Benno, der Hundeführer von Solingen

Hundeführer Benno (48) ist eine Institution in unserer Stadt. Seit vielen Jahren führt er Hunde aus, der Rekord liegt bei 17 Hunden gleichzeitig.

Jeder in der Stadt kennt Bennos fröhliches Gebell, “NA, ALLES KLAR? GEHT SO, JA!?”

Wenn der Meister und sein Rudel die Strasse überqueren, wundern sich alle, wie er das hinkriegt. Ein Dutzend Leinen an einem Dutzend Hunde, und nichts verheddert und verknotet sich.

Ein Dutzend Hunde sind immerhin 48 Beine und 48 Pfoten. 12 Schnauzen. 12 scheißende Hintern.

Magie.

Benno ist ein Schäfer, der seine Herde durch die Strassen treibt. Immer eilig, selten hastig.

Selbst wenn Benno siebzehn Rabauken auf einmal ausführt, gibt es niemals Stress, und niemand quengelt. Und spurt doch mal ein Hund nicht richtig, reicht ein kurzes knarzendes Kommando, schon hat Benno wieder den Respekt der Truppe.

Wenn also Martin Rütter der sozialisierte Super-Rüde unter Deutschlands TV-Hundepsychologen ist, dann ist Benno einfach Benno,

mitten unter uns.

*

Mehr Solinger Gesichter von Susanne Eggert auf

Citronenbusen

Goffin/King, Gary Puckett, Renate & Stefan

Mittagszeit, brütende Hitze.

Ich beobachte ein Paar, das erschöpft an der Hauswand lehnt und einen Vorrat Schatten einatmet.

Jetzt schling doch nicht so, mault sie.

*

Die Ruhe vor dem Großen Aufbruch erscheint im Rückblick als die schönste Zeit im Leben. Nicht nur, dass damals noch alles möglich war, (die Zukunft, ein Ozeanriese, frisch vom Stapel gelaufen), ich war vor allem mir selbst so nah, so selbstverständlich nah, wie später im erwachsenen Leben nur selten.

Die Zeit vor der Pubertät erscheint im Nachhinein wie ein letztes Luftholen vorm großen Ausnahmezustand. Freunde spielen noch nicht die entscheidende Rolle, die sie nur einen Stimmbruch später in Anspruch nehmen werden. Die Zeit vor der Pubertät, wo man nicht mehr Kind ist und noch kein Teenager, aufs wunderbarste verschollen zwischen Sandkasten und ersten Tittchen, zwischen Spiel und Verderben.

“Unter normalen Voraussetzungen”, so die Gräfin, “sind Kinder um die zwölf die besten Menschen, die man kriegen kann. Sie stehen unmittelbar vorm Aufbruch in die Erwachsenenwelt, sind aber schon lang genug Kind, um etwas von der Welt zu verstehen. Und noch nicht gesteuert vom Unterleib.”

*

Wenn meine Mutter in den großen Schulferien vormittags Einkaufen fuhr und mein jüngerer Bruder draussen war und vom Baum fiel, hatte ich die Wohnung für mich allein. Ich drehte das Nordmende-Radio laut, und die großen Wohnzimmerboxen, in Nussbaum gekleidet, liessen mich zum Sound von “Young Girl, get out of my mind” durch die Bude tanzen.

You’re much too young, girl!

Die Nummer kam von Gary Puckett and the Union Gap, einer Kapelle, die in Soldatenuniform über die Bühne gockelte und lediglich einen weiteren Hit verzeichnete, Lady Willpower, der ähnlich klang wie Young Girl und vom britischen Soldatensender BFBS ebenso zu Tode genudelt wurde. Zwei gnadenlos fürs Radio genietete Nummern, nur schwer voneinander zu unterscheiden.

Der Vormittag auf BFBS gehörte den Oldies, da um diese Uhrzeit hauptsächlich die Ehefrauen der am Rhein stationierten britischen Soldaten am Radio saßen, und die bevorzugten zur Hausarbeit die Songs ihrer Jugend, als sie selbst noch Young Girls gewesen waren, much too young, Girl.

Der Song war nicht gerade ein Super Trouper Zuckeroldie, genau genommen fehlte es ihm an Musikalität, aber die Hookline war dramatisch und prägte sich ein. Denk ich zurück an den Sommer 1973, an die letzten Tage meiner Kindheit, entscheiden sich meine Nervenzellen definitiv für Young Girl als dazugehörigem Soundtrack. Und das vermutlich nur, weil ein Discjockey auf BFBS geradezu vernarrt in den Song war und ihn überproportional oft auflegte – kann gut sein. Ist wohl so. Kann man nichts machen.

Wenn man einen Song öfter hört, entfaltet er erst seine Klasse – oder eben nicht, dann kümmert er einen schnell nicht mehr. Entweder Schmetterling oder Schabe. Songs hatten ein Geheimnis, ich kam nicht dahinter, welches. Warum manch ein Lied die Flügel einfach nicht auseinanderkriegte und ein anderes beim fünften Hören plötzlich flatterte wie ein Fächer und abhob und auf Platz 1 landete.

Schon damals bewunderte ich die Komponisten eines Popsongs mindestens so sehr wie seine Interpreten. Das Größte waren natürlich Musiker, die ihre eigene Sachen spielten und sangen. Wenn ich eine Platte in der Hand hielt, suchte mein Blick den Namen des Komponisten. Nicht selten waren es Komponisten-Duos, wie Goffin/King. Ein magischer Name, der hinter einem Haufen der schönsten Motwown-Songs stand. Ich hatte keine Ahnung, wer sich hinter Goffin/King verbarg, ich sah zwei dicke fette Hittiere vor mir, die in ihrer Mitte ein Piano und ein Notenheft zum Komponieren trugen so wie andere Leute Händchen hielten.

Goffin/King: mit Sonnenbrille getarnte Nerds, denen ein Soul-Monster nach dem anderen aus der Hand floss. Es war mir ein Rätsel, wie zwei Menschen allein so viel hypnotisches Hitpotential in sich tragen konnten. Dass es sich bei King um Carole King handelte, der später mit Tapestry das erfolgreichste Songwriter-Album aller Zeiten gelang, erfuhr ich erst später, als die Pubertät längst Hengst.

Naa klar war dasso.

*

Aus der Reihe “Solinger Gesichter, I”, Renate und Stefan, gemalt von Susanne Eggert.