Zeit zum Schreiben (2)

Wo ich schon mal in Ohligs war, brachte ich den Vertrag gleich persönlich rüber zum Arbeitsamt. Während ich darauf wartete, dass Vermittler Buntenbach von der Mittagspause zurückkehrte, sah ich mich in der fast leeren Wartezone einer imposanten Frau ausgeliefert. Sie sah aus, als wäre sie mit dem Kopf voran durch die Babyklappe gerauscht und hätte das Auffangbettchen durchschlagen, das Baby wog nämlich hundertzwanzig Kilo und war gut vierzig Jahre alt. Ein fataler Anblick. Sie saß auf mindestens zwei Stühlen und blätterte hektisch in einer Broschüre des Arbeitsamtes.

“Das wird immer schlimmer”, krächzte das Babyface, ohne den Blick aus dem Prospekt zu heben. Ich fragte mich kurz, mit wem sie überhaupt redete, doch da ausser mir niemand anwesend war, ging ich davon aus, dass sie mich meinte. “Früher durfte man so viel Hunde mitbringen, wie man wollte, kein Problem. Dann durfte nur noch einer mit rein und der andere musste draussen bleiben. Und heutzutage?” Sie stampfte mit dem Bein auf, und der Ständer mit den vielen ungelesenen Tipp & Tricks am Arbeitsmarkt vollführte einen kleinen Rittberger. “Heutzutage dürfen Hunde gar nicht mehr mit rein! Nehee! Muss ich zuhause lassen! Aber was glauben Sie, was los ist, wenn Mutti gleich heimkehrt. Die beiden Racker reißen mir doch die Bude ab, wenn ich zwei Stunden weg bin! Und wer bezahlt mir den Schaden, Nürnberg etwa? Der feine Missjöh Buntenbach?”

Die Scharniere des Stuhls jammerten, als sie ihren massigen Körper erhob. Sie wurde so laut, beinah schrie sie mich jetzt an.

“Die verbieten mir, meine Hunde mitzubringen, und wissen Sie auch warum?” Sie glotzte über den Rand der Tipps & Tricks hinweg. “WEIL DIE UNZUFRIEDEN MIT SICH SELBER SIND, DIE WEIBER, DESWEGEN! UND DER FEINE MISSJÖH AUS KÖLN AUCH!”

Ich war heilfroh, als mein Sachbearbeiter endlich aus der Pause zurück war. Er warf einen Blick in den Vertrag und stutzte kurz, als er die Spalte Arbeitszeit/Stunden erreichte, wo Filialleiter Hafner mit Bleistift eine “32” eingetragen hatte.

“Wieso nur zweiunddreißig Stunden?”

“Weil die mich keine vierzig Stunden gebrauchen können”, log ich dreist, aber es kümmerte ihn ohnehin nicht. Hauptsache, ich war eine Weile aus der Statistik. Volle sechs Monate wurde ich nicht als arbeitssuchend geführt. Riesig. Dafür war Buntenbach beim Arbeitsamt angestellt. Das war sein Job, das war sein Leben. Ein Statistiksäuberer. Eine Reinigungskraft.

“So, Meister, am 1. Februar ist defintiv finis mit Feiern und Ausschlafen bis in die Puppen”, sagte er nicht ohne Genugtuung. Dabei schlief ich so gut wie nie aus, und das mit der Feierei war auch nicht mehr so doll. Eigentlich steckte ich in der ersten echten Krise meines Lebens, Literaturpreis hin oder her. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte.

Buntenbach senkte die Stimme, geplagt vom plötzlichen Tremolo seiner Augenlider.

“Sagen Sie.., die verrückte Dicke, sitzt die immer noch da draussen auf dem Flur?”

“Nee. Die steht jetzt.”

*

1. Februar, morgens, halb neun.

Der Bus bog schon in die Haltebucht ein, als ich unten aus dem Park trat und die Straße hinauf blickte. Ich musste einen Spurt hinlegen, damit der Fahrer nicht ohne mich abfuhr. Busfahrern bereitete das in letzter Sekunde die Tür vor der Nase zuschlagen ein derartiges Vergnügen, dass sie daraus eine interne kleine Sportart kreiert hatten, mit täglicher Ausschüttung von Ehre und Schulterklopfen unter Kollegen im Depot der Stadtwerke.

Diesmal hatte ich Glück. Der Fahrer kam nicht umhin, ein paar drängelnde Schulkinder einsteigen zu lassen, und als das letzte endlich drin war, kam ich außer Puste angestürmt und zählte ihm drei einzelne Markstücke auf den Wechselgeldteller. Mit mürrischem Blick riss der Fahrer das Einzelticket vom Block, liess die Münzen in den Galoppwechsler purzeln und murrte los.

In Ohligs angekommen, steckte ich mir auf dem kurzen Fußweg zum Obi eine Kippe an und rauchte sie so gierig runter, dass es mir fast den Zeigefinger ansengte. Ich war eine volle Stunde zu spät. Ich nahm die Treppe zum Büro des Chefs, aber das war leer. Ich versuchte es im Personalraum. Die blonde Sekretärin hockte am Tisch und blickte mich an.

“Na halloo..”, flötete sie erstaunt.

“Morgen”, sagte ich.

“.. hat er sich Brötchen mitgebracht!”

Wie niedlich. “Das ist ein Schinken-Baguette”, sagte ich.

Ihre blonde Rund-Frisur erinnerte an Prinz Eisenherz.

“Komm, wir trinken erst mal einen Kaffee.” Sie erhob sich und stöckelte zum Heißgetränkautomaten in der Ecke, schloss ihn auf. Ihre Levis war so knalleng, ich fragte mich, wie man es da reinschaffte ohne blaue Flecke und Schürfwunden. Vielleicht war sie seit dem vierzehnten Lebensjahr Stück für Stück in die Blue Jeans reingewachsen, ohne sie seither ausgezogen zu haben. Es gab Möglichkeiten, klar, doch die waren limitiert und hauten allesamt nicht hin. Nein, ihr Hintern war schlicht grandios. Er knackte und knirschte bei jeder Bewegung, wie ein Lattenzaun während der Hundstage.

