Dialog des Tages

Der Dialog des Tages findet statt, als ich mit dem Hund den steilen Klauberg hochkraxele, auf dem Weg zu meinem Vater.

Flossbach (sitzt in der offenen Autogarage und prostet mir zu mit seiner Flasche Feierabendbier, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt): “HE, GLUMMI, WAT IS LOS, WOLLSTE AUCH EIN BIER?”

Ich (ausser Atem): “Nee, lass mal.”

Flossbach: “WAT IS LOS?!

Ich: “NEE, LASS MAL!”

Flossbach (steht auf, kommt näher): “HÖR MAL, DEIN HUND MUSS ZUM FRISÖR! DER SIEHT JA AUS WIE EIN HIPPIE!”

Ich: “Der ist ein Hippie.”

Flossbach (den ich seit Kindertagen kenne): “WAT IS LOS?!

Ich: “DER IST EIN VERDAMMTER HIPPIE, DER HUND!”

Flossbach: “Ja, dann ist gut.”

*

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Benno, der Hundeführer von Solingen

Hundeführer Benno (48) ist eine Institution in unserer Stadt. Seit vielen Jahren führt er Hunde aus, der Rekord liegt bei 17 Hunden gleichzeitig.

Jeder in der Stadt kennt Bennos fröhliches Gebell, “NA, ALLES KLAR? GEHT SO, JA!?”

Wenn der Meister und sein Rudel die Strasse überqueren, wundern sich alle, wie er das hinkriegt. Ein Dutzend Leinen an einem Dutzend Hunde, und nichts verheddert und verknotet sich.

Ein Dutzend Hunde sind immerhin 48 Beine und 48 Pfoten. 12 Schnauzen. 12 scheißende Hintern.

Magie.

Benno ist ein Schäfer, der seine Herde durch die Strassen treibt. Immer eilig, selten hastig.

Selbst wenn Benno siebzehn Rabauken auf einmal ausführt, gibt es niemals Stress, und niemand quengelt. Und spurt doch mal ein Hund nicht richtig, reicht ein kurzes knarzendes Kommando, schon hat Benno wieder den Respekt der Truppe.

Wenn also Martin Rütter der sozialisierte Super-Rüde unter Deutschlands TV-Hundepsychologen ist, dann ist Benno einfach Benno,

mitten unter uns.

*

Mehr Solinger Gesichter von Susanne Eggert auf

Citronenbusen

Deine Angst ist nicht Chef

Zehn Jahre hatten wir keinen Hund gehabt. Keine Verpflichtungen, keine Revierkämpfe. Kein Bewegungsmelder. Doch irgendwann nahm die hundelose Zeit Überhand. Der Entzug zeigte sich, als die Gräfin eine kleine Nachttischlampe am Stecker hinter sich her zog und rief: Nu, nu mach schön dein Lichthäuflein!

Dann war da diese Zeitungsannonce. Bildhübsche Mischlingswelpen abzugeben. Als wir die angegebene Adresse in einem unscheinbaren Mietshaus anfuhren, wurden wir von einem Geschwader übermütiger kleiner Körper empfangen. Alles stürmte und wuselte durcheinander, fiepende kleine Fellknäuel, alles in Bewegung, das ganze Haus.

“Wie ein kleiner Dattelhain!” rief die Gräfin begeistert.

“Ja, süß”, sagte ich.

Nur zwei Welpen fielen durchs Rost, Käptn Enno und Frau Moll. Frau Moll, noch ohne Namen und so schüchtern und ängstlich, dass sie sich im untersten Fach eines Standregals versteckte, wo die Gräfin sie nur zufällig entdeckte, als sie gerade die Verfolgung eines anderen Minimischlings aufgenommen hatte.

“Och, guck mal, der hier!” kam sie quietschend auf dem Parkettboden zum Stehen.

Der ist eine sie“, wurde die Gräfin prompt berichtigt, von dem Ehepaar, das den Promenadenwurf zum Kauf anbot.

Die kleine Hündin hatte ein weißes Kreuz auf der Brust, was ihr eine gewisse Religiösität verlieh, und eine drollige schwarze Gardine am Hintern.

“Gardine? Je nun.. sie hat Durchfall”, stellte das Paar klar.

Ich persönlich favorisierte Käptn Enno. Eine potthässliche kleine Krücke, der das Fell in zehntausend Richtungen stand, so wirr, als hätte sie einen Stromkreis belutscht. Ich hob die Krücke vorsichtig hoch. Ich hörte das kleine Herz nuscheln, in meiner Hand. Jemand machte Pipi. Ich liess ihn los. Käptn Enno fiel hinter die Couch, kopfüber.

Der Anzeigentext hatte nicht gelogen. Bis auf den Käptn war der Promenadenwurf bildhübsch. Vater unbekannt, Mutter Mischung aus Bearded Collie und Schäferhund. Die Wahl fiel nicht leicht. Frau oder Käptn. Schön oder Krücke. Wobei Frau Moll den Vorteil hatte, kein Kerl zu sein. Weibchen machen weniger Ärger. Weibchen geiern nicht jeder Pussy hinterher. Die markieren nicht den grossen Mann. Die..

“..nehmen wir!”

