Zeit zum Schreiben (2)

Wo ich schon mal in Ohligs war, brachte ich den Vertrag gleich persönlich rüber zum Arbeitsamt. Während ich darauf wartete, dass Vermittler Buntenbach von der Mittagspause zurückkehrte, sah ich mich in der fast leeren Wartezone einer imposanten Frau ausgeliefert. Sie sah aus, als wäre sie mit dem Kopf voran durch die Babyklappe gerauscht und hätte das Auffangbettchen durchschlagen, das Baby wog nämlich hundertzwanzig Kilo und war gut vierzig Jahre alt. Ein fataler Anblick. Sie saß auf mindestens zwei Stühlen und blätterte hektisch in einer Broschüre des Arbeitsamtes.

“Das wird immer schlimmer”, krächzte das Babyface, ohne den Blick aus dem Prospekt zu heben. Ich fragte mich kurz, mit wem sie überhaupt redete, doch da ausser mir niemand anwesend war, ging ich davon aus, dass sie mich meinte. “Früher durfte man so viel Hunde mitbringen, wie man wollte, kein Problem. Dann durfte nur noch einer mit rein und der andere musste draussen bleiben. Und heutzutage?” Sie stampfte mit dem Bein auf, und der Ständer mit den vielen ungelesenen Tipp & Tricks am Arbeitsmarkt vollführte einen kleinen Rittberger. “Heutzutage dürfen Hunde gar nicht mehr mit rein! Nehee! Muss ich zuhause lassen! Aber was glauben Sie, was los ist, wenn Mutti gleich heimkehrt. Die beiden Racker reißen mir doch die Bude ab, wenn ich zwei Stunden weg bin! Und wer bezahlt mir den Schaden, Nürnberg etwa? Der feine Missjöh Buntenbach?”

Die Scharniere des Stuhls jammerten, als sie ihren massigen Körper erhob. Sie wurde so laut, beinah schrie sie mich jetzt an.

“Die verbieten mir, meine Hunde mitzubringen, und wissen Sie auch warum?” Sie glotzte über den Rand der Tipps & Tricks hinweg. “WEIL DIE UNZUFRIEDEN MIT SICH SELBER SIND, DIE WEIBER, DESWEGEN! UND DER FEINE MISSJÖH AUS KÖLN AUCH!”

Ich war heilfroh, als mein Sachbearbeiter endlich aus der Pause zurück war. Er warf einen Blick in den Vertrag und stutzte kurz, als er die Spalte Arbeitszeit/Stunden erreichte, wo Filialleiter Hafner mit Bleistift eine “32″ eingetragen hatte.

“Wieso nur zweiunddreißig Stunden?”

“Weil die mich keine vierzig Stunden gebrauchen können”, log ich dreist, aber es kümmerte ihn ohnehin nicht. Hauptsache, ich war eine Weile aus der Statistik. Volle sechs Monate wurde ich nicht als arbeitssuchend geführt. Riesig. Dafür war Buntenbach beim Arbeitsamt angestellt. Das war sein Job, das war sein Leben. Ein Statistiksäuberer. Eine Reinigungskraft.

“So, Meister, am 1. Februar ist defintiv finis mit Feiern und Ausschlafen bis in die Puppen”, sagte er nicht ohne Genugtuung. Dabei schlief ich so gut wie nie aus, und das mit der Feierei war auch nicht mehr so doll. Eigentlich steckte ich in der ersten echten Krise meines Lebens, Literaturpreis hin oder her. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte.

Buntenbach senkte die Stimme, geplagt vom plötzlichen Tremolo seiner Augenlider.

“Sagen Sie.., die verrückte Dicke, sitzt die immer noch da draussen auf dem Flur?”

“Nee. Die steht jetzt.”

*

1. Februar, morgens, halb neun.

Der Bus bog schon in die Haltebucht ein, als ich unten aus dem Park trat und die Straße hinauf blickte. Ich musste einen Spurt hinlegen, damit der Fahrer nicht ohne mich abfuhr. Busfahrern bereitete das in letzter Sekunde die Tür vor der Nase zuschlagen ein derartiges Vergnügen, dass sie daraus eine interne kleine Sportart kreiert hatten, mit täglicher Ausschüttung von Ehre und Schulterklopfen unter Kollegen im Depot der Stadtwerke.

Diesmal hatte ich Glück. Der Fahrer kam nicht umhin, ein paar drängelnde Schulkinder einsteigen zu lassen, und als das letzte endlich drin war, kam ich außer Puste angestürmt und zählte ihm drei einzelne Markstücke auf den Wechselgeldteller. Mit mürrischem Blick riss der Fahrer das Einzelticket vom Block, liess die Münzen in den Galoppwechsler purzeln und murrte los.

In Ohligs angekommen, steckte ich mir auf dem kurzen Fußweg zum Obi eine Kippe an und rauchte sie so gierig runter, dass es mir fast den Zeigefinger ansengte. Ich war eine volle Stunde zu spät. Ich nahm die Treppe zum Büro des Chefs, aber das war leer. Ich versuchte es im Personalraum. Die blonde Sekretärin hockte am Tisch und blickte mich an.

“Na halloo..”, flötete sie erstaunt.

“Morgen”, sagte ich.

“.. hat er sich Brötchen mitgebracht!”

Wie niedlich. “Das ist ein Schinken-Baguette”, sagte ich.

Ihre blonde Rund-Frisur erinnerte an Prinz Eisenherz.

“Komm, wir trinken erst mal einen Kaffee.” Sie erhob sich und stöckelte zum Heißgetränkautomaten in der Ecke, schloss ihn auf. Ihre Levis war so knalleng, ich fragte mich, wie man es da reinschaffte ohne blaue Flecke und Schürfwunden. Vielleicht war sie seit dem vierzehnten Lebensjahr Stück für Stück in die Blue Jeans reingewachsen, ohne sie seither ausgezogen zu haben. Es gab Möglichkeiten, klar, doch die waren limitiert und hauten allesamt nicht hin. Nein, ihr Hintern war schlicht grandios. Er knackte und knirschte bei jeder Bewegung, wie ein Lattenzaun während der Hundstage.

“Kostet normalerweise fünfzig Pfennig, aber heute ausnahmsweise..” Sie ließ den Satz unvollendet und lächelte kokett. Oh, natürlich, sie wusste um ihre Wirkung. So oft es ging, zeigte sie sich von hinten. Starr mir ruhig auf den Hintern, sagten ihre Bewegungen. Wünsch dir was. Der Kaffeebecher lief randvoll, und sie schloss den Automaten zu. “Ich kann ihn dir nur schwarz anbieten, aber ich hoffe, das macht nichts.”

Sie setzte sich zu mir. Leise drang die Fumu in den Pausenraum, funktionelle Musik, Kaufhaus-Muzak, You make me shiver, makellos sanfte Wellen, die unsere Füße umspülten. Wir saßen nebeneinander, auf Abstand bedacht. Wie das so ist, wenn man sich nicht kennt, aber schon ahnt, dass man sich bald nahe kommen wird, unter Kollegen.

Während ich am Kaffee nippte, öffnete sie eine Pausenbrotdose und entnahm ihr eine Weissbrotstulle. Oh mein Gott. Wenn ich vor irgendetwas Horror hatte, dann vor Situationen im Pausenraum, wo eine Kollegin oder ein Kollege das Frühstücksbrot rausholt und Mahlzeit wünscht. Schlimmer als Kotze im Federmäppchen, das war der Untergang der Zivilisation.

“Nutella”, grinste sie. “Gibt Muckis.”

(Ich versuchte ein Lächeln.)

“Ich hab dein Foto im Tageblatt gesehen. Was schreibst du denn? Schreibst du richtig Romane?”

Das Foto war ein paar Tage vor Silvester im Lokalteil erschienen, es zeigte mich vor einer Schulklasse. Ich saß auf dem Pult und liess die Beine baumeln, das Manuskript in der Hand. Der Deutschlehrer einer Realschule hatte mich zu einer Lesung eingeladen, ich hatte Arnheim, der Blues gelesen, vor einem Haufen Zehntklässlern, die sich einen Schriftsteller irgendwie anders vorgestellt hatten. Seriöser, ohne Löcher in der Jeans, nicht so .. Glumm.

“Nee, Romane nicht..” Was die Leute sich immer vorstellten. Ein Schriftsteller schreibt Romane. “Eher.. Geschichten.”

“Geschichten? Was für Geschichten, Krimis?”

“Nee.. aus meinem Leben.”

“Aus deinem Leben?” Sie glotzte mich an. “Ist das denn so super spannend?”

“Nee.”

Sie schüttelte den Kopf und futterte ihr Nutellabrot weiter. Kein Malocherfuttern glücklicherweise, eher ein mausartiges Knabbern. Dennoch schwante mir bereits, dass wir beide auf Dauer nicht klarkommen würden. Sie erwartete zu viel. Solche Menschen roch ich auf zehn Meilen, und sie saß direkt neben mir. Was mich betraf, so erwartete man am besten nichts. Gar nichts. Dann konnte ich allmählich kommen. Vielleicht.

Oder auch nicht.

“Veröffentlichst du auch richtig Bücher?”

Da hatten wir’s. Ein Schriftsteller veröffentlicht Bücher. Gibt es ein Thema, das demütigender ist für einen Autor ohne Buch? BÜCHER!!? In die Enge getrieben, begann ich zu stammeln, “in also mehr ja so Stadtmagazinen”, doch es juckte sie ohnehin nicht weiter. Kaum ausgesprochen, schon abgehakt.

“Ich hab das Foto von dir hinten am Schwarzen Brett aufgehängt. Wenn schon mal eine Berühmtheit hier arbeitet..”

Ich suchte nach Anzeichen von Ironie in ihrem Gesicht, nach leisem Spott und milder Herablassung, doch ich fand nichts. Ihr Gesicht war hübsch, einladend sogar, aber frappierend frei von allem, was irgendwie mit Verstellung zu tun hatte. Sie stand auf, brachte die Kaffeebecher zur Spüle. Eine ehrliche Haut mit einem ehrlichen, gradlinigen Hintern, einem famosen knackigen Teil in Vollendung. Ja, genau den musste der Herrgott im Kopf gehabt haben, damals, als er im Paradies die Blue Jeans erfand und was sich so alles für Ärsche darin verpacken ließen.

“Im Büro hab ich mitgekriegt, dass du unten am Kannenhof wohnst”, meinte sie. “Ich wohne auf der Baumstrasse, kann ich dich morgens im Auto mitnehmen. Wenn du willst.”

“Baumstrasse? Och. Ist ja um die Ecke.”

“Eben. Gut, ne?”

