Es ist was ganz schlimmes passiert

Schon im gleichen Moment, als ich die angsterfüllte Stimme meines Vaters höre, weiß ich, dass ich den Klang nie mehr los werde, für den Rest meines Lebens.

“Es ist was ganz schlimmes passiert”, sagt er am Telefon, “Mutter ist tot.”

Ich steh in der Küche. Ich bin gerade reingekommen, verschwitzt vom Einkaufen. Mutter ist tot. Es ist was ganz schlimmes passiert. Ich sinke auf den Stuhl nieder.

“Was ist los?” ruft die Gräfin.

“Meine Mutter ist tot”, sage ich tonlos, und zu Vater in den Telefonhörer: “Ich komme sofort.. Ist jemand da?”

Ja, ein Bruder meines Vaters ist bereits da, der Bruder, der zwei Häuser weiter wohnt.

Die Nachricht vom Tod eines lieben Menschen zu erhalten, das ist, als würdest du bei voller Fahrt den Kopf aus dem Zugfenster stecken und gegen einen Mast knallen. Mit dem Unterschied, dass du gar nicht wusstest, dass du im ICE unterwegs bist.

Die Gräfin, Tränen in den Augen, nimmt mich in den Arm. Ich trinke ein Glas Wasser. Ich bin verschwitzt vom Einkaufen. Wieso trinkst du jetzt? Deine Mutter ist tot. Wie kannst du etwas so profanes tun wie trinken? Planeten müssten abstürzen, die Zeit stillstehen, du müsstest im Boden versinken vor Scham.

Ein Glas Wasser.

Ich versuche meine Schwester zu erreichen, sie ist im Winterurlaub in Italien. Sie geht nicht ans Handy. Ich atme auf. Ich will nicht derjenige sein, der die Todesnachricht überbringt, auch wenn man mit dem Tod rechnen musste. Dem Tod dieser rätselhaften stolzen Frau, die es gern schlicht hatte und von der die Gräfin einst sagte, sie sei Igel und Hase zugleich: wehrhaft, und doch ständig auf der Flucht.

Ich rufe meinen Bruder an. Im Kölner Büro.

“Mutter ist tot”, sage ich.

“Ach du Scheisse”, stammelt er leise. “Ich komme. Soll ich dich abholen? Fahren wir zusammen zu Vater?”

Er ist durcheinander, ich höre, wie er schon kurz nach Erhalt der Todesbotschaft die Gedanken sortiert: bloß nicht durchdrehen, jetzt.

Weil die Gräfin an Heiligabend, dem letzten Tag, an dem wir Mutter besucht haben, nicht mitkommen konnte, drängt sie darauf in die Klinik zu fahren, sich zu verabschieden.

“Ich möchte sie noch mal anfassen.”

Wir rufen Vater an, fragen, ob er mitkommen möchte, nein, natürlich nicht, aber wir sollen ohne ihn fahren. Mein Bruder ist sich nicht sicher, ob er Mutter noch einmal sehen möchte, ob er dazu in der Lage ist, und auch ich fürchte, dass ihr schönes Gesicht in meiner Erinnerung fortan zur Totenmaske erstarrt und halte mir die Entscheidung offen.

Zu dritt fahren wir im Wagen meines Bruders durch die verschneite Stadt. Es geht nur langsam voran. Rollsplitt knirscht unter den Rädern, Granulat. Niemand spricht ein Wort. Die Dauerlast des Pappschnees hat Bäume reihenweise umknicken lassen. Wie vom Blitz getroffen sind viele in der Mitte gespalten und umgestürzt; sie zersplittern, noch warm im Fleisch, schmerzhaft schön.

Als wir die geräumte Stadtautobahn erreichen, stoppt mein Bruder am Straßenrand. Er steigt wortlos aus und löst die Schneeketten von den Vorderreifen. Die Situation ist so unwirklich, als bewegten wir uns im Séparée einer Wirklichkeit. Ich fühle mich leer und abgekämpft. Das Spiel meines Lebens: verloren.

Meine Mutter ist tot.

