Die Unordentliche

Nach einer schnellen Graslolle am Stromverteilerkasten verabschiedete sich Karlos in den Bus nach Haan und ich kehrte ins Mumms zurück und trank weiter. Bekifft am Tresen stehen hatte den Vorteil, dass das Bier besser lief. Das war gleichzeitig der Nachteil: man war ruckzuck besoffen. Und bekifft. Jetzt ging gar nichts mehr. Mir fielen die Augen zu, ich döste vor mich hin.

Erst als der Zapfer den Gong schlug und die Sperrstunde ausrief, “DEFINITIV LETZTE RUNDE!”, schreckte ich hoch und schüttelte mich wie ein nasser Hund. Dann alarmierte ich den Zapfer.

“Noch’n Kölsch, Hoffi.”

Doch der hatte mitgedacht und setzte bereits das letzte Bier vor mir auf dem Tresen ab.

“Darf ich auch gleich kassieren, der Herr?”

Es bereitete ihm einen Heidenspaß, so betont höflich und respektvoll aufzutreten, in Kombination mit seiner bodenlangen roten Kellnerschürze, die aus einem stattlichen Kerl eine hünenhafte Weinkönigin machte. Er addierte die Striche auf meinem Deckel.

“Sechsundzwanzig.. vierzig.”

Vom Tisch her grinste mich die Unordentliche an. Richtig frech grinste sie rüber, frech und herausfordernd. Ich kannte ihren Namen nicht, jeder nannte sie bloß die Unordentliche. Man hörte förmlich ihre Mutter im Hintergrund, nun sei doch mal ein ordentliches Mädchen - vergebens. Ständig war ihre Bluse verknöpft oder das Haar ein Hühnerhaufen, und eine Manteltasche, ursprünglich auf rechts gedreht, um sie von Krümeln und Wattebäuschen zu reinigen, blieb umgestülpt und hing den ganzen Winter wie ein Waschlappen aus ihrem Mantel.

Sie zählte nicht gerade zum Stammpublikum, tauchte an Wochenenden auf, spät meist, nach Mitternacht. Und schon stand sie neben mir. Ich war überrascht, fast überrumpelt. Wir kannten uns bloß vom Sehen, hatten noch nie ein Wort miteinander gewechselt – die gekünstelt wirkende, hart an der Grenze zur Hysterie agierende Unordentliche und ich, der Trinker, Kiffer, am-Tresen-Wackler.

“Hast du Lust, mit zu mir zu kommen?” gurrte sie.

Ich starrte sie an. Sie war nicht gerade eine Schönheit, aber sie war auch nicht hässlich. Sie hatte etwas grundtrauriges im Gesicht, wie eine Terpentinschnüfflerin, die sich ihrer Sucht noch nicht ergeben hatte, noch nicht ganz. Es war noch was zu machen. Ich sah die Blicke von Hoffi, dem Zapfer, sein dämliches Gegrinse.

“Behalte dein scheiß Wechselgeld”, sagte ich und er steckte die Münzen zurück in den Galoppwechsler.

Wie immer, wenn ich betrunken war, hatte ich keine Lust nach Hause zu gehen. Wenn die letzte Runde ausgerufen wurde, wollte ich weiterfeiern. Weiterwackeln zur Not. Das war Gesetz. Was irritierte: die Unordentliche. Ich hatte sie noch nie so offensiv erlebt. Dass sie mich überhaupt angesprochen hatte..

Erst im Taxi bekam ich mit, dass ich nicht der einzige war, den sie abschleppte. Der lange Picard stieg ebenso zu wie ein Arbeitskollege von ihm, ein namenloser Säufer, mit dem er den ganzen Abend am Tresen gestanden und sich den Kopf heiß geredet hatte. Picard war ein Quatschkopf vom alten Schlag. Wenn er nicht gerade in der Kneipe herumlungerte und von Industrierobotern und ihrer Wirkung auf den deutschen Arbeiter schwadronierte, saß er daheim auf der Couch und streichelte zärtlich auf seine acht Katzen ein. Was aber niemand wissen durfte.

