Dialog des Tages

Der Dialog des Tages findet statt, als ich mit dem Hund den steilen Klauberg hochkraxele, auf dem Weg zu meinem Vater.

Flossbach (sitzt in der offenen Autogarage und prostet mir zu mit seiner Flasche Feierabendbier, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt): “HE, GLUMMI, WAT IS LOS, WOLLSTE AUCH EIN BIER?”

Ich (ausser Atem): “Nee, lass mal.”

Flossbach: “WAT IS LOS?!

Ich: “NEE, LASS MAL!”

Flossbach (steht auf, kommt näher): “HÖR MAL, DEIN HUND MUSS ZUM FRISÖR! DER SIEHT JA AUS WIE EIN HIPPIE!”

Ich: “Der ist ein Hippie.”

Flossbach (den ich seit Kindertagen kenne): “WAT IS LOS?!

Ich: “DER IST EIN VERDAMMTER HIPPIE, DER HUND!”

Flossbach: “Ja, dann ist gut.”

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Benno, der Hundeführer von Solingen

Hundeführer Benno (48) ist eine Institution in unserer Stadt. Seit vielen Jahren führt er Hunde aus, der Rekord liegt bei 17 Hunden gleichzeitig.

Jeder in der Stadt kennt Bennos fröhliches Gebell, “NA, ALLES KLAR? GEHT SO, JA!?”

Wenn der Meister und sein Rudel die Strasse überqueren, wundern sich alle, wie er das hinkriegt. Ein Dutzend Leinen an einem Dutzend Hunde, und nichts verheddert und verknotet sich.

Ein Dutzend Hunde sind immerhin 48 Beine und 48 Pfoten. 12 Schnauzen. 12 scheißende Hintern.

Magie.

Benno ist ein Schäfer, der seine Herde durch die Strassen treibt. Immer eilig, selten hastig.

Selbst wenn Benno siebzehn Rabauken auf einmal ausführt, gibt es niemals Stress, und niemand quengelt. Und spurt doch mal ein Hund nicht richtig, reicht ein kurzes knarzendes Kommando, schon hat Benno wieder den Respekt der Truppe.

Wenn also Martin Rütter der sozialisierte Super-Rüde unter Deutschlands TV-Hundepsychologen ist, dann ist Benno einfach Benno,

mitten unter uns.

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Mehr Solinger Gesichter von Susanne Eggert auf

Citronenbusen

Deine Angst ist nicht Chef

Zehn Jahre hatten wir keinen Hund gehabt. Keine Verpflichtungen, keine Revierkämpfe. Kein Bewegungsmelder. Doch irgendwann nahm die hundelose Zeit Überhand. Der Entzug zeigte sich, als die Gräfin eine kleine Nachttischlampe am Stecker hinter sich her zog und rief: Nu, nu mach schön dein Lichthäuflein!

Dann war da diese Zeitungsannonce. Bildhübsche Mischlingswelpen abzugeben. Als wir die angegebene Adresse in einem unscheinbaren Mietshaus anfuhren, wurden wir von einem Geschwader übermütiger kleiner Körper empfangen. Alles stürmte und wuselte durcheinander, fiepende kleine Fellknäuel, alles in Bewegung, das ganze Haus.

“Wie ein kleiner Dattelhain!” rief die Gräfin begeistert.

“Ja, süß”, sagte ich.

Nur zwei Welpen fielen durchs Rost, Käptn Enno und Frau Moll. Frau Moll, noch ohne Namen und so schüchtern und ängstlich, dass sie sich im untersten Fach eines Standregals versteckte, wo die Gräfin sie nur zufällig entdeckte, als sie gerade die Verfolgung eines anderen Minimischlings aufgenommen hatte.

“Och, guck mal, der hier!” kam sie quietschend auf dem Parkettboden zum Stehen.

Der ist eine sie“, wurde die Gräfin prompt berichtigt, von dem Ehepaar, das den Promenadenwurf zum Kauf anbot.

Die kleine Hündin hatte ein weißes Kreuz auf der Brust, was ihr eine gewisse Religiösität verlieh, und eine drollige schwarze Gardine am Hintern.