“Meine auch”, murmelt mein Bruder, als er wieder am Steuer sitzt und sich das Eis aus den Kleidern klopft. Sein Atem dampft. Immer wieder höre ich die Stimme meiner Mutter, es treibt mir die Tränen in die Augen: dass ich sie nie wieder hören werde. Wo sie doch so gern geschnattert hat, das Kinn vorgestreckt wie ein Vögelchen den Schnabel: “Ja, du wirst verrückt!” sagte sie gern, wenn man ihr etwas anvertraute.

Du wirst verrückt im Sinne von Ja, das gibt’s doch nicht!

Ich spüre die Hände der Gräfin. Endlich erreichen wir die Klinik. Wir erkundigen uns nach der Intensivstation, doch der Portier schickt uns auf Station 30, wo wir Mutter Heiligabend besucht haben. Frau Wolf, ihre Bettnachbarin, ehemalige Hutmacherin aus Hamburg, telefoniert gerade, sie blickt uns erschrocken an. Noch sind alle Utensilien von Mutter im Zimmer. Ich sehe ihre Brille auf dem Nachttisch, die Reader’s Digest-Hefte. Wir kommen gleich wieder, bedeute ich Frau Wolf, und machen uns auf die Suche nach der Intensivstation.

Der Verabschiedungsraum. Wie sie daliegt, hell angestrahlt vom Deckenlicht. Das weiße Bettlaken ist bis unters Kinn hochgezogen, nur das Gesicht ist zu sehen, ihr spitzes Näschen, wie Toblerone. Das Kinn wird von einer Stütze gehalten. Nichts in ihren friedlichen Gesichtszügen deutet auf den letzten großen Kampf hin. “Ihre Mutter ist uns unter den Händen weggestorben.” Sie ging mit einem Paukenschlag: zwei Herzinfarkte, kurz nacheinander.

Eine große bleiche Ruhe erfüllt den Raum. Während mein Bruder im Hintergrund bleibt und das Zimmer schon bald fluchtartig verlässt, streichle ich Mutters Wange, die Gräfin schnuppert an der noch warmen Haut. Sie riecht nach Nivea. Wir ziehen das Laken zurück, und wie immer liegt Mutters Hand auf dem Unterbauch, wo sie zeitlebens den Sitz ihrer Seele ausmachte. Eine Schwester betritt den Raum, dimmt das grelle Licht, “so ist es besser, nicht wahr.”

Sie fragt, ob sie etwas für uns tun kann, ich fühle ihre Hand an meiner Schulter.

11:30 ist als Todeszeitpunkt auf der Sterbeurkunde angegeben, die man Mutter aufs Totenbett gelegt hat, in Höhe der Fußknöchel. 11 Uhr 30. Genau zu dieser Zeit kam ich bepackt wie ein Sherpa vom Einkaufen und ging den engen Kannenhof runter, der noch nicht von Schnee und Eis geräumt ist, und da stand dieser Wagen halb auf dem Gehweg.

Die Beifahrertür war offen und ragte weit auf den Bürgersteig, ohne dass der Mann im Wagen etwas davon bemerkt hätte, er war mit dem Handschuhfach beschäftigt.

Ich schlängelte mich seitlich an der Autotür vorbei, blieb dabei mit dem Innenfutter der offenen Jacke hängen. Erhitzt vom Einkaufen hatte ich schon im Supermarkt den Reißverschluss aufgemacht. Für einen winzigen Moment stand meine Jacke jetzt weit offen, wie ein einzelner Flügelschlag, es war, als präsentierte ich der Welt mein Herz, groß und verwundbar, für diesen winzigen Augenblick.

In diesem Moment ist Mutter gegangen.

As my mother lay dying

Plötzlich war Mutter tot. Diese rätselhafte stolze Frau, die es gern schlicht hatte und von der die Gräfin einst sagte, sie sei Igel und Hase zugleich: wehrhaft, und doch ständig auf der Flucht.

