Geplant war Ewigkeit (7)

Im Juni 2012, ich war noch angeschlagen von der Herzattacke, lockten wir den Hund ins Auto und fuhren zum Zelten nach Zeeland. Die Nordsee war seit meinen Kindheitstagen das Allheilmittel gegen Erkrankungen jeglicher Art, aber diesmal war die Sache nicht so einfach. Ein Herzinfarkt heilt nicht mal eben so aus, nur weil man nachts im Schlafsack liegt und salzige Luft atmet.

“Du hattest immer so weiche schwere Augen”, meinte die Gräfin bekümmert, “aber seit dem Infarkt..”

Sie zögerte.

“Was ist seit dem Infarkt?”

“.. seitdem ist dein Blick hart und aufgerissen, als hättest du das Böse gesehen, als hättest du einen Blick in die Hölle geworfen.”

“Na, die Hölle hatte ich auch vor dem Infarkt schon gesehen”, relativierte ich. “Aber jetzt kenne ich auch den Hauptmann.”

*

Leute, die dem Tod von der Schippe springen, erzählen oft, sie lebten danach intensiver und genössen jeden einzelnen Moment. Solche Leute waren mir schon immer suspekt, genau wie die Supertypen, die sich ständig neu erfinden. Wie soll das funktionieren? Sind das alles fesche kleine Daniel Düsentriebs, die sich mit ihrem Helferlein hinsetzen und bei flackerndem Teelicht auf Sternenstaub-Basis alle Verkleidungen durchgehen, die noch nicht auf der Tagesordnung waren?

Ja, vielleicht.

Ich lebte nicht intensiver als vor der Herzattacke, ich genoss meine Momente nicht mehr als zuvor. Im Gegenteil, ich fühlte mich eher meiner Sicherheit beraubt, meinem geradezu unverschämten Glauben an die Unversehrtheit des Andreas Glumm, an die tausend Leben des Andreas Glumm. Das Urvertrauen war beschädigt. Mein Urvertrauen, ewig zu leben, das Sterben den Anderen zu überlassen.

Daran kannst du nicht wirklich geglaubt haben, mag man einwenden, so naiv kann man nicht sein. Doch, kann man, und dazu muss man noch nicht mal ausbuchstabiert an das Konzept von Ewigkeit glauben, es reicht, danach zu leben.

Leben reicht in aller Regel.

*

Vielleicht war die Idee nicht so gut, so kurz nach einem Infarkt und dem Einbringen von zwei Blutgefäß-Stents in die Herzkranzgefäße ans Meer zu fahren.

Als wir am zweiten Urlaubstag in der Mittagsglut von Zeeland eine Wanderung durch das Reservat De Zwarte Polder unternahmen, bekannt für blaue See-Disteln, Riesenlöwenzahn und brütende Vögel, stieß ich an meine Grenzen. Wie ein leck geschlagenes Schiff, in dessen unteren Mannschaftsräumen das Wasser hin-und her schwappt, lief ich beinah auf Grund. Ich war heilfroh, als wir den Strandpavillon erreichten und die Gräfin es bei über dreißig Grad im Schatten übernahm, heißen Pfefferminztee zu ordern.

Am nächsten Tag begann es zu regnen und hörte nicht mehr auf. Wir saßen mit aufgespanntem Regenschirm im Zelt fest wie in einer großen Fruchtblase und konnten nicht viel mehr tun als dafür zu sorgen, dass wir nicht fortschwammen und vom Wind davongetragen wurden. Da noch Vorsaison war, hatten wir ein Areal für uns allein, das normalerweise Platz bot für ein Dutzend Caravans und Mobilheime. Was bei Sonnenschein ideal gewesen wäre, sorgte bei Dauerregen für zusätzlichen Verdruss. Das Fehlen jeglicher Nachbarschaft, in deren Windschatten sich unser Zelt hätte verstecken und einigeln können, ließ uns zum Hauptangriffspunkt der Sturmböen werden, die uns fast vom Platz fegten. In der Nacht fielen die Temperaturen auf fünf Grad.

Selbst der Hund verkroch sich im Schlafsack.

Eine unglückliche Woche. Enttäuscht von uns selbst, dass wir den Widrigkeiten der Wirklichkeit nicht mehr viel entgegenzusetzen hatten, packten wir das Zelt nass ein und  fuhren nach Hause. Was uns früher ausgezeichnet hatte, noch aus der grössten Scheiße etwas zu machen, schien verloren gegangen zu sein. Wir waren ein normal humorloses Paar um die Fünfzig, das sauer war, weil es im Urlaub regnete.

“Red keinen Scheiß”, sagte die Gräfin, schaute dabei aber aus der Wäsche, als hätte sie es selbst gesagt.

Als ich später die Urlaubsfotos abholte, fühlte ich mich bestätigt. Da war nichts mehr zu sehen von dem jungen Mann, der einst mit jedem Tag am Strand Bräune gewann und damit an Leichtigkeit und Charme. Die Kleinbildkamera, die wir statt der Digitalen mitgenommen hatten, (der verflixte Nordseesand hatte mir schon einmal eine Spiegelreflexkamera ruiniert), tat ihr übriges. Die Fotos wirkten, als hätte man mich in den 70er Jahren extra falsch fotografiert, mit grotesk überbelichtetem Gesicht, wie geweißter Schweinebauch.

“Ich glaub, ich sterbe langsam”, stänkerte ich, als wir die Bilder durchgingen.

“Stirb langsam, Teil 45″, murmelte die Gräfin.

*

Wie immer, wenn mich etwas richtig erwischt hatte, war ich von dem Verursacher besessen. Der verfluchte Herzinfarkt dominierte mich bis in die Träume. Ich wachte Nacht für Nacht auf der Intensivstation auf. Eine Krankenschwester kam ans Bett, Schwester Barbara. Freundliche Augen, forschender Blick.

“Sie hatten einen schweren Herzinfarkt.”

“Weiß ich doch”, antwortete ich eine Spur zu leise und räusperte mich. Ich wollte nicht kläglich klingen. Ich versuchte mich zu erheben, doch Schwester Barbara drückte mich behutsam zurück und fixierte die Monitore, die geschlossen wie eine Wachmannschaft hinter meinem Bett patrouillierten und ihr kühles bläuliches Licht ins Zimmer warfen.

Geräte kontrollierten die Sauerstoffsättigung im Blut und den Puls, tief in meiner Nase steckte eine Sonde. Über eine Kanüle lief steriles Wasser in meinen Arm, ein Druckverband sicherte die Einstichstelle an meiner Leiste. Alls zwanzig Minuten pumpte sich die Blutdruckmanschette am Oberarm selbständig auf, fünf, sechs Mal am Tag wurde mir Blut abgenommen.

“Sie können von Glück reden, dass Sie den Herzinfarkt mitten in der Stadt erlitten haben und so rasch im OP waren. Stellen Sie sich vor, Sie wären im Wald spazieren gegangen..”

“An dem Tag nicht, aber am Tag zuvor bin ich tatsächlich mit dem Hund im Wald gewesen”, gab ich stolz zurück.

“Na, sehen Sie.”

Tief im Wald sogar. Im Unterholz, wo man ständig darauf gefasst sein muss, auf verbuddelte Leichen zu stoßen in ollen Koffern, die der Erdboden freisetzt.

“Haben Sie Ihr Handy dabei?” fragte die Schwester.

“Nein.”

“Ich bringe Ihnen gleich das Stations-Handy, dann können Sie Ihre Leute anrufen.”

*

Nach Hause telefonieren, dass man auf der Intensivstation liegt, ist eine merkwürdige Sache. In der Regel, also in Spielfilmen, kommt ein Anruf aus dem Klinikum, und die einfühlsame Stationsschwester teilt einem mit, dass ein naher Angehöriger einen Herzanfall erlitten hat.

Doch selbst die Nummer wählen und anrufen..

“Hallo, ich bin’s. Hör mal, Schatz, ich lieg im Städtischen auf der Intensivstation, ja richtig, ich hatte eben einen dreifachen Herzinfakt. Ja, dreifach. In der Stadt, ja, mitten am Fronhof. Nein, kein Bypass, Stents. Ja, zwei, ich hab vorerst nur zwei Stents gekriegt, der dritte folgt in einigen Tagen. Na ja, gleich mach ich Mittag. Danke, dir auch, Schatz. Schüss!”

*

Einige Tage später feierte Vater 86. Geburtstag. Er besuchte mich in Begleitung meiner Schwester und ihrer Tochter. Ich war mittlerweile verlegt worden, von der Intensivstation auf die Kardiologie. Wir gingen raus auf den Balkon. Es war heiß.

“Vielleicht hörst du besser mit dem Rauchen auf”, meinte meine Schwester.

Vater nickte zustimmend, sagte ansonsten nicht viel, blickte mich verständnislos an. Ich und ein Herzinfarkt, das passte schon für viele in meiner Umgebung nicht recht zusammen, aber für Vater handelte es sich um eine groteske Fehldiagnose. Herzinfarkte erlitten unruhige und flatterhafte Geister, die ihre Beine nicht still halten konnten, Leute wie Benzini, die mit Tempo 200 über die Autobahn donnerten und eine 50 Stunden-Woche an einem einzigen Vormittag abrissen – aber doch nicht ich.

Ich war kein nervöser Heini, ich machte eher halblang, ich liess es ruhig angehen.

Noch ruhiger, und die Mediziner hätten Probleme, überhaupt irgendwelche Vitalfunktionen wahrzunehmen, orakelte mein Bruder, der später dazu kam.

*

Zurück aus dem Krankenhaus schnappte ich mir den Hund und spazierte zur Schillerstraße.

Vater stand in der Küche, die etwas muffig roch, und wärmte den Inhalt einer Büchse Hochzeitssuppe auf. Hochzeitssuppe von Sonnen Bassermann war sein Leibgericht geworden, seit Mutters Tod. Ein Einkaufszettel ohne Hochzeitssuppe von Sonnen Bassermann war undenkbar. Sobald der Vorrat an Hochzeitssuppe auf ein halbes Dutzend Dosen schrumpfte, wurde er nervös. “Hochzeitssuppe!” schrie er mich beinah schon an, wenn ich den neuen Einkaufszettel schrieb und ihn fragte, was ich obenan setzen sollte.

Keine Ahnung, was er an Hochzeitssuppe so lecker fand, und warum es unbedingt Sonnen Bassermann sein musste. Er war schon immer ein großer Anhänger von Hühnersuppe gewesen, die Art Hühnersuppe, wie Mutter sie gekocht hatte. Doch aus der Büchse? Sonnen Bassermann?

Ich fragte ihn, was er die letzten Tage so getrieben habe, und er antwortete lakonisch, “Oh, ich bin hübsch zu Hause geblieben”, als hätte es eine Hundertschaft Alternativen gegeben.

Er rührte geduldig im Topf. Er trug seine alte speckige Lieblings-Trainingshose.

“Ich zähle genau zwei Stück Hühnerfleisch”, sagte er. “Oder ist das nur eins, das sich im Kreise dreht? Guck du mal.”

Wir drängelten uns um die Hochzeitssuppe herum, die allmählich Fahrt aufnahm und zu bubbeln begann.

“Na.. da sind zwei Stück”, sagte ich. “Oder? Tu mal den Löffel da weg.”

“Da ist nur eins!” rief Vater. “Siehst du! Nur eins! DA!”

“Nee, das andere schwimmt unter der Oberfläche. Das kommt gleich wieder hoch. Das sind zwei.”

Wir warteten darauf, dass ein zweites Bröckchen Geflügelfleisch sein Haupt zeigte und vergaßen darüber, dass der Inhalt der Dose lediglich erwärmt werden sollte. Stattdessen brodelte die Suppe wie ein Geysir.

“RÜHREN!” rief Vater. “DU MUSST RÜHREN! DAS BRENNT DOCH AN!”

“WIESO ICH!? DU HAST DEN LÖFFEL!”

*

Als es mit dem Infarkt passierte, war ich mit dem Hund auf dem Weg zur Apotheke gewesen, um für Vater ein Rezept einzulösen.

Es war Donnerstagvormittag, 10. Mai 2012, 10 Uhr. Später schrieb ich über die Luft an diesem Tag, sie sei so schwül und so schwer gewesen wie Layla von Clapton.

Und so gefährlich.

Ich nahm die steil ansteigende Kasinostraße und geriet im Schatten der langen, nicht enden wollenden Friedhofsmauer in wachsende Luftnot. Das war an sich nichts besonderes. Ich kannte das schon. Jedes Mal, wenn es steil bergauf ging, war ich schnell außer Puste. Ich schob es auf meine Lunge, auf die vielen zehntausend selbstgedrehten Kippen, auf mein ganzes Drogenleben, das ich über die Jahre geführt hatte und in Teilen immer noch führte.

Ich verlangsamte den Schritt, die Sonne stach im Nacken, und ich begann zu schwitzen. Innerhalb einer Minute lief die Suppe an mir runter, und eine seltsame Kraftlosigkeit machte sich breit, eine Schwäche, als wäre ich unter einen Sattelschlepper geraten, als saugte jemand alle Kraft aus mir heraus.

Hatte ich mir unter einem Herzinfarkt stets eine Explosion vorgestellt, (in der Art einer Sprengfalle, die bei Berührung zuschnappt), so folgte nun die brüske Belehrung. Ein Herzinfarkt ist eher ein alles vernichtendes Schwächeln, begleitet von einem Aufgebot an Engegefühl und Schweiß. Ganze Bataillone von Drüsen sind mit der fiebrigen Ausschüttung von Schweiß beschäftigt.

Dass ich lange meine Lunge in Verdacht hatte, Verursacher der Misere zu sein, machte Sinn. Mitte der Neunziger war bei mir Asthma diagnostiziert worden, ein paar Jahre lang ging ich nicht ohne Asthmaspray aus dem Haus.