Ich wunderte mich einen Moment, warum ich sie noch nie gesehen hatte, vermutlich war sie die Sorte Frau, die morgens den Wagen bestieg, der vorm Haus parkte, und zur Arbeit brauste, und am Abend das gleiche in umgekehrter Reihenfolge erledigte. Solche Leute bekam man selten zu Gesicht, selbst wenn sie im selben Haus wohnten.

“Dann musst du morgens nur kurz durch den Park”, sagte sie. “Ich mein, du fährst doch kein Auto, oder?”

“Stimmt.”

“Warum nicht?”

“Was, warum nicht?”

“Na, warum du kein Auto fährst. Alle Männer fahren Auto.”

Ich zuckte mit den Schultern.

“Nur so.”

Ich war nicht alle Männer. Ich war nicht mal alle Menschen. Ich war.. ja, wer war ich überhaupt!? Kaum hatte ich mich kurz gefreut, nicht jeden Morgen dem verdammten Bus nachrennen zu müssen, schon grauste es mir bei der Vorstellung, jeden Morgen neben Prinzessin Eisenherz sitzen zu müssen, Knackarsch hin, Knackarsch her. Morgens wollte ich meine Ruhe haben, da konnte ich kein Geblubber, kein Gewäsch ertragen.

“Ich kann mich ja am Spritgeld beteiligen..”, hörte ich mich dennoch sagen, zu meiner eigenen Verblüffung.

“Quatsch. Ich fahre doch sowieso, ob nun mit oder ohne dich.”

Na, da hatte sie recht. Sie begann trotzdem zu rechnen.

“Was kostet eine Busfahrt bis Ohligs, zwei Mark?”

“Drei.”

“Drei.. sind hin und zurück sechs Mark am Tag. Wie oft arbeitest du hier in der Woche?”

“Vier Tage.”

“Nanu? Nur vier? Na gut, macht vierundzwanzig Mark die Woche, mal vier, das sind.. fast hundert Mark im Monat. Die hast du dann schon mal gespart. Kannst du ja Bücher für kaufen! Ha ha!”

Lustig. Ja. Schriftsteller veröffentlichen Bücher, Schriftsteller kaufen Bücher. Das letzte Buch, das ich mir gekauft hatte, hatte ich geklaut. A-wop-bop-a-loo-bop-a-lop-bam-booom von Nik Cohn. Meine Bibel. Ich las sie alle drei Monate, zur Abhärtung. Sie schaute auf die Uhr und packte die verbliebene Hälfte ihres Nutellabrotes wieder ein, unauffällig, wie nebenbei, als wäre eine Stulle im Pausenraum nicht der Untergang des Weissbrot-Parallel-Universums.

“So, dann wollen wir mal..”

“Und du? Seit wann arbeitest du hier?” versuchte ich meinen Knastantritt rauszuzögern.

“Vier Jahre. Ist ganz gut hier. Lässt sich aushalten. Die meisten Kollegen sind in Ordnung. Paar Arschlöcher sind darunter, klar, aber Arschlöcher findest du überall.”

“Ja klar. Vielleicht bin ich ja auch ein Arschloch.”

“Ja, vielleicht.” Sie lachte. “Ich bin die Gabi.”

“Ich der Glumm.”

“Weiß ich doch.”

Erst jetzt bemerkte ich die Putzfrau im Pausenraum, die um unsere Füße herum wischte. Eine Bilderbuchputzfrau mit strubbeligem Haar, um die vierzig und offensichtlich darin geübt, nicht zu stören, wenn die Großen sich unterhalten. Ich fühlte mich ein bißchen schäbig, dass ich die Frau zuvor nicht wahrgenommen hatte. Doch als Gabi sie fragte, ob sie nicht mal wieder zum Frisör gehen wolle, ganz ohne boshaften Unterton, eher neugierig, da richtete sich die Putzfrau keuchend auf und antwortete, dass sie dafür im vergangenen Jahr keine Zeit gefunden habe. Und dabei vermittelte sie nicht den Eindruck, besonders unglücklich zu sein. Erleichtert lehnten wir uns zurück. Die Putzfrau mit dem Duktus einer Putze wrang das Putztuch aus und das Wischwasser platschte in den Eimer.

Der Chef rief mich ins Büro. Filialleiter Hafner hatte ein steifes Fußballerbecken, mit dem er durch die Gänge schaukelte und die Sympathien seiner Mitarbeiter einheimste. Auch er zeigte sich von meinem Autorenpreis beeindruckt. So schwer, dass ich auf seinem Schreibtisch ein schmales Lyrikbändchen entdeckte. Während er mir meine zukünftigen Aufgaben als Mitarbeiter der Eisenwarenabteilung schilderte, schielte er immer wieder auf das dürre Büchlein, das so gar nicht zum nüchternen Ambiente seines Büros passen wollte. Es lag für meine Augen verkehrt herum, lediglich das Wort Lyrik konnte ich entziffern. Hafner verfolgte meinen Blick, meine Bemühungen, sagte aber weiter keinen Ton dazu, und ich hielt auch die Klappe. Als ich ein oder zwei Tage später das Büro aufsuchte, war das Gedichtbändchen weg, und es tauchte niemals wieder auf.

*

Einen Monat später war die Einarbeitungszeit vorüber. Allmählich wurden nicht nur die Kollegen sauer, weil ich immer noch ohne Kittel herumlief und für die Kunden nicht als Mitarbeiter zu identifizieren war. Auch der Chef wurde ruppiger, wenn die Sprache auf das Thema Kittel kam. Bis dahin war es ein Leichtes gewesen, mich aus dem Tagesgeschäft herauszuhalten und lästige Anfragen der versammelten Kreisheimwerkerschaft abzuwimmeln. Mittlerweile aber, so die Auffassung des Chefs, wüsste ich doch, in welcher Abteilung welche Ware zu finden sei, da könnte ich auch endlich den Obi-Kittel anziehen. Ich kam aus der Nummer nicht mehr raus. Ab sofort hieß es für mich, auch mit Kittel unsichtbar zu sein. Die Königsdisziplin des Verpissens stand unmittelbar bevor.

Eigentlich nichts leichter als das. Als Zweitgeborener in einem Feld von drei Geschwistern war ich mit dem Phänomen aufgewachsen, unsichtbar zu sein. Nicht weiter aufzufallen. Sandwichkind eben. Wenn ich etwas ausgefressen hatte, hiess es für mich nur normal und unauffällig bleiben, so kam niemand auf die Idee, ich wäre der Täter gewesen, der den Fischteich des Nachbarn mit zwei Flachmännern Doornkaat vergiftet hatte. Es war die perfekte Tarnung. Trick 17. Wie auf den Leib geschrieben. Tue so, als wäre alles wie immer, und dir wird nichts geschehen.

Die Königsdisziplin ging vom ersten Tag an schief. Weil ich Kittel trug, traten die Kunden ungeniert an mich heran: junger Mann, wo finde ich Fugendichtungen, wo Gardinenstangen, ich benötige vier Bewegungsmelder. Ich log bedauernd, tut mir leid, ich bin heute den ersten Tag hier, da wenden Sie sich besser an.. Oh, sagten da die Leute, natürlich, ist ja klar, Ihr erster Tag, da können Sie natürlich nicht Bescheid wissen, lassen Sie gut sein, dankeschön, junger Mann.

Der Chef kam schnell dahinter, was ich da abzog. Er wurde richtig böse. Sein Fußballerbecken baute sich auf.

“Hören Sie mit der Lügerei auf, das bringt doch nichts!”

Ab sofort nahm ich mir vor, stets bei der Wahrheit zu bleiben.

“Tut mir leid, der Herr, aber ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen, ich hab heute erst meinen vierundsechzigsten Tag hier..”

“Ach so! Der vierundsechzigste Tag erst! Nee, dann ist klar, junger Mann!!”

Hoffmann Chicago

Alles an Hoffmann Chicago war schief und verbaut. Er hatte krumme Beine, einen fiesen Buckel und keinen Hals. Es sah aus, als steckte der Schädel unmittelbar auf den Schultern, wie eine Papierlaterne, die im Begriff war Feuer zu fangen. Bluthochdruck, sagte der Doktor. Dicken Kopp, sagten die Leute.

Die Kinder im Ort fürchteten Hoffmann wegen der schiefen Nase und den vielen Narben, die das Leben in sein Gesicht gezogen hatte, und wegen der krummen Knochen, auf denen er durch den Ort dackelte. Andererseits hatte er stets eine Kleinigkeit für sie in der Tasche: ein Kaugummi, etwas Lakritze, bunte Drops.

Hoffmann Chicago war ein Einzelgänger, und Einzelgänger stellen immer auch eine Instanz dar. Wie die Menschen mit einem umgehen, der anders ist, das sagt viel über die Menschen aus, die einen kleinen Ort bewohnen. Und einen großen.

Irgendwann begann es, dass die Nachbarn ihm he, Chicago hinterher riefen, weil seine verschlagene Visage zunehmend an die grobkörnigen Gangsterfotos aus der Metropole am Lake Michigan erinnerte. Als hätte sich Al Capone ins Sauerland verirrt, den einheimischen Slang angenommen und wäre geblieben, aus Bequemlichkeit. Oder vielleicht auch weil die Geschäfte gut liefen. Aber nein, hier endete die Ähnlichkeit.

Bis zur Rente war Hoffmann in der örtlichen Leiterfabrik beschäftigt. Wenn um fünf Uhr Feierabend war, wechselte er einen Steinwurf weiter in die Bierhalle, eine für ihren maroden Zustand berüchtigte Lokalität, die nur von vier umstehenden stattlichen Pappeln aufrecht gehalten wurde.

Über dem WC der Bierhalle, einer drei Meter langen Blechrinne, war eine winzige Fensterscheibe, an der sich im Winter Eiskristalle bildeten, die Pissnelken. “Alle mal rüberkommen!” schallte es nicht selten vom Klo, wenn ein Stammgast ein seltenes Exemplar gesichtet hatte. “Sieht aus wie ein hohes Tier bei der Berufsfeuerwehr! Aber kein ganz hohes!”

Eine Damenklo gab es in der Bierhalle nicht, wozu auch, Damen wurden nicht geduldet. Bis auf die weizenblonde Ursel, die Bedienung, die stets am Wochenende kam und einen niedlichen, kleinen Zitronenbusen hatte. Weshalb sie von den Stammgästen auch liebevoll Zitrönchen gerufen wurde.

“Zitröönchen, noch ein Halbes!”

