Benno, der Hundeführer von Solingen

Hundeführer Benno (48) ist eine Institution in unserer Stadt. Seit vielen Jahren führt er Hunde aus, der Rekord liegt bei 17 Hunden gleichzeitig.

Jeder in der Stadt kennt Bennos fröhliches Gebell, “NA, ALLES KLAR? GEHT SO, JA!?”

Wenn der Meister und sein Rudel die Strasse überqueren, wundern sich alle, wie er das hinkriegt. Ein Dutzend Leinen an einem Dutzend Hunde, und nichts verheddert und verknotet sich.

Ein Dutzend Hunde sind immerhin 48 Beine und 48 Pfoten. 12 Schnauzen. 12 scheißende Hintern.

Magie.

Benno ist ein Schäfer, der seine Herde durch die Strassen treibt. Immer eilig, selten hastig.

Selbst wenn Benno siebzehn Rabauken auf einmal ausführt, gibt es niemals Stress, und niemand quengelt. Und spurt doch mal ein Hund nicht richtig, reicht ein kurzes knarzendes Kommando, schon hat Benno wieder den Respekt der Truppe.

Wenn also Martin Rütter der sozialisierte Super-Rüde unter Deutschlands TV-Hundepsychologen ist, dann ist Benno einfach Benno,

mitten unter uns.

*

Mehr Solinger Gesichter von Susanne Eggert auf

Citronenbusen

Die neue No. 3 (Opa erzählt vom Krieg)

Mitte der Neunziger war ein Tag wie der andere. Ich jobbte als Nachtportier im Hotel, auf dem Weg zum Nachtdienst besorgte ich mir Pulver, tagsüber versuchte ich Schlaf zu finden und Streit mit der Gräfin aus dem Weg zu gehen.

Ich hatte eine neue Stammdealerin. Selbst in der Szene war sie kaum bekannt, das hatte seinen Grund. Sie war supervorsichtig. Sie belieferte exakt drei Kunden, drei und nicht einen mehr, damit erst gar kein Gerede aufkommen konnte. Sie hatte panische Angst davor, im Knast zu landen. Da sie einer regulären Arbeit nachging, sie buckelte auf dem Büro, empfing sie ihre Kunden erst nach Feierabend, einen nach dem anderen. Eins, zwei, drei. Jeder bekam eine Viertelstunde. Als Dealerin war sie perfekt, ein gut geöltes Maschinchen, und sie liess uns niemals hängen.

Als sie selbst einmal auf dem Trockenen saß und es sich abzeichnete, dass sie erst am folgenden Abend wieder frisch sein würde, gab sie jedem von uns ein kleines Fläschchen Polamidon mit, damit wir über die Runden kamen und nur ja nicht woanders kaufen mussten. Sie war eine treue Seele, eine Krämerseele, und sie war eine Kauffrau.

Wenn alles seinen gewohnten Lauf nahm, saß sie Punkt halb sechs mit stämmigen und ungeheuer weißen Schenkeln in ihrem überheizten Wohnzimmer und arbeitete auf der elektronischen Feinwaage nacheinander die Bestellungen ab. Sie trug Shorts und hieß Jutta, aber wir nannten sie nur die Unke. Es lag an ihren Augen. Sie wölbten sich aus den Höhlen hervor wie Froschaugen, und sie schwammen geradezu in Tränenflüssigkeit. Es war, als hätte sie ein Depot angelegt, um jederzeit Zugriff auf ihre Tränen zu haben. Sie hätte eigentlich an einem feuchten Tümpel leben müssen, doch sie wohnte in einer hellen trockenen Drei-Zimmer-Wohnung im zweiten Stock, und in der Luft hing der schwere und süße Geruch von Patschuli.