*

Je mehr sie an Gewicht verlor, desto schwerer wog ihre Seele. Zum Schluss wurde sie so still, sie beteiligte sich kaum noch an der Unterhaltung. Wo sie doch sonst so gern geschnattert hatte, das Kinn vorgestreckt wie ein Vögelchen den Schnabel: “Ja, du wirst verrückt!” sagte sie gern, wenn man ihr etwas anvertraute. Du wirst verrückt im Sinne von Ja, das gibts doch nicht!

Was gibt es schöneres, als sich etwas anzuvertrauen.

*

Dass sie es sehr genau genommen hätte, kann man nicht sagen, das verbot schon ihr halbitalienisches Blut, (als eine geborene Lesizza, aus dem Friaul ins Bergische Land ausgewandert), aber sie hatte ein waches, umherflitzendes Auge, das eine Menge Dinge wahrnahm. So bemerkte sie während eines Friedhofbesuchs, dass auf dem Grabstein eines Anverwandten ein Buchstabe fehlte, mitten im langen Nachnamen. Ein Lapsus, der weder dem Steinmetz noch nahen Angehörigen aufgefallen war, obwohl der Stein schon eine Weile gestanden hatte. Daraufhin musste die Schrift komplett erneuert werden. Das fand nicht jeder gut.

*

Es war ein Ritual geworden. Beim Verlassen des Krankenzimmers blieb ich stets in der Tür stehen, drehte mich kurz um und warf ihr einen Handkuss zu, eine Geste, die sie mit einem Lächeln erwiderte. Keine große Sache, doch es sind stets die kleinen Sachen zwischen zwei Menschen.

Fast zwei Jahre nach ihrem Tod liege ich nachts im Bett, gerade wach geworden, und boxe in die Matratze: Warum zum Teufel hab ich mich ausgerechnet an diesem letzten Tag im Krankenhaus NICHT zu ihr umgedreht!? Warum hab ich diese allerletzte Chance verschenkt? Was hat mich damals geritten? Ich dreh mich um, und schlafe weiter.

Tief, wie in Zement eingelegt.

*

Die letzten Jahre schlief sie alleine im Ehebett im Interlübke-Einbau-Schlafzimmer, während Vater ins große Wohnzimmer auswich, weil er so laut schnarchte und sie nachts oft raus musste. Das Schlafzimmer in seinem ganz in weiss gehaltenen Mobiliar strahlte eine Nüchternheit aus, die mich manchmal sprachlos machte, wenn ich es betrat oder nur einen kurzen Blick hineinwarf.

Keine Frage. Mutter war zuletzt so geschwächt, wäre sie nicht während der Reha-Maßnahme im Krankenhaus an einem Herzinfarkt gestorben, dieses weisse Zimmer wäre ihre letzte ständige Residenz geworden, die sie nicht mehr verlassen hätte. Sie wäre eine unglückliche bettlägerige alte Interlübke-Hexe geworden, doch Gott hat dem vorgebaut. So gesehen.

*

Eine Woche nach ihrem Tod trug ich abends 37 eingetütete Trauerbriefe zur Hauptpost, zur Nachtleerung, und jeder Brief bekam vorm Einwerfen ein Küsschen.

*

Beim Begräbnis sprachen mir zum ersten Mal im Leben Menschen ihr Beileid und Mitgefühl aus, und komischerweise tat es gut.

*

Auch wenn es nachlässt, noch immer gibt es Momente, wo mir jäh die Tränen hochkochen, ganz plötzlich und unerwartet, wo mir alles unendlich leid tut, wo ich immer noch damit hadere, wie das Leben ist, wie es ist, dass es nämlich dazu neigt, aufzuhören.

Dass der Tod ein vom Amtswegen durchgeschnittener Personalausweis ist, ungültig gemacht, entwertet wie ein Ticket, und auf dem Postweg an den Witwer versandt.

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Im Fernsehen verfolgte ich einen Nachtfilm. Eine Figur meinte: “Jeder hat doch eine Mutter!”

“Ich nicht!” zürnte ich dem Fernseher.

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Sie starb an einem Montag, und ich fragte mich, wie lange wohl ihr Schatten fortan auf jedem neuen Montag liegen wird. Nun, nach zwei Jahren, weiss ich es.