Es gab zwei Asthmaanfälle, die meine letzten hätten sein können. Sie verliefen beinah identisch, und ich war beide Male allein: Ein Hustenanfall direkt nach dem Aufwachen verengte meine Luftröhre derart, dass ich durch die Wohnung sprang und in die Hosen pisste, aus lauter Angst zu ersticken. Ich bekam keinen Fitzel Luft mehr. Hätte ich kein Spray zur Hand gehabt, (und hätte ich nicht den dringenden Rat des Lungenarztes im Ohr gehabt, bei schweren Anfällen einfach in den Mundraum zu sprühen, um die verstopften Atemwege wenigstens so weit zu öffnen, dass man überhaupt ein klein wenig inhalieren kann), ich wäre drauf gegangen.

Ich wäre zweimal schon erstickt, bevor der Herzinfarkt kam und als laufende Nummer 3 schweißüberströmt durch den Ring tänzelte.

*

Vater hatte zwei Herzinfarkte in den Jahren 2003 und 2009, die er auch dank der Einpflanzung eines Bypass überlebte. Mutter hatte ebenfalls zwei Herzinfarkte, erlitt aber beide direkt hintereinander, was sie nicht überlebte. Cousin Michael hatte von Geburt an ein Loch im Herzen, er flog in den 70ern mehrfach nach Texas, um vom renommierten Dr. deBakey operiert zu werden. Er starb kaum vierzigjährig.

Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass es in unserer Familie eine gewisse Neigung zum Herztod gibt, sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite aus. Und doch war das Herz ganz selten ein Thema. Niemand kam auf die Idee, es könnte sich um verstopfte koronare Gefäße handeln, wenn ich auf dem Weg zu meinen Eltern den steilen Klauberg hoch marschiert war und schweißüberströmt und außer Puste ankam.

“Junge, bist du am ölen”, schüttelte Mutter höchstens den Kopf. Und Vater wartete vier, fünf Minuten, bevor er mich ansprach.

“Hüor dat Ruoken up, Jung.”

*

Der Rettungswagen stand in der Fußgängerzone. Ich lag auf der Bahre, hörte von draußen einen Sanitäter rufen, “unter der Telefonnummer ist aber niemand zu erreichen.” “Ist aber die richtige.. Nummer”, flüsterte ich und wiederholte die Zahlenfolge, langsam wegsackend. Der Wagen fuhr an, ich nahm das metallische Zuschlagen der Schiebetür wahr, sowie einen Luftzug, der meinen Körper streifte.

Sie muss doch den Hund abholen, wenn ich im Krankenhaus bin, ging mir durch den Kopf. Sie muss den Hund aus der Kirche holen. Der Hund kann nicht da bleiben. Der lässt sich nicht anfassen, wenn er die Leute nicht kennt. Ich war selbst überrascht von den alltäglichen Gedanken, die mir im Kopf schwirrten, obwohl mir der Herztod im Genick saß.

Erinnerungsfetzen an die erregte Stimme des Fahrers, “Die Fußgängerzone ist blockiert!” Dann das Rappeln und Rumpeln während der Blaulichtfahrt ins Städtische Krankenhaus – eine Infusion wurde gelegt.

“Einmal Diazepam läuft durch!”

Diazepam, scheiß Zeugs, macht nur kirre im Kopf, dachte ich und verlor das Bewusstsein.

Ich öffnete die Augen erst wieder, als ich in den Herzkatheterraum gerollt wurde, wo mir eine Pflegerin auf dem OP-Tisch in routinierter Eile Strümpfe, Jeanshose und Pulli vom Körper zog.

“Ruhig, bleiben Sie ruhig.. Wir retten Sie jetzt.”

Und dann retteten sie mich.

*

- Schwester, Sagen Sie, wie viele Herzinfarkte gibt es jeden Tag in unserer Stadt? -

- Hm. Ist verschieden. -

- Na, ungefähr. -

- Manchmal zehn, manchmal gar keinen. Warum? -

- Na, nur so. -

- Infarkte häufen sich bei anhaltend schwülem Wetter und bei Frostperioden im Winter, wenn die Leute frühmorgens zum Schnee schippen raus müssen. Dann ist Daueralarm hier auf der Intensiv. Überall stehen Gummistiefel und Moonboots rum.. -

- Hm. Ja. Und heute war ich der einzige Herzinfarkt? -

- Bis jetzt, ja. -

*

Mit jeder Minute, die ich in den Sozialräumen der Stadtkirche auf den Ambulanzwagen wartete, schnürte sich der Brustkorb mehr zu, steckte ich enger im Korsett. Es war, als versuchte ich durch eine zusammengefaltete Tasche zu atmen. Als hätte ich über Jahrzehnte mit jedem Atemzug Roth Händle gequalmt und jetzt flog mir der Laden um die Ohren. Der Saalschutz ging stiften.

Die Schläuche platzten.

Man hatte mich ins Hinterzimmer gebracht, wo ein Sofa stand. Ein rotes Sofa. Ich musste daran denken, dass die Gräfin immer ein rotes Sofa für ihr Atelier haben wollte.

“Alle berühmten Maler haben ein rotes Sofa in ihrer Werkstatt. Nur ich nicht. Deswegen bin ich nicht berühmt. “

Und jetzt lag ich auf dem roten Sofa im Hinterzimmer der Evangelischen Stadtkirche, im Sterben. So einfach war Sterben.

So einfach, so ruhmlos.

“Können wir etwas für Sie tun, Ihnen etwas bringen?” erkundigten sich die beiden Damen, die zufällig an diesem Vormittag einen Bibelkreis vorbereiteten, wie ich später erfuhr, und nur deswegen in der Kirche waren.

“Ein Glas Wasser”, wisperte ich und versuchte zu entspannen, aber wie soll man entspannen, wenn einem das Herz durch die Brust knallt. Wenn einen der Hund ängstlich anhechelt. Wenn man auf den Notarzt wartet und das Gefühl hat, die sind woanders, die vergessen einen.

“Ein Glas Wasser”, wiederholten die Damen und zogen los, froh, etwas tun zu können.

Da war ein Mann auf sie zugewackelt gekommen, mit einem Hund an der Leine, an diesem stickig-heißen Vormittag im Mai, im Souterrain der Stadtkirche. Der Mann war aschfahl im Gesicht und der Schweiß plädderte an ihm runter, als käme er aus einem Platzregen. Er wankte. Er schleppte sich mühselig voran.

Ein Gespenst.

“Ich glaube, ich hab einen Herzinfarkt..”, taumelte seine Stimme, “können Sie den Not.. arzt rufen?”

*

“Der schwitzt auch ganz doll”, stammelte die Dame vom Bibelkreis ins Telefon, “und er ist ganz käsig..”

*

Karlos wusste nichts von dem Infarkt und sprach in den folgenden Tagen, während ich auf der Inneren lag, zweimal auf unseren Anrufbeantworter.

“Glumm, ich hab Bock auf Kicken. Los, wir treffen uns im Käfig an der Schwertstrasse. Ich bin in zehn Minuten da. Hast du noch deine blaue Adidas-Hose?!”

Die Gräfin hatte beide Nachrichten abgehört und wollte ihn schon zurückrufen, um ihn auf den neuesten Stand zu bringen, doch das machte ich lieber selbst. Ich rief Karlos vom Krankenhaus an und erfuhr, dass am selben Tag, als mir die Pumpe durchgeknallt war, Karlos Lederball kaputt ging.

“Knickt das dünne Ding da oben ab, das.. das Ventil!”

“BEI MIR AUCH!”

*

Als ich das Souterrain der Kirche über den Hintereingang betreten hatte, den Hund an der Leine, sank ich nieder auf einer langen, im Dunkel liegenden, nach Politur riechenden Holzbank, und wollte nur noch sterben, so schwach, so fertig war ich.

Niemand war zu sehen, ich hörte leises Geschirrklappern. Kuchengabeln. Kaffeeduft.

Um einen Notarzt zu rufen hätte ich mich schon in der Fußgängerzone an jeden x-beliebigen Passanten mit Handy wenden können, doch ich war ein Sterbender, der Schutz suchte, ein Sterbender, der sich intuitiv in der nahen Stadtkirche einlieferte, über den Hintereingang, den ich aus alten Zeiten kannte, als der Vater von Karlos noch in der Stadtkirche als Küster gearbeitet hatte. Als Karlos und ich im Gemeindesaal über eine PA-Anlage Gedichte geprobt hatten.

“Ich möcht sterben”, flüsterte ich.

Im Malstrom meines nachlassenden Bewusstseins hatte sich der Gedanke eingeschlichen: Du kannst dich sterben lassen.

Du kannst dich ja auch sterben lassen.

Wer sagt denn, dass du kämpfen musst. Wer sagt denn, dass du gerettet werden willst. Winsel um dein Leben, steht das irgendwo geschrieben?

So jäh wie der Infarkt mich überrumpelt hatte, so jäh blitzte diese Alternative auf. Einfach sterben.. lassen. Es war ja kein typischer Suizidmoment, wo man selbst noch aktiv werden muss, wo man sich die Pistole an die Schläfe setzen oder 90 lange gebunkerte Schlaftabletten futtern muss – nein, ich hätte nichts weiter tun müssen, als den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Ihren Lauf, wie die Dinge ihn in alten Zeiten genommen hätten, als es noch keinen Telefon-Notruf gab, noch keine rund um die Uhr besetzten Herzkatheterräume, keine pulsierenden Ultraschallaufnahmen.

Als es nur das gute alte Herz gab, den guten alten Herzanfall, den guten alten Gevatter Tod, der sich die Beute nahm, wann immer es ihn danach gelüstete, ohne warten zu müssen, ob dem Notfallmediziner ein Wunder gelingt.

*

Auch wenn ich zuvor nie an die Möglichkeit eines Herzinfarkts gedacht hatte, ich wusste sofort, was los war. Arbeitselefanten legten einen Trampelpfad über meine Brust und wurden mit jeder Sekunde entschlossener – einerseits. Andererseits kündigte sich eine leichte, fast milde Stimmung an, als machte der Heilige Geist schon alles bereit zum Empfang, mit einem sanften Schulterklopfen. Alles halb so schlimm, Meister, alles fügt sich, keine Angst.

Ich ging um die Stadtkirche herum, betrat sie über den Hintereingang. Im Bauch der Katakomben duftete es nach Kaffee und Kuchen. Nach Gemeindearbeit. Ich kauerte vor der polierten Holzbank, neben mir der Hund, im Gebet. Du hast die Wahl, dachte ich, während das Herz drückte und stauchte, während Holme knackten.

Du hast die Wahl.

Musst bloß ein wenig warten. Lass dich sterben, wenn du magst. Eine wärmende Hand schob sich wie eine Kuchengabel unter meinen Körper und schaufelte mich hoch. Ich flog ein bisschen. Ich bewegte mich zwischen Erd- und Himmelreich, in der entmaterialisierten Zone.

Und kurz bevor ich mein Leben ganz aus der Hand gab, in letzter Sekunde, entschied jemand: Moment. Nein. Es fehlt noch was. Es fehlt noch das ganz große Okay des Universums. Solange das nicht kommt, bleibst du hier. Der Hund zerrte an der Leine. Ich erhob mich und wankte den langen Flur entlang, stehend k.o., als wäre ich in eine Presse geraten.

Zwei Menschen vom Bibelkreis empfingen mich, einer wählte die 112.

“Der schwitzt auch ganz doll, und er ist ganz käsig..”

*

Ich ruhte auf dem Sofa, halb hingeschlagen und dem Tode schon so nah, dass ich rüberspucken konnte. An der Demarkationslinie wurde ich mit jedem Augenblick, der verstrich, schwächer, rutschte ich Stück für Stück mehr aus dem Bild, nahm ich den Hund schon nicht mehr richtig wahr.

Viertel vor elf raste ein großer Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn durch die Nordstadt ins Klinikum, mit mir hinten drin. Seither höre ich anders hin, wenn sich von irgendwo die Sirene nähert. Seither liege ich in jedem gottverdammten Ambulanzwagen, der durch die Straßen jagt. Seit mir das Leben gerettet wurde, wird mir jedes Mal das Leben gerettet, wenn irgendwo ein Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn unterwegs ist.

Und auch wenn jemand anderes hinten drin liegt:

Ich bin es.

*

Mit Diazepam fortlaufend ruhig gestellt wurde ich an der Krankenhausambulanz vorbei in die Kardiologie gerollt. Herzkatheterraum. Der Oberarzt, erst nett, schimpfte, weil ich nicht still liegen wollte, und erst seine massive Zurechtweisung, HERRGOTT, WIR WOLLEN SIE DOCH RETTEN und die Drohung SONST MÜSSEN WIR SIE FIXIEREN zeigten Wirkung.

Zwei Engstellen in den Herzkranzgefäßen, voller Plaque, mussten per Ballon aufgedehnt und mit BM-Stents versorgt werden, um die Gefäße offen zu halten. Stents. Sind kleine Gittergerüste, erklärte der Oberarzt geduldig. Klettergerüste? Ich sah einen von Plaqueablagerungen verwüsteten Kinderspielplatz vor mir. Auf links gedreht, die Luft raus. Ab hier kein Transport.

Ab hier: minimalinvasiv.

Koronare 3-Gefäßerkrankung, Kalkablagerungen in den Herzkranzgefäßen, diktierte der Doktor. Aufnahme via Notarzt.

Die Kühle auf dem OP-Tisch, die routinierte Geschwindigkeit, mit der das OP-Team mich entkleidete, wie gekonnt die OP-Schwester mit dem Einmalrasierer mein Schamhaar stutzte. Wir müssen an Ihre Leiste ran. Kalter Schweiß auf der Haut.