Ich war nur in ihren erlauchten Kundenkreis gerutscht, weil ex-Kunde No. 3 für 24 Monate in den Bau musste. Selbst bei guter Führung und Entlassung auf zwei Drittel war er für mindestens anderthalb Jahre weg vom Fenster. Ich kannte ihn nur vom Sehen, wusste aber, dass es das übliche Junkiespiel war. Das Gericht hatte ihn aufgrund irgendwelcher halbgarer Aussagen verknackt, die andere Süchtige in der U-Haft gemacht hatten. Da ließ man sie so lange ohne Heroin oder Methadon zappeln, bis es ihnen schlecht genug ging und sie irgendeinen Scheiß verzapften, belastende Aussagen machten, ob die nun der Wahrheit entsprachen oder nicht, wen juckte das schon. Was bei jedem anderen Delikt kaum zu einem Verfahren geschweigedenn zu einer Verurteilung gereicht hätte, bei Rauschgift wurde alles abgenickt, alles ging durch, die lächerlichsten Beschuldigungen, weil so viele vom Elend der Junkies profitierten.

Junkies versorgten eine ganze Maschinerie aus jungen Kripobeamten, die sich ihre ersten Sporen verdienten, desillusionierten Drogenberatern, Gefängniswärtern, Psychologen, Bewährungshelfern, überforderten Ärzten, Arzthelferinnen, Apothekern, Gesundheitsamtmitarbeitern, Justizangestellten, Zollbeamten und Mafiosi. Jeder wollte ein Stück abhaben vom Junkie, der in aller Regel nichts anders tat, als sich selbst zugrunde zu richten. Und dafür wurde er auch noch bestraft und in eine Zelle gesteckt. Es war beschämend. Es war zum Kotzen.

Die Preise für schmutziges Strassenheroin blieben gegen jede Marktregel von Nachfrage und Angebot in künstlichen Höhen, weil der Staat sich seit Jahrzehnten anmaßte, die eine Droge als illegal zu brandmarken und damit dem Schwarzmarkt auszuliefern, während die andere Droge, Alkohol, billig und sauber in jedem Dorfkiosk zu kaufen war.

Es war grotesk. Ein Gramm gepanschtes Heroin kostete 100 Mark auf der Strasse, man wurde krank davon und wusste nie, welcher Zwischenhändler welches Streckmittel benutzt hatte, es war jedes Mal ein Vabanquespiel mit der Intensivstation. Was ein Gramm sauberes Heroin gekostet hätte? Fünf Mark, vielleicht zehn Mark, und der Hersteller hätte dabei immer noch seinen Schnitt gemacht. Aber Junkies hatten keine Lobby, es kümmerte niemanden, was mit ihnen geschah. Junkies kümmerten sich nicht mal um sich selbst, und sie steckten ständig in der Scheiße.

Schön. No.3 war also weg vom Fenster. Die Unke erkundigte sich bei ihren beiden verbliebenen Kunden, wer denn nun die neue No.3 werden sollte. Sie war eine altgediente Gewerkschafterin, der das Mitspracherecht der Arbeitnehmer noch etwas galt. Sie war der Boss.

“Hat einer ne Idee?”

Sie hatte bloß eine Vorgabe: Der neue Kunde musste zuverlässig sein. Mitch schlug mich vor, weil er wusste, dass ich auf der Suche nach einem neuen Dealer war. Mein alter hatte die Dealerei von einem auf den anderen Tag an den Nagel gehangen, weil er Vater von Zwillingen geworden war. Und so wurde ich die neue No. 3 der Unke.

Mitch, die laufende No. 2, kannte ich nicht erst aus Drogenzusammenhängen, wir waren uns schon im Haus der Jugend über den Weg gelaufen. Er hatte riesige Pranken, echte Werkzeugmacherhände, mit denen er eine Weile zum Flipper-King der Stadt aufgestiegen war, in den späten Siebzigern. Zwanzig Jahre später war er schwer alkohol- und heroinabhängig und ging niemals ohne Taschenbuch aus dem Haus. Es musste schon ein ordentlicher Schinken sein, ein Fantasy-Roman nicht unter Minimum 700 Seiten.

Die Exemplare waren zumeist komplett zerlesen, voller Eselsohren, das Cover war faltig und eingerissen und von fettigen Chipsfingern betatscht, aber egal, für Mitch war ein Buch in der Hand überlebenswichtig. Ein Buch in der Hand half ihm, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen wie in  einem langen mobilen Tunnel. Er hatte es drauf, lange Strecken mit dem Schmöker in der Hand zurückzulegen, und er las wirklich darin, er tat nicht nur so. Eigentlich war Mitch heroin,- alkohol- und lesestoffsüchtig.

