte schon rüberspucken, der Hund auf dem Fußboden, die drei Gemeindemenschen halb im Zimmer und halb auf dem Flur, um die Ambulanz nicht zu verpassen. Ich wurde mit jeder Minute schwächer, es war, als rutschte ich Stück für Stück aus dem Bild. Und doch war da eine warme Hand, die sich unter meinen Körper schob, mich sachte aufschaufelte.

Als ich die Kirche Minuten zuvor über den Hintereingang betreten hatte, liess ich mich zunächst auf einer langen, im Dunkel liegenden Holzbank nieder. Niemand war zu sehen. Stille. Ich hätte mich in der Fußgängerzone an jeden x-beliebigen Passanten mit Handy wenden können, damit er den Rettungswagen ruft, doch ich war ein Sterbender, der Schutz suchte. Ich lieferte mich in der Stadtkirche ein, über den offenstehenden Hintereingang. Es war reine Intuition. Weil ich mir nicht sicher war. Ob ich wirklich Rettung wollte, ob ich weiterleben wollte. Im Mahlstrom meines nachlassenden Bewusstseins dachte ich: Du kannst dich auch sterben lassen.

Du kannst dich sterben lassen.

Das war kein Suizidmoment, wo man selbst noch aktiv werden muss. Wo man eine Pistole ansetzen oder Medikamente fressen oder von der Brücke springen muss, nein, war nicht nötig. Ich hätte nichts weiter tun müssen, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ihren Lauf, den sie nehmen würden, gäbe es keine modernen Zeiten mit Notruf, Herzkatheter, pulsierendem Ultraschall.

In den Katakomben der Stadtkirche roch es nach Politur und Filterkaffee. Ich kauerte vor der Holzbank, neben mir der Hund. Du hast die Wahl, dachte ich, und mein Herz schmerzte. Drückte. Die Holme knackten. Musst bloß ein wenig warten, bis das ruinierte Herz alle Aus- und Zugänge geschlossen hat. Ein bißchen noch. Die wärmende Hand unter mir schaufelte mich hoch. Ich flog ein bißchen.

Dann erhob ich mich und wankte mit dem Hund an der Seite den langen Flur entlang, Richtung Sozialräume. Wo drei Menschen mich empfingen und die 112 wählten. Wo ich auf dem Sofa ruhte, den Hund leise junkern hörte und ihn streichelte, er saß jetzt genau zu meinen Füßen.

Wenn gleich die Rettungskräfte kommen, dachte ich, gibts ein Problem. Der Hund wird sie nicht an mich ranlassen.

Na schön, die Sanitäter kamen an mich ran und retteten mich und brachten mich ins Krankenhaus und der Fahrer fluchte, weil die Einkaufszone zugeparkt war. Der Hund landete für ein paar Stunden im Tierheim, bis die Gräfin ihn auslöste, und ich hatte für einen Moment die Wahl gehabt zwischen Leben und Tod, einen winzigen Moment nur, aber immerhin, ich meine, ich hätte auch alles sausen lassen können.

Sehr beruhigend, das.