Zweimal hatte ich den Termin platzen lassen

Zweimal hatte ich den Termin platzen lassen. Einmal wegen Erkältung, was nicht gelogen war, das andere Mal ebenfalls wegen Erkältung, das war gelogen. Das dritte Mal rief ich auf den letzten Drücker in der Praxis an und sagte, ich hätte verschlafen, das war auch nicht gelogen. Bis auf dass es mir leid täte – das war gelogen. Und als die Arzthelferin erregt prustete, ich hätte aber Dusel, fünf Minuten zuvor sei ein Termin gecancelt worden, ich könne mir ruhig Zeit lassen und später reinkommen, da stammelte ich nur was von”später hab ich was wich..tiges vor”, das war gelogen.

Ich hatte gar nichts wichtiges vor.

Im Gegenteil. Als ich um neun wach geworden war und feststellen musste, dass ich den Termin verschlafen hatte, war ich erstmal heilfroh, dass ich nicht lügen musste, dass ich keine Ausrede brauchte. Dass ich einfach die Wahrheit sagen konnte: verschlafen. Nix gehört.

Ich hatte mächtig Respekt vorm Zahnarzt. Ich hatte einen Riesenhaufen in der Hose, wenn ich einen Termin beim Zahnarzt hatte. Als Dentalphobiker brauchte ich das Surren eines Bohrers nur zu hören, wenn ich gerade die Praxis betreten wollte, schon formulierte ich im Geiste die Selbsteinweisung ins Irrenhaus und ging stiften.

Eines Tages, so hoffte ich, würde es möglich sein, sämtliche Seh,- Hör- und sonstige Sinnesnerven abzuklemmen für die Dauer einer Sitzung, und dann wäre ich vorne, dann säße ich in vorderster Front bei jedem niedergelassenen Zahnarzt: einmal schöne Hauer machen, Frau Doktor.

Bis es soweit war, blieb ich bei meinem Schwindel, dass ich später etwas wichtiges vor hätte, das keinen Aufschub duldete, und so wurde der Termin der Hinrichtung exakt um eine Woche verschoben – auf den folgenden Dienstag, acht Uhr.

“Wenn sie dann wieder nicht erscheinen, kann ich Ihnen keinen Termin mehr anbieten, Herr Glumm. Dann müssen Sie auf gut Glück reinkommen und eventuell lange Wartezeiten in Kauf nehmen.”

*

Am Abend vor der Hinrichtung lag ich platt vorm Fernseher und schaute Simpsons und Schrecklich nette Familie. Kabelsender wiederholten die Folgen ohne Ende. Eigentlich kam es nur darauf an, ob man sich noch ein neuntes Mal amüsieren konnte über Dumpfbacke Kelly, wenn sie “Dieses Stück Fleisch ist nicht geschaffen für geregelte Arbeit!” röhrte, auf dem Absatz kehrt machte und mit aller Wucht gegen die Wand rummste.

Ich lachte aus vollem Hals.

Ich liebte die Al Bundy-Randale der frühen Neunziger. Einmal, während einer Nachtschicht im Turm-Hotel, hatte ich an der Telefonanlage gesessen und aus Langeweile die Vorwahl der USA plus die von Chicago plus eine Reihe zufälliger Ziffern gewählt, bis eine transatlantische Verbindung zustande kam. Das Freizeichen klang so dumpf und so fern, wie ich es aus alten Hollywoodstreifen und Columbo-Folgen kannte: als läge ein dickes Sofakissen auf dem Klingelton.

Endlich wurde das Gespräch angenommen, im windigen fernen Illinois.

“Yeah?” erkundigte sich eine müde männliche Stimme.

In Chicago war Abendbrotzeit, TV-Dinner. Ich hatte eine x-beliebige Nummer gewählt in der alten Gangsterstadt. Ich räusperte mich.

“Can I talk to..”

Moment. Ich begann noch mal.

“May I speak with Al Bundy?”

“Al…. Buundy?”

