Zeit zum Schreiben (2)

Wo ich schon mal in Ohligs war, brachte ich den Vertrag gleich persönlich rüber zum Arbeitsamt. Während ich darauf wartete, dass Vermittler Buntenbach von der Mittagspause zurückkehrte, sah ich mich in der fast leeren Wartezone einer imposanten Frau ausgeliefert. Sie sah aus, als wäre sie mit dem Kopf voran durch die Babyklappe gerauscht und hätte das Auffangbettchen durchschlagen, das Baby wog nämlich hundertzwanzig Kilo und war gut vierzig Jahre alt. Ein fataler Anblick. Sie saß auf mindestens zwei Stühlen und blätterte hektisch in einer Broschüre des Arbeitsamtes.

“Das wird immer schlimmer”, krächzte das Babyface, ohne den Blick aus dem Prospekt zu heben. Ich fragte mich kurz, mit wem sie überhaupt redete, doch da ausser mir niemand anwesend war, ging ich davon aus, dass sie mich meinte. “Früher durfte man so viel Hunde mitbringen, wie man wollte, kein Problem. Dann durfte nur noch einer mit rein und der andere musste draussen bleiben. Und heutzutage?” Sie stampfte mit dem Bein auf, und der Ständer mit den vielen ungelesenen Tipp & Tricks am Arbeitsmarkt vollführte einen kleinen Rittberger. “Heutzutage dürfen Hunde gar nicht mehr mit rein! Nehee! Muss ich zuhause lassen! Aber was glauben Sie, was los ist, wenn Mutti gleich heimkehrt. Die beiden Racker reißen mir doch die Bude ab, wenn ich zwei Stunden weg bin! Und wer bezahlt mir den Schaden, Nürnberg etwa? Der feine Missjöh Buntenbach?”

Die Scharniere des Stuhls jammerten, als sie ihren massigen Körper erhob. Sie wurde so laut, beinah schrie sie mich jetzt an.

“Die verbieten mir, meine Hunde mitzubringen, und wissen Sie auch warum?” Sie glotzte über den Rand der Tipps & Tricks hinweg. “WEIL DIE UNZUFRIEDEN MIT SICH SELBER SIND, DIE WEIBER, DESWEGEN! UND DER FEINE MISSJÖH AUS KÖLN AUCH!”

Ich war heilfroh, als mein Sachbearbeiter endlich aus der Pause zurück war. Er warf einen Blick in den Vertrag und stutzte kurz, als er die Spalte Arbeitszeit/Stunden erreichte, wo Filialleiter Hafner mit Bleistift eine “32” eingetragen hatte.

“Wieso nur zweiunddreißig Stunden?”

“Weil die mich keine vierzig Stunden gebrauchen können”, log ich dreist, aber es kümmerte ihn ohnehin nicht. Hauptsache, ich war eine Weile aus der Statistik. Volle sechs Monate wurde ich nicht als arbeitssuchend geführt. Riesig. Dafür war Buntenbach beim Arbeitsamt angestellt. Das war sein Job, das war sein Leben. Ein Statistiksäuberer. Eine Reinigungskraft.

“So, Meister, am 1. Februar ist defintiv finis mit Feiern und Ausschlafen bis in die Puppen”, sagte er nicht ohne Genugtuung. Dabei schlief ich so gut wie nie aus, und das mit der Feierei war auch nicht mehr so doll. Eigentlich steckte ich in der ersten echten Krise meines Lebens, Literaturpreis hin oder her. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte.

Buntenbach senkte die Stimme, geplagt vom plötzlichen Tremolo seiner Augenlider.

“Sagen Sie.., die verrückte Dicke, sitzt die immer noch da draussen auf dem Flur?”

“Nee. Die steht jetzt.”

*

1. Februar, morgens, halb neun.

Der Bus bog schon in die Haltebucht ein, als ich unten aus dem Park trat und die Straße hinauf blickte. Ich musste einen Spurt hinlegen, damit der Fahrer nicht ohne mich abfuhr. Busfahrern bereitete das in letzter Sekunde die Tür vor der Nase zuschlagen ein derartiges Vergnügen, dass sie daraus eine interne kleine Sportart kreiert hatten, mit täglicher Ausschüttung von Ehre und Schulterklopfen unter Kollegen im Depot der Stadtwerke.

Diesmal hatte ich Glück. Der Fahrer kam nicht umhin, ein paar drängelnde Schulkinder einsteigen zu lassen, und als das letzte endlich drin war, kam ich außer Puste angestürmt und zählte ihm drei einzelne Markstücke auf den Wechselgeldteller. Mit mürrischem Blick riss der Fahrer das Einzelticket vom Block, liess die Münzen in den Galoppwechsler purzeln und murrte los.

In Ohligs angekommen, steckte ich mir auf dem kurzen Fußweg zum Obi eine Kippe an und rauchte sie so gierig runter, dass es mir fast den Zeigefinger ansengte. Ich war eine volle Stunde zu spät. Ich nahm die Treppe zum Büro des Chefs, aber das war leer. Ich versuchte es im Personalraum. Die blonde Sekretärin hockte am Tisch und blickte mich an.

“Na halloo..”, flötete sie erstaunt.

“Morgen”, sagte ich.

“.. hat er sich Brötchen mitgebracht!”

Wie niedlich. “Das ist ein Schinken-Baguette”, sagte ich.

Ihre blonde Rund-Frisur erinnerte an Prinz Eisenherz.

