So erlag er beinahe den Anstrengungen des Krieges gegen sich selbst und den erhaltenen Wunden in hiesiger Stadt.
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Auf der Intensivstation wird morgens eine große Waschschüssel mit lauwarmen Wasser ans Bett gebracht, inklusive Seife und einer Zahnbürste to go. Aufstehen kann ich ja mittlerweile, mich aber nur im Radius der Schläuche und Kabel bewegen, die mich anketten, ein Meter ums Bett herum. Gepinkelt wird in die Urinflasche. Ich mach eine Pulle nach der anderen voll und klingele.
“Ist voll, Schwester.”
Eine der ständig wechselnden Pflegerinnen meint es gut mit mir und stellt zur Morgentoilette eine Dose 8×4 dabei, für eine frische feminine Note. Zur Abwechslung sprühe ich mir tatsächlich einen Hub unter die linke Achsel, und so kommt es, dass mir bis in den Nachmittag hinein jedes Mal Blümchenscheiße um die Nase weht, wenn ich meinen Kopf nach links drehe und aus dem Fenster schaue.
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Am Abend wird meine Lunge geröntgt, mit Hilfe eines mobilen Röntgenwagens. Ich sitze aufrecht im Bett, Röntgenschürze am Sack, Platte vorm Bauch.
“Morgen früh werden Sie auf die Kardiologie verlegt”, sagt die Röntgenassistentin und drückt den Buzzer, wie in der Game-Show. “So.”
Ist die Röntgenaufnahme auch im Kasten.
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Pflegegruppe 32. Zimmer 13.
“Auf einmal geht das KLATSCH! und dann rappelt es wieder und ich lieg da”, erzählt Günter, der neue Bettnachbar. “Wegen dem Zucker”, fügt er frohgemut hinzu.
Günter ist einundsiebzig und ein Veteran, was Krankenhausaufenthalte anbelangt. Vor Jahren, so erzählt er, hatte er Wasser in der Lunge, und da drückte ihm im Besucherzimmer eine russische Handarbeitslehrerin ein Schwämmchen unters Herz. Er demonstriert es umständlich.
“Hier, so. Und dann hat das Schwämmchen da innnerhalb von vierundzwanzig Stunden peu a peu sämtliches Wasser abgesaugt.”
Jedenfalls verstehe ich das so. Sicher bin ich mir nicht. Günter erzählt viel, quasi ununterbrochen, und der Tag hat gerade erst begonnen. Weil er mich aber mit riesengroßen, nach Bestätigung heischenden Froschaugen ansieht, hebe ich den Daumen zum internationalen Gut gemacht-Zeichen: Allerhand, das mit der russischen Handarbeitslehrerin, wirklich, allerhand. Sämtliches Herzwasser, alles weg, hui.
Günter ist ausserdem ein grosser Jerry Cotton-Fan, und er nimmt gern Filme auf DVD auf. Das ist sein grösstes Hobby, Filme aus dem Fernsehen aufzeichnen und später angucken. Er hat daheim ein üppiges Archiv aufgebaut.
“Meistens guckt meine Frau oben einen Film und ich guck unten Krimis, aber manchmal gucken wir uns auch oben zusammen was an und dann schneide ich unten alles auf DVD mit, ist doch kein Thema.”
Einmal erzählt er lang und bräsig von irgendeinem Tatort, den er gesehen hat, ich höre nach einer Weile kaum noch hin. Erst, als ich denke, so, jetzt musst du langsam mal den Kopf heben und nicken, damit er nicht denkt, du hörst gar nicht zu, erst da seh ich, dass er ein Handy am Ohr hat und mit seiner Frau telefoniert.
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“Hast du gestern Tatort geguckt?” höre ich ihre schrille Stimme.
“Ja klar hab ich Tatort geguckt “, sagt Günter.
“Gut. Hab ich für dich aufgenommen. Kann ich dann löschen, oder?”
“Tatort?”
“Ja. Tatort. Hast du doch schon gesehen.”
