Es ist was ganz schlimmes passiert

Schon im gleichen Moment, als ich die angsterfüllte Stimme meines Vaters höre, weiß ich, dass ich den Klang nie mehr los werde, für den Rest meines Lebens.

“Es ist was ganz schlimmes passiert”, sagt er am Telefon, “Mutter ist tot.”

Ich steh in der Küche. Ich bin gerade reingekommen, verschwitzt vom Einkaufen. Mutter ist tot. Es ist was ganz schlimmes passiert. Ich sinke auf den Stuhl nieder.

“Was ist los?” ruft die Gräfin.

“Meine Mutter ist tot”, sage ich tonlos, und zu Vater in den Telefonhörer: “Ich komme sofort.. Ist jemand da?”

Ja, ein Bruder meines Vaters ist bereits da, der Bruder, der zwei Häuser weiter wohnt.

Die Nachricht vom Tod eines lieben Menschen zu erhalten, das ist, als würdest du bei voller Fahrt den Kopf aus dem Zugfenster stecken und gegen einen Mast knallen. Mit dem Unterschied, dass du gar nicht wusstest, dass du im ICE unterwegs bist.

Die Gräfin, Tränen in den Augen, nimmt mich in den Arm. Ich trinke ein Glas Wasser. Ich bin verschwitzt vom Einkaufen. Wieso trinkst du jetzt? Deine Mutter ist tot. Wie kannst du etwas so profanes tun wie trinken? Planeten müssten abstürzen, die Zeit stillstehen, du müsstest im Boden versinken vor Scham.

Ein Glas Wasser.

Ich versuche meine Schwester zu erreichen, sie ist im Winterurlaub in Italien. Sie geht nicht ans Handy. Ich atme auf. Ich will nicht derjenige sein, der die Todesnachricht überbringt, auch wenn man mit dem Tod rechnen musste. Dem Tod dieser rätselhaften stolzen Frau, die es gern schlicht hatte und von der die Gräfin einst sagte, sie sei Igel und Hase zugleich: wehrhaft, und doch ständig auf der Flucht.

Ich rufe meinen Bruder an. Im Kölner Büro.

“Mutter ist tot”, sage ich.

“Ach du Scheisse”, stammelt er leise. “Ich komme. Soll ich dich abholen? Fahren wir zusammen zu Vater?”

Er ist durcheinander, ich höre, wie er schon kurz nach Erhalt der Todesbotschaft die Gedanken sortiert: bloß nicht durchdrehen, jetzt.

Weil die Gräfin an Heiligabend, dem letzten Tag, an dem wir Mutter besucht haben, nicht mitkommen konnte, drängt sie darauf in die Klinik zu fahren, sich zu verabschieden.

“Ich möchte sie noch mal anfassen.”

Wir rufen Vater an, fragen, ob er mitkommen möchte, nein, natürlich nicht, aber wir sollen ohne ihn fahren. Mein Bruder ist sich nicht sicher, ob er Mutter noch einmal sehen möchte, ob er dazu in der Lage ist, und auch ich fürchte, dass ihr schönes Gesicht in meiner Erinnerung fortan zur Totenmaske erstarrt und halte mir die Entscheidung offen.

Zu dritt fahren wir im Wagen meines Bruders durch die verschneite Stadt. Es geht nur langsam voran. Rollsplitt knirscht unter den Rädern, Granulat. Niemand spricht ein Wort. Die Dauerlast des Pappschnees hat Bäume reihenweise umknicken lassen. Wie vom Blitz getroffen sind viele in der Mitte gespalten und umgestürzt; sie zersplittern, noch warm im Fleisch, schmerzhaft schön.

Als wir die geräumte Stadtautobahn erreichen, stoppt mein Bruder am Straßenrand. Er steigt wortlos aus und löst die Schneeketten von den Vorderreifen. Die Situation ist so unwirklich, als bewegten wir uns im Séparée einer Wirklichkeit. Ich fühle mich leer und abgekämpft. Das Spiel meines Lebens: verloren.

Meine Mutter ist tot.

“Meine auch”, murmelt mein Bruder, als er wieder am Steuer sitzt und sich das Eis aus den Kleidern klopft. Sein Atem dampft. Immer wieder höre ich die Stimme meiner Mutter, es treibt mir die Tränen in die Augen: dass ich sie nie wieder hören werde. Wo sie doch so gern geschnattert hat, das Kinn vorgestreckt wie ein Vögelchen den Schnabel: “Ja, du wirst verrückt!” sagte sie gern, wenn man ihr etwas anvertraute.

Du wirst verrückt im Sinne von Ja, das gibt’s doch nicht!

Ich spüre die Hände der Gräfin. Endlich erreichen wir die Klinik. Wir erkundigen uns nach der Intensivstation, doch der Portier schickt uns auf Station 30, wo wir Mutter Heiligabend besucht haben. Frau Wolf, ihre Bettnachbarin, ehemalige Hutmacherin aus Hamburg, telefoniert gerade, sie blickt uns erschrocken an. Noch sind alle Utensilien von Mutter im Zimmer. Ich sehe ihre Brille auf dem Nachttisch, die Reader’s Digest-Hefte. Wir kommen gleich wieder, bedeute ich Frau Wolf, und machen uns auf die Suche nach der Intensivstation.

Der Verabschiedungsraum. Wie sie daliegt, hell angestrahlt vom Deckenlicht. Das weiße Bettlaken ist bis unters Kinn hochgezogen, nur das Gesicht ist zu sehen, ihr spitzes Näschen, wie Toblerone. Das Kinn wird von einer Stütze gehalten. Nichts in ihren friedlichen Gesichtszügen deutet auf den letzten großen Kampf hin. “Ihre Mutter ist uns unter den Händen weggestorben.” Sie ging mit einem Paukenschlag: zwei Herzinfarkte, kurz nacheinander.

Eine große bleiche Ruhe erfüllt den Raum. Während mein Bruder im Hintergrund bleibt und das Zimmer schon bald fluchtartig verlässt, streichle ich Mutters Wange, die Gräfin schnuppert an der noch warmen Haut. Sie riecht nach Nivea. Wir ziehen das Laken zurück, und wie immer liegt Mutters Hand auf dem Unterbauch, wo sie zeitlebens den Sitz ihrer Seele ausmachte. Eine Schwester betritt den Raum, dimmt das grelle Licht, “so ist es besser, nicht wahr.”

Sie fragt, ob sie etwas für uns tun kann, ich fühle ihre Hand an meiner Schulter.

11:30 ist als Todeszeitpunkt auf der Sterbeurkunde angegeben, die man Mutter aufs Totenbett gelegt hat, in Höhe der Fußknöchel. 11 Uhr 30. Genau zu dieser Zeit kam ich bepackt wie ein Sherpa vom Einkaufen und ging den engen Kannenhof runter, der noch nicht von Schnee und Eis geräumt ist, und da stand dieser Wagen halb auf dem Gehweg.

Die Beifahrertür war offen und ragte weit auf den Bürgersteig, ohne dass der Mann im Wagen etwas davon bemerkt hätte, er war mit dem Handschuhfach beschäftigt.

Ich schlängelte mich seitlich an der Autotür vorbei, blieb dabei mit dem Innenfutter der offenen Jacke hängen. Erhitzt vom Einkaufen hatte ich schon im Supermarkt den Reißverschluss aufgemacht. Für einen winzigen Moment stand meine Jacke jetzt weit offen, wie ein einzelner Flügelschlag, es war, als präsentierte ich der Welt mein Herz, groß und verwundbar, für diesen winzigen Augenblick.

In diesem Moment ist Mutter gegangen.

Es passierte nicht oft, aber es passierte

Auf die Unke war Verlass. Sie war zur verabredeten Zeit am verabredeten Ort, sie panschte keine zusätzlichen Streckmittel unters Pulver, und wenn es einem dreckig ging, packte sie gratis eine Messerspitze drauf. (Aber auch nur eine.) Ihre wenigen, streng nach Sympathie und Solvenz ausgesuchten Stammkunden konnten sich nicht beschweren.

Es sei denn, irgendwo im Geflecht der Großdealer, Zwischendealer und Kleindealer kam es zu Verzögerungen und sie wartete selbst auf ihre Lieferung. Das kam vor. Dann saß man als Kunde der Unke am Telefon und ersehnte ihren Anruf, ihre erlösenden, heiser hervorgestossenen Worte, “.. los, mach dich auf die Socken.” Aber das konnte dauern, bis es soweit war, und es strapazierte die Lachmuskeln.

Ja genau, die Lachmuskeln.

Ich hab einiges über Heroin gelesen, Biografien von toten Rockstars, ärztliche Bulletins, Christiane F., doch ein Phänomen ist bislang im literarischen Dunkeln geblieben: dieses verfluchte Grinsenmüssen, wenn der Entzug sich nähert.

Es geschieht in dem schmalen Zeitkorridor, wenn das letzte Quentchen Heroin gerade dabei ist, den Körper zu verlassen. Wenn Opiumreste durch die Zellen spuken, als säßen sie in der Geisterbahn, wenn Tarzan den Lendenschurz verliert.

Das sind jene verqueren Momente, wo jeder Junkie grinsen muss, ob er will oder nicht. Es lässt sich nicht unterdrücken. Ein Gefühl, als würde man sich als Kind gleich in die Hosen machen. Ein unwillkürliches Ziehen und Drängeln, auf das man nur zu gern verzichten würde. Man grinst wie blöde, dabei gibt es nichts zu lachen. Kein Wunder, dass ich darüber noch nie etwas gelesen habe. Es ist einfach zu dämlich. Aber es passiert auf der ganzen Welt, es passiert in Pakistan und es passiert in Potsdam und Peking, hundertttausendfach, Tag für Tag.

Zeichnete sich im Vorfeld ab, dass sie kein Originalpulver auf Lager haben würde, besorgte die Unke für ihre Stammkunden etwas Methadon, damit sie über die Runde kamen. Beziehungsmarketing nannte sie das, und es war nicht so, dass sie dabei mit den Augen zwinkerte, sie meinte es durchaus ernst. Humor war nicht ihr Ding. Sie war eine eher strenge Person. Sie arbeitete auf dem Büro, von neun bis fünf. Keine Ahnung, wo. Architekturbüro, sagte der dicke Ben. Ben war ein schwerfälliges pausbäckiges Hundertkiloschlachtschiff, das gerne zum Schnellchinesen ging und mit seiner Körperhygiene haderte. Aus der Ferne sah Ben manchmal aus, als trüge er einen Sepplhut, dabei hatte er bloß das Haar seit Wochen nicht gewaschen.

Dagegen duftete die Unke, als wäre sie gerade dem Dampfbad entstiegen, in einer Wolke von Patschuli. Niemand, der sie auf der Strasse sah, wäre auf die Idee gekommen, dass sie heroinsüchtig war oder gar dealte. Sie zählte zu den Menschen, die ihre Zukunft streng in graden und ungraden Kalenderwochen aufteilten und die einen verständnislos anglotzten, wenn man sie verständnislos anglotzte, weil man mit Kalenderwochen, ob grade oder ungrade, nichts am Hut hatte.

Natürlich kannten wir die Unke gut genug, um zu wissen, dass sie für eventuelle Notfälle stets etwas Heroin gebunkert hatte, für den Eigenbedarf. Sie war ja genauso drauf wie wir. Aber das hätte jeder von uns an ihrer Stelle genauso gemacht. Und ebenso klar war, dass noch so viel Bitten und Betteln keinen Sinn machte, von ihrem geheimen Vorrat würde sie nicht einen Krümel abdrücken. Ansonsten aber sorgte die Unke für uns wie eine Mutter, die gut bezahlt wird, und wir süchtigen Picos hielten ihr die Treue und kauften hauptsächlich bei ihr.