Das Taxi brachte uns in eins der besseren Viertel am Stadtrand. Ein reines Villenviertel gab es nicht. Es gab vereinzelte Reiche-Leute-Spots mit seltenen Rosenstöcken im Vorgarten, logisch gab es das, doch spätestens hundert Meter weiter hatten die Stadtplaner 6stöckige Appartementhäuser hingesetzt, mit eingedrückter Klingelleiste und asozialem Geschrei und Boxereien in der Nacht. Das war in Ordnung. Es gab dieser Stadt so etwas wie Gerechtigkeit.

Rosenstock und Boxerei.

“Meine Eltern sind über alle.. hi hi.. Berge”, schnatterte die Unordentliche, “ins Tessin”, als wir das großzügige Einfamilienhaus betraten, “verreist.”

Ich schätzte sie auf Ende zwanzig, mit ihrem schiefen Gebiss, dem Hühnerhaufen-Haar, den Augen einer Eule. Und trotzdem war sie nicht hässlich. Sie war nur.. nicht ordentlich. Bestimmt hätte mein alter Kumpel Ringo Spaß an ihr gehabt. Ganz bestimmt sogar. Ringo stand auf Frauen mit einem gewissen Schlampenfaktor. Er mochte es, wenn das Strumpfband speckig war, wenn der Lippenstift krümelte vom vielen Schnattern, wenn das Gehirn verrutscht war von all den schrägen Bildern. Doch Ringo war nicht da. Ich war da. Das war der Unterschied. Da sein, oder nicht da sein, das ist hier Sache. Eigentlich war ich auch nicht da.

Die Unordentliche war ein seltenes Gewächs. Natürlich gab es auch andere Weiber, die sich betont unmodisch gaben, die sich das Make-up dick wie Straßenmalkreide auftrugen und schrille Second Hand-Klamotten kauften, um aus der Reihe zu fallen, doch die Unordentliche war anders, Unordentlichkeit war sozusagen ihre Natur. Sie konnte gar nicht anders. Dafür sorgte schon die Reihe schief stehender Vorderzähne, ein kubistisches Häusermeer, das sich gegenseitig stützte, damit einzelne Häuschen nicht umkippten und wild durch den Kiefer purzelten. Mit solchen Zähnen, wenn man sie nicht richten liess, war man automatisch raus aus der Ordnung.

*

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*

Wir ließen uns im Wohnzimmer nieder, das sie nur my living-room desaster nannte, mit wahnhaftem Gackern. Sie zauberte Weingläser auf den Tisch und füllte sie mit einem erlesenen französischen Tröpfchen, wie sie uns dreimal hintereinander versicherte, HI HI, dabei ihr beknacktes unordentliches Haar, das sie mittlerweile zum Dutt gebändigt hatte, in den Nacken werfend und ihr schiefes Pferdegebiss entblößend.

“Dieses Jahr Heiligabend”, überschlug sie sich vor Freude, “war ich glücklich WIE NOCH NIE im Leben..! Soo glück..lich! Hi hi..! Ich hatte das Gefühl, die ganze Welt wäre mit mir.. im Freudentaumel! Ja, im Freudentaumel.. Kinder! Die ganze Welt war ü-ber-glücklich!”

Ihre hysterisch hohe Stimme, ihr “Hach, Kinder, was bin ich gut drauf heute und wie bezaubernd ist die Welt wieder einmal!” (dabei war doch alles Scheiße und alle wussten Bescheid) zerrte an den Nerven. Sie erwähnte einen Freund aus fernen Kindertagen, den sie zwischen den Tagen zufällig wiedergetroffen hatte.

“Das war ein ganz Süüüßer, der Christian. Der hat doch glatt mal..”