O Herr, reiße alle Himmel auf! Es ist soweit.

*

Auf der Intensivstation war ich verblüfft von der Helligkeit und Freundlichkeit, die mich empfing. Einzig meine Zimmergenossin erinnerte an die Gefahr, in der ich mich befand. Die Frau, die maschinell beatmet wurde, aber ich konnte sie von meinem Bett aus nicht sehen, ihr Anblick war von einem weißen Rollvorhang verstellt.

Sie sprach kein Wort. Vielleicht hatte sie das Locked In-Syndrom. Das übelste, was ich mir vorstellen kann: schreien, ohne gehört zu werden. Ein Niemand zu sein in einem großen Leib.

Ich lag flach auf dem Rücken, durfte mein rechtes Bein nicht bewegen, vierundzwanzig Stunden lang. Eine strenge Vorgabe, die mir Schwester Barbara wieder und wieder einimpfte. Es könne sonst zu einer Verletzung der Leistenarterie kommen. Vierundzwanzig Stunden still liegen, das Bein nicht bewegen, “sonst passiert es noch, dass Sie innerlich verbluten”, impfte sie mir ein.

Na, da bleibt man dann schon mal vierundzwanzig Stunden ruhig auf der Stelle liegen.

Dennoch gab es später am Abend einen verzweifelten Moment, wo ich das Stillhalten fast nicht mehr ertrug und kurz davor war, sämtliche Schläuche und Sonden vom Körper zu reißen und mich mitsamt Infusionsständer aus dem Fenster zu schmeißen, damit ich es hinter mir hatte.

Was nicht funktioniert hätte.

Denn das Fenster des Zimmers auf der Intensivstation war zwar weit geöffnet an diesem Maiabend, doch den Weg ins Freie versperrte ein robustes Insektengitter.

Intensivstation: Fluchtversuch endet im Fliegenrollo

*

Während ich im Klinikum lag, träumte sie von Abenteuern im Weltraum und in den Bergen, von langen einsamen Wanderungen in Gegenden, wo keine Sondermeldung hinkommt, wo der Wind alles erzählt, was man wissen muss. Sie träumte von Planeten und Monden und glitzernden Sternen, die vom Himmel hinabstiegen. Sie nahmen sie in ihre Mitte und ließen sie hochleben, warfen die Gräfin in die Luft und fingen sie auf, wie Sieger das tun nach einem gewonnenen Endspiel. Da waren überall Hände, die zugriffen und Wärme ausstrahlten, die Sicherheit von Jahrbillionen.

Wir sind es! riefen die Gestirne im Traum. Wir sind für dich da!

Nach Mitternacht wachte sie auf. Sie stand mit dem alten Feldstecher meines Vaters am Fenster, in dieser bestimmten, genau austarierten Position, aus der sie den Vollmond perfekt ausspähen konnte, und erkundigte sich nach dem ganz großen Okay des Universums.

*

10. Mai 2012, Andi Stadtkirche, Susanne Eggert, 2012

Das (fast) ganz große Okay des Universums, Susanne Eggert

*

Auf der Rückfahrt von Zeeland herrschte Flaute im Wagen, Stille. Wir fuhren durch kleine belgische Ortschaften, in denen es nach Bouillon roch. Wir waren ein bisschen enttäuscht. Zum ersten Mal in all den Jahren hatten wir den Widrigkeiten der Wirklichkeit nicht viel entgegenzusetzen gehabt. Nicht mal ein einbeiniger Regenbogen am Abendhimmel über Retranchment hatte uns aufheitern können.

Ich bekam dieses Bild nicht aus dem Kopf, wie wir bei Dauerregen im Zelt festsitzen und kaum noch darüber lachen können.

Nur weil wir uns an etwas gewöhnt haben, muss es noch lange nicht das beste für uns sein, sagte sie.

Ich wollte nicht daran glauben, klammerte mich daran fest, dass es kaum zwei Monate her war und ich einen schlimmen Herzanfall gehabt hatte, dass es nur eine momentane Schwäche war.

“Rieche ich eigentlich nach der See? Nach dem Salz der Nordsee?” Sie hielt mit ihr langes Haar hin. “Früher roch ich viel intensiver nach Meer, oder nicht? Mein Körper nimmt die Gerüche der Umgebung nicht mehr so an wie früher. Ich bin eine störrische alte Eselin geworden, die nur noch ihren eigenen Geruch hat.”

*

Ich war mehr als angeschlagen, doch da ich nicht wusste, wie ich mit den Nachwehen eines Herzinfarktes umgehen sollte, liess ich mir nichts anmerken. Ich hatte keine Lust, darüber zu reden. Die ambulante Rehabilitation in Düsseldorf brach ich nach einem Tag ab.

“Wenn man nie etwas sagt und plötzlich stirbt, ist auch doof”, meinte die Gräfin. “Irgendwie ist das unfair den Menschen gegenüber, die dich lieben. Und die du liebst. Da wird einem doch etwas vorgegaukelt, was gar nicht stimmt.”

Stimmt, dachte ich.

*

Der Pflegedienst meldete erhöhten Pflegebedarf an und kam nun dreimal am Tag, um Vater die Medikamente zu verabreichen und darauf zu achten, dass seine Füße sauber waren, der Rücken eingecremt, die dritten Zähne drin.

Für die menschliche Zuneigung waren weiterhin wir Kinder verantwortlich, zuzüglich gelegentlicher Telefonate mit seinen Geschwistern, die selbst alt und malad waren. Ich bewunderte meinen Vater für seinen trotzigen Überlebenswillen, doch die Einsamkeit nach Mutters Tod setzte ihm mehr und mehr zu.

“An manchen Tagen rede ich keinen einzigen Satz”, klagte er. Das konnte zwar nicht sein, da schon der Pflegedienst 3mal am Tag kam und mindestens Guten Morgen, Mahlzeit und Gute Nacht sagte und auf Antwort wartete, aber darum ging es nicht. Es ging um das Gefühl, das er hatte. Wenn Vater das Gefühl hatte, an manchem Tag keinen einzigen Satz zu reden, dann war das so. Dann stimmte das.

Außerdem war es natürlich der Hebel, mit dem er bei uns ein schlechtes Gewissen erzeugte. Ein schlechtes Gewissen sorgt für gut ausgelastete Besuchszeiten, und die Besuchszeiten auf der Schillerstraße endeten nie.

Er hörte nicht nur miserabel, es haperte auch zunehmend mit den Augen. Um überhaupt noch Zeitung lesen zu können, arbeitete er mit zwei Lupen übereinander, arrangierte sie wie olympische Ringe. Eine neue Brille hätte es vielleicht auch getan, wäre sie nicht sowieso dauernd verlegt gewesen.

“Man muss das Alter sportlich nehmen”, sagte er.

Die Technik mit zwei Lupen übereinander leuchtete mir nicht richtig ein. Dass man auf diese Art und Weise schärfer sehen konnte. Ein Selbstversuch bestätigte mich. Die Schrift erschien noch unruhiger als ohne Lupe. Wenn es überhaupt eine Besserung gab, betraf es einzelne Worte, die von der Lupe herausgefiltert und vergrößert wurden, niemals einen ganzen Satz – eine Methode, die jedem Lesefluss entgegenstand.

“Besser als nichts”, murmelte Vater.

“Nee, genauso gut wie nichts”, sagte ich.

Trotzig griff er nach den Lupen, legte sie übereinander wie zwei große Eheringe, und begann langsam zu lesen.

“Se..a..d..”, las er, stockte. Und blickte hoch.

“..ler?” fügte ich fragend an.

“Wie.. ler?”

“Na. See..ad..ler.”

Er guckte durch die doppelte Lupe.

“Hier steht: Se..at. Seat!”

“Ach so. Das Auto.”

Weiter im Text.

“Seat.. lan..det.. in..”

Ich gähnte. Hatten wir uns im Sommer zuvor noch bei der nachmittäglichen Zeitungslektüre gegenseitig kleine Meldungen vorgelesen, so stieß Vater nun, mit unterschiedlich großen Lupen arbeitend, Wörter hervor, die für sich genommen wenig Sinn ergaben.

“.. Böschnn..”

Kinderlachen drang hinauf vom Hinterhof.

“Böschung! Seat lan..det.. in Böschung!”

Es war jedes Mal ein kleiner Triumph, wenn er eine Überschrift gepackt hatte. Oft fragte er mich nach dem Sinn von Worten, die er nicht kannte. Meist waren es englische Worte.

“Was ist Goooo.. gle?” wollte er wissen. Er las es vor, wie es ihm auf Deutsch begegnete.

“Gugel”, berichtigte ich. “Das ist eine Maschine, die dich durchs Internet navigiert.”

“Hoy”, meinte Vater. “Ist das so groß, das Internet? Dass man sich darin verläuft? Ohne Gugel?”

“Ja, ist es.”

Das Internet blieb ihm bis zum Schluss ein Rätsel. Zwar hatte mein Bruder ab und zu sein Laptop dabei, um archivierte Fotos zu zeigen, und dann versuchte er Vater zu demonstrieren, wie das Internet funktionierte. Doch es blieb Vater ein Rätsel. Das Internet liess sich nicht anfassen, und alles, was sich nicht anfassen liess, war irgendwie Spielerei.

*

Es stellte sich heraus, dass er Grauen Star hatte. Er musste sich einer Staroperation unterziehen. Dabei wird die trübe Linse durch eine Intraocularlinse aus Kunststoff ersetzt. Dann kann man wieder schön aus der Wäsche gucken, hatte der Arzt am Telefon gelacht. Dann ist der Vorhang weg.

Ein total witziger Arzt. Beim Telefonieren sah ich einen Stand up Comedian vor mir, der sich im OP-Saal beim Abschaben der Netzhaut neue Gags ausdachte, mit denen er sein Publikum am Abend zur Raserei bringen will.

Hoffentlich ist bald Feierabend, denkt so ein Arzt mit hoher Wahrscheinlichkeit, während er Netzhäute schabt, ich hab heut super Witze drauf.

Am Tag vor dem Termin in der Augenklinik half ich Vater, ein paar Sachen zusammenzusuchen. An neun verschiedene Medikamente mussten wir denken, nicht zu vergessen den Einweisungsschein. Den Kulturbeutel hatte Vater schon gepackt, mit Rasierzeugs, Seife, Zahnbürste, Zahnpasta, Extra-Haftcreme. Dazu einen Haarkamm und einen Waschlappen. In eine große Sporttasche stopfte er Unterwäsche zum Wechseln, darunter eine lange Unterhose, falls das Wetter umschlagen sollte.

Papa, im Krankenhaus schlägt das Wetter nicht so schnell um, sagte ich, doch er hörte kaum hin.

Er war in stiller Raserei. Zwei Paar Strümpfe kamen hinzu, ein Moskitonetz, eine Wolldecke, eine unbestimmte Nylonhülle, zwei Flaschen Mineralwasser und die große Wasserpumpenzange, mit der sich störrische Verschlüsse von Mineralwasserflaschen leichter aufdrehen ließen. Auch ein Kugelschreiber und ein Schreibblock durfte nicht fehlen, ein Ersatzkugelschreiber sowie ein Paar Filzpantoffeln.

In der Küche sah ich, dass Zucker, Salz, Mehl schon bereitgestellt war. Ich räumte es heimlich zurück in den Vorratsschrank.

Um den Hals trug er einen Brustbeutel mit 300 Euro drin. So viel? Willst du in den Puff gehen?

“Ja, aber erst, wenn ich wieder richtig gucken kann.”

“Wieso nimmst du überhaupt einen Brustbeutel mit?”

“Damit sie mir das Geld nicht klauen, wenn ich nicht zu Hause bin. Die vom Pflegedienst haben doch einen Schlüssel.”

“Und du meinst, die kommen hier rein, wenn du nicht hier bist, und klauen dir dein Bargeld?”

“Genau so.”

Na schön. Und obwohl jedes Krankenhaus in Deutschland eigene Patientenkleidung stellt, packte er noch einen frischen Frottee-Schlafanzug ein. Der lag obenauf eingerollt, wie eine Krone.

“Willst du einen ganzen Monat im Krankenhaus bleiben? Das ist doch nur für eine Nacht. Was willst du mit dem ganzen Kram?”

“Stell dir vor, bei der OP geht was schief und ich muss länger bleiben als vorgesehen.. Man muss für alle Eventualitäten gerüstet sein.”

Mit diesem Einwand hätte ich rechnen müssen. Ängstlichkeit war sein Hauptwesenszug, noch vor dem Humor. Er versuchte stets gewappnet zu sein, um ungeschoren über die Tage zu kommen. Das Leben stand Spalier für seine Ängste. Es wunderte mich nur, dass er keinen Regenschirm eingepackt hatte, aber ich hütete mich, ihn darauf hinzuweisen.

Ich fühlte mich an früher erinnert, wenn wir mit der ganzen Familie zum Gardasee in Campingurlaub fuhren und der Ford 20M so überladen war, dass wir es kaum den Großglockner hoch schafften. Auf der Passhöhe angekommen, musste der Motor ein halbes Stündchen verschnaufen; es dampfte und zischte bei hochgeklappter Motorhaube. Aber wir waren nicht allein. Wenn man sich im Sommer 1967 auf dem Pass umschaute, standen überall überladene Familienkutschen und dampften aus dem Hals.

Von wegen Revolution.

*

Nach dem Eingriff musste mein Vater eine Nacht im Krankenhaus verbringen, zur Beobachtung, wie es hieß, doch schon am nächsten Vormittag, unmittelbar nach der Chef-Visite, würde man uns anrufen, dann könnten wir ihn abholen.

Am nächsten Morgen saßen wir zu Hause und warteten auf den Telefonanruf. Es kam kein Anruf. Nicht um neun, nicht um halb zehn.