Dann, im Herbst, häuften sich Verspätungen und Lieferausfälle. Auch das Methadon floss nicht mehr so reichlich, wie es das lange Zeit getan hatte, um uns Kunden bei Laune zu halten. Jetzt hiess es improvisieren. Zur Not ging ich auf die Platte, was ich sonst tunlichst vermied. Wenn ich irgendetwas nicht gebrauchen konnte, dann meine Geschäfte im Scheinwerferkegel der Drogenfahndung abzuwickeln. Nee, danke. War nicht nötig. Ohne mich.

Sieh zu, dass du jemanden in der Hinterhand hast, falls die Unke mal ausfällt, dachte ich, ich war ja ein schlaues Kerlchen. Und in diesen Zusammenhängen lernte ich nun Tonino kennen. Tonino. Noch so ein verdammter Schlaumeier.

Wenn das Herz zusammenkracht

Hey, du bist nicht krank, sagt sie. Du bist gerettet worden! Eine tolle Sache!

*

Gerettet worden..? Ich hab schlechte Laune, und wenn ich schlechte Laune hab, ist mir alles zu viel. Noch die geringste Anforderung nervt.

- Die Leute werden lästig -, sag ich.

- Welche Leute? -

- Na, die hier. Schreiben Emails und Kommentare, rufen an, quasseln die Mailbox voll.. -

- Bist du doof? Die wollen wissen, wie es dir geht. Die machen sich Sorgen.  -

- Aber ich hab doch geschrieben, was passiert ist. Wie es mir geht. -

- Du meinst diesen einen Eintrag? -

- Ja. -

- Also, wenn man das liest, könnte man fast auf die Idee kommen, dir gehts nicht besonders. -

- Stimmt ja auch. Ich hab zu nichts Lust. Nicht mal zu schreiben. -

- Du brauchst doch nur kurz zu bloggen, hallo, ich lebe noch, aber ich brauche ne Pause. Ich komm wieder. Das reicht doch. Keiner erwartet eine grosse Geschichte.. -

- Ich hab keine Lust. -

- Ja. Das hast du bereits gesagt. -

Ich werd bockig.

- Ich kenn die Leute doch gar nicht. Das sind doch keine Kumpel wie Karlos oder Schnaat… -

- Natürlich kennst du die Leute nicht. Aber die Leute kennen dich. -

- Die kennen mich? -

- Natürlich. Die lesen dich doch. -

- Ach so.. ja. (Ich bin plötzlich gerührt.) Stimmt.. -

- Also, antworte den Leuten ruhig mal. Muss ja nichts großes sein. Das erwartet auch niemand. -

- Gut. Ja. -

*

Schon als Kind hab ich mich stets zurückgezogen, wenn ich Fieber hatte und krank wurde. Ich bin dann immer ganz still geworden und hab mich im Bett verkrochen, in die hinterste Ecke. Selbst aufs Klo gehen war mir lästig, ich hab so lang angesammelt, bis ich fast platzte.

*

Hab seit fünf Wochen nicht geraucht, und was passiert? Ich nehme zehn Pfund ab. Normalerweise wächst Rauchern eine englische Drops-Plauze, wenn sie das Rauchen aufgeben. Eine de Beukelaer-Zone.

Obwohl, dass ich überhaupt keine Zigarette angepackt habe, das stimmt ja auch nicht.

Als ich noch im Klinikum war, die Station aber schon verlassen durfte, hab ich mir draussen eine Kippe geschnorrt, aber nicht angezündet. Nur in den Mund geschoben. Wie Lucky Luke, bei dem qualmts auch nie. Der hat nur einen Stummel im Mund. So bin ich runter zur Ambulanz, weil da gerade ein Rettungswagen um die Ecke bog.

Seit ich selbst in so einem großen roten Kasten durch die Strassen geflogen bin, höre ich anders hin, wenn eine Sirene sich nähert. Als wären die vielen Male zuvor bloß Staffage gewesen, jahrelanger Probealarm. Seit dem Herzinfarkt liege ich in jedem gottverdammten Ambulanzwagen, der durch die Strassen tobt. Seit mir das Leben gerettet wurde, wird mir jedes Mal das Leben gerettet. Auch wenn jemand anderes hinten drin liegt: Ich bin das.

Ich stand also unten an der Ambulanz, die Kippe lässig im Mund wie Lucky Luke, und schaute zu, wie die Türe des Rettungswagen sich öffnete und ein Mensch auf einer Bahre herausgeschaufelt wurde. Ich konnte nicht erkennen, ob der Mensch verunfallt war, ob es ein blutender, ein hustender Mensch war oder mehr ein verinnerlichter. Schlaganfall, und so.

Keine acht Tage zuvor war ich an gleicher Stelle eingeliefert worden, länger war das noch nicht her, doch jetzt, wo ich mir das routinierte Spektakel anschaute, fühlte ich nichts, gar nichts, nur das Brennen der heissen Nachmittagssonne im Nacken.

“Haben Sie Feuer?” fragte ich eine Raucherin, die mit zwei anderen Raucherinnen zusammenstand. Sie zündete mir die geschnorrte Zigarette an, ich nahm drei hektische Züge und trat die scheiß Kippe auf dem Betonboden aus.

Schluss jetzt.

*

Sie rauschen in ein energetisches Loch, so stand es geschrieben.

Das waren genau die Worte, die Sanne einen Tag vor meinem Infarkt aus dem Wochenhoroskop vorlas, aus unserem Wochenhoroskop, wir sind schliesslich unter ein und demselben Sternzeichen geboren, Jungfrau, aber es gibt Worte, auf die reagiere ich nicht, die rauschen an mir vorbei, als wären sie niemals gesprochen worden.

Nicht in meinem Beisein.

Worte wie energetisch oder “Kohlenstoffwelt”, oder wie PARAMETER. Kotzworte, mickriger Füllstoff, auf den die Leute auch noch stolz sind, wenn es aus ihren Mäulern kraucht. Modebuchstaben mit eingebautem Ausrufzeichen, Angeberworte. Aber nicht die Art Angeberworte, die man aus einem offenen Karman Ghia aufschnappt, der bei Schneetreiben an der roten Ampel steht, nichts imposantes, nichts witzig-krachledernes, bloß plumpes Aufplustern. Aber was juckt mich das noch. Jetzt, wo mir das Herz zusammengekracht ist. An einem Donnerstag im Mai. Halb elf am Vormittag.

Juckt mich das alles nur noch am Rande.

Denn plötzlich kracht mir das Herz jeden Vormittag zusammen. Immer, wenn der Uhrzeiger auf halb elf vorrückt. Spätestens 10 Punkt 40. Zieht es im Herzen. Durchzug, Kammerflimmern.

Panikattacken.

- IST DER HERR PANIK-ATTACHÉ ZU SPRECHEN?! -

- NEE, DER IST SCHON WEG! IST SCHON GEFLÜCHTET! -

Nicht, dass ich darauf hinzielte, dass ich mir Panik wünschte, natürlich nicht. Nein. Es passiert einfach. Jeden verfluchten Vormittag, an dem ich mein Zuhause verlasse, verlassen muss, kommt das Trauma über mich als eine Reihe schwerer Körpertreffer: wie an dem Tag, als ich am Fronhof langsam zu Boden ging und niemand war da, der mich anzählte. Kein Ringrichter, der so was kommen gesehen hätte. Kein Trainer mit weissem Handtuch in der Hinterhand. Niemand war da. Nur ich und mein Hund und ein paar Menschen, die nicht darauf vorbereitet waren, einem Mann gegenüberzustehen, dem, käsebleich und schwitzend, gleich das Herz zusammenkracht. Wie auf einem Schrottplatz.

(Die Retter kamen später. Die Retter kommen immer später. Man liebt die Retter dafür, dass sie später kommen.)

*

Intensivstation, 13 Uhr 30.

Vor anderthalb Jahren lag mein Vater auf der Intensivstation, mit einem schweremn Herzinfarkt, und ich schrieb: Auf der Intensivstation liegen Männer und Frauen Bett an Bett, es wird kein Unterschied gemacht zwischen Männern und Frauen, es gibt nur einen Unterschied auf der Intensivstation, das ist der Unterschied zwischen Leben und Tod.

Einige Monate später starb meine Mutter auf der Intensivstation an einem Herzanfall, und jetzt lieg ich selbst mit einem Infarkt auf der Intensivstation, höre das Auf und Ab der Beatmungsschläuche, die meine Nachbarin mit Atemluft versorgen.

Ich weiss nicht, wie die Frau aussieht, die keine drei Meter von mir entfernt mit dem Tode ringt. Ein weisser Rollverhang verstellt den Blick auf ihr Bett, nur gelegentlich, wenn ich mich ein Stück aufrichte, sehe ich ihre Füße am Bettende, nackig, reglos.

Ich höre die Gespräche der Schwestern, wenn sie die unbekannte Nachbarin umbetten, wenn sie einen neuen Verband anlegen müssen, oder wenn irgendetwas geswitcht wird.

“Nicht erschrecken, liebe Frau Meyer, wir switchen Sie jetzt.”

Was wird denn da geswitcht? wollte ich die Schwester noch gefragt haben, aber dann hab ichs vergessen.

Krankenschwestern auf der Intensivstation sind bemerkenswert zuvorkommend, fast warmherzig, geschult vom Elend, vielleicht, keine Ahnung. Schwester Simone wohnt übrigens am Kannenhof, ein paar Blocks nur entfernt. Sie ist es auch, die mir am zweiten Tag den einzigen TV-Apparat der ganzen Station ans Bett rollt, damit ich das Pokalfinale sehen kann.

Die meisten Patienten gucken hier sonst kein Fernsehen, kichert sie.

Schwester, sag ich, was ist mit der Frau neben mir los?

Ich erfahre, dass sie schwer lungenkrank ist und tags zuvor einen Luftröhrenschnitt erhalten hat, ansonsten aber austherapiert ist.

“So liebe Frau Meyer, nicht erschrecken, wir müssen nur kurz die Beatmungsschläuche tauschen.”

Es sei unklar, so Schwester Simone, ob die arme Frau überhaupt noch etwas mitkriegt.

Ja, ist sie denn im Koma?

“So ähnlich”, sagt sie ausweichend.

Die Schwestern sprechen dennoch mit der Patientin, als verstünde sie jedes Wort, als ich Samstagmorgen, halb im Bett liegend, halb sitzend, in Zeitlupe Kaffee und ein Brötchen mit Marmelade frühstücke. Ich trage ein weisses Plastikbändchen am Handgelenk mit Namen, Geburtsdatum und Fallnummer, sowie ein frisches hellblaues Engelshemdchen am Leib, hinten offen, die Arschbacken frei.

Können Sie mir das mal zubinden, Schwester?

Die ständige Alarmbereitschaft der Apparaturen rund um mein verkabeltes Bett, medizinische Hochleistungsapparate, die LIFE VIEW heissen und INTELLI-VIEW und an Baywatch erinnern, an braungebrannte Rettungsschwimmer, jederzeit bereit, ein absaufendes nölendes Herz aus den Fluten zu heben, einen Schlaganfall zu glätten, komm her, du! Falscher Hase! Wir retten dich.

Wir betten dich um.

*

Seit der Lucky Luke Kippe gönnte ich mir noch zwei weitere Zigaretten, hab an beiden aber nur ein Mal gezogen. Macht insgesamt fünf Lungenzüge in fünf Wochen, bei fünf Kilo Verlust an Bauch, macht pro Zug ein Kilogramm weniger. Das ist doch kein richtiges Rauchen mehr. Kein heiliger Akt, keine Medicine. Nein, vorbei. Künftig heisst es, wie es schon mal geheissen hat, damals, als wir uns kennenlernten,

Erprobung herzstärkender Mittel.

Thomas Kling, Eremitenpresse, 1985.

*

“Da sind Sie dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen”, so Schwester Simone beim Anlegen der bunten Krokodilsklemmen. Sie will ein EKG anfertigen. “Das war sozusagen Rettung in allerhöchster Not.”