So geschah es, dass Frau Moll im Januar 2004 die laufende No. 3 in unserem Trio wurde. Auf der Heimfahrt, Frau Moll und ich saßen auf dem Rücksitz, blickte sie mit großen Augen zu mir hoch und pinkelte mir zitternd in den Schoß.

“Fahr nicht so doll in die Kurven!” wies ich die Gräfin zurecht.

“Ich fahr doch nur zwanzig!”

“Dann fahr zehn!”

“Da kann ich auch gleich stehen bleiben!”

“Dann bleib stehen!”

Zwei Tage später rief ich bei der Zeitung an und gab eine Annonce auf. Welpe abzugeben. Wir hatten die Nase voll von diesem struppigen, scheissenden Etwas, das uns übers Wochenende einen stinkigen Kackhaufen nach dem anderen in die Stube gesetzt hatte, und das nicht niedlich lächelnd. Schon klar, damit muss man am Anfang leben, wenn man einen Hund aufzieht. Aber dass er sich partout nicht vor die Tür traute, nicht einmal in den Garten hinterm Haus, ja, dass der Welpe überhaupt nur einen einzigen Chef zu akzeptieren schien, nämlich seine eigene Angst, das setzte uns so arg zu, dass wir ihn wieder loswerden wollten. Besonders ich.

“DEINE ANGST IST NICHT CHEF!” zürnte ich. (Ich kenne mich damit aus.)

Nachdem der Anzeigentext Mittwochs erschienen war, stand das Telefon nicht still, doch wir liessen es klingeln. Zwei Tage hatten gereicht, um unser Vorhaben wieder komplett umzustossen. Jetzt war der Welpe wieder süß und durfte, ach was, musste bleiben.

Ich weiss gar nicht mehr, was letztlich den Ausschlag gab, dass wir uns ein zweites Mal in Frau Moll verliebten, ein Hündchen, das vor Schreck stiften geht, wenn es einen Furz lässt. Für unseren Hund endet nämlich der eigene Leib in der Körpermitte, mit dem Rest hat er nichts zu schaffen. Nach Frau Molls Überzeugung ist es ganz klar ein Fremder, der ihren Hintern bis aufs Übelste reizt und bespielt.

Aber dann wieder, wenn Hündchen abends auf der Decke liegt, klein und unschuldig, ein Klecks in der Weltgeschichte..

*

Mobilmachung

Das Problem lag auf der Hand, ich brannte vor Sorge: Worüber sollst du eigentlich schreiben, wenn die wilden Zeiten vorüber sind – wenn Drogen keinen Spaß mehr machen und Bier nur noch fad schmeckt und depremiert – wenn man den Frauen nur noch hinterherschaut, weil man es immer so gehalten hat – wenn die Nacht plötzlich nur noch zum Schlafen da ist und man im Morgengrauen zur Arbeit fährt statt im Morgengrauen heimzukehren, im Schritt bekotzt – worüber zum Teufel soll man denn dann noch schreiben!!? Dass ich mit meinem Hund rausgehe?

Genau.

Böhse Onkelz Müllsack drei Euro fuffzig

Abendrunde mit Frau Moll. Im Park kommt mir Ben entgegen, mit Kinderwagen und Hund. Ben, 23, kräftig, Personenschützer, bleibt seit einem halben Jahr daheim und kümmert sich um die kleine Pauline, 18 Monate, während seine Freundin eine Ausbildung macht.

“Gleich kommt die Frau nach Hause, ich muß Essen machen.”

“Ist wahr?”

“Quatsch. Ich kann nicht kochen, Bruder. Nur Strammen Max und für die Kleine das Fläschchen warm machen.”

“Ich kann auch nicht kochen”, sag ich stolz, “nur unheimlich lecker essen.”

“Siehste.”

Wäre es nach Leuten wie Ben und mir gegangen, stünden wir jetzt nicht mit großen Kochfleischgehirnen in den Anlagen rum, wir zögen immer noch klapperdürr durch die Savanne.

Seitdem der Frühling Einzug hält und die Temperaturen konstant im 20er-Bereich lümmeln, seh ich Ben täglich den Kinderwagen durch den Park schieben. Was heißt schieben. Mit seiner ganzen antrainierten Personenschützerpower jagt er über den Parcours, als wäre eine Bombe in seinem Kinderwagen, und zwischendurch bleibt er stehen und brüllt nach Taylor, seinem bekloppten Hund, der immerzu gerade was ausgefressen hat, “TAYYLORRRR, HIERRR!!”

Taylor, ein kastrierter Belgischer Schäferhundrüde, wirbelt wie ein ungelenkes Fohlen über die Wiese, und wenn er beim Nachlaufenspielen mit anderen Rüden übermütig wird, ist er nicht mehr zu stoppen: Er knallt ungebremst ins Distel-Gebüsch, wo er jaulend zum Stehen kommt.

Ben kennt das schon.

“Darf ich ihm gleich die Stacheln wieder einzeln aus dem Sack ziehen. Der ist einfach zu blöd zum Anhalten.”

“Nee, nicht zu blöd, der ist zu jung zum Anhalten”, springe ich dem Rüden bei.

“Kann auch sein, Alter”, meckert Ben bekifft. Wie das so ist mit dreiundzwanzig, ist Ben ein Kiffer vor dem Herren, am Wochenende ein Näschen Pep, warum nicht.