“Kostet normalerweise fünfzig Pfennig, aber heute ausnahmsweise..” Sie ließ den Satz unvollendet und lächelte kokett. Oh, natürlich, sie wusste um ihre Wirkung. So oft es ging, zeigte sie sich von hinten. Starr mir ruhig auf den Hintern, sagten ihre Bewegungen. Wünsch dir was. Der Kaffeebecher lief randvoll, und sie schloss den Automaten zu. “Ich kann ihn dir nur schwarz anbieten, aber ich hoffe, das macht nichts.”

Sie setzte sich zu mir. Leise drang die Fumu in den Pausenraum, funktionelle Musik, Kaufhaus-Muzak, You make me shiver, makellos sanfte Wellen, die unsere Füße umspülten. Wir saßen nebeneinander, auf Abstand bedacht. Wie das so ist, wenn man sich nicht kennt, aber schon ahnt, dass man sich bald nahe kommen wird, unter Kollegen.

Während ich am Kaffee nippte, öffnete sie eine Pausenbrotdose und entnahm ihr eine Weissbrotstulle. Oh mein Gott. Wenn ich vor irgendetwas Horror hatte, dann vor Situationen im Pausenraum, wo eine Kollegin oder ein Kollege das Frühstücksbrot rausholt und Mahlzeit wünscht. Schlimmer als Kotze im Federmäppchen, das war der Untergang der Zivilisation.

“Nutella”, grinste sie. “Gibt Muckis.”

(Ich versuchte ein Lächeln.)

“Ich hab dein Foto im Tageblatt gesehen. Was schreibst du denn? Schreibst du richtig Romane?”

Das Foto war ein paar Tage vor Silvester im Lokalteil erschienen, es zeigte mich vor einer Schulklasse. Ich saß auf dem Pult und liess die Beine baumeln, das Manuskript in der Hand. Der Deutschlehrer einer Realschule hatte mich zu einer Lesung eingeladen, ich hatte Arnheim, der Blues gelesen, vor einem Haufen Zehntklässlern, die sich einen Schriftsteller irgendwie anders vorgestellt hatten. Seriöser, ohne Löcher in der Jeans, nicht so .. Glumm.

“Nee, Romane nicht..” Was die Leute sich immer vorstellten. Ein Schriftsteller schreibt Romane. “Eher.. Geschichten.”

“Geschichten? Was für Geschichten, Krimis?”

“Nee.. aus meinem Leben.”

“Aus deinem Leben?” Sie glotzte mich an. “Ist das denn so super spannend?”

“Nee.”

Sie schüttelte den Kopf und futterte ihr Nutellabrot weiter. Kein Malocherfuttern glücklicherweise, eher ein mausartiges Knabbern. Dennoch schwante mir bereits, dass wir beide auf Dauer nicht klarkommen würden. Sie erwartete zu viel. Solche Menschen roch ich auf zehn Meilen, und sie saß direkt neben mir. Was mich betraf, so erwartete man am besten nichts. Gar nichts. Dann konnte ich allmählich kommen. Vielleicht.

Oder auch nicht.

“Veröffentlichst du auch richtig Bücher?”

Da hatten wir’s. Ein Schriftsteller veröffentlicht Bücher. Gibt es ein Thema, das demütigender ist für einen Autor ohne Buch? BÜCHER!!? In die Enge getrieben, begann ich zu stammeln, “in also mehr ja so Stadtmagazinen”, doch es juckte sie ohnehin nicht weiter. Kaum ausgesprochen, schon abgehakt.

“Ich hab das Foto von dir hinten am Schwarzen Brett aufgehängt. Wenn schon mal eine Berühmtheit hier arbeitet..”

Ich suchte nach Anzeichen von Ironie in ihrem Gesicht, nach leisem Spott und milder Herablassung, doch ich fand nichts. Ihr Gesicht war hübsch, einladend sogar, aber frappierend frei von allem, was irgendwie mit Verstellung zu tun hatte. Sie stand auf, brachte die Kaffeebecher zur Spüle. Eine ehrliche Haut mit einem ehrlichen, gradlinigen Hintern, einem famosen knackigen Teil in Vollendung. Ja, genau den musste der Herrgott im Kopf gehabt haben, damals, als er im Paradies die Blue Jeans erfand und was sich so alles für Ärsche darin verpacken ließen.

“Im Büro hab ich mitgekriegt, dass du unten am Kannenhof wohnst”, meinte sie. “Ich wohne auf der Baumstrasse, kann ich dich morgens im Auto mitnehmen. Wenn du willst.”

“Baumstrasse? Och. Ist ja um die Ecke.”

“Eben. Gut, ne?”

Ich wunderte mich einen Moment, warum ich sie noch nie gesehen hatte, vermutlich war sie die Sorte Frau, die morgens den Wagen bestieg, der vorm Haus parkte, und zur Arbeit brauste, und am Abend das gleiche in umgekehrter Reihenfolge erledigte. Solche Leute bekam man selten zu Gesicht, selbst wenn sie im selben Haus wohnten.

“Dann musst du morgens nur kurz durch den Park”, sagte sie. “Ich mein, du fährst doch kein Auto, oder?”

“Stimmt.”

“Warum nicht?”

“Was, warum nicht?”

“Na, warum du kein Auto fährst. Alle Männer fahren Auto.”

Ich zuckte mit den Schultern.

“Nur so.”

Ich war nicht alle Männer. Ich war nicht mal alle Menschen. Ich war.. ja, wer war ich überhaupt!? Kaum hatte ich mich kurz gefreut, nicht jeden Morgen dem verdammten Bus nachrennen zu müssen, schon grauste es mir bei der Vorstellung, jeden Morgen neben Prinzessin Eisenherz sitzen zu müssen, Knackarsch hin, Knackarsch her. Morgens wollte ich meine Ruhe haben, da konnte ich kein Geblubber, kein Gewäsch ertragen.