Die Bierhalle Winterberg war für ihre skurrilen Spielapparate bekannt. Besonders beliebt war die Grosse Willi, ein Williams-Kegelautomat aus den frühen 50ern, bei dem man neun weisse Kegel abräumen musste. Die fünf Meter lange Stretch-Ausführung gab es ausserhalb der USA nur im Vergnügungspark Tivoli in Kopenhagen und eben in der Bierhalle zu Winterberg. Da Hoffmann trotz knorpeliger Finger bemerkenswerte feinmechanische Fertigkeiten besaß, war er der Einzige, der den Kegelautomaten wieder flott kriegte, wenn sich die Fäden, an denen die Kegel hingen, wieder heillos ineinander verhaspelt hatten, neun Weibern gleich, die in wilden hysterischen Wellen aufeinander einquasselten. Das musste man erst mal wieder enthaspeln, und das brachte in ganz Winterberg nur Chicago Hoffmann.

“Hoffmann, machst du die Grosse Willi wieder flott?!” rief Zitrönchen oft am Wochenende, wenn der Laden brummte.

Die Bierhalle besaß eine legendäre Musikbox, eine Wurlitzer. Bei ihrer Anschaffung zu Beginn der 60er Jahre war sie mit den damals angesagten Hits bestückt worden, und dabei blieb es. Nicht eine Single wurde je ausgetauscht, und so liefen die alten Schinken bis sich der Staub auch in die letzte Rille der am seltensten gespielten Nummer gesetzt hatte und die Nadel nur noch übers Vinyl rutschte wie beim Eisstockschiessen.

Dreissig Jahre lang war die Box eine sichere Bank gewesen. Hatte Chicago 1964 Taste C3 gedrückt, erklang Sascha Distel, “Der Platz neben mir bleibt leer”, sein Lieblingslied, und hatte Chicago 1989 Taste C3 gedrückt, erklang immer noch “Der Platz neben mir bleibt leer”, wenn auch in der vollwattierten, superschnell ihrem Ende entgegenflitzenden Version.

“Wonderful”, schwärmte Hoffmann Chicago dennoch gern, er hatte sich mit den Jahren einen eher internationalen Lebensstil angeeignet und orderte mitunter ein Gläschen Gin Tonic.

Hoffmann Chicago hatte wenig Interesse an Damenbekanntschaften, er verbrachte die Abende lieber am Tresen mit befreundeten Saufnasen und verplauderte sein Leben. Erzählte gern die Schote, wie er gleich nach dem zweiten Weltkrieg, als die Engländer Besatzungsmacht waren, eine Wette gegen einen Tommy gewann, wie britische Soldaten genannt wurden.

“Zwei gebrochene Beine hab ich mir eingehandelt, aber das wars wert!” strahlte Hoffmann Chicago noch bei der einundfünfzigsten Schilderung der heroischen Tat.

In einer bitterkalten Winternacht 1949, nach dem zwanzigsten Bier und zehnten Korn, hatte er gewettet, von der weltbekannten Winterberger Skisprungschanze zu springen. Wetteinsatz: ein Kasten Export. Der Tommy nannte ihn erst einen Crazy Fool, dann einen Bastard und zuletzt einen Focking Bloody Bastard.

“I am Hoffman Chicago!” setzte Hoffmann dagegen und kletterte über den Zaun der Leiterfabrik, um sich heimlich die guten Skier seines Chefs auszuborgen. Er wusste haargenau, wo sie standen.

Weit nach Mitternacht war es und stockdunkel, als sie die Schanze erreichten. Schnell wurde sie provisorisch beleuchtet von aufgestellten Taschenlampen. Als Hoffmann Chicago Minuten später im funzligen Lichtschein die Spur runtersauste, verpasste er am Schanzentisch den richtigen Absprung, trudelte zwanzig, dreissig Meter durch die Luft bis er wie ein Stein zu Boden fiel. (Ein Stein, den später niemand mehrso richtig geworfen haben wollte.)

Mit dem ersten Tageslicht wurde er von einem britischen Militärhubschrauber ins Hospital nach Soest ausgeflogen. Die Beinbrüche waren so kompliziert, man prognostizierte ihm ein Leben im Rollstuhl, doch dazu kam es nicht. Schon bald saß er wieder am Tresen der Bierhalle und stank schlimmer nach Alkohol aus dem dicken roten Kopf als je zuvor, weil einen Hals, den gab es ja nicht.

1989 ging Hoffmann Chicago in Rente, ein Jahr darauf schloss die Leiterfabrik, zwei Jahre später fiel die Bierhalle in sich zusammen, in einer stürmischen Herbstnacht. Zehn Tage darauf fand man Hoffmann Chicago tot auf der Parkbank. Zitrönchen weinte sehr.

Seinen schiefen Zinken erklärte Hoffmann Chicago gerne mit einem bösen Streich, den ihm seine Kumpel gespielt hatten, in der schlechten Zeit, als die Leute ihren Kaffee noch selber mahlten. Damals, so Hoffmann, hatte man ihm ein Präservativ in die Kaffeemühle gespannt.

“Ich sitz da und bin am Drehen und am Drehen und das wird immer schwerer, bis ich irgendwann denke, Mensch, Chicago, was ist da los? Was sind das für widerborstige Bohnen? Bis ich die Kurbel nicht mehr halten kann und loslassen muss, da haut es mir den Schwengel voll vor den Zinken!”

Das stimmte natürlich hinten nicht und vorne nicht, selbst in der Mitte musste man Bedenken haben und Abstriche machen, aber das war nicht wichtig, Hoffmann Chicago war mittlerweile Kult geworden, besonders für die Jugendlichen vor Ort. Wenn der Mob freitagabends das Wochenende einläutete, zog man zunächst in die Bierhalle, mal gucken, was Chicago Hoffmann so treibt.

Wenn man reinkam, hockte er links am Tresen, ein Glas Export und eine Zigarre in Arbeit. Von seinem Urgrossvater hatte er die Familientradition übernommen, eine 42er Fehlfarbe WIRKLICH zu Ende zu rauchen. Dazu stopfte er den übriggebliebenen Stumpen in einen Mundaufsatz aus Pappe, aus dem der Rest komplett weggeraucht werden konnte, bis nicht mal ein allerletzter Kringel Rauch übrigblieb.

Obwohl, der bleibt ja eigentlich sowieso nie übrig.

*

Veilchendienstag

Rosenmontag schob ich Nachtdienst im Turm-Hotel. Morgens um Sieben kam die Ablösung und ich schlenderte durch die Innenstadt nach Hause. Schneeflocken fielen vom Himmel, als nähmen sie den Winter nicht mehr richtig ernst, als spielten sie nur Schneefall.

Frühmorgens Feierabend haben, wenn alle anderen zur Arbeit hasten, das hat was. Man schaltet einen Gang nach dem anderen zurück, bis man fast stehen bleibt vor Lockerheit. Eine kleine Entschädigung für die Schmach, jeden Abend Punkt 22 Uhr den Dienst anzutreten, wenn alle Welt am Tresen steht und feiert.

“Hey.. kannst du mir weiterhelfen?” Ein Mädel trat auf mich zu, in einem dunklen weiten Cape. Bißchen zu dünn für die Temperaturen. “Sag mal.. wie komm ich zum Busbahnhof?”

“Busbahnhof? Der ist doch oben am Neumarkt.”

“Am Neumarkt?”

“Ja klar, da vorn die Gasse hoch, dann links. Am Neumarkt fahren sämtliche Busse ab. Die meisten jedenfalls. Wohin musst du?”

“Na, nach Hause.”

Ich schätzte sie auf Anfang zwanzig. Bißchen schiefe Nase, übernächtigt, bleiche Haut vom Saufen und vielen Lachen. So stand sie vor mir, wie aus dem Nachspann von La Boum, die Fete, Teil 7.

“Wo bin ich hier überhaupt?”

“Fußgängerzone?” gab ich ebenso närrisch zurück.

“Ja schon. Aber in welcher Stadt..”

“Ist das dein Ernst?”

“Na ja klar ich.. weiß nicht..”

“Solingen. Du bist in Solingen.”

“Mannomann, Solingen. Ich dachte schon, das wär Monheim hier.” So überrascht, wie sie aus der Wäsche blickte, schien sie tatsächlich keinen Schimmer zu haben, in welcher Ecke des Rheinlands sie sich befand.  “Ich werd nicht mehr. In Solingen war ich noch nie.”

Rosenmontag sei sie mit den Mädels in der Kölner Südstadt gewesen, und später in Monheim versackt, dem Geheimtipp im Kneipenkarneval. Altweiber in Monheim, davon träumt jeder Jeck.

“Das letzte, woran ich mich erinnere.. da saß ich im Nachtbus, mit den ganzen Weibern. Keine Ahnung, wo die abgeblieben sind. Wir wollten eigentlich alle nach Hause.”

“Nach Hause?”

“Nach Leverkusen.”

Dafür, dass wir uns noch nie gesehen hatten, standen wir eng beieinander. Ich roch ihr Bier. Das letzte war vermutlich nicht lange her. Die Fußgängerzone war übersät mit Konfetti und Pappbechern, gelber Hundepisse im Pappschnee, leeren Sektpullen, Jägermeistersixpacks. Eine einzelne Schneeflocke segelte vom Himmel, wie ein dickes missratenes Insekt. Fallout, Man.

Sie sei eben erst in der Kneipe wach geworden, in irgendeiner Kneipe, mutterseelenallein auf der Eckbank.

“..mit einem fiesen Geschmack im Hals, wie Hund. Dann hat der Wirt Feierabend gerufen und mich vor die Tür gesetzt, der Doof. Gibt’s hier ne andere Kneipe, die offen ist? Ein kleines Bierchen bräuchte ich schon noch, bevor ich mich in den Bus setze.”

“Der Kotten. Oben am Busbahnhof, wo die Linie nach Köln abfährt. Der Kotten hat immer auf. Der Kotten weiss gar nicht, wie das geht, nicht auf zu haben.”

“Fährt der auch über Leverkusen?”

“Der Kotten?”

“Der Bus.”

“Ja, sicher. Nach Köln – über Leverkusen.”

Dann standen wir da, und schwiegen. Nicht lange, einen Augenblick nur, in dem sich entschied, wie es weitergehen sollte mit uns. Ging ich auf ein Bier mit in den Kotten? Nahm ich sie mit nach Hause? Und was, wenn sie nach dem Bumsen in meinem Bett einschlief und ich sie so schnell nicht loswerden würde? Es arbeitete in mir wie in einer Rechenanstalt. Ich wartete auf das Ergebnis. Addieren, subtrahieren, die ganzen Vorgänge. In ihrem Gesicht war weniger los. Sie gähnte verbeult.

“Na, dank dir schön”, meinte sie und wankte die Gasse runter, in die komplett falsche Richtung.

Weihnachtsfeier

Die Weihnachtsfeier fiel flach, keiner hatte Lust auf einen Abend beim Italiener oder Griechen, stattdessen gingen wir mittags eine Runde Kegeln. Wir, das waren die sechs Mitarbeiter unseres kleinen ambitionierten Design-Instituts, drei Männer und drei Frauen.