“Komm, wir trinken erst mal einen Kaffee.” Sie erhob sich und stöckelte zum Heißgetränkautomaten in der Ecke, schloss ihn auf. Ihre Levis war so knalleng, ich fragte mich, wie man es da reinschaffte ohne blaue Flecke und Schürfwunden. Vielleicht war sie seit dem vierzehnten Lebensjahr Stück für Stück in die Blue Jeans reingewachsen, ohne sie seither ausgezogen zu haben. Es gab Möglichkeiten, klar, doch die waren limitiert und hauten allesamt nicht hin. Nein, ihr Hintern war schlicht grandios. Er knackte und knirschte bei jeder Bewegung, wie ein Lattenzaun während der Hundstage.

“Kostet normalerweise fünfzig Pfennig, aber heute ausnahmsweise..” Sie ließ den Satz unvollendet und lächelte kokett. Oh, natürlich, sie wusste um ihre Wirkung. So oft es ging, zeigte sie sich von hinten. Starr mir ruhig auf den Hintern, sagten ihre Bewegungen. Wünsch dir was. Der Kaffeebecher lief randvoll, und sie schloss den Automaten zu. “Ich kann ihn dir nur schwarz anbieten, aber ich hoffe, das macht nichts.”

Sie setzte sich zu mir. Leise drang die Fumu in den Pausenraum, funktionelle Musik, Kaufhaus-Muzak, You make me shiver, makellos sanfte Wellen, die unsere Füße umspülten. Wir saßen nebeneinander, auf Abstand bedacht. Wie das so ist, wenn man sich nicht kennt, aber schon ahnt, dass man sich bald nahe kommen wird, unter Kollegen.

Während ich am Kaffee nippte, öffnete sie eine Pausenbrotdose und entnahm ihr eine Weissbrotstulle. Oh mein Gott. Wenn ich vor irgendetwas Horror hatte, dann vor Situationen im Pausenraum, wo eine Kollegin oder ein Kollege das Frühstücksbrot rausholt und Mahlzeit wünscht. Schlimmer als Kotze im Federmäppchen, das war der Untergang der Zivilisation.

“Nutella”, grinste sie. “Gibt Muckis.”

(Ich versuchte ein Lächeln.)

“Ich hab dein Foto im Tageblatt gesehen. Was schreibst du denn? Schreibst du richtig Romane?”

Das Foto war ein paar Tage vor Silvester im Lokalteil erschienen, es zeigte mich vor einer Schulklasse. Ich saß auf dem Pult und liess die Beine baumeln, das Manuskript in der Hand. Der Deutschlehrer einer Realschule hatte mich zu einer Lesung eingeladen, ich hatte Arnheim, der Blues gelesen, vor einem Haufen Zehntklässlern, die sich einen Schriftsteller irgendwie anders vorgestellt hatten. Seriöser, ohne Löcher in der Jeans, nicht so .. Glumm.

“Nee, Romane nicht..” Was die Leute sich immer vorstellten. Ein Schriftsteller schreibt Romane. “Eher.. Geschichten.”

“Geschichten? Was für Geschichten, Krimis?”

“Nee.. aus meinem Leben.”

“Aus deinem Leben?” Sie glotzte mich an. “Ist das denn so super spannend?”

“Nee.”

Sie schüttelte den Kopf und futterte ihr Nutellabrot weiter. Kein Malocherfuttern glücklicherweise, eher ein mausartiges Knabbern. Dennoch schwante mir bereits, dass wir beide auf Dauer nicht klarkommen würden. Sie erwartete zu viel. Solche Menschen roch ich auf zehn Meilen, und sie saß direkt neben mir. Was mich betraf, so erwartete man am besten nichts. Gar nichts. Dann konnte ich allmählich kommen. Vielleicht.

Oder auch nicht.

“Veröffentlichst du auch richtig Bücher?”

Da hatten wir’s. Ein Schriftsteller veröffentlicht Bücher. Gibt es ein Thema, das demütigender ist für einen Autor ohne Buch? BÜCHER!!? In die Enge getrieben, begann ich zu stammeln, “in also mehr ja so Stadtmagazinen”, doch es juckte sie ohnehin nicht weiter. Kaum ausgesprochen, schon abgehakt.

“Ich hab das Foto von dir hinten am Schwarzen Brett aufgehängt. Wenn schon mal eine Berühmtheit hier arbeitet..”

Ich suchte nach Anzeichen von Ironie in ihrem Gesicht, nach leisem Spott und milder Herablassung, doch ich fand nichts. Ihr Gesicht war hübsch, einladend sogar, aber frappierend frei von allem, was irgendwie mit Verstellung zu tun hatte. Sie stand auf, brachte die Kaffeebecher zur Spüle. Eine ehrliche Haut mit einem ehrlichen, gradlinigen Hintern, einem famosen knackigen Teil in Vollendung. Ja, genau den musste der Herrgott im Kopf gehabt haben, damals, als er im Paradies die Blue Jeans erfand und was sich so alles für Ärsche darin verpacken ließen.

“Im Büro hab ich mitgekriegt, dass du unten am Kannenhof wohnst”, meinte sie. “Ich wohne auf der Baumstrasse, kann ich dich morgens im Auto mitnehmen. Wenn du willst.”

“Baumstrasse? Och. Ist ja um die Ecke.”

“Eben. Gut, ne?”

Ich wunderte mich einen Moment, warum ich sie noch nie gesehen hatte, vermutlich war sie die Sorte Frau, die morgens den Wagen bestieg, der vorm Haus parkte, und zur Arbeit brauste, und am Abend das gleiche in umgekehrter Reihenfolge erledigte. Solche Leute bekam man selten zu Gesicht, selbst wenn sie im selben Haus wohnten.