Bla bla hatte der glatt mal. Der lange Picard und sein Kollege stierten ratlos in ihre leeren Weingläser. Nachdem sie gemerkt hatten, in welchem Höllenloch sie gelandet waren, hatten sie den edlen Tropfen auf ex runtergestürzt, in der Hoffnung, schnell dermaßen besoffen zu werden, dass sie irgendwer entdeckte und schnurstracks heimschickte.

Wir schauten uns an. Wir hatten einen schlimmen Fehler gemacht, wir hätten niemals in dieses Taxi steigen dürfen, dafür mussten wir jetzt blechen, dafür mussten wir bluten. Niemand wusste, wie er mit der Situation umgehen sollte. Die Unordentliche hatte offensichtlich einen viel größeren Knall als angenommen. Einen Jupiter-Urknall.

“… hi hi, hach der Chrisssstiaan.. neieinn..!”

Ich bediente mich aus der offenen Karaffe und kippte etwas von der darin enthaltenen Flüssigkeit, die ich für Campari hielt, zu meinem erlesenen Weißwein hinzu. Einfach so, aus Verzweiflung.

“Da mag aber jemand venezianisches Frühstück, wie?” lachte die Unordentliche – sie hörte gar nicht mehr auf zu lachen. Das, was ich für Campari gehalten hatte, entpuppte sich als Sirup.

Ich hatte die Nase voll.

“Ich hau mich aufs Ohr”, sagte ich. “Ich bin erledigt.”

Das war alles, was ich von dieser Nacht noch erwartete. In irgendeinem Bett schlafen, und dann so früh wie möglich weg hier.

“Bedien dich, Cherie”, flötete die Unordentliche, “im ganzen Desaster-House sind genug leere Betten. Suche dir einfach eins aus.. à la vôtre!”

Ich steuerte das nächstbeste Zimmer an und knallte mich aufs Bett. Die Tagesdecke war voll schräger Motive, die ich nicht kapierte: Geometrie, irgendwelche Zirkelgeschäfte. Ich zog Schuhe und Hose aus, deckte mich zu. Auf dem Nachttisch lag ein Welt-Atlas und eine Schachtel Pralinen. Ich riss das Zellophan von der Packung, stopfte mir ein Schokoböhnchen in den Mund, die Finger der anderen Hand im aufgeschlagenen Atlas. Ich tastete die Südspitze von Südamerika ab.

Feuerland.

Die Tür ging auf. Als die Unordentliche mich sah, musste sie lachen, doch schnell schlug ihre Stimmung um. Sie wurde aggressiv, ja richtig böse. Sie schrie mich an. Glaubst du, du bist hier bei Rockefellers?! Ich verstand nicht.

“Was ist denn mit dir los..?”

“Na, was würdest du sagen, wenn ich das Bett deiner Eltern so einsauen würde??”

Ihr Gesicht nahm gefährlich zickige Züge an, und sie warf ihr Roßhaar in den Nacken.

“Ich kann auch woanders hin”, entgegnete ich hochmütig. “Kein Problem. Bin schon weg.”

Ich schnappte meine Klamotten, die Schachtel Pralinen und den Diercke-Atlas, und verschwand eine Tür weiter, ins Gästezimmer. Die Art der Möblierung kam mir auf Anhieb bekannt vor: Interlübke. Meine Eltern hatten lange darauf gespart, bis sie sich solch ein Kompaktschlafzimmer leisten konnten. Als es endlich aufgebaut vor ihnen stand, Herbst 1969, soll Mutter vor Freude geweint haben. So die Familienchronik. Ja, hier war ich richtig. Ich warf den Atlas aufs Bett und mich gleich hinterher.

Irgendwann in der Nacht hörte ich das Schlagen von Autotüren und einen Dieselmotor. Ich sah aus dem Fenster und beobachtete, wie der lange Picard und sein Kollege in ein Großraum-Taxi stiegen und abdampften.