Tatsächlich war eine der drei Hauptarterien, die das Herz mit Blut versorgen, schon seit geraumer Zeit dicht. “Der Herzmuskel wurde nicht mehr mit Blut versorgt.” Die zweite Arterie war nur noch zu 20 Prozent offen und die dritte so akut mit Plaque verstopft, dass es den Infarkt auslöste.

“Sie haben mächtig Massel gehabt, dass Sie so schnell im OP gelandet sind. Stellen Sie sich nur mal vor, Sie wären gestern im Wald gewesen. Das hätte unter Umständen viel zu lange gedauert bis ..”

“Ich war vorgestern im Wald,” sag ich, fast ein bisschen empört. Tief im Wald, mit dem Hund, Stöckchenwerfen.

“Na, sehen Sie.” (Große Augen.)

*

Als ich noch im Klinikum lag, rief Karlos zwei Mal zu Hause an und hinterliess kurze Nachrichten auf der Mailbox, jeweils gegen 19 Uhr. Er hatte keine Ahnung, was passiert war, dass ich im Krankenhaus lag. Er forderte mich auf, alles stehen und liegen zu lassen und in Turnschuhen und Trainingshose, “hast du noch die alte blaue von adidas?”, runter zum Käfig zu kommen, eine halbe Stunde kicken. “Ich bin seit gestern wieder im Training. Los, Glumm, mach hin, ich bin in fünf Minuten im Käfig.”

Sanne hörte die Nachrichten ab und war sich nicht sicher, ob sie Karlos zurückrufen solle, ob mir das recht wäre.

“Nee, lass mal. Ich rufe Karlos selbst an.”

*

“Ich konnte nicht zum Käfig kommen”, sagte ich ein paar Tage später am Telefon zu Karlos, “ich hatte einen Herzinfarkt.”

Und dann erzählte ich ihm, was passiert war an diesem 10. Mai 2012. Erzählte ihm vom Sofa in den Gemeinderäumen der Evangelischen Stadtkirche, im Untergeschoss, wohin ich geflüchtet war, als ich mir in der Innenstadt, genauer: am Fronhof, nicht mehr zu helfen wusste, mit diesem elenden Getrampel in der Herzgegend, mit Frau Moll an der Leine, mit dieser scheiß Angst zu sterben, und doch: wie seltsam kühl mich alles liess. Fast ein wenig.. lästig.

(Diese überraschend alltäglichen Gedanken, die mich beherrschten, als der Tod schon anklopfte: wohin mit dem Hund, wenn der Krankenwagen kommt, obwohl mir doch klar war, dass gerade etwas schlimmes in meinem Körper vorging. Denkt man nur alltägliches Zeugs.)

Ich erzählte Karlos von den Minuten auf dem Sofa, dem Warten auf den Rettungsdienst in den gebohnerten Gemeinderäumen der Stadtkirche, in der Karlos Vater lange Jahre als Küster gearbeitet hat. Wo wir ihn als Teenies oft aufsuchten, weil Karlos einen Schlüssel abliefern sollte, oder weil sonst eine Kleinigkeit zu tun war. Ein Konfirmandenunterricht vorbereiten, Kaffekochen, Kuchen anschleppen.

Können wir noch etwas für Sie tun? fragten die Gemeindeleute, nachdem sie die 110 gewählt hatten, aber ich schüttelte kaum merklich den Kopf und flüsterte: “Nein. Ich hab einen Herzinfarkt. Vielleicht ein Glas Wasser.”

Suche einen Ort, der dir gut bekannt ist, wenn der Tod anklopft mit langen dürren Fingern. Wenn noch Zeit bleibt. Wenn man es sich noch aussuchen kann. Das beruhigt.

Ausgerechnet am Fronhof.

Ich war mit dem Hund auf dem Weg zur Sparkassen-Filiale am Fronhof, bin schnell gegangen, hastig fast, an diesem bleiern-schwülen Vormittag. Bekam plötzlich schlecht Luft. Erst glaubte ich, es wäre das übliche Asthma. Das, was ich immer glaubte in der letzten Zeit, wenn es irgendwo steil bergauf ging. Ich inhaliere zwar seit langem kein Spray mehr, doch wenn ich den steilen Klauberg hochging, um meinen alten Vater zu besuchen, musste ich nach der Hälfte stehenbleiben und pausieren. Und jedes Mal dachte ich: Verdammtes Asthma. Scheiss Kippen. War aber kein Asthma. War das Herz.

Am Fronhof liess ich die Sparkasse links liegen, versuchte Luft in meine Lungen zu lassen. Vorbei am Hähnchengrill, vorbei an der Laderampe des Kaufhof, vorbei am Obststand, an dem Erdbeeren verkauft werden, Erdbeeren aus den Leichlinger Sandbergen. Eine lokale Spezialität.

“Sie auch junger Mann? Eine schöne rote zum Probieren?”

Den Hund an der Leine ging ich über den leeren Platz, der grau schimmerte im Sonnenschein, die fröhliche weibliche Stimme aus den Sandbergen verfolgte mich.

“Möchten Sie auch mal kosten, junge Frau? Nee, nicht zum Sattessen. Ist zum Sattessen zu schade.”

Gelächter, und mir gehts immer schlechter. Das ist kein Asthma, denk ich zum ersten Mal, das ist nicht in der Lunge, das ist in der Brust. Das Herz. Da drin ist alles dünn. Dazu dieses stückweise Hinweggleiten, wie bei einem fremden, gleichwohl bekannten Manöver. O LAND LAND LAND, HÖRE DES HERREN WORT. Ausgerechnet.. am Fronhof.

Und wenn ich ins Krankenhaus muss? Wohin mit dem Hund? Der lässt doch keinen Sanitäter an dich ran.. Der verteidigt dich, auch wenn du erste Hilfe brauchst. Der beisst den Feind weg. Ich lasse mich auf einer der grünen Drahtbänke nieder. Versuche, zu entspannen. Zu relaxen. Auf dem Rücken liegen. Geht nicht. Ein Schulmädchen im Sommerkleidchen, wippende weisse Waden, fröhlich im Gemüt, nehme ich noch aus den Augenwinkeln wahr, als der Tod, die Kanaille, schon den Schlüsselbund hervorzieht, es rasseln lässt.

Ich versuche es mit einer Entspannungsübung wie beim RSV früher, wenn ich nach einem langen Sprint k.o. war: den Rücken durchdrücken, dabei die Arme hinterm Kopf kreuzen. Das entlastet die Lunge. Jetzt nicht. Nichts entlastet mich. Ich bin in ein Stahlkorsett gepresst, das Korsett zieht sich enger zu. Ich kann kaum noch durchatmen. Es ist, als hätte meine Lunge auf magere Schnappatmung umgestellt. Mageratmung. Ist das Sterben? So schmal? So dumpf, so mager?

Mein Bewusstsein schwindet, taucht sekundenweise ab, und immer hektischer werden meine Schritte, gleichzeitig kraftloser. Beinah.. milde. Wind fegt über den grauen leeren Platz. Links die Treppe, wo die Solinger Lieferfrau ihr Denkmal hat, die Stufen runtertaumeln, dann keine 20 Meter bis zum Hintereingang der Stadtkirche. Die Eingangstüren liegen im Schatten, sind geöffnet, ausnahmsweise. Ich geh in den Flur. Im Vorraum lege ich mich auf eine Holzbank, auf den Rücken, es riecht nach Politur. Ich will sterben, sag ich. Wispere ich. Ich will diesem Zustand entfliehen. Dieser Schwäche, die wie ein schweres knochiges Tuch über mich niedergeht.

Ich kauere in der Ecke.

Der Hund, die ganze Zeit dabei, angeleint, blickt mich an. Unsicher. Die Contenance wahrend, mühsam. Jetzt langsam den dunklen Flur hinunter, ich höre Stimmen hinter verschlossenen Türen. Wohin mit dem Hund, wenn der Krankenwagen kommt? Der kann ja wohl kaum mitfahren. Ich kann mich nicht entscheiden, geh den Flur zurück, in den Vorraum. Mit kleinen Schritten. Schwitzend. Das Bewusstsein.. wegrutschend, der Brustkorb ein Barren, dem die Holme wegbrechen. Als hätte ich Tag und Nacht Filterlose geraucht, und jetzt fliegt mir der Laden um die Ohren. Die Schläuche.

Bevor ich alles aus der Hand gebe, falle ich einen Entschluss: du willst nicht sterben, nicht hier. In einer Kirche schon, das geht in Ordnung, an sich, doch nicht in den Gemeinderäumen. Bei Kaffee und Kuchen. Zurück, den dunklen Gang hinunter. Als ich anklopfen will, öffnet sich eine Tür. Schweiss pläddert an mir runter, als käme ich aus einem unbekannten Platzregen. Erschrockene Blicke.

Können Sie den Notarzt rufen? Ich hab einen Herzinfarkt.

*

Die neue No. 3 (Opa erzählt vom Krieg)

Mitte der Neunziger war ein Tag wie der andere. Ich jobbte als Nachtportier im Hotel, auf dem Weg zum Nachtdienst besorgte ich mir Pulver, tagsüber versuchte ich Schlaf zu finden und Streit mit der Gräfin aus dem Weg zu gehen.

Ich hatte eine neue Stammdealerin. Selbst in der Szene war sie kaum bekannt, das hatte seinen Grund. Sie war supervorsichtig. Sie belieferte exakt drei Kunden, drei und nicht einen mehr, damit erst gar kein Gerede aufkommen konnte. Sie hatte panische Angst davor, im Knast zu landen. Da sie einer regulären Arbeit nachging, sie buckelte auf dem Büro, empfing sie ihre Kunden erst nach Feierabend, einen nach dem anderen. Eins, zwei, drei. Jeder bekam eine Viertelstunde. Als Dealerin war sie perfekt, ein gut geöltes Maschinchen, und sie liess uns niemals hängen.

Als sie selbst einmal auf dem Trockenen saß und es sich abzeichnete, dass sie erst am folgenden Abend wieder frisch sein würde, gab sie jedem von uns ein kleines Fläschchen Polamidon mit, damit wir über die Runden kamen und nur ja nicht woanders kaufen mussten. Sie war eine treue Seele, eine Krämerseele, und sie war eine Kauffrau.

Wenn alles seinen gewohnten Lauf nahm, saß sie Punkt halb sechs mit stämmigen und ungeheuer weißen Schenkeln in ihrem überheizten Wohnzimmer und arbeitete auf der elektronischen Feinwaage nacheinander die Bestellungen ab. Sie trug Shorts und hieß Jutta, aber wir nannten sie nur die Unke. Es lag an ihren Augen. Sie wölbten sich aus den Höhlen hervor wie Froschaugen, und sie schwammen geradezu in Tränenflüssigkeit. Es war, als hätte sie ein Depot angelegt, um jederzeit Zugriff auf ihre Tränen zu haben. Sie hätte eigentlich an einem feuchten Tümpel leben müssen, doch sie wohnte in einer hellen trockenen Drei-Zimmer-Wohnung im zweiten Stock, und in der Luft hing der schwere und süße Geruch von Patschuli.

Ich war nur in ihren erlauchten Kundenkreis gerutscht, weil ex-Kunde No. 3 für 24 Monate in den Bau musste. Selbst bei guter Führung und Entlassung auf zwei Drittel war er für mindestens anderthalb Jahre weg vom Fenster. Ich kannte ihn nur vom Sehen, wusste aber, dass es das übliche Junkiespiel war. Das Gericht hatte ihn aufgrund irgendwelcher halbgarer Aussagen verknackt, die andere Süchtige in der U-Haft gemacht hatten. Da ließ man sie so lange ohne Heroin oder Methadon zappeln, bis es ihnen schlecht genug ging und sie irgendeinen Scheiß verzapften, belastende Aussagen machten, ob die nun der Wahrheit entsprachen oder nicht, wen juckte das schon. Was bei jedem anderen Delikt kaum zu einem Verfahren geschweigedenn zu einer Verurteilung gereicht hätte, bei Rauschgift wurde alles abgenickt, alles ging durch, die lächerlichsten Beschuldigungen, weil so viele vom Elend der Junkies profitierten.