“Dann musst du morgens nur kurz durch den Park”, sagte sie. “Ich mein, du fährst doch kein Auto, oder?”

“Stimmt.”

“Warum nicht?”

“Was, warum nicht?”

“Na, warum du kein Auto fährst. Alle Männer fahren Auto.”

Ich zuckte mit den Schultern.

“Nur so.”

Ich war nicht alle Männer. Ich war nicht mal alle Menschen. Ich war.. ja, wer war ich überhaupt!? Kaum hatte ich mich kurz gefreut, nicht jeden Morgen dem verdammten Bus nachrennen zu müssen, schon grauste es mir bei der Vorstellung, jeden Morgen neben Prinzessin Eisenherz sitzen zu müssen, Knackarsch hin, Knackarsch her. Morgens wollte ich meine Ruhe haben, da konnte ich kein Geblubber, kein Gewäsch ertragen.

“Ich kann mich ja am Spritgeld beteiligen..”, hörte ich mich dennoch sagen, zu meiner eigenen Verblüffung.

“Quatsch. Ich fahre doch sowieso, ob nun mit oder ohne dich.”

Na, da hatte sie recht. Sie begann trotzdem zu rechnen.

“Was kostet eine Busfahrt bis Ohligs, zwei Mark?”

“Drei.”

“Drei.. sind hin und zurück sechs Mark am Tag. Wie oft arbeitest du hier in der Woche?”

“Vier Tage.”

“Nanu? Nur vier? Na gut, macht vierundzwanzig Mark die Woche, mal vier, das sind.. fast hundert Mark im Monat. Die hast du dann schon mal gespart. Kannst du ja Bücher für kaufen! Ha ha!”

Lustig. Ja. Schriftsteller veröffentlichen Bücher, Schriftsteller kaufen Bücher. Das letzte Buch, das ich mir gekauft hatte, hatte ich geklaut. A-wop-bop-a-loo-bop-a-lop-bam-booom von Nik Cohn. Meine Bibel. Ich las sie alle drei Monate, zur Abhärtung. Sie schaute auf die Uhr und packte die verbliebene Hälfte ihres Nutellabrotes wieder ein, unauffällig, wie nebenbei, als wäre eine Stulle im Pausenraum nicht der Untergang des Weissbrot-Parallel-Universums.

“So, dann wollen wir mal..”

“Und du? Seit wann arbeitest du hier?” versuchte ich meinen Knastantritt rauszuzögern.

“Vier Jahre. Ist ganz gut hier. Lässt sich aushalten. Die meisten Kollegen sind in Ordnung. Paar Arschlöcher sind darunter, klar, aber Arschlöcher findest du überall.”

“Ja klar. Vielleicht bin ich ja auch ein Arschloch.”

“Ja, vielleicht.” Sie lachte. “Ich bin die Gabi.”

“Ich der Glumm.”

“Weiß ich doch.”

Erst jetzt bemerkte ich die Putzfrau im Pausenraum, die um unsere Füße herum wischte. Eine Bilderbuchputzfrau mit strubbeligem Haar, um die vierzig und offensichtlich darin geübt, nicht zu stören, wenn die Großen sich unterhalten. Ich fühlte mich ein bißchen schäbig, dass ich die Frau zuvor nicht wahrgenommen hatte. Doch als Gabi sie fragte, ob sie nicht mal wieder zum Frisör gehen wolle, ganz ohne boshaften Unterton, eher neugierig, da richtete sich die Putzfrau keuchend auf und antwortete, dass sie dafür im vergangenen Jahr keine Zeit gefunden habe. Und dabei vermittelte sie nicht den Eindruck, besonders unglücklich zu sein. Erleichtert lehnten wir uns zurück. Die Putzfrau mit dem Duktus einer Putze wrang das Putztuch aus und das Wischwasser platschte in den Eimer.

Der Chef rief mich ins Büro. Filialleiter Hafner hatte ein steifes Fußballerbecken, mit dem er durch die Gänge schaukelte und die Sympathien seiner Mitarbeiter einheimste. Auch er zeigte sich von meinem Autorenpreis beeindruckt. So schwer, dass ich auf seinem Schreibtisch ein schmales Lyrikbändchen entdeckte. Während er mir meine zukünftigen Aufgaben als Mitarbeiter der Eisenwarenabteilung schilderte, schielte er immer wieder auf das dürre Büchlein, das so gar nicht zum nüchternen Ambiente seines Büros passen wollte. Es lag für meine Augen verkehrt herum, lediglich das Wort Lyrik konnte ich entziffern. Hafner verfolgte meinen Blick, meine Bemühungen, sagte aber weiter keinen Ton dazu, und ich hielt auch die Klappe. Als ich ein oder zwei Tage später das Büro aufsuchte, war das Gedichtbändchen weg, und es tauchte niemals wieder auf.

*

Einen Monat später war die Einarbeitungszeit vorüber. Allmählich wurden nicht nur die Kollegen sauer, weil ich immer noch ohne Kittel herumlief und für die Kunden nicht als Mitarbeiter zu identifizieren war. Auch der Chef wurde ruppiger, wenn die Sprache auf das Thema Kittel kam. Bis dahin war es ein Leichtes gewesen, mich aus dem Tagesgeschäft herauszuhalten und lästige Anfragen der versammelten Kreisheimwerkerschaft abzuwimmeln. Mittlerweile aber, so die Auffassung des Chefs, wüsste ich doch, in welcher Abteilung welche Ware zu finden sei, da könnte ich auch endlich den Obi-Kittel anziehen. Ich kam aus der Nummer nicht mehr raus. Ab sofort hieß es für mich, auch mit Kittel unsichtbar zu sein. Die Königsdisziplin des Verpissens stand unmittelbar bevor.