Ruf da an, sagte die Gräfin.

Warum? antwortete ich. Die haben doch gesagt, die rufen an.

Schon, aber du weißt doch, wie das heute ist. Die eine Hand weiß nicht, was die andere Hand tut. Beziehungsweise, die eine Hand hat null Interesse an der anderen Hand.

Es wurde zehn Uhr, 10 Uhr 20, 10 Uhr 45. Punkt elf wurde es mir zu blöde. Ich rief in Wuppertal an. In der Augenklinik. Was mit meinem Vater los ist. Ob wir ihn jetzt abholen könnten.

“Ja natürlich kann Ihr Vater abgeholt werden. Der sitzt doch schon seit zwei Stunden im Wartezimmer.”

Am Telefon hatte mir mein Bruder den Weg zur Klinik in Wuppertal beschrieben, über die A 46. Weil die Gräfin die Autobahn aber vermeiden wollte, hatten wir im Internet eine Alternativ-Route herausgesucht, über Wuppertal-Cronenberg. Da brauchte es die Routenführung meines Bruders nicht mehr.

Viele Wege führen nach Rom, einer nach Amarillo, zwei nach Wuppertal.

Vom Hahner Berg aus steuerten wir Elberfeld an. Meilenweit ging es in Serpentinen bergab Richtung Betonpfanne, Richtung Wupper, Richtung Augen-Klinik. Die Gräfin parkte direkt vorm Eingang, damit Vater nicht so weit zu laufen hatte.

In der hotelähnlichen Lobby hielt ich Ausschau nach ihm.

“Der ist bestimmt noch auf Station”, vermutete die Gräfin.

“Wir möchten gern meinen Vater abholen”, sagte ich an der Rezeption. “Er ist gestern operiert worden.”

Die Dame blickte auf den Monitor, sagte nichts.

“Er liegt in Haus 2″, schob ich hinterher.

“Haus 2 gibts hier nicht. Wie war der Name?”

“Glumm..”

“Ja, hier, Glumm.. Ja, aber.. der ist doch in der Augenklinik.”

“Ja und. Ist das hier nicht die Augenklinik?! Das ist doch.. die Helios-Klinik hier, oder nicht?”

“Es gibt zwei Helios-Kliniken in Wuppertal. Hier in Elberfeld die Haut- und Herz-Klinik, die Augenklinik ist in Barmen. Da ist wohl was falsch gelaufen. Sie müssen nach Barmen.”

*

Die Klinik in Barmen entpuppte sich als Katastrophe. Überall tranige Augenklappen und bandagierte Gesichtshälften. Als ich die Tür des Zimmers öffnete, das man uns genannt hatte, dachte ich zuerst, es handele sich um die Abstellkammer, und schloss sie wieder. Es war aber das richtige Zimmer, nur dass mein Vater nicht drin war, sein Bett schon leer.

Zurück auf den Gang entdeckte ich ihn durch eine Glasscheibe. Er hockte im Warteraum, mit wehendem Haar (im Sitzen!) und blutunterlaufenem Auge.

Ein Häufchen Elend.

“Gott sei Dank”, mehr war aus ihm nicht herauszukriegen, als er mich sah, “Gott sei Dank, dass ihr da seid..!”

Ich nahm die Sporttasche vom Boden und half ihm auf die Beine.

“Tut mir leid, dass es was länger gedauert hat.”

Er war so hinüber vom langen Warten, dass der Zorn schon verraucht war. Er machte einen so gebrechlichen Eindruck, dass mir mulmig wurde. Ich hakte ihn fest bei mir unter. Die Gräfin kam von der Besuchertoilette und erschrak bei seinem desolaten Anblick. Auch wenn sie sich alle Mühe gab, es nicht zu zeigen, Vater spürte es und bekam ebenfalls Panik. Schnell drückte sie ihm einen Kuss auf die Wange.

“Meine Schwiegertochter”, hauchte Vater, als würde er sie vorstellen wollen. Da war aber niemand.

Er sah aus wie Frankenstein.

“Moment noch”, sagte ich.

Ich machte mich auf die Suche nach einem Arzt oder einem Pfleger, der etwas zum Zustand meines Vaters sagen konnte. Die Gräfin erzählte später, ich wäre mit einem Gesichtsausdruck a la Mein Vater, mein Vater! sein Auge! über den Krankenhausflur geflogen, so sehr war ich in Sorge. Diese ganze vermaledeite Station wirkte auf mich wie ein Nachkriegsprovisorium, es war kaum Ernst zu nehmen. Aber es war Ernst, Ernst wie auf einer öffentlichen Straße, wo einen Passanten (Patienten) anrempelten, wenn man nicht schnell genug aus dem Weg war.

“Ja, mit Ihrem Vater ist alles in Ordnung”, deutete ich das desinteressierte Gemurmel eines Pflegers, den ich in einem Schwesternzimmer entdeckte. Dann widmete er sich wieder dem PC-Monitor.

“Äh.. muss ich denn.. müssen wir heute irgendetwas beachten.. in den nächsten Stunden..?”

“Das steht alles im Entlassungsbrief.”

“Aha. Und wo ist der?”

“Wer?”

“Na! Der Entlassungsbrief!”

“Ach so. Den hat er doch dabei.”

“Wo?”

“In seiner.. Jacke? Schätze ich jetzt mal.”

“Na gut. Schau ich gleich nach. Es hat also alles geklappt bei der Operation?”

“JA!!”

Der Pfleger hob genervt den Blick und warf die Tür zu. Dabei war ich ja nur so nervig, weil mein Vater so schlimm aussah. Wie sich dem schwerfälligen Gestammel des Mitarbeiters entnehmen liess, hatte er in der vergangenen Nacht keine Sekunde geschlafen. Während er sprach, glotzte uns das operierte rechte Auge aus seiner Höhle an wie ein Goldfisch, der im Aquarium tot zu Boden gesunken war.

Ein verfluchter Frankenstein-Goldfisch.

Sobald wir im Parkhaus Ebene O erreichten und Vater auf dem Rücksitz Platz genommen hatte, legte er sich lang und versuchte zu schlafen. Wie ein 86jähriger Schulbub lag er da, der ein Mittagsschläfchen hielt. Kaum eine Minute später saß er wieder aufrecht.

“Ich hab heut morgen grün geschissen.”

“Du hast was..?”

“Grün geschissen. Wie Spinat.”

In Solingen angekommen, hatte der Lausebengel (86) nur noch einen Wunsch: ein halbes Hähnchen vom Grill, dann ab ins Bett. Während wir vorm Imbiss im Wagen auf den Gockel warteten, versuchte er etwas vom Klinikaufenthalt zu erzählen, doch er verlor ständig den Faden.

Einen Monat später war das andere Auge dran.

Licht, Ärzte, Stimmen

Es war nicht so, als wäre ich lange ohne Bewusstsein geblieben. Vielleicht eine Stunde fehlte mir, seit ich mit Blaulicht eingeliefert wurde und nun auf der Intensivstation aufwachte.

Sofort stand eine Krankenschwester am Bett.

“Wie geht es Ihnen?” Schwester Barbara stand auf dem Namensschildchen. Freundliche Augen, forschender Blick. “Sie hatten einen schweren Herzinfarkt.”

“Ja ich weiß”, antwortete ich eine Spur zu leise und räusperte mich. Ich wollte nicht kläglich klingen, auch wenn es allen Grund dazu gab. Gerade dann nicht. Ich versuchte mich im Bett zu erheben, doch die Schwester drückte mich behutsam zurück. Sie fixierte die Monitore, die geschlossen wie eine Wachmannschaft hinter meinem Bett standen und bläuliches Licht ins Zimmer warfen. Die Geräte maßen die Sauerstoffsättigung im Blut, der Puls wurde kontrolliert, in meiner Nase steckte eine Sonde.

“Sie können von Glück reden, dass Sie den Herzinfarkt in der Stadt erlitten haben und so rasch im OP waren. Stellen Sie sich vor, Sie wären im Wald spazieren gewesen. Da hätte der Notarzt viel zu lange gebraucht, bis er Sie gefunden hätte.”

“Ich bin gestern im Wald gewesen”, entgegnete ich, fast ein wenig empört. Tief im Wald sogar, querfeldein, mit dem Hund. Ohne Handy. “Das hätte wohl meinen Tod bedeutet.” Ich liess das Fragezeichen gleich weg.

“Haben Sie kein Handy?” fragte die Schwester.

“Nein.”

“Dann bringe ich Ihnen gleich das Stations-Handy, können Sie Ihre Leute anrufen. Oder wissen die schon Bescheid?”

“Vielleicht weiß meine Freundin schon Bescheid. Ich weiß nicht.”

*

Erinnerungsfetzen im Rettungswagen. Ich liege auf der Bahre, von draußen ruft ein Sanitäter: “Unter der Nummer ist niemand zu erreichen.”

“Ist aber die richtige.. Nummer”, flüstere ich und wiederhole die Zahlenfolge, langsam wegsackend.

Der Wagen fährt an, ich nehme das metallische Zuschlagen der Schiebetür wahr, und eine gewisse Kühle. Sie muss doch den Hund abholen, wenn ich ins Krankenhaus komme. Einer muss doch den Hund aus der Kirche holen. Dahinter die erregte Männerstimme, “Die Fußgängerzone ist blockiert!” Von da an halte ich die Augen geschlossen, es rappelt und rumpelt während der Fahrt ins Städtische Krankenhaus, eine Infusion wird angelegt.

“Einmal Diazepam läuft durch!”

Ich öffne die Augen erst wieder, als ich in den Herzkatheterraum gerollt werde, wo mir die Pflegerinnen auf dem OP-Tisch in routinierter Eile Strümpfe, Hose und Pulli runterziehen.

“Ruhig, Herr Glumm, bleiben Sie ruhig.. Wir retten Sie jetzt.”

*

- Schwester, Sagen Sie, wie viele Herzinfarkte gibt es jeden Tag in unserer Stadt? –

- Hm. Das ist verschieden. -

- Na, ungefähr. –

- Manchmal zehn, manchmal gar keiner. Warum? –

- Na, nur so.-

- Es gibt zwei Extreme: Bei anhaltend schwülem Wetter häufen sich Infarkte, und im Winter, wenn die Leute frühmorgens Schnee schippen, dann auch. Dann ist hier Daueralarm auf Station. –

- Hm. Ja. Und heute bin ich der einzige Herzinfarkt? –

- Bis jetzt, ja. -

*

Mit jeder Minute, die ich auf den Rettungswagen warte, schnürt sich der Brustkorb mehr zu, verengt sich das Korsett. Man hat mich ins Hinterzimmer gebracht, wo ein Sofa steht.

“Können wir etwas für Sie tun, Ihnen etwas bringen?” erkundigt sich eine der beiden Damen leise.

“Ein Glas Wasser”, wispere ich und versuche mich zu entspannen, aber wie soll man sich entspannen, wenn einem das Herz durch die Brust knallt. Der Hund hockt vor mir auf dem Boden und beobachtet mich. Die Mitglieder der Gemeinde, zwei Frauen und ein Mann, um die sechzig, evangelisch, akkurat, sind ratlos. Da kommt ein Mann mit Hund auf sie zu, an einem stickig-heißen Vormittag im Mai, im Souterrain der Stadtkirche. Der Mann ist fahl, Schweiß pläddert an ihm runter. Er wankt.

“Ich glaube, ich hab einen Herzinfarkt..”, spricht er mit kläglich dünner Stimme, “können Sie den Notarzt rufen?”

*

Als ich das Souterrain der Kirche über den Hintereingang betreten hatte, den Hund an der Leine, sank ich zunächst auf einer langen, im Dunkel liegenden Holzbank nieder. Niemand zu sehen, Stille. Um den Notarzt zu rufen hätte ich mich schon in der Fußgängerzone an jeden x-beliebigen Passanten mit Handy wenden können, doch ich war ein Sterbender, der Schutz suchte, der sich lieber in der nahen Stadtkirche einlieferte, über den Hintereingang, der zufällig offen stand. Aus reiner Intuition. Weil ich den Hintereingang von früher kannte, als Karlos Vater in der Stadtkirche als Küster gearbeitet hatte. Und weil ich mir nicht sicher war, ob ich gerettet werden wollte, weiterleben wollte.

Im Mahlstrom meines nachlassenden Bewusstseins hatte sich ein Gedanke eingeschlichen: Du kannst dich ja auch sterben lassen ..

Du kannst dich auch sterben lassen.

Das war kein Suizidmoment, wo man selbst aktiv werden muss. Wo man eine Pistole ansetzt, wo man Medikamente frisst oder von der Brücke springt, nein, wäre alles nicht nötig gewesen. Ich hätte nichts weiter tun müssen, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ihren Lauf, wie sie ihn in alten Zeiten genommen hätten, als es noch keinen Notruf gab, keine Herzkatheterräume, keine pulsierenden Ultraschallaufnahmen.

Als die Luft sozusagen noch rein war.

Ich kauerte vor der Holzbank, neben mir der Hund. Du hast die Wahl, dachte ich in den Katakomben der Stadtkirche, es roch nach Politur und Filterkaffee. Mein Herz drückte und stauchte, die Holme knackten. Musst bloß noch ein wenig warten, bis das ruinierte Herz alle Aus- und Zugänge geschlossen hat. Ein bisschen.. warten. Eine wärmende Hand schaufelte mich hoch. Ich flog ein bisschen.

Dann die Entscheidung.