“Bruder, ich hab bei Ebay einen schwarzen Böhse Onkelz-Müllsack ersteigert, für drei Euro fufffzig.”

“Einen was?”

“Einen Böhse Onkelz Müllsack, schwarz, vom vorletzten Auftritt der Onkelz, 2005 am Lausitz-Ring.”

“Wieso, gibts die nicht mehr?”

“Die Onkelz haben sich aufgelöst! Wo lebst du denn?” (Kein Bruder diesmal.)

Angeblich werden von den legendären letzten Onkelz-Konzerten nicht nur die vom Veranstalter ausgegebenen Müllsäcke mit Extra-Aufkleber versteigert, sondern auch die unverkauften Bierdosen, deren Mindesthaltbarkeit um einiges überschritten sein dürfte.

“Davon zieh ich mir noch ne Palette an Land, Bruder! 24 Büchsen!”

 

 

Bens scheue Freundin kommt in den Park, über den Kiesweg.  Taylor stürzt ihr jaulend entgegen. Ein seltener Anblick, Bens Freundin im Park. Ein seltener und ein klapperdürrer Anblick.

“Hallo”, wispert sie.

“Na”, meint Ben.

Sie blickt mir nie in die Augen. Ob nun aus Schüchternheit oder aus Scham, wegen iher schlechten Zähne, weiss der Geier. Sie guckt durch mich hindurch, den Mund halb geöffnet. Man sieht winzige weiße Zähnchen. Sie wirkt wie ein Gespenst, das sich morgens die Zähne putzt mit der Geisterzahnbürste.

Sie schaut kurz in den Kinderwagen, wo die kleine Pauline vor sich hinbrabbelt, und Ben erzählt ihr das gleiche wie mir zuvor. Von schwarzen Böhse Onkelz Müllsäcken, die man für drei Euro fuffzig im Internet..

“Du mit deinen blöden Onkelz”, sagt sie.

“Gar nicht blöd. Ich bin mit den Onkelz aufgewachsen. Fünfzehn Jahre hab ich nur Onkelz gehört..”

Sie verdreht die Augen.

Ich erinnere mich, wie ich Mitte der 80er Jahre erstmals Böhse Onkelz gelesen hab. Die Worte hatte jemand an eine Straßenlaterne in Solingen-Wald geschrieben, mit schwarzem Edding. Ich wusste nicht, dass es sich um einen Bandnamen handelte, ich dachte, da hätte jemand aus Spaß am Falschschreiben Böse Onkels falsch geschrieben. Ich erinnere mich, ziemlich lange dagestanden und Böhse Onkelz gelesen zu haben. Wieder und wieder.

Ben und seine Freundin wohnen um die Ecke. Ihre Bude ist mit Kleintier-Terrarien zugestellt. Sie halten eine große Würgeschlange, Echsen und Kröten und was weiss ich alles. Mir ist eigentlich alles suspekt, was auf dieser Erde unterwegs ist. Taylor, der Hund, wohnt im Sommer auf dem Balkon. Die Nachbarn rufen schon mal die Polizei. Wegen Ruhestörung oder wegen Tierquälerei. Dabei kümmert sich Ben vorbildlich um den Hund. Der wohnt halt nur auf dem Balkon im Sommer.

“Weißt du nicht, wer ne Perserkatze verkauft?” fragt Ben.

Ich schüttle den Kopf.

“Keine Katze.. Ich will einen Goldhamster”, meint seine Freundin, was nun Ben mit einer Handbewegung abtut.

“Blödsinn. Wenn Taylor das Maul aufreisst, ist es um deinen Goldhamster geschehen. Dann ist der Brei.”

“Ist Taylor eigentlich kastriert?” werfe ich ein.

“Klar. Wieso?”

Weil Frau Moll die Hitze hat. Sogar die Standhitze, die ganz brisanten Tage, an denen jede Hündinn den Schwanz aufrollt und den Weg frei macht für jeden noch so dummen Hundepimmel.

“Dann ist ja okay”, sag ich.

Taylor besteigt gerade Frau Moll und stößt zu, aber es ist bloß ein unrhythmisches theatralisches Scheinstoßen, als simuliere Taylor den Akt. Blitzschnell geht das alles, wie im Spielfilm, nur nicht so schön geschnitten und ohne Zeitlupe.

Ben und ich eilen hinzu, (man weiss ja nie), und ich hole Taylor von Frau Moll runter. Aber es ist nichts passiert. Taylor steht hechelnd auf dem Kiesweg, Frau Moll blickt um sich, als warte sie auf den Bus. Später liegt sie im Gras, alle viere von sich gesteckt. Die großen Wiesen im Park sind frisch gemäht, atmen aus. Oder sind das die Ausdünstungen der Genossenschaftsgärtner, die gelangweilt ihrer Arbeit nachgehen, mit stoischem Hass auf alles Grüne? Ist auch egal, es riecht gut.

“Taylor hat doch gar keine Eier mehr”, meint Ben’s Freundin. “Kann doch gar nichts passieren.”

“Wer weiß. Vielleicht hat Taylor noch einen versteckten Schuß frei”, sagt Ben und nimmt mich beiseite. “Bruder, sag mal, du bist doch im Internet. Kannst du nicht mal gucken, ob du da was findest über Australische Beutelmäuse? Granate, die Viecher.”