Als wir die Bahn betraten, im Keller eines jugoslawischen Restaurants an der Stadtgrenze zu Haan, fühlte ich mich einen Moment, als wäre die Zeit stehen geblieben. Die gleichen schlammfarbenen Schiebetüren, der gleiche Nippes und Klimbim in den blinden Vitrinen wie auf der Kegelbahn im Vereinsheim des RSV, wo ich in den 70er Jahren Fußball gespielt hatte.

“Was darf ich zu trinken bringen?”

Der dicke Wirt, gleichzeitig auch Koch der Spelunke, ein bißchen schmuddelig, ein bißchen unhöflich, “mir sind Stammgäste lieber”, sprach sein abweisender Blick, trocknete seine Hände an der Schürze ab. Während die Kollegen schon bestellten, keiner trank Alkohol, schwankte ich noch zwischen Cola und einem Kaffee. Prinzipiell tendierte ich zum Kaffee, erinnerte mich aber dunkel an die vorgekochte Filterbrühe, die im Vereinslokal des RSV aus versteckten Thermoskannen ausgeschenkt wurde, im Bedarfsfall. Sicherheitshalber erkundigte ich mich also beim Wirt, welchen Kaffee er ausschenke, deutschen oder auch italienischen.

Der Stift in seiner Hand zappelte unwirsch hin und her, wie ein Kasperle.

“Ich hab Capuccino da, ich hab Latte Macchiato da..”, er schnappte nach Luft, “ich hab Cafe Latte, ich hab Espresso, ich hab..”

Das wollte ich alles gar nicht alles wissen. Ich hatte bloß Schiss vor deutschem Filterkaffee.

“Na schön, ich nehm italienischen Kaffee”, sagte ich, “aber ohne so cremigen Schaum obendrauf.”

“Ohne cremigen Schaum?”

Nicht nur der Wirt schien verblüfft, auch unser Geschäftsführer, ein sportlicher, eher verbindlicher Typ, der keinen Zwist mochte, mischte sich ein.

“Italienischer Kaffee hat doch immer Schaum obenauf.”

“Aber nicht bei uns zuhause”, sagte ich. “Wenn ich Espresso koche, dann pechschwarz. Ohne Cremehütchen. Den muss man zur Not auch rauchen können. Das muss mehr eine Zigarre sein, der Espresso.”

“Espresso, gut.”  Der Wirt war wieder im Spiel. “Ich kann Ihnen einen Espresso bringen, und wenn Sie mögen,” sein Mund spöttelte ein wenig, “auch einen zweifachen, einen dreifachen.. Und nach dem Essen eine schöne Zigarre.”

“Schön”, sagte ich. “Aber ohne Schaum.”

“Wie ohne Schaum!?”

Das Gesicht des Geschäftsführers, er saß mir schräg gegenüber, verzog sich gefährlich, und damit ich nicht wie ein Angeber dastand, der nur Blödsinn verzapfte, ging ich ins Detail.

“Also, wir kochen unseren Espresso in silbernen Edelstahl-Kännchen, die man einfach auf die Herdplatte stellt. Sie wissen schon, der Design-Klassiker aus Italien.”

“Ach so”, meinte der Geschäftsführer besänftigt, “von Bialetti, in der eckigen facettenreichen Linie..”

“Genau. Moka.”

“Aber haben die nicht auch Schaum obenauf, wenn der Espresso darin aufkocht?”

“Nee, eben nicht”, antwortete ich genervt. Ich wollte eigentlich nur keinen Filterkaffee trinken, das konnte doch nicht so schwer sein. Der Wirt stand immer noch am Tisch, mit Stift und Block in der Hand, bis unser Maschinenbauer, ein hellwacher Kollege mit ordentlicher Plauze, der zum 31. 12. gekündigt hatte, die Situation klärte.

“Wissen Sie was? Bringen Sie dem Mann hier den Kaffee so, wie er ihn zuhause trinkt!” klopfte er mir auf die Schulter.

“Danke”, sagte ich erschöpft.

Ich bekam einen dreifachen Espresso, und der schmeckte sogar richtig gut.

Dann wurde gekegelt. Wir spielten Fuchsjagd, wir spielten Tag & Nacht, dann In die Vollen und zum Abschluß Abräumen. Dunja, unsere junge diplomierte Designerin, eine große und sehr schlanke Person, die ein Projekt für einen großen deutschen Waschmittelhersteller abgeschlossen und dem Institut ordentlich Geld in die Kassen gespült hatte, rief jedes Mal fröhlich KACKSTUHL!, wenn jemand fünf Kegel umwarf und das Bild, das auf der Anzeigetafel aufleuchtete, einem Klositz ähnelte.

Maggy, unsere Praktikantin, eine eher unscheinbare Person, fiel auch beim Kegeln nicht weiter auf. Sie war halt anwesend. Sie war da. Als der Wirt die nächste Runde Getränke brachte und die Essensbestellung aufnahm, entschied sie sich für ein Schnitzel Jutta. Ihre Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau endete zum 31. Dezember. Das Schnitzel Jutta war mit Ananas.

Ich saß zwischen unserem hellwachen Maschinenbauer, einem Diplom-Ingenieur, und der Lurz, der Sekretärin, die zum 2. Januar eine neue Stelle antrat. Da sie nicht nur eine große Klappe hatte, sondern auch eine chronische Entzündung der Sehnen, kegelte sie aus beiden Händen. Sie nahm Anlauf und ließ die Kugel einfach auf den Boden plumpsen. Sie hoffte, das sie schon irgendwie ins Rollen kam. Es sah ein bißchen so aus, als würde sie im Stehen gebären. Das klappte ganz gut, es polterte ordentlich, und die Kugel lief gemütlich übers Holz.

Genau wie ich hatte der Geschäftsführer die Turnschuhe vergessen, aber im Gegensatz zu mir lief er nun nicht die ganze Zeit auf Strümpfen herum, (das Kegeln in Straßenschuhen war streng untersagt), sondern schlüpfte jedes Mal aus seinen edlen Lederslippern, wenn er an der Reihe war. Dann nahm er auf Strümpfen Anlauf wie ein Volleyballer für einen Schmetterball, stoppte kurz vor der Bahn ab und setzte die Kugel schwungvoll in die Gosse. Auf diese Weise brachte er es auf sage und schreibe acht Pudel hintereinander. Er lernte einfach nicht hinzu, bekam aber rote Bäckchen und gewann somit wieder ein wenig Mitgefühl.

“Und kess sieht’s auch aus!” rief die Lurz schadenfroh.

Der Maschinenbauer, links neben mir, war eine halbe Stunde vor den anderen Kollegen gekommen, um sich einzuwerfen. Trotz seines stattlichen Bauches war er gelenkig und ehrgeizig, der typische deutsche Amateur-Meister. Er wollte stets gewinnen. Dagegen war nichts einzuwenden, das ging in Ordnung. Und was mich betraf, Bibliothekar des Design-Instituts, so endete mein dritter Jahresvertrag nacheinander zum 30. Januar. Wir waren ein Team auf Abruf. Eigentlich gingen fast alle, oder mussten gehen, bis auf den Geschäftsführer und Dunja, die hochgewachsene Designerin.

“HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!” feuerte sie mich an, als ich das Abräumen mit dem letzten Wurf für mich entscheiden konnte. Sie wollte mich damit nervös machen, damit ich einen Pudel landete, was im Kollegenkreis so gut ankam, dass sich spontan ein Betriebs-Chor bildete.

“HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!” donnerte es über die gut isolierte Holzbahn, “HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN! HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!”, und als der schmuddelige dicke Wirt das Essen hereinbrachte und mitbekam, wer mit Loser gemeint war, schlug sein Stift im Takt gegen die Tischkante.

Selbst ich sang eine Strophe mit und warf eine verdammte 4, worauf ich das Abräumen tatsächlich auf den letzten Drücker noch verlor, was aber niemand mitkriegte, da nun die Speisen aufgetragen wurden. Ich war nicht sonderlich hungrig und begnügte mich mit einer hausgemachten Gulaschsuppe. Glücklicherweise, da hausgemacht in diesem speziellen Spelunken-Fall bedeutete, dass die Gulaschsuppe aus der hauseigenen Chemiekanone stammte. Das Fleisch schmeckte verdächtig nach Brom, und ich legte bald den Löffel nieder.

Die Kollegen hatten mehr Pech. Vor ihnen standen stattliche Portionen auf dem Tisch, die abgearbeitet werden wollten, Schnitzel Jutta und Entenbrust und sonst noch allerhand, doch während der gesamten Mahlzeit vernahm ich kein einziges mmiam, nicht mal ein leise bekräftigendes “lecker..”  oder wenigstens ein Grunzen, nichts. Selbst Sekretärin Lurz, die den Jugo an der Stadtgrenze zu Haan immerhin empfohlen hatte, (Motiv: die sagenhaft leckeren selbstgemachten Kroketten, meisterlich geradezu), schob ihren Teller schweigend von sich weg, bis er fast über den Tischrand gerutscht wäre.

“Vielleicht ist das so.. mild gewürzt, damit man sich nicht aufregt beim Essen”, vermutete der Geschäftsführer jovial.

Dunja, die lustlos in ihrem vegetarischen Lady-Teller mit verschiedenen Gemüsen herumstocherte, hatte als Erste die Nase voll.

“Also, was das hier Schönes sein soll..”, sagte sie und hob mit der Gabel ein undefinierbares lappiges Etwas in die Höhe, “..weiß ich beim besten Willen nicht. Und der Spinat hier..”, sie zog die Augenbraue hoch, “..ist aufgewärmt und viel zu bitter.” Einzig die Erbsen und Möhrchen fanden ihre Gnade, “aber die sind aus der Dose. Da kann man ja nichts falsch machen.”

Dunja war es auch, die mir gegen Ende der Veranstaltung einen Bierdeckel herüber schob, damit ich den Spruch des Tages in meine nächste Story einarbeiten konnte.

“Herr Glumm”, stand da in Schönschrift, “soll der Looser sein.”

 

 

“Loser mit zwei o?” fragte ich mit raschem Blick auf den Bierdeckel, eher nebenbei, doch sofort blökte mir die Lurz ins Ohr: “Na, das schreibt man ja auch mit zwei o! Das stimmt ja auch!”

“Quatsch. Loser schreibt man mit einem o. Nicht mit zwei.”

Die Sekretärin war sofort auf 180. Ganz abgesehen vom Frust über den Fraß in dieser Schmierbude,  die sie empfohlen hatte, war  sie immer schnell auf 180, das war ihre Art. Ich mochte sie trotzdem. Sie war geradeaus, damit konnte ich umgehen.

“DU willst MIR erzählen”, rief sie aufgebracht und eine Erbse rollte ihr aus dem Hals, “wie man Loser schreibt?!”