Ich erhob mich und wankte mit dem Hund an der Seite den langen Flur entlang, in Richtung der Sozialräume, Richtung Weiterleben. Wo drei Menschen mich empfingen und einer die 112 wählte. Wo ich auf dem Sofa ruhte, den Hund junkern hörte und ihn streichelte. Wir warteten. Ich auf dem Sofa, halb hingeschlagen und dem Tod schon so nah, dass ich rüberspucken konnte. Und mit jedem Augenblick, der verstrich, wurde ich schwächer, rutschte ich Stück für Stück aus dem Bild.

*

Beim gemeinsamen Frühstück hatte sie mich angeblickt.

“Jeden Morgen glitzert eine ungeweinte Träne in deinem Auge”, sagte sie. Was sie manchmal so sagt, morgens. Kleine rätselhafte schöne Sachen.

Ich spielte kurz mit dem Gedanken, den Schlaf aus dem Auge zu reiben, doch dann würde es ja nicht mehr glitzern. Das machte keinen Sinn. Das würde niemand wollen. Man reibt sich keinen Schmuck aus dem Auge, schon gar nicht eine Träne. Also liess ich es so, wie es war, eine Spezialität von mir, und beschäftigte mich wieder mit meinem Marmeladenbrot. Selbstgemachte Marmelade, von ihr selbstgemacht. Die einzige Marmelade weltweit, die Kraft spendet.

Während sie nach dem Tee griff und schon beim nächsten Thema war, ihre Ausstellung sollte zwei Tage später beginnen, nahm ich das Notizbuch und hielt den Satz fest, Jeden Morgen glitzert eine ungeweinte Träne in deinem Auge. Dahinter ihr Kürzel, um in Fragen des Urheberrechts erst gar keine Unsicherheit aufkommen zu lassen, und meinen ersten schnellen Senf dazu, ein lakonisches:

Na. Ich weiß auch nicht.

*

Anderthalb Stunden drauf, viertel vor elf, rast ein großer Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn durch die Nordstadt ins Klinikum, mit mir hinten drin. Herzinfarkt. Mitten in der Fußgängerzone. Seither höre ich anders hin, wenn die Sirene sich nähert. Seither liege ich in jedem gottverdammten Ambulanzwagen, der durch die Straßen fliegt. Seit mir das Leben gerettet wurde, wird mir jedes Mal das Leben gerettet. Auch wenn jemand anderes hinten drin liegt:

Ich bin das.

Mit Diazepam fortlaufend ruhig gestellt wurde ich an der Krankenhausambulanz vorbei in die Kardiologie gerollt. Herzkatheterraum. Der Oberarzt, erst nett, schimpfte, weil ich nicht still liegen wollte, und erst seine massive Zurechtweisung, HERRGOTT, WIR WOLLEN SIE DOCH RETTEN und die Drohung SONST MÜSSEN WIR SIE FIXIEREN zeigten Wirkung.

Zwei Engstellen in den Herzkranzgefäßen, voller Plaque, mussten per Ballon aufgedehnt und mit Stents versorgt werden, um die Gefäße offen zu halten. Stents. Sind kleine Gittergerüste, erklärte der Oberarzt. Klettergerüste? Ich sah einen von Plaqueablagerungen verwüsteten Kinderspielplatz vor mir. Auf links gedreht, die Luft raus. Ab hier kein Transport. Minimalinvasiv.

Koronare 3-Gefäßerkrankung, Kalkablagerungen in den Herzkranzgefäßen, sagte der Doktor.

Verdammtes Plaque, dachte ich.

 My poor heart is aching (Nina Simone).

Die Kühle auf dem OP-Tisch, die routinierte Geschwindigkeit, mit der das OP-Team mich entkleidet, und wie gekonnt eine Schwester mit dem Einmalrasierer mein Schamhaar stutzt. Wir müssen an Ihre Leiste ran. Kalter Schweiß auf der Haut, mein weißer Schwanz.

O Herr, reiß die Himmel auf! Es ist soweit. Soll ich jetzt kommen?!

*

Auf der Intensivstation bin ich verblüfft von der Helligkeit und Freundlichkeit, die mich empfängt. Einzig meine Zimmergenossin erinnert an die Gefahr, in der ich mich befinde. Eine Frau, die maschinell beatmet wird, aber ich kann sie nicht sehen, ihr Anblick ist von einem weißen Rollvorhang verstellt.

Ich liege flach auf dem Rücken, darf mein rechtes Bein nicht bewegen, vierundzwanzig Stunden lang. Eine strenge Vorgabe, die mir Schwester Barbara wieder und wieder einimpft. Es könne sonst zu einer Verletzung der Leistenarterie kommen. Vierundzwanzig Stunden still liegen, das Bein nicht bewegen, “sonst passiert es noch, dass Sie innerlich verbluten.”

Na komm. Da bleibt man schon mal vierundzwanzig Stunden ruhig auf der Stelle liegen.

Und dennoch gibt es am Abend einen verzweifelten Moment, wo ich das Stillhalten fast nicht mehr aushalte und kurz davor bin, mir sämtliche Schläuche und Sonden vom Körper zu reißen und mich mitsamt dem Infusionsständer aus dem Fenster zu schmeißen, damit ich es hinter mir habe. Was nicht funktioniert hätte. Zwar war das Fenster weit geöffnet an diesem Maiabend, doch da war ja noch das robuste Mückengitter im Weg.

Intensivstation: Fluchtversuch endet im Fliegenrollo.

Perfekt, irgendwie.

*

10. Mai 2012, Andi Stadtkirche, Susanne Eggert, 2012

Wahlmöglichkeit

Mit jeder Minute, die wir auf den Rettungswagen warteten, schnürte sich der Brustkorb mehr zu. Wurde Eisenkorsett. Man hatte mich ins Hinterzimmer gebracht, halb Lager, halb große Garderobe, in dem ein Sofa stand. Können wir etwas für Sie tun, können wir Ihnen etwas bringen? erkundigte sich eine der beiden Damen leise. Ein Glas Wasser? flüsterte ich und versuchte mich lang zu machen, zu entspannen, aber wie soll man sich entspannen, wenn einem das Herz durch die Brust knallt.

Der Hund hockte vor mir auf dem Boden und beobachtete mich, er wusste nicht, was los ist. Auch die Mitglieder der Gemeinde, zwei Frauen und ein Mann, um die sechzig alle, evangelisch, adrett, waren ratlos. Da wankt an einem Vormittag im Mai im Souterrain der Stadtkirche ein Mann mit Hund auf sie zu, weil ausnahmweise die Hintertüre offen steht. Der Mann ist fahl, der Schweiss pläddert an ihm herunter, als käme er direkt aus der Sauna.

“Ich glaube, ich hab einen Herzinfarkt..”, spricht er sie an, mit kläglicher dünner Stimme, “können Sie den Notarzt rufen?”

Dann warteten wir. Ich auf dem Sofa, halb hingeschlagen und dem Tod so nah, ich konnte schon rüberspucken, der Hund auf dem Fußboden, die drei Gemeindemenschen halb im Zimmer und halb auf dem Flur, um die Ambulanz nicht zu verpassen. Ich wurde mit jeder Minute schwächer, es war, als rutschte ich Stück für Stück aus dem Bild. Und doch war da eine warme Hand, die sich unter meinen Körper schob, mich sachte aufschaufelte.

Als ich die Kirche Minuten zuvor über den Hintereingang betreten hatte, liess ich mich zunächst auf einer langen, im Dunkel liegenden Holzbank nieder. Niemand war zu sehen. Stille. Ich hätte mich in der Fußgängerzone an jeden x-beliebigen Passanten mit Handy wenden können, damit er den Rettungswagen ruft, doch ich war ein Sterbender, der Schutz suchte. Ich lieferte mich in der Stadtkirche ein, über den offenstehenden Hintereingang. Es war reine Intuition. Weil ich mir nicht sicher war. Ob ich wirklich Rettung wollte, ob ich weiterleben wollte. Im Mahlstrom meines nachlassenden Bewusstseins dachte ich: Du kannst dich auch sterben lassen.

Du kannst dich sterben lassen.

Das war kein Suizidmoment, wo man selbst noch aktiv werden muss. Wo man eine Pistole ansetzen oder Medikamente fressen oder von der Brücke springen muss, nein, war nicht nötig. Ich hätte nichts weiter tun müssen, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ihren Lauf, den sie nehmen würden, gäbe es keine modernen Zeiten mit Notruf, Herzkatheter, pulsierendem Ultraschall.

In den Katakomben der Stadtkirche roch es nach Politur und Filterkaffee. Ich kauerte vor der Holzbank, neben mir der Hund. Du hast die Wahl, dachte ich, und mein Herz schmerzte. Drückte. Die Holme knackten. Musst bloß ein wenig warten, bis das ruinierte Herz alle Aus- und Zugänge geschlossen hat. Ein bißchen noch. Die wärmende Hand unter mir schaufelte mich hoch. Ich flog ein bißchen.

Dann erhob ich mich und wankte mit dem Hund an der Seite den langen Flur entlang, Richtung Sozialräume. Wo drei Menschen mich empfingen und die 112 wählten. Wo ich auf dem Sofa ruhte, den Hund leise junkern hörte und ihn streichelte, er saß jetzt genau zu meinen Füßen.

Wenn gleich die Rettungskräfte kommen, dachte ich, gibts ein Problem. Der Hund wird sie nicht an mich ranlassen.

Na schön, die Sanitäter kamen an mich ran und retteten mich und brachten mich ins Krankenhaus und der Fahrer fluchte, weil die Einkaufszone zugeparkt war. Der Hund landete für ein paar Stunden im Tierheim, bis die Gräfin ihn auslöste, und ich hatte für einen Moment die Wahl gehabt zwischen Leben und Tod, einen winzigen Moment nur, aber immerhin, ich meine, ich hätte auch alles sausen lassen können.

Sehr beruhigend, das.

Ich mein nur

Um nicht in Schwulitäten zu geraten, sollte man für den Fall, dass dein Gegenüber der Aufforderung LECK MICH AM ARSCH tatsächlich nachkommen möchte, stets einen tipp topp gepflegten Hintern mit sich führen. Einen Arsch-Maserati vielleicht, oder Darm-Borghini.

*

Weisst du, was das Gute ist, wenn man jung stirbt, mit achtundzwanzig, wie Heath Ledger? Dann ist auch die Trauergemeinde auf dem Begräbnis jung. Dann ist Party.

- Die Gräfin -

*

Du hattest immer so weiche schwere Augen, sagt sie. Aber seit dem Infarkt bist du unruhig geworden, du hast Herzaugen gekriegt: ein harter Blick, ein Blick des Erschreckens, als hättest du die Hölle gesehen.

Die Hölle kannte ich auch vorher schon, entgegne ich. Aber jetzt kenne ich auch den Hauptmann.

Vom Sehen.

Pflegegruppe 32

So erlag er beinahe den Anstrengungen des Krieges gegen sich selbst und den erhaltenen Wunden in hiesiger Stadt.

*

Auf der Intensivstation wird morgens eine große Waschschüssel mit lauwarmen Wasser ans Bett gebracht, inklusive Seife und einer Zahnbürste to go. Aufstehen kann ich ja mittlerweile, mich aber nur im Radius der Schläuche und Kabel bewegen, die mich anketten, ein Meter ums Bett herum. Gepinkelt wird in die Urinflasche. Ich mach eine Pulle nach der anderen voll und klingele.

“Ist voll, Schwester.”

Eine der ständig wechselnden Pflegerinnen meint es gut mit mir und stellt zur Morgentoilette eine Dose 8×4 dabei, für eine frische feminine Note. Zur Abwechslung sprühe ich mir tatsächlich einen Hub unter die linke Achsel, und so kommt es, dass mir bis in den Nachmittag hinein jedes Mal Blümchenscheiße um die Nase weht, wenn ich meinen Kopf nach links drehe und aus dem Fenster schaue.

*

Am Abend wird  meine Lunge geröntgt, mit Hilfe eines mobilen Röntgenwagens. Ich sitze aufrecht im Bett, Röntgenschürze am Sack, Platte vorm Bauch.

“Morgen früh werden Sie auf die Kardiologie verlegt”, sagt die Röntgenassistentin und drückt den Buzzer, wie in der Game-Show. “So.”

Ist die Röntgenaufnahme auch im Kasten.

*

Pflegegruppe 32. Zimmer 13.

“Auf einmal geht das KLATSCH! und dann rappelt es wieder und ich lieg da”, erzählt Günter, der neue Bettnachbar. “Wegen dem Zucker”, fügt er frohgemut hinzu.

Günter ist einundsiebzig und ein Veteran, was Krankenhausaufenthalte anbelangt. Vor Jahren, so erzählt er, hatte er Wasser in der Lunge, und da drückte ihm im Besucherzimmer eine russische Handarbeitslehrerin ein Schwämmchen unters Herz. Er demonstriert es umständlich.

“Hier, so. Und dann hat das Schwämmchen da innnerhalb von vierundzwanzig Stunden peu a peu sämtliches Wasser abgesaugt.”

Jedenfalls verstehe ich das so. Sicher bin ich mir nicht. Günter erzählt viel, quasi ununterbrochen, und der Tag hat gerade erst begonnen. Weil er mich aber mit riesengroßen, nach Bestätigung heischenden Froschaugen ansieht, hebe ich den Daumen zum internationalen Gut gemacht-Zeichen: Allerhand, das mit der russischen Handarbeitslehrerin, wirklich, allerhand. Sämtliches Herzwasser, alles weg, hui.

Günter ist ausserdem ein grosser Jerry Cotton-Fan, und er nimmt gern Filme auf DVD auf. Das ist sein grösstes Hobby, Filme aus dem Fernsehen aufzeichnen und später angucken. Er hat daheim ein üppiges Archiv aufgebaut.

“Meistens guckt meine Frau oben einen Film und ich guck unten Krimis, aber manchmal gucken wir uns auch oben zusammen was an und dann schneide ich unten alles auf DVD mit, ist doch kein Thema.”