“Ich kann mich ja am Spritgeld beteiligen..”, hörte ich mich dennoch sagen, zu meiner eigenen Verblüffung.

“Quatsch. Ich fahre doch sowieso, ob nun mit oder ohne dich.”

Na, da hatte sie recht. Sie begann trotzdem zu rechnen.

“Was kostet eine Busfahrt bis Ohligs, zwei Mark?”

“Drei.”

“Drei.. sind hin und zurück sechs Mark am Tag. Wie oft arbeitest du hier in der Woche?”

“Vier Tage.”

“Nanu? Nur vier? Na gut, macht vierundzwanzig Mark die Woche, mal vier, das sind.. fast hundert Mark im Monat. Die hast du dann schon mal gespart. Kannst du ja Bücher für kaufen! Ha ha!”

Lustig. Ja. Schriftsteller veröffentlichen Bücher, Schriftsteller kaufen Bücher. Das letzte Buch, das ich mir gekauft hatte, hatte ich geklaut. A-wop-bop-a-loo-bop-a-lop-bam-booom von Nik Cohn. Meine Bibel. Ich las sie alle drei Monate, zur Abhärtung. Sie schaute auf die Uhr und packte die verbliebene Hälfte ihres Nutellabrotes wieder ein, unauffällig, wie nebenbei, als wäre eine Stulle im Pausenraum nicht der Untergang des Weissbrot-Parallel-Universums.

“So, dann wollen wir mal..”

“Und du? Seit wann arbeitest du hier?” versuchte ich meinen Knastantritt rauszuzögern.

“Vier Jahre. Ist ganz gut hier. Lässt sich aushalten. Die meisten Kollegen sind in Ordnung. Paar Arschlöcher sind darunter, klar, aber Arschlöcher findest du überall.”

“Ja klar. Vielleicht bin ich ja auch ein Arschloch.”

“Ja, vielleicht.” Sie lachte. “Ich bin die Gabi.”

“Ich der Glumm.”

“Weiß ich doch.”

Erst jetzt bemerkte ich die Putzfrau im Pausenraum, die um unsere Füße herum wischte. Eine Bilderbuchputzfrau mit strubbeligem Haar, um die vierzig und offensichtlich darin geübt, nicht zu stören, wenn die Großen sich unterhalten. Ich fühlte mich ein bißchen schäbig, dass ich die Frau zuvor nicht wahrgenommen hatte. Doch als Gabi sie fragte, ob sie nicht mal wieder zum Frisör gehen wolle, ganz ohne boshaften Unterton, eher neugierig, da richtete sich die Putzfrau keuchend auf und antwortete, dass sie dafür im vergangenen Jahr keine Zeit gefunden habe. Und dabei vermittelte sie nicht den Eindruck, besonders unglücklich zu sein. Erleichtert lehnten wir uns zurück. Die Putzfrau mit dem Duktus einer Putze wrang das Putztuch aus und das Wischwasser platschte in den Eimer.

Der Chef rief mich ins Büro. Filialleiter Hafner hatte ein steifes Fußballerbecken, mit dem er durch die Gänge schaukelte und die Sympathien seiner Mitarbeiter einheimste. Auch er zeigte sich von meinem Autorenpreis beeindruckt. So schwer, dass ich auf seinem Schreibtisch ein schmales Lyrikbändchen entdeckte. Während er mir meine zukünftigen Aufgaben als Mitarbeiter der Eisenwarenabteilung schilderte, schielte er immer wieder auf das dürre Büchlein, das so gar nicht zum nüchternen Ambiente seines Büros passen wollte. Es lag für meine Augen verkehrt herum, lediglich das Wort Lyrik konnte ich entziffern. Hafner verfolgte meinen Blick, meine Bemühungen, sagte aber weiter keinen Ton dazu, und ich hielt auch die Klappe. Als ich ein oder zwei Tage später das Büro aufsuchte, war das Gedichtbändchen weg, und es tauchte niemals wieder auf.

*

Einen Monat später war die Einarbeitungszeit vorüber. Allmählich wurden nicht nur die Kollegen sauer, weil ich immer noch ohne Kittel herumlief und für die Kunden nicht als Mitarbeiter zu identifizieren war. Auch der Chef wurde ruppiger, wenn die Sprache auf das Thema Kittel kam. Bis dahin war es ein Leichtes gewesen, mich aus dem Tagesgeschäft herauszuhalten und lästige Anfragen der versammelten Kreisheimwerkerschaft abzuwimmeln. Mittlerweile aber, so die Auffassung des Chefs, wüsste ich doch, in welcher Abteilung welche Ware zu finden sei, da könnte ich auch endlich den Obi-Kittel anziehen. Ich kam aus der Nummer nicht mehr raus. Ab sofort hieß es für mich, auch mit Kittel unsichtbar zu sein. Die Königsdisziplin des Verpissens stand unmittelbar bevor.

Eigentlich nichts leichter als das. Als Zweitgeborener in einem Feld von drei Geschwistern war ich mit dem Phänomen aufgewachsen, unsichtbar zu sein. Nicht weiter aufzufallen. Sandwichkind eben. Wenn ich etwas ausgefressen hatte, hiess es für mich nur normal und unauffällig bleiben, so kam niemand auf die Idee, ich wäre der Täter gewesen, der den Fischteich des Nachbarn mit zwei Flachmännern Doornkaat vergiftet hatte. Es war die perfekte Tarnung. Trick 17. Wie auf den Leib geschrieben. Tue so, als wäre alles wie immer, und dir wird nichts geschehen.