“Gardine? Je nun.. sie hat Durchfall”, stellte das Paar klar.

Ich persönlich favorisierte Käptn Enno. Eine potthässliche kleine Krücke, der das Fell in zehntausend Richtungen stand, so wirr, als hätte sie einen Stromkreis belutscht. Ich hob die Krücke vorsichtig hoch. Ich hörte das kleine Herz nuscheln, in meiner Hand. Jemand machte Pipi. Ich liess ihn los. Käptn Enno fiel hinter die Couch, kopfüber.

Der Anzeigentext hatte nicht gelogen. Bis auf den Käptn war der Promenadenwurf bildhübsch. Vater unbekannt, Mutter Mischung aus Bearded Collie und Schäferhund. Die Wahl fiel nicht leicht. Frau oder Käptn. Schön oder Krücke. Wobei Frau Moll den Vorteil hatte, kein Kerl zu sein. Weibchen machen weniger Ärger. Weibchen geiern nicht jeder Pussy hinterher. Die markieren nicht den grossen Mann. Die..

“..nehmen wir!”

So geschah es, dass Frau Moll im Januar 2004 die laufende No. 3 in unserem Trio wurde. Auf der Heimfahrt, Frau Moll und ich saßen auf dem Rücksitz, blickte sie mit großen Augen zu mir hoch und pinkelte mir zitternd in den Schoß.

“Fahr nicht so doll in die Kurven!” wies ich die Gräfin zurecht.

“Ich fahr doch nur zwanzig!”

“Dann fahr zehn!”

“Da kann ich auch gleich stehen bleiben!”

“Dann bleib stehen!”

Zwei Tage später rief ich bei der Zeitung an und gab eine Annonce auf. Welpe abzugeben. Wir hatten die Nase voll von diesem struppigen, scheissenden Etwas, das uns übers Wochenende einen stinkigen Kackhaufen nach dem anderen in die Stube gesetzt hatte, und das nicht niedlich lächelnd. Schon klar, damit muss man am Anfang leben, wenn man einen Hund aufzieht. Aber dass er sich partout nicht vor die Tür traute, nicht einmal in den Garten hinterm Haus, ja, dass der Welpe überhaupt nur einen einzigen Chef zu akzeptieren schien, nämlich seine eigene Angst, das setzte uns so arg zu, dass wir ihn wieder loswerden wollten. Besonders ich.

“DEINE ANGST IST NICHT CHEF!” zürnte ich. (Ich kenne mich damit aus.)

Nachdem der Anzeigentext Mittwochs erschienen war, stand das Telefon nicht still, doch wir liessen es klingeln. Zwei Tage hatten gereicht, um unser Vorhaben wieder komplett umzustossen. Jetzt war der Welpe wieder süß und durfte, ach was, musste bleiben.

Ich weiss gar nicht mehr, was letztlich den Ausschlag gab, dass wir uns ein zweites Mal in Frau Moll verliebten, ein Hündchen, das vor Schreck stiften geht, wenn es einen Furz lässt. Für unseren Hund endet nämlich der eigene Leib in der Körpermitte, mit dem Rest hat er nichts zu schaffen. Nach Frau Molls Überzeugung ist es ganz klar ein Fremder, der ihren Hintern bis aufs Übelste reizt und bespielt.

Aber dann wieder, wenn Hündchen abends auf der Decke liegt, klein und unschuldig, ein Klecks in der Weltgeschichte..

*

Mobilmachung

Das Problem lag auf der Hand, ich brannte vor Sorge: Worüber sollst du eigentlich schreiben, wenn die wilden Zeiten vorüber sind – wenn Drogen keinen Spaß mehr machen und Bier nur noch fad schmeckt und depremiert – wenn man den Frauen nur noch hinterherschaut, weil man es immer so gehalten hat – wenn die Nacht plötzlich nur noch zum Schlafen da ist und man im Morgengrauen zur Arbeit fährt statt im Morgengrauen heimzukehren, im Schritt bekotzt – worüber zum Teufel soll man denn dann noch schreiben!!? Dass ich mit meinem Hund rausgehe?

Genau.