Ich spürte, wie der Mann kurz stutzte, und dann die Augen verdrehte. Er fügte ein mattes “ha-ha” hinzu und legte auf. Sehr routiniert, sehr amerikanisch.

*

Dienstagmorgen, halb acht.

Vom Bahnhof Ohligs aus schlenderte ich mit einer Lässigkeit in Richtung Lukas-Klinik, die mich selbst verblüffte, jetzt, wo es soweit war. Nicht mal Zahnschmerzen hatte ich noch, wo es drauf ankam. Das sollte mal einer begreifen. Das Leben, ein endloser Fopper, ein Stinkefinger nach dem Händewaschen.

Im Wartezimmer des Hinrichters überflog ich die übliche Einverständniserklärung. Demnach durfte man mit mir machen, was man wollte, ergänzt um eine handschriftlich fixierte Eintragung:

EXTRAKTION Z. 14
EVTL. KOMPLIKATIONEN:

  1.  NACHBLUTUNG
  2.  KIEFERHÖHLEN-ÖFFNUNG

Komplikationen..? Das wussten die vorher schon?!  Was für ein abgekartetes Spiel ging hier vor? Ich sollte vielleicht lieber nach Hause fahren und ordentlich ausschlafen, dachte ich. Aber wie so oft, wenn ich die Flucht ins Auge fasste, war die Eisenbahn schon abgefahren.

Das Schicksal duldet keine Verzögerung.

“Herr Glumm?”

“ja..?”

“Kommen Sie bitte mit.”

Z. 14  war ein ruinierter Backenzahn, dessen Wurzel tief ins Fleisch reichte, wie ein Widerhaken. Sozusagen die Art Monster von Widerhaken, die so tief im Zahnfleisch haust, dass man sie im normalen Leben nicht zu Gesicht bekommt – der Schwarze Raucher des Zahngewerbes sozusagen. Aber was heißt das schon, im normalen Leben. Ein Zahnarztbesuch hat mit normalen Leben so viel zu tun wie der Weihbischof mit Damenbinden.

Behandlungsstuhl, Saal 2.

“Ruhig bleiben, Johannes..”, redete die Stuhlassistentin ihrem Chef gut zu – die beiden duzten sich – doch der Doc wurde zunehmend nervöser. Was wiederum mich nervös machte.

Wieso duzten sich die beiden? Hatten die was miteinander?

Was wusste die Krankenkasse davon?

“Herr äh..”, setzte der Dentist die Zange an, “Glumm, ich versuche zunächst mal den Zahn ganz konventionell zu ziehen.”

Na schön, das hatte er bereits zweimal gesagt. Er unternahm insgesamt ein halbes Dutzend konventioneller Versuche, doch Z.14 knackte nur und brach stückweise ab wie harter Zwieback, aber die Wurzel kriegte er nicht zu fassen. Sie widersetzte sich ihm, was mir gar nicht recht war. Ich hätte es besser gefunden, wenn die beiden schnell miteinander warm geworden wären, und sich ebenso schnell wieder getrennt hätten.

“Johannes..”, wisperte die Arzthelferin in mein Ohr, obwohl sie ihren Chef meinte, nicht mich, “die Nerven behalten..”, doch Johannes verlor die Contenance. Er ackerte und schnoberte wie ein Brauereipferd, während ich in seiner Mache war. Er bot keinen schönen Anblick, aus meiner halb liegenden Position. Und da waren auch keine schönen Geräusche zu hören, das schlürfte und zischte und strudelte in meinem Mund, ich war böse am absaufen.

Ich sah zur Zahnarzthelferin rüber. Ihr gestärkter weißer Kittel wies Blutspritzer auf, richtig dicke Flatschen, Irrenanstaltsmuster.

Mir wurde schlecht.

“Einmal absaugen, bitte!” ging der Doktor die Stuhl-Assistenz rüde an, sie folgte gehorsam.

“Johannes, du machst das schon.”

Was blieb uns anderes übrig. Mit einem herzhaften Schnitt öffnete er die Kieferhöhle. Wir waren angekommen. Bei der Komplikation. Der Extraktion. Das Blut schoss bis zur Decke, traf den Sterilisator.