Eigentlich nichts leichter als das. Als Zweitgeborener in einem Feld von drei Geschwistern war ich mit dem Phänomen aufgewachsen, unsichtbar zu sein. Nicht weiter aufzufallen. Sandwichkind eben. Wenn ich etwas ausgefressen hatte, hiess es für mich nur normal und unauffällig bleiben, so kam niemand auf die Idee, ich wäre der Täter gewesen, der den Fischteich des Nachbarn mit zwei Flachmännern Doornkaat vergiftet hatte. Es war die perfekte Tarnung. Trick 17. Wie auf den Leib geschrieben. Tue so, als wäre alles wie immer, und dir wird nichts geschehen.

Die Königsdisziplin ging vom ersten Tag an schief. Weil ich Kittel trug, traten die Kunden ungeniert an mich heran: junger Mann, wo finde ich Fugendichtungen, wo Gardinenstangen, ich benötige vier Bewegungsmelder. Ich log bedauernd, tut mir leid, ich bin heute den ersten Tag hier, da wenden Sie sich besser an.. Oh, sagten da die Leute, natürlich, ist ja klar, Ihr erster Tag, da können Sie natürlich nicht Bescheid wissen, lassen Sie gut sein, dankeschön, junger Mann.

Der Chef kam schnell dahinter, was ich da abzog. Er wurde richtig böse. Sein Fußballerbecken baute sich auf.

“Hören Sie mit der Lügerei auf, das bringt doch nichts!”

Ab sofort nahm ich mir vor, stets bei der Wahrheit zu bleiben.

“Tut mir leid, der Herr, aber ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen, ich hab heute erst meinen vierundsechzigsten Tag hier..”

“Ach so! Der vierundsechzigste Tag erst! Nee, dann ist klar, junger Mann!!”

Pisser

Bei jeder Party, die Binkenborn veranstaltete, gab es diesen einen Moment, wo ich ihm über den Lärm und die Party-Musik hinweg The day I was born.. zurief, und aus irgendeiner Ecke donnerte es fort, .. I was born a Binkenborn!

Wir waren über mehrere Ecken miteinander verwandt, wobei niemand zu wissen schien, wie es sich mit der Verwandtschaft nun genau verhielt. Das war aber auch nicht weiter wichtig. Unsere Eltern waren seit Jugendtagen eng miteinander befreundet, auch sie hatten schon zusammen gefeiert, das stand mal fest, das reichte.

Dass Binkenborns Parties Legende sind, lag nicht zuletzt an den großzügigen Lofts, die er bewohnte. Das bekannteste war das an der Gasstraße. Wer das Dachgeschoß in dem Gründerzeithaus betrat, verliess die Erde, und es gab Nächte, da fand kaum jemand zurück, und wenn doch, dann nur zeitversetzt und mit Umweg übers Paralleluniversum.

Im Loft an der Gasstraße gab es ein Podest, so groß, dass ganze Blues-Bands darauf jammen konnten, und da Binkenborn ein begnadeter Mundharmonikaspieler war, sein Idol war der große Cannonball Adderley, gipfelte jede Party in einer gewaltigen Blues-Session und Knockin’ on heavens door als Reggae-Version. Dazu flackerte die Discokugel gefährlich nah über den Köpfen hin-und her, getanzt wurde noch auf dem von schmiedeeisernen Putten befriedeten Balkon und im Kabinett.

Zwischendurch musste ich aufs Klo, oder um den alten Kapitän zur See zu zitieren, der das Erdgeschoss angemietet hatte: “Ordnung muss sein, aber schiffen muss ich auch.”

Bei gedimmten Lichtverhältnissen betrat ich das Bad und sah unter mir ein schickes, geradezu edles Klosett, das so niedrig war, als hätte der Architekt es direkt in den Fußboden eingelassen. Literweise Pisse floss aus mir heraus, ein Feten-Mix aus Bier, Wodka und selbstgemachter Ochsenschwanzsuppe, für die Binkenborns damalige Puppe weltberühmt war in der Klingenstadt.

Ich strullerte so schwer, als verrichtete ich eine Geburt im Stehen. Dazu die Party-Musik und das Stimmengewirr von draussen, ich war guter Dinge. Lediglich die Stille zu meinen Füßen irritierte mich, warum da nichts plätscherte.

“Bestimmt ein wattiertes Super-Porzellan”, zollte ich Binkenborn Respekt, beim Abschütteln. Womit er sein Geld verdiente, war mir nie so recht klar geworden, es hatte mit Telefonverkauf zu tun. Das machte Sinn. Auch wenn er einem ein Loch in die Brieftasche laberte, man ging nie ohne das Gefühl, ein ganz dickes Brötchen geschmiert zu haben.

Ich guckte mir das WC genauer an, bückte mich tief runter. Noch tiefer, und ich wäre mit der Nase angestoßen. Kein Fitzel Urin stand in der sanitären Anlage. Der übliche Nösel Wasser aus dem Spülkasten, mehr nicht. Ich machte Licht, dann sah ich es die Bescherung. Direkt neben der Kloschüssel lag ein dicker dunkelroter Plüschteppich. Mit der Schuhspitze machte ich den Test. Es gab dieses flappende Geräusch, wenn man nach dem Wolkenbruch über den aufgeweichten Campingplatz Richtung Klohäuschen watet. Und das mir, dem erstgeborenen Sohn einer gestandenen bergischen Klempnerlegende.