Früh am Morgen erwachte ich mit dem Schädel vor Feuerland. Genauer gesagt, mit der Nasenspitze vor Kap Hoorn. Ahoi, Käptn! Hi hi, Käptn! Ist wahr, Käptn? Das Bett war übersät mit Konfektpapier. Ich sichtete eine Schokoladenspur auf dem Spannlaken und versuchte sie zu entfernen, verwischte aber alles nur und machte es noch schlimmer. Jetzt sah es aus, als hätte ich in der Nacht meinen schmutzigen Hintern durchs Bett geschoben.

Scheiße. Ich blickte mich um. Was in der Nacht noch ein Interlübke-Kompaktschlafzimmer gewesen war, war jetzt ein Nähzimmer, bloß dass nirgends ein Nähmaschine stand. Neben dem Fenster gab es einen veralteten HiFi-Turm, flankiert von einem Hügel minderwertiger veralteter Eisenoxid-Kassetten.

Vonwegen Interlübke.

Der englische Kleiderschrank aus Mahagoni hatte einen prächtigen ovalen Spiegel. Ich stand nackt auf dem Bett, die Beine gespreizt wie ein Skispringer, der gerade gelandet war, und begann zu masturbieren. Das sah geil aus im großen Spiegel, der König und sein Genital. Was kümmerte den König anderer Leuts Genitalbereich! Alles nur billiges Geschmeiß, Fotzen, Kutscher-Pack! Es war der Restalkohol, der mein armes krankes Hirn befeuerte, und es war der Restalkohol, der mich einsehen liess, dass mir noch Schlaf fehlte.

Kaum hatte ich mich wieder hingelegt und die Augen geschlossen, hörte ich, wie die Tür einen Spalt weit geöffnet wurde. Jemand warf einen Blick ins Zimmer, dann schnappte die Tür wieder leise ins Schloss.

Der Digitalwecker zeigte exakt 12:02, als ich das zweite Mal wach wurde. Regen klimperte gegen die Fensterscheibe. Der Himmel – eine Kondolenzkarte. Ich setzte mich auf den Bettrand und suchte die Strümpfe. Mir war übel, die kleinste Bewegung verursachte ein Stechen im Schädel. Bevor ich in meine Hose kam, sank ich zurück ins Bett. Der König und sein Genital, dachte ich. Ich war platt von der tagelangen Sauferei. Plötzlich Schritte. Die Tür ging auf.

Die Unordentliche lugte ins Zimmer.

“Ich lasse mich krankschreiben”, hörte ich eine klägliche Stimme. “Aber erstmal lege ich mich noch aufs Ohr. Ich bin müde. Kaffee ist unten in der Küche, ein Brot kannst du dir auch schmieren, wie du magst. Fühl dich einfach wie zu Hause.”

Sie schloss die Zimmertür. Ihre überraschend warme Ansprache tat gut. Ich zog meine Sachen an, überzeugte mich, dass die Unordentliche eine andere Etage aufgesucht hatte als die, auf der ich mich befand, und ging ins Wohnzimmer, das mir kleiner und gedrungener vorkam als in der Nacht. Viel kleiner, viel gedrungener.

Living room Desaster.

Ich griff mir eine Camel ohne vom Tisch und ging scheißen. Ich strich durchs Haus, landete in der Küche. Die Kaffeemaschine war im Stand by-Betrieb, ich goss mir eine Tasse ein. Es schmeckte so abartig, dass ich die Brühe in den Ausguss spuckte. Ich steckte mir eine weitere Camel ohne an. Im Wohnzimmerschrank gab es eine offene Schrankbar, in der Scotch und Dujardin vor sich hin verrotteten, wie in einer Derrick-Folge.

Auf dem Sideboard fand ich zwei Postkarten mit Weihnachtsmotiven. Eine Karte war in der DDR abgestempelt, die andere in Braunschweig. Wieso lasst Ihr nichts mehr von Euch hören?

Lebt Ihr noch?