Er erzählt von Beutelmäuse-Männchen, die im Testosteronrausch draufgehen, sobald sie ausgewachsen sind.

“Die Männchen vergessen zu essen und zu schlafen, wenn sie ein Weibchen riechen. Die legen sich sogar in ganzen Grüppchen auf die Lauer und fallen über die Weiber her. Ach nee, Moment. Andersrum. Die Weiber über die Männchen. Ich weiß nicht genau. Irgendwie so. Jedenfalls, die Männchen sind nach zwei Wochen Sex völlig verausgabt und fallen tot um. Granate, oder?”

“Hm. Keine Ahnung. Ob das Granate ist. Und so was willst du haben?”

“Bruder, logisch. Zwei Wochen volle Action im Käfig!!”

Zuvor würde er gern wissen, wie teuer Australische Beutelmäuse sind, ich soll das bitte mal recherchieren im Internet, Bruder, wäre nett, echt, ungelogen, ich schwöre.

“Ein Terrarium haben wir noch frei.” Bens Augen leuchten vor Begeisterung. “In der Natur überleben die Männchen nicht, weil sie sonst den Weibchen die Nahrung streitig machen, und so viel Nahrung gibt der Busch nicht her.”

Bens Freundin steht plötzlich vor uns, keinen halben Meter entfernt. Sie guckt durch mich hindurch, den Mund halb geöffnet. Ich seh kleine weiße Zähnchen. Sie wirkt wie ein scheues Gespenst, das sich die Zähne putzt mit der Geisterzahnbürste.

“Schön, ich werd sehen, was ich tun kann”, verspreche ich Ben und schnippe eine ausgerauchte Zigarette ins Gebüsch. Taylor, der jedes Mal regelrecht krank wird, wenn Frau Moll läufig ist, (seine Zähne klappern, er schläft nicht, er ist richtig gestört), jagt kläffend der Kippe hinterher, als wär’s es ein Nikotinstöckchen.

“Der ist bekloppt, wa?” strahlt Ben.

Notoperation (499)

Die kompakte kleine Tierärztin blickte auf den Bildschirm.

“Sehen Sie hier, die Gebärmutter ist auf die Größe einer Faust angeschwollen. Wenn die aufplatzt, und das kann in diesem Stadium jederzeit passieren, haben wir den Schlamassel. Dann ist der ganze Bauchraum voll Eiter und Blut. Dann kann man nur noch beten.”

Sie fuhr die Sonde des Ultraschallgeräts über die rosa Bauchhaut des Hundes, die so dünn und zart wirkte, wie Mortadella in der Auslage beim Bio-Metzger. Es gibt nichts beruhigenderes als Bäuche, da kommen wir her. Das ist unsere Heimat. Aber auch nichts beunruhigenderes, wenn etwas nicht in Ordnung ist.

Die Tieräztin sah ihre erste Diagnose bestätigt.

“Pyometra. Ganz deutlich. Da hilft nur noch eins: Notoperation.”

“Sofort..!?”

“Nein. Jetzt ist es zu spät. Morgen früh.”

Ihre Worte standen noch in der Luft, als sie längst weiterredete. Als Balkenüberschriften standen sie da, finstere Wahrheiten in einem gemütlichen Dasein:

PYOMETRA – GEBÄRMUTTERENTZÜNDUNG – NOTOPERATION.

Ich sah zur Gräfin rüber. Sie war ganz blass.

“Und was, wenn wir früher gekommen wären?” hörte ich mich fragen. “Letzte Woche?”

Schon da war uns der Hund komisch vorgekommen. Einerseits die ungewöhnliche Appetitlosigkeit, andererseits dieses dauernde Saufen. Einmal stand Frau Moll wie ein irre gewordener Schaufelbagger im Bach und speiste ihren Hundekreislauf mit kühlendem Wasser, bis ich Aus! rief, weil ich dachte, gleich ertrinkt sie. Und dann das Blut, das aus ihrer Scheide tropfte. Da sie aber gerade die Hitze hinter sich hatte, die ihr stets so zusetzte, dass sie noch Tage später nachblutete, hatten wir es es nicht so ernst genommen.

Auch wenn es uns seltsam vorgekommen war.

Die Luft in der Tierpraxis war so schwer und stickig, ich atmete angestrengt durch den Mund, sonst hätte ich gekotzt. Ich fühlte mich wie in einem überheizten Zwinger. Schwere organische Luft.

“Na ja. Wären Sie früher gekommen, wäre der Hund eben früher operiert worden”, antwortete die Tierärztin lapidar und nach einem kurzen, kaum wahrnehmbarem Zögern. Ihr Dekoletté zeigte zwei große Weißbrote. Sie konnte es nicht besonders mit Männern. Wenn sie sprach, wandte sie sich grundsätzlich an die Gräfin, selbst wenn ich zuvor gefragt hatte. Das mochte ich nicht. Aber hier ging es nicht um mich.

“Wenn die Gebärmutter aufplatzt, das suppt richtig heraus. Dann ist sofort Feierabend”, sagte sie zur Gräfin. “Dann wird’s schwer, dem Hund noch zu helfen.”

Da sie selbst keine Operationen durchführte, stellte die Tieräztin zwei Alternativen zur Auswahl: Tierklinik Duisburg oder Tierklinik Neandertal.