Empört kehrte ich zur Party zurück und behielt die Dame des Hauses die nächste halbe Stunde penibel im Blick. Als sie bekannt gab, mal eben für kleine Mädchen zu müssen, war ich ruckzuck in der Jacke und hörte ihre verstörten Aufschreie erst, als ich die Wohnungstür sachte hinter mir zugezogen hatte und die Treppenstufen nahm, immer fünf auf einmal, down to earth.

Camilla, und die Anderen

“Junger Mann, sagen Sie, ist das hier gar kein Bahnhof mehr?”

“Nee, schon lang nicht mehr.”

“Das gibt’s doch nicht.. Ich muss nach Köln!”

“Einfach links den Weg runter und der Beschilderung folgen, bis zum Haltepunkt Mitte.”

“Haltepunkt.. Ich bin ja nur zu Besuch. Man kennt sich gar nicht mehr aus. Ist denn da auch der neue Bahnhof?”

“Nee, nur ein Haltepunkt. Einfachs links den Weg runter.”

“Und der neue Hauptbahnhof? Wo ist der?”

“In Ohligs.”

“Ohligs? Was macht der denn in Ohligs?”

“Hm, na ja. Der steht da und lässt Züge rein und raus. Was Bahnhöfe so machen.”

Er entfernte sich murmelnd. Dann blieb er stehen, und drehte sich langsam um.

“Aber was ist da bei euch in der alten Schalterhalle los? Da ist doch was los bei euch. Das seh ich doch.”

“Hier ist ne Design-Ausstellung von Studenten aus Europa. Treten Sie ein. Ist öffentlich. Ist umsonst.”

“Jessas, da dank ich schön. Design, nee! Muß ich nicht haben. Ich muß nach Köln-Nippes.”

Man kann nicht sagen, dass der Job eine besondere Herausforderung darstellte. Die bloße Anwesenheit genügte in der Regel, doch zusätzlich zum Hartz 4-Grundgehalt für einen Euro die Stunde ab und zu eine Information raushauen, während man eine Pausenzigarette in Arbeit hatte, mein Gott, es gab schlimmeres. Einen anderen Ein-Euro-Job zum Beispiel. Einen, wo man unter Aufsicht stand. Hier gab es keine Aufsicht, wir waren unsere eigene Aufsicht. Manchmal saß ich eine geschlagene Stunde lang vor der Tür und blinzelte in die Sonne, und wenn ich keine Lust mehr hatte, ging ich in die alte Schalterhalle und setzte mich auf den Stuhl in der Ecke des Kubus und guckte mir meine Schuhe an.

(Was Schuhe anbelangt, die müssen ihren Platz an meinem Fuß erst erkämpfen. Sie müssen robust sein, und Widerstand leisten. Sie müssen das Maul aufmachen. Ich unterhalte mich gerne und nicht gerade selten mit meinen Schuhen).

Den Holzkubus, etwa dreißig Meter lang, fünfzehn Meter breit und nach oben offen wie eine riesige Sperrholzkiste, hatte man in die rundum verglaste 50er Jahre-Schalterhalle des alten Hauptbahnhofs gebaut. Ein großer Holzkubus in der Schalterhalle eines denkmalgeschützten ex-Bahnhofs, darin eine auf sechs Monate angelegte Internationale Design-Ausstellung, die meine Kollegen und ich für kleines Geld zu betreuen hatten, das war die Sachlage.

Wir waren ein loser Haufen von mal sechs, mal sieben Leuten. Gemeinsam war uns, dass wir ein paar Klamotten im Schrank hatten und nicht völlig ruiniert aussahen, schließlich handelte es sich um eine repräsentative Maßnahme. Man rechnete mit Gästen aus aller Welt. Englisch war von Vorteil.

Heidi, Ende Dreißig, Mutter zweier heranwachsender Töchter, bißchen pummelig, aber nicht unansehnlich, war es gewohnt, Dinge zu wiederholen, weil wir Kollegen nie richtig hinhörten. Wenn sie morgens den Sozialraum aufschloss, setzte sie erst mal Kaffee auf, für die ganze Belegschaft. Das hatte sie am ersten Tag der Maßnahme getan, und seither hielt es jedermann für selbstverständlich, dass sie es auch weiterhin tun würde, bis zum Ende aller Kaffeeplantagen und Maßnahmen zur Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen.

Einmal stieß ich gutgelaunt die Tür zum Sozialraum auf und flötete vor mich hin, und weil ich mir sicher war, allein zu sein, ließ ich einen fahren, richtig einen knattern, wie ein einlaufendes Fax, und dann noch einen, laut und übelriechend. Ich ging zur Spüle, wo die Kaffeemaschine mit frisch gekochtem Kaffee stand, und genau in dem Moment, als ich mir den Phosphor-Muff vom Hintern wedeln wollte, sah ich sie: im fahlen Licht, am Tisch, ganz still.

“Oha..”, sagte ich.

Heidi lächelte.

“Ich dachte..”, setzte ich an.

“Ja”, unterbrach sie mich belustigt, “das denken alle. Dass sie alleine sind, wenn ich im Raum bin..”

Wir waren als Ein-Euro-Kräfte engagiert worden, um das Publikum an die Hand zu nehmen und durch die Ausstellung zu führen, aber wir fungierten hauptsächlich als Aufpasser, weil die Leute einfach nicht die Finger von den gut fünfzig Prototypen lassen konnten. Mal war ein Stück Kunststoff abgebrochen, mal fehlte ein Zinken an einer modernen neuen Gabel. Das galt es unter allen Umständen zu verhindern. “Bitte nicht anfassen!” “Please don’t touch!” “Die Flossen da weg!”