*

Das letzte Mal, als es ihr noch gut ging, orderte sie beim Pfleger in Bethanien vier Tassen Kaffee, mit diesem lässigen Fingerschnippen, lässig wie ein Pokerspieler, der ein bravouröses Turnier spielt und sich nun großzügig zeigt.

Vier große Tassen Kaffee, vom indischen Pfleger lächelnd serviert, und ein letztes Mal saßen wir am Fenster und blickten hinaus in den Park, der Winter hielt Einzug, und du warst so sanft und warm und still, ich glaube, an dem Abend hast du Abschied genommen von uns und wir alle haben es verpasst, haben nicht richtig hingehört.

*

Einer ihrer letzten Sätze, geflüstert in mein Ohr: “Pass auf, dass Papa keinen Blödsinn macht.”

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Die Nachricht vom Tod eines lieben Menschen zu erhalten, das ist, als würdest du bei voller Fahrt den Kopf aus dem Zugfenster stecken und gegen einen Mast knallen.

Es köpft dein Leben.

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Sie starb in der 351. Nacht des Jahres, der Raunacht.

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Abgesehen von diesem schlichten Testament (“ich vererbe hiermit alles an meinen Ehemann”) und der Absprache, nach der sich sowohl Mutter als auch Vater Ave Maria bei der Trauerfeier wünschen, haben meine Eltern wenig über den Tod gesprochen.

(“Was ist intimer als die Sprache unter Eheleuten”, sagt die Gräfin dazu.)

Und: “Deine Eltern sind sehr kindlich geblieben bis ins hohe Alter.”

*

Das allerletzte Mal, dass wir sie sahen, zwei Tage vor ihrem Tod, war Heiligabend. Wir besuchten sie in der Klinik. Sie scherzte, dass sie ja schon deswegen gesund werden müsse, um endlich bei Aktion Mensch abzusahnen, wo sie ein Dauerlos hatte.

“Eine Million”, wünschte sie sich.

“Und dann?” fragte ich, “was machst du mit der Million?”, obwohl ich genau wusste, was kommen würde, aber ich wollte es hören.

“Dann nehm ich euch alle mit.”

“Wohin?”

Sie zwinkerte.

“Weg hier.”

*

11:49 wurde als Todeszeitpunkt auf der Sterbeurkunde angegeben, die man Mutter auf dem Totenbett aufs Laken gelegt hatte, in Höhe der Fußknöchel – eine Uhrzeit, die nicht den Tatsachen entsprechen konnte, da mich bereits Punkt 11:30 der Anruf einer Intensivschwester erreichte, ich möchte bitte umgehend zurückrufen.

Das Zimmer des Abschieds auf der Intensivstation. Sie lag mit dem Kopf zum Fenster, in der Schneise, in der das dämmrige Licht einfiel an diesem Dezemberabend, und ich bewunderte diesen prächtigen, beinah dem Hinduismus huldigenden Leberfleck auf ihrer Stirn, der immer prächtiger geworden war, je mehr sie abmagerte.

Ihr blasses wächsernes Antlitz, die spitze Nase, wie Toblerone.

*

Man sagt, dass man erst dann erwachsen wird, wenn beide Eltern tot sind. Nun ist Mutter am 27. Dezember (Dritten Weihnachten!) zwei Jahre unter der Erde, sie verfault, wo der Wurm seine Werkbank hat, doch Vater bietet dem Wurm Paroli, er ist noch da, sein altes Herz schlägt, und solange es schlägt, bleibe ich ein halbes Balg.

Schlag weiter, altes Vaterherz – schlag!

*

*

Auch wenn sie für Aussenstehende eine richtige Oma geworden war, klein und hutzelig, der Hals eine faltige Manschette, sie war noch in der Welt. Auch wenn sie Stück für Stück aus diesem Leben verschwand und zum Schluss kaum mehr fünfzig Kilogramm wog, (die zehn Kilo, die sie vorübergehend im Krankenhaus zugelegt hatte, waren im Gewebe angesammeltes Wasser, weil das Herz nicht mehr richtig pumpte), sie war noch in der Welt. Auch wenn ihre Stimme oft schwach war und ins Schlingern geriet, sie war noch in der Welt und wir hörten ihr Wort, ein leises Ende, bevor sie ein letztes Mal den Telefonhörer auflegte.