Für den Rest der Woche schrieb der Doktor mich krank.

*

Ich lag flach im Bett, tiefgekühlte Kompressen auf der Backe. Jegliche Nahrungsaufnahme war ein Greuel, der Schädel brummte wie ein Bienenstock. Die Gräfin kochte mir Reisbrei mit Zimt, während es für sie und den Hund knusprige Hähnchenschenkel mit Paprikaschoten gab. Die Dinge liefen zunehmend aus dem Ruder. Das schlimmste aber: der Schmerz ließ kaum nach.

“Die Scheiße eitert”, sagte ich Samstagmorgen zu meinem Bruder, der rübergekommen war, um nach mir zu sehen, im Auftrag der Familie.

Er brachte mich in die Lukas-Klinik.

Der junge diensthabende Oberarzt reichte mir zur Begrüßung sein luschiges Händchen. Ohne mir groß in den Mund zu gucken, drückte er mir fürs Wochenende einige lose Schmerztabletten in die Hand, und das auch nur widerwillig.

“Damit müssen Sie zurechtkommen, mehr gibt es nicht”, sagte er großspurig.

Was war das denn? Was glaubte der denn?! Dass ich ein Junkie war und Samstagmorgens im Notdienst auftauchte, nur um ein paar beschissene Dolomo abzugreifen?!!

Hm. Nun ja. Also..

In der Apotheke besorgte ich mir zusätzlich eine Monatspackung Ibuprofen und am Bahnhof (“warte mal fünf Minuten, Bruderherz”) ein wenig Morphin.

Sonntagnacht ging die Schwellung endlich zurück, doch der Schmerz blieb. Alle zwei Stunden warf ich Pillen ein, und obwohl ich in meinem ganzen Leben noch nie so viel Pillen eingeschmissen hatte ohne breit zu werden, es nutzte nichts.

Mittwoch hielt ich es nicht mehr aus und besuchte auf gut Glück meine alte reguläre Zahnärztin, Frau Doktor Bonn-Hager. Frau Doktor Bonn-Hager, eine resolute Person, war nicht mehr gut auf mich zu sprechen, seit ich unregelmäßig zu Behandlungsterminen gekommen war. Das konnte sie nicht leiden, das konnte sie ganz und gar nicht leiden.

Originalton Frau Doktor, als sie mir diesmal ins Maul schaute: “Das sieht scheiße aus, Meister. Massive Störung der Wundheilung.”

Sie legte eine Drainage mit anästhesierender Wirkung, und wo sie schon mal dabei war, zog sie gleich die Fäden, mit denen in der Klinik die Kieferhöhle genäht worden war.

Keine Stunde später war ich das erste Mal nach einer Woche schmerzfrei.

*

Abends fuhren die Gräfin und ich mit Karlos und Sandy nach Köln. Jonathan Richman gab ein Kozert. Obwohl nirgends plakatiert oder sonstwie angekündigt, war das Konzert im Tingel-Tangel, einem dunkelroten Plüsch-Klub in der Südstadt, innerhalb Stunden ausverkauft.

Ich hatte alle Platten von Jonathan Richman, und sobald etwas Neues auf dem Markt war, besorgte ich es mir. Er hatte mit den Modern Lovers in den Siebzigern den Instrumental-Hit Egyptian Reggae gelandet, der ihm bis in alle Ewigkeit Tantiemen verschaffte, seither war er solo unterwegs.

Live auf der Bühne, nur mit seiner großen Gitarre bekleidet, erinnerte er an einen Schiffsarzt, der auf einer langen Kreuzfahrt die Zigarren rausholte und aus seinem Leben erzählte, und alle Patienten gesundeten auf der Stelle.

Ein klasse Abend. Wie die Rock’n-Roll-Hooligans standen wir direkt an der Bühne, mit Kölsch bewaffnet, und sangen die Hits mit: “I was dancing in a lesbian bar”, “Make a mistake for me today”, “Now is better than before”.