Über dem ganzen Haus lag Fäulnis, ein unsichtbares, engmaschiges Netz des Todes. Ich liess mich fröstelnd auf dem Vollschaumsofa nieder, neben zwei nagelneuen Porzellan-Puppen, lieblos in die Sofakissen gedrückt. Daneben, auf einem Teewagen, ein nagelneuer Porzellanpuppen-Bildband. Eine der abgebildeten Porzellanpuppen trug einen Beissring. Ich konnte die Augen nicht davon lassen. Beim Weiterblättern stieg mir der Geruch fabrikneuer Hochglanzpornos in die Nase.

Es war wie immer nach einem versoffenen Abend. Wenn ich aufwachte, war ich geil. Es war keine wirkliche Geilheit. Geilheit war ein wankelmütiger Diktator. An solchen Morgen war es eher wie Durst haben und ein Glas Wasser runterstürzen.

Einen Berg Plankton auskotzen.

Regenschauern klatschten gegen die Panoramafenster. Im Garten miaute eine fette graue Katze, sie wollte rein. Ich versuchte, die Verandatür zu öffnen, kam aber mit dem Mechanismus nicht zurecht. Die Tür knarrte und bäumte sich auf. Ich fluchte, die Katze fluchte, der Regen flutete den gräulichen tiefen Rasen. Endlich schnappte die Tür auf. Das Vieh musterte mich skeptisch, fluchte und drängelte sich ins Haus. Es schlich um mich herum.

Ich hockte mich nieder auf den flauschigen Teppich, der sämtliche Geräusche schluckte. Nur das laute Ticken einer Wanduhr war zu hören. Es war gespenstisch. Ein Haus, in dem nichts zu hören ist bis auf das Ticken einer Uhr, in solch einem Haus ist es, als greife der Tod nach einem, alle zehn Minuten.

War die Familie der Unordentlichen wirklich in Urlaub im Tessin, wie sie behauptet hatte? Oder lagen Vater und Mutter, den Schädel eingewichst, in der Mansarde, dem einzigen Ort des Hauses, zu dem definitiv kein Zutritt war, wie sie uns in der Nacht eingetrichtert hatte?

Ich holte meinen Schwanz raus und hielt ihn der fetten Katze hin, liess sie daran schnuppern. Ich spürte ihre Schnauzhaare. Sie trollte sich. Wahrscheinlich war das Vieh gar keine Katze, sondern ein Kater, und allmählich wurde ihm die Situation unangenehm. Er war der Familienkater. Und ich war ein einsamer Bauer in den Pyrenäen, der sich aufs Feld geschlichen hatte, um heimlich den dicken alten Familien-Esel zu bumsen. Verdammt.

Ich saufte zu viel. Ich soff. SIFF. Himmel! Ich kannte nicht einmal mehr die Vergangenheitsform von saufen, weil sich mein verfluchtes kleines Dasein ständig im Hier und Jetzt abspielte, auf dem kläglichen Transportband zwischen Vergangenheit und Zukunft, ohne jegliche Reflexion. Ständig stand ich neben mir und beobachtete, was der Kerl als nächstes tat. Das war alles. Ich war die pure unreflektierte Gegenwart. Mehr nicht.

Himmel, half!

Ich war am Ende, die Menschheit war am Ende. Irgendwann würde sie nach Afrika zurückkehren. Sie würde den aufrechten Gang verlernen und wieder oben in der Baumkrone leben. Nur wie wir die verfluchte Gefrierkombination und den Geschirrspüler da rauf kriegten, stand noch in den Sternen.

Die Katze kam zurück. Ich saß auf dem Teppich. Sie hatte Vertrauen zu mir gefunden und drückte sich an meine nackten Beine. Sie tat mir leid. Ihr Vertrauen tat mir leid. Ich musste sie enttäuschen. Es dauerte keine fünf Minuten, da hatte ich die Hose angezogen, die Schuhe geschnürt, das Haus verlassen. Ich bin doch nicht blöd. Fertig vielleicht, das schon.