“Voll polytoxikoman”, meinte er.

Die laufende No.1 im Kundenkreis der Unke war ein schmächtiger stiller Junge mit langem krausen Haar, ein ex-Liebhaber der Unke. Er machte nicht viel Worte, ein sanfter naiver Hippie, irgendwie übriggeblieben aus alten Zeiten. Er kam mit harten Drogen nicht zurecht. Er wurde immer sonderbarer. Er war davon überzeugt, dass sein Handy überwacht wurde, und nachts glaubte er den Funkverkehr der Bullen unter seinem Fenster zu hören und konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Zuletzt zitterte er beim fernsten Getrappel im Hausflur am ganzen Leib, und wenn es dann auch noch klingelte, schmiss er sein letztes Pulver ins Klo und zog hektisch ab. Es hatte ihn voll erwischt. Er sah überall Bullen.

“Glaubst du, ich bin langsam panne?” fragte er mich, und ich antwortete lange nicht darauf. Bestimmt fünfzehn Sekunden. Er ließ sich ins LKH einweisen, freiwillig, bevor andere es für ihn getan hätten. Ich sah ihn nie wieder.

Nachdem ich es in die Stadt geschafft hatte, schob ich das Rad in den Hausflur und lief die drei Stockwerke hoch. Oben angekommen drückte ich die Klingel der Unke. 1x kurz, 1x lang. Nein, auf dieses ausgefallene Klingelzeichen wäre kein Bulle je gekommen! Unter Garantie.

“Die Tür ist offen!” hörte ich die Unke schnaufen. Ihre Nasenscheidewand war vom jahrelangen Sniefen porös geworden, sie klang wie eine Art marodes Brauereipferd. “Komm rein.”

Sie saß am Wohnzimmertisch, mit ihren stämmigen und ungeheuer weißen Schenkeln. Der Tisch war über und über mit Zigarettenfiltern, Aluminiumfolie und anderen Utensilien übersät.

“Hallo”, keuchte ich.

Erledigt vom Radfahren und dem beginnenden Affen fiel ich in den Ohrensessel, einem gemütlichen Altertümchen, das sie vor Jahren auf einem Flohmarkt in Antwerpen erstanden hatte, damals, als sie noch clean und ansehnlich gewesen war. Keine Schönheit, das nicht, aber wild, eine Art Büro-Janis Joplin. Der Schweiß tropfte mir aufs T-Shirt.

“Willst du dich was frisch machen..?”

“Nee, schon okay”, sagte ich.

Sie grinste bräsig zu mir rüber. Erst da ging mir auf, wie sie das meinte, mit dem Frischmachen.

“Ja, klar”, beeilte ich mich.

Frischmachen bedeutete: Junge, du siehst so scheiße aus, ich streu dir erstmal ne Strasse. Zieh das erst mal weg, dann sehen wir weiter. Werd erstmal mal wieder Mensch. Du blöder Junkie.

“Mann.. du schwitzt ja wie ein Schwein..”, näselte sie.

Ich stöhnte zustimmend. Sie reichte eine Illustrierte rüber, auf der etwas Pulver zu einer kleinen braunen Pyramide aufgeschichtet war.

“In zehn Minuten musst du dich aber vom Acker machen, dann hab ich ein anderes Date.”

“Na und? Ich kenn doch deine Leute.”

Weil sie nicht antwortete, blinzelte ich zu ihr rüber. Die Augen waren ihr zugefallen, der Mund stand offen, und ganz langsam, Etage für Etage, sank das Kinn auf ihre Brust. Sie dämmerte. Braunes Pulver, feucht geworden vom Nasenrotz, sickerte aus ihrer Nase. Sie war breit wie tausend Russen. Sekundenschlaf. Der konnte dauern.

Ich schnupfte die Pyramide weg, die sie mir zuvor auf der Zeitschrift, Gala, rübergereicht hatte, und als sie anfing leise zu schnorcheln, nahm ich das Holzbrett ins Visier, das vor ihr auf dem Tisch lag. Den Hügel Pulver darauf schätzte ich auf vierzig, vielleicht fünfzig Gramm. Ich beugte mich vorsichtig über den Tisch, ohne das geringste Geräusch zu verursachen, und trug eine gute Messerspitze vom Pulverhügel ab. Ich lehnte mich zurück und streute mir eine lange Line auf der Gala, die ich so rasch wie möglich wegsniefte. Dann lehnte ich mich zurück. Ich hatte Gänsehaut, und mir war kotzübel, und ich war glücklich.