“Neandertal ist etwas näher, aber auch doppelt so teuer. Ich empfehle grundsätzlich Duisburg. Und nicht nur, weil es weniger kostet. Die machen gute Arbeit da.”

Mir fiel Henry ein, ein Cocker Spaniel aus der Nachbarschaft. Henry wucherten Knoten am Hintern, ein kurioser Anblick, wie dicke Fleischwindeln. Zuletzt musste er sich einer stationären Prostata-Operation unterziehen. Die OP plus sechs Tage Klinikaufenthalt hatten 2000 Euro gekostet. Zweitausend Euro.

“Und die rücken den Hund erst raus, wenn man die Rechnung bezahlt”, hatte Henrys Herrchen gemeint. “Solange bleibt der in der Obhut der Klinik. Da sind die rigoros. Die machen Gefangene.”

Die Tierärztin beendete die Sonografie und rief in Duisburg an, machte einen Termin für den folgenden Tag, Samstag, 10 Uhr.

“Das wird schon gutgehen. Das sind Profis. Das ist Routine für die. Die machen das sechs Mal am Tag.”

Mag sein, dachte ich. Aber nur ein Mal an unserem Hund.

*

“Man kann so alt und weise werden, wie man will, gegen die Ungeheuerlichkeit, dass jemand sterben muss, den man liebt, kann man sich nicht wappnen”, stöhnte die Gräfin, als wir im Auto saßen. “Vermutlich muss man sterben, weil das Leben so schön ist. Wegen der Balance.”

“Na also, noch lebt der Hund”, sagte ich.

“Ja. Aber morgen könnte er tot sein. Oder heut Nacht.”

“Wir alle können morgen tot sein.”

“Wir werden aber nicht operiert.”

“Das weißt du doch nicht. Vielleicht platzt mir heut Nacht der Blinddarm und dann..”

“.. haben wir morgen zwei Not-OP’s.”

Der Hund saß auf dem Rücksitz, hechelnd. Er wußte, dass es nicht gut um ihn stand. Dass etwas nicht stimmte. Auf der Fahrt nach Hause die ersten Tränen. Nicht schon wieder eine Hündin von einem auf den nächsten Tag verlieren. Niete war damals in unserer Küche verreckt, an Nierenversagen. Eine traumatische Erfahrung. Bilder, die uns verfolgten. Wie die Gräfin verzweifelt Mund-zu-Mund-Beatmung versuchte, bei einer großen Hundeschnauze.

Wir stoppten am Geldautomat. Die Gräfin räumte ihr Konto leer, bis zum Anschlag. Was mein Bankkonto betraf, da brummte schon lange die rote Laterne. Hätte ich was abgehoben, wären sofort die Lotsen an Bord gesprungen, um alles wieder zurückzuführen, plus Extra-Gebühren. Lotsen, oder Piraten. Sie schloss ihr kleines Portmanee, das vor lauter Geldscheinen aufseufzte. Da ging er hin, unser Urlaub. Die paar Tage Zeeland, Ende August. Hatten sich erledigt. Aufgelöst in einer böse entzündeten Gebärmutter.

“Sag mal, was ist eigentlich, wenn so ne Operation ansteht und man ist absolut pleite und weit und breit niemand in Sicht, der einem aus der Patsche hilft?” fragte ich. “Wird der Hund dann in der Klinik eingeschläfert, wenn man die Kohle nicht auftreiben kann?”

Weil sie nur mit den Schultern zuckte, dachte ich das Angebrochene weiter: Würde einem der Leichnam irgendwann übergeben, auch wenn man nicht bezahlt hatte? Und was war mit den lieb gewonnenen Hundegeräuschen? Musste man die künftig in Eigenregie fabrizieren, wenn der Hund tot war? Sein Fiepen im Schlaf, wenn er alle viere von sich gestreckt mit den Pfoten ruderte und von Karnickeljagden auf des Messers Schneide träumte?

Selbst Frau Molls zorniges Bellen, sobald Nachbar Lester von der Arbeit kam und geschlaucht die Treppenstufen hochpolterte, hätte ich vermisst. Und was war mit der bedingungslosen Zuneigung und Treue eines Hundes, wer übernahm diesen Knochenjob? Treue ist ja nichts anderes als angelaufen zu kommen, sobald der Andere in der Scheisse sitzt, um ihm die Tränen aus dem Gesicht zu schlecken. Wer sollte das schon hinkriegen wie ein Hund.

Es hatte seine Zeit gebraucht, bis ich mich mit Hunden anfreunden konnte. Bevor die Gräfin mich in ein Leben mit Hunden einweihte, mochte ich keine Hunde. Ich hasste Hunde. Hunde hiessen für mich Hektor und hatten nichts besseres zu tun, als mich am Arsch zu kriegen. Ich mochte sie nicht mal anfassen. Sie waren bestenfalls Luft für mich. Stinkende scheissende beissende kläffende Luft.

Damals hatte ich keine Vorstellung davon, welch großartiger Wesenszug es ist, immerzu alles zu geben. Ein Hund ist niemals so lala. Ein Hund bringt einen stets dorthin, wo das Leben ist, wo man bellen, buddeln, rennen kann. Und lange schlafen, auch das. Wer seine Träume kennenlernen will, der muss auch mal richtig ausschlafen, hatte die Gräfin erkannt, und mit einem Hund am Bett schläft es sich länger. Man lernt seine Träume kennen.