Ich stand draußen im Eingang. Ein sanfter Regen ging nieder, ein Sound, als stünden hundert Engel vor einem weitläufigen Urinal. Sie liessen es rauschen. Ich versuchte mich zu orientieren. Wo war ich überhaupt. Jemand schneuzte sich. Ich sah hoch. Ein Fenster stand auf kipp. Hatschi. Die Unordentliche hatte sich eine Erkältung geholt.

Ich knöpfte den Mantel zu, und ging.

*

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As my mother lay dying

Plötzlich war Mutter tot. Diese rätselhafte stolze Frau, die es gern schlicht hatte und von der die Gräfin einst sagte, sie sei Igel und Hase zugleich: wehrhaft, und doch ständig auf der Flucht.

*

Je mehr sie an Gewicht verlor, desto schwerer wog ihre Seele. Zum Schluss wurde sie so still, sie beteiligte sich kaum noch an der Unterhaltung. Wo sie doch sonst so gern geschnattert hatte, das Kinn vorgestreckt wie ein Vögelchen den Schnabel: “Ja, du wirst verrückt!” sagte sie gern, wenn man ihr etwas anvertraute. Du wirst verrückt im Sinne von Ja, das gibts doch nicht!

Was gibt es schöneres, als sich etwas anzuvertrauen.

*

Dass sie es sehr genau genommen hätte, kann man nicht sagen, das verbot schon ihr halbitalienisches Blut, (als eine geborene Lesizza, aus dem Friaul ins Bergische Land ausgewandert), aber sie hatte ein waches, umherflitzendes Auge, das eine Menge Dinge wahrnahm. So bemerkte sie während eines Friedhofbesuchs, dass auf dem Grabstein eines Anverwandten ein Buchstabe fehlte, mitten im langen Nachnamen. Ein Lapsus, der weder dem Steinmetz noch nahen Angehörigen aufgefallen war, obwohl der Stein schon eine Weile gestanden hatte. Daraufhin musste die Schrift komplett erneuert werden. Das fand nicht jeder gut.

*

Es war ein Ritual geworden. Beim Verlassen des Krankenzimmers blieb ich stets in der Tür stehen, drehte mich kurz um und warf ihr einen Handkuss zu, eine Geste, die sie mit einem Lächeln erwiderte. Keine große Sache, doch es sind stets die kleinen Sachen zwischen zwei Menschen.

Fast zwei Jahre nach ihrem Tod liege ich nachts im Bett, gerade wach geworden, und boxe in die Matratze: Warum zum Teufel hab ich mich ausgerechnet an diesem letzten Tag im Krankenhaus NICHT zu ihr umgedreht!? Warum hab ich diese allerletzte Chance verschenkt? Was hat mich damals geritten? Ich dreh mich um, und schlafe weiter.

Tief, wie in Zement eingelegt.

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Die letzten Jahre schlief sie alleine im Ehebett im Interlübke-Einbau-Schlafzimmer, während Vater ins große Wohnzimmer auswich, weil er so laut schnarchte und sie nachts oft raus musste. Das Schlafzimmer in seinem ganz in weiss gehaltenen Mobiliar strahlte eine Nüchternheit aus, die mich manchmal sprachlos machte, wenn ich es betrat oder nur einen kurzen Blick hineinwarf.

Keine Frage. Mutter war zuletzt so geschwächt, wäre sie nicht während der Reha-Maßnahme im Krankenhaus an einem Herzinfarkt gestorben, dieses weisse Zimmer wäre ihre letzte ständige Residenz geworden, die sie nicht mehr verlassen hätte. Sie wäre eine unglückliche bettlägerige alte Interlübke-Hexe geworden, doch Gott hat dem vorgebaut. So gesehen.

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Eine Woche nach ihrem Tod trug ich abends 37 eingetütete Trauerbriefe zur Hauptpost, zur Nachtleerung, und jeder Brief bekam vorm Einwerfen ein Küsschen.