Ein Großteil des Publikums schien allerdings auf einem anderen Konzert zu sein. Einem Konzert, bei dem Mitsingen verboten war und das Tanzen untersagt. Überhaupt jegliche Bewegung.

“Das sind Scientologen”, schätzte Karlos, “so eingefleischt und sittsam, wie die vor ihrem Wässerchen hocken.”

Scheiß drauf, es war ein großartiges Solo-Konzert, und auch die ersten paar Bier und Purpfeifen nach über einer Woche taten gut. Später hockten wir in der Südstadt auf dem Bürgersteig und teilten uns zwei monströse Grill-Hähnchen, von denen das Fett nur so auf den Asphalt tropfte.

Das Leben kam wieder in Schwung, mit einem Zahn weniger.

As my mother lay dying

Plötzlich war Mutter tot. Diese rätselhafte stolze Frau, die es gern schlicht hatte und von der die Gräfin einst sagte, sie sei Igel und Hase zugleich: wehrhaft, und doch ständig auf der Flucht.

*

Je mehr sie an Gewicht verlor, desto schwerer wog ihre Seele. Zum Schluss wurde sie so still, sie beteiligte sich kaum noch an der Unterhaltung. Wo sie doch sonst so gern geschnattert hatte, das Kinn vorgestreckt wie ein Vögelchen den Schnabel: “Ja, du wirst verrückt!” sagte sie gern, wenn man ihr etwas anvertraute. Du wirst verrückt im Sinne von Ja, das gibts doch nicht!

Was gibt es schöneres, als sich etwas anzuvertrauen.

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Dass sie es sehr genau genommen hätte, kann man nicht sagen, das verbot schon ihr halbitalienisches Blut, (als eine geborene Lesizza, aus dem Friaul ins Bergische Land ausgewandert), aber sie hatte ein waches, umherflitzendes Auge, das eine Menge Dinge wahrnahm. So bemerkte sie während eines Friedhofbesuchs, dass auf dem Grabstein eines Anverwandten ein Buchstabe fehlte, mitten im langen Nachnamen. Ein Lapsus, der weder dem Steinmetz noch nahen Angehörigen aufgefallen war, obwohl der Stein schon eine Weile gestanden hatte. Daraufhin musste die Schrift komplett erneuert werden. Das fand nicht jeder gut.

*

Es war ein Ritual geworden. Beim Verlassen des Krankenzimmers blieb ich stets in der Tür stehen, drehte mich kurz um und warf ihr einen Handkuss zu, eine Geste, die sie mit einem Lächeln erwiderte. Keine große Sache, doch es sind stets die kleinen Sachen zwischen zwei Menschen.

Fast zwei Jahre nach ihrem Tod liege ich nachts im Bett, gerade wach geworden, und boxe in die Matratze: Warum zum Teufel hab ich mich ausgerechnet an diesem letzten Tag im Krankenhaus NICHT zu ihr umgedreht!? Warum hab ich diese allerletzte Chance verschenkt? Was hat mich damals geritten? Ich dreh mich um, und schlafe weiter.

Tief, wie in Zement eingelegt.

*

Die letzten Jahre schlief sie alleine im Ehebett im Interlübke-Einbau-Schlafzimmer, während Vater ins große Wohnzimmer auswich, weil er so laut schnarchte und sie nachts oft raus musste. Das Schlafzimmer in seinem ganz in weiss gehaltenen Mobiliar strahlte eine Nüchternheit aus, die mich manchmal sprachlos machte, wenn ich es betrat oder nur einen kurzen Blick hineinwarf.

Keine Frage. Mutter war zuletzt so geschwächt, wäre sie nicht während der Reha-Maßnahme im Krankenhaus an einem Herzinfarkt gestorben, dieses weisse Zimmer wäre ihre letzte ständige Residenz geworden, die sie nicht mehr verlassen hätte. Sie wäre eine unglückliche bettlägerige alte Interlübke-Hexe geworden, doch Gott hat dem vorgebaut. So gesehen.