Sie spielte damit auf ihre Jugend im englischsprachigen Nigeria an, wohin es ihren Vater berufsbedingt verschlagen hatte, damals in den späten 70ern. Seither fühlte sie sich als Native Speaker, der man besser nichts auf englisch erzählte. Dummerweise wußte ich aber nun mal, wie man Loser schreibt. Was sollte ich machen. Ich konnte ja schlecht so tun, als ob ich das nicht gewusst hätte.

“Es gibt zwar ein to loose mit doppel o, da hast du recht, aber das bedeutet etwas anderes als to lose mit einem o”, erwiderte ich scharf.

“Nämlich??”

“Weiß nicht. Komm ich jetzt nicht drauf.”

“Quatsch!” Die Lurz speite Gift, sie schlug um sich. “Looser schreibt man so, wie es hier auf dem Bierdeckel steht! Mit doppel o!! Wie Dunja es geschrieben hat!”

Dunja war sich da nicht so sicher.

“Ich hab das zwar mit zwei o geschrieben, aber irgendwie guckt es mich komisch an.. mit doppel o. Also, ich weiß nicht genau. Könnte beides stimmen. Mit einem o, mit zwei o’s..”

Die Praktikantin, von der plötzlichen Vehemenz der Auseinandersetzung aufgeschreckt, stand auf, lief herum, setzte sich wieder. Sie war ganz blass geworden, und zerzaust.

“Ich glaube, to lose schreibt man mit einem o, aber Looser mit doppel o. Oder..? Ich weiß nicht, glaub ich..”

Der Geschäftsführer hielt sich aus dem Disput ganz heraus. Auch der Maschinenbauer, links neben mir, hatte keine Meinung, rief aber: “HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN, EGAL OB MIT EINEM ODER ZWEI O!”, verbunden mit einem kollegialen Klaps auf meine Schulter. In den drei Jahren unserer Zusammenarbeit hatten wir eine Menge Zigaretten geraucht, im Hof vor der Bibliothek. Nun forderte er die Lurz und mich auf, die Sache im Ring zu klären, mit einer Runde Schlammcatchen, “oben ohne!” Das ließ die Sekretärin wieder aufmüpfig werden.

“Loser mit einem o, so ein Blödsinn! Kannst du ja im Internet nachgucken! Ich bin mir hundertpro sicher!”

“Man sollte sich niemals zu sicher sein!” entgegnete ich mit einer Entschiedenheit, die mich selbst einen Moment unsicher werden ließ, wie gewisse Dinge geschrieben werden.

“Mir reichts! Ich kriege das jetzt raus!” rief Dunja.

Sie schnappte sich ihr Handy und stapfte die Treppe hoch in den Gastraum, weil der Handy-Empfang unten auf der Kegelbahn gestört war. Sie wollte die Sache klären. Im Internet. Nach to lose googeln. Als sie keine Minute später zurückkehrte, wurde sie mit Tischgeklopfe und ansteigendem Kegelbahngeschnatter empfangen.

“TA! TA!” sagte sie und bildete mit Mittelfinger und Daumen ein o. “Loser schreibt man definitiv mit einem o. Herr Glumm hat recht.”

“Sag ich doch”, sagte ich.

“Glaub ich trotzdem nicht”, meinte die Lurz beleidigt. Sie war es auch gewesen, die im Institut die gleichzeitige Anrede DU und HERR GLUMM eingeführt hatte, eine schöne Sache, die lange Zeit Bestand gehabt hatte. Mit anderen Worten: Ich suchte keinen Streit mit ihr. Ich bin auch nicht sonderlich rechthaberisch. Ich bin überhaupt kein extremer Typ, im Gegenteil, ich trete oft auf wie Monsieur Moderat persönlich. Aber innendrin bin ich ein stillgelegter Hochofen. Ausserdem, hier ging es darum, wie man Luser schreibt, da durfte es keinerlei Unklarheit geben.

Sonst ist man verloren.

Babsi

Babsi mochte ich gern. Sie hatte langes blondes Haar und Sinn für Humor, sie war herrlich vulgär und nicht dumm - eine  unschlagbare Mischung. Als Teenager landeten wir ein paar Mal zusammen im Bett, aber so richtig gefunkt hatte es dabei nicht. Wir konnten dennoch nicht die Finger voneinander lassen und versuchten es immer wieder, auch in späteren Jahren, meist wenn wir betrunken waren und uns über den Weg liefen.

Einmal hingen wir im Mumms am Tresen, wir waren ziemlich hinüber. Als der Geschäftsführer die Glocke zur letzten Runde schlug, wollte ich mich schon dadurch tun, doch sie bat mich, auf einen Sprung mit zu ihr zu kommen. Es war wirklich eine Bitte, und das war merkwürdig. In der Regel reichten ein paar Blicke und Andeutungen, und dann zog man gemeinsam ab, doch hier war die Sachlage eine andere. Es machte mir fast ein bisschen Sorgen, dass Babsi mich regelrecht gebeten hatte, sie nicht alleine zu lassen in dieser Nacht. Irgendetwas steckte dahinter, mehr als bloßer Sex.

Sex hätte auch keinen Sinn gemacht, nicht in unserem Zustand, das wusste sie so gut wie ich. Aber was wusste ich denn. Auf einen Versuch konnte man es ja ankommen lassen. Auf einen Versuch konnte man es immer ankommen lassen. Das Leben war nichts anderes als eine einzige große Versuchsanordnung im Rahmen von Feldexperimenten und einem Haufen Exportbier.

Und wer weiss, vielleicht ernüchterte mich der Herrgott auf dem kurzen Fußweg zu ihr, fuhr mir mit einem sauren Jesus-Schwamm durchs Gesicht und liess mich explodieren.

Vielleicht auch nicht.

Es ging doch um Sex. Babsi zog alle Register, technisch gesehen. Sie nahm ihn in den Mund, sie zeigte mir ihre rasierte Muschi, sie machte ganz auf Großbildleinwand, es half nichts. Wir waren zu besoffen. Verzweiflung steht an jedem Ende, Verzweiflung und Dunkelheit. Ich ging noch vor dem Morgengrauen, ohne einen Ton zu sagen.

Als ich am nächsten Morgen daheim erwachte, war ich traurig. Etwas war zerbrochen zwischen Babsi und mir, und es war nicht rückgängig zu machen. Wir hätten uns dieses verdammte letzte Mal ersparen sollen. Ich hoffte inständig, die Bilder dieser Nacht würden sich nicht zwischen uns stellen. Doch ich wusste, dem würde nicht so sein.

Ich sah sie nicht wieder. Über mehrere Ecken erfuhr ich, dass sie wenig später nach Australien ausgewandert war. Sie musste es in dieser Nacht schon gewusst haben, sie wollte Abschied von mir nehmen, warum hatte sie nichts gesagt? Ich kapierte es nicht, doch da war dieser riesige Stapel anderer Dinge, die ich ebenfalls nicht kapierte und der nicht kleiner wurde mit den Jahren.

Ich packte die letzte Nacht mit Babsi hinzu, was soll man machen. Der Stapel dockte schon beinah ans Himmelszelt an, in der Nacht waren die Planeten zum Greifen nah.

Da, der Jupiter.

Einmal träumte ich von Babsi. Sie triumphierte vor einer australischen Goldmine, mit einem Nugget im Arm, für ein Foto der örtlichen Goldminenpresse. Sie lächelte glücklich in die Kamera, und ihre Muschi war nicht rasiert.

*

In den Achtzigern war Babsi auf Heroin gewesen, damals erschien sie uns wie die ewige Junkiebraut. Zwar schaffte sie es immer wieder mal, ein halbes Jahr clean zu bleiben, und wenn man ihr zufällig in der Stadt begegnete, war sie ganz stolz und berichtete von ihrer frisch gezogenen Minze auf dem Balkon, doch es dauerte nie lang. Es kam unweigerlich der Tag, an dem die Babsi der 80er Jahre übelst gelaunt die Augen aufschlug und neben ihr lag ein Kerl und stank aus dem Hals.

Es war mal wieder genug. Zuviel Cleansein, so Babsi, schadete dem Geist. Es raubte einem den nötigen Nebel, der das Überleben garantierte, zuviel Cleansein machte die Menschen hochmütig. Besonders dann, wenn sie es anders kannten, wenn sie die Sucht schon einmal kennengelernt hatten.  Wenn du an diesem Punkt wach wirst, ist es Zeit, dem Kerl in deinem Bett anzufauchen.

“Heb deinen Arsch aus der Koje, Doofmann!” fuhr sie ihren Stecher an. “Los, ab nach Rotterdam!”

Rene war ein Kerl wie ein Baum. Bis zu dem Tag, an dem er Babsi kennernlernte, war er nur ein harmloser Kiffer. Es dauerte keine fünf Monate, und er war voll auf Heroin. Zweimal die Woche brachen Babsi und er nach Rotterdam auf, wo junge Marrokaner ganze Strassenzüge kontrollierten.

Sie verkauften den Stoff aus Abbruchhäusern, Buden voller Wanzen und Küchenschaben, in denen es nur ein paar Tische und verlauste Sessel gab und wo nackte funzlige 25-Watt-Birnen von der Decke baumelten. Die Junkies aus Deutschland kamen rund um die Uhr. Stets war jemand da, der ihnen die Tür öffnete, und stets war dieser Jemand bewaffnet und hiess Ali. Alle marrokanischen Pulverheinis in Rotterdam hiessen Ali. Man konnte gar nichts falsch machen, wenn man als Junkie neu in der Gegend war. Man fragte x-beliebige Passanten nach Ali, und der Passant, sofern er nicht selbst Ali war, zeigte zum nächsten Hauseingang.

“Ali? Da rein.”

Rene und Babsi hatten ihren ganz speziellen, ihren eigenen Ali, und der wohnte auf der Schagenstraat. Wenn man über ein Jahr lang zweimal die Woche Geschäfte miteinander macht, Geschäfte zur beiderseitigen Zufriedenheit, vertraute man sich mit der Zeit, und man wurde nachlässig.

Ali telefonierte gerade und wandt sich von Babsi und Rene ab. Dabei unterlief ihm ein Fehler. Er vergaß die Schatulle, die voller Bargeld war vom vorangegangenen Deal. Rene griff geistesgegenwärtig in die offene Schatulle, entnahm ihr einen dicken Batzen DM-Scheine und reichte ihn unterm Tisch an Babsi weiter. Die wusste erst nicht, was sie damit machen sollte, dann stecke sie die Kohle einfach in ihre Jackentasche. Ali, der mit einem Landsmann auf arabisch parlierte, bedeutete den Beiden, dass das Gespräch etwas länger dauern könnte und verschwand im Nachbarraum. Besser konnte es gar nicht laufen. Stickum tat sich das Pärchen dadurch, zum Glück war der eoigene Deal schon über die Bühne gegangen.