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Beim Begräbnis sprachen mir zum ersten Mal im Leben Menschen ihr Beileid und Mitgefühl aus, und komischerweise tat es gut.

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Auch wenn es nachlässt, noch immer gibt es Momente, wo mir jäh die Tränen hochkochen, ganz plötzlich und unerwartet, wo mir alles unendlich leid tut, wo ich immer noch damit hadere, wie das Leben ist, wie es ist, dass es nämlich dazu neigt, aufzuhören.

Dass der Tod ein vom Amtswegen durchgeschnittener Personalausweis ist, ungültig gemacht, entwertet wie ein Ticket, und auf dem Postweg an den Witwer versandt.

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Im Fernsehen verfolgte ich einen Nachtfilm. Eine Figur meinte: “Jeder hat doch eine Mutter!”

“Ich nicht!” zürnte ich dem Fernseher.

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Sie starb an einem Montag, und ich fragte mich, wie lange wohl ihr Schatten fortan auf jedem neuen Montag liegen wird. Nun, nach zwei Jahren, weiss ich es.

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Das letzte Mal, als es ihr noch gut ging, orderte sie beim Pfleger in Bethanien vier Tassen Kaffee, mit diesem lässigen Fingerschnippen, lässig wie ein Pokerspieler, der ein bravouröses Turnier spielt und sich nun großzügig zeigt.

Vier große Tassen Kaffee, vom indischen Pfleger lächelnd serviert, und ein letztes Mal saßen wir am Fenster und blickten hinaus in den Park, der Winter hielt Einzug, und du warst so sanft und warm und still, ich glaube, an dem Abend hast du Abschied genommen von uns und wir alle haben es verpasst, haben nicht richtig hingehört.

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Einer ihrer letzten Sätze, geflüstert in mein Ohr: “Pass auf, dass Papa keinen Blödsinn macht.”

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Die Nachricht vom Tod eines lieben Menschen zu erhalten, das ist, als würdest du bei voller Fahrt den Kopf aus dem Zugfenster stecken und gegen einen Mast knallen.

Es köpft dein Leben.

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Sie starb in der 351. Nacht des Jahres, der Raunacht.

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Abgesehen von diesem schlichten Testament (“ich vererbe hiermit alles an meinen Ehemann”) und der Absprache, nach der sich sowohl Mutter als auch Vater Ave Maria bei der Trauerfeier wünschen, haben meine Eltern wenig über den Tod gesprochen.

(“Was ist intimer als die Sprache unter Eheleuten”, sagt die Gräfin dazu.)

Und: “Deine Eltern sind sehr kindlich geblieben bis ins hohe Alter.”

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Das allerletzte Mal, dass wir sie sahen, zwei Tage vor ihrem Tod, war Heiligabend. Wir besuchten sie in der Klinik. Sie scherzte, dass sie ja schon deswegen gesund werden müsse, um endlich bei Aktion Mensch abzusahnen, wo sie ein Dauerlos hatte.

“Eine Million”, wünschte sie sich.

“Und dann?” fragte ich, “was machst du mit der Million?”, obwohl ich genau wusste, was kommen würde, aber ich wollte es hören.

“Dann nehm ich euch alle mit.”

“Wohin?”

Sie zwinkerte.

“Weg hier.”

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11:49 wurde als Todeszeitpunkt auf der Sterbeurkunde angegeben, die man Mutter auf dem Totenbett aufs Laken gelegt hatte, in Höhe der Fußknöchel – eine Uhrzeit, die nicht den Tatsachen entsprechen konnte, da mich bereits Punkt 11:30 der Anruf einer Intensivschwester erreichte, ich möchte bitte umgehend zurückrufen.

Das Zimmer des Abschieds auf der Intensivstation. Sie lag mit dem Kopf zum Fenster, in der Schneise, in der das dämmrige Licht einfiel an diesem Dezemberabend, und ich bewunderte diesen prächtigen, beinah dem Hinduismus huldigenden Leberfleck auf ihrer Stirn, der immer prächtiger geworden war, je mehr sie abmagerte.