Die Königsdisziplin ging vom ersten Tag an schief. Weil ich Kittel trug, traten die Kunden ungeniert an mich heran: junger Mann, wo finde ich Fugendichtungen, wo Gardinenstangen, ich benötige vier Bewegungsmelder. Ich log bedauernd, tut mir leid, ich bin heute den ersten Tag hier, da wenden Sie sich besser an.. Oh, sagten da die Leute, natürlich, ist ja klar, Ihr erster Tag, da können Sie natürlich nicht Bescheid wissen, lassen Sie gut sein, dankeschön, junger Mann.

Der Chef kam schnell dahinter, was ich da abzog. Er wurde richtig böse. Sein Fußballerbecken baute sich auf.

“Hören Sie mit der Lügerei auf, das bringt doch nichts!”

Ab sofort nahm ich mir vor, stets bei der Wahrheit zu bleiben.

“Tut mir leid, der Herr, aber ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen, ich hab heute erst meinen vierundsechzigsten Tag hier..”

“Ach so! Der vierundsechzigste Tag erst! Nee, dann ist klar, junger Mann!!”

Hoffmann Chicago

Alles an Hoffmann Chicago war schief und verbaut. Er hatte krumme Beine, einen fiesen Buckel und keinen Hals. Es sah aus, als steckte der Schädel unmittelbar auf den Schultern, wie eine Papierlaterne, die im Begriff war Feuer zu fangen. Bluthochdruck, sagte der Doktor. Dicken Kopp, sagten die Leute.

Die Kinder im Ort fürchteten Hoffmann wegen der schiefen Nase und den vielen Narben, die das Leben in sein Gesicht gezogen hatte, und wegen der krummen Knochen, auf denen er durch den Ort dackelte. Andererseits hatte er stets eine Kleinigkeit für sie in der Tasche: ein Kaugummi, etwas Lakritze, bunte Drops.

Hoffmann Chicago war ein Einzelgänger, und Einzelgänger stellen immer auch eine Instanz dar. Wie die Menschen mit einem umgehen, der anders ist, das sagt viel über die Menschen aus, die einen kleinen Ort bewohnen. Und einen großen.

Irgendwann begann es, dass die Nachbarn ihm he, Chicago hinterher riefen, weil seine verschlagene Visage zunehmend an die grobkörnigen Gangsterfotos aus der Metropole am Lake Michigan erinnerte. Als hätte sich Al Capone ins Sauerland verirrt, den einheimischen Slang angenommen und wäre geblieben, aus Bequemlichkeit. Oder vielleicht auch weil die Geschäfte gut liefen. Aber nein, hier endete die Ähnlichkeit.

Bis zur Rente war Hoffmann in der örtlichen Leiterfabrik beschäftigt. Wenn um fünf Uhr Feierabend war, wechselte er einen Steinwurf weiter in die Bierhalle, eine für ihren maroden Zustand berüchtigte Lokalität, die nur von vier umstehenden stattlichen Pappeln aufrecht gehalten wurde.

Über dem WC der Bierhalle, einer drei Meter langen Blechrinne, war eine winzige Fensterscheibe, an der sich im Winter Eiskristalle bildeten, die Pissnelken. “Alle mal rüberkommen!” schallte es nicht selten vom Klo, wenn ein Stammgast ein seltenes Exemplar gesichtet hatte. “Sieht aus wie ein hohes Tier bei der Berufsfeuerwehr! Aber kein ganz hohes!”

Eine Damenklo gab es in der Bierhalle nicht, wozu auch, Damen wurden nicht geduldet. Bis auf die weizenblonde Ursel, die Bedienung, die stets am Wochenende kam und einen niedlichen, kleinen Zitronenbusen hatte. Weshalb sie von den Stammgästen auch liebevoll Zitrönchen gerufen wurde.

“Zitröönchen, noch ein Halbes!”

Die Bierhalle Winterberg war für ihre skurrilen Spielapparate bekannt. Besonders beliebt war die Grosse Willi, ein Williams-Kegelautomat aus den frühen 50ern, bei dem man neun weisse Kegel abräumen musste. Die fünf Meter lange Stretch-Ausführung gab es ausserhalb der USA nur im Vergnügungspark Tivoli in Kopenhagen und eben in der Bierhalle zu Winterberg. Da Hoffmann trotz knorpeliger Finger bemerkenswerte feinmechanische Fertigkeiten besaß, war er der Einzige, der den Kegelautomaten wieder flott kriegte, wenn sich die Fäden, an denen die Kegel hingen, wieder heillos ineinander verhaspelt hatten, neun Weibern gleich, die in wilden hysterischen Wellen aufeinander einquasselten. Das musste man erst mal wieder enthaspeln, und das brachte in ganz Winterberg nur Chicago Hoffmann.

“Hoffmann, machst du die Grosse Willi wieder flott?!” rief Zitrönchen oft am Wochenende, wenn der Laden brummte.

Die Bierhalle besaß eine legendäre Musikbox, eine Wurlitzer. Bei ihrer Anschaffung zu Beginn der 60er Jahre war sie mit den damals angesagten Hits bestückt worden, und dabei blieb es. Nicht eine Single wurde je ausgetauscht, und so liefen die alten Schinken bis sich der Staub auch in die letzte Rille der am seltensten gespielten Nummer gesetzt hatte und die Nadel nur noch übers Vinyl rutschte wie beim Eisstockschiessen.

Dreissig Jahre lang war die Box eine sichere Bank gewesen. Hatte Chicago 1964 Taste C3 gedrückt, erklang Sascha Distel, “Der Platz neben mir bleibt leer”, sein Lieblingslied, und hatte Chicago 1989 Taste C3 gedrückt, erklang immer noch “Der Platz neben mir bleibt leer”, wenn auch in der vollwattierten, superschnell ihrem Ende entgegenflitzenden Version.

“Wonderful”, schwärmte Hoffmann Chicago dennoch gern, er hatte sich mit den Jahren einen eher internationalen Lebensstil angeeignet und orderte mitunter ein Gläschen Gin Tonic.