“Ja, hab ich gesehen. Kannst du löschen. Aber danach bei Inspektor Lewis, da bin ich eingeschlafen. Hast du aufgenommen?”
“Inspektor Lewis hab ich auch aufgenommen. Soll ich nicht löschen?”
“Nee, Lewis nicht löschen! Bin ich gestern Abend nach fünf Minuten eingenickt. Guck ich mir in acht Tagen an.”
“Gut.”
Kommunikation unter Ehegatten ist alles.
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Der andere Bettnachbar, ein Maschinenbau-Ingenieur namens Raschke, stammt ursprünglich vom Chiemsee, lebt aber seit langem im Bergischen. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit und einer fürstlichen Abfindung seines Arbeitgebers geht es im Juli in Rente.
“Meine Frau und ich sind unter die Mobilisten gegangen”, erzählt er und es dauert einen Moment, bis ich kapiere, dass Mobilisten Leute sind, die im Wohnmobil durch die Gegend gondeln.
“Früher sind wir um die ganze Welt geflogen..”, sagt der Mann, dessen bratwürstelrote Gesichtsfarbe den Herzkranken verrät. (“Der hat eine künstliche Herzklappe, die klappert nachts so laut”, so Günter, “als wär er wieder am Kühlschrank.”)
“Heute sind wir froh, wenn wir in Holland morgens aufbrechen, ein paar Meilen fahren und stehen bleiben, wenn wir der Meinung sind, dass es das Richtige für uns ist. Dafür muss man nicht um die Welt fliegen.”
Wieder einmal blickt jemand beifallheischend in meine Richtung.
“Obwohl, ab und zu im Winter eine kleine Fernreise, dagegen ist ja nichts einzuwenden, oder..?”
Ich nicke. “Nee.”
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So modern die Intensivstation auch eingerichtet war, auf der Pflegegruppe scheinen die Krankenzimmer auf dem Stand der 60er Jahre eingefroren zu sein, mit ihrer zerschundenen Möblierung. Als ich das Nachtschränkchen neben meinem Bett genauer in Augenschein nehme, fühle ich mich an eine DDR-Musiktruhe aus dem Jahre 1958 erinnert, designmäßig auf Ostblock-Linie getrimmt. Schön besonders die vielen silbrigen Knöpfe, die sich ins Nichts drehen lassen, die eingebauten toten kleinen Lautsprecher und die Buchsen für den Anschluss von modernen Tonbandmaschinen.
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“Ja, selbstverschnittlauch!” tönt Günter jedes Mal, wenn er in der Früh wach wird und die Augen aufschlägt.
Gerne auch: “Guten Morgen, Kameraden zur See!”
Er ist zucker- und schwer herzkrank und wird morgen operiert. Er bekommt einen Defilibrator eingesetzt. Eine grosse Operation von mindestens drei Stunden Länge. Es ist seine insgesamte siebzehnte OP. Ein Profi durch und durch. Entsprechend weiss er auch, worauf es ankommt: “Man muss vorher noch mal richtig kacken.” Diesen Rat hat er in der ersten Nacht, die ich auf der Kardiologie verbringe, ordentlich beherzigt.
“Wer weiss, wann ich dafür wieder Gelegenheit habe”, schnauft er um halb fünf in der Früh, als die ersten Vögel singen und er zum dritten Mal den Pott aufsucht. Jede Sitzung, jeden noch so kleinen Klecks Stuhl leitet Günter mit einem ausgelassen knatternden Furz ein. Da kennt er nichts. Nichts ist ihm peinlich. Warum auch. Soll doch die Nachtschwester auf dem Flur ruhig wissen, dass Günter wieder auf dem Töpfchen sitzt, früh um halb fünf. Ein echter Spitalprofi. Nicht mal als ihm Pfleger Daniel, 32, drei Stunden später einen Blasenkatheter legt, zeigt Günter Nervosität.