Junkies versorgten eine ganze Maschinerie aus jungen Kripobeamten, die sich ihre ersten Sporen verdienten, desillusionierten Drogenberatern, Gefängniswärtern, Psychologen, Bewährungshelfern, überforderten Ärzten, Arzthelferinnen, Apothekern, Gesundheitsamtmitarbeitern, Justizangestellten, Zollbeamten und Mafiosi. Jeder wollte ein Stück abhaben vom Junkie, der in aller Regel nichts anders tat, als sich selbst zugrunde zu richten. Und dafür wurde er auch noch bestraft und in eine Zelle gesteckt. Es war beschämend. Es war zum Kotzen.

Die Preise für schmutziges Strassenheroin blieben gegen jede Marktregel von Nachfrage und Angebot in künstlichen Höhen, weil der Staat sich seit Jahrzehnten anmaßte, die eine Droge als illegal zu brandmarken und damit dem Schwarzmarkt auszuliefern, während die andere Droge, Alkohol, billig und sauber in jedem Dorfkiosk zu kaufen war.

Es war grotesk. Ein Gramm gepanschtes Heroin kostete 100 Mark auf der Strasse, man wurde krank davon und wusste nie, welcher Zwischenhändler welches Streckmittel benutzt hatte, es war jedes Mal ein Vabanquespiel mit der Intensivstation. Was ein Gramm sauberes Heroin gekostet hätte? Fünf Mark, vielleicht zehn Mark, und der Hersteller hätte dabei immer noch seinen Schnitt gemacht. Aber Junkies hatten keine Lobby, es kümmerte niemanden, was mit ihnen geschah. Junkies kümmerten sich nicht mal um sich selbst, und sie steckten ständig in der Scheiße.

Schön. No.3 war also weg vom Fenster. Die Unke erkundigte sich bei ihren beiden verbliebenen Kunden, wer denn nun die neue No.3 werden sollte. Sie war eine altgediente Gewerkschafterin, der das Mitspracherecht der Arbeitnehmer noch etwas galt. Sie war der Boss.

“Hat einer ne Idee?”

Sie hatte bloß eine Vorgabe: Der neue Kunde musste zuverlässig sein. Mitch schlug mich vor, weil er wusste, dass ich auf der Suche nach einem neuen Dealer war. Mein alter hatte die Dealerei von einem auf den anderen Tag an den Nagel gehangen, weil er Vater von Zwillingen geworden war. Und so wurde ich die neue No. 3 der Unke.

Mitch, die laufende No. 2, kannte ich nicht erst aus Drogenzusammenhängen, wir waren uns schon im Haus der Jugend über den Weg gelaufen. Er hatte riesige Pranken, echte Werkzeugmacherhände, mit denen er eine Weile zum Flipper-King der Stadt aufgestiegen war, in den späten Siebzigern. Zwanzig Jahre später war er schwer alkohol- und heroinabhängig und ging niemals ohne Taschenbuch aus dem Haus. Es musste schon ein ordentlicher Schinken sein, ein Fantasy-Roman nicht unter Minimum 700 Seiten.

Die Exemplare waren zumeist komplett zerlesen, voller Eselsohren, das Cover war faltig und eingerissen und von fettigen Chipsfingern betatscht, aber egal, für Mitch war ein Buch in der Hand überlebenswichtig. Ein Buch in der Hand half ihm, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen wie in  einem langen mobilen Tunnel. Er hatte es drauf, lange Strecken mit dem Schmöker in der Hand zurückzulegen, und er las wirklich darin, er tat nicht nur so. Eigentlich war Mitch heroin,- alkohol- und lesestoffsüchtig.

“Voll polytoxikoman”, meinte er.

Die laufende No.1 im Kundenkreis der Unke war ein schmächtiger stiller Junge mit langem krausen Haar, ein ex-Liebhaber der Unke. Er machte nicht viel Worte, ein sanfter naiver Hippie, irgendwie übriggeblieben aus alten Zeiten. Er kam mit harten Drogen nicht zurecht. Er wurde immer sonderbarer. Er war davon überzeugt, dass sein Handy überwacht wurde, und nachts glaubte er den Funkverkehr der Bullen unter seinem Fenster zu hören und konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Zuletzt zitterte er beim fernsten Getrappel im Hausflur am ganzen Leib, und wenn es dann auch noch klingelte, schmiss er sein letztes Pulver ins Klo und zog hektisch ab. Es hatte ihn voll erwischt. Er sah überall Bullen.

“Glaubst du, ich bin langsam panne?” fragte er mich, und ich antwortete lange nicht darauf. Bestimmt fünfzehn Sekunden. Er ließ sich ins LKH einweisen, freiwillig, bevor andere es für ihn getan hätten. Ich sah ihn nie wieder.

Nachdem ich es in die Stadt geschafft hatte, schob ich das Rad in den Hausflur und lief die drei Stockwerke hoch. Oben angekommen drückte ich die Klingel der Unke. 1x kurz, 1x lang. Nein, auf dieses ausgefallene Klingelzeichen wäre kein Bulle je gekommen! Unter Garantie.

“Die Tür ist offen!” hörte ich die Unke schnaufen. Ihre Nasenscheidewand war vom jahrelangen Sniefen porös geworden, sie klang wie eine Art marodes Brauereipferd. “Komm rein.”

Sie saß am Wohnzimmertisch, mit ihren stämmigen und ungeheuer weißen Schenkeln. Der Tisch war über und über mit Zigarettenfiltern, Aluminiumfolie und anderen Utensilien übersät.

“Hallo”, keuchte ich.

Erledigt vom Radfahren und dem beginnenden Affen fiel ich in den Ohrensessel, einem gemütlichen Altertümchen, das sie vor Jahren auf einem Flohmarkt in Antwerpen erstanden hatte, damals, als sie noch clean und ansehnlich gewesen war. Keine Schönheit, das nicht, aber wild, eine Art Büro-Janis Joplin. Der Schweiß tropfte mir aufs T-Shirt.

“Willst du dich was frisch machen..?”

“Nee, schon okay”, sagte ich.

Sie grinste bräsig zu mir rüber. Erst da ging mir auf, wie sie das meinte, mit dem Frischmachen.

“Ja, klar”, beeilte ich mich.

Frischmachen bedeutete: Junge, du siehst so scheiße aus, ich streu dir erstmal ne Strasse. Zieh das erst mal weg, dann sehen wir weiter. Werd erstmal mal wieder Mensch. Du blöder Junkie.

“Mann.. du schwitzt ja wie ein Schwein..”, näselte sie.

Ich stöhnte zustimmend. Sie reichte eine Illustrierte rüber, auf der etwas Pulver zu einer kleinen braunen Pyramide aufgeschichtet war.

“In zehn Minuten musst du dich aber vom Acker machen, dann hab ich ein anderes Date.”

“Na und? Ich kenn doch deine Leute.”

Weil sie nicht antwortete, blinzelte ich zu ihr rüber. Die Augen waren ihr zugefallen, der Mund stand offen, und ganz langsam, Etage für Etage, sank das Kinn auf ihre Brust. Sie dämmerte. Braunes Pulver, feucht geworden vom Nasenrotz, sickerte aus ihrer Nase. Sie war breit wie tausend Russen. Sekundenschlaf. Der konnte dauern.

Ich schnupfte die Pyramide weg, die sie mir zuvor auf der Zeitschrift, Gala, rübergereicht hatte, und als sie anfing leise zu schnorcheln, nahm ich das Holzbrett ins Visier, das vor ihr auf dem Tisch lag. Den Hügel Pulver darauf schätzte ich auf vierzig, vielleicht fünfzig Gramm. Ich beugte mich vorsichtig über den Tisch, ohne das geringste Geräusch zu verursachen, und trug eine gute Messerspitze vom Pulverhügel ab. Ich lehnte mich zurück und streute mir eine lange Line auf der Gala, die ich so rasch wie möglich wegsniefte. Dann lehnte ich mich zurück. Ich hatte Gänsehaut, und mir war kotzübel, und ich war glücklich.

Sie wohnte in zentraler Lage, am Busbahnhof. Man hörte das Surren der startenden Oberleitungsbusse, Geschrei von Teenagern. Ich schielte immer noch auf das Holzbrett. Auf den Hügel darauf. Warum hatte ich nicht mehr genommen? Sie würde es gar nicht bemerken, die ein oder zwei Gramm weniger. Und selbst wenn. Sie hatte erst am Nachmittag Nachschub bekommen, sie war frisch wie lange nicht. Ich saß da und starrte den Hügel an. Den Fetisch.

“Wieviel?” murmelte die Unke plötzlich.

“Was..?”

“Wieviel du willst.”

Aufgeschreckt kramte ich die Geldscheine aus der Hosentasche. So schnell, wie sie weggesackt war, kam sie auch wieder zu sich.

“Zweihundert”, sagte ich. Ich wusste nicht, was sie mitbekommen hatte und was nicht. Mein Herz schlug wie verrückt.

“Zwei Blaue willst du? Hey.. hast du im Lotto gewonnen?!” Sie kicherte käsig und machte die Bestellung fertig. Glück gehabt.

Auf dem Rückweg hielt ich vor einem Altbau an der Florastrasse. Ich hatte kaum mein Rad abgeschlossen, schon riss Felix das Fenster auf.

“Komm rauf, Alter..!”

Ich wurde bereits sehnsüchtig erwartet. Ich war überfällig. Die zweihundert Mark waren ja nicht von mir, ich hatte die Kohle zuvor in der WG abgeholt. Die war jung, die WG, zwei Jungs und ein Mädel, Anfang Zwanzig, auf dem Weg in die Sucht. Sie hatten die Kohle mühsam zusammengeschmissen. Ich lieferte 1,4 Gramm ab. Für zwei Blaue. Was ein scheiß Kurs. Die Unke war von ihrem Lieferanten beschissen worden, dann hatte sie mich beschissen, nun beschiss ich die Greenhorns von der Florastrasse. Es war eine einzige groß Bescheißerei und kein Ende in Sicht.

Ob die drei wohl auch noch jemanden bescheißen würden, fragte ich mich, nachdem ich mich so schnell wie möglich verabschiedet hatte. Noch im Hausflur begegnete mir ein verschwitztes junges Mädchen, dem es nicht gut ging. Es hechelte die Stufen hoch, und drückte die Klingel.

“Ist offen..!” hörte ich noch.

Kleine Insektenkunde

Nishi Schumann hatte ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau mit Bravour bestanden und war nun auf dem Sprung in die große weite Welt der internationalen James Bond-Hotellerie.

“Hm, und dann fängst du ausgerechnet bei uns im Turmhotel an?”

“Ja wieso denn nicht ist doch phantastisch die Aussicht hier oben an klaren Tagen sieht man den Kölner Dom der geregelte Dienst die netten Kollegen ich mein du arbeitest schließlich auch hier und so als Sprungbrett ist das voll okay hier ich mein ich will das Turmhotel ja nicht unbedingt heiraten ..”

Ihre Redegeschwindigkeit stellte alles in den Schatten. Sobald sie den Mund aufsperrte, tanzten und surften ihre Worte, dass der Speichel nur so spritzte.

Es war 22 Uhr 20. Sie hatte bereits seit zwanzig Minuten Dienstschluss, doch ihr Wagen war in der Werkstatt und der nächste Bus fuhr erst in einer Dreiviertelstunde. Nishi kauerte im Büro in meinem geliebten Chefsessel und futterte Salat mit Joghurt-Dressing, wobei die Gabel unablässig gegen ihre Schneidezähne schlug: tzangg, tzangg, dangg. Dangg tzzangg! Wie in einer prolligen Porzellanmanufaktur.

(Schmatz, schlürf, speichel.)