Im Sommer bummelte eine 30köpfige Delegation italienischer Bürgermeister und Bürgermeisterinnen aus dem Großraum Mailand durch die Ausstellung. Man war auf Besichtigungstour durchs Ruhrgebiet, wie mir der deutsche Organisator erklärte, und nun wollte man sich anschauen, was junge Designstudenten aus Europa im Ruhrgebiet so ausstellten.

“Ruhrgebiet, soso. Dass Solingen und das Ruhrgebiet wenig miteinander zu schaffen haben, ist Ihnen aber schon klar”, sagte ich zu ihm. “Oder nicht?”

Er nickte ein bisschen ertappt, ein bisschen angefressen, ein bisschen ganz schön griesgrämig. “Das weiß ich schon. Aber die Ausstellung passt nun mal gut in den Rahmen der Rundreise. Ich meine, die Damen und Herren sind ja alle aus der Umgebung von Mailand, also, da haben die naturgemäß mit Design viel am Hut.”

Er wartete darauf, dass ich naturalmente antwortete. Weil von mir aber nichts kam, hatte er etwas Extrazeit gewonnen und musterte heimlich den Bratarsch einer italienischen Dorfbürgermeisterin, die sich zum Kuchengeschirr runterbückte, dem exzentrischen Beitrag einer jungen Design-Studentin aus Ljubljana, wie das kleine Schildchen am Objekt verriet.

“PLEASE, DON’T TOUCH!” schrie Kollegin Camilla und schnellte aus ihrem Stühlchen hoch, trotz ihres immensen Bratarsches.

Willkommen im Europa der Bratärsche.

“Heute Nachmittag sind wir im Binnenhafen Duisburg zu Gast”, fuhr der Organisator der Rundreise fort und ich entfernte mich unauffällig aus dem Kubus. Eine Spezialität von mir und Ergebnis langjähriger Praxis: mich verpissen, Leine ziehen, schön davonstehlen. Darin war ich die Nummer 1. Einer der ganz großen Könner auf dem Gebiet. Davonstehlen war schon immer der goldene Boden, auf dem ich mich bewegte.

Vorm Bahnhofgebäude stand Kollege Donato, ein lässiger Sizilianer, der neunzig Prozent seiner Arbeitszeit mit dem Handy am Ohr verbrachte, die restlichen zehn Prozent gingen fürs Eingelen der Haare und Rauchen drauf. Er rauchte abwechselnd Pall Mall ohne Filter und Peter Stuyvesant, eine abenteuerliche Mischung. Wenn Peter Stuyvesant die Zigarette für den Weltbürger war, dem alles leicht von der Hand ging, dann reichte Pall Mall bis weit in den Weltraum und war starker Tobak.

Donato machte keinen Hehl aus seiner Verachtung für die Ausstellung, diesem ganzen Design-Schnickschnack aus mobilen Zahnarztstühlen, ferngesteuerten Tischleindeckdichs und wellenförmigem Essbesteck. Auch ich hatte Schwierigkeiten, es Ernst zu nehmen, irgendwie war alles Camping, was die Studenten sich ausgedacht hatten, und alles andere als camp.

Zur Mittagszeit floh die 60beinige Delegation aus Mailand ins benachbarte Edel-Restaurant.

“Womit füttert ihr die Italiener denn ab?” fragte ich einen der geschürzten Kellner, ein cooler Bube mit Drei-Tage-Bart. “Spaghetti Carbonara?”

Er zog die linke Augenbraue in die Höhe. Dadurch geriet die linke Gesichtshälfte ins Rutschen, und er sah plötzlich sehr mitgenommen aus, wie kurz nach dem Schlaganfall. So hättest du nie und nimmer einen Ein-Euro-Job bei uns ergattert, dachte ich, nicht bei uns, Freundchen, mit dieser Fratze, halb in den Hals gerutscht.

“Die kriegen Rheinischen Sauerbraten”, murrte er, “mit Möhrchen untereinander.”

Ich beobachtete die Schuljungs, die sich am Bahnhofsvorplatz die Beine in die Skateboards standen, wer der Chilligste war. Sobald einer der Picos sich herabliess und ein Kunststück vorführte, kam Trixi angesprungen, die pummelige ältere Pudeldame, die zum Inventar der Spielhalle Die Dose gehörte. Sie hatte Herztabletten und ein neues Hormonpflaster verschrieben bekommen und nun tanzte und hüpfte sie um die Skater herum, wie ein fabrikneuer Tischtennisball.

Dann war da noch Rentner Charley, der hagere alte Billard-Gauner mit dem Kaspergesicht, der in der Dose als Aufpasser beschäftigt war. Und als inoffizieller Rattenfänger. Das Gelände um den alten Hauptbahnhof hatte einige Jahre brach gelegen, und nun verteidigten die Ratten ihr angestammtes Revier, wollten es nicht kampflos hergeben. Langanhaltender Regen spülte die Ratten aus ihren Löchern, sie promenierten in Mannschaftsstärke die Bahnhofsstraße rauf und runter, in einer provozierenden Selbstverständlichkeit, die den alten Billard-Gauner Charley fast um den Verstand brachte.

“VERFLUCHTES GELICHTER!” brüllte er, und ging auf die Hatz. Er hatte sich dieses Luftgewehr besorgt. Ich hörte einen Knall und ging hinaus. Der alte Gauner hielt eine fette Ratte beim Schwanz gepackt und ließ sie kopfüber baumeln. Er erklärte sie schon für tot, als die Ratte, noch in seinen Händen, sich plötzlich aufbäumte und nach ihm schnappte. Erschrocken warf Charley sie in Richtung Wiese, das Tier landete auf allen vieren und flüchtete im Zickzack davon, während Charley mit dem Luftgewehr nachsetzte, umsonst.

