Mit ‘Kino’ getaggte Beiträge

Romeo gegen Julia

30. Juli 2011

Astrid war dünn und hatte stramme Möpse. Ich lernte sie im WM-Sommer 1986 kennen, an einem schwülen Abend im Keller, einer Szenekneipe mit angeschlossenem Programmkino.

Der Keller lag in den Katakomben der stillgelegten Beckmann-Brauerei auf der Schützenstrasse. Stieg man die lange Treppe hinunter, schlug einem der feuchte Hefegeruch vom jahrzehntelangen Einlagern der Bierfässer entgegen. Die Fässer waren mittlerweile fest im Boden verschraubt und dienten als Stehtische, es brannten Kerzen, die nicht mehr als ein funzliges Licht schafften, die Decke war niedrig und die Musik von früher. Loco, stadtbekannter Rock’n Roller und Pächter des Ladens, war beseelt von der Beat- und Surfmusik der frühen 60er Jahre.

Und er war vernarrt in BILD-Schlagzeilen, in denen Harald Juhncke vorkam. Die Wände waren zugeklebt mit Seite 1-Aufmachern und Zeitungsausschnitten. JUHNCKE IN WIEN: WIEDER VOLL! JUHNCKE BESOFFEN VON BÜHNE GEKIPPT! “Ich hatte nur eine Piccolo vorher!”

Das Kino war klein und gemütlich. Als Publikum saß man auf ausrangierten Sofas und Ohrensesseln voller Brandlöcher, es durfte geraucht werden während der Vorstellung. Als Aschenbecher standen leere Erdnussdosen herum, bevorzugt Ültje.

Jahre später, zu Beginn der 90er, als die halbe Stadt auf Morphinbase war, wohnte ein paar Häuser weiter Paolo, ein hagerer Italo-Dealer, der seine Kundschaft gerne aus der Badewanne heraus bediente, ciao, ragazzi!  Wenn ich von ihm kam, aus seinem Badezimmer, vergrub ich mich nicht selten mutterseelenallein im unterirdischen Kellerkino und schaute mir japanische Kunst- und Sexfilme an, bis ich glückselig wegdämmerte.

Im heißen Fußball-Sommer 1986 aber war in Mexiko WM und die Zentren meiner Sucht wurden noch von Bier, Marihuana & Maradona regiert. Ich fand diesen Job im Turmhotel als Kofferträger für amerikanische Reisegruppen, die auf ihrer Heart of Europe-Tour Station in unserer Stadt machten.

Wenn der Reisebus mit den Amis ankam, meist am späten Nachmittag, verteilte ich das Gepäck auf die einzelnen Zimmer, und am nächsten Morgen, bei Abreise, holte ich es wieder ab und brachte es zum Bus. Dafür kassierte ich vom Reiseleiter pro Gepäckstück einen Dollar, später einen Dollar fünfzig. Bei im Schnitt fünfzig Touristen machte das 75 Dollar, und da sich die Amis beim Trinkgeld freigiebig zeigten, (vermutlich gingen sie davon aus, dass ich als Gepäckboy, wie in den USA üblich, von ihrem tip lebte), waren 100 Dollar am Tag keine Seltenheit.

Ich wurde Stammgast am Devisenschalter der Stadtsparkasse, wo ich jeden Morgen bündelweise die grüne Marie in D-Mark umtauschte.

In diesem Sommer war ich ein gemachter Mann. Ich war jeden Tag früh auf den Beinen, ich hatte genug Bargeld auf der Tasche, ich war braungebrannt. Wenn die Sonne morgens um neun auf die Dächer knallte, hatte ich meinen Job schon getan. Ich trug fingerdick Nussöl auf und legte mich hinters Haus in den Garten, um die gewaltlose Koexistenz mit Bremsen, Bienen und Hornissen zu üben. Im übrigen ging es mir besser, was Liebeskummer anging. Ich hatte mich dem Gedanken arrangiert, von nun an ohne Lena zu leben. Und siehe: Es war gar nicht mal so übel.

Nachmittags klingelte das Telefon. Es stand auf dem Fensterbrett, damit ich vom Garten aus bequem den Hörer abnehmen konnte. Es war das weltweit erste Mobiltelefon. Lena war dran. Die große, verflossene. Wir waren seit einem halben Jahr auseinander, nach einigem Hin und Her.

“Ladylover, sollen wir heute Abend was zusammen machen?” fragte sie.