Hoffmann Chicago hatte wenig Interesse an Damenbekanntschaften, er verbrachte die Abende lieber am Tresen mit befreundeten Saufnasen und verplauderte sein Leben. Erzählte gern die Schote, wie er gleich nach dem zweiten Weltkrieg, als die Engländer Besatzungsmacht waren, eine Wette gegen einen Tommy gewann, wie britische Soldaten genannt wurden.

“Zwei gebrochene Beine hab ich mir eingehandelt, aber das wars wert!” strahlte Hoffmann Chicago noch bei der einundfünfzigsten Schilderung der heroischen Tat.

In einer bitterkalten Winternacht 1949, nach dem zwanzigsten Bier und zehnten Korn, hatte er gewettet, von der weltbekannten Winterberger Skisprungschanze zu springen. Wetteinsatz: ein Kasten Export. Der Tommy nannte ihn erst einen Crazy Fool, dann einen Bastard und zuletzt einen Focking Bloody Bastard.

“I am Hoffman Chicago!” setzte Hoffmann dagegen und kletterte über den Zaun der Leiterfabrik, um sich heimlich die guten Skier seines Chefs auszuborgen. Er wusste haargenau, wo sie standen.

Weit nach Mitternacht war es und stockdunkel, als sie die Schanze erreichten. Schnell wurde sie provisorisch beleuchtet von aufgestellten Taschenlampen. Als Hoffmann Chicago Minuten später im funzligen Lichtschein die Spur runtersauste, verpasste er am Schanzentisch den richtigen Absprung, trudelte zwanzig, dreissig Meter durch die Luft bis er wie ein Stein zu Boden fiel. (Ein Stein, den später niemand mehrso richtig geworfen haben wollte.)

Mit dem ersten Tageslicht wurde er von einem britischen Militärhubschrauber ins Hospital nach Soest ausgeflogen. Die Beinbrüche waren so kompliziert, man prognostizierte ihm ein Leben im Rollstuhl, doch dazu kam es nicht. Schon bald saß er wieder am Tresen der Bierhalle und stank schlimmer nach Alkohol aus dem dicken roten Kopf als je zuvor, weil einen Hals, den gab es ja nicht.

1989 ging Hoffmann Chicago in Rente, ein Jahr darauf schloss die Leiterfabrik, zwei Jahre später fiel die Bierhalle in sich zusammen, in einer stürmischen Herbstnacht. Zehn Tage darauf fand man Hoffmann Chicago tot auf der Parkbank. Zitrönchen weinte sehr.

Seinen schiefen Zinken erklärte Hoffmann Chicago gerne mit einem bösen Streich, den ihm seine Kumpel gespielt hatten, in der schlechten Zeit, als die Leute ihren Kaffee noch selber mahlten. Damals, so Hoffmann, hatte man ihm ein Präservativ in die Kaffeemühle gespannt.

“Ich sitz da und bin am Drehen und am Drehen und das wird immer schwerer, bis ich irgendwann denke, Mensch, Chicago, was ist da los? Was sind das für widerborstige Bohnen? Bis ich die Kurbel nicht mehr halten kann und loslassen muss, da haut es mir den Schwengel voll vor den Zinken!”

Das stimmte natürlich hinten nicht und vorne nicht, selbst in der Mitte musste man Bedenken haben und Abstriche machen, aber das war nicht wichtig, Hoffmann Chicago war mittlerweile Kult geworden, besonders für die Jugendlichen vor Ort. Wenn der Mob freitagabends das Wochenende einläutete, zog man zunächst in die Bierhalle, mal gucken, was Chicago Hoffmann so treibt.

Wenn man reinkam, hockte er links am Tresen, ein Glas Export und eine Zigarre in Arbeit. Von seinem Urgrossvater hatte er die Familientradition übernommen, eine 42er Fehlfarbe WIRKLICH zu Ende zu rauchen. Dazu stopfte er den übriggebliebenen Stumpen in einen Mundaufsatz aus Pappe, aus dem der Rest komplett weggeraucht werden konnte, bis nicht mal ein allerletzter Kringel Rauch übrigblieb.

Obwohl, der bleibt ja eigentlich sowieso nie übrig.

*

Veilchendienstag

Rosenmontag schob ich Nachtdienst im Turm-Hotel. Morgens um Sieben kam die Ablösung und ich schlenderte durch die Innenstadt nach Hause. Schneeflocken fielen vom Himmel, als nähmen sie den Winter nicht mehr richtig ernst, als spielten sie nur Schneefall.

Frühmorgens Feierabend haben, wenn alle anderen zur Arbeit hasten, das hat was. Man schaltet einen Gang nach dem anderen zurück, bis man fast stehen bleibt vor Lockerheit. Eine kleine Entschädigung für die Schmach, jeden Abend Punkt 22 Uhr den Dienst anzutreten, wenn alle Welt am Tresen steht und feiert.

“Hey.. kannst du mir weiterhelfen?” Ein Mädel trat auf mich zu, in einem dunklen weiten Cape. Bißchen zu dünn für die Temperaturen. “Sag mal.. wie komm ich zum Busbahnhof?”

“Busbahnhof? Der ist doch oben am Neumarkt.”

“Am Neumarkt?”

“Ja klar, da vorn die Gasse hoch, dann links. Am Neumarkt fahren sämtliche Busse ab. Die meisten jedenfalls. Wohin musst du?”

“Na, nach Hause.”

Ich schätzte sie auf Anfang zwanzig. Bißchen schiefe Nase, übernächtigt, bleiche Haut vom Saufen und vielen Lachen. So stand sie vor mir, wie aus dem Nachspann von La Boum, die Fete, Teil 7.

“Wo bin ich hier überhaupt?”

“Fußgängerzone?” gab ich ebenso närrisch zurück.

“Ja schon. Aber in welcher Stadt..”

“Ist das dein Ernst?”

“Na ja klar ich.. weiß nicht..”

“Solingen. Du bist in Solingen.”