Montag, 27. Dezember.

Gegen halb elf komme ich mit dem Bus aus Gräfrath und kaufe beim Bäcker Semmel und Brötchen zum Einfrieren, wie jeden Montag. Weiter zum Supermarkt auf der Wupperstrasse, für ein paar Kleinigkeiten.

Als ich den Kannenhof runtergehe, bepackt mit zwei Tragetaschen, ist es kurz vor elf, und meine Mutter kämpft zehn Kilometer entfernt mit dem Tod. In der Lukas-Klinik, wo sie wegen eines komplizierten Beinbruchs zur Reha liegt, erleidet sie kurz hintereinander zwei Herzinfarkte, den ersten während der Arzt-Visite. Im Bett liegend läuft sie blau an, sie stöhnt und röchelt schwer, verliert das Bewusstsein. Da Arzt und Schwestern im Zimmer sind, wird sie sofort reanimiert, schneller ist Erste Hilfe nicht möglich. Sie wird auf die Intensivstation gebracht, wo sie bald darauf, so die Ärztin fassungslos, von einem weiteren “Rieseninfarkt” ereilt wird.

“Sie ist uns unter den Händen weggestorben..”

Zur gleichen Zeit gehe ich den steilen Kannenhof runter, der noch nicht von Schnee und Eis geräumt ist, und da steht dieser PkW halb auf dem Gehweg. Überall ist es eng, wegen der vielen Schneehaufen, freie Parkflächen sind rar. Die Beifahrertür des Wagens steht offen und ragt weit auf den Bürgersteig, stört, ohne dass der Mann im Wagen etwas davon bemerken würde, er ist am Handschuhfach beschäftigt.

Ich schlängele mich seitlich an der Autotür vorbei, bleibe dabei mit dem Innenfutter meiner offenen Jacke hängen. Ich bin noch erhitzt vom Einkaufen und hab den Reißverschluss aufgemacht. Für einen winzigen Moment steht meine Jacke nun weit offen, wie ein einzelner Flügelschlag. Es ist, als präsentierte ich der verschneiten Welt mein Herz, groß und verwundbar, für diesen winzigen einen Moment.

Im Weitergehen, nachdem ich die Jacke von der Autotüre befreit habe, denk ich noch so für mich, “Himmel, was war das denn jetzt..? Das ist ja noch nie passiert”, und lächle dem Fahrer blöde zu, der seinen Fauxpas mit der Wagentür mittlerweile bemerkt hat und mir entschuldigend zunickt.

In diesem Moment ist Mutter gegangen.

Faustkampf

Ein, zwei Jahre vor ihrem Tod fragte Mutter, ob die Gräfin und ich auch Boxen gucken würden.

“Wie, Boxen?”

“Na, Boxen! Hier, bomms, was auf die Mappe. Der Klitschko boxt doch heut Abend.”

Sie stand vor mir, knapp 80jährig, mit einem schlimmen Buckel, und tat so, als verpasste sie mir einen Faustschlag. Sie feixte.

“Der Papa und ich gucken jedes Mal zu, wenn der Klitschko wieder einen einmacht.”

“Welcher Klitschko? Der junge oder der alte?”

“Ist doch egal. Wer gerade dran ist. Sind doch beide vom gleichen Schlag.”

Sie litt unter Osteoporose. Die Knochen waren so morsch mittlerweile, sie musste beim kleinsten Stolpern fürchten, dass die Beine brechen. Sie wog wenig mehr als fünfzig Kilo und wurde immer kleiner und krummer. Wenn sie in der Küche Geschirr aus dem Wandschrank holen wollte, musste sie auf ein Fußbänkchen steigen, wie ein kleines Mädchen. Eines Tages, das ahnten wir alle, würde Mutter einfach verschwinden von der Bildfläche.

“Boxen kommt doch immer.. so spät”, sagte ich, immer noch überrascht.