Ich war überrascht.

“Klar”, antwortete ich. “Warum nicht. Blöde Kuh.”

Nach dem Gespräch legte ich mich wieder auf die Decke im Garten und wartete, dass es Abend wurde. Beobachtete meine Nachbarin, die alte Frau Kohl, die nur wenige Meter entfernt im Campingstühlchen saß und der beim Stricken der Wollknäuel aus der Hand fiel. Und als er den kleinen Hang hinunter rollte, na, da ließ ich ihn eben rollen! Leben 1986, das war Verzetteln in Gesellschaft und Sortieren im Alleinsein, damals wie heute, aber Alleinsein musste auch Alleinsein bleiben, sonst kriegte ich mich nicht sortiert. Was ich damit meine? Keine Ahnung. Woher soll ich das wissen. 1986. Motive sind längst verschollen, Gedanken über alle Berge.

Lena kam um acht. Mexiko spielte gegen Paraguay. Sie kam rein und schaltete rotzfrech um. Im Zweiten lief Romeo gegen Julia.

“Romeo UND Julia!”

Per Fernbedienung knispste ich wieder nach Mexiko, wo Diego Maradona gerade seinen Auftritt hatte. Nach einem spektakulären Sololauf übers halbe Feld blieb er stehen, bückte sich und applaudierte den eigenen Füssen. “Amorcito corazon!” schwärmte ich, “Blutsbruder!”

Maradona war mein Held. Unverdorben, nicht korrupt, adelig.

“Du mit deinem dämlichen Fußball”, meinte Lena.

Wir endeten bei Shakespeare. Als sie eher nebenbei verkündete, dass sie um elf noch mit ihrer Busenfreundin Britta verabredet war, wurde ich wütend.

“Wenn du nur zum Fernsehen hergekommen bist, kannst du auch gleich wieder abhauen!”

Sie ging nicht weiter darauf ein. War überhaupt ganz zutraulich an dem Abend. Küsste meine Hände, legte den Kopf in meinen Schoß. Wir saßen gemeinsam auf einem Sessel und guckten Romeo gegen Julia. Ganz brav alles.

“Romeo UND Julia!”

Ich schaute sie von der Seite an. Es war sowieso besser, wenn sie nicht über Nacht blieb. Ich liebte die Frau immer noch, aber mein Widerwille wuchs mit jedem Tag, den ich alleine war und mich besser sortiert bekam. Ich wusste nicht, woher dieses Gefühl kam, aber plötzlich war es da. So lange war ich ihr nachgelaufen.. komm zurück.. bleib.. Nun nervten mich ihre flüchtigen Küsschen. Die konnte sie sich an den Hut stecken.

Es schellte. Harry und sein Kumpel Meckenstock flogen ein, mit zwei Plastiktüten voller Flaschenbier.

“Stören wir?” grinste Harry.

Lena mochte ihn nicht besonders, und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Der labert nur Scheiße, dein Harry, hatte Lena mal gesagt, als Harry am Tresen die Vorzüge polnischer Frauen pries. Die sind super durchblutet, die Polackinnen, nicht so wie die deutschen Weiber mit ihren Spatzenköpfchen und dicken Hausfrauenbeinen, worauf ihm Lena einen Vogel zeigte.

Kauf dir doch gleich ne Plastikpuppe, die machen dann auch nicht so’n Lärm , wenn du in sie reinspritzt.

“Nee ihr stört nicht, ist schon in Ordnung”, grinste ich, “Lena haut sowieso gleich ab”, und fühlte mich ganz wohl dabei.

Harry war betrunken und wollte unbedingt Straße der Sehnsucht hören, den sentimentalen Evergreen von Peter Kraus. Ich besaß die 45er-Original-Single, die ich in diesem Sommer so oft gespielt hatte, dass die Leute nun von sich aus die zerkratzte Edelschnulze forderten, während ich sie nicht mehr hören konnte. Der Fluch des selbst angeschobenen Kults. Ich hatte partout keine Lust, die Single aufzulegen, aber Harry und Meckenstock ließen nicht locker und irgendwann wurde es mir zu doof und ich gab nach.

Lena verabschiedete sich.

“Nicht schon wieder die blöde Schnulze. Ich hab Dienstag frei. Sollen wir noch mal was zusammen kochen?” flüsterte sie. “Dazu hätte ich Lust. Und auch zu anderen Sachen..”

“Meinetwegen”, sagte ich.