Einmal erzählt er lang und bräsig von irgendeinem Tatort, den er gesehen hat, ich höre nach einer Weile kaum noch hin. Erst, als ich denke, so, jetzt musst du langsam mal den Kopf heben und nicken, damit er nicht denkt, du hörst gar nicht zu, erst da seh ich, dass er ein Handy am Ohr hat und mit seiner Frau telefoniert.

*

“Hast du gestern Tatort geguckt?” höre ich ihre schrille Stimme.

“Ja klar hab ich Tatort geguckt “, sagt Günter.

“Gut. Hab ich für dich aufgenommen. Kann ich dann löschen, oder?”

“Tatort?”

“Ja. Tatort. Hast du doch schon gesehen.”

“Ja, hab ich gesehen. Kannst du löschen. Aber danach bei Inspektor Lewis, da bin ich eingeschlafen. Hast du aufgenommen?”

“Inspektor Lewis hab ich auch aufgenommen. Soll ich nicht löschen?”

“Nee, Lewis nicht löschen! Bin ich gestern Abend nach fünf Minuten eingenickt. Guck ich mir in acht Tagen an.”

“Gut.”

Kommunikation unter Ehegatten ist alles.

*

Der andere Bettnachbar, ein Maschinenbau-Ingenieur namens Raschke, stammt ursprünglich vom Chiemsee, lebt aber seit langem im Bergischen. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit und einer fürstlichen Abfindung seines Arbeitgebers geht es im Juli in Rente.

“Meine Frau und ich sind unter die Mobilisten gegangen”, erzählt er und es dauert einen Moment, bis ich kapiere, dass Mobilisten Leute sind, die im Wohnmobil durch die Gegend gondeln.

“Früher sind wir um die ganze Welt geflogen..”, sagt der Mann, dessen bratwürstelrote Gesichtsfarbe den Herzkranken verrät. (“Der hat eine künstliche Herzklappe, die klappert nachts so laut”, so Günter, “als wär er wieder am Kühlschrank.”)

“Heute sind wir froh, wenn wir in Holland morgens aufbrechen, ein paar Meilen fahren und stehen bleiben, wenn wir der Meinung sind, dass es das Richtige für uns ist. Dafür muss man nicht um die Welt fliegen.”

Wieder einmal blickt jemand beifallheischend in meine Richtung.

“Obwohl, ab und zu im Winter eine kleine Fernreise, dagegen ist ja nichts einzuwenden, oder..?”

Ich nicke. “Nee.”

*

So modern die Intensivstation auch eingerichtet war, auf der Pflegegruppe scheinen die Krankenzimmer auf dem Stand der 60er Jahre eingefroren zu sein, mit ihrer zerschundenen Möblierung. Als ich das Nachtschränkchen neben meinem Bett genauer in Augenschein nehme, fühle ich mich an eine DDR-Musiktruhe aus dem Jahre 1958 erinnert, designmäßig auf Ostblock-Linie getrimmt. Schön besonders die vielen silbrigen Knöpfe, die sich ins Nichts drehen lassen, die eingebauten toten kleinen Lautsprecher und die Buchsen für den Anschluss von modernen Tonbandmaschinen.

*

“Ja, selbstverschnittlauch!” tönt Günter jedes Mal, wenn er in der Früh wach wird und die Augen aufschlägt.

Gerne auch: “Guten Morgen, Kameraden zur See!”

Er ist zucker- und schwer herzkrank und wird morgen operiert. Er bekommt einen Defilibrator eingesetzt. Eine grosse Operation von mindestens drei Stunden Länge. Es ist seine insgesamte siebzehnte OP. Ein Profi durch und durch. Entsprechend weiss er auch, worauf es ankommt: “Man muss vorher noch mal richtig kacken.” Diesen Rat hat er in der ersten Nacht, die ich auf der Kardiologie verbringe, ordentlich beherzigt.

“Wer weiss, wann ich dafür wieder Gelegenheit habe”, schnauft er um halb fünf in der Früh, als die ersten Vögel singen und er zum dritten Mal den Pott aufsucht. Jede Sitzung, jeden noch so kleinen Klecks Stuhl leitet Günter mit einem ausgelassen knatternden Furz ein. Da kennt er nichts. Nichts ist ihm peinlich. Warum auch. Soll doch die Nachtschwester auf dem Flur ruhig wissen, dass Günter wieder auf dem Töpfchen sitzt, früh um halb fünf. Ein echter Spitalprofi. Nicht mal als ihm Pfleger Daniel, 32, drei Stunden später einen Blasenkatheter legt, zeigt Günter Nervosität.

“Wenn meine Frau anruft, sag ihr, wir gucken nächste Woche Inspektor Lewis. Kennst du Inspektor  Lewis, Daniel? Ist Klasse. Musst du gucken. Kannst mich ja mal besuchen. Ich hab zweitausend Krimis zu Hause, auf Video und auf DVD.”

*

Sanne ruft an.

“Lass uns ein paar Tage an die See fahren, wenn du aus dem Krankenhaus kommst und etwas Zeit vergangen ist.”

Sie träumt von Abenteuern in den Dünen, von Wandern mit dem Hund, von Orten, wo uns niemand erreicht, wo keine Sondermeldung hinkommt, wo der Wind alles erzählt, was man wissen muss.

“Aber erstmal koche ich uns ne schöne Hühnersuppe, wenn du draussen bist.”

“Ja selbstverschnittlauch”, sag ich.

Da freut sich auch der Hund. Bleiben immer ein paar schöne spitze Knochen übrig, und wir haben jedes Mal Schiss, dass er sich die Kehle aufschlitzt. Um so schöner, wenn alles gut geht.

*

Mittags steht die Oberärztin vor meinem Bett.

“Also, Herr Glumm, wie ich sehe haben unsere Ärzte Sie wieder von der Strasse weggeschnappt”, scherzt sie mit Blick auf mein Patientenblatt. “Sie sind ja zum ersten Mal im Krankenhaus, und das in Ihrem Alter, Respekt.”

Sie verpasst mir einige Elektroden auf der Brust und ein Maschinchen, das ein 24-Stunden-EKG durchführen soll. Auf dem dazugehörigen Merkblatt lese ich zwar was von empfindlichen Hochleistunggeräten, der Anblick des handygroßen Dings erinnert jedoch eher an Raumschiff Orion und die Untertassen. Auch Günter hatte nur “Mann, sieht das scheisse aus!” gerufen, als er das Gerät tags zuvor am Körper tragen musste.

Die Oberärztin informiert mich über die Risiken der zweiten Herzkatheteruntersuchung, die einige Tage später, am Mittwoch, stattfinden soll, und erklärt den Eingriff anhand einiger Schaubilder. Ein Ballon wird durch die Arterie eingeführt und im Herzen aufgeblasen, um die von Kalk verstopften Gefäße zu öffnen. Dann wird ein Stent, ein kleines Gittergerüst eingesetzt, um das Gefäß auf Dauer geöffnet zu halten. Ich erfahre, dass es dabei, im Ausnahmefall, auch zum Schlaganfall kommen könne. Oder es stellt sich heraus, dass die Arterien so dicht sind, dass kein Stent mehr gesetzt werden kann. Dann wird der Eingriff abgebrochen, “.. und Sie werden über einen Zeitraum von einem Jahr medikamentös weiterbehandelt.”

Das lässt mich aufhorchen. Ich bin schliesslich alles andere als scharf darauf, noch mal in den OP zu müssen.

“Kann man das nicht gleich mit Medikamenten weiterbehandeln? Brauche ich unbedingt noch einen dritten Stent?”

“Ja natürlich”, sagt sie einigermaßen fassungslos, und schickt mich runter auf U1 zur Echo-Untersuchung. Da treffe ich zufällig den Oberarzt wieder, Doktor Dierks, der den Eingriff durchführte, gleich nach dem Infarkt.

“Sie hatten relativ schlechte Karten an dem Tag, als es passierte. Gut, dass Sie so schnell auf unserem Tisch gelandet sind”, sagt er und führt noch einmal aus, wie chronisch kaputt mein Herz schon war.

“Erinnern Sie sich überhaupt noch an mich?” fragt er zum Schluss.

“Nicht wirklich. Nur der Klang Ihrer Stimme kommt mir bekannt vor.”

“Ja, ich musste laut werden, weil Sie einfach nicht still liegenbleiben wollten.”

Ein groß gewachsener Mann, der Oberarzt, kurzes blondes Haar, eher sym- als unsympathisch.

“Bis Mittwoch”, sagt er. “Und keine Angst. Das machen wir schon.”

Herzland, 3

Intensivstation. Jeden Abend gibts eine Thrombosespritze in den Bauch. Man kann sie sich auch ins Bein jagen lassen. Ich bleibe beim Bauch. Auch die weißen Thrombosestrümpfe lagen schon bereit, vorgestern im Herzkatheterraum, wie ich höre, wurden aber nicht übergezogen. Warum, weiss niemand. Normalerweise sind Thrombosestrümpfe Pflicht, sagt die Schwester.

Wieviel Herzinfarkte gibt es in Solingen jeden Tag, Schwester?

Hm. Das ist verschieden.

Na, so ungefähr.

Manchmal zehn, manchmal gar keiner. Warum?

Na, nur so.

Bei anhaltend schwülem Wetter häuft es sich, und im Winter, wenn die Leute frühmorgens Schnee schippen wie die Bekloppten. Dann ist Alarm hier auf Station.

War ich vorgestern der einzige mit Herzinfarkt?

In Solingen?

Ja.

In Solingen schon, ja.

*

Die Bildschirme werfen Tag und Nacht ihr Licht ins Zimmer, wie eine Wachmannschaft auf Dauerpatrouille. Die Geräte messen die Sauerstoffsättigung im Blut, der Puls wird kontrolliert, steriles Wasser läuft in meinen Arm, in meiner Nase steckt eine Sonde. Als ich eingeschlafen bin, muss jemand die Blutdruckmanschette neu eingestellt haben, statt alle zwanzig Minuten wird der Blutdruck plötzlich alle Naselang gemessen. Ständig bläst sich die Manschette auf und wird so hart, dass ich denke, mir knallen die Oberarme durch. Das nervt. Ich nehm die Manschette ab, lasse sie am Bett runterbaumeln. Es dauert keine Viertelstunde, steht die Schwester am Bett.

Ist abgegangen, sag ich.

*

Da die Enzymwerte im Blut noch zu hoch sind, kann ich die Intensivstation noch nicht verlassen, sagt der Kardiologe. Vielleicht morgen.

Ist nicht schlimm, es gefällt mir auf der Intensiv. Pflegerinnen und Pfleger haben Zeit für einen, und es ist schön ruhig, kein Geschrei auf den Gängen. Das sage ich auch der Schwester, als sie nach mir schaut.

Schön ruhig, ja. Das hat auch seinen Grund, sagt sie, heut Nacht ist hier jemand gestorben, und das schlägt allen aufs Gemüt. Eine Frau ist gestorben, die sehr lange auf der Intensiv gelegen hat.

Später karrt Schwester Simone ungefragt den einzigen tragbaren TV-Apparat der Station an, damit ich das Pokalfinale sehen kann. Als das Spiel läuft, gucke ich kaum hin. Selbst, dass Bayern verliert, lässt mich kalt. Hauptsache es steht ein Apparat am Bett, der nicht irgendeine Körperfunktion misst.

*

Heute wurde ich Zeuge des stillsten Verwandschaftsbesuchs aller Zeiten. Meine dem Tod entgegendämmernde Zimmergenossin bekommt Besuch von ihrer Tochter und ihrer Enkelin. Punkt 15 Uhr, zu Beginn der offiziellen Besuchszeit, öffnet sich die Tür, die beiden Frauen betreten das Zimmer. Mit bangem Blick, und ohne mich auch nur im geringsten wahrzunehmen. Nur zögerlich nähern sie sich dem Krankenbett, und verschwinden aus meinem Blickfeld, hinter dem weissen Rollvorhang. Ab und zu verlässt die Enkelin, die Augen voller Tränen, die Todeszone und nimmt Platz auf einem Besucherstuhl. Es fällt kein Ton. Kein Hallo Mama, kein Hallo Oma. Ich höre nur das übliche Auf und Ab des Beatmungsschlauches. Nach zehn Minuten verlassen die beiden Angehörigen das Zimmer. Wie Klageweiber in der Vorbereitung. Man trägt noch nicht schwarz, aber das Gemüt ist schon eingemeindet.

*

Ich weiss gar nicht, in welcher Etage des Klinikums ich mich überhaupt aufhalte, wo die Intensivstation liegt. Ich schätze, es ist der fünfte oder sechste Stock. (Später erfahre ich, es ist das Erdgeschoss.) Wenn ich aus dem Fenster schaue, seh ich in einigen hundert Metern die Müllverbrennungsanlage. Wie eine alte Dampfmaschine mit hohem Schornstein steht sie da, und in der Morgensonne glitzern die silbern ummantelten Rohrleitungen. In der Nacht, wenn die MVA beleuchtet wird, liegt sie da wie eine schlafende Raketenabschussrampe, in der Version der Augsburger Puppenkiste.

*

Sonntagmorgen, neun Uhr, Visite. Zwei Ärztinnen und der kleine polnisch aussehende Doktor treten an mein Bett.

“Sie dürfen die heiligen Hallen heute wahrscheinlich verlassen und werden rauf auf die Kardiologie verlegt”, sagt er, “wenn die Werte in Ordnung sind.”

Eine Ärztin nickt.

“Ja, die Werte sind wahrscheinlich in Ordnung.”

Nach dem Aufwachen heut Morgen wurde mir sofort Blut abgezapft, zum xten Male. Meine Arme sind blau wie Pflaumenmus.