“Mannomann, Solingen. Ich dachte schon, das wär Monheim hier.” So überrascht, wie sie aus der Wäsche blickte, schien sie tatsächlich keinen Schimmer zu haben, in welcher Ecke des Rheinlands sie sich befand.  “Ich werd nicht mehr. In Solingen war ich noch nie.”

Rosenmontag sei sie mit den Mädels in der Kölner Südstadt gewesen, und später in Monheim versackt, dem Geheimtipp im Kneipenkarneval. Altweiber in Monheim, davon träumt jeder Jeck.

“Das letzte, woran ich mich erinnere.. da saß ich im Nachtbus, mit den ganzen Weibern. Keine Ahnung, wo die abgeblieben sind. Wir wollten eigentlich alle nach Hause.”

“Nach Hause?”

“Nach Leverkusen.”

Dafür, dass wir uns noch nie gesehen hatten, standen wir eng beieinander. Ich roch ihr Bier. Das letzte war vermutlich nicht lange her. Die Fußgängerzone war übersät mit Konfetti und Pappbechern, gelber Hundepisse im Pappschnee, leeren Sektpullen, Jägermeistersixpacks. Eine einzelne Schneeflocke segelte vom Himmel, wie ein dickes missratenes Insekt. Fallout, Man.

Sie sei eben erst in der Kneipe wach geworden, in irgendeiner Kneipe, mutterseelenallein auf der Eckbank.

“..mit einem fiesen Geschmack im Hals, wie Hund. Dann hat der Wirt Feierabend gerufen und mich vor die Tür gesetzt, der Doof. Gibt’s hier ne andere Kneipe, die offen ist? Ein kleines Bierchen bräuchte ich schon noch, bevor ich mich in den Bus setze.”

“Der Kotten. Oben am Busbahnhof, wo die Linie nach Köln abfährt. Der Kotten hat immer auf. Der Kotten weiss gar nicht, wie das geht, nicht auf zu haben.”

“Fährt der auch über Leverkusen?”

“Der Kotten?”

“Der Bus.”

“Ja, sicher. Nach Köln – über Leverkusen.”

Dann standen wir da, und schwiegen. Nicht lange, einen Augenblick nur, in dem sich entschied, wie es weitergehen sollte mit uns. Ging ich auf ein Bier mit in den Kotten? Nahm ich sie mit nach Hause? Und was, wenn sie nach dem Bumsen in meinem Bett einschlief und ich sie so schnell nicht loswerden würde? Es arbeitete in mir wie in einer Rechenanstalt. Ich wartete auf das Ergebnis. Addieren, subtrahieren, die ganzen Vorgänge. In ihrem Gesicht war weniger los. Sie gähnte verbeult.

“Na, dank dir schön”, meinte sie und wankte die Gasse runter, in die komplett falsche Richtung.

Weihnachtsfeier

Die Weihnachtsfeier fiel flach, keiner hatte Lust auf einen Abend beim Italiener oder Griechen, stattdessen gingen wir mittags eine Runde Kegeln. Wir, das waren die sechs Mitarbeiter unseres kleinen ambitionierten Design-Instituts, drei Männer und drei Frauen.

Als wir die Bahn betraten, im Keller eines jugoslawischen Restaurants an der Stadtgrenze zu Haan, fühlte ich mich einen Moment, als wäre die Zeit stehen geblieben. Die gleichen schlammfarbenen Schiebetüren, der gleiche Nippes und Klimbim in den blinden Vitrinen wie auf der Kegelbahn im Vereinsheim des RSV, wo ich in den 70er Jahren Fußball gespielt hatte.

“Was darf ich zu trinken bringen?”

Der dicke Wirt, gleichzeitig auch Koch der Spelunke, ein bißchen schmuddelig, ein bißchen unhöflich, “mir sind Stammgäste lieber”, sprach sein abweisender Blick, trocknete seine Hände an der Schürze ab. Während die Kollegen schon bestellten, keiner trank Alkohol, schwankte ich noch zwischen Cola und einem Kaffee. Prinzipiell tendierte ich zum Kaffee, erinnerte mich aber dunkel an die vorgekochte Filterbrühe, die im Vereinslokal des RSV aus versteckten Thermoskannen ausgeschenkt wurde, im Bedarfsfall. Sicherheitshalber erkundigte ich mich also beim Wirt, welchen Kaffee er ausschenke, deutschen oder auch italienischen.

Der Stift in seiner Hand zappelte unwirsch hin und her, wie ein Kasperle.

“Ich hab Capuccino da, ich hab Latte Macchiato da..”, er schnappte nach Luft, “ich hab Cafe Latte, ich hab Espresso, ich hab..”

Das wollte ich alles gar nicht alles wissen. Ich hatte bloß Schiss vor deutschem Filterkaffee.

“Na schön, ich nehm italienischen Kaffee”, sagte ich, “aber ohne so cremigen Schaum obendrauf.”

“Ohne cremigen Schaum?”

Nicht nur der Wirt schien verblüfft, auch unser Geschäftsführer, ein sportlicher, eher verbindlicher Typ, der keinen Zwist mochte, mischte sich ein.

“Italienischer Kaffee hat doch immer Schaum obenauf.”

“Aber nicht bei uns zuhause”, sagte ich. “Wenn ich Espresso koche, dann pechschwarz. Ohne Cremehütchen. Den muss man zur Not auch rauchen können. Das muss mehr eine Zigarre sein, der Espresso.”

“Espresso, gut.”  Der Wirt war wieder im Spiel. “Ich kann Ihnen einen Espresso bringen, und wenn Sie mögen,” sein Mund spöttelte ein wenig, “auch einen zweifachen, einen dreifachen.. Und nach dem Essen eine schöne Zigarre.”

“Schön”, sagte ich. “Aber ohne Schaum.”

“Wie ohne Schaum!?”

Das Gesicht des Geschäftsführers, er saß mir schräg gegenüber, verzog sich gefährlich, und damit ich nicht wie ein Angeber dastand, der nur Blödsinn verzapfte, ging ich ins Detail.