*

“Der Hund riecht komisch”, meinte sie später am Abend und fühlte sich an ihre Kindheit erinnert, an den aasigen und leicht süßlichen Geruch von Kaninchenkadavern am Feldrand. “Irgendwie mag ich diesen Geruch sogar, aber nicht aus meinem Hund, nicht, wenn er noch lebt.. verdammt.”

In der Nacht wachte die Gräfin beim leisesten Geräusch auf, ich schlief erst gar nicht ein, nicht vor Morgengrauen. Frau Moll lag die ganze Nacht still und regungslos vorm Bett. Als sie sich einmal aufrappelte, in die Küche ging und nicht zurückkehrte, stand ich auf um nachzugucken. Sie hatte sich in ihrer Höhle unterm Küchentisch niedergelassen und blickte so schwach zu mir hoch, dass ich insgeheim schon den Knall hörte, die Implosion der Gebärmutter. Keine unbegründete Sorge, auch wenn die kompakte kleine lesbische Tierärztin uns noch zu beruhigen versucht hatte.

“Sehen Sie es doch so.. Wenn die Gebärmutter bis heute nicht geplatzt ist, warum sollte es dann ausgerechnet heute Nacht passieren?”

Eine merkwürdige Argumentation, aber nachvollziehbar.

“Das hätte auch von dir sein können”, so die Gräfin.

 *

Samstagmorgen.

“Meine Haare sehen aus, als hätte ich in der Kirche geschlafen, aber direkt unterm Altar”, meinte die Gräfin aufgekratzt. Ich war übermüdet, der Hund zu nichts zu bewegen. Er gab keinen Mucks von sich.

Beim Frühstück merkte ich, dass ich eine Zeitung in der Hand hielt. Eine, die schon seit Tagen auf dem Tisch herumflog. Ich las eine Meldung aus dem Lokalteil vor.

Aus einer Übung von Drogenspezialisten ist dank Diensthund Leon Ernst geworden. Eigentlich sollte Leon in einem Industriegebiet in Autos versteckte Drogen aufspüren, doch er folgte stattdessen einer anderen Witterung. Schnurstracks steuerte er einen 40 Meter entfernt liegenden Hof an und führte sein verdutztes Herrchen zu einem Gewächshaus voll mannshoher Cannabispflanzen. Ein Tatverdächtiger wurde ermittelt und in U-Haft genommen.

“Der Arme”, meinte die Gräfin. “Die scheiß Hunde machen alles kaputt.”

Sie drängte zum Aufbruch. Wollte nicht zu spät kommen. Zu spät kommen ist schlechtes Karma, sagte sie. Es war halb zehn, als wir in Duisburg, gleich hinterm Zoo, auf den Parkplatz der Tierklinik einbogen. Wir waren überpünktlich, die ersten im Wartesaal. Kein Gebell, kein Gemaunze. Stille. Totenstille. Nicht mal heimlich entnommenen Organe, die zu früher Stunde von undurchsichtigen bulgarischen Schwarzköpfen abtransportiert oder gebracht wurden.

Als die Rezeption Punkt zehn öffnete, redete die Gräfin auf zwei Mitarbeiterinnen ein, als wüssten die Beiden und die ganze restliche Welt schon Bescheid, was mit unserem Hund los war.

“Das hat sich entzündet, das ist groß wie eine Männerfaust, das wird eine Not-OP”, sprudelte sie drauflos, als bestünde sie nicht zu 2/3 aus Wasser, sondern zu 2/3 aus Sprudelwasser. Sie wollte wissen, wann Frau Moll drankommt, wie lange die Operation dauert, ob sie intubiert werden und über Nacht zur Beobachtung bleiben müsse.

“Sie heißen?” fragt eine der beiden Mitarbeiterinnen geduldig. “Nehmen Sie Platz. Es dauert noch etwas. Sie werden dann abgeholt.”

Schon in der Praxis der Tierärztin hatten wir Mühe gehabt, Frau Moll den Bauch zu rasieren, damit die Sonde des Ultraschallgeräts angesetzt werden konnte.

“Was soll das erst geben”, flüsterte die Gräfin im Warteraum, “wenn wir gleich nicht nicht dabei sind und die wollen Molly noch mehr rasieren?”

Eine misstrauische Mischlingshündin. Als Welpe mussten wir sie zum Pinkeln vor die Tür tragen, soviel Angst flößte ihr die Aussenwelt ein. Es hatte lange gedauert, ihr halbwegs klar zu machen, dass die Angst nicht ihr Chef ist, sondern ihr bester Mitarbeiter. Gib deiner Angst eine Aufgabe und sie wird Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um dir zu Gefallen zu sein. Aber erkläre das mal deinem Hund, deine Angst ist nicht Chef. Ich kapierte es ja selbst kaum.

Der junge Tierarzt, der uns im Wartesaal abholte, trug einen Fünftagebart und das schwarze Haar so strubbelig, als wäre es in einer Windböe eingefroren. Er gab ein merkwürdiges Bild ab, wie nicht von dieser Welt. Wie reingeplumpst ins Bild. Als hätte der liebe Gott sein Füllhorn ausgeschüttet und am Boden klebte noch etwas Satz von der letzten Ausschüttung, nun aber schleunigst raus damit.