“Na und, wir können sowieso nicht vor Mitternacht schlafen. Und wenn wir doch mal müde sind, stellen wir den Wecker.”

Angeblich verpassten meine Eltern keinen einzigen Kampfabend, an dem eines der beiden ukrainischen Groß-Rehe beteiligt war, bis zu dem Tag kurz vor Weihnachten, als Mutter ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Gestern besuchte ich meinen Vater. Während er Teewasser aufsetzte, las ich in der Fernsehzeitung, dass bei den Klitschkos wieder mal ein Kampftag ansteht.

“Sag mal, stimmt das wirklich, dass ihr soviel Boxen geguckt habt, Mutti und du?”

“Ja klar stimmt das. Aber das war auf Mutters Mist gewachsen. Eines Tages fing sie damit an, sie wollte unbedingt den Klitschko sehen. Den jüngeren glaub ich. Boxen war das einzige Mal, wo Mutter den Stuhl ganz nah an den Fernsehapparat schob, damit sie ja nichts verpasste.”

Auch wenn ihr Tod fast zwei Jahre her ist, es macht mich immer noch baff. Schliesslich war Mutter nie besonders sportlich. Ausser in ihrer Jugend, da lief sie in der 4 x 100 Meter-Staffel, als Kurvenläuferin. Die Staffel war so erfolgreich, dass sie bei den Deutschen Schulmeisterschaften in Breslau startete, in den späten 30er Jahren. Aber damit war ihre sportliche Laufbahn praktisch beendet, und im Fernsehen verfolgte sie so gut wie gar keinen Sport. Was sollte das also mit dem Boxen? Ich kam nicht dahinter.

Wieder sah ich Mutter vor mir, diese zum Schluss so gebeutelte, ja ratlose Person, krumm wie ein Komma und so schwach, dass sie es kaum noch die Treppe hoch schaffte. Und plötzlich verstand ich. Natürlich..! Sie wollte kämpfen. Sie wollte sich nicht unterkriegen lassen. Sie bot dem Tod die Stirn, ein allerletztes Mal. Und weil sie selbst kaum noch die Kraft dazu hatte, mussten Stellvertreter in den Ring. Vitali und Wladimir. Sie boxten um ihr Leben.

Ich ballte die Faust.

Wie ich Mutter einmal fast die Seele verbrühte

Vater lag nach dem zweiten Herzinfarkt in wechselnden Spitälern und Therapieeinrichtungen, seit Wochen schon, und Mutter blieb allein zu Haus, das war sie nicht gewohnt. Von ihren Kuren und Aufenthalten im Krankenhaus abgesehen war er stets an ihrer Seite gewesen – die Prägefalz einer langen Ehe.

“Der muss doch gleich um die Ecke kommen”, dachte sie.

Von der schweren Herz-OP erholte sich Vater nur langsam. Er litt unter dem Durchgangssyndrom und war oft so durcheinander, dass er sich statt im Krankenhaus in Kriegsgefangenschaft wähnte. “Was kochen die Franzosen für einen scheiß Kaffee!?” schrie er. Dass er nicht bei klarem Verstand war, setzte Mutter besonders zu. Dass er dement werden könnte. Es rührte an ihrer gemeinsamen Würde.

Wenn ich mir den Hund schnappte und sie besuchte, saß sie verloren im Eßzimmer und blickte hinaus auf die wenig befahrene Straße. Eine alte Frau mit dünnem kittgrauen Haar, die mit verweinten Augen ins Nichts starrte und jeden Tag mehr abmagerte. Sie wog bald keine fünfzig Kilo mehr. Wir alle machten uns Sorgen, wie es weitergehen sollte, niemand hatte eine Antwort. Vater kam nicht um die Ecke, Mutter baute in rasender Geschwindigkeit ab.

Eine Erkältung mit Reizhusten erwies sich als hartnäckig und wollte nicht weichen, sie hatte Rückenschmerzen. Sie hatte Probleme mit der Hüfte und dem Bauch, dem Unterbauch, ihrer Auffassung nach der Sitz der Seele. Jetzt war es die Hölle. Der Darm schmerzte, sie hatte ständig Harndrang. Nachts musste sie bis zu zehnmal raus. An Tiefschlaf war nicht dranzukommen.