“Also, wir kochen unseren Espresso in silbernen Edelstahl-Kännchen, die man einfach auf die Herdplatte stellt. Sie wissen schon, der Design-Klassiker aus Italien.”

“Ach so”, meinte der Geschäftsführer besänftigt, “von Bialetti, in der eckigen facettenreichen Linie..”

“Genau. Moka.”

“Aber haben die nicht auch Schaum obenauf, wenn der Espresso darin aufkocht?”

“Nee, eben nicht”, antwortete ich genervt. Ich wollte eigentlich nur keinen Filterkaffee trinken, das konnte doch nicht so schwer sein. Der Wirt stand immer noch am Tisch, mit Stift und Block in der Hand, bis unser Maschinenbauer, ein hellwacher Kollege mit ordentlicher Plauze, der zum 31. 12. gekündigt hatte, die Situation klärte.

“Wissen Sie was? Bringen Sie dem Mann hier den Kaffee so, wie er ihn zuhause trinkt!” klopfte er mir auf die Schulter.

“Danke”, sagte ich erschöpft.

Ich bekam einen dreifachen Espresso, und der schmeckte sogar richtig gut.

Dann wurde gekegelt. Wir spielten Fuchsjagd, wir spielten Tag & Nacht, dann In die Vollen und zum Abschluß Abräumen. Dunja, unsere junge diplomierte Designerin, eine große und sehr schlanke Person, die ein Projekt für einen großen deutschen Waschmittelhersteller abgeschlossen und dem Institut ordentlich Geld in die Kassen gespült hatte, rief jedes Mal fröhlich KACKSTUHL!, wenn jemand fünf Kegel umwarf und das Bild, das auf der Anzeigetafel aufleuchtete, einem Klositz ähnelte.

Maggy, unsere Praktikantin, eine eher unscheinbare Person, fiel auch beim Kegeln nicht weiter auf. Sie war halt anwesend. Sie war da. Als der Wirt die nächste Runde Getränke brachte und die Essensbestellung aufnahm, entschied sie sich für ein Schnitzel Jutta. Ihre Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau endete zum 31. Dezember. Das Schnitzel Jutta war mit Ananas.

Ich saß zwischen unserem hellwachen Maschinenbauer, einem Diplom-Ingenieur, und der Lurz, der Sekretärin, die zum 2. Januar eine neue Stelle antrat. Da sie nicht nur eine große Klappe hatte, sondern auch eine chronische Entzündung der Sehnen, kegelte sie aus beiden Händen. Sie nahm Anlauf und ließ die Kugel einfach auf den Boden plumpsen. Sie hoffte, das sie schon irgendwie ins Rollen kam. Es sah ein bißchen so aus, als würde sie im Stehen gebären. Das klappte ganz gut, es polterte ordentlich, und die Kugel lief gemütlich übers Holz.

Genau wie ich hatte der Geschäftsführer die Turnschuhe vergessen, aber im Gegensatz zu mir lief er nun nicht die ganze Zeit auf Strümpfen herum, (das Kegeln in Straßenschuhen war streng untersagt), sondern schlüpfte jedes Mal aus seinen edlen Lederslippern, wenn er an der Reihe war. Dann nahm er auf Strümpfen Anlauf wie ein Volleyballer für einen Schmetterball, stoppte kurz vor der Bahn ab und setzte die Kugel schwungvoll in die Gosse. Auf diese Weise brachte er es auf sage und schreibe acht Pudel hintereinander. Er lernte einfach nicht hinzu, bekam aber rote Bäckchen und gewann somit wieder ein wenig Mitgefühl.

“Und kess sieht’s auch aus!” rief die Lurz schadenfroh.

Der Maschinenbauer, links neben mir, war eine halbe Stunde vor den anderen Kollegen gekommen, um sich einzuwerfen. Trotz seines stattlichen Bauches war er gelenkig und ehrgeizig, der typische deutsche Amateur-Meister. Er wollte stets gewinnen. Dagegen war nichts einzuwenden, das ging in Ordnung. Und was mich betraf, Bibliothekar des Design-Instituts, so endete mein dritter Jahresvertrag nacheinander zum 30. Januar. Wir waren ein Team auf Abruf. Eigentlich gingen fast alle, oder mussten gehen, bis auf den Geschäftsführer und Dunja, die hochgewachsene Designerin.

“HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!” feuerte sie mich an, als ich das Abräumen mit dem letzten Wurf für mich entscheiden konnte. Sie wollte mich damit nervös machen, damit ich einen Pudel landete, was im Kollegenkreis so gut ankam, dass sich spontan ein Betriebs-Chor bildete.

“HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!” donnerte es über die gut isolierte Holzbahn, “HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN! HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!”, und als der schmuddelige dicke Wirt das Essen hereinbrachte und mitbekam, wer mit Loser gemeint war, schlug sein Stift im Takt gegen die Tischkante.

Selbst ich sang eine Strophe mit und warf eine verdammte 4, worauf ich das Abräumen tatsächlich auf den letzten Drücker noch verlor, was aber niemand mitkriegte, da nun die Speisen aufgetragen wurden. Ich war nicht sonderlich hungrig und begnügte mich mit einer hausgemachten Gulaschsuppe. Glücklicherweise, da hausgemacht in diesem speziellen Spelunken-Fall bedeutete, dass die Gulaschsuppe aus der hauseigenen Chemiekanone stammte. Das Fleisch schmeckte verdächtig nach Brom, und ich legte bald den Löffel nieder.

Die Kollegen hatten mehr Pech. Vor ihnen standen stattliche Portionen auf dem Tisch, die abgearbeitet werden wollten, Schnitzel Jutta und Entenbrust und sonst noch allerhand, doch während der gesamten Mahlzeit vernahm ich kein einziges mmiam, nicht mal ein leise bekräftigendes “lecker..”  oder wenigstens ein Grunzen, nichts. Selbst Sekretärin Lurz, die den Jugo an der Stadtgrenze zu Haan immerhin empfohlen hatte, (Motiv: die sagenhaft leckeren selbstgemachten Kroketten, meisterlich geradezu), schob ihren Teller schweigend von sich weg, bis er fast über den Tischrand gerutscht wäre.

