Mit ‘intuition’ getaggte Beiträge

Wahlmöglichkeit

12. November 2012

Mit jeder Minute, die wir auf den Rettungswagen warteten, schnürte sich der Brustkorb mehr zu. Wurde Eisenkorsett. Man hatte mich ins Hinterzimmer gebracht, halb Lager, halb große Garderobe, in dem ein Sofa stand. Können wir etwas für Sie tun, können wir Ihnen etwas bringen? erkundigte sich eine der beiden Damen leise. Ein Glas Wasser? flüsterte ich und versuchte mich lang zu machen, zu entspannen, aber wie soll man sich entspannen, wenn einem das Herz durch die Brust knallt.

Der Hund hockte vor mir auf dem Boden und beobachtete mich, er wusste nicht, was los ist. Auch die Mitglieder der Gemeinde, zwei Frauen und ein Mann, um die sechzig alle, evangelisch, adrett, waren ratlos. Da wankt an einem Vormittag im Mai im Souterrain der Stadtkirche ein Mann mit Hund auf sie zu, weil ausnahmweise die Hintertüre offen steht. Der Mann ist fahl, der Schweiss pläddert an ihm herunter, als käme er direkt aus der Sauna.

“Ich glaube, ich hab einen Herzinfarkt..”, spricht er sie an, mit kläglicher dünner Stimme, “können Sie den Notarzt rufen?”

Dann warteten wir. Ich auf dem Sofa, halb hingeschlagen und dem Tod so nah, ich konnte schon rüberspucken, der Hund auf dem Fußboden, die drei Gemeindemenschen halb im Zimmer und halb auf dem Flur, um die Ambulanz nicht zu verpassen. Ich wurde mit jeder Minute schwächer, es war, als rutschte ich Stück für Stück aus dem Bild. Und doch war da eine warme Hand, die sich unter meinen Körper schob, mich sachte aufschaufelte.

Als ich die Kirche Minuten zuvor über den Hintereingang betreten hatte, liess ich mich zunächst auf einer langen, im Dunkel liegenden Holzbank nieder. Niemand war zu sehen. Stille. Ich hätte mich in der Fußgängerzone an jeden x-beliebigen Passanten mit Handy wenden können, damit er den Rettungswagen ruft, doch ich war ein Sterbender, der Schutz suchte. Ich lieferte mich in der Stadtkirche ein, über den offenstehenden Hintereingang. Es war reine Intuition. Weil ich mir nicht sicher war. Ob ich wirklich Rettung wollte, ob ich weiterleben wollte. Im Mahlstrom meines nachlassenden Bewusstseins dachte ich: Du kannst dich auch sterben lassen.

Du kannst dich sterben lassen.

Das war kein Suizidmoment, wo man selbst noch aktiv werden muss. Wo man eine Pistole ansetzen oder Medikamente fressen oder von der Brücke springen muss, nein, war nicht nötig. Ich hätte nichts weiter tun müssen, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ihren Lauf, den sie nehmen würden, gäbe es keine modernen Zeiten mit Notruf, Herzkatheter, pulsierendem Ultraschall.

In den Katakomben der Stadtkirche roch es nach Politur und Filterkaffee. Ich kauerte vor der Holzbank, neben mir der Hund. Du hast die Wahl, dachte ich, und mein Herz schmerzte. Drückte. Die Holme knackten. Musst bloß ein wenig warten, bis das ruinierte Herz alle Aus- und Zugänge geschlossen hat. Ein bißchen noch. Die wärmende Hand unter mir schaufelte mich hoch. Ich flog ein bißchen.

Dann erhob ich mich und wankte mit dem Hund an der Seite den langen Flur entlang, Richtung Sozialräume. Wo drei Menschen mich empfingen und die 112 wählten. Wo ich auf dem Sofa ruhte, den Hund leise junkern hörte und ihn streichelte, er saß jetzt genau zu meinen Füßen.

Wenn gleich die Rettungskräfte kommen, dachte ich, gibts ein Problem. Der Hund wird sie nicht an mich ranlassen.

Na schön, die Sanitäter kamen an mich ran und retteten mich und brachten mich ins Krankenhaus und der Fahrer fluchte, weil die Einkaufszone zugeparkt war. Der Hund landete für ein paar Stunden im Tierheim, bis die Gräfin ihn auslöste, und ich hatte für einen Moment die Wahl gehabt zwischen Leben und Tod, einen winzigen Moment nur, aber immerhin, ich meine, ich hätte auch alles sausen lassen können.

Sehr beruhigend, das.


Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 805 Followern an