Meine Kolleginnen Camilla und Ute, die beiden renitenten Polit-Weiber, Lieblings-Begriffe faschistoid und Mandat, saßen in der Schalterhalle im Kubus auf ihren Aufpasserstühlchen und verquasselten die Zeit. Dieser unbändige Drang zu quasseln ohne Pause. Ich musste mich in Acht nehmen, dass ich nicht wahnsinnig wurde, wenn ich mich in der Nähe der beiden aufhielt. Dass sie mich nicht ansteckten. Dass ich nicht in ihren Bann geriet und plötzlich mitplauderte, aus endlosen Dampfkästchen.

Camilla hieß mit Nachname Taylor, seit sie in jungen Jahren einen US-Soldaten geehelicht und bald wieder verlassen hatte. Camilla Taylor, hätte sich mit diesem Namen nicht Karriere machen lassen, was sprach dagegen? Sie selbst, wie ich bald erfahren sollte. Mir ist jedenfalls nie wieder ein Weibsbild begegnet, das beim Gehen so bekloppt mit den Armen schlenkerte. Das heißt, es war ja nur ein Arm, der schlenkerte, der andere wurde von der großen Handtasche blockiert. Sie marschierte voran wie beim nordkoreanischen Militär, im Stechschritt, einarmig schlenkernd und quasselnd. Ein anatomisches Wunderkind, mit großer Handtasche.

Camilla und Ute hatten sich angefreundet, eine zwangsläufige Geschichte. Ute, gelernte Sozialarbeiterin, hatte wie Camilla ihren langjährigen Job verloren. Darüber war sie korpulent und missgünstig geworden, sie glaubte, im Leben ständig zu kurz zu kommen und gönnte sich daher beim Abendessen eine Extraportion Kohlenhydrate. Ein Bollwerk aus Nudeln, das mit Männern abgeschlossen hatte. Männer existierten im Weltbild von Ute nur noch als faschistoide Tittengrabscher.

“Wenn schon dicke Titten, dann richtige Euter wie in alten Russ Meyer-Filmen, und nicht so künstliche Ballerbrüste mit Silikonkissen drin”, stänkerte Kollege Norbert, ein arbeitsloser Foto-Laborant, der dabei erwischt worden war, wie er während der Arbeitszeit Pornos aus dem Internet gezogen hatte. Wir hatten alle herzlich gelacht, bis auf Camilla und Ute. Die nicht.

Ute erinnerte mich an die leidende Stutenfresse von Jodie Foster. Aber das hier war die Großtantenversion von Jodie Foster, in Cinemascope. Eine Artistin des Beleidgtseins. Immerzu fand sich jemand Anderes, der an der eigenen Misere Schuld trug, natürlich Männer, die sie an ihrer weiblichen Entfaltung hinderten. Sie haderte und haderte und haderte und haderte. Vielleicht war es ja ihr Job, nein, ihre Berufung, mit der Welt zu hadern. Sie hatte gut zu tun.

Meist hockten Camilla und Ute beieinander und hetzten über Kapitalisten und Männer und große Konzerne, was in ihren Augen ein und dasselbe war. Ich konnte nichts damit anfangen. Linke Aktivisten waren mir ein Greuel. Sie hatten zwar in vielem Recht, was sie anprangerten, das Dumme war nur, dass ständiges Rechthaben wie Rechthaberei klang.

“Frag doch mal die Jugend”, hatte ich zu Camilla gemeint, “ob die noch groß Gerechtigkeit wollen. Ob die das Thema groß interessiert. Die wollen einen schicken Job und ein schickes Auto mit Interieur aus dem Urwald. Das wollen die. Deine beschissene Gerechtigkeit ist denen schnuppe.”

Camilla quietschte vor Zorn. Ihre Schneidezähne waren stumpf geworden vom vielen Saxofon blasen, sie war ein begeisterte Amateurmusikerin, (begeistert, nicht begnadet), und sie quietschte, wenn sie aufdrehte, wie eine rückwärts rasende Tanzmaus.

“Ich kämpfe für Gerechtigkeit und nicht für so eine.. Jugend”, entgegnete sie erregt, “ich kämpfe für.. für.. für mich!”

Ja sicher. Eigentlich mochte ich sie gern. Camilla hatte Herz, und sie quietschte schön mit den Schneidezähnen.

“Und was Gerechtigkeit betrifft”, fuhr ich fort. “Würde man alle Ungerechtigkeiten auf der Erde aufzählen, müsste man um Mitternacht damit anfangen, ohne Pause bis zum nächsten Abend durchmachen und dann früh zu Bett gehen, weil am nächsten Tag soviel Arbeit auf einen wartet.”

“Du spinnst”, meinte Camilla.

Sie war ein Mensch, der sich ständig für neue große Dinge begeistern musste, sonst wurde ihr schnell langweilig. Dummerweise haben große Dinge es so an sich, dass sie selten geschehen, und kleine Dinge fallen durch den Rost. Da muss man sich schon vorsehen, dass am Ende überhaupt was übrig bleibt.

Einmal liess Camilla alte Fotos herumgehen, Fotos aus Kinder-und Teenietagen, auf denen ihre Augen noch sanft und voller Melodie gewesen waren. Wenn sie nun eine Doppelschicht fuhr, was am Wochenende gang und gebe war, also von morgens um zehn bis abends um sechs, dann bröckelte spätestens am Nachmittag ihr Make up und sie sah aus wie eine vertrocknete alte Farbpatrone. Arme Camilla.