Es war grausam, es war stupid. Ich war seit zwanzig Minuten im Dienst und schon vollauf bedient. Auch wenn Nishi ein kleines Persönchen war, ihr Speichelfluss war enorm und die Zähne standen wie Reklametafeln im Maul. Sie war Woody Woodpecker, wenn er ein Loch in den Baum pickte. DANGG!

ZANKK!

Ich starrte verzweifelt in den Kabelfernseher, versuchte den Sound zu ignorieren, die  Ohren abzutöten. Hörte sie sich selber denn nicht?! Hatte sie keinen Draht für die eigenen Geräusche??  Es machte mich fertig. Natürlich kannte ich das Phänomen, dass Geräusche, die man bei einem selbst toleriert, bei Anderen doppelt nerven, doch hier lag die Sache auf der Hand: das war Lärmbelästigung unter Arbeitskollegen.

Ausserdem konnte ich nicht nachvollziehen, dass sie freiwillig auch nur eine Minute länger im Hotel war als nötig. Selbst wenn es noch etwas dauerte, bis der Bus kam, konnte sie sich immer noch an die Haltestelle am Graf-Wilhelm-Platz setzen und auf den Mitternachts-Bus warten, bei diesem lauen Sommerlüftchen. Aber meine stillen Einwände kümmerten sie nicht, Nishi Schumann aus Remscheid spachtelte ihren Krachsalat mit einem Gleichmut zu Ende, der mich schon wieder den Hut ziehen liess, vor soviel Stumpfsinn. Immer schön gegen die Plakatwand gesemmelt.

Wochen später fing sie mich in der elften Etage ab, als ich aus dem Aufzug stieg. Sie war völlig aufgelöst, hatte hektische Flecken am Hals, Spucke flog umher wie aus der Spritzpistole.

“Endlich kommst du da bist du ja endlich die Ablösung Himmel sei Dank ich werd noch verrückt hier ich dreh am Rad was sind das für eklige Insekten die hier unterwegs sind hoppeln hier rum wie winzige Ziegen..”

Ziegen? Was redete die da?

“Was für Ziegen?”

“Keine Ziegen, Insekten! Schon den ganzen Nachmittag hab ich versucht den Chef zu erreichen aber da geht keiner ran bin ich froh dass du hier bist so was ekliges und Gott ist mein Zeuge das hab ich noch nie gesehen.. Kennst du die?”

“Nein. Nicht, dass ich wüsste.”

Der Job war für sie gelaufen. Das Kündigungsschreiben hatte sie bereits aufgesetzt und unterzeichnet, sie bat mich nur noch, es der Chefin am folgenden Morgen auszuhändigen. In der Aufregung hatte sich ihre Redegeschwindigkeit noch verdoppelt und erreichte locker die Frequenz, mit der junge Teenager-Kolibris Zungenschlag üben.

Sie sprach davon, dass man hier nicht weiterarbeiten könne, beim besten Willen nicht, selbst wenn man den besten Kammerjäger der Stadt engagierte. Sie führte mich den Flur runter und machte gegenüber der Wäschekammer halt.

“Ich geh da nicht rein da hab ich sie zuletzt gesehen hier sind sie reingehüpft gehoppelt über den Flur ich weiß das klingt verrückt wenn ich hier von ekligen Mini-Ziegen quassle du denkst auch die Alte hat sie nicht mehr alle die spinnerte kleine Schumann aber jede Wette wenn du das Geviech gesehen hättest mit langen dünnen Hörnern so Antennen am Kopf das hast du noch nie gesehen..”

“Setz dich doch erstmal hin”, sagte ich, “und beruhige dich.”

“Nein ich muss hier raus!” schrie sie.

Es klingelte. Ihr Vater war da, er kam mit dem Wagen, um sie abzuholen.

“Machs gut”, rief ich ihr hinterher, doch sie drehte sich nicht mal um, als sie in den Aufzug stieg. Sobald sie fort war, setzte ich den gesamten elften Stock unter Flutlicht. Ich inspizierte zuerst die Wäschekammer, ergebnislos. Dann den großen Frühstücksraum und alle Zimmer der elften Etage, auch die, die zur Zeit nicht vermietet waren. Es konnte ja durchaus sein, dass Geschäftsleute aus Afrika oder Südamerika irgendwelche exotischen Käfer eingeschleppt hatten, davon las ich immer wieder. In klimatisierten Gepäckräumen flogen sie behaglich um die Welt und kletterten dann im Turmhotel erfrischt aus den Koffern und Gepäckstücken, um in Übersee eine neue Kolonie zu eröffnen. Ein neues Insektenkonto anzulegen.

Andererseits war Nishi Schumann reichlich überspannt. Ich mein, sie hatte japanische Vorfahren. War es nicht so, dass sich beim Sumo-Ringen schrankgroße wabbelige weiße Schaben gegenseitig aus dem Ring schoben und dafür vom Volk auch noch gehuldigt und gefeiert wurden?

Weil sich aber nirgends auch nur die Spur eines Insekts fand, begann ich den Frühstücksraum einzudecken. Ich bereitete das Buffet vor, ich machte die Rechnungen fertig für die Abreisen, die am Morgen anstanden, und ich nahm Telefonate entgegen, setzte die Weckrufe auf die Weckruf-Liste.

“Wecken Punkt Sechs Uhr fünfundvierzig, nech?” diktierte mir der Flensburger Arbeitsvermittler für Seefahrt angeschickert in den Block, als er nach Mitternacht an der Rezeption auftauchte. Er zog seine Mütze in die Stirn und freute sich schon aufs Veteranen-Wandern der Marinekameradschaft Flensburg, das jetzt im September wieder auf der Agenda stand.

“Wir marschieren in Zwanziger-Blocks durch Flensburg und singen deutsches Liedgut, ein Lied nach dem anderen. Das ist es doch, was uns Deutsche stark macht, wollen wir doch mal ehrlich sein, Wenn jedes andere Volk schon schlapp macht, singt der Deutsche immer noch, nech..”

Er wankte zufrieden besoffen auf sein Zimmer.

Gegen halb vier baute ich mein Nachtlager. Ich holte einige Sitzelemente vom Empfang rüber ins Büro sowie Laken, Decke und Kopfkissen aus der Wäschekammer. Wenn nichts dazwischen kam, waren jetzt zwei Stunden Ruhe angesagt, bis der Bäckersbursche gegen halb sechs klingelte und zwei Körbe frischer Brötchen in den Aufzug stellte.

Kaum hatte ich auf dem Boden mein provisorisches kleines Bett aufgebaut und mich hingelegt, nahm ich in der Dunkelheit wahr, wie etwas über den Teppich sauste, direkt an meinem Kopf vorbei. Nishi Schumanns Worte noch im Kopf war ich ruckzuck auf den Beinen und stürzte zum Lichtschalter: Festbeleuchtung! Ich ging in die Hocke und sah unterm Schreibtisch etwas, das wie zusammengeknülltes bräunliches Staniolpapier aussah, mit langen Härchen. Oder Beinchen, die in die Höhe zeigten. Es zitterte. Es war widerlich anzusehen. Es kam aus dem Urwald. Es hatte kaum Statur, nichts, woran Augen sich festzuhalten vermochten. Es war ein Zirkuszombie.

Ich hatte ein Tempotaschentuch in der Hand und näherte mich, innerlich schon kotzend, dem Tier. Der Ballen braunes Staniol schien zu spüren, was hier Ambach war, was ihm drohte, er, oder es, entknitterte sich und sprang geradeaus über den Teppichboden und weiter im Zickzack, wie eine Mini-Ziege von Fels zu Fels. Ich meinte sogar die Hörner erkennen zu können, von denen Nishi gesprochen hatte. Es war nicht zu fassen.

“WAS ZUM TEUFEL IST DAS..??”

Ich griff mir eine Illustrierte vom Schreibtisch, ein stabiles Feinschmecker-Magazin und rollte es zum Schlaginstrument. Ich eröffnete die Jagd, doch das Vieh war wendig und flink, auf spindeldürren orientalischen Beinchen machte es sich vom Acker, aus dem Büro raus. Es tauchte unter, war plötzlich wieder da, sprang hässlich durch die Bude, und jedes Mal kam ich zu spät. Ein gutes Dutzend Mal schlug ich mit dem abonnierten Feinschmeckermagazin ins Leere, es knallte und peitschte durchs Büro, ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper. Warum? Weil es so unfassbar hässlich war, es spottete jeder Beschreibung.

Es war wie auf dem Set eines Horrorfilms, wo die gruselige kleine Trickfigur geflüchtet war und nun auf eigene Faust das Filmstudio unsicher machte. Maske, Kameramänner, Tonleute – alle waren kotzen gegangen, bloß ich war übrig geblieben, der Night Auditor. Der Gelackmeierte.

Ich schloss die Bürotür, damit das Viech nicht entwischen konnte. Es schien eine Auszeit genommen zu haben, es hockte unterm Schreibtisch und zitterte. Es hatte Angst. Es war so hässlich, dass es Angst haben musste, zerschlagen zu werden wie ein mieser Konzern, der mit anderen miesen Konzernen verbotene Preisabsprachen getroffen hatte. Ich legte das Hotelmagazin weg, und das dicke Telefonbuch Bergisches Land fiel mir ins Auge. Wuppertal, Solingen, Remscheid. Ich nahm es in beide Hände. Dann wartete ich.

Ich kletterte auf den Sessel und blieb darauf stehen, wie ein Feldherr, in aussichtsreicher Position. Du verdammter Zombie, auf dich werden gleich drei bergische sturköpfige Großstädte niederprasseln.

Wir sehen uns im Ring!

Es dauerte nicht lange. Als das Insekt sein Versteck verließ und frech wie Dreck über den Teppich hopste, ließ ich das dicke Telefonbuch BAPPFFF! aus zwei Metern Höhe zu Boden fallen. Der Zeitpunkt war genau berechnet, schließlich musste ich einkalkulieren, dass das Insekt weiterraste, während das Buch schon in der Luft war. Hätte ich das Telefonbuch auch nur einen Tick zu spät losgelassen, es wäre mir entwischt. So war es mir aber nicht entwischt. Es lag begraben unter Hunderttausenden bergischen Telefonnummern. Zusätzlich, um auf Nummer Sicher zu gehen, setzte ich meine ganzen achtzig Kilo aufs Telefonbuch, und das minutenlang. Die widerlichste aller je auf Erden gesehenen Kreaturen gehörte zerquetscht.

Als ich das Buch schließlich vorsichtig anhob, warf ich einen höhnischen Blick auf den Leichnam.

“Jetzt bist du zerknirscht was?!”

Um Punkt sieben Uhr liefen der Chef und Chefin zum Frühdienst ein. Ich zeigte ihnen den Fang.

“Ein zweiter Zombie muss aber noch auf Achse sein.”

“Wo..?”

“Ja wo, das weiß ich auch nicht.”

Der Chef hielt das Kündigungsschreiben in der Hand. Er war ganz verdattert.

“Wovon spricht die Schumann..? Zwei winzige Ziegen, die hoppeln wie Häschen, das ist doch.. Kokolores! Margot, guck du dir das mal an, was der Glumm zerquetscht hat! Das sieht aus wie Snickers-Papier, oder nicht! Höchstens ne Heuschrecke!”

Er blickte mich an.

“Nichts für ungut, Herr Glumm, aber die Schumann spinnt doch, die olle Lesbe!”

Seit er zufällig ein Telefongespräch belauscht hatte, in dessen Verlauf Nishi Schumann einer Freundin anvertraute, dass ihr bei langen Autobahnfahrten die Mumu schnurrte, hielt der Chef sie für eine Lesbe.

Der Sohn wurde hinzugerufen, noch bevor er wie jeden Morgen nach Bad Honnef fuhr, wo er die Hochbegabtenschule besuchte. Entomologie war sein Hobby. Insektenkunde. Ich zeigte ihm den bräunlichen Brei, der mal ein Insekt gewesen sein sollte.