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Eine Woche nach ihrem Tod trug ich abends 37 eingetütete Trauerbriefe zur Hauptpost, zur Nachtleerung, und jeder Brief bekam vorm Einwerfen ein Küsschen.

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Beim Begräbnis sprachen mir zum ersten Mal im Leben Menschen ihr Beileid und Mitgefühl aus, und komischerweise tat es gut.

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Auch wenn es nachlässt, noch immer gibt es Momente, wo mir jäh die Tränen hochkochen, ganz plötzlich und unerwartet, wo mir alles unendlich leid tut, wo ich immer noch damit hadere, wie das Leben ist, wie es ist, dass es nämlich dazu neigt, aufzuhören.

Dass der Tod ein vom Amtswegen durchgeschnittener Personalausweis ist, ungültig gemacht, entwertet wie ein Ticket, und auf dem Postweg an den Witwer versandt.

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Im Fernsehen verfolgte ich einen Nachtfilm. Eine Figur meinte: “Jeder hat doch eine Mutter!”

“Ich nicht!” zürnte ich dem Fernseher.

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Sie starb an einem Montag, und ich fragte mich, wie lange wohl ihr Schatten fortan auf jedem neuen Montag liegen wird. Nun, nach zwei Jahren, weiss ich es.

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Das letzte Mal, als es ihr noch gut ging, orderte sie beim Pfleger in Bethanien vier Tassen Kaffee, mit diesem lässigen Fingerschnippen, lässig wie ein Pokerspieler, der ein bravouröses Turnier spielt und sich nun großzügig zeigt.

Vier große Tassen Kaffee, vom indischen Pfleger lächelnd serviert, und ein letztes Mal saßen wir am Fenster und blickten hinaus in den Park, der Winter hielt Einzug, und du warst so sanft und warm und still, ich glaube, an dem Abend hast du Abschied genommen von uns und wir alle haben es verpasst, haben nicht richtig hingehört.

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Einer ihrer letzten Sätze, geflüstert in mein Ohr: “Pass auf, dass Papa keinen Blödsinn macht.”

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Die Nachricht vom Tod eines lieben Menschen zu erhalten, das ist, als würdest du bei voller Fahrt den Kopf aus dem Zugfenster stecken und gegen einen Mast knallen.

Es köpft dein Leben.

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Sie starb in der 351. Nacht des Jahres, der Raunacht.

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Abgesehen von diesem schlichten Testament (“ich vererbe hiermit alles an meinen Ehemann”) und der Absprache, nach der sich sowohl Mutter als auch Vater Ave Maria bei der Trauerfeier wünschen, haben meine Eltern wenig über den Tod gesprochen.

(“Was ist intimer als die Sprache unter Eheleuten”, sagt die Gräfin dazu.)

Und: “Deine Eltern sind sehr kindlich geblieben bis ins hohe Alter.”

*

Das allerletzte Mal, dass wir sie sahen, zwei Tage vor ihrem Tod, war Heiligabend. Wir besuchten sie in der Klinik. Sie scherzte, dass sie ja schon deswegen gesund werden müsse, um endlich bei Aktion Mensch abzusahnen, wo sie ein Dauerlos hatte.

“Eine Million”, wünschte sie sich.

“Und dann?” fragte ich, “was machst du mit der Million?”, obwohl ich genau wusste, was kommen würde, aber ich wollte es hören.

“Dann nehm ich euch alle mit.”

“Wohin?”

Sie zwinkerte.

“Weg hier.”

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11:49 wurde als Todeszeitpunkt auf der Sterbeurkunde angegeben, die man Mutter auf dem Totenbett aufs Laken gelegt hatte, in Höhe der Fußknöchel – eine Uhrzeit, die nicht den Tatsachen entsprechen konnte, da mich bereits Punkt 11:30 der Anruf einer Intensivschwester erreichte, ich möchte bitte umgehend zurückrufen.

Das Zimmer des Abschieds auf der Intensivstation. Sie lag mit dem Kopf zum Fenster, in der Schneise, in der das dämmrige Licht einfiel an diesem Dezemberabend, und ich bewunderte diesen prächtigen, beinah dem Hinduismus huldigenden Leberfleck auf ihrer Stirn, der immer prächtiger geworden war, je mehr sie abmagerte.