Er war eine Mischung aus Balkan und Jung vom Duisburger Hafen. Ständig in Eile quasselte er drauflos, als hätte er Feststoffraketen und Feuerbohnen gefrühstückt. Zwischendurch klingelte das Handy, und während er zack zack auf dem PC-Bildschirm kontrollierte, was er kurz zuvor eingetippt hatte, Diagnose: Pyometra, nickte er kurz, “schulligung!”, und nahm das Gespräch an, das nicht warten konnte.

Die Gräfin versuchte ihm klar zu machen, dass es für fremde Hände schwierig, wenn nicht unmöglich war, Frau Moll anzufassen, aber der Doc meinte nur: “Was glauben Sie, was wir für böse Hunde hier schon gehabt haben, das ist unser täglich Brot. Und bisher sind wir noch mit jedem noch so störrischen Hund klar gekommen.”

Er schien Frau Molls makabere Psyche nicht ernst zu nehmen, doch die Gräfin liess sich nicht abwimmeln. Wollte wenigstens einen Blick in die Boxengasse werfen, wie sie die OP-Räumlichkeiten nannte, um zu sehen, wie gut die Hunde versorgt wurden, doch da hatte die Geduld des Veterinärs abrupt ein Ende. Er verwehrte uns strikt den Zutritt zu den angrenzenden Sälen.

“Das ist absolutes Tabu für Besucher.”

So bestimmt kam er damit rüber, dass ich sofort einlenkte, nee, ist klar, während die Gräfin entgeistert, fast empört aus der Wäsche guckte. Schließlich war sie gewohnt aus amerikanischen TV-Serien, die im Klinikalltag spielen, dass man überall hinkommt mit den Augen.

“Ihr Hund wird innerhalb der nächsten drei Stunden operiert”, wagte der Doc eine Prognose. “Außer der Gebärmutter werden auch die Eierstöcke entfernt. Alles muss raus.”

Weil wir ja doch nichts tun könnten, riet er uns, heim zu fahren.

“Und sollte etwas außergewöhnliches vorfallen, ich habe ja Ihre Nummer. Meine Linie ist ganz simpel: No news are good news”, nuschelte er.

“Hä?” verstand ich ihn nicht.

“No news are good news”, wiederholte er, fast schon genervt, eine ganze Sekunde eingebüßt zu haben in der Liga der Höchstgeschwindigkeit. Das ist nicht unsere Liga, schaute die Gräfin mich an, nee, aber seine, dachte ich zurück, und er hat das Skalpell in der Hand.

“Rufen Sie doch.. sagen wir, um 17 Uhr an. Das wissen wir mehr.”

Als er unseren Hund an der Leine abführte, gab ich Frau Moll einen kurzen Klaps, machs gut, das wird schon, während die Gräfin schon auf dem Flur wartete. Sie wollte keinen Abschied, ein Abschied hätte für immer bedeuten können, und für diesen Fall sollte sich erst gar kein letztes Bild einprägen.

*

Die Wucherung der Gebärmutter, so hatte es der Mann vom Balkan erklärt, geht zurück auf die Wölfe. Auch nicht trächtige Weibchen produzieren im Wolfsrudel Milch, um den Alpha-Weibchen bei der Aufzucht des Nachwuchses behilflich zu sein. Fatalerweise hat sich das bis heute im Haushund gehalten und äußert sich in Scheinschwangerschaften. Da die Milchproduktion jedoch nicht benötigt wird, kann es im schlimmsten Falle, bei starker Milchsekretion, zu einer Entzündung der Gebärmutter kommen.

“Das ist genau die Bescherung, die wir hier sehen.”

Rückfahrt über die dreispurige Autobahn. In Solingen angekommen, sahen wir Rauch aus dem hohen Schornstein der Müllverbrennungsanlage aufsteigen, ein langer rötlicher Schal, als habe die Mafia Blut und Müll angekarrt aus Süditalien, lauter tote Hunde und Katzen, um sie hier abzufackeln.

“Was denkst du gerade?” fragte die Gräfin, als sie mein fassungsloses Gesicht bemerkte.

“Nichts.”

Wir aßen ein wenig zu Mittag, die Gräfin legte sich eine Stunde aufs Ohr. Die Fenster standen weit auf. Ich kochte Kaffee. In der Ferne grummelte ein Gewitter. Vielleicht war es auch ein Flugplatzfest.

“Mein Herzschlag lauert so”, sagte die Gräfin unruhig und liess sich eine Badewanne einlaufen.

Wir konnten nicht mal mit dem Hund raus. Wir konnten nicht mal zu dritt eine kleine Runde drehen, um den Kopf klar zu kriegen.

“Ich funktioniere wie Treibholz”, sagte die Gräfin in der Wanne. “Ich stoße mal hier an, mal da.”

Um 5 vor 5, das Telefon. Die Gräfin hob ab.

“Ach, du bist’s..!”

Daisy, die wieder in der Nähe einzog. Zum vierten Mal. Oder fünften. Sie betrieb Umziehen als athletische Disziplin. Diesmal war es eine Wohnung unterm Dach, eine paar Häuser weiter den Berg hoch.