“Hier ist noch einer unterwegs?”

“Laut Nishi ja”, sagte ich. “Guck mal hier, die winzigen Hörner.”

“Das waren die Fühler”, meinte er.

Der Chefin wurde übel, sie stöckelte aufs WC, gleich neben der Wäschekammer, und kotzte.

“Und die spindeldürren Beinchen”, sagte ich, “bestimmt zehn Stück.”

“Dann ist es kein Insekt”, sagte der Sohn. “Insekten haben sechs Beine.” Er war der einzige, der der ganzen Sache etwas abgewinnen konnte, für sein Studium. “Weibchen vergraben auch schon mal ihre Eipakete unterm Teppich, dann gibt es bald Nachwuchs..”

Ein Aufschrei war zu hören. Er kam vom WC, wo die Chefin vor der Kloschüssel kniete. Wir waren alle drei gleichzeitig vor Ort, der Chef, sein Sohn, ich. Doch zu spät. Das Rückenschild des zweiten Exemplars war bereits vom Pfennigabsatz eines Stöckelschuhs durchbohrt. Wir drängelten uns auf dem engen WC und starrten auf den gefliesten Boden.

“Wenn das kein zerknülltes Snickers-Papier ist”, liess der Chef sich nicht beirren.

Pisser

Bei jeder Party, die Binkenborn veranstaltete, gab es diesen einen Moment, wo ich ihm über den Lärm und die Party-Musik hinweg The day I was born.. zurief, und aus irgendeiner Ecke donnerte es fort, .. I was born a Binkenborn!

Wir waren über mehrere Ecken miteinander verwandt, wobei niemand zu wissen schien, wie es sich mit der Verwandtschaft nun genau verhielt. Das war aber auch nicht weiter wichtig. Unsere Eltern waren seit Jugendtagen eng miteinander befreundet, auch sie hatten schon zusammen gefeiert, das stand mal fest, das reichte.

Dass Binkenborns Parties Legende sind, lag nicht zuletzt an den großzügigen Lofts, die er bewohnte. Das bekannteste war das an der Gasstraße. Wer das Dachgeschoß in dem Gründerzeithaus betrat, verliess die Erde, und es gab Nächte, da fand kaum jemand zurück, und wenn doch, dann nur zeitversetzt und mit Umweg übers Paralleluniversum.

Im Loft an der Gasstraße gab es ein Podest, so groß, dass ganze Blues-Bands darauf jammen konnten, und da Binkenborn ein begnadeter Mundharmonikaspieler war, sein Idol war der große Cannonball Adderley, gipfelte jede Party in einer gewaltigen Blues-Session und Knockin’ on heavens door als Reggae-Version. Dazu flackerte die Discokugel gefährlich nah über den Köpfen hin-und her, getanzt wurde noch auf dem von schmiedeeisernen Putten befriedeten Balkon und im Kabinett.

Zwischendurch musste ich aufs Klo, oder um den alten Kapitän zur See zu zitieren, der das Erdgeschoss angemietet hatte: “Ordnung muss sein, aber schiffen muss ich auch.”

Bei gedimmten Lichtverhältnissen betrat ich das Bad und sah unter mir ein schickes, geradezu edles Klosett, das so niedrig war, als hätte der Architekt es direkt in den Fußboden eingelassen. Literweise Pisse floss aus mir heraus, ein Feten-Mix aus Bier, Wodka und selbstgemachter Ochsenschwanzsuppe, für die Binkenborns damalige Puppe weltberühmt war in der Klingenstadt.

Ich strullerte so schwer, als verrichtete ich eine Geburt im Stehen. Dazu die Party-Musik und das Stimmengewirr von draussen, ich war guter Dinge. Lediglich die Stille zu meinen Füßen irritierte mich, warum da nichts plätscherte.

“Bestimmt ein wattiertes Super-Porzellan”, zollte ich Binkenborn Respekt, beim Abschütteln. Womit er sein Geld verdiente, war mir nie so recht klar geworden, es hatte mit Telefonverkauf zu tun. Das machte Sinn. Auch wenn er einem ein Loch in die Brieftasche laberte, man ging nie ohne das Gefühl, ein ganz dickes Brötchen geschmiert zu haben.

Ich guckte mir das WC genauer an, bückte mich tief runter. Noch tiefer, und ich wäre mit der Nase angestoßen. Kein Fitzel Urin stand in der sanitären Anlage. Der übliche Nösel Wasser aus dem Spülkasten, mehr nicht. Ich machte Licht, dann sah ich es die Bescherung. Direkt neben der Kloschüssel lag ein dicker dunkelroter Plüschteppich. Mit der Schuhspitze machte ich den Test. Es gab dieses flappende Geräusch, wenn man nach dem Wolkenbruch über den aufgeweichten Campingplatz Richtung Klohäuschen watet. Und das mir, dem erstgeborenen Sohn einer gestandenen bergischen Klempnerlegende.

Empört kehrte ich zur Party zurück und behielt die Dame des Hauses die nächste halbe Stunde penibel im Blick. Als sie bekannt gab, mal eben für kleine Mädchen zu müssen, war ich ruckzuck in der Jacke und hörte ihre verstörten Aufschreie erst, als ich die Wohnungstür sachte hinter mir zugezogen hatte und die Treppenstufen nahm, immer fünf auf einmal, down to earth.

Camilla, und die Anderen

“Junger Mann, sagen Sie, ist das hier gar kein Bahnhof mehr?”

“Nee, schon lang nicht mehr.”

“Das gibt’s doch nicht.. Ich muss nach Köln!”

“Einfach links den Weg runter und der Beschilderung folgen, bis zum Haltepunkt Mitte.”

“Haltepunkt.. Ich bin ja nur zu Besuch. Man kennt sich gar nicht mehr aus. Ist denn da auch der neue Bahnhof?”

“Nee, nur ein Haltepunkt. Einfachs links den Weg runter.”

“Und der neue Hauptbahnhof? Wo ist der?”

“In Ohligs.”

“Ohligs? Was macht der denn in Ohligs?”

“Hm, na ja. Der steht da und lässt Züge rein und raus. Was Bahnhöfe so machen.”

Er entfernte sich murmelnd. Dann blieb er stehen, und drehte sich langsam um.

“Aber was ist da bei euch in der alten Schalterhalle los? Da ist doch was los bei euch. Das seh ich doch.”

“Hier ist ne Design-Ausstellung von Studenten aus Europa. Treten Sie ein. Ist öffentlich. Ist umsonst.”

“Jessas, da dank ich schön. Design, nee! Muß ich nicht haben. Ich muß nach Köln-Nippes.”

Man kann nicht sagen, dass der Job eine besondere Herausforderung darstellte. Die bloße Anwesenheit genügte in der Regel, doch zusätzlich zum Hartz 4-Grundgehalt für einen Euro die Stunde ab und zu eine Information raushauen, während man eine Pausenzigarette in Arbeit hatte, mein Gott, es gab schlimmeres. Einen anderen Ein-Euro-Job zum Beispiel. Einen, wo man unter Aufsicht stand. Hier gab es keine Aufsicht, wir waren unsere eigene Aufsicht. Manchmal saß ich eine geschlagene Stunde lang vor der Tür und blinzelte in die Sonne, und wenn ich keine Lust mehr hatte, ging ich in die alte Schalterhalle und setzte mich auf den Stuhl in der Ecke des Kubus und guckte mir meine Schuhe an.

(Was Schuhe anbelangt, die müssen ihren Platz an meinem Fuß erst erkämpfen. Sie müssen robust sein, und Widerstand leisten. Sie müssen das Maul aufmachen. Ich unterhalte mich gerne und nicht gerade selten mit meinen Schuhen).

Den Holzkubus, etwa dreißig Meter lang, fünfzehn Meter breit und nach oben offen wie eine riesige Sperrholzkiste, hatte man in die rundum verglaste 50er Jahre-Schalterhalle des alten Hauptbahnhofs gebaut. Ein großer Holzkubus in der Schalterhalle eines denkmalgeschützten ex-Bahnhofs, darin eine auf sechs Monate angelegte Internationale Design-Ausstellung, die meine Kollegen und ich für kleines Geld zu betreuen hatten, das war die Sachlage.

Wir waren ein loser Haufen von mal sechs, mal sieben Leuten. Gemeinsam war uns, dass wir ein paar Klamotten im Schrank hatten und nicht völlig ruiniert aussahen, schließlich handelte es sich um eine repräsentative Maßnahme. Man rechnete mit Gästen aus aller Welt. Englisch war von Vorteil.

Heidi, Ende Dreißig, Mutter zweier heranwachsender Töchter, bißchen pummelig, aber nicht unansehnlich, war es gewohnt, Dinge zu wiederholen, weil wir Kollegen nie richtig hinhörten. Wenn sie morgens den Sozialraum aufschloss, setzte sie erst mal Kaffee auf, für die ganze Belegschaft. Das hatte sie am ersten Tag der Maßnahme getan, und seither hielt es jedermann für selbstverständlich, dass sie es auch weiterhin tun würde, bis zum Ende aller Kaffeeplantagen und Maßnahmen zur Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen.

Einmal stieß ich gutgelaunt die Tür zum Sozialraum auf und flötete vor mich hin, und weil ich mir sicher war, allein zu sein, ließ ich einen fahren, richtig einen knattern, wie ein einlaufendes Fax, und dann noch einen, laut und übelriechend. Ich ging zur Spüle, wo die Kaffeemaschine mit frisch gekochtem Kaffee stand, und genau in dem Moment, als ich mir den Phosphor-Muff vom Hintern wedeln wollte, sah ich sie: im fahlen Licht, am Tisch, ganz still.

“Oha..”, sagte ich.

Heidi lächelte.

“Ich dachte..”, setzte ich an.

“Ja”, unterbrach sie mich belustigt, “das denken alle. Dass sie alleine sind, wenn ich im Raum bin..”

Wir waren als Ein-Euro-Kräfte engagiert worden, um das Publikum an die Hand zu nehmen und durch die Ausstellung zu führen, aber wir fungierten hauptsächlich als Aufpasser, weil die Leute einfach nicht die Finger von den gut fünfzig Prototypen lassen konnten. Mal war ein Stück Kunststoff abgebrochen, mal fehlte ein Zinken an einer modernen neuen Gabel. Das galt es unter allen Umständen zu verhindern. “Bitte nicht anfassen!” “Please don’t touch!” “Die Flossen da weg!”

Im Sommer bummelte eine 30köpfige Delegation italienischer Bürgermeister und Bürgermeisterinnen aus dem Großraum Mailand durch die Ausstellung. Man war auf Besichtigungstour durchs Ruhrgebiet, wie mir der deutsche Organisator erklärte, und nun wollte man sich anschauen, was junge Designstudenten aus Europa im Ruhrgebiet so ausstellten.

“Ruhrgebiet, soso. Dass Solingen und das Ruhrgebiet wenig miteinander zu schaffen haben, ist Ihnen aber schon klar”, sagte ich zu ihm. “Oder nicht?”

Er nickte ein bisschen ertappt, ein bisschen angefressen, ein bisschen ganz schön griesgrämig. “Das weiß ich schon. Aber die Ausstellung passt nun mal gut in den Rahmen der Rundreise. Ich meine, die Damen und Herren sind ja alle aus der Umgebung von Mailand, also, da haben die naturgemäß mit Design viel am Hut.”

Er wartete darauf, dass ich naturalmente antwortete. Weil von mir aber nichts kam, hatte er etwas Extrazeit gewonnen und musterte heimlich den Bratarsch einer italienischen Dorfbürgermeisterin, die sich zum Kuchengeschirr runterbückte, dem exzentrischen Beitrag einer jungen Design-Studentin aus Ljubljana, wie das kleine Schildchen am Objekt verriet.

“PLEASE, DON’T TOUCH!” schrie Kollegin Camilla und schnellte aus ihrem Stühlchen hoch, trotz ihres immensen Bratarsches.