“Wenn meine Frau anruft, sag ihr, wir gucken nächste Woche Inspektor Lewis. Kennst du Inspektor Lewis, Daniel? Ist Klasse. Musst du gucken. Kannst mich ja mal besuchen. Ich hab zweitausend Krimis zu Hause, auf Video und auf DVD.”
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Sanne ruft an.
“Lass uns ein paar Tage an die See fahren, wenn du aus dem Krankenhaus kommst und etwas Zeit vergangen ist.”
Sie träumt von Abenteuern in den Dünen, von Wandern mit dem Hund, von Orten, wo uns niemand erreicht, wo keine Sondermeldung hinkommt, wo der Wind alles erzählt, was man wissen muss.
“Aber erstmal koche ich uns ne schöne Hühnersuppe, wenn du draussen bist.”
“Ja selbstverschnittlauch”, sag ich.
Da freut sich auch der Hund. Bleiben immer ein paar schöne spitze Knochen übrig, und wir haben jedes Mal Schiss, dass er sich die Kehle aufschlitzt. Um so schöner, wenn alles gut geht.
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Mittags steht die Oberärztin vor meinem Bett.
“Also, Herr Glumm, wie ich sehe haben unsere Ärzte Sie wieder von der Strasse weggeschnappt”, scherzt sie mit Blick auf mein Patientenblatt. “Sie sind ja zum ersten Mal im Krankenhaus, und das in Ihrem Alter, Respekt.”
Sie verpasst mir einige Elektroden auf der Brust und ein Maschinchen, das ein 24-Stunden-EKG durchführen soll. Auf dem dazugehörigen Merkblatt lese ich zwar was von empfindlichen Hochleistunggeräten, der Anblick des handygroßen Dings erinnert jedoch eher an Raumschiff Orion und die Untertassen. Auch Günter hatte nur “Mann, sieht das scheisse aus!” gerufen, als er das Gerät tags zuvor am Körper tragen musste.
Die Oberärztin informiert mich über die Risiken der zweiten Herzkatheteruntersuchung, die einige Tage später, am Mittwoch, stattfinden soll, und erklärt den Eingriff anhand einiger Schaubilder. Ein Ballon wird durch die Arterie eingeführt und im Herzen aufgeblasen, um die von Kalk verstopften Gefäße zu öffnen. Dann wird ein Stent, ein kleines Gittergerüst eingesetzt, um das Gefäß auf Dauer geöffnet zu halten. Ich erfahre, dass es dabei, im Ausnahmefall, auch zum Schlaganfall kommen könne. Oder es stellt sich heraus, dass die Arterien so dicht sind, dass kein Stent mehr gesetzt werden kann. Dann wird der Eingriff abgebrochen, “.. und Sie werden über einen Zeitraum von einem Jahr medikamentös weiterbehandelt.”
Das lässt mich aufhorchen. Ich bin schliesslich alles andere als scharf darauf, noch mal in den OP zu müssen.
“Kann man das nicht gleich mit Medikamenten weiterbehandeln? Brauche ich unbedingt noch einen dritten Stent?”
“Ja natürlich”, sagt sie einigermaßen fassungslos, und schickt mich runter auf U1 zur Echo-Untersuchung. Da treffe ich zufällig den Oberarzt wieder, Doktor Dierks, der den Eingriff durchführte, gleich nach dem Infarkt.
“Sie hatten relativ schlechte Karten an dem Tag, als es passierte. Gut, dass Sie so schnell auf unserem Tisch gelandet sind”, sagt er und führt noch einmal aus, wie chronisch kaputt mein Herz schon war.
“Erinnern Sie sich überhaupt noch an mich?” fragt er zum Schluss.
“Nicht wirklich. Nur der Klang Ihrer Stimme kommt mir bekannt vor.”
“Ja, ich musste laut werden, weil Sie einfach nicht still liegenbleiben wollten.”
Ein groß gewachsener Mann, der Oberarzt, kurzes blondes Haar, eher sym- als unsympathisch.
“Bis Mittwoch”, sagt er. “Und keine Angst. Das machen wir schon.”