In der Szene hatte Babsi den zweifelhaften Ruf, soviel Schore über die Grenze schmuggeln zu können wie keine andere Braut. Sie packte ihre Möse mit dicken Heroinwürsten voll, jede einzelne in mehrere Lagen Zellophan eingewickelt. “Die kann stopfen wie ein Postfach”, hiess es.

Auf der Rückfahrt Richtung Deutschland konnten Babsi und Rene ihr Glück kaum fassen. Natürlich war jegliches künftige Geschäft mit Ali, ihrem Stammdealer, verbrannt, doch was kümmerte das ein Junkiepaar, wenn es gerade mit Material und Moneten satt auf dem Heimweg war.

Zuhause musste Rene zur Nachtschicht, er jobbte bei Wilkinson an der Maschine. Am nächsten Morgen weckte er Babsi und wollte die Knete sehen.

“Die hab ich verloren.”

Babsi konnte dumm-dreist sein, sie zerkratzte sich die Schenkel. Das fand Rene, gross wie ein Pferd, nicht witzig.

“Du blöde Junkiefotze, wo ist die ganze scheiss Kohle!!?”

Jähzornig riss er ihr das bißchen Wäsche vom Leib, das sie nachts trug, er nahm den Kleiderschrank auseinander, in dem er die Scheine vermutete, er wuchtete das Oberteil des Schranks aus dem Fenster und das Holz zersplitterte unten auf der Strasse.

“Du bescheisst mich nicht!” brüllte er durchs Haus, “du nicht!”

Die Nachbarschaft stand vereint hinterm Fenster, und Timmy, Babsis kleinerPinscher, schiffte aus lauter Angst auf den Teppich. Rasend vor Zorn holte Rene eine Haushaltsschere aus der Besteckschublade und schnitt das vollgeschiffte Rechteck aus dem Teppichboden heraus und klatschte es gegen die Küchenwand. Ein Vorgang, den er ausser sich vor Zorn, immer und immer wiederholte, bis die Tapete nur noch ein einziger grosser Pinscher-Pissfleck war.

“Rück endlich die verfickte Kohle raus, Babsi, oder ich fackel dir die Hütte unterm Arsch weg!!”

Der kleine Hund verkroch sich wimmernd unters Schlafzimmerbett, als Babsi ihrerseits die Haushaltsschere packte und auf Rene zustürzte. Damit hatte er nicht gerechnet. Das Hunderte Seiten dicke Telefonbuch Wuppertal-Solingen-Remscheid vorm Bauch flüchtete er rückwärts die Treppe hinab, verlor das Gleichgewicht und fiel mit einem gewaltigen Aufschrei die letzten Stufen runter. Er blutete, die Nase war gebrochen. Babsi langte nach ihrem Mantel und zog Leine, so schnell sie konnte.

Als zehn Minuten später die von Nachbarn alarmierte Polizei eintraf, konstatierten die Beamten Gefahr in Verzug und ordneten eine Hausdurchsuchung an. Resultat: 54 Gramm Heroingemisch wurden festgesetzt sowie 370 Mark Bargeld in abgegriffenen kleinen Scheinen. Beide kamen nur deshalb mit Bewährung davon, weil sie zuvor unbeschrieben waren.

“Und das alles bloß, weil ich einmal morgens schlecht gelaunt neben einem Kerl wach wurde, der mir auf den Sack ging”, ächzte Babsi, als sie mir im Tchibo die ganze Geschoichte erzählte, von A bis Z.

Schreibste noch im Internet?

Wenn ich am Neumarkt unterwegs bin, geh ich schon mal auf ein Kölsch in den Kotten. Der Kotten ist eine harte Trinkerkneipe, härter als der Stahlhof, den es nicht mehr gibt, und fast so verrufen wie das Stonns, das es schon lange nicht mehr gibt.

Die geradlinig grimmige Möblierung des Kotten ist ganz aufs Stammpublikum zugeschnitten. Es setzt sich aus tätowierten Dachdeckern, Gerüstbauern und deren Kredite abstotternden tätowierten Bossen zusammen. Es gibt einen Haufen Kurzarbeit und einen kleinen Saal mit Bühne, wo schon vormittags Karaoke-Abende stattfinden. Im Winter spielen Punk-Bands zum Tanz auf, goldene Nächte, in denen sich Neo-Hippies aus dem Düsseldorfer Norden mit Gerüstbauern und Dachdeckern der Solinger Nordstadt verbrüdern, und es gibt jedes Mal reichlich auf die Fresse.

Lonnie kommt zur Tür rein. Er nimmt den grünen Filzhut vom Kopf, legt ihn auf dem Tresen ab und bestellt ein Bier. Erst bin ich mir nicht sicher, ob das tatsächlich Lonnie ist, er hat sich die schummrigste Ecke des ganzen Ladens ausgesucht, außerdem haben wir uns seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Ich grinse in seine Richtung, er nimmt den Blick auf, wie ein Stier, der gleich abtaucht, erst dann grinst er zurück, bleibt aber auf Gefechtsstation.

Ich geh rüber.

“Lonnie”, sag ich.

“Hallo”, sagt er.

Schon Mitte der Achtzigerjahre dokterte Lonnie, vielseitig talentiert, an einem Groß-Roman, einem Sittengemälde, das als unendliche Versuchsanordnung vermutlich bis heute darauf wartet, aus seinem Kopf entlassen zu werden: Der Patientenplanet.

Nach der Wende ging er nach Dresden und machte einen Haufen Geld, fing wieder an zu trinken und kam zurück ins Mekka der Messer, pleite, verschuldet, total übersäuert.

Wir unterhalten uns ein bisschen, Lonnie bleibt merkwürdig zurückhaltend, so kenne ich ihn gar nicht, aber gut, die Leute verändern sich, man wird älter, langweiliger, verhaltener.

“Benzini mal gesehen?” frag ich, und das ist der Startschuss. Lonnie reißt die Augen auf und schlägt sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, mit einer Vehemenz, als wären es Küchenkacheln.

“Jetzt weiß ich, wer du bist..!”

Er lacht so kraftvoll und ordinär wie früher im Mumms, als er der lauteste Patient von allen war.

“Ich kack ab! Der Glumm..! Und ich bin die ganze Zeit am überlegen, wer ist der Arsch noch mal? Das gibts doch nicht. Alter, siehst du jung aus!”

“Quatsch, hier ist düster, das ist alles”, halte ich dagegen, das mit dem Babyface haut nicht mehr hin, ich glänze wie eine Speckschwarte, so fleischig ist mein Gesicht.

In der folgenden Viertelstunde bringt mich Lonnie auf den neuesten Stand. Er erzählt, dass die Frau vom Joker an Krebs gestorben ist, dass der Löwenmann beim Sprung über NATO-Draht den linken Finger verloren hat, dass Meckenstock eine Weile in England gelebt hat, mittlerweile aber schon wieder ein Jahr in der Stadt ist.

“Und du? Was machst du?” meint Lonnie. “Schreibste noch im Internet?” Er überlegt. “Wie heißt deine Seite noch mal..? Moment! Sag nix!” Sein grüner Filzhut liegt vor ihm auf dem Tresen. Er nimmt ihn in die Hand, spielt damit herum. “Was war das noch, verflixt.. irgendwas mit Dackelpfoten, oder? Nee, wah?”

Er denkt angestrengt nach, die Augen zugekniffen, kommt aber nicht drauf.

“Der Joker liest die Seite immer, und Benzini auch.. Ich komm gleich drauf. Ich habs auf der Zunge. Irgendwas mit.. Dackelpfoten, nee, wah?”

“So ähnlich. Ist ne orthopädische Internet-Seite”, helfe ich nach. “Fünfhundert..”

“.. Strümpfe!” Lonnies Faust schnellt auf den Tresen nieder, das Bierglas macht einen Bocksprung. “Wusst ichs doch! 500 Strümpfe!”

Wie, bitteschön, lässt sich das logisch denken?

Ich hab wenig Ahnung, wie die Dinge funktionieren, alles, was über das Drücken der START-Taste hinausreicht, ist für mich schwer nachvollziehbar. Gut, STOP geht auch noch. Besser ist natürlich, der Apparat kapiert von sich aus, dass ich fertig bin und fährt automatisch runter. Doch welches Gerät macht sich schon diese Mühe. Ist denen doch schnuppe. Hochnäsiges New School-Pack.

Manchmal sitze ich vorm Fernsehapparat und überlege, wie das Bild in die Kiste gerät, ich hab keine Ahnung, dahinten ist ein langes Kabel. Oder mein Kauapparat verkantet sich in ein Milchbrötchen und ich frage  mich: Wie ist das eigentlich mit der Brötchenstrasse? Wer hat die in die Backstube gebaut? War das nötig? Und wer zum Teufel war für die Technik verantwortlich, dass nur einmal die Woche Mittwochnachmittag war, wo ich doch Mittwochnachmittag frei hatte.

*

In der Bibliothek des Design-Instituts war ich seit einem Jahr mit der digitalen Speicherung und Archivierung von rund 10.000 Fachbüchern aus dem Bereich Industrial Design, Kunst und Architektur beschäftigt, der Schenkung eines emerierten Wuppertaler Design-Professors und Pfeifenrauchers, da klingelte das Telefon. Wie das funktionierte war mir auch schleierhaft. Der Transport von Stimmen von hier nach da, dazu noch in Echtzeit und ohne Gesichtsverlust, also, ich weiß nicht..  Transport, das bedeutete für mich nichts weiter als die Gegenwart, die einen von früher nach später brachte, über knifflige Zeitspalten hinweg half, mehr nicht. Und das war schon schwer genug zu verstehen. Ausserdem, ist nicht jedes Telefongespräch eine Fata Morgana, ein Luftgebilde, das sofort in sich zusammenstürzt, sobald das Gespräch zu Ende ist?

Es war Mitte Juni, das Telefon klingelte, auf dem Display erschien: GESCHÄFTSFÜHRUNG. Das Institut hatte einen neuen Geschäftsführer, er kam frisch von der Uni und hansdampfte über alle Flure. Er war von einer schneidigen Schnelligkeit, ein  effektiver neuer Besen. Mit dem alten Geschäftsführer hatte ich diese unausgesprochene Abmachung getroffen, dass wir uns gegenseitig unser Leben liessen, und jetzt das. Plötzlich hatte ich alle Hände voll schlechter Karten.

Ich konnte zwar immer noch mit dem rechten Fuß so versiert gegen einen Ball treten, dass die Flugbahn die Form einer Bratwurst nachzeichnete, und zur Not konnte ich über dieses Phänomen des Effet-Schusses auch schreiben, aber wen juckte das. Ich war eine Inselbegabung. Ich konnte detailliert berichten von der Insel, auf der ich lebte, ich konnte das Meer beschreiben, das mich becircste und umtoste, jedenfalls, so weit ich das überblicken konnte. Doch viel mehr nicht.