Sie wohnte in zentraler Lage, am Busbahnhof. Man hörte das Surren der startenden Oberleitungsbusse, Geschrei von Teenagern. Ich schielte immer noch auf das Holzbrett. Auf den Hügel darauf. Warum hatte ich nicht mehr genommen? Sie würde es gar nicht bemerken, die ein oder zwei Gramm weniger. Und selbst wenn. Sie hatte erst am Nachmittag Nachschub bekommen, sie war frisch wie lange nicht. Ich saß da und starrte den Hügel an. Den Fetisch.

“Wieviel?” murmelte die Unke plötzlich.

“Was..?”

“Wieviel du willst.”

Aufgeschreckt kramte ich die Geldscheine aus der Hosentasche. So schnell, wie sie weggesackt war, kam sie auch wieder zu sich.

“Zweihundert”, sagte ich. Ich wusste nicht, was sie mitbekommen hatte und was nicht. Mein Herz schlug wie verrückt.

“Zwei Blaue willst du? Hey.. hast du im Lotto gewonnen?!” Sie kicherte käsig und machte die Bestellung fertig. Glück gehabt.

Auf dem Rückweg hielt ich vor einem Altbau an der Florastrasse. Ich hatte kaum mein Rad abgeschlossen, schon riss Felix das Fenster auf.

“Komm rauf, Alter..!”

Ich wurde bereits sehnsüchtig erwartet. Ich war überfällig. Die zweihundert Mark waren ja nicht von mir, ich hatte die Kohle zuvor in der WG abgeholt. Die war jung, die WG, zwei Jungs und ein Mädel, Anfang Zwanzig, auf dem Weg in die Sucht. Sie hatten die Kohle mühsam zusammengeschmissen. Ich lieferte 1,4 Gramm ab. Für zwei Blaue. Was ein scheiß Kurs. Die Unke war von ihrem Lieferanten beschissen worden, dann hatte sie mich beschissen, nun beschiss ich die Greenhorns von der Florastrasse. Es war eine einzige groß Bescheißerei und kein Ende in Sicht.

Ob die drei wohl auch noch jemanden bescheißen würden, fragte ich mich, nachdem ich mich so schnell wie möglich verabschiedet hatte. Noch im Hausflur begegnete mir ein verschwitztes junges Mädchen, dem es nicht gut ging. Es hechelte die Stufen hoch, und drückte die Klingel.

“Ist offen..!” hörte ich noch.

Falten in den Fisch (15) – Die Gräfin übers Weltall

Sie ist der festen Überzeugung, dass die Metropolen der Erde nur deshalb Nacht für Nacht hell erleucht sind, damit andere Bewohner des Weltalls auf uns aufmerksam werden.

Aber vielleicht sollten wir die Schotten lieber dicht machen – hinterher kommen die falschen Leute zu Besuch.

*

Ausserdem glaubt sie, dass Menschen so viel vorm Fernseher sitzen, weil Aliens uns dazu zwingen. Auch wenn ihr nicht ganz klar ist, was die Burschen im Schilde führen. Was das soll.

Ich meine, der Zweck der ganzen Vielfernseherei. Vielleicht sind meine ganzen amerikanischen Lieblingsserien so durchsetzt von verschlüsselten Botschaften, dass ich irgendwann einen super Ausseridischen Kuchen backen kann, ohne dass ich es je gelernt hätte. Einen All-Kuchen. Einen Ur-Kuchen. Und von der hohen Hitze beim Backen explodiert ein neuer STERN!

Und dann, pass auf – dann klingelt es an der Tür..

*

Veilchendienstag

Rosenmontag schob ich Nachtdienst im Turm-Hotel. Morgens um Sieben kam die Ablösung und ich schlenderte durch die Innenstadt nach Hause. Schneeflocken fielen vom Himmel, als nähmen sie den Winter nicht mehr richtig ernst, als spielten sie nur Schneefall.