“Na ja, lass uns noch mal telefonieren”, sagte sie. “Ich ruf dich an.”

Was war das denn jetzt?! Na, scheiß drauf. Mit den Jungs machte ich das Bier leer, dann riefen wir ein Taxi. Auf der Fahrt ins Mumms, unserer Zentrale in der Innenstadt, gaben wir drei eine a-capella-Version von Straße der Sehnsucht zum besten. Ich zog vor, die Jungs zogen nach. Zum Schluss fiel sogar der Taxifahrer in den Refrain ein.

Einmal heiß geliebt zu werden, einmal nicht beiseite stehen, ja, das.. wär schön.. Straße der Sehnsucht, einsam und still, dir muss ich folgen bis an mein Ziel..

Das Mumms war tot an diesem Abend, die Leute hockten alle daheim und guckten Fußball. Harry und ich beschlossen, in den Keller zu fahren. Meckenstock hatte keine Lust, er blieb im Mumms. Meckenstock war ein undurchsichtiger Bursche. Obwohl er nie einen Job hatte, kleidete er sich stets wie ein Geschäftsmann, der Popcorn-Maschinen verlieh oder bunte Party-Zelte, und er hatte immer Kohle auf der Tasche. Vom vielen Saufen war seine Bauchspeicheldrüse hinüber. Weil nun jedes Schnäpschen ein Schnäpschen zuviel sein konnte, bevorzugte er Sekt, dem er zuvor durch ständiges Rühren mit dem Eislöffel den Sprudel entzog. Harry und ich riefen ein Taxi. Es war derselbe Fahrer wie zuvor.

“Zur Straße der Sehnsucht, Jungs?”

“Immer, Meister. Immer.”

Und dann saß sie da im Keller, an diesem zerschrammten und schwach beleuchteten Ecktisch. Astrid. Mit ihrer hochgesteckten dunklen Doo-Wop-Frisur, mächtigen Möpsen und einem scheuen Lächeln. Ich setzte mich zu ihr und baggerte drauflos, ich gab richtig den Silberrücken und trommelte mir auf die Brust, und als hätte El Loco es gerochen, legte der Boss an diesem Abend nur funzlige kleine Balladen auf. This ole Devil called Love, Something (in the way she moves) und selten gespieltes Material wie Underneath the neon sign von den Kinks, das mich zusätzlich anspornte und zur entscheidenden zweiten Luft verhalf. Wir gingen raus vor die Tür, fummeln und knutschen, als wären wir 16 gewesen.

Endspielsonntag. Maradona und Argentinien waren Weltmeister geworden. Nach dem Finale gegen Deutschland strömten Tausende in die Innenstadt, mit riesigen Fahnen, alle stockbesoffen. Vorm Mumms riss ich irgendwem die Trompete aus dem Gesicht und zog abwechselnd “AR-GEN-TINA! AR-GEN-TINA” brüllend und in die Trompete pöbelnd los, nicht etwa weil ich den Gauchos den Titel so sehr gönnte, sondern weil mich diese kalte, sabbernde Aggressivität nervte, mit der die Leute durch die Stadt stiefelten und gegen die Niederlage anstanken. So stiefelte ich “AR-GEN-TINA! AR-GEN-TINA!” trompetend und rempelnd gegen die besoffene Menge an, selbst natürlich nicht weniger besoffen. Allein die Blicke, die ich dafür kassierte, hätten für einen strammen Verrätertod gereicht. Dabei war ich nur ein alberner Störenfried, ein einziger Lump unter tausend Aufrechten, doch nicht mal dieser eine wurde toleriert, selbst der wurde bitterernst genommen und fast am nächsten Baum aufgeknüpft.

Weltmeister werden, Vize-Weltmeister -Junge, was ein Scheißdreck. Mir gefielen andere Sachen. Siegesgewiss in die Schlacht ziehen und 10:0 untergehen – das ging in Ordnung. Oder 3:4 verlieren nach Verlängerung und dramatischem Spiel, das hatte Größe. Verlieren zu können nach großem Kampf.