Die Gräfin war darauf ein bisschen neidisch. Sie fühlte sich von ihren Talenten umstellt, sie war eine Inselkette. Es gab eine Insel für Ölmalerei, eine fürs Steine hauen, sogar eine für Chansons singen. Außerdem konnte sie wunderbar kochen und den Hund versorgen, wenn er krank war und aus der Pfote blutete. Ich konnte das alles nicht. Ich konnte Flanken wie ne Bratwurst und Worte hinstellen, dass sie möglichst nicht sofort umfielen. “Du hast es gut”, seufzte sie. “Du musst dich nicht entscheiden.”

GESCHÄFTSFÜHRUNG, drängelte das Display. GESCHÄFTSFÜHRUNG, GESCHÄFTSFÜHRUNG. Ich nahm den Hörer ab. Ob ich die Zeitung besorgt hätte. Die Zeitung?
“Ach ja.. Nee. Noch nicht. Mach ich gleich.”
“Schön.”

Zu Beginn der Woche war in der Lokalpresse ein Artikel über den neuen Geschäftsführer erschienen, inklusive Interview. Ein Belegexemplar lag in der Redaktion zur Abholung bereit, und auf der wöchentlichen Instituts-Besprechung hatte ich leichtfertigerweise versprochen, mich darum zu kümmern. Im nächsten Atemzug hatte ich es vergessen.

In der Mittagspause machte ich mich auf die Socken zur Geschäftsstelle der  Morgenpost in der Fußgängerzone. Es waren nur einige hundert Meter. Es hatte den ganzen Vormittag geregnet und gestürmt, jetzt kam die Sonne heraus und warf einen Regenbogen an den Himmel, so riesig und bunt wie der Henkel an der Handtasche Gottes. So gewaltig, dass ich, als ich darunter her schritt, glatt vergaß, mir etwas zu wünschen.

“Ach nee!” grinste jemand. “Herr Geheimrat!”

Fleschkönigs stand vor der Hauptpost, die BILD so lässig und leger unterm Arm geklemmt, als wär’s die dicke FAZ. Er kam gleich zur Sache. “Ich hab aufgehört. Ich bin clean. Ich bin jetzt im Methadonprogramm.” Ich wusste nicht, ob ich mich für Flesch freuen sollte, denn Methadon war so eine Sache. Wenn Heroin schon kein Publikumsknüller war, dann war Methadon wirklich ein einsames Geschäft. Niemand leistete einem Gesellschaft, wenn man morgens das Quantum Opium abschluckte, das der Doc für einen vorgesehen hatte. Und dann lag der ganze lange Tag vor einem. Ohne Aufkochen, ohne Blech rauchen, ohne Sniff. Was Wunder, dass die meisten Substituierten nebenher Näschen zogen, ein Blech rauchten, einen Bubble aufkochten. Nicht mal mehr losziehen musste man noch und kofferweise Silberbesteck aus dem Karstadt kitzeln.

“Was ich in meinem Leben schon alles geklaut und gefilzt und abgegriffen hab, ich komm garantiert in die Hölle. Da darf ich dann all meine Schulden abarbeiten, jede Wette. Für Karstadt und Woolworth. Und für die Tengelmann Group sowieso.”

Seine Stimme war ein bißchen eingerostet, und erst, als er darauf zu sprechen kam, dass er seinen Doc bescheißen musste, um nicht gleich wieder aus dem Methadonprogramm zu fliegen, gewann seine Stimme an Kontur. Bei den regelmässigen Drogentests waren immer weniger Patienten positiv auf Beikonsum getestet worden, das hatte den Doc misstrauisch werden lassen und er verschärfte die Kontrollen. “Ich kenn euch Vögel doch. Ihr seid doch nie und nimmer clean.” Fortan wurde nur noch unter Sicht abgepinkelt.

“Da hat der Doc aber nicht mit mir gerechnet.”

Fleschkönigs war ein erfinderischer Mensch, der Daniel Düsentrieb der Drogenszene. Er schilderte mir die komplizierte Apparatur in seiner Unterhose, mit der es weiterhin schaffte, sauberen Urin, auf Körpertemperatur vorgewärmt, am Pimmel vorbei in den Pappbecher fließen zu lassen, durch einen dünnen Schlauch, den der Doc von seinem seitlichen Standpunkt aus nicht sehen konnte, wenn er den Junkies beim Pinkeln zuschaute.

Ich kapierte nur Bahnhof, wie Fleschkönigs das hingekriegt hatte, es klang aber hochprofessionell und nötigte mir Respekt ab. Ach was, ich war hellauf begeistert von Idee und Ausführung. Seine Stimme hatte jetzt richtig Kraft, die Sonne schien. “Wenn die Schweine aufrüsten, dann rüsten wir nach!”
“Hm, ja, seh ich ähnlich”, sagte ich zum Abschied. Eigentlich sah das ich sogar ganz genauso – wenn ich die Technik denn geblickt hätte.

Zurück im Institut, mit der Morgenpost unterm Arm, nahm ich den Aufzug in den zweiten Stock. Da die Sekretärin erkrankt war, öffnete der neue Geschäftsführer persönlich. Ich drückte ihm die Zeitung in die Hand.

“Schön”, sagte er. “Schön, schön.” Er hatte krauses Haar wie ich, nur dünner. “Kopieren Sie den Artikel bitte vier Mal, ich hab gleich ein Meeting. Dann muss das fertig sein.. in, sagen wir, ner halbe Stunde.”

Der Kopierer befand sich ein Stockwerk tiefer, gleich neben dem Computer-Labor, das in dieser Woche leer war. Alle Mitarbeiter waren in Urlaub oder hatten sonstwie frei. Im ganzen Institut schien überhaupt niemand zu sein, außer uns beiden.

Als ich den Artikel kopieren wollte, musste ich feststellen, dass er ein ungünstiges Format hatte. Verteilt über mehrere Spalten passte er nicht ins A4-Raster. Auch wenn es nur ganz knapp nicht passte, es passte nicht. Ich faltete den Artikel enger, nahm die Ränder weg, doch auf den anschliessenden Probekopien fehlte entweder die Überschrift oder die untere Passage war abgeschnitten. Zudem war das dünne Zeitungspapier schon ziemlich eingerissen, von der ganzen Falterei.

Nächster Versuch: Wenn A4 nicht ging, musste der Artikel eben auf A3 kopiert werden. Zunächst mal entfaltete ich die Seite zurück in den Urzustand und legte sie unter den Kopierer in den vorgegebenen A3-Raster. Das passte wieder nicht, wieder lappte es über. Also die Ränder wegfalten, bis es endlich passte. Ich drückte START, es tat sich nichts. BITTE PAPIER EINLEGEN. Ich holte einen Stapel A3-Bögen aus dem Schrank und öffnete das Papierfach im Kopierer. Es gab zwei Papierfächer. Im oberen lag A4-Papier, das untere war leer, wartete auf meine A3-Bögen. Als ich den Blick hob, begegnete mir an der Wand eine Kurzanleitung. Wie mit dem Farb-Kopierer umzugehen ist, wenn man auch schwierige Situationen meistern will. Da stand aber nichts von Zeitungsartikel kopieren. Zeitungsartikel kopieren schien definitiv keine schwierige Situation zu sein. Gottseidank. Das Papier war im Fach, die Zeitung lag auf der Glasplatte, es war alles bereit zum Kopiervorgang, es konnte losgehen. Ich schloss den Deckel, START.

Die Maschine ratterte los, klang eine Weile richtig kopierermäßig – und plötzlich war Sense. Die Kopie im Großformat blieb zur Hälfte im Auswurf stecken. Es ging nicht vor und nicht zurück. Genau in dem Moment kam der neue Geschäftsführer die Treppe runtergestresst. Hatte es eilig. Wollte nur schnell die fertigen Kopien abholen, die ich noch nicht nach oben ins Büro gebracht hatte – entgegen der Abmachung.

“Das hat äh nicht geklappt. Das Ding streikt”, sagte ich.

Er war ein bisschen angesäuert. Er war ja noch neu. Die Zeit drängt, stand in seinem Gesicht, und zwar nicht in digitalen Zeichen, sondern in altmodischen römischen Kapitälchen: NOCH 10 MINUTEN BIS ZUM MEETING.

“Ja schon, aber da tut sich nichts”, zeigte ich auf den Kopierer. Die Maschine hatte jetzt nicht einmal mehr Licht. Total dunkel stand sie da. Wie tot.
“Na, das kann ich jetzt gut gebrauchen”, knurrte der neue Geschäftsführer. Er war mir nicht mal besonders unsympathisch, ich wusste einfach nicht, was ich von ihm halten sollte. Es war einer dieser forschen Typen, die einem auf Schritt und Tritt begegneten und wo ich mich ständig fragte, forsch, ja gut, aber forsch wofür?

“Ich wollte zu A3 wechseln, weil auf den A4-Kopien immer was fehlte”,  babbelte ich. “Entweder die Überschrift oder.. unten..”

“Dann machen Sie doch einfach zwei Seiten draus”, unterbrach er mich und drehte auf dem Absatz um, ein verärgerter Lucky Luke, der jeden Augenblick die raffinierte Daltons-Bande zum Lunch erwartete, es im Moment aber noch mit Rantanplan zu tun hatte, dem dusseligsten Präriehund New Mexicos. “Und zwar möglichst rasch. Kriegen Sie das hin?”

Vernahm ich da leisen Spott? Als er fort war, blickte ich aufs Display und entdeckte eine Order, die mir zuvor nicht aufgefallen war: BEFOLGEN SIE DIE ANLEITUNG AN DER SEITLICHEN ABDECKUNG. Ein Pfeil wies nach rechts unten. Ich folgte dem Pfeil um die Ecke und öffnete an der Seite des Kopierers einen Schacht. Super Sache. Ich hatte mal mit einem deutsch-ukrainischen Mädel zu tun gehabt, das hieß Schacht. Ein patentes Mädel. Bisschen langsam, vielleicht. Und patzig. Die patzige Schacht. Die im Unterricht noch jeden Umsatzsteuer-Lehrer zur Verzweiflung trieb mit ihrem russisch gefärbten harten Singsang, WIE, BITTE SCHÖN, KANN MAN DAS LOGGISCH DENKEN?!

Echt, das möchte ich auch gern einmal wissen, wie man das logisch denken kann, das Leben. Und hier, Kopien. Ich war immer noch im Seitenschacht des Kopierers zugange. Da war eine weitere Anleitung. Auf Englisch und in mehreren Schritten wurde die Duplex-Funktion geschildert. Duplex? Was sollte ich mit Duplex? Ich wollte nicht beidseitig kopieren, ich wollte auf A3 kopieren. Oder auf A4, mir doch egal. Herrschaftszeiten! War es nicht möglich, einen kleinen Zeitungsartikel in vierfacher Ausfertigung zu kopieren!?? Das konnte doch nicht so schwer sein.