Viertelstunde später riefen wir in Duisburg an. Der Hund erwachte gerade aus der Narkose, die Operation war gut verlaufen.

“Er liegt auf einer schönen warmen Decke unter Rotlicht.”

Wir sollten am folgenden Vormittag anrufen, gegen elf. Und uns keine Sorgen machen, was über Nacht eventuell alles passieren könne, nach so einer Narkose. Draußen läuteten die Kirchturmglocken.

“Ich glaub, ihr seid mit Frau Moll zum richtigen Zeitpunkt zum Tierarzt gegangen”, meinte Daisy am Telefon hellsichtig.

In der Nacht ging ein gewaltiges Gewitter nieder. Es krachte und es blitzte und die Gräfin schreckte aus einem dünnen Traum hoch.

“Was ist.. los?! Werd ich fotografiert?”

*

Sonntag. Punkt elf waren wir am Telefon. Ja, Sie können den Hund abholen. Alles bestens. Als wir eine dreiviertel Stunde später in Duisburg an der Rezeption standen, meinte die Mitarbeiterin, Frau Moll habe die Nacht gut geschlafen, “noch beduselt von der Narkose, aber heut Morgen war sie bereits wieder sehr.. äh, rege. Sie wollte sich partout nicht Fieber messen lassen. Unser Doktor hat beinah einen Finger eingebüßt.”

“Na, wer lässt sich gern ein Thermometer in den Arsch schieben”, sagte ich, und die Gräfin meinte: “So kenne ich meinen Hund! Der ist jeden Cent wert!”

Eine Dame aus Krefeld mischte sich ein.

“Wenn mein Hund keinen Maulkorb trägt, dann kommt auch niemand an ihn heran. Das ist jedes Mal so, wenn er hier ist.”

“Wieso, sind Sie öfters hier?” fragte ich gut gelaunt. “Führen Sie hier ein Rabattheft?”

“Ich hab einen schwarzen Schäferhund, total überzüchtet. Der Kerl hat dauernd Magenprobleme. Aber man kann ihn ja deswegen nicht gleich erschießen.”

Sie blickte mich fragend an, so, als wollte sie andeuten, oder vielleicht doch? Ich hätte da einen Job für Sie. Ein kleines Kaliber reicht. Sie finden mich auf dem Parkplatz. Krefelder Kennzeichen. Ich blinke 3mal kurz auf. Ich zahle per Scheck.

Wir mussten uns gedulden, bis uns der Hund gebracht wurde. Wir bezahlten schon mal. Schoben die Scheinchen rüber, das ich dachte, das hört gar nicht mehr auf mit dem Rüberschieben. Mann, ich wusste gar nicht, dass soviel Scheinchen auf der Erde existieren. Die Gräfin war mit einer Dame im Gespräch, die einen regen kleinen Pudel im Arm hielt, der von einer Biene gestochen worden war.

“Oder von ner Pferdebremse, ich weiß nicht. Mitten auf die Nase. Hier, ist ganz geschwollen, wie ne dicke Knolle. Die sind ja so naiv, die Hundchen. Spielen mit Bienen und schlagen mit den Pfoten nach ihnen und hinterher sind sie sauer, wenn sie was auf die Nase kriegen.”

Dann war es soweit. Frau Moll. Da kam sie. Um zu verhindern, dass sie sich die Nähte aufbeisst, trug sie am Kopf einen großen Trichter, eine Braunüle, und an den Fußknöcheln, wo die Infusion gelegt worden war, einen blauen Kreppverband. Sie sah aus wie ein bandagiertes Zirkuspferdchen, das kopfüber in einen Lampenschirm gestürzt war.

Es war der pure Zorn in ihrem Blick, als sie uns entdeckte, ein Blick wie: WAS ERLAUBEN STRUUNZ!? Sie allein zu lassen über Nacht in den Händen von Schlächtern und Rauhbeinen vom Balkan.

Ich musste lachen. “Wie die aussieht.”

Auf dem Parkplatz beobachteten wir ein Kaninchen, das in aller Gemütsruhe über die Wiese spazierte, während Frau Moll nicht mal drei Schritte entfernt stehen blieb, müde, sprachlos.

“Die Klinikkaninchen sind lädierte Tölen gewöhnt”, vermutete ich, “die haben keinen Schiss vor operierten Tölen.”

Tja, Kinder, es gibt überall Gewinner. Hunde, die alles geben. Die einen immerzu dahin führen, wo das Leben richtig ist. Wo sich bellen, buddeln, rennen und pennen läßt, solange man bellen, buddeln, rennen und pennen kann. Dafür sind unsere Organe zuständig. Organe, die wir gleichgültig hinnehmen, solange sie nur reibungslos funktionieren und still ihrer Arbeit nachgehen. Dabei sind es Heilige. So sieht die Sache doch aus.

Organe, die reibungslos funktionieren und still ihrer Arbeit nachgehen, sie sind die wahren Heiligen.

Darauf einen Kalbsknochen.

*

(Frau Moll ist übrigens ein invasiver Charakter. Sie robbt sich so lange an dich heran, bis du ebenfalls Hund geworden bist, ohne es bemerkt zu haben.)

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(Ausserdem kann man mit vier Beinen doppelt so viel Schuhe anziehen wie unsereins. Aber das nur am Rande und zu allerletzt.)