Um zwei Uhr in der Nacht stand ich vorm Cafe Tijuana in Gräfrath, das einen Schlag Süden in die Stadt brachte, und hielt den Daumen raus. Tatsächlich hielt der erstbeste Wagen an und nahm mich mit, bis in die Innenstadt. Auf der Schützenstrasse ruderte ich die letzten Meter an den Hauswänden entlang und ruinierte meine Jeansjacke. Ich hatte nur eins im Kopf: Gucken, ob Astrid vielleicht im Keller war. Ich hatte versprochen sie anzurufen, woraus natürlich nichts geworden war. Im Keller stiefelte ich schnurstracks auf sie zu. Der Laden war rappelvoll an diesem Abend, und wieder saß sie in der dunklen Ecke. Ihrem zerschrammten Hafen.

“Hör zu”, sagte ich. “Ich hab nicht angerufen, tut mir leid, aber hier bin ich. Nur wegen dir.” (Astrid meinte später, sie hätte es beinahe mit der Angst bekommen, wie ich da auf sie zugestiefelt kam, mit diesem irren Glanz in den Augen.) Von da an waren wir zwei Tage zusammen. Sie wohnte in Wermelskirchen, einem Kaff im Oberbergischen, gut dreißig Kilometer entfernt. Sie hatte gerade ihr Studium abgeschlossen und war ohne Umweg ins mittlere Management einer Firma eingestiegen, die chirurgische Instrumente anfertigte.

“Bring mir doch mal was mit”, forderte ich sie auf.

“Mitbringen? Was denn mitbringen?”

“Na, irgendwas aus eurem Sortiment. Einen schönen Hobel, oder hier, so Klammern, die man braucht, wenn jemand am offenen Bauch operiert wird.”

Ich nervte sie solange, bis sie mir endlich ein Reflexhämmerchen mitbrachte. Aber da hatten wir schon längst nichts mehr miteinander.

Montag früh um halb acht fuhr sie mich zum Turmhotel, wo ich meinen Job zu erledigen hatte. Sie wartete ein halbes Stündchen im Wagen, bis ich fertig war mit dem Gepäck aus Kansas und Chicago. Weil der Devisenschalter der Sparkasse erst um neun öffnete, hatten wir noch Zeit und bumsten im Auto. Es war so schwül, mir rann der Schweiß in die Augen, ich sah alles wie durch einen flirrenden Vorhang. Sie hatte Möpse wie im Kino. Danach fuhren wir zurück nach Wermelskirchen und frühstücken mit Sekt, wobei ich die Hälfte des Schampus über meine Hose verspritze.

Nachmittags tauchten Bekannte von Astrid auf, ein Pärchen aus Köln, eine dicke Matrone und ihr Feuerwehrmann. Sie konnten nichts mit mir anfangen, weil ich die ganze Zeit im Bett blieb mit einer Latte, die zwar niemand sah, die aber die Atmosphäre bestimmte. Jedenfalls waren Astrid und ich heilfroh, als die Beiden sich endlich verabschiedeten.

In der folgenden Nacht kühlte es nicht ab, es blieb so warm, dass wir ohne Decke schliefen, und als ich wach wurde, mitten in der Nacht, war es stockdunkel und ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand. Ich meine, normalerweise, wenn man sagt, es ist stockdunkel, dann ist doch irgendwo ein Spalt, durch den etwas Licht einfällt, man sieht die Ziffern eines Digitalweckers leuchten, irgendetwas, hier aber gab es nichts zu sehen, um mich herum nur bodenlose Schwärze. Von Panik erfasst griff ich um mich, ins Leere, bis ich neben mir einen Arm erwischte. Ich beugte mich runter, hörte ein Atmen, aber ich wusste nicht, wer das war, wer das sein sollte. Alles strebte fort von mir, ich suchte verzweifelt einen Punkt in der Finsternis, der mir Nähe vermittelte, Orientierung. Ich geriet so durcheinander, dass ich aufsprang vom Bett und mich der Länge nach hinlegte, wobei ich noch den Ventilator mit zu Boden riss, der sofort ansprang und Wind machte und Lärm.

“ICH BIN BLIND! ICH SEH NICHTS MEHR! HILFE!”

Noch am selben Vormittag nahm ich den Überlandbus von Wermelskirchen nach Hause. Ich nahm mir vor, ein paar Tage lang nichts zu trinken. Die alte Frau Kohl saß in ihrem zerschlissenen Campingstühlchen im Garten und zog sich Obsttorte rein mit Sahne. Sie winkte freundlich, als sie mich am Fenster stehen sah. Ich winkte zurück und trat aus Versehen auf die 45er Single Straße der Sehnsucht, die vor mir auf dem Teppichboden lag. Dummerweise war es bloß das Cover.


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