*

“Das kann doch nicht so schwer sein..!”

Der Geschäftsführer war zurück. Er hatte dunkelblondes krauses Haar, wie ich. Ja, ich weiß, das hatten wir schon, aber ich kann nun mal nicht gut mit Leuten, die mir ähnlich sind. Ich weiß nicht, was das bringen soll. Was die Leute damit bezwecken. Da vertut man sich doch nur. Das provoziert doch geradezu eine Verwechslung. Da werde womöglich ich demnächst als neuer Instituts-Geschäftsführer gefeiert und er darf unten in der Bibliothek Bücher über Designklassiker archivieren, bis er schwarz wird und Bläschen wirft. So etwas geht schneller als man denkt. Wenn zwei Leute in Führungspositionen krauses Haupthaar haben.

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Ich kriegte diesen verdammten Kopierer nicht gebacken. Ich kam nicht weiter, und der neue Chef guckte mir ungeduldig über die Schulter.

“Sehen Sie mal hier! Da steckt ja noch Papier drin! So klappt das schon mal gar nicht!”

Mit einem kräftigen Ruck zog er den A3-Bogen aus dem Auswurf. Genau das hatte ich zuvor auch schon vorgehabt, den Plan aber verworfen, weil ich meinem Plan nicht traute. Vielleicht ging ja jetzt was, jetzt, wo der störende A3-Bogen aus dem Auswurf war.

“Haben Sie auch das Raster umgestellt?” fragte der Geschäftsführer und wartete erst gar nicht die Antwort ab. In dem Papierfach befand sich ein Rädchen, das gedreht werden musste, bis es die gewünschte Norm erreichte. A3.
“Nee”, sagte ich. “Wusste ich nich.”
Er fummelte mit hektischen Fingern an dem kleinen Plastikrädchen herum.
“Das muss doch auf A3 stehen! Ist doch logisch! Wie soll die Maschine denn sonst das Format erkennen?”
“Ich denk, die erkennt das automatisch.”
“Wer sagt das?” Die Geringschätzung meines technischen Sachverstands troff ihm mittlerweile aus allen geschäftsführenden Poren. “Wissen Sie was, machen Sie einfach zwei Seiten draus. Ich muss jetzt hoch, die warten schon..”

Er schnappte sich die erste Probe-Kopie, die ich ganz zu Anfang gemacht hatte und auf der die Überschrift und die unterste Zeile des Artikels fehlte, aber das war jetzt auch egal, Hauptsache, er hatte überhaupt was in der Hand, das er präsentieren konnte.
“Aber schnell, bitte. Kriegen Sie das hin? Und bringen Sie das oben ins Meeting rein.”
Er stieg die Treppe hoch.

Danach ging gar nichts mehr. Was A3 betraf, so warf der Kopierer alles durcheinander, was ich ihm auftrug, er streikte auf ganzer Linie. Das Display lag vor mir wie ein mausetoter grauer Tümpel. Ich versuchte den Zeitungstext in winzigen 1%-Schritten zu verkleinern, ein reiner Verzweiflungsversuch, der aber misslang, also begann ich erneut das Papier zu falten und auf irgendein Format zu trimmen, bis die Zeitung komplett zerfleddert unterm Kopierer lag und ich die Nase voll hatte. Im Spiegel glotzten mich meine Nasenlöcher an, groß und zornig wie ein Europa-Stecker. Ich liess alles stehen und liegen und verduftete runter in die Bibliothek. Der konnte mich mal, der forsche Herr.

Ich schmiss die Software an und archivierte auf die Schnelle noch drei oder vier Bücher, darunter eins von Coletti, dem Großmaul, dann war Feierabend und ich machte mich auf in Richtung Kannenhof. Unterwegs begann es zu regnen. Erst als ich zu Hause war, hörte es auf, und die Gräfin und der Hund kamen in den Garten und begrüßten mich.

Sie pflückte einen Regentropfen von der Wäscheleine, balancierte ihn auf der Fingerkuppe wie einen kleinen nassen Käfer, und schenkte ihn mir. Sie schenkte mir einen einzelnen dicken Regentropfen. Welch eine Technik. Ich war begeistert von Plan und Ausführung. Meine Stimme hatte jetzt richtig Kraft.

“Hallo mein Schatz.”

Meschugge Dienstag

Es ging auf Weihnachten zu. Penner mit strengen, noch von ukrainischen Wintern zerschossenen Gesichtern und fliehenden Frisuren stellten sich am hellichten Tag im Supermarkt an und lächelten unverdrossen Deutschland an, das Land ihrer Vorfahren.

Selbst der Gräfin war seit unserem letzten Besäufnis ein Seitenscheitel gewachsen.
“Das nervt!” sagte sie. “Mach das weg!”

Der Scheitel war nicht alles. Eine lange lockige Strähne fiel ihr seither ins Gesicht und blockierte das linke Auge, wie ein Korkenzieher.
“Ich seh nichts! Das nervt! Mach das weg!”
“Sieht doch gut aus”, parierte ich. “Pariser Chic. Existentialistisch.”
“Pah, Pariser Chic.. Das nervt.”

Sie fuhr mit der Hand ins Haar und warf die Strähne auf den Kopf zurück, wo sie nun ausharrte wie eine Fliegerstaffel, die ihren nächsten Einsatz erwartete: Schon beim nächsten Windstoß war es soweit.

“Das nervt!”

Was heißt hier eigentlich “seit dem letzten Besäufnis”? Wir tranken ja kaum noch Alkohol. Geschweigedenn soffen wir. Es bedeutete lediglich, dass wir am Samstag zuvor bei den beiden italienischen Brüdern mit den langen Zähnen etwas Bier und Wein sowie zwei Grappa zur Pizza gekippt hatten. Besoffen nicht mal im Ansatz waren. Und dennoch: ein kleiner Kater am nächsten Tag, und dieser Seitenscheitel. Die Rache der Zellen, die die alten Zeiten nicht verzeihen konnten.
“Das nervt! Mach das weg!” sagte ich.

Schon den ganzen Dezember über war die Bibliothek geschlossen, ich hatte frei. Dienstags spazierten wir mit Frau Moll durch den Wald.

“Meschugge Dienstag”, sagte die Gräfin.
“Wieso?”
“Das spürt man doch.”

So? Der Wald empfing uns mit eine Brise Vogelfutter, als hätten wir eine warme Tierhandlung betreten. Ich bückte mich, um auf dem verschlammten Waldboden einen riesigen labbrigen Pilz zu untersuchen. Er sah aus wie Fleischravioli. Die Gräfin kam hinzu.
“Kannst du essen”, meinte sie. “Ist aber nur für Herren.”

Ich kickte die Morchel tief in den Schlamm, was der Gräfin nun auch nicht in den Kram passte.
“He! Mach den doch nicht kaputt! Du grober Klotz!”
Sie suchte ein Stöckchen, um den Pilz zu schienen.
“Das arme Ding.. So. Fertig. Meinst du das hält?”
“Vielleicht. Wenn du der Morchel jetzt noch einen Scheitel ziehst..”

Ich weiss nicht, wie ich darauf komme: Im Alter von vier Jahren hatte sie einen Pfirsich gegessen, und als sie am Pfirsichkern angekommen war, hielt sie ihn in die Luft und rief: “Vati, schau: Das Obst hat Knochen!”

Junge, was ein Schlamm überall. Besonders, wenn man wie ich auf rücksichtslos rutschigen Schuhen unterwegs war. Ein Gefühl wie auf total weichen Büttenreden. Da hatte man nichts zu lachen. Da musste man durch.

“Piuh, piuh!” kreischte ein Mäusebussard und nutzte den schnittigen Aufwind, um wie ein Pistolenschuss durch den Wald zu knallen, von Ast zu Ast, piff, paff, ich grüßte begeistert.
“Na, du Vogel!”

“Sag mal, das Weibchen bei den Erdmännchen, heisst das Erdfrauchen? Oder Erdmännchenweibchen?” erkundigte ich mich bei der Gräfin, wo wir doch schon mal in der Natur waren.
“Das Weibchen vom Erdmännchen.. heisst Weibchen vom Erdmännchen. Was denkst du denn?”

Na schön. Es gibt Tage, da will man nur einen Schluck trinken und setzt plötzlich alles unter Wasser, an anderen Tagen hat man plötzlich Hunger.
“Du redest nur Scheisse heute”, sagte sie.

Sie entfernte sich, und da Frau Moll sowieso auf eigene Rechnung durchs Unterholz schnorchelte und sich um nichts kümmerte, stand ich ganz alleine da und machte mir ein paar Notizen. Ich genoss es richtig, im Wald mal nicht blöd angeguckt zu werden, wenn ich das Notizbuch hervor holte. In der Stadt kam ich mir schon wie ein Denunziant vor, der Falschparker aufschrieb. Entgegen kommende Wagen bremsten ab, stiegen jäh in die Eisen, wenn sie mich am Strassenrand entdeckten, obwohl ich bloß einen Satz notierte, damit ich ihn nicht vergaß, damit er mir nicht durch die Lappen ging.

“Das liegt an deiner blauen kanadischen Platzwartjacke”, sagte die Gräfin, “dass die Autofahrer dich für ne Politesse halten. Für einen vom Ordnungsamt. Einen Zivilbullen.”
Na schöne Scheisse. Aber hier im Wald, ich meine, so ein Reh, wenn mich das mit dem Notizbuch sah, was sollte das gross von mir denken? Selbst der Förster, der einen lange gesuchten falschen Hasen notierte, liess sie kalt.

Ich fand die Gräfin als Dirigentin wieder, in ihrem roten Kapuzenannorak auf einer Lichtung. Sie dirigierte die Stille mit dem selben Stöckchen, mit dem sie eben noch eine attackierte Morchel schienen wollte. Sie schwelgte mit weit ausgebreiteten Armen zur Tanne hinauf, sie pochte wild aufs Holz, wenn das Orchester nicht parierte.

Piuh, piuh.

Als die Stille anschwoll, (ein harziger Basston), flüsterte sie: “Am besten ist, wenn sie so ist.”
“Wer? Die Stille?”
“Ja. So.”
“So?”
“So. Ja.”

Als es so still wurde, dass stiller nicht mehr drin war und die Zeit ein Loch brannte ins Körbchen, trat ich hinter ihr versehentlich auf einen matschigen Apfel. Sie zuckte zusammen, als hätte sie gerade einen dicken Joint ausgedrückt.
“Bist du meschugge?”

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Heimweh, Susanne Eggert, 2010