“Du spinnst”, quietschte sie.

Zwei Monate nach Eröffnung der Ausstellung kamen immer weniger Besucher, die meiste Zeit saßen wir auf unseren Stühlchen und lasen Clever & Smart oder vertändelten sonstwie die Zeit. Ich guckte auf meine Schuhe, Donato schraubte seine 90 Prozent Handy am Ohr auf skandalumwitterte 97 Prozent hoch, er befand sich in schwindelerregenden Flatratehöhen und rauchte Pall Mall.

Ein paar Tage vor Ausstellungsende erschien ein alter Mann auf Krücken in der Schalterhalle, in Begleitung seiner beiden Töchter. Wir erfuhren, dass er an diesem Tag seinen neunundneunzigsten (!) Geburtstag feierte. Zu diesem Anlass hatte er sich eine kleine Tour durch seine geliebte Heimatstadt gewünscht, inklusive Abstecher zum restaurierten Alten Hauptbahnhof im Südpark.

“Nee! Wat is dat schön jeworden hier!” fuchtelte er mit der Krücke vor meiner Nase herum. “Ich bin ja nen aulen Schlieper!”

Schlieper sind traditionelle Solinger Messerschleifer. Was im übrigen keine einfache Sache ist, Messerschleifen. Das ist eine Kunst für sich. Als Jugendlicher hab ich mal einen Tag lang als Ferienjob in einer Hinterhofbude auf der Baumstrasse  Gemüsemesser geschliffen, die konnte der Chef hinterher samt und sonders in die Tonne kloppen, so stumpf waren die Dinger, wie Frotteehandtücher.

Für seine bald hundert Lebensjahre war der Alte noch verdammt rosig um die Backen. Er packte sich das ausgestellte futuristische Kochgeschirr der Design-Studentin aus Ljubljana und verteilte darauf seine Fingerabdrücke.

“Och, nee! So wat gab et aber früher nich!”

“Nicht anfassen, Vati!” sprangen seine Töchter, auch schon um die sechzig, hinzu, hingen doch überall diese freundlichen NICHT ANFASSEN-Aufkleber, EINZELSTÜCKE!

“Nee, is jut. Ich pack dat nich an. Is ja jut..”

Keine zwei Ausstellungsstücke weiter, die Krücke hatte der Alte längst der Tochter zugeschoben, patschte er mit den Fingern über die transportable Herdplatte.

“Is ja gar nich heiß!” zwinkerte er.

“VATI!!”

Ich gratulierte natürlich zum Ehrentag. “Was ein stolzes Alter”, sagte ich.

“Ich wohn in Widdert”, sagte er. “Kennste Widdert?”

“Ja, sicher kenn ich Widdert. Ich bin Solinger.”

“Ich wohn aber hinten durch, unten an der Wupper, hinter Widdert. Kennste dat auch, Jung? Nächstes Jahr werd ich hundert. Kannste kommen. Bringste die Puppen mit.”

Je länger der kleine Familientrupp zu Gast war, desto mehr interessierte er sich für die Ausstellung. Eine internationale Jury hatte die gelungensten Exponate prämiiert. Ganz vorne war ein mobiler Trinkbrunnen, an jeden Hydranten anschließbar. Die Töchter fragten mich aus, wollten dieses und jenes wissen, und ich erzählte, was ich so alles gelernt hatte während der sechsmonatigen Ausstellung. Viel war es nicht. Eigentlich gar nichts. Ich stand schließlich ständig draußen in der Sonne und rauchte Pall Mall, woher zum Teufel sollte ich wissen, was es mit dem Modell des City Micro Stadtautos auf sich hatte?! Ich geriet ins Schwimmen. Ich kapierte das winzige Ding nicht. Es hatte merkwürdig starre Hinterräder, deren Funktionsweise ich mir nicht erklären konnte, geschweige denn dem Geburtstagskind, das überraschend fit im Kopf war.

“Sieht aus wie ne Lokomotive!” rief der Alte, die Patschefinger schon im Chassis. (Kunsthochschule Berlin-Weißensee). “Aber wie kann dat denn fahren? Dar fährt doch nich! Is doch viel zu stieselig!”

“Tja, das ist äh ein integrales Fahrzeugkonzept für den Individualverkehr”, las ich aus der beigefügten Konstruktionszeichnung die Überschrift vor. “Vielleicht wissen meine Kolleginnen, wie das genau funktioniert, Moment.”

Ich rief nach Camilla und Ute, erhielt aber keine Antwort. Camilla watschelte gerade stupszähnig Richtung Klo, die unvermeidliche Bio-Möhre in Arbeit, und da Kollegin Ute draußen in der Sonne hockte und sich eine Portion Fertig-Nudelsalat gönnte, direkt aus dem Plastikkanister, blieb die Verantwortung wohl oder übel an mir hängen. Die beiden Töchter des Alten blickten einander an.

“Tja, man kann sich das Personal nicht aussuchen”, bedauerte ich, und draußen knallte die Büchse. Charley, der alte Billardgauner aus der Dose, war wieder in Aktion.

“VERDAMMTES GELICHTER!”

Am Tag der Finissage kam ich mit dem Geschäftsführer des Design-Instituts ins Gespräch, das ebenfalls im Alten Bahnhofsgebäude untergebracht war. Man suchte einen Mitarbeiter für die Bibliothek, die, frisch ausgestattet mit 10.000 Büchern rund ums Thema Design, neu eröffnen sollte.

“Mach ich”, sagte ich, und schlug ein.