Ihr blasses wächsernes Antlitz, die spitze Nase, wie Toblerone.

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Man sagt, dass man erst dann erwachsen wird, wenn beide Eltern tot sind. Nun ist Mutter am 27. Dezember (Dritten Weihnachten!) zwei Jahre unter der Erde, sie verfault, wo der Wurm seine Werkbank hat, doch Vater bietet dem Wurm Paroli, er ist noch da, sein altes Herz schlägt, und solange es schlägt, bleibe ich ein halbes Balg.

Schlag weiter, altes Vaterherz – schlag!

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Auch wenn sie für Aussenstehende eine richtige Oma geworden war, klein und hutzelig, der Hals eine faltige Manschette, sie war noch in der Welt. Auch wenn sie Stück für Stück aus diesem Leben verschwand und zum Schluss kaum mehr fünfzig Kilogramm wog, (die zehn Kilo, die sie vorübergehend im Krankenhaus zugelegt hatte, waren im Gewebe angesammeltes Wasser, weil das Herz nicht mehr richtig pumpte), sie war noch in der Welt. Auch wenn ihre Stimme oft schwach war und ins Schlingern geriet, sie war noch in der Welt und wir hörten ihr Wort, ein leises Ende, bevor sie ein letztes Mal den Telefonhörer auflegte.

Montag, 27. Dezember.

Gegen halb elf komme ich mit dem Bus aus Gräfrath und kaufe beim Bäcker Semmel und Brötchen zum Einfrieren, wie jeden Montag. Weiter zum Supermarkt auf der Wupperstrasse, für ein paar Kleinigkeiten.

Als ich den Kannenhof runtergehe, bepackt mit zwei Tragetaschen, ist es kurz vor elf, und meine Mutter kämpft zehn Kilometer entfernt mit dem Tod. In der Lukas-Klinik, wo sie wegen eines komplizierten Beinbruchs zur Reha liegt, erleidet sie kurz hintereinander zwei Herzinfarkte, den ersten während der Arzt-Visite. Im Bett liegend läuft sie blau an, sie stöhnt und röchelt schwer, verliert das Bewusstsein. Da Arzt und Schwestern im Zimmer sind, wird sie sofort reanimiert, schneller ist Erste Hilfe nicht möglich. Sie wird auf die Intensivstation gebracht, wo sie bald darauf, so die Ärztin fassungslos, von einem weiteren “Rieseninfarkt” ereilt wird.

“Sie ist uns unter den Händen weggestorben..”

Zur gleichen Zeit gehe ich den steilen Kannenhof runter, der noch nicht von Schnee und Eis geräumt ist, und da steht dieser PkW halb auf dem Gehweg. Überall ist es eng, wegen der vielen Schneehaufen, freie Parkflächen sind rar. Die Beifahrertür des Wagens steht offen und ragt weit auf den Bürgersteig, stört, ohne dass der Mann im Wagen etwas davon bemerken würde, er ist am Handschuhfach beschäftigt.

Ich schlängele mich seitlich an der Autotür vorbei, bleibe dabei mit dem Innenfutter meiner offenen Jacke hängen. Ich bin noch erhitzt vom Einkaufen und hab den Reißverschluss aufgemacht. Für einen winzigen Moment steht meine Jacke nun weit offen, wie ein einzelner Flügelschlag. Es ist, als präsentierte ich der verschneiten Welt mein Herz, groß und verwundbar, für diesen winzigen einen Moment.

Im Weitergehen, nachdem ich die Jacke von der Autotüre befreit habe, denk ich noch so für mich, “Himmel, was war das denn jetzt..? Das ist ja noch nie passiert”, und lächle dem Fahrer blöde zu, der seinen Fauxpas mit der Wagentür mittlerweile bemerkt hat und mir entschuldigend zunickt.

In diesem Moment ist Mutter gegangen.