Willkommen im Europa der Bratärsche.

“Heute Nachmittag sind wir im Binnenhafen Duisburg zu Gast”, fuhr der Organisator der Rundreise fort und ich entfernte mich unauffällig aus dem Kubus. Eine Spezialität von mir und Ergebnis langjähriger Praxis: mich verpissen, Leine ziehen, schön davonstehlen. Darin war ich die Nummer 1. Einer der ganz großen Könner auf dem Gebiet. Davonstehlen war schon immer der goldene Boden, auf dem ich mich bewegte.

Vorm Bahnhofgebäude stand Kollege Donato, ein lässiger Sizilianer, der neunzig Prozent seiner Arbeitszeit mit dem Handy am Ohr verbrachte, die restlichen zehn Prozent gingen fürs Eingelen der Haare und Rauchen drauf. Er rauchte abwechselnd Pall Mall ohne Filter und Peter Stuyvesant, eine abenteuerliche Mischung. Wenn Peter Stuyvesant die Zigarette für den Weltbürger war, dem alles leicht von der Hand ging, dann reichte Pall Mall bis weit in den Weltraum und war starker Tobak.

Donato machte keinen Hehl aus seiner Verachtung für die Ausstellung, diesem ganzen Design-Schnickschnack aus mobilen Zahnarztstühlen, ferngesteuerten Tischleindeckdichs und wellenförmigem Essbesteck. Auch ich hatte Schwierigkeiten, es Ernst zu nehmen, irgendwie war alles Camping, was die Studenten sich ausgedacht hatten, und alles andere als camp.

Zur Mittagszeit floh die 60beinige Delegation aus Mailand ins benachbarte Edel-Restaurant.

“Womit füttert ihr die Italiener denn ab?” fragte ich einen der geschürzten Kellner, ein cooler Bube mit Drei-Tage-Bart. “Spaghetti Carbonara?”

Er zog die linke Augenbraue in die Höhe. Dadurch geriet die linke Gesichtshälfte ins Rutschen, und er sah plötzlich sehr mitgenommen aus, wie kurz nach dem Schlaganfall. So hättest du nie und nimmer einen Ein-Euro-Job bei uns ergattert, dachte ich, nicht bei uns, Freundchen, mit dieser Fratze, halb in den Hals gerutscht.

“Die kriegen Rheinischen Sauerbraten”, murrte er, “mit Möhrchen untereinander.”

Ich beobachtete die Schuljungs, die sich am Bahnhofsvorplatz die Beine in die Skateboards standen, wer der Chilligste war. Sobald einer der Picos sich herabliess und ein Kunststück vorführte, kam Trixi angesprungen, die pummelige ältere Pudeldame, die zum Inventar der Spielhalle Die Dose gehörte. Sie hatte Herztabletten und ein neues Hormonpflaster verschrieben bekommen und nun tanzte und hüpfte sie um die Skater herum, wie ein fabrikneuer Tischtennisball.

Dann war da noch Rentner Charley, der hagere alte Billard-Gauner mit dem Kaspergesicht, der in der Dose als Aufpasser beschäftigt war. Und als inoffizieller Rattenfänger. Das Gelände um den alten Hauptbahnhof hatte einige Jahre brach gelegen, und nun verteidigten die Ratten ihr angestammtes Revier, wollten es nicht kampflos hergeben. Langanhaltender Regen spülte die Ratten aus ihren Löchern, sie promenierten in Mannschaftsstärke die Bahnhofsstraße rauf und runter, in einer provozierenden Selbstverständlichkeit, die den alten Billard-Gauner Charley fast um den Verstand brachte.

“VERFLUCHTES GELICHTER!” brüllte er, und ging auf die Hatz. Er hatte sich dieses Luftgewehr besorgt. Ich hörte einen Knall und ging hinaus. Der alte Gauner hielt eine fette Ratte beim Schwanz gepackt und ließ sie kopfüber baumeln. Er erklärte sie schon für tot, als die Ratte, noch in seinen Händen, sich plötzlich aufbäumte und nach ihm schnappte. Erschrocken warf Charley sie in Richtung Wiese, das Tier landete auf allen vieren und flüchtete im Zickzack davon, während Charley mit dem Luftgewehr nachsetzte, umsonst.

Meine Kolleginnen Camilla und Ute, die beiden renitenten Polit-Weiber, Lieblings-Begriffe faschistoid und Mandat, saßen in der Schalterhalle im Kubus auf ihren Aufpasserstühlchen und verquasselten die Zeit. Dieser unbändige Drang zu quasseln ohne Pause. Ich musste mich in Acht nehmen, dass ich nicht wahnsinnig wurde, wenn ich mich in der Nähe der beiden aufhielt. Dass sie mich nicht ansteckten. Dass ich nicht in ihren Bann geriet und plötzlich mitplauderte, aus endlosen Dampfkästchen.

Camilla hieß mit Nachname Taylor, seit sie in jungen Jahren einen US-Soldaten geehelicht und bald wieder verlassen hatte. Camilla Taylor, hätte sich mit diesem Namen nicht Karriere machen lassen, was sprach dagegen? Sie selbst, wie ich bald erfahren sollte. Mir ist jedenfalls nie wieder ein Weibsbild begegnet, das beim Gehen so bekloppt mit den Armen schlenkerte. Das heißt, es war ja nur ein Arm, der schlenkerte, der andere wurde von der großen Handtasche blockiert. Sie marschierte voran wie beim nordkoreanischen Militär, im Stechschritt, einarmig schlenkernd und quasselnd. Ein anatomisches Wunderkind, mit großer Handtasche.

Camilla und Ute hatten sich angefreundet, eine zwangsläufige Geschichte. Ute, gelernte Sozialarbeiterin, hatte wie Camilla ihren langjährigen Job verloren. Darüber war sie korpulent und missgünstig geworden, sie glaubte, im Leben ständig zu kurz zu kommen und gönnte sich daher beim Abendessen eine Extraportion Kohlenhydrate. Ein Bollwerk aus Nudeln, das mit Männern abgeschlossen hatte. Männer existierten im Weltbild von Ute nur noch als faschistoide Tittengrabscher.

“Wenn schon dicke Titten, dann richtige Euter wie in alten Russ Meyer-Filmen, und nicht so künstliche Ballerbrüste mit Silikonkissen drin”, stänkerte Kollege Norbert, ein arbeitsloser Foto-Laborant, der dabei erwischt worden war, wie er während der Arbeitszeit Pornos aus dem Internet gezogen hatte. Wir hatten alle herzlich gelacht, bis auf Camilla und Ute. Die nicht.

Ute erinnerte mich an die leidende Stutenfresse von Jodie Foster. Aber das hier war die Großtantenversion von Jodie Foster, in Cinemascope. Eine Artistin des Beleidgtseins. Immerzu fand sich jemand Anderes, der an der eigenen Misere Schuld trug, natürlich Männer, die sie an ihrer weiblichen Entfaltung hinderten. Sie haderte und haderte und haderte und haderte. Vielleicht war es ja ihr Job, nein, ihre Berufung, mit der Welt zu hadern. Sie hatte gut zu tun.

Meist hockten Camilla und Ute beieinander und hetzten über Kapitalisten und Männer und große Konzerne, was in ihren Augen ein und dasselbe war. Ich konnte nichts damit anfangen. Linke Aktivisten waren mir ein Greuel. Sie hatten zwar in vielem Recht, was sie anprangerten, das Dumme war nur, dass ständiges Rechthaben wie Rechthaberei klang.

“Frag doch mal die Jugend”, hatte ich zu Camilla gemeint, “ob die noch groß Gerechtigkeit wollen. Ob die das Thema groß interessiert. Die wollen einen schicken Job und ein schickes Auto mit Interieur aus dem Urwald. Das wollen die. Deine beschissene Gerechtigkeit ist denen schnuppe.”

Camilla quietschte vor Zorn. Ihre Schneidezähne waren stumpf geworden vom vielen Saxofon blasen, sie war ein begeisterte Amateurmusikerin, (begeistert, nicht begnadet), und sie quietschte, wenn sie aufdrehte, wie eine rückwärts rasende Tanzmaus.

“Ich kämpfe für Gerechtigkeit und nicht für so eine.. Jugend”, entgegnete sie erregt, “ich kämpfe für.. für.. für mich!”

Ja sicher. Eigentlich mochte ich sie gern. Camilla hatte Herz, und sie quietschte schön mit den Schneidezähnen.

“Und was Gerechtigkeit betrifft”, fuhr ich fort. “Würde man alle Ungerechtigkeiten auf der Erde aufzählen, müsste man um Mitternacht damit anfangen, ohne Pause bis zum nächsten Abend durchmachen und dann früh zu Bett gehen, weil am nächsten Tag soviel Arbeit auf einen wartet.”

“Du spinnst”, meinte Camilla.

Sie war ein Mensch, der sich ständig für neue große Dinge begeistern musste, sonst wurde ihr schnell langweilig. Dummerweise haben große Dinge es so an sich, dass sie selten geschehen, und kleine Dinge fallen durch den Rost. Da muss man sich schon vorsehen, dass am Ende überhaupt was übrig bleibt.

Einmal liess Camilla alte Fotos herumgehen, Fotos aus Kinder-und Teenietagen, auf denen ihre Augen noch sanft und voller Melodie gewesen waren. Wenn sie nun eine Doppelschicht fuhr, was am Wochenende gang und gebe war, also von morgens um zehn bis abends um sechs, dann bröckelte spätestens am Nachmittag ihr Make up und sie sah aus wie eine vertrocknete alte Farbpatrone. Arme Camilla.

“Du spinnst”, quietschte sie.

Zwei Monate nach Eröffnung der Ausstellung kamen immer weniger Besucher, die meiste Zeit saßen wir auf unseren Stühlchen und lasen Clever & Smart oder vertändelten sonstwie die Zeit. Ich guckte auf meine Schuhe, Donato schraubte seine 90 Prozent Handy am Ohr auf skandalumwitterte 97 Prozent hoch, er befand sich in schwindelerregenden Flatratehöhen und rauchte Pall Mall.

Ein paar Tage vor Ausstellungsende erschien ein alter Mann auf Krücken in der Schalterhalle, in Begleitung seiner beiden Töchter. Wir erfuhren, dass er an diesem Tag seinen neunundneunzigsten (!) Geburtstag feierte. Zu diesem Anlass hatte er sich eine kleine Tour durch seine geliebte Heimatstadt gewünscht, inklusive Abstecher zum restaurierten Alten Hauptbahnhof im Südpark.

“Nee! Wat is dat schön jeworden hier!” fuchtelte er mit der Krücke vor meiner Nase herum. “Ich bin ja nen aulen Schlieper!”

Schlieper sind traditionelle Solinger Messerschleifer. Was im übrigen keine einfache Sache ist, Messerschleifen. Das ist eine Kunst für sich. Als Jugendlicher hab ich mal einen Tag lang als Ferienjob in einer Hinterhofbude auf der Baumstrasse  Gemüsemesser geschliffen, die konnte der Chef hinterher samt und sonders in die Tonne kloppen, so stumpf waren die Dinger, wie Frotteehandtücher.

Für seine bald hundert Lebensjahre war der Alte noch verdammt rosig um die Backen. Er packte sich das ausgestellte futuristische Kochgeschirr der Design-Studentin aus Ljubljana und verteilte darauf seine Fingerabdrücke.

“Och, nee! So wat gab et aber früher nich!”

“Nicht anfassen, Vati!” sprangen seine Töchter, auch schon um die sechzig, hinzu, hingen doch überall diese freundlichen NICHT ANFASSEN-Aufkleber, EINZELSTÜCKE!

“Nee, is jut. Ich pack dat nich an. Is ja jut..”

Keine zwei Ausstellungsstücke weiter, die Krücke hatte der Alte längst der Tochter zugeschoben, patschte er mit den Fingern über die transportable Herdplatte.

“Is ja gar nich heiß!” zwinkerte er.