“Der Infarkt sollte noch einige Tage ausheilen, und dann müssen Sie noch mal in den Katheterraum. Der dritte Stent muss noch gesetzt werden.”

*

Erinnerungsfetzen: Im Rettungswagen, ich liege auf der Bahre, ruft von draussen ein Sanitäter: “Unter der Nummer ist niemand zu erreichen.”

“Ist aber die richtige Nummer”, flüstere ich und wiederhole die Zahlenfolge, langsam wegsackend. Der Wagen fährt an, ich nehme das metallische Zuschlagen der Schiebetür wahr, und eine gewisse Kühle. Dahinter eine erregte Männerstimme: “Die Fußgängerzone ist blockiert!” Von da an halte ich die Augen geschlossen, es rappelt und rumpelt, als während der Fahrt eine Infusion gelegt wird.

“Einmal Diazepam läuft durch.”

Ich öffne die Augen erst wieder, als ich im Klinikum in den Herzkatheterraum gerollt werde und mir auf dem OP-Tisch in Nullkommanichts Strümpfe, Hose und Hemd runtergezogen werden. Wie ein Fisch fühle ich mich, der in Windeseile skelletiert wird.

“Ruhig bleiben, Herr Glumm. Ruhig.. Wir retten Sie jetzt.”

Wenn das Herz zusammenkracht

Hey, du bist nicht krank, sagt sie. Du bist gerettet worden! Eine tolle Sache!

*

Gerettet worden..? Ich hab schlechte Laune, und wenn ich schlechte Laune hab, ist mir alles zu viel. Noch die geringste Anforderung nervt.

- Die Leute werden lästig -, sag ich.

- Welche Leute? -

- Na, die hier. Schreiben Emails und Kommentare, rufen an, quasseln die Mailbox voll.. -

- Bist du doof? Die wollen wissen, wie es dir geht. Die machen sich Sorgen.  -

- Aber ich hab doch geschrieben, was passiert ist. Wie es mir geht. -

- Du meinst diesen einen Eintrag? -

- Ja. -

- Also, wenn man das liest, könnte man fast auf die Idee kommen, dir gehts nicht besonders. -

- Stimmt ja auch. Ich hab zu nichts Lust. Nicht mal zu schreiben. -

- Du brauchst doch nur kurz zu bloggen, hallo, ich lebe noch, aber ich brauche ne Pause. Ich komm wieder. Das reicht doch. Keiner erwartet eine grosse Geschichte.. -

- Ich hab keine Lust. -

- Ja. Das hast du bereits gesagt. -

Ich werd bockig.

- Ich kenn die Leute doch gar nicht. Das sind doch keine Kumpel wie Karlos oder Schnaat… -

- Natürlich kennst du die Leute nicht. Aber die Leute kennen dich. -

- Die kennen mich? -

- Natürlich. Die lesen dich doch. -

- Ach so.. ja. (Ich bin plötzlich gerührt.) Stimmt.. -

- Also, antworte den Leuten ruhig mal. Muss ja nichts großes sein. Das erwartet auch niemand. -

- Gut. Ja. -

*

Schon als Kind hab ich mich stets zurückgezogen, wenn ich Fieber hatte und krank wurde. Ich bin dann immer ganz still geworden und hab mich im Bett verkrochen, in die hinterste Ecke. Selbst aufs Klo gehen war mir lästig, ich hab so lang angesammelt, bis ich fast platzte.

*

Hab seit fünf Wochen nicht geraucht, und was passiert? Ich nehme zehn Pfund ab. Normalerweise wächst Rauchern eine englische Drops-Plauze, wenn sie das Rauchen aufgeben. Eine de Beukelaer-Zone.

Obwohl, dass ich überhaupt keine Zigarette angepackt habe, das stimmt ja auch nicht.

Als ich noch im Klinikum war, die Station aber schon verlassen durfte, hab ich mir draussen eine Kippe geschnorrt, aber nicht angezündet. Nur in den Mund geschoben. Wie Lucky Luke, bei dem qualmts auch nie. Der hat nur einen Stummel im Mund. So bin ich runter zur Ambulanz, weil da gerade ein Rettungswagen um die Ecke bog.

Seit ich selbst in so einem großen roten Kasten durch die Strassen geflogen bin, höre ich anders hin, wenn eine Sirene sich nähert. Als wären die vielen Male zuvor bloß Staffage gewesen, jahrelanger Probealarm. Seit dem Herzinfarkt liege ich in jedem gottverdammten Ambulanzwagen, der durch die Strassen tobt. Seit mir das Leben gerettet wurde, wird mir jedes Mal das Leben gerettet. Auch wenn jemand anderes hinten drin liegt: Ich bin das.

Ich stand also unten an der Ambulanz, die Kippe lässig im Mund wie Lucky Luke, und schaute zu, wie die Türe des Rettungswagen sich öffnete und ein Mensch auf einer Bahre herausgeschaufelt wurde. Ich konnte nicht erkennen, ob der Mensch verunfallt war, ob es ein blutender, ein hustender Mensch war oder mehr ein verinnerlichter. Schlaganfall, und so.

Keine acht Tage zuvor war ich an gleicher Stelle eingeliefert worden, länger war das noch nicht her, doch jetzt, wo ich mir das routinierte Spektakel anschaute, fühlte ich nichts, gar nichts, nur das Brennen der heissen Nachmittagssonne im Nacken.

“Haben Sie Feuer?” fragte ich eine Raucherin, die mit zwei anderen Raucherinnen zusammenstand. Sie zündete mir die geschnorrte Zigarette an, ich nahm drei hektische Züge und trat die scheiß Kippe auf dem Betonboden aus.

Schluss jetzt.

*

Sie rauschen in ein energetisches Loch, so stand es geschrieben.

Das waren genau die Worte, die Sanne einen Tag vor meinem Infarkt aus dem Wochenhoroskop vorlas, aus unserem Wochenhoroskop, wir sind schliesslich unter ein und demselben Sternzeichen geboren, Jungfrau, aber es gibt Worte, auf die reagiere ich nicht, die rauschen an mir vorbei, als wären sie niemals gesprochen worden.

Nicht in meinem Beisein.

Worte wie energetisch oder “Kohlenstoffwelt”, oder wie PARAMETER. Kotzworte, mickriger Füllstoff, auf den die Leute auch noch stolz sind, wenn es aus ihren Mäulern kraucht. Modebuchstaben mit eingebautem Ausrufzeichen, Angeberworte. Aber nicht die Art Angeberworte, die man aus einem offenen Karman Ghia aufschnappt, der bei Schneetreiben an der roten Ampel steht, nichts imposantes, nichts witzig-krachledernes, bloß plumpes Aufplustern. Aber was juckt mich das noch. Jetzt, wo mir das Herz zusammengekracht ist. An einem Donnerstag im Mai. Halb elf am Vormittag.

Juckt mich das alles nur noch am Rande.

Denn plötzlich kracht mir das Herz jeden Vormittag zusammen. Immer, wenn der Uhrzeiger auf halb elf vorrückt. Spätestens 10 Punkt 40. Zieht es im Herzen. Durchzug, Kammerflimmern.

Panikattacken.

- IST DER HERR PANIK-ATTACHÉ ZU SPRECHEN?! -

- NEE, DER IST SCHON WEG! IST SCHON GEFLÜCHTET! -

Nicht, dass ich darauf hinzielte, dass ich mir Panik wünschte, natürlich nicht. Nein. Es passiert einfach. Jeden verfluchten Vormittag, an dem ich mein Zuhause verlasse, verlassen muss, kommt das Trauma über mich als eine Reihe schwerer Körpertreffer: wie an dem Tag, als ich am Fronhof langsam zu Boden ging und niemand war da, der mich anzählte. Kein Ringrichter, der so was kommen gesehen hätte. Kein Trainer mit weissem Handtuch in der Hinterhand. Niemand war da. Nur ich und mein Hund und ein paar Menschen, die nicht darauf vorbereitet waren, einem Mann gegenüberzustehen, dem, käsebleich und schwitzend, gleich das Herz zusammenkracht. Wie auf einem Schrottplatz.

(Die Retter kamen später. Die Retter kommen immer später. Man liebt die Retter dafür, dass sie später kommen.)

*

Intensivstation, 13 Uhr 30.

Vor anderthalb Jahren lag mein Vater auf der Intensivstation, mit einem schweremn Herzinfarkt, und ich schrieb: Auf der Intensivstation liegen Männer und Frauen Bett an Bett, es wird kein Unterschied gemacht zwischen Männern und Frauen, es gibt nur einen Unterschied auf der Intensivstation, das ist der Unterschied zwischen Leben und Tod.

Einige Monate später starb meine Mutter auf der Intensivstation an einem Herzanfall, und jetzt lieg ich selbst mit einem Infarkt auf der Intensivstation, höre das Auf und Ab der Beatmungsschläuche, die meine Nachbarin mit Atemluft versorgen.

Ich weiss nicht, wie die Frau aussieht, die keine drei Meter von mir entfernt mit dem Tode ringt. Ein weisser Rollverhang verstellt den Blick auf ihr Bett, nur gelegentlich, wenn ich mich ein Stück aufrichte, sehe ich ihre Füße am Bettende, nackig, reglos.

Ich höre die Gespräche der Schwestern, wenn sie die unbekannte Nachbarin umbetten, wenn sie einen neuen Verband anlegen müssen, oder wenn irgendetwas geswitcht wird.

“Nicht erschrecken, liebe Frau Meyer, wir switchen Sie jetzt.”

Was wird denn da geswitcht? wollte ich die Schwester noch gefragt haben, aber dann hab ichs vergessen.

Krankenschwestern auf der Intensivstation sind bemerkenswert zuvorkommend, fast warmherzig, geschult vom Elend, vielleicht, keine Ahnung. Schwester Simone wohnt übrigens am Kannenhof, ein paar Blocks nur entfernt. Sie ist es auch, die mir am zweiten Tag den einzigen TV-Apparat der ganzen Station ans Bett rollt, damit ich das Pokalfinale sehen kann.

Die meisten Patienten gucken hier sonst kein Fernsehen, kichert sie.

Schwester, sag ich, was ist mit der Frau neben mir los?

Ich erfahre, dass sie schwer lungenkrank ist und tags zuvor einen Luftröhrenschnitt erhalten hat, ansonsten aber austherapiert ist.

“So liebe Frau Meyer, nicht erschrecken, wir müssen nur kurz die Beatmungsschläuche tauschen.”

Es sei unklar, so Schwester Simone, ob die arme Frau überhaupt noch etwas mitkriegt.

Ja, ist sie denn im Koma?

“So ähnlich”, sagt sie ausweichend.

Die Schwestern sprechen dennoch mit der Patientin, als verstünde sie jedes Wort, als ich Samstagmorgen, halb im Bett liegend, halb sitzend, in Zeitlupe Kaffee und ein Brötchen mit Marmelade frühstücke. Ich trage ein weisses Plastikbändchen am Handgelenk mit Namen, Geburtsdatum und Fallnummer, sowie ein frisches hellblaues Engelshemdchen am Leib, hinten offen, die Arschbacken frei.

Können Sie mir das mal zubinden, Schwester?

Die ständige Alarmbereitschaft der Apparaturen rund um mein verkabeltes Bett, medizinische Hochleistungsapparate, die LIFE VIEW heissen und INTELLI-VIEW und an Baywatch erinnern, an braungebrannte Rettungsschwimmer, jederzeit bereit, ein absaufendes nölendes Herz aus den Fluten zu heben, einen Schlaganfall zu glätten, komm her, du! Falscher Hase! Wir retten dich.

Wir betten dich um.

*

Seit der Lucky Luke Kippe gönnte ich mir noch zwei weitere Zigaretten, hab an beiden aber nur ein Mal gezogen. Macht insgesamt fünf Lungenzüge in fünf Wochen, bei fünf Kilo Verlust an Bauch, macht pro Zug ein Kilogramm weniger. Das ist doch kein richtiges Rauchen mehr. Kein heiliger Akt, keine Medicine. Nein, vorbei. Künftig heisst es, wie es schon mal geheissen hat, damals, als wir uns kennenlernten,

Erprobung herzstärkender Mittel.

Thomas Kling, Eremitenpresse, 1985.

*

“Da sind Sie dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen”, so Schwester Simone beim Anlegen der bunten Krokodilsklemmen. Sie will ein EKG anfertigen. “Das war sozusagen Rettung in allerhöchster Not.”

Tatsächlich war eine der drei Hauptarterien, die das Herz mit Blut versorgen, schon seit geraumer Zeit dicht. “Der Herzmuskel wurde nicht mehr mit Blut versorgt.” Die zweite Arterie war nur noch zu 20 Prozent offen und die dritte so akut mit Plaque verstopft, dass es den Infarkt auslöste.

“Sie haben mächtig Massel gehabt, dass Sie so schnell im OP gelandet sind. Stellen Sie sich nur mal vor, Sie wären gestern im Wald gewesen. Das hätte unter Umständen viel zu lange gedauert bis ..”

“Ich war vorgestern im Wald,” sag ich, fast ein bisschen empört. Tief im Wald, mit dem Hund, Stöckchenwerfen.

“Na, sehen Sie.” (Große Augen.)

*

Als ich noch im Klinikum lag, rief Karlos zwei Mal zu Hause an und hinterliess kurze Nachrichten auf der Mailbox, jeweils gegen 19 Uhr. Er hatte keine Ahnung, was passiert war, dass ich im Krankenhaus lag. Er forderte mich auf, alles stehen und liegen zu lassen und in Turnschuhen und Trainingshose, “hast du noch die alte blaue von adidas?”, runter zum Käfig zu kommen, eine halbe Stunde kicken. “Ich bin seit gestern wieder im Training. Los, Glumm, mach hin, ich bin in fünf Minuten im Käfig.”