“Vielleicht ist das so.. mild gewürzt, damit man sich nicht aufregt beim Essen”, vermutete der Geschäftsführer jovial.

Dunja, die lustlos in ihrem vegetarischen Lady-Teller mit verschiedenen Gemüsen herumstocherte, hatte als Erste die Nase voll.

“Also, was das hier Schönes sein soll..”, sagte sie und hob mit der Gabel ein undefinierbares lappiges Etwas in die Höhe, “..weiß ich beim besten Willen nicht. Und der Spinat hier..”, sie zog die Augenbraue hoch, “..ist aufgewärmt und viel zu bitter.” Einzig die Erbsen und Möhrchen fanden ihre Gnade, “aber die sind aus der Dose. Da kann man ja nichts falsch machen.”

Dunja war es auch, die mir gegen Ende der Veranstaltung einen Bierdeckel herüber schob, damit ich den Spruch des Tages in meine nächste Story einarbeiten konnte.

“Herr Glumm”, stand da in Schönschrift, “soll der Looser sein.”

 

 

“Loser mit zwei o?” fragte ich mit raschem Blick auf den Bierdeckel, eher nebenbei, doch sofort blökte mir die Lurz ins Ohr: “Na, das schreibt man ja auch mit zwei o! Das stimmt ja auch!”

“Quatsch. Loser schreibt man mit einem o. Nicht mit zwei.”

Die Sekretärin war sofort auf 180. Ganz abgesehen vom Frust über den Fraß in dieser Schmierbude,  die sie empfohlen hatte, war  sie immer schnell auf 180, das war ihre Art. Ich mochte sie trotzdem. Sie war geradeaus, damit konnte ich umgehen.

“DU willst MIR erzählen”, rief sie aufgebracht und eine Erbse rollte ihr aus dem Hals, “wie man Loser schreibt?!”

Sie spielte damit auf ihre Jugend im englischsprachigen Nigeria an, wohin es ihren Vater berufsbedingt verschlagen hatte, damals in den späten 70ern. Seither fühlte sie sich als Native Speaker, der man besser nichts auf englisch erzählte. Dummerweise wußte ich aber nun mal, wie man Loser schreibt. Was sollte ich machen. Ich konnte ja schlecht so tun, als ob ich das nicht gewusst hätte.

“Es gibt zwar ein to loose mit doppel o, da hast du recht, aber das bedeutet etwas anderes als to lose mit einem o”, erwiderte ich scharf.

“Nämlich??”

“Weiß nicht. Komm ich jetzt nicht drauf.”

“Quatsch!” Die Lurz speite Gift, sie schlug um sich. “Looser schreibt man so, wie es hier auf dem Bierdeckel steht! Mit doppel o!! Wie Dunja es geschrieben hat!”

Dunja war sich da nicht so sicher.

“Ich hab das zwar mit zwei o geschrieben, aber irgendwie guckt es mich komisch an.. mit doppel o. Also, ich weiß nicht genau. Könnte beides stimmen. Mit einem o, mit zwei o’s..”

Die Praktikantin, von der plötzlichen Vehemenz der Auseinandersetzung aufgeschreckt, stand auf, lief herum, setzte sich wieder. Sie war ganz blass geworden, und zerzaust.

“Ich glaube, to lose schreibt man mit einem o, aber Looser mit doppel o. Oder..? Ich weiß nicht, glaub ich..”

Der Geschäftsführer hielt sich aus dem Disput ganz heraus. Auch der Maschinenbauer, links neben mir, hatte keine Meinung, rief aber: “HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN, EGAL OB MIT EINEM ODER ZWEI O!”, verbunden mit einem kollegialen Klaps auf meine Schulter. In den drei Jahren unserer Zusammenarbeit hatten wir eine Menge Zigaretten geraucht, im Hof vor der Bibliothek. Nun forderte er die Lurz und mich auf, die Sache im Ring zu klären, mit einer Runde Schlammcatchen, “oben ohne!” Das ließ die Sekretärin wieder aufmüpfig werden.

“Loser mit einem o, so ein Blödsinn! Kannst du ja im Internet nachgucken! Ich bin mir hundertpro sicher!”

“Man sollte sich niemals zu sicher sein!” entgegnete ich mit einer Entschiedenheit, die mich selbst einen Moment unsicher werden ließ, wie gewisse Dinge geschrieben werden.

“Mir reichts! Ich kriege das jetzt raus!” rief Dunja.

Sie schnappte sich ihr Handy und stapfte die Treppe hoch in den Gastraum, weil der Handy-Empfang unten auf der Kegelbahn gestört war. Sie wollte die Sache klären. Im Internet. Nach to lose googeln. Als sie keine Minute später zurückkehrte, wurde sie mit Tischgeklopfe und ansteigendem Kegelbahngeschnatter empfangen.

“TA! TA!” sagte sie und bildete mit Mittelfinger und Daumen ein o. “Loser schreibt man definitiv mit einem o. Herr Glumm hat recht.”

“Sag ich doch”, sagte ich.

“Glaub ich trotzdem nicht”, meinte die Lurz beleidigt. Sie war es auch gewesen, die im Institut die gleichzeitige Anrede DU und HERR GLUMM eingeführt hatte, eine schöne Sache, die lange Zeit Bestand gehabt hatte. Mit anderen Worten: Ich suchte keinen Streit mit ihr. Ich bin auch nicht sonderlich rechthaberisch. Ich bin überhaupt kein extremer Typ, im Gegenteil, ich trete oft auf wie Monsieur Moderat persönlich. Aber innendrin bin ich ein stillgelegter Hochofen. Ausserdem, hier ging es darum, wie man Luser schreibt, da durfte es keinerlei Unklarheit geben.

Sonst ist man verloren.