Ihr blasses wächsernes Antlitz, die spitze Nase, wie Toblerone.

*

Man sagt, dass man erst dann erwachsen wird, wenn beide Eltern tot sind. Nun ist Mutter am 27. Dezember (Dritten Weihnachten!) zwei Jahre unter der Erde, sie verfault, wo der Wurm seine Werkbank hat, doch Vater bietet dem Wurm Paroli, er ist noch da, sein altes Herz schlägt, und solange es schlägt, bleibe ich ein halbes Balg.

Schlag weiter, altes Vaterherz – schlag!

*

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Auch wenn sie für Aussenstehende eine richtige Oma geworden war, klein und hutzelig, der Hals eine faltige Manschette, sie war noch in der Welt. Auch wenn sie Stück für Stück aus diesem Leben verschwand und zum Schluss kaum mehr fünfzig Kilogramm wog, (die zehn Kilo, die sie vorübergehend im Krankenhaus zugelegt hatte, waren im Gewebe angesammeltes Wasser, weil das Herz nicht mehr richtig pumpte), sie war noch in der Welt. Auch wenn ihre Stimme oft schwach war und ins Schlingern geriet, sie war noch in der Welt und wir hörten ihr Wort, ein leises Ende, bevor sie ein letztes Mal den Telefonhörer auflegte.

Montag, 27. Dezember.

Gegen halb elf komme ich mit dem Bus aus Gräfrath und kaufe beim Bäcker Semmel und Brötchen zum Einfrieren, wie jeden Montag. Weiter zum Supermarkt auf der Wupperstrasse, für ein paar Kleinigkeiten.

Als ich den Kannenhof runtergehe, bepackt mit zwei Tragetaschen, ist es kurz vor elf, und meine Mutter kämpft zehn Kilometer entfernt mit dem Tod. In der Lukas-Klinik, wo sie wegen eines komplizierten Beinbruchs zur Reha liegt, erleidet sie kurz hintereinander zwei Herzinfarkte, den ersten während der Arzt-Visite. Im Bett liegend läuft sie blau an, sie stöhnt und röchelt schwer, verliert das Bewusstsein. Da Arzt und Schwestern im Zimmer sind, wird sie sofort reanimiert, schneller ist Erste Hilfe nicht möglich. Sie wird auf die Intensivstation gebracht, wo sie bald darauf, so die Ärztin fassungslos, von einem weiteren “Rieseninfarkt” ereilt wird.

“Sie ist uns unter den Händen weggestorben..”

Zur gleichen Zeit gehe ich den steilen Kannenhof runter, der noch nicht von Schnee und Eis geräumt ist, und da steht dieser PkW halb auf dem Gehweg. Überall ist es eng, wegen der vielen Schneehaufen, freie Parkflächen sind rar. Die Beifahrertür des Wagens steht offen und ragt weit auf den Bürgersteig, stört, ohne dass der Mann im Wagen etwas davon bemerken würde, er ist am Handschuhfach beschäftigt.

Ich schlängele mich seitlich an der Autotür vorbei, bleibe dabei mit dem Innenfutter meiner offenen Jacke hängen. Ich bin noch erhitzt vom Einkaufen und hab den Reißverschluss aufgemacht. Für einen winzigen Moment steht meine Jacke nun weit offen, wie ein einzelner Flügelschlag. Es ist, als präsentierte ich der verschneiten Welt mein Herz, groß und verwundbar, für diesen winzigen einen Moment.

Im Weitergehen, nachdem ich die Jacke von der Autotüre befreit habe, denk ich noch so für mich, “Himmel, was war das denn jetzt..? Das ist ja noch nie passiert”, und lächle dem Fahrer blöde zu, der seinen Fauxpas mit der Wagentür mittlerweile bemerkt hat und mir entschuldigend zunickt.

In diesem Moment ist Mutter gegangen.