Sanne hörte die Nachrichten ab und war sich nicht sicher, ob sie Karlos zurückrufen solle, ob mir das recht wäre.

“Nee, lass mal. Ich rufe Karlos selbst an.”

*

“Ich konnte nicht zum Käfig kommen”, sagte ich ein paar Tage später am Telefon zu Karlos, “ich hatte einen Herzinfarkt.”

Und dann erzählte ich ihm, was passiert war an diesem 10. Mai 2012. Erzählte ihm vom Sofa in den Gemeinderäumen der Evangelischen Stadtkirche, im Untergeschoss, wohin ich geflüchtet war, als ich mir in der Innenstadt, genauer: am Fronhof, nicht mehr zu helfen wusste, mit diesem elenden Getrampel in der Herzgegend, mit Frau Moll an der Leine, mit dieser scheiß Angst zu sterben, und doch: wie seltsam kühl mich alles liess. Fast ein wenig.. lästig.

(Diese überraschend alltäglichen Gedanken, die mich beherrschten, als der Tod schon anklopfte: wohin mit dem Hund, wenn der Krankenwagen kommt, obwohl mir doch klar war, dass gerade etwas schlimmes in meinem Körper vorging. Denkt man nur alltägliches Zeugs.)

Ich erzählte Karlos von den Minuten auf dem Sofa, dem Warten auf den Rettungsdienst in den gebohnerten Gemeinderäumen der Stadtkirche, in der Karlos Vater lange Jahre als Küster gearbeitet hat. Wo wir ihn als Teenies oft aufsuchten, weil Karlos einen Schlüssel abliefern sollte, oder weil sonst eine Kleinigkeit zu tun war. Ein Konfirmandenunterricht vorbereiten, Kaffekochen, Kuchen anschleppen.

Können wir noch etwas für Sie tun? fragten die Gemeindeleute, nachdem sie die 110 gewählt hatten, aber ich schüttelte kaum merklich den Kopf und flüsterte: “Nein. Ich hab einen Herzinfarkt. Vielleicht ein Glas Wasser.”

Suche einen Ort, der dir gut bekannt ist, wenn der Tod anklopft mit langen dürren Fingern. Wenn noch Zeit bleibt. Wenn man es sich noch aussuchen kann. Das beruhigt.

Ausgerechnet am Fronhof.

Ich war mit dem Hund auf dem Weg zur Sparkassen-Filiale am Fronhof, bin schnell gegangen, hastig fast, an diesem bleiern-schwülen Vormittag. Bekam plötzlich schlecht Luft. Erst glaubte ich, es wäre das übliche Asthma. Das, was ich immer glaubte in der letzten Zeit, wenn es irgendwo steil bergauf ging. Ich inhaliere zwar seit langem kein Spray mehr, doch wenn ich den steilen Klauberg hochging, um meinen alten Vater zu besuchen, musste ich nach der Hälfte stehenbleiben und pausieren. Und jedes Mal dachte ich: Verdammtes Asthma. Scheiss Kippen. War aber kein Asthma. War das Herz.

Am Fronhof liess ich die Sparkasse links liegen, versuchte Luft in meine Lungen zu lassen. Vorbei am Hähnchengrill, vorbei an der Laderampe des Kaufhof, vorbei am Obststand, an dem Erdbeeren verkauft werden, Erdbeeren aus den Leichlinger Sandbergen. Eine lokale Spezialität.

“Sie auch junger Mann? Eine schöne rote zum Probieren?”

Den Hund an der Leine ging ich über den leeren Platz, der grau schimmerte im Sonnenschein, die fröhliche weibliche Stimme aus den Sandbergen verfolgte mich.

“Möchten Sie auch mal kosten, junge Frau? Nee, nicht zum Sattessen. Ist zum Sattessen zu schade.”

Gelächter, und mir gehts immer schlechter. Das ist kein Asthma, denk ich zum ersten Mal, das ist nicht in der Lunge, das ist in der Brust. Das Herz. Da drin ist alles dünn. Dazu dieses stückweise Hinweggleiten, wie bei einem fremden, gleichwohl bekannten Manöver. O LAND LAND LAND, HÖRE DES HERREN WORT. Ausgerechnet.. am Fronhof.

Und wenn ich ins Krankenhaus muss? Wohin mit dem Hund? Der lässt doch keinen Sanitäter an dich ran.. Der verteidigt dich, auch wenn du erste Hilfe brauchst. Der beisst den Feind weg. Ich lasse mich auf einer der grünen Drahtbänke nieder. Versuche, zu entspannen. Zu relaxen. Auf dem Rücken liegen. Geht nicht. Ein Schulmädchen im Sommerkleidchen, wippende weisse Waden, fröhlich im Gemüt, nehme ich noch aus den Augenwinkeln wahr, als der Tod, die Kanaille, schon den Schlüsselbund hervorzieht, es rasseln lässt.

Ich versuche es mit einer Entspannungsübung wie beim RSV früher, wenn ich nach einem langen Sprint k.o. war: den Rücken durchdrücken, dabei die Arme hinterm Kopf kreuzen. Das entlastet die Lunge. Jetzt nicht. Nichts entlastet mich. Ich bin in ein Stahlkorsett gepresst, das Korsett zieht sich enger zu. Ich kann kaum noch durchatmen. Es ist, als hätte meine Lunge auf magere Schnappatmung umgestellt. Mageratmung. Ist das Sterben? So schmal? So dumpf, so mager?

Mein Bewusstsein schwindet, taucht sekundenweise ab, und immer hektischer werden meine Schritte, gleichzeitig kraftloser. Beinah.. milde. Wind fegt über den grauen leeren Platz. Links die Treppe, wo die Solinger Lieferfrau ihr Denkmal hat, die Stufen runtertaumeln, dann keine 20 Meter bis zum Hintereingang der Stadtkirche. Die Eingangstüren liegen im Schatten, sind geöffnet, ausnahmsweise. Ich geh in den Flur. Im Vorraum lege ich mich auf eine Holzbank, auf den Rücken, es riecht nach Politur. Ich will sterben, sag ich. Wispere ich. Ich will diesem Zustand entfliehen. Dieser Schwäche, die wie ein schweres knochiges Tuch über mich niedergeht.

Ich kauere in der Ecke.

Der Hund, die ganze Zeit dabei, angeleint, blickt mich an. Unsicher. Die Contenance wahrend, mühsam. Jetzt langsam den dunklen Flur hinunter, ich höre Stimmen hinter verschlossenen Türen. Wohin mit dem Hund, wenn der Krankenwagen kommt? Der kann ja wohl kaum mitfahren. Ich kann mich nicht entscheiden, geh den Flur zurück, in den Vorraum. Mit kleinen Schritten. Schwitzend. Das Bewusstsein.. wegrutschend, der Brustkorb ein Barren, dem die Holme wegbrechen. Als hätte ich Tag und Nacht Filterlose geraucht, und jetzt fliegt mir der Laden um die Ohren. Die Schläuche.

Bevor ich alles aus der Hand gebe, falle ich einen Entschluss: du willst nicht sterben, nicht hier. In einer Kirche schon, das geht in Ordnung, an sich, doch nicht in den Gemeinderäumen. Bei Kaffee und Kuchen. Zurück, den dunklen Gang hinunter. Als ich anklopfen will, öffnet sich eine Tür. Schweiss pläddert an mir runter, als käme ich aus einem unbekannten Platzregen. Erschrockene Blicke.

Können Sie den Notarzt rufen? Ich hab einen Herzinfarkt.

*

10.30 – Großer Herzinfarkt

Oder: Eine koronare 3-Gefäßerkrankung, wie es in den Entlassungspapieren des Städtischen Klinikums geschrieben steht. Es begann vor drei Wochen, an einem Donnerstagmorgen. Wir saßen beim Frühstück, und sie blickte mich von der Seite an.

“Jeden Morgen glitzert eine ungeweinte Träne in deinem Auge”, sagte sie.

Was sie manchmal so sagt, morgens. Kleine rätselhafte schöne Sachen. Ich spielte kurz mit dem Gedanken, den Schlaf aus dem Auge zu reiben, denn das war es ja, worum es ging, doch dann würde es ja nicht mehr glitzern. Das machte keinen Sinn. Das würde niemand wollen. Also liess ich es so, wie es war, eine Spezialität von mir, an die kaum jemand heranreicht, bis heute nicht, und beschäftigte mich wieder mit meinem Marmeladenbrötchen und der Wochenzeitung. Man reibt sich keinen Schmuck aus dem Auge, dachte ich, schon gar nicht, wenn es eine Träne ist.

Tears are a boy’s best friend.

Während sie nach dem Tee griff und schon beim nächsten Thema war, ihre Ausstellung in Remscheid sollte zwei Tage später beginnen, nahm ich das Notizbuch vom Frühstückstisch und hielt den Satz fest, Jeden Morgen glitzert eine ungeweinte Träne in deinem Auge. Dahinter ihr Kürzel S., um in Fragen des Urheberrechts erst gar keine Unsicherheit aufkommen zu lassen, und das Datum, 10. Mai 2012, zu dem ich meinen ersten schnellen Senf beigab:

Na. Ich weiß auch nicht.

Anderthalb Stunden später, viertel vor elf, raste ein Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn durch die Nordstadt ins Klinikum, mit mir hinten drin. Herzinfarkt. Mitten in der Fußgängerzone. Bei schwüler Hitze, zwischen Sparkasse und Stadtkirche am Fronhof. O LAND LAND LAND, HÖRE DES HERRN WORT. Mit dem Hund an der Leine und einem wild trompetenden Elefanten auf dem Brustkorb. Das ist ein Herzinfarkt, ging es mir durch den Kopf. (Davon an anderer Stelle mehr.)

“Einmal Diazepam läuft durch!” hörte ich im Rettungswagen den Sanitäter und ich lag da und dachte, Scheiße, Dias, die machen nur wirr im Kopf, und verlor das Bewusstsein, schmierte ab, “HE! JUNGER MANN!” Kehrte zurück. Was ist mit dem Hund, sagte ich schwach. Haben Sie die Nummer meiner Frau notiert? Die richtige Nummer? Sie ist bei meiner.. Schwiegermutter. Keine Sorge. Darum wird sich gekümmert, sagte der Notarzt. Und wir kümmern uns um Sie, fügte eine andere Stimme hinzu.

Mit Diazepam fortlaufend ruhig gestellt wurde ich an der Krankenhausambulanz vorbei in die Kardiologie gerollt. Herzkatheterraum. Der Oberarzt schimpfte, weil ich nicht still liegen wollte, erst seine massive Zurechtweisung, HERRGOTT, WIR WOLLEN IHNEN DOCH NUR HELFEN, und die Drohung SONST MÜSSEN WIR SIE FIXIEREN zeigten Wirkung. Zwei Engstellen in den Herzkranzgefäßen (“voller Plaque”) wurden per Ballon aufgedehnt und anschliessend mit Stents versorgt, um die Gefäße offen zu halten. Stents. Sind kleine Gittergerüste, sagte der Oberarzt. Klettergerüste? Ich sah einen von Plaqueablagerungen verwüsteten Kinderspielplatz vor mir. Auf links gedreht, die Luft raus. Ab hier kein Transport. Minimalinvasiv.

Was noch Eindruck hinterliess: die Kühle auf dem OP-Tisch, die routinierte Geschwindigkeit, mit der das OP-Team mich entkleidete, und wie gekonnt eine OP-Schwester mit dem Einmalrasierer einen Teil meiner Schamhaare rasierte. “Wir müssen an Ihre Leiste ran.” Kalter Schweiß, weisser Pimmel. O Herr, soll ich jetzt hochkommen?!

Als ich am frühen Nachmittag auf die Intensiv gebracht wurde, war ich verblüfft von der Helligkeit und Freundlichkeit der Station. Die todkranke alte Frau neben mir wurde von Schläuchen beatmet, ich hörte Monitore bei der Arbeit, aber ich sah sie nicht, nicht mal ihre Füße, mein Blick wurde von einem weißen Vorhang verstellt.

Ich durfte mein rechtes Bein nicht bewegen. Der Kardiologe war durch die Leiste bis zum Herzen vorgedrungen. 24 Stunden still liegen, sonst kann es passieren, dass Sie innerlich verbluten.

“Da sind Sie dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen”, meinte eine Krankenschwester, was ich zunächst als Floskel abtat, mit der man neue Herzinfarktpatienten empfängt. Erst als der Oberarzt erschien, in Begleitung weiterer Ärzte und Ärztinnen, und mit ernstem, aber nicht hoffnungslosen Blick von einem schweren Herzinfarkt sprach, den ich nur deshalb überlebt hätte, weil ich so rasch auf seinem OP-Tisch gelandet war, (“Ein Zugang war schon komplett zu, der Herzmuskel wurde nicht mehr mit Blut versorgt”), erst da wurde mir bewusst, wie knapp das alles war. Mann, da hab ich die 80er überlebt, die 90er, sogar die dumm-dreisten 00er haben mich nicht umgebracht, und jetzt das.

Und hätte mich der Herrgott an diesem Vormittag nach dem Frühstück nicht in die Innenstadt gelotst, um Geld abzuheben, sondern, wie am Tag zuvor, mit dem Hund in die Wupperberge, abseits der Fußwege und wie immer ohne Handy, dann wäre meine Überlegung, wie man eine Herzinfarkt-Geschichte beginnt, obsolet gewesen.

Hoffnungslos veraltet.

Und was wäre mein vorletzter, je geschriebener Satz gewesen? Ein kleiner Satz von ihr im Notizbuch, Jeden Morgen glitzert eine ungeweinte Träne in deinem Auge.

Und der letzte Satz:  Na. Ich weiss auch nicht.

Perfekt, eigentlich.