“VATI!!”

Ich gratulierte natürlich zum Ehrentag. “Was ein stolzes Alter”, sagte ich.

“Ich wohn in Widdert”, sagte er. “Kennste Widdert?”

“Ja, sicher kenn ich Widdert. Ich bin Solinger.”

“Ich wohn aber hinten durch, unten an der Wupper, hinter Widdert. Kennste dat auch, Jung? Nächstes Jahr werd ich hundert. Kannste kommen. Bringste die Puppen mit.”

Je länger der kleine Familientrupp zu Gast war, desto mehr interessierte er sich für die Ausstellung. Eine internationale Jury hatte die gelungensten Exponate prämiiert. Ganz vorne war ein mobiler Trinkbrunnen, an jeden Hydranten anschließbar. Die Töchter fragten mich aus, wollten dieses und jenes wissen, und ich erzählte, was ich so alles gelernt hatte während der sechsmonatigen Ausstellung. Viel war es nicht. Eigentlich gar nichts. Ich stand schließlich ständig draußen in der Sonne und rauchte Pall Mall, woher zum Teufel sollte ich wissen, was es mit dem Modell des City Micro Stadtautos auf sich hatte?! Ich geriet ins Schwimmen. Ich kapierte das winzige Ding nicht. Es hatte merkwürdig starre Hinterräder, deren Funktionsweise ich mir nicht erklären konnte, geschweige denn dem Geburtstagskind, das überraschend fit im Kopf war.

“Sieht aus wie ne Lokomotive!” rief der Alte, die Patschefinger schon im Chassis. (Kunsthochschule Berlin-Weißensee). “Aber wie kann dat denn fahren? Dar fährt doch nich! Is doch viel zu stieselig!”

“Tja, das ist äh ein integrales Fahrzeugkonzept für den Individualverkehr”, las ich aus der beigefügten Konstruktionszeichnung die Überschrift vor. “Vielleicht wissen meine Kolleginnen, wie das genau funktioniert, Moment.”

Ich rief nach Camilla und Ute, erhielt aber keine Antwort. Camilla watschelte gerade stupszähnig Richtung Klo, die unvermeidliche Bio-Möhre in Arbeit, und da Kollegin Ute draußen in der Sonne hockte und sich eine Portion Fertig-Nudelsalat gönnte, direkt aus dem Plastikkanister, blieb die Verantwortung wohl oder übel an mir hängen. Die beiden Töchter des Alten blickten einander an.

“Tja, man kann sich das Personal nicht aussuchen”, bedauerte ich, und draußen knallte die Büchse. Charley, der alte Billardgauner aus der Dose, war wieder in Aktion.

“VERDAMMTES GELICHTER!”

Am Tag der Finissage kam ich mit dem Geschäftsführer des Design-Instituts ins Gespräch, das ebenfalls im Alten Bahnhofsgebäude untergebracht war. Man suchte einen Mitarbeiter für die Bibliothek, die, frisch ausgestattet mit 10.000 Büchern rund ums Thema Design, neu eröffnen sollte.

“Mach ich”, sagte ich, und schlug ein.

Die Dinge waren Honig im Sommer 88

 

Die Tussi blieb unbeeindruckt. Beim Ausfüllen des Personalbogens hatte ich wahrheitsgemäß angegeben, seit drei Jahren arbeitslos zu sein, doch das kümmerte sie nicht. Ebenso wenig die Tatsache, dass ich weder Führerschein besaß noch CNC-Fräsen beherrschte, TÜV-Zertifiziert. Erst als sie die Rubrik Stundenlohnvorstellung erreichte, stutzte sie und blickte hoch.

“Sechzehn Mark..? Nee, junger Mann, können wir gleich vergessen. Wir hatten an elf gedacht. Elf Mark, nicht sechzehn.”

Von meinem Stuhl aus konnte ich sehen, wie sie auf dem Personalbogen des Arbeitsamts in Druckbuchstaben ZU HOHE LOHNFORDERUNG eintrug.
Ja verdammt, musste das sein?
Druckbuchstaben machten Lärm, Druckbuchstaben fielen auf. Druckbuchstaben waren Gorillas, die sich ständig auf der Brust trommelten: HIER, ICH!!
UUH! UUH! UUH!
“Moment mal.. Das geht nicht”, sagte ich. “Wenn Sie das so schreiben, kriege ich Ärger.”
“Mit wem?”
“Mit dem Arbeitsamt.”
“Ärger? Wieso? Wenn Sie doch auf Ihrer letzten Stelle gut verdient haben, ist das doch kein Problem. Dann kann das Amt Sie nicht zwingen, eine geringer bezahlte Arbeit aufzunehmen.”

“Na schon..”, setzte ich an.

Sie wartete.

“Aber..?”

“.. bei meinem letzten Job hab ich elf fünfundsiebzig gekriegt.”

“11, 75? Das sind ja gerade mal fünfundsiebzig Pfennig mehr. Warum fordern Sie denn plötzlich so viel?”

“Warum..? Weil man mit dem bisschen Geld nicht hinkommt. Können Sie nicht.. sagen wir, einen anderen Grund angeben, warum Sie mich nicht einstellen?”

Sie rückte die Brille zurecht.

“Was denn für einen?”

Eigentlich sah sie ganz nett aus. Als wäre sie gerade aus dem Bett gestiegen. Verwuseltes Haar, chinesische Teezähnchen. Ich meine, ist doch schöner als perfekt. Eine Personalchefin muss kein Top-Mannequin sein. Dazu dieses neugierige kleine Stupsnäschen. Wie süß. Wen kümmerte da das bisschen Brille..

“Vielleicht.. dass ich untauglich wäre für den Job?”

“Das ist einfache Maschinenarbeit. Das kann jeder.” Sie gackerte.

“Hm ja.. Oder Sie hätten sich für einen anderen Bewerber entschieden. Es haben sich doch mehrere Leute vorgestellt, oder nicht.”

“Damit wir uns recht verstehen, junger Mann.” Ihre Stimme bekam einen harschen Klang, so als hätte sie plötzlich den Kehlkopf durchgedrückt und stünde nun kerzengerade vor mir. “Wir suchen Mitarbeiter für mehrere Maschinen, und soviel Leute hat uns das Arbeitsamt gar nicht geschickt. Und den meisten, die erschienen sind, ist der Stundenlohn zu gering. Wie Ihnen.”

Mir ging es gar nicht um den Stundenlohn. Ich hatte einfach keine Zeit für den Job, ich hatte genug zu tun. Nachmittags war ich Kofferträger im Hotel und verteilte das Gepäck der ankommenden Reisegruppen, nachts arbeitete ich an der Rezeption und beschiss den Chef, wenn ich ein Zimmer schwarz vermietete. Ich klüngelte an allen Fronten. Die Dinge liefen gut in diesem Sommer. Ich war seit anderthalb Jahren mit der Gräfin zusammen, die Sonne war draussen, ich hatte Bargeld satt.

Eine kurze Zeit waren die Dinge Honig, im Sommer 1988.

Nur wenn ich die Zeitung aufschlug, wurde mir zunehmend mulmig. Konjunkturaufschwung, las ich. Jobs, Jobs, Jobs. Was bedeutete, dass möglicherweise selbst für Loser wie mich womöglich ein Pöstchen heraussprang, ein sozialversicherungspflichtiges. Aber davon hatte niemand etwas. Ich würde alles nur kaputtmachen mit meinen zwei linken Händen und Kopfhälften. Nein. Es konnte ruhig alles so bleiben, wie es war.

Pünktlich zum Monatsende überwies Nürnberg die Arbeitslosenhilfe auf mein Konto, nicht sehr viel, doch es reichte für Miete, Strom und eine Tageszeitung. Für den Rest, fürs High Life, wie meine Eltern das nannten, jobbte ich im Turmhotel. Bezahlt wurde cash auf die Hand, in Dollar das Koffertragen, in D-Mark der gelegentliche Nachtdienst. Ich fühlte mich wie Onkel Dagobert im Geldspeicher. Hier ein Zwanni, da ein paar abgegriffene Dollarnoten.

“Things are really honey”, sang ich vor mich hin, eine Zeile aus einem Popsong. Ich hatte vergessen, welcher Song. War ja auch egal. Die Dinge waren Honig, in jenem Sommer 88, bis zu jenem Tag, dem Vorstellungstermin in einem alten Wuppertaler Gewerbegebiet, bei Frau Patzke.

Ich war Mitte zwanzig und wusste immer noch nicht, was ich werden wollte, wenn ich mal groß bin. Schon Jahre zuvor, als Pepe im Knast saß und wir uns gegenseitig Briefe schrieben, war Pepe auf den Punkt gekommen.

Er beschwerte sich darüber, dass dieser Staat sich anmaßte, darüber zu entscheiden, welche Drogen seine Bürger nehmen dürften und welche nicht. Die sollen uns gefälligst in Ruhe lassen, schrieb Pepe zornig, wir tun diesem Land doch nichts. Wir gehen unserer Arbeit nach und zahlen Steuern, dann können wir auch abends was kiffen oder ein Näschen Koks ziehen, das ist doch unsere Sache. Was geht das den Staat an, was ich mit meiner Kohle veranstalte!

Er zählte einige Kumpel auf, die gerne ihrer Arbeit nachgingen und Steuern zahlten. Zuletzt kam er bei mir an, und jäh riss der Faden. Es wollte ihm partout keine bezahlte Beschäftigung einfallen, die zu mir passte.

Du bist ein Outlaw, schrieb er. Dir wird im Leben nichts anderes übrigbleiben, als einen Sommerhit zu schreiben. Dann hast du ausgesorgt.

Ansonsten sah er schwarz.

Frau Patzke, die Leiterin des Personalbüros, starrte auf meine Finger, die eine Zigarette rollten. Ihr Blick verriet erst Ungläubigkeit, dann Hass. Da war nichts mehr mit Stupsgesicht und Teezähnchen. Da war kaum noch Nase. Nur noch Brille, Kassengestell. Ich war zu weit gegangen. Den Tabak aus der Gesäßtasche zu ziehen und mir eine zu friemeln.. Tabak krümelte auf die weiße Resopalplatte des Schreibtischs. Das Gespräch war am Tiefpunkt angekommen.

“Also, das müssen Sie schon selbst entscheiden”, giftete sie. “Wenn Sie mit elf Mark Stundenlohn bei einer Vierzig-Stunden-Woche zufrieden sind, können Sie Montagfrüh anfangen, Punkt sieben Uhr dreißig, und wenn nicht, dann nicht.”

Das Gespräch neigte sich dem Ende zu, mit riesigen Schritten – nein, es war schon draussen auf dem Gang. Ich hörte es trappeln, bis hierhin. Ich saß in der Falle. Das war exakt die Situation, die man bei einem Vorstellungsgespräch unbedingt vermeiden sollte: wenn nichts mehr vor und zurück ging und man selbst der Gelackmeierte in der ganzen Geschichte war.

Der in der Tinte steckte.

“Elf Mark sind zu wenig”, sagte ich und steckte die fertiggedrehte Kippe ein. Ich hatte nie vorgehabt, in ihrem Büro eine zu rauchen. “Da bleiben doch gerade mal tausend Mark im Monat.”

Sie zog eine veraltete Rechenmaschine heran und tippte mit flinken Fingern Zahlen ein.

“.. sind genau.. elfhundertneunzig netto, Steuerklasse eins.”

Ich griff zur finalen Maßnahme.

“Sie hätten doch gar nichts davon, wenn ich hier Montag anfange und nach, sagen wir, zwei, drei Wochen wieder in den Sack haue.”

“Da haben Sie wohl recht”, sagte sie und erhob sich rasch. “Davon hätte ich nur jede Menge Papierkram.” Sie ging zur Tür und öffnete sie, flankiert von einer kühlen Kopfbewegung: UND JETZT RAUS HIER, FAULER POLAKKE!

Ich schlich davon, wie ein begossener Pole.