Frühmorgens Feierabend haben, wenn alle anderen zur Arbeit hasten, das hat was. Man schaltet einen Gang nach dem anderen zurück, bis man fast stehen bleibt vor Lockerheit. Eine kleine Entschädigung für die Schmach, jeden Abend Punkt 22 Uhr den Dienst anzutreten, wenn alle Welt am Tresen steht und feiert.

“Hey.. kannst du mir weiterhelfen?” Ein Mädel trat auf mich zu, in einem dunklen weiten Cape. Bißchen zu dünn für die Temperaturen. “Sag mal.. wie komm ich zum Busbahnhof?”

“Busbahnhof? Der ist doch oben am Neumarkt.”

“Am Neumarkt?”

“Ja klar, da vorn die Gasse hoch, dann links. Am Neumarkt fahren sämtliche Busse ab. Die meisten jedenfalls. Wohin musst du?”

“Na, nach Hause.”

Ich schätzte sie auf Anfang zwanzig. Bißchen schiefe Nase, übernächtigt, bleiche Haut vom Saufen und vielen Lachen. So stand sie vor mir, wie aus dem Nachspann von La Boum, die Fete, Teil 7.

“Wo bin ich hier überhaupt?”

“Fußgängerzone?” gab ich ebenso närrisch zurück.

“Ja schon. Aber in welcher Stadt..”

“Ist das dein Ernst?”

“Na ja klar ich.. weiß nicht..”

“Solingen. Du bist in Solingen.”

“Mannomann, Solingen. Ich dachte schon, das wär Monheim hier.” So überrascht, wie sie aus der Wäsche blickte, schien sie tatsächlich keinen Schimmer zu haben, in welcher Ecke des Rheinlands sie sich befand.  “Ich werd nicht mehr. In Solingen war ich noch nie.”

Rosenmontag sei sie mit den Mädels in der Kölner Südstadt gewesen, und später in Monheim versackt, dem Geheimtipp im Kneipenkarneval. Altweiber in Monheim, davon träumt jeder Jeck.

“Das letzte, woran ich mich erinnere.. da saß ich im Nachtbus, mit den ganzen Weibern. Keine Ahnung, wo die abgeblieben sind. Wir wollten eigentlich alle nach Hause.”

“Nach Hause?”

“Nach Leverkusen.”

Dafür, dass wir uns noch nie gesehen hatten, standen wir eng beieinander. Ich roch ihr Bier. Das letzte war vermutlich nicht lange her. Die Fußgängerzone war übersät mit Konfetti und Pappbechern, gelber Hundepisse im Pappschnee, leeren Sektpullen, Jägermeistersixpacks. Eine einzelne Schneeflocke segelte vom Himmel, wie ein dickes missratenes Insekt. Fallout, Man.

Sie sei eben erst in der Kneipe wach geworden, in irgendeiner Kneipe, mutterseelenallein auf der Eckbank.

“..mit einem fiesen Geschmack im Hals, wie Hund. Dann hat der Wirt Feierabend gerufen und mich vor die Tür gesetzt, der Doof. Gibt’s hier ne andere Kneipe, die offen ist? Ein kleines Bierchen bräuchte ich schon noch, bevor ich mich in den Bus setze.”

“Der Kotten. Oben am Busbahnhof, wo die Linie nach Köln abfährt. Der Kotten hat immer auf. Der Kotten weiss gar nicht, wie das geht, nicht auf zu haben.”

“Fährt der auch über Leverkusen?”

“Der Kotten?”

“Der Bus.”

“Ja, sicher. Nach Köln – über Leverkusen.”

Dann standen wir da, und schwiegen. Nicht lange, einen Augenblick nur, in dem sich entschied, wie es weitergehen sollte mit uns. Ging ich auf ein Bier mit in den Kotten? Nahm ich sie mit nach Hause? Und was, wenn sie nach dem Bumsen in meinem Bett einschlief und ich sie so schnell nicht loswerden würde? Es arbeitete in mir wie in einer Rechenanstalt. Ich wartete auf das Ergebnis. Addieren, subtrahieren, die ganzen Vorgänge. In ihrem Gesicht war weniger los. Sie gähnte verbeult.

“Na, dank dir schön”, meinte sie und wankte die Gasse runter, in die komplett falsche Richtung.