Da sie so schwach war, hatte die Krankenkasse einen Toilettenstuhl spendiert. Der stand neben ihrem Bett und tat seinen Dienst, während der Rollator, den die Krankenkasse mitgeliefert hatte, als Teewägelchen gebraucht wurde.

“Die Zeit nach den Hüftoperationen war schon schwierig”, sagte sie unter Tränen, “da ging es mir schon dreckig, doch das war nichts gegen die seelischen Schmerzen jetzt. Wie soll es denn weitergehen?”

Auf Anraten der Ärzte schauten wir uns für Vater schon mal nach einem Pflegeheim um, nur für den Fall, dass er es nicht mehr nach Hause schaffen würde. Noch aber roch die  ganze Wohnung nach ihm, nach seiner Anwesenheit, und sie saß allein in den gemeinsam angeschafften Möbeln, ratlos.

“Ich weiss nicht, wo ich es suchen soll”, sagte sie.

Zeitlebens mochte ich ihre Sprache. Sie benutzte ständig wunderbare Worte wie huschhascheln, was so viel wie hin-und herräumen, kramen bedeutet. Ich kannte sonst niemanden, der huschhaschelte. Und wenn man bewusst unkorrekt behandelt wird, wenn man gelinkt wird, dann war das schofel.

Während man bei meinem Vater sicher sein konnte, dass seine Worte aus dem Solinger Platt stammten, so war das bei meiner Mutter nicht unbedingt gesagt. Sie sprach zwar ebenfalls Platt, baute aber immer wieder Begriffe aus der neuen Zeit ein. So beschwerte sie sich einmal bei mir, und das war kurz vor ihrem Tod, dass Papa einen ätzenden Rede-Flash gekriegt habe.

Um ihr einen Besuch abzustatten, wählte ich meist die Route durch die Hofschaft Klauberg. Vorbei am staubigen alten Bolzplatz, der mittlerweile von staubigem Kunstrasen geadelt ist, den Klauberg hinauf, der ein so steiles Gefälle hat, dass Radfahrer an seinem Fuße absteigen und auf einen Wagen warten, der bereit ist, sie die Strasse hoch zu ziehen.

Je näher ich Mutter kam, desto stärker duftete es nach Kindheit. Ein Kokon legte sich um die Häuser, ein Mix aus unerledigten Hausaufgaben, Füllertinte von Geha und brandneuen Schulbüchern, zu Beginn des Schuljahrs ausgegeben. Wenn ich die Klingel drückte und Mutter die Tür per Summer öffnete, liess ich den Hund von der Leine und sprang wie früher die Treppen hoch, nahm immer mehrere Stufen auf einmal, zählte die Sekunden, bis ich oben war.

(Ich kam nicht mal entfernt an alte Rekordzeiten heran. Selbst der Hund war schneller.)

“Komm rein.”

Mutter schlurfte voraus ins Esszimmer, in zu groß gewordenen Pantöffelchen, und setzte sich wieder ans Fenster. Jedes Mal, wenn ich mittags zu Besuch kam, war es das gleiche Bild. Sie saß im Esszimmer, das unser altes Kinderzimmer war, und blickte aus dem Fenster. Zur gleichen Zeit saß Vater zwanzig Kilometer Luftlinie entfernt ebenfalls am Fenster und schaute zum Krankenhausparkplatz hinunter, in der Hoffnung, dass jemand aus der Familie zu Besuch kommen würde.

Die leeren Blicke, ihr letztes Band.

Das Fenster im alten Kinderzimmer, die ruhig daliegende Schillerstrasse, es war mir nur zu vertraut. Ich war Sechzehn, als ich mir genau an diesem Fenster eine Flasche Bier aufmachte und Magnolia von JJ Cale anhörte, ein traurig flirrendes Liebeslied. Auch wenn ich gar kein Liebeskummer hatte, es war dieses tiefe Gefühl von Vergeblichkeit, das ich mochte. Die Flasche Bier fand ich auch gut.

Damit sie überhaupt etwas aß und nicht bei lebendigem Leib skelettierte, kochte ich nach Mutters Vorgaben Kleinigkeiten wie Spinat mit Spiegelei oder wir machten uns eine Pizza warm. Ich aß einen Happen mit, wir saßen am Tisch, der immer der Mittelpunkt des Familienlebens gewesen war, und unterhielten uns. Ich war heilfroh, wenn ihre Stimme Farbe bekam und nicht ins Schlingern geriet, wenn ihr Mund ein Lächeln aufbaute und sie ein bißchen zu schnattern begann, wie in besseren Zeiten, die gar nicht so weit zurücklagen, keine Seite im Fotoalbum.

Es sind stets die kleinen Dinge, die einen anrühren, die das Herz absaufen lassen. Der Anblick der vielen Falten in ihrem Hals, die übereinander lappten wie Jahresringe, ihr Geruch, eine Komposition aus Pflegemilch und warmer Frauenhaut. Und dann war da die kleine Situation nach dem Essen, als sie sich für ein Mittagsschläfchen hinlegte und ich ihr die Strümpfe auszog. Jede Bewegung, jede Drehung kostete sie Anstrengung. Ich deckte sie zu, wie ein kleines Schulmädchen lag sie da, ein kleines Mädchen mit spitzem Näschen und einer Jahrtausende alten Vogelseele.

“Ich würde gern mal mit einem Vogel tauschen, ein paar Stunden nur”, hatte sie einmal gesagt. “Einfach in der kalten Weite des Himmels unterwegs sein. Das muss doch wie auf dem Meer sein. Oder als würden kleine Kinder tanzen.”

Im Leben meiner Mutter gab es Dinge, die mussten stimmen. Wenn ich ihr Bett herrichtete, musste jede ihrer diversen Über- und Unterdecken genau an ihrem Platz sein, und wehe, das Bettlaken war nicht glatt gezogen und warf Falten. So eine Falte konnte ihr das wichtige Schläfchen am Nachmittag verhageln.

“Da krieg ich lächerliche Beine”, schimpfte sie.

“Lächerlich?” Ich verstand nicht. “Wie meinst du das, lächerlich?”

“Kennst du das nicht? Wenn die Beine jucken, als würde man auf Zwiebackkrümeln liegen, so.. lächerlich..”

Zuvor hatte ich ihr die obligatorische Wärmflasche gemacht und den gepeinigten Rücken mit Pinimentol eingerieben. Dabei hatte ich es zu gut gemeint. Statt, wie im Beipackzettel empfohlen, einen wenige Zentimeter langen schmalen Strang aufzutragen, hatte ich ihren ganzen Rücken großzügig eingerieben.

Am frühen Abend ging das Telefon. Schon das Läuten verriet, dass etwas nicht stimmte.

“Ich konnte nicht einschlafen, so kalt war mein Rücken von dem Pinimentol. Du hast viel zu viel genommen.” Ihre Stimme hatte den alten Drive. “Mir war so kalt, als hätte ich im Eisfach gelegen. Oder wolltest du mich tieffrieren?”

“Oh.. äh. Nein. Natürlich nicht. Aber die Wärmflasche war doch in Ordnung, oder?”

“Die Wärmflasche, ja.. Die war so heiß, es hat mir fast den Bauch verbrutzelt. Das hat richtig verschröggelt gerochen, wie eine durchgebrannte Glühbirne. Der ganze Bauchspeck war angesengt.”

“Bauchspeck? Was für ein Bauchspeck?”

Sie liess den Einwand nicht gelten.

“Außerdem war zu viel Wasser in der Wärmflasche. Erst hat es mich fast verkocht, dann wurde es ruckzuck kalt. Ich hab gefroren wie ein Schneider, hinten und vorne. Ich dachte, ich läg schon in der Leichenhalle.”

Es dauerte eine Weile, bis sie besänftigt war. Dann musste einer von uns lachen, der andere fiel ein, aber nicht sehr lange. Wir verabredeten uns für den nächsten Mittag, auf eine kleine Pizza und ein